1973 | »Großkampf der Widersachermächte« und »Stoßkraft des Geistes«

Albrecht Dürer, Hieronymus im Gehäuse, 1514

Lesen als Zugang zur Offenbarung: Der Kirchenvater Hieronymus übersetzt das Alte Testament ins Lateinische.

Will man erfahren, was die anthroposophische Gesellschaft und Bewegung in einem bestimmten Zeitraum beschäftigt, bieten sich die Mitgliederversammlungen an, die mindestens einmal im Jahr in der Regel zur Osterzeit stattfinden, und es dem neugierigen Auge des Historikers erlauben, durch die Berichte und aufgeworfenen Fragestellungen teilweise intimen Einblick in den Mikrokosmos dieser Weltanschauungsgemeinschaft, ihre Stimmungslage und ihr Selbstverständnis zu gewinnen.

Nach den gewiss für viele betrüblichen Erfahrungen des vergangenen Jahres müssen die Teilnehmer der Generalversammlung am 19. und 21. April 1973 es als Wohltat empfunden haben, dass sie von Anträgen und Anliegen jedweder Art verschont blieben und die in epischer Breite vorgetragenen Lage- und Tätigkeitsberichte aus verschiedenen Ländern und aus der Arbeit der Sektionen der Freien Hochschule wohlwollend zur Kenntnis nehmen durften.

Die Berichte waren jedoch nie nur Berichte, sondern immer auch Interpretationen. Die Lage der Welt war die Lage der anthroposophischen Bewegung in der Welt aus der Sicht ihres Anliegens: und dieses Anliegen war, trotz der Rückschläge, die die Gesellschaft in ihrem Inneren erlitten hatte, ihre Mission. Das Bewusstsein, von einer gemeinsamen Mission getragen zu sein und im Dienste dieser Mission zu stehen, bestimmte den Blick in die Welt, der oft genug ein Blick in die Welt hinaus war: nicht selten war daher von der »Außenwelt« die Rede, die, obgleich man ihr die Segnungen des anthroposophischen Geistesgutes zuteil werden lassen wollte, sich diesen Segnungen ablehnend bis feindselig entgegenstellte, was nach Erklärungen verlangte.

Daher lesen sich die genannten Berichte, vor allem jene aus den verschiedenen Landesgesellschaften immer auch wie Missionsberichte, die von Exkursionen in eine feindselige Welt erzählen, und diese Erzählungen waren in der Regel mit Bekundungen der Überzeugung und Zuversicht verbunden, auf dem rechten Weg zu sein. Diese Bekundungen waren keineswegs grundlos, ließ sich doch nicht leugnen, dass besonders die sogenannten Tochterbewegungen (Medizin, Waldorfpädagogik, Heilpädagogik) sich eines wachsenden Zuspruchs und nachweisbarer Erfolge erfreuten, auch wenn dem Zuspruch dankbarer Interessenten häufig genug die Ablehnung seitens etablierter Mächte, vor allem in der Verwaltung, aber auch von Berufs- und Expertenkollektiven gegenüberstand. Daher wurde das Wirken in der Welt notgedrungen durch die widersprüchliche Erfahrung der Zustimmung und gleichzeitigen Ablehnung bestimmt und die Reflexion über diese widersprüchliche Erfahrung musste zu entsprechend widersprüchlichen Deutungen führen.

So konnte etwa der Vorsitzende der Gesellschaft (Rudolf Grosse) von einem Gespräch berichten, das er mit jemandem geführt hatte, der »im öffentlichen Leben« stand, der von seinem Eindruck erzählt habe, die Anthroposophische Gesellschaft sei »unübersehbar groß« (gemeint war »unüberschaubar«). Große führte diesen Eindruck auf die »Stoßkraft des Geistigen« zurück, die hinter jedem einzelnen Anthroposophen stehe und zog das Fazit: »Es ist nicht am Platz, irgendwie sich klein zu fühlen oder eine Empfindung zu haben: wir als kleine Gesellschaft müssen eigentlich gegenüber dem, was heute anstürmt an uns, resignieren«.

