1973 | Mutter, Töchter und der Kampf am Jahrhundertende

Das Epos von der anthroposophischen Weltbewährung war mit all diesen Erzählungen noch keineswegs an sein Ende gekommen. Am Nachmittag des Karsamstags stellten die drei Professoren Bernhard C.J. Lievegoed, Oskar Borgman Hansen und Emile Rinck die Lage der Dinge in Holland, Dänemark und Frankreich dar.

Bernard C.J. Lievegoed

Bernhard C.J. Lievegoed, 1905-1992.

Lievegoed (1905-1992) war Mitbegründer der 1964 entstandenen technischen Universität Twente und daselbst Professor für Sozialökonomie sowie bis 1973 Dekan der Volkswirtschaftlichen Fakultät. Der Vorsitzende der holländischen Landesgesellschaft, der 1930 zu den Mitorganisatoren des Kamp de Stakenberg gehört[1] und 1931 das erste heilpädagogische Institut in den Niederlanden sowie 1971 die »Vrije Hogeschool« (Freie Hochschule) in Driebergen bei Zeist gegründet hatte, bettete seine Darstellungen in eine Philosophie sozialer Gruppen und des Menschen als gruppenbildenden Wesens ein. Seiner Auffassung nach war der soziale Zusammenschluss ein natürliches Bedürfnis des Menschen, daher bestand auch die Anthroposophische Gesellschaft aus (lokalen) Gruppen, die Organe einer jeweils höheren Organisationsebene (der Landesgesellschaften) bildeten, die in ihrer hierarchischen Verschachtelung den »Organismus« der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft konstituierten. Menschen, die sich nicht an soziale Gruppen anzuschließen vermöchten oder daran gehindert würden, litten an einer »seelischen Unterernährung«, die mit dem Älterwerden zunehme und zu Entfremdung und innerer Leere führe. Im Widerspruch zu dieser generellen These von der Verursachung biografischer Sinnkrisen durch soziale Deprivation, führte er jedoch sogleich einen weiteren Grund für die innere Leere an: eine »unrichtige physische Ernährung«. Diese erschwere dem Menschen den Zugang zum spirituellen Leben. Daraus ergebe sich die »immense Bedeutung« der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise.

Nach diesem Gedankensprung kam er wieder auf die soziale Deprivation zurück, die mit dem vor allem bei der jungen Generation vorhandenen Bedürfnis zusammenhänge, sich zu entwickeln. Da heute nicht mehr die Möglichkeit bestehe, Steiner um Rat zu fragen, müsse man sich eben gegenseitig helfen. Durch die in anthroposophischen Gruppen gepflegte freie Aussprache lerne man, sich gegenseitig (seelisch) zu ernähren. Bedauerlicherweise nähmen nur etwa 20 Prozent der holländischen Mitglieder an einer solchen Gruppenarbeit teil.

Schließlich führe auch der geistige Hunger zu seelischer Unterernährung, wenn er nicht gestillt werde. Auch diesen Gesichtspunkt bezog Lievegoed wieder auf junge Menschen, für die Möglichkeiten geschaffen werden müssten, in der anthroposophischen Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen. Da diese in Holland durch den Zustrom junger Menschen stark wachse (im vergangenen Jahr waren laut Grosse 100 neue Mitglieder hinzugekommen!), bedürfe sie neuer Arbeitsformen, die auf die Anliegen dieser neuen Generation eingingen. Zu diesem Zweck sei im vergangenen Jahr ein Studienzentrum für Anthroposophie gegründet worden.

