1973 | Mysterienstätten, grüne Inseln, und die Sehnsucht nach dem Geist

Auch in der Ansprache von Hagen Biesantz am Karsamstag, dem 21. April finden sich einige Versuche, das Bewusstsein der anthroposophischen Identität zu bestimmen. Er gedachte zweier eben Verstorbener: der Eurythmistin Alice Fels (1884-1973), der Begründerin des Eurythmeums in Stuttgart, das mit einem ersten Ausbildungskurs im Oktober 1922 seine Arbeit aufgenommen hatte, und Louise Schünemanns, der »engsten Freundin« Elisabeth Vreedes, die das ehemalige Vorstandsmitglied während seiner tödlichen Erkrankung 1943 gepflegt hatte, bevor Vreede in die Casa Andrea Cristofero in Ascona übergesiedelt war.

Besonders die Ausführungen von Biesantz zu Schünemann sind für die hier verfolgte Fragestellung von Interesse. Schünemann, so Biesantz, habe den Ausschluss Vreedes 1935 aus nächster Nähe miterlebt und sie die schweren Jahre bis zu ihrem Tod begleitet. Er habe Schünemann gefragt, wie es ihr all die Jahre gelungen sei, die Verbindung zum Goetheanum nicht abreißen zu lassen. Sie habe geantwortet, diese Verbindung könne nicht zerrissen werden, denn Vreede habe stets zu ihr gesagt, »was da oben [am Goetheanum] geschieht, das geschieht auch in der ganzen Welt, denn es ist eine Mysterienstätte und was in dieser Mysterienstätte sich abspielt unter den Menschen, das hat seine unmittelbare Wirkung im Geschehen der ganzen Welt [sic!]«. Und da lerne man, zu warten.

Wie man sieht, teilte Biesantz das nicht geringe Sendungsbewusstsein Jurriaanses, der von der Anthroposophischen Gesellschaft als einem »Geisterinnerungsorgan« der Menschheit gesprochen hatte. Dieses Sendungsbewusstsein kommt auch in seinen anschließenden Ausführungen über das Ostergeschehen zum Ausdruck, in denen er eine Parallele zwischen Tod und Auferstehung Christi und der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft herstellte. Hier hob er das Motiv des Wartens hervor. Als nämlich Christus gekreuzigt, aber noch nicht auferstanden war, am Karsamstag – jenem Tag, an dem Biesantz seine Ansprache hielt – hätten die Jünger den Atem angehalten. Sie hätten sich zurückgezogen und gewartet. Ein jeder habe »von seinem inneren karmischen Standort aus« auf das zurückgeblickt, was »mit seinem Meister geschehen« sei, im Bewusstsein, dass die Zukunft nahe bevorstehe. Äußerlich betrachtet, sei am Karsamstag gar nichts geschehen, aber in Wirklichkeit habe sich »das Ungeheuerste« ereignet, das in der Menschheitsgeschichte jemals stattgefunden habe. Je mehr man die Karwoche verstehe, um so mehr begreife man, dass »unsere ganze Geschichte, die wir miterleben in unserem Jahrhundert« – also die Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft in diesem Jahrhundert –, wie eine immerwährende Karwoche sei. Diese beginne mit der Begeisterung und dem Jubel des Palmsonntags, an dem der Geist sich zu zeigen beginne – d.h. wohl mit dem Auftreten Rudolf Steiners. Auf ihn folge die Vertreibung der Wechsler aus dem Tempel am folgenden Tag, der den Geisteskampf vom Kardienstag »in unserem Jahrhundert« wiederhole – dies dürfte eine Anspielung auf die Trennung von der Theosophischen Gesellschaft 1912/13 sein. Auf ihn folgten Verspottung, Kreuzigung, die Stille des Karsamstags und schließlich die Auferstehung. Ob Biesantz hier versuchte, den Tod am Kreuz mit dem Tod Steiners zu parallelisieren, muss offenbleiben, denn dies würde zur wohl kaum beabsichtigten Konsequenz führen, dass die Auferstehung erst nach dem Tode Steiners erfolgt wäre, wo doch Steiner gerade derjenige war, der den Zugang zu diesen Auferstehungskräften im 20. Jahrhundert wie kein anderer neu erschlossen hatte.