Rita Leroi (1913-1988) dagegen, die Gründerin der 1963 eröffneten Arlesheimer Lukas-Klinik und Leiterin des Hiscia-Instituts, die für die Ärzteschaft sprach, kommentierte die Weigerung der Schweizerischen Interkantonalen Kontrollstelle für Heilmittel, das Krebsheilmittel Iscador neu zu registrieren, mit den Worten: »Der Kampf um das Iscador ist nur ein Teilstück des Großkampfes, den die Widersachermächte gegen wirkliche Heilerbemühungen auf der ganzen Welt führen«. Und so war man einerseits getragen vom Bewusstsein der Größe der »geistigen Stoßkraft«, andererseits sah man sich einem übermächtigen Gegner gegenüber, von dem man mit Paulus sagen konnte: »Was uns obliegt, ist nicht ein Kampf gegen irdische Mächte, sondern gegen Geistwesen, mächtig im Zeitenstrom (archai), gewaltig in der Erdenstoffgestaltung (exousiai), gegen die weltbeherrschenden Mächte der Finsternis (kosmokratoroi)« (Eph. 6, 12).

Man darf allerdings nicht Außeracht lassen, dass sich in dieser Sicht auf die Welt und das Zeitgeschehen auch die gesellschaftlichen Antagonismen und das martialische politische Vokabular der Jahre nach 1968 widerspiegeln, die vom »Kampf« der »außerparlamentarischen Opposition« (APO) gegen die Notstandsgesetzgebung, gegen das »System des Kapitalismus und Imperialismus« und nicht zuletzt den spektakulären Aktionen der RAF in Deutschland geprägt waren, die weltweit Aufsehen erregten. Im Mai 1970 war Andreas Bader gewaltsam aus der Haft befreit worden und 1972 fanden während der sogenannten Mai-Offensive fünf Sprengstoffanschläge der RAF auf »militärische« und »zivile« Ziele statt, bei welchen vier Menschen getötet und über siebzig verletzt wurden. Neue soziale Bewegungen wie die Umweltschutzbewegung oder die Friedensbewegung hatten die APO und ihre Fundamentalopposition gegen die bestehende Gesellschaft nach 1969 beerbt und teilweise sogar erweitert. Und diese Bewegungen, die nach einer radikalen Erneuerung oder einem grundlegenden Umbau der westlichen Gesellschaften strebten, sahen sich im Kampf gegen die Archonten des Zeitalters.

Von jener »Stoßkraft des Geistigen«, auf die Grosse vertraute, kündeten die Erfolgsgeschichten und erfolgreichen Initiativen: die Alanus Kunsthochschule in Alfter (die 2002 staatlich anerkannt werden sollte) begann 1973 auf dem Johannishof in notdürftig hergerichteten Räumen mit ihrem Unterrichtsbetrieb, in Dornach wurde ein Heilpädagogisches Seminar eröffnet, in Stuttgart ein anthroposophisches Studienseminar unter Frank Teichmann (1937-2006), in Karlsruhe die erste Filiale des Drogeriemarktes DM, während das Eurythmeum in Stuttgart auf sein 50jähriges Bestehen zurückblickte und sich die Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft ebenfalls zum 50. Mal jährte. Auch aus den skandinavischen Ländern und den Niederlanden gab es Ähnliches zu berichten.

Auf ein trauriges Ereignis wies Grosse in seiner Eröffnungsansprache hin: 10 Tage vor dem Beginn der Veranstaltung, am 9. April, war Margarethe Kirchner-Bockholt verstorben, die seit 1966 der Leitung der Gesellschaft angehört hatte. Ihr verdankte der Vorstand, wie Grosse sagte, »ein wesentlich geändertes Bild über das Geschick der Gesellschaft«, weil sie ihm Einblicke in den Nachlass Ita Wegmans gewährt hatte, in dem sich »persönliche Mitteilungen« Steiners an sie befanden. Diese für die Mitgliedschaft vermutlich rätselhafte Andeutung sollte erst 1976 durchschaubar werden, als Kirchner-Bockholts Buch über die »Menschheitsaufgabe Rudolf Steiners und Ita Wegman« erschien, auf das später einzugehen sein wird.