Besonderes Interesse schien die Studentenschaft an der Anthroposophie zu haben. So berichtete Lievegoed von Studentengruppen, die sich gebildet hätten, von der Anmiete eines Studententheaters in Utrecht für Vorträge, die so gut besucht wurden, dass gar nicht alle Interessenten Einlass fanden. In den Diskussionen, die bis spät in die Nacht gedauert hätten, seien »harte Auseinandersetzungen über Joga und transzendentale Meditation« (also mit »neuen religiösen Bewegungen«) ausgefochten worden, bei welchen es darum gegangen sei, dem »auf Egoismus abgestimmten spielerischen Weg« den ganzen Ernst des anthroposophischen Schulungsweges entgegenzustellen, der nicht dem Interesse des Einzelnen, sondern dem Interesse der ganzen Menschheit diene. Dass Lievegoed mit dieser Aussage allen, die sich mit fernöstlichen Schulungswegen beschäftigten, egoistische Motive und Unernst unterstellte, schien für ihn kein Problem zu sein.

Dem verbreiteten Urteil, die Anthroposophische Gesellschaft werde durch ihre »Tochterbewegungen ausgehöhlt« – auf das auch Grosse in seiner Eröffnungsansprache Bezug genommen hatte – hielt er entgegen, in Holland wachse die Gesellschaft gerade dank dieser Töchter. Zu diesen gehöre insbesondere die »enorm zunehmende« Schulbewegung, für die bald eine pädagogische Akademie geschaffen werden müsse. (1975 sollte Lievegoed ein staatlich anerkanntes Waldorflehrerseminar ins Leben rufen). Das freie Schulwesen sei in Holland durch die Bildungsgesetzgebung massiv bedroht. Nachdem bereits für die 12- bis 18jährigen ein »Mammutgesetz« verabschiedet worden sei, werde ein weiteres für die 4- bis 12jährigen vorbereitet. Mit vier Jahren solle die Schulpflicht beginnen und die Vorschulerziehung im Kindergarten unmittelbar in den Normalunterricht übergehen. Die beabsichtigten Lehrpläne mit strikten inhaltlichen Vorgaben führten zu einer »ungeheuren Intellektualisierung« von der frühesten Kindheit an. Um diese Bedrohung abzuwenden, sei eine Elternvereinigung gegründet worden, die sich für die Freiheit des Bildungswesens einsetze.

Die Freie Hochschule in Driebergen, die ein Orientierungsjahr zwischen Abitur und Hochschulstudium anbot, hatte sich inzwischen in einem Parkgelände etabliert, auf dem sich sechs Gebäude befanden. Studentenhäuser sollten geschaffen und die Pädagogische Akademie sollte ebenfalls auf dem Gelände eingerichtet werden. Für das kommende Jahr wurden 80 Studenten erwartet. Ähnlich positiv entwickelte sich auch die biologisch-dynamische Landwirtschaft in Holland.

Oskar Hansen

Oskar Hansen, geb. 1924

Oskar Borgman Hansen (geb. 1924), der von 1967 bis 1994 die Abteilung für Philosophie an der Universität Aarhus, der zweitgrößten Stadt Dänemarks leitete, und vor kurzem die Rolle des Generalsekretärs der Landesgesellschaft übernommen hatte, gab einen anekdotischen Einblick in die Seelenverfassung der Dänen und die Probleme, mit welchen sich die kleine Schar der dortigen Anthroposophen beschäftigte. Das Land schwanke in seiner kulturellen Orientierung zwischen dem skandinavischen und dem deutschen Sprachraum. Dieses Identitätsproblem spiegele sich auch in der anthroposophischen Gesellschaft, deren Mitglieder laut Hansen dazu neigten, ihre Eigenständigkeit zu verlieren, weil sie sich zu stark am deutschsprachigen Süden oder am skandinavischen Norden orientierten. Kulturell sei Dänemark vom klaren, nüchternen Denken der Verstandesseele geprägt, das auf einer starken Gemüthaftigkeit ruhe, die nicht zum Bewusstsein komme, aber sich in sozialem Empfinden äußere. Dank dieser Qualitäten habe der in den vergangenen Jahrhunderten verbreitete Materialismus und Positivismus der »Volksseele« kaum geschadet. Dieser Volksseele sei auch die friedfertige Geschichte des Landes zu verdanken, in dem seit dem 16. Jahrhundert keine Revolution, kein Aufstand und keine Absetzung eines Königs stattgefunden habe.