Überall dort, so Biesantz, wo der Geist auf der Erde in Erscheinung trete, seien diese Stufen erkennbar. So blickten die Anwesenden durch die Berichte über die anthroposophische Arbeit auf das, was auf der Erde in diesem Jahrhundert dadurch Gestalt angenommen habe, dass der Geist immerwährend gekreuzigt worden sei. Aber indem sie beim Hinblicken auf dieses Kreuzigungsgeschehen den Atem anhielten, verspürten sie zugleich die Auferstehungskräfte, die sich in allem, »was wir uns vornehmen als Arbeit«, wirkten. Allein, wenn man in der Kreuzigung und Zerstörung die Auferstehungskräfte finde, könne man den Mut zum »Durchtragen« des Geistes fassen, »der sich bei der Geburt unserer Anthroposophischen Gesellschaft mit dieser Anthroposophischen Gesellschaft verbunden hat«. Die Deutung scheint unausweichlich, dass Biesantz bei diesem Geist, den er nicht mit Namen nannte, an den Geist des Christus dachte.

Reimar Thetter, 1908-1994.

Reimar Thetter, 1908-1994. Generalsekretär der österreichischen Landesgesellschaft.

Der Generalsekretär der österreichischen Landesgesellschaft, Reimar Thetter, bettete seinen Bericht in einen historischen Rückblick ein. Er erinnerte an den West-Ost-Kongress, der an Pfingsten 1922 in Wien stattgefunden hatte, bei dem Steiner vor über 2000 Zuhörern die »Kulturimpulse der Anthroposophie« in den schon damals präsenten Gegensatz von Westen und Osten hineingestellt habe (öffentliche Vortragsreihe in Wien, 1.-12. Juni 1922, GA 83). Vor fünfzig Jahren (1923) sei außerdem die österreichische Landesgesellschaft gegründet worden. Bei diesem Anlass habe Steiner die Vorträge »Anthroposophie und das menschliche Gemüt« gehalten (Wien, 27.09-1.10.1923, GA 223). Unmittelbar davor seien von ihm in England die Druidenmysterien, die Artusströmung und das iroschottische Christentum behandelt worden (Penmaenmawr, 19.-31.8.1923, GA 227). Bei der Gründung der Landesgesellschaft in Wien sei er auf die Mithrasmysterien und das neue Michaelsmysterium eingegangen, daran hätten sich in Dornach die Erzengelvorträge (5.-13.10.1923, GA 229) und die Abendvorträge während der Weihnachtstagung (24.12.1923-1.01.1924, GA 233) angeschlossen.

Vor diesem geistes- und gesellschaftsgeschichtlichen Horizont – in den Thetter seine Darstellungen über die Situation in Österreich stellte – nahm sich die Lage im Herkunftsland Rudolf Steiners 1973 eher bescheiden aus. In Tirol hatte die Anthroposophie, abgesehen von einer Ferien- und Tagungsstätte in St. Johann keine Wurzeln schlagen können. Ähnliche Erholungs- und Tagungsstätten gab es in Mallnitz und Hochgols. In Salzburg war die Arbeit nach dem Tod eines Pioniers (Max Rescheneder) fast zum Erliegen gekommen, in Linz wirkte Heinrich Teutschmann (1905-1992), in Graz, Villach und Klagenfurt Friedrich Zauner, der auch in Velden halbjährliche Tagungen organisierte. Kärnten konnte zwei landwirtschaftliche Betriebe vorweisen, das Gut Farrach im Lavanttal, das vom unermüdlichen Erforscher der Schule von Chartres und der deutschen Mystik Wilhelm Rath (1897-1973) aufgebaut worden war und den Wurzerhof bei St. Veit an der Glan – den ältesten, noch heute existierenden biologisch-dynamischen Betrieb, der zugleich eine heilpädagogische Einrichtung ist –, der durch Erhard Bartsch (1895-1960), den einstigen Leiter des 1941 verbotenen »Reichsverbandes für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise« maßgeblich geprägt worden war.

Auch Thetter sprach vom »täglichen Kampf mit der Umwelt«, den die Landwirte, Ärzte und Lehrer zu bestehen hätten, für den sie die Kraft benötigten, die ihnen aus der anthroposophischen Arbeit zufließe. Für diese Arbeit sei insbesondere Wien von Bedeutung – in dem Thetter selbst wirkte –, über das er aber nichts weiter ausführte. Angesichts der bescheidenen Lage in Österreich appellierte Thetter an den Mut, den man benötige, wenn das eigene Bemühen immer wieder vor dem Gefühl der völligen Unzulänglichkeit stehe und der Mensch im Durchschreiten eines Todeserlebnisses neue Seelenkräfte entwickeln müsse, die ihn aus dem Nichts herausführten. Rudolf Steiner sei bis heute Vorbild dafür, wie man »aus dem leidenden Durchleben tragischer Ereignisse, aus dem Umschmieden anthroposophischer Erkenntnisse in moralische Kräfte zu einem tätigen Erfassen der Welt und ihrer Aufgaben kommen« könne.

Der ehemalige Naturwissenschafts-Korrespondent des »Observer«, der