Aber der stets betrüblichen Emigration in die »geistige Welt« stand die Immigration von Lebenden in die Anthroposophische Gesellschaft gegenüber: sie hatte im Berichtsjahr rund 1.100 neue Mitglieder zu verzeichnen, von denen fast ein Drittel (400) in die deutsche Landesgesellschaft, die größte regionale Gesellschaft eingetreten waren. Man darf also ohne Unbescheidenheit auch die Anthroposophische Bewegung zu den neuen sozialen Bewegungen zählen.

Grosse wies in seiner Ansprache auf die notorische Überbeanspruchung der aktiven Mitglieder der Gesellschaft hin, die oft mehrere Arbeitsfelder zu »beackern« hätten und auf die Notwendigkeit, die Zahl dieser Mitstreiter für die Sache in der »Öffentlichkeit« zu vermehren. Der klassische Ort, an dem die Anthroposophie als Ideengut Wurzeln schlagen konnte, war nach wie vor der »Zweig«, die lokale Arbeitsgruppe, und hier stellte sich die Frage: »Sind Freunde da, die das so können, dass der Zweigabend von Mal zu Mal stärker besucht wird?«

Im Kontext dieser Frage kam Grosse auf die »faszinierende Anziehungskraft der Tochterbewegungen« zu sprechen, deren Aufgabe darin bestehe, die Praxis der Anthroposophie in die Welt zu bringen. Wer in eine solche Tochterbewegung hineingekommen sei, komme jedoch »oft nicht mehr heraus«. Die Abwanderung fähiger Mitarbeiter aus der Arbeit an der »reinen Anthroposophie«, also der Anthroposophie als Ideengut in der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und ihren institutionären Formen in diese Tochterbewegungen war schon damals ein Problem, ein Problem, das bis heute nicht gelöst ist. Und dies, obwohl, wie Große betonte, mancherorts die Größe der Säle nicht ausreiche, um die Besucher zu fassen, die in die Anthroposophie eingeführt werden wollten. In diesem Zusammenhang sprach er, wie bereits erwähnt, vom Eindruck, die Gesellschaft sei viel »größer«, als sie es in Wahrheit sei. »Wenn also jemand über Anthroposophie spricht, stellen wir fest, dass hinter ihm spürbar ist eine Kraft und ein Impuls, der im Publikum eine merkwürdige Überzeugung hervorruft, nämlich die Überzeugung, die Anthroposophische Gesellschaft ist unübersehbar groß. Was ist das für eine mächtige Gesellschaft, die solche Darstellungen hinstellen kann über das Geistige? Und es entsteht jenes Bild, das fürs Physische einfach nicht zutrifft, aber für das Geistige eine Realität bedeutet«. Dieser Eindruck liege in der »Stoßkraft des Geistigen« begründet und diese Stoßkraft könne jedem, der »für die Anthroposophie mit aller Energie« eintrete, »das Rückgrat« verschaffen, das er benötige.

Der Notwendigkeit, die Anthroposophie »in die Welt hinauszutragen« stehe aber die Notwendigkeit ihrer Vertiefung gegenüber und dies sei die Aufgabe der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Worin bestand aus Grosses Sicht diese Vertiefung? Sie bestand darin, die Teilnehmer der Jahrestagungen am Goetheanum »auf besondere Inhalte der Anthroposophie« »aufmerksam zu machen«, »über die man da und dort in der Fülle des Studienmaterials« hinweglese.

Mit einer gewissen Bangigkeit blickte der inzwischen 67jährige auf den Zustrom der jungen Generation, auf die er doch gleichzeitig so inständig hoffte. Über die internationale Jugendtagung im Sommer 1972 bemerkte er, sie sei mit einem »gewissen Angstgefühl« erwartet worden. »Wir fragten uns: Welche Lawine kommt da auf uns zu? Und wie wird man damit fertig?« Aber trotz »allerlei Kostümierungen der Individualität« habe die Jugend angenehm überrascht: »so eine Ordnungskraft, so eine innere Gesittetheit, ein Empfinden, was dem Goetheanum notwendig ist in der Begegnung, haben wir nie erwartet gehabt«. Welche Fragen brachte die junge Generation aus Grosses Sicht dem Goetheanum bzw. der Anthroposophie entgegen? Die Frage nach dem eigenen Schicksal und dem Schulungsweg.