Auch in Dänemark ging es um den Erhalt der anthroposophischen Medizin und ihrer Heilmittel, die vom Verbot bedroht waren. Der kleine Ärztekreis habe den Kontakt zu Politikern gesucht, um diese Gefahr abzuwenden. Ihr Abgesandter habe sich nach Kopenhagen aufgemacht, um den zuständigen Minister zu sprechen. Aber unterwegs in der Bahn sei er auf eine feucht-fröhliche Runde gestoßen, zu der der Gesundheitsminister gehörte. Er gesellte sich hinzu, kam mit dem Minister ins Gespräch, erhielt eine Audienz, und erlangte ohne Schwierigkeiten die Erlaubnis, die Heilmittel bis zur Revision des Arzneimittelgesetzes weiter zu nutzen. Hansen wertete diese Episode als ein Beispiel für die menschliche Art des Umgangs, die in Dänemark gepflegt werde. Allerdings sei diese Menschlichkeit, die in der dänischen Kinderseele wurzle, aus der heraus auch Andersen seine Märchen geschrieben habe, bedroht. Diese Seele, von der Steiner im Zusammenhang mit Ausführungen über die Jesus-Mysterien gesprochen habe, stehe vor der Aufgabe, vom »Jesus-Empfinden zur Christus-Erkenntnis« voranzuschreiten. Daher habe Steiner in Kopenhagen auch die Vorträge über die »geistige Führung des Menschen und der Menschheit« gehalten. (Die Ausführungen Steiners über den Nerthuskult und die Mysterienstätte der Ingaevonen auf Jütland, die bereits im 3. Jahrtausend vor Christus eine Grundlage für das Verständnis des »Jesus-Mysteriums« gelegt hätten, finden sich in GA 173b, 24. und 25.12.1916. Vom neuzeitlichen Dänemark ist in diesem Kontext nicht die Rede. In den genannten Vorträgen wird die Aufgabe, die »Christus-Idee« und die »Jesus-Idee« zusammenzuführen, der Anthroposophie und nicht einem bestimmten Volk zugesprochen).[2]

In Frankreich sei ebenfalls ein zunehmendes Interesse an der Anthroposophie beobachtbar, schloss sich der Delegierte der Section française, Emil Rinck an. Der Wissenschaftler, der am Centre National de Recherche Scientifique tätig war und einen Lehrauftrag an der Pariser Hochschule für Chemie innehatte, verwies auf die begrenzte Zugänglichkeit der anthroposophischen Literatur, dem allein durch Übersetzungen abgeholfen werden könne.

Der 1953 von Simonne Rihouët-Coroze[3] (1892-1982), der Grande Dame der französischen Gesellschaft gegründete »Triades«-Verlag und die 1957 von ihr gegründete gleichnamige Zeitschrift bemühten sich, diese Sprachbarriere zu überbrücken. Die Zeitschrift war in nahezu 30 Ländern verbreitet – ein Reflex der kolonialen Vergangenheit Frankreichs. Eine Übersetzung des Buches von Elisabeth Vreede über »Anthroposophie und Astronomie« und eine zweite Auflage der Steiner-Biografie Rihouët-Corozes war soeben erschienen.