Grosse sah sich genötigt, in bezug auf beide Fragen Demarkationslinien zu ziehen, denn oft sei das Bedürfnis, das eigene Schicksal »zu erleben und zu verstehen« mit einer »übergroßen Erwartung« verbunden, während die Frage nach dem Schulungsweg mit »Vorstellungen und Bildern« vermischt werde, »die mit Anthroposophie gar nichts zu tun« hätten, sondern »aus anderen Bewegungen« in sie hineingebracht würden. Demgegenüber müsse betont werden, dass die geistige Schulung eine einsame Angelegenheit sei und mit dem Studium beginne, von dem es keinerlei »Dispens« gebe. Dieses Studium, das »echte Studium«, bestehe nicht etwa bloß im Lesen von Texten (man erinnere sich an die Bemerkung, die »Vertiefung« der Anthroposophie bestehe darin, »auf besondere Inhalte der Anthroposophie« »aufmerksam zu machen«, »über die man da und dort in der Fülle des Studienmaterials« hinweglese), sondern in einer besonderen »Andacht« beim »Studieren der übersinnlichen Mitteilungen«.

»Die geistigen Wege«, so Grosse, »sind nicht Wege, die in Gemeinschaft und Verbrüderung gegangen werden können, sondern die wirklich das einsame Gehen auf Geisteswegen fordern«, sie seien keine »Massenangelegenheit«. »Man sieht ja dann an denen, die es tun, unbemerkt den Ausdruck einer solchen Schulung. Je mehr man’s tut, um so mehr schweigt man darüber. Aber zur rechten Zeit muss es dargeboten werden«.

In diesem Sinne werde auch die eigentliche Hochschularbeit – die Arbeit der sogenannten Ersten Klasse der Hochschule – betrieben. Damit wandte sich Grosse dem Kern der Existenz des Goetheanum und der Anthroposophischen Gesellschaft, der »Forschung auf geistigem Felde« zu. Was er über die Zusammenkünfte der Mitglieder dieser Hochschule sagte, war erstaunlich inhaltsleer: »Wir sind immer wieder … beeindruckt gewesen, dass dasjenige, was sich eingestellt hat, ein Ergebnis war, das durch die Sache selber als Gesinnung im Arbeiten sich entwickelte. … Und wir mussten nachher immer wieder auf so etwas zurückkommen: was ist das gewesen, was da war, wenn Menschen sich einer solchen Aufgabe zur Verfügung stellen und sie suchen?«

In der Tat hätte man über »das, was da war«, gerne mehr erfahren, ging es doch um die Präsenz des Geistes, um dessentwillen die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft existierte. Dafür hatte der Vorsitzende um so mehr über die Bedingungen der Aufnahme in die Hochschule zu sagen. Hierbei berief er sich auf Rudolf Steiner, der die Aufnahmesuchenden gefragt habe, ob sie »gewohnt« seien, »zu meditieren« und ob sie »dem Goetheanum die Treue halten« würden. Was bedeutete diese »Treue« konkret? Das Gesuch um die Aufnahme in die Hochschule, so Grosse, sei eine »Willensbekundung«, die Bekundung des Willens nämlich, »die Anthroposophie nicht nur privat« aufzunehmen, sondern »in den Verantwortungs- und Verpflichtungskreis« derjenigen einzutreten, »die repräsentieren wollen alles, was anthroposophische Sache ist«. Damit war der Kreis geschlossen, der mit der andächtigen Aufnahme der Anthroposophie begann und mit der verantwortungsvollen Repräsentation des andächtig Aufgenommenen endete.

Aber Grosse hatte noch mehr über die Treue zu sagen. Man sollte seine Äußerungen vor dem Hintergrund der Konflikte der vergangenen Jahre lesen. Wer einmal die Willenserklärung abgegeben hatte, zu den Geistesschülern im engeren Sinn zu gehören, trat nach Grosses Auffassung nicht nur in einen »Verantwortungs- und Verpflichtungskreis« ein, sondern beschritt einen Weg, den nur der Mensch selbst, der sich entschlossen hatte, ihn zu gehen, »ungültig machen konnte«. »Nur er selber, nur der Mensch selber kann sich verraten oder kann sich nicht ernst nehmen. Dann ist aber etwas wie ein Knick geschehen in der geistigen Konstitution eines Menschen«. Nicht aber die Verräter ihrer selbst, sondern jene, die durchhielten mit ihrem Willen zur Repräsentation »der anthroposophischen Sache«, bildeten das »Fundament des Gesellschaftsbaus«. Wer in die Hochschule eintrete, trete in die »Michaelschule« ein und der Austritt aus dieser Schule oder die Untreue gegen das Goetheanum kam – so muss man folgern – einem doppelten Verrat gleich: einem Selbstverrat und einem Verrat des »Trägers der Michaelschule«, also Rudolf Steiners bzw. des Erzengels höchstpersönlich.