Im Land existierten immerhin schon vier Waldorfschulen mit fast 1000 Schülern. Die von Rihouët-Coroze im Gedenken an ihren 1961 verstorbenen Ehemann ins Leben gerufene Paul Coroze-Stiftung, die 1972 als gemeinnützig anerkannt worden war, förderte junge Menschen in anthroposophischen Berufsausbildungen, ein Fonds unterstützte sie bei ihrem Studium der Anthroposophie. Im Gegensatz zu Lievegoed sprach Rinck von einer Aushöhlung der »Mutter« durch die Tochterbewegungen in Frankreich. Vermutlich war die unterschiedliche Sichtweise nicht nur durch die Temperamente der Berichterstatter, sondern auch durch die tatsächliche Situation bedingt. In umgekehrt proportionalem Verhältnis zur Größe der anthroposophischen Unternehmungen in Frankreich stand hingegen das Selbstbewusstsein Rincks, wenn er davon sprach, an den Kämpfen, welche von der Außenwelt gegen ihre Institutionen geführt würden, sei deutlich abzulesen, dass »die Gegenmächte in der Anthroposophie die einzig ernstzunehmende Geistesrichtung« sähen. Immerhin verwies er auf den »bescheidenen Umfang der Gesellschaft«, der jedem Einzelnen die größtmögliche Anstrengung abverlange.

Seine Ausführungen mündeten in eine Art Glaubensbekenntnis zur anthroposophischen Gesellschaft, das in einen Ausblick auf eine apokalyptische Zukunft kulminierte. Denn nötig sei, so Rinck unter Verweis auf die Prinzipien, eine Besinnung auf ebendiese Gesellschaft, als eine Vereinigung von Menschen, die das seelische Leben im Einzelnen und in der Gesamtgesellschaft auf der Grundlage einer wahren Erkenntnis der geistigen Welt pflegen wollten. Dies bedeute, in den anderen Mitgliedern Menschenbrüder und -schwestern zu erkennen, die davon überzeugt seien, dass eine solche Erkenntnis möglich sei, die diese Erkenntnis in die Praxis einführen wollten und dadurch zugleich den Weg zu ihrem wahren Ich suchten. Dieses höhere Ich könne aber erst geboren werden, wenn die Bewusstseinsseele entwickelt sei. Was dies für die armen Dänen bedeutete, die laut Hansen in der »Verstandes- und Gemütsseele« verhaftet waren, will man sich gar nicht ausmalen. Das höhere Ich, fuhr Rinck fort, könne man nur finden, wenn man dem »wirklichen Christus« begegne. Diese Begegnung werde den Anwesenden (»uns«) auch die Kraft schenken, durch die sie (»wir«) den bevorstehenden »Kampf am Jahrhundertende« bestehen könnten. Damit deutete Rinck auf ein Mythologem[4], das im Diskurs der anthroposophischen Gesellschaft in den kommenden Jahren zunehmend an Bedeutung gewinnen sollte.[5] Zugleich hängte er die Messlatte für das Erreichen einer »wahren Erkenntnis« der geistigen Welt denkbar hoch, machte er es doch von einer Begegnung mit dem »wirklichen Christus« abhängig.

Die Generalversammlung des Jahres 1973 schloss mit einem aenigmatischen Beitrag des Norwegers Dan Lindholm, der möglicherweise auf die Ausführungen Erdmuth Grosses Bezug nahm, der vom »Dogmatismus« einzelner Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft gesprochen hatte.

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Dan Lindholm, 1908-1998

Der inzwischen 65jährige Lindholm knüpfte an das Motiv des unbewussten »Schwellenübergangs« der Menschheit an, das bereits einige seiner Vorredner thematisiert hatten. Er erinnerte an das »Traumlied des Olaf Åsteson«, eine mittelalterliche norwegische Ballade, in welcher der Träumer auf seinem Weg nach Brooksvalin, der makrokosmischen Stätte des Seelengerichts, über die Gjallarbrücke schreiten muss, auf der er drei grausigen Tieren, einer Schlange, einem Hund und einem Stier, begegnet. Diese drei Tiere lassen keinen über die Brücke, »der Wahrheit nicht will ehren«.[6]