An wen dachte Grosse bei diesen Äußerungen? Und wen meinte er mit den »Verächtern« der anthroposophischen Sache, von denen er im Folgenden orakelhaft sprach, als er auf zwei Verfehlungen einging, die sich in die Anthroposophische Gesellschaft »eingeschlichen« hätten? Man spreche nämlich, so Grosse weiter, in der Gesellschaft »da und dort von der anthroposophischen Kirche« und sage – wohl von den Mitgliedern der Klasse, die regelmäßig die »Klassenstunden« besuchten – »die Menschen, die haben jetzt ihren Kirchgang«. Man muss dazu wissen, dass die sogenannte »Hochschularbeit« – also der Kern der anthroposophischen »Arbeit« – jahrzehntelang darin bestand, die damals noch unveröffentlichten Klassenstunden, die Steiner 1923 gehalten hatte, von handverlesenen »Lektoren« rituell und kommentarlos vorlesen zu lassen. Auf diese ritualisierte Form der »geistigen Arbeit« war offenbar die von Grosse gebrandmarkte Kritik gemünzt.

Es fällt nicht schwer, zu erkennen, dass die Kritiker, die Grosse hier zurechtwies, dem Umkreis Herbert Witzenmanns angehörten, der eine grundlegend andere Auffassung von »Hochschularbeit« vertrat. Diese Kritik, so Grosse, müsse er »mit aller Energie ablehnen«. Mit welcher Begründung? »Das gehört sich nicht und ist ein Ausdruck eines Verächtlich-Machens. Denn wer in eine Stunde, wo innere Haltung notwendig ist, hingeht, der soll so hingehen, dass sein Weg dahin schon diese innere Haltung hat. Dann kann man natürlich nicht so ein Wort sagen«. Die zweite Verfehlung, die Grosse benannte, bestand darin, dass man neuerdings von den »Konsumenten der Anthroposophie« spreche. Auch diese Kritik spiegelt Haltungen wieder, die im Umkreis Witzenmanns vertreten wurden. In dieser Kritik sah Grosse eine »Entwürdigung«: »Welch eine Entwürdigung, wenn jemand aufnimmt das Anthroposophische, vom Konsumenten zu sprechen«.

Wie man sieht, ging Grosse mit keinem Wort inhaltlich auf die von ihm angedeutete Kritik ein, sondern wies sie lediglich durch einen moralischen Appell zurück (Ungehörigkeit, Verächtlichmachen, Entwürdigung). Tatsächlich ging er damit über ein tiefgründiges systematisches Problem der anthroposophischen »Arbeit«, die Dialektik von Rezeptivität und Produktivität, von Offenbarung und authentischer Erkenntnis hinweg und vergab die Chance, dieses zentrale Problem vorbehaltlos ins Auge zu fassen. Daran änderten auch seine abschließenden Bemerkungen über das »Studium der Anthroposophie« nichts, im Gegenteil, sie verstärken noch den Eindruck, dass dieses Studium für Grosse in der Hauptsache rezeptiver Natur war. Denn er stellte fest, für dieses Studium benötige man »die anthroposophische Literatur«, d.h. die Offenbarung. Keinen größeren Dienst könne man einer Aussage Steiners zufolge »Ahriman leisten«, wenn man eine größere Anzahl Menschen davon abhalte, diese Literatur zu lesen. Auch dies ein deutlicher Seitenhieb auf die Kritiker des »Bücherbeschlusses«. Der letzte Satz von Grosses Ansprache zu Steiners Werk bestätigte lediglich die Verlagerung des Problems auf eine Ebene, die ihm nicht gerecht wurde: »Wir brauchen sein Werk und sein Werk muss in uns leben und Kraft werden«. Denn die drängende Frage war und ist, was genau man unter diesem »Werk« verstand und versteht und wie man es in sich zum Leben erweckte bzw. erweckt.