Lindholm setzte das Überschreiten der Brücke mit dem Schwellenübergang der Menschheit gleich und leitete aus dieser Gleichsetzung die Theorie ab, die Schwelle könne nur überschritten werden, wenn man sich von »falschen Urteilen« befreit und zu einer »höheren Offenbarung der Wahrheit durchgearbeitet« habe. Viele Menschen litten heutzutage unter dem Gefühl, dass sie mit der geistigen Entwicklung der Menschheit nicht mitkämen, und führten die mannigfaltigsten Erklärungen dafür ins Feld. Diese Erklärungen könnten sogar richtig sein, lenkten aber von der Wahrheit ab. Wenn man das Paradox, dass etwas richtig, aber doch nicht wahr sei, tiefer auffasse, könne es über Geschehnisse der Vergangenheit belehren. Damit leitete Lindholm zu zwei weiteren Motiven über, einer Begegnung, die er selbst während des 2. Weltkrieges mit einem deutschen Wehrmachtsoldaten hatte, der zugleich Mitglied der Gesellschaft war und zu den Konflikten in dieser Gesellschaft nach dem Krieg.

Der Wehrmachtsoldat, dem er in Norwegen begegnet war, saß unter den Zuhörern der Generalversammlung. Obwohl er während der Besetzung Norwegens zu den Feinden gehört habe, sei er doch zugleich ein »Menschenbruder und Geistesschüler« gewesen. Lindholm berichtete aus einem Gespräch, das er mit diesem namentlich nicht genannten Mitglied geführt hatte. Der Soldat habe die Auffassung vertreten, die Anthroposophie enthalte eine Summe von Antworten auf Fragen, die die Menschheit vor dem Erscheinen der Anthroposophie noch gar nicht richtig zu stellen vermocht habe. Nach dem Krieg werde die Gesellschaft die Aufgabe haben, diese Fragen, die zur Anthroposophie hinführen könnten, auszuarbeiten.

In den Konflikten der Nachkriegsjahre hätten die Kontrahenten trotz ihrer persönlichen Feindschaften ihre Liebe zur Anthroposophie bewahrt. Aber – und hier erschien der Bezug auf den anthroposophischen Dogmatismus – statt auf die Fragen der Menschen hinzuhorchen, hätten sie häufig genug schon nach wenigen einführenden Sätzen »die ganze Anthroposophie aufgetischt« und mit einer solchen Art der Darstellung hätten die Menschen nichts anfangen können. Die Ausführungen des Wehrmachtsoldaten über die noch nicht gestellten spirituellen Fragen der Menschheit, auf welche die Anthroposophie die Antworten bereithielt, schienen Lindholm »methodisch« höchst bedeutsam. Noch heute komme es viel zu oft vor, »dass man die unbewussten Fragestellungen nicht geduldig genug aufgreift, sie herausarbeitet und sich damit beschäftigt«. Lindholm schien sagen zu wollen, dass die Anthroposophie erst als Antwort erkannt werden könne, wenn im einzelnen Menschen die Frage nach ihr Gestalt angenommen habe.

Im Folgenden kehrte er diesen Gedanken jedoch um und sprach von unbeantwortbaren Fragen oder Fragen, die falsch formuliert waren. Er zitierte den »großen Fragesteller« Henrik Ibsen, der in einem Brief an Georg Brandes über die Verwechslung von politischer und innerer Freiheit geschrieben hatte: »Was Sie als Freiheit bezeichnen, bezeichne ich als Freiheiten, und was ich den Kampf um die Freiheit nenne, ist ja nichts anderes, als das immerwährende lebendige Sichaneignen der Idee der Freiheit. Wer die Freiheit anders besitzt denn als Erstrebtes, der besitzt sie tot und geistlos. Denn dem Begriff der Freiheit kommt es ja zu, dass er sich während der Aneignung immerfort erweitert. Bleibt darum jemand im Kampf um die Freiheit stehen, indem er sich sagt, jetzt habe ich sie, dann zeigt er damit nur, dass er sie eben verloren hat«.