Dass es beim Studium der Geisteswissenschaft nicht so sehr um »Andacht« oder um eine »würdige« moralische Haltung geht, sondern in erster Linie um die Entwicklung der Denkfähigkeit, machen einschlägige Äußerungen Steiners deutlich. »Das Studium«, führte Steiner in einem Wiener Vortrag 1907 über die Schulung der Rosenkreuzer aus (22.02.1907, GA 97), »ist nicht das Lernen, wie es gewöhnlich geschieht, sondern man muss darauf kommen, dass es für den Menschen ein Denken gibt, welches noch ein flüssiges, wirkliches Denken ist, wobei der Mensch alle sinnlichen Wahrnehmungen um sich herum ausschließt. Die abendländischen Denker leugnen, dass es ein solches Denken gibt. Sie sagen, man könne nur denken, wenn in dem Gedanken noch ein Rest von Sinneswahrnehmung enthalten sei.

… Der Mensch muss lernen, alles zu vergessen, von allem abzusehen, was äußerlich auf die Sinne wirkt, ohne jedoch leeres Gefäß zu bleiben.

Das ist möglich, wenn man sich in einen reinen, sinnlichkeitsfreien Gedankeninhalt vertieft, wie er in den Mitteilungen des Geistesforschers enthalten ist, und über das, was sich fortspinnt, sinnt. Ich habe in meinen Schriften diesen Weg verfolgt [welche Schriften Steiner hier im Auge hatte, geht aus den folgenden Zitaten hervor], ich habe sie so niedergeschrieben, dass wie bei einem lebendigen Wesen ein Glied aus dem andern herauswächst, ein Gedanke aus dem andern organisch herauskommt. Man gibt sich dem Gedanken selbstlos hin, es tritt eine innere Trennung ein. Wer höher hinauf will, muss geisteswissenschaftliche Mitteilungen so lesen. Wer nicht höher hinauf will, der kann sie wie ein gewöhnliches Buch lesen«. In einem Kölner Vortrag vom 30. November 1906 (GA 97) heißt es über dieses Studium: »Es ist dazu eine gewisse Trainierung des Denkens erforderlich, eine Angewöhnung, im reinen Elemente des Denkens zu leben und zu weben. Für die, welche die rosenkreuzerische Einweihung erlangen und den Geist trainieren wollen, sind solche Bücher geschrieben wie ›Die Philosophie der Freiheit‹ und ›Wahrheit und Wissenschaft‹. Es kommt darauf an, die für manche unendlichen Schwierigkeiten zu überwinden, den Gedanken zu verfolgen und zu erkennen, wie ein Gedanke sich aus dem andern mit Notwendigkeit herausspinnt«. Schließlich in einem Leipziger Vortrag am 16. Februar 1907 (GA 97): »Das Studium, das heute an die Menschen herangebracht wird, welches von dem Sinnenfälligen der Welt wegführt, besteht in einer Schulung der Gedanken.

Diese haben dann nichts zu tun mit dem, was uns in der Sinnlichkeit umgibt. Wer noch tiefer eindringen will, muss seinen Geist zu einer verstärkten Gedankentrainierung hinleiten. Zu solchem sinnlichkeitsfreien Denken versuchte ich Anleitung zu geben in den beiden Schriften: ›Die Philosophie der Freiheit‹ und ›Wahrheit und Wissenschaft‹. Es ist so: Wer beginnt, sich in diese Bücher zu vertiefen, wird merken, wie ein Gedanke sich an den andern reiht in einer bestimmten Notwendigkeit der Gedankenfolge. Alle, die höher hinaufstreben, erhalten damit das Mittel zu einem richtigen geistigen Wachstum«. Dass Steiners »Theosophie« oder die nach diesen Vorträgen erschienene »Geheimwissenschaft im Umriss« ebenso als Schulungsmittel zur Ausbildung dieses »flüssigen«, lebendigen, »sinnlichkeitsfreien« Denkens verwendet werden können, muss nicht eigens betont werden.

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