Ebenso wie mit der von Ibsen gemeinten Freiheit verhalte es sich mit der Anthroposophie: ihr Begriff müsse sich während der Aneignung »immerfort erweitern«. Wenn man glaube, sie zu besitzen, habe man sie bereits verloren. Nur wenn man stets weiterfrage oder neue Fragen stelle, werde man »auf dem Weg zur Wahrheit« nicht stehenbleiben. Lindholms Idee einer »höheren Offenbarung der Wahrheit«, die er anscheinend mit der Anthroposophie gleichsetzte, stand zur Vorstellung einer fortwährenden Erweiterung ihres Begriffs durch Aneignung in einer spannungsreichen Beziehung.

Damit ging eine denkwürdige Versammlung zu Ende, die – soziologisch betrachtet – als umfassendes Ritual zur Bestätigung der kollektiven Identität gedeutet werden kann. Während die Generalversammlungen der vergangenen Jahre diese Identität performativ in Abgrenzung von innergesellschaftlichen Abweichlern oder Häretikern gefestigt hatten, traten nun, nach der Aussonderung dieser letzten oppositionellen Gruppe, die »Außenwelt« und die »Gegenmächte«, die diese Außenwelt beherrschten, an die Stelle der früheren Opposition. Von Rudolf Grosses Treuebekenntnis zur Anthroposophie, das er mit einem Treuebekenntnis zur »Michaelsschule« gleichsetzte, über Lerois empirische Bestätigungen der »mystischen und unwissenschaftlichen Ideen Steiners«, Jurriaanses Gesellschaft als einem Geisterinnerungsorgan der Menschheit, Wilenius’ heimatlose Seelen, die den gnostischen Ruf Michaels gehört hatten und in Schicksalsbruderschaft zusammenstanden, Biesantz’ Gleichsetzung der Gesellschaft mit einem Gefäß der Christuswirksamkeit und dem Urbild der Menschheitsentwicklung, das sich in den Geschehnissen der Welt abbildete, Davys anthroposophischen Arbeitsgruppen als »Festungen« oder »grünen Inseln«, Erdmuth Grosses Vorwürfe der »Starrheit« und des »Dogmatismus« an die Adresse mancher Anthroposophen, Smits substantielle Verbindung mit dem Wesen der Anthroposophie, Lievegoeds Appell an die Überwindung des Egoismus durch den anthroposophischen Schulungsweg, Hansens Christus-Erkenntnis aus der Bewusstseinsseele, Rincks Bekenntnis zur anthroposophischen Gesellschaft als einem Ort der wirklichen Christusbegegnung bis zu Lindholms Anthroposophie als Offenbarung, die durch ständiges Fragen erschlossen werden müsse, waren die Teilnehmer dieser Tagung durch ein Wechselbad diskursiver Selbstdefinitionen hindurchgegangen, die, so verschieden sie auch sein mochten, in einem übereinstimmten: sie alle setzten das Werk Rudolf Steiners als den einen Brennpunkt einer Ellipse voraus, der auf ihren anderen Brennpunkt, der außerhalb dieses Werkes lag, zustrebt, damit sich die Ellipse in einer nicht näher bestimmten Zukunft in einen Kreis verwandeln kann.

Dieses Gedankenbild der Ellipse hat gegenüber intellektuell anspruchsloseren Rekonstruktionen, die sich in der Forschungsliteratur finden (Zander, Ullrich) die mit schlichten Antithesen (Innenwelt – Außenwelt, Einschließung – Ausschließung) operieren, den Vorteil, dass es die tatsächlichen sozialen und ideellen Sachverhalte angemessen widerspiegelt. Denn anthroposophische »Innenwelt« und nichtanthroposophische »Außenwelt« wurden von »den Anthroposophen« stets als zwei aufeinander bezogene Pole eines größeren Ganzen verstanden, dem beide Pole angehören. Der einzelne Anthroposoph war mit keinem der beiden Brennpunkte identisch, sondern konnte sich geistig und sozial an unterschiedlichen Orten innerhalb der Ellipse verorten, die je nach persönlicher Einstellung dem einen oder anderen Brennpunkt – der Außenwelt oder der Innenwelt, dem Werk Rudolf Steiners oder der nichtanthroposophischen Welt – näherstanden. Das umfassende Ganze konnte als »Anthroposophie« bezeichnet werden, wobei diese Anthroposophie weder mit dem Werk Rudolf Steiners noch mit der Außenwelt identisch war, sondern auf die beide Brennpunkte umschließende Ellipse verwies. Das Fernziel bestand und besteht tatsächlich darin, diese beiden Brennpunkte so weit anzunähern, dass sie keinen Abstand mehr haben, dass die Ellipse also zum Kreis wird, der die Kreise, die durch die beiden Brennpunkte gebildet werden, in einen einzigen zusammenführt. Mit diesem Zustand wäre die Kongruenz von Anthroposophie und Welt erreicht. Diese Kongruenz kann von jedem der beiden zueinanderstrebenden Brennpunkte aus realisiert werden.

Anmerkungen

[1] Das Kamp de Stakenberg war in der Geschichte der Gesellschaft nebst anderen Vorkommnissen für die Begründung des Ausschlusses Ita Wegmans instrumentalisiert worden. Siehe dazu weiter oben: »Sukzession und falsche Bodhisattvas«.

[2] Steiner selbst wies in seinem Vortrag vom 25. Dezember 1916 auf die spirituellen Gründe hin, die ihn bewogen hatten, in Kopenhagen über den »Wandel des Christus durch die geistigen Evolutionen« zu sprechen: »Warum entstand gerade dazumal das Bedürfnis, die Christus-Idee, so wie sie in das Thema ›Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit‹ einverwoben werden konnte, an dieser Stätte zu entwickeln? Da ist etwas gesagt, nicht durch die Worte, die gesprochen sind, sondern durch die Konstellation! Auf die Menschen kommt es dann an, solche Dinge zu verstehen. … Man kann verstehen, dass nicht nur durch das, was gesagt wird, sondern durch das, was geschieht, Dinge ausgedrückt werden, und dass in diesen Dingen das Weltenwort in einer gewissen Weise lebt« (GA 173b, Dornach, 25.12.1916). Seine Vorträge vom 6. bis 8. Juni 1911 in Kopenhagen bei der Generalversammlung der Skandinavischen Sektion der Theosophischen Gesellschaft hielt er für so bedeutsam, dass er sie bereits im August 1911 in Schriftform veröffentlichte; siehe GA 15. Der Hintergrund für die umgehende Buchveröffentlichung dürfte der Konflikt mit Besant über Krishnamurti gewesen sein. (Siehe »Theosophie und Anthroposophie – Zur Geschichte einer spannungsreichen Beziehung«). In diesen Vorträgen wird darauf hingewiesen, dass eine Erkenntnis des Christus durch das Verständnis der Kräfte gewonnen werden kann, die von der Geburt bis zum dritten Lebensjahr im Kind wirken: »Die am Menschen im Kindheitsalter wirksamen Kräfte erkennen, heißt den Christus im Menschen erkennen«. Christus selbst wird als überkosmische Wesenheit, als »Repräsentant des Kosmos-Geistes« charakterisiert, der »das ganze Sonnensystem durchgeistigt«.

[3] Zu Rihouët-Coroze siehe weiter oben »1928-1929 – Streit um ein Testament«.

[4] Zum Begriff der anthroposophischen Mythologeme siehe: »Anthroposophische Mythologeme oder wie man mit dem Hammer denkt«.

[5] Grundlage der Erwartung vom bevorstehenden Kampf gegen Sorat waren Ausführungen Steiners in der sog. Priester-Apokalypse, einer Vortragsreihe, die er für die Priester der Christengemeinschaft kurz vor seiner Erkrankung im September 1924 gehalten hatte. Hier führte er am 12. September aus: »Zum Ende dieses Jahrhunderts kommen wir zu dem Zeitpunkt, wo Sorat wiederum aus den Fluten der Evolution am stärksten sein Haupt erheben wird, wo er sein wird der Widersacher jenes Anblickes des Christus, den die dazu vorbereiteten Menschen schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben werden durch die Sichtbarwerdung des ätherischen Christus. Es wird nur noch zwei Drittel des Jahrhunderts dauern, bis Sorat in mächtiger Weise sein Haupt erheben wird.

… Und noch vor Ablauf dieses Jahrhunderts wird er sich zeigen, indem er in zahlreichen Menschen auftreten wird als diejenige Wesenheit, von der sie besessen sind. Man wird Menschen heraufkommen sehen, von denen man nicht wird glauben können, dass sie wirkliche Menschen seien. … Die Soratmenschen … werden in der furchtbarsten Weise nicht nur alles verspotten, sondern alles bekämpfen und in den Pfuhl stoßen wollen, was geistiger Art ist. Man wird es erleben zum Beispiel in dem, was gewissermaßen konzentriert ist auf engem Raume in seinen Keimen im heutigen Bolschewismus, wie das eingefügt werden wird in die ganze Erdenentwickelung der Menschheit.

Darum ist es so wichtig, dass alles, was nach Spiritualität streben kann, das auch wirklich tut. Denn das, was der Spiritualität widerstrebt, das wird da sein, denn das arbeitet sozusagen nicht unter der Freiheit, sondern unter der Determination. Diese Determination geht dahin, dass am Ende dieses Jahrhunderts Sorat wieder los sein wird, und dass das Streben, alles Geistige hinwegzufegen, in den Absichten einer großen Anzahl von Erdenseelen sitzen wird, wie es prophetisch der Apokalyptiker vorausschaut in dem tierhaften Antlitz und in der tierhaften Stärke in bezug auf die Ausführung der Widersachertaten gegen das Spirituelle. Sind ja doch heute schon wahrhafte Wutentfaltungen vorhanden gegen das Spirituelle. Aber das sind nur die ersten Keime«. Siehe GA 346, »Apokalypse und Priesterwirken«.

[6] Das Motiv der Begegnung mit drei Tieren an der Schwelle zur geistigen Welt taucht implizit bereits in Steiners Schrift »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?« auf. Hier ist im Kapitel über die »Spaltung der Persönlichkeit während der Geistesschulung« von der Trennung der drei Seelenkräfte Denken, Fühlen und Wollen die Rede (siehe GA 10). Wenn diese Seelenkräfte nicht vom »höheren Ich«, das im Verlauf der Einweihung geboren wird, koordiniert werden, besteht die Gefahr, dass das Denken zu einem kalten lieblosen Weisheitsstreben entartet, das Fühlen zu mystischer Schwelgerei und das Wollen zu Gewalttätigkeit. Explizit werden diese drei Tiere in den Vorträgen Steiners für die Mitglieder der Ersten Klasse benannt: hier heißt es in einem Mantram, das in der ersten Stunde am 15.02.1924 veröffentlicht wurde, der Mensch müsse den Abgrund an der Schwelle achten, sonst würde er von drei Tieren verschlungen: das erste habe er aus »Furcht vor Geistes-Schöpfer-Sein« in seinem Willen geschaffen, das zweite aus »Hass auf Geistes-Offenbarung« in seinem Fühlen und das dritte aus »Zweifel an Geistes-Licht-Gewalt« in seinem Denken (siehe GA 270/1, Dornach 1992). Über das »Traumlied des Olaf Åsteson« hielt Steiner zwischen 1912 und 1914 einige Vorträge, die in GA 158 enthalten sind.

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wird fortgesetzt

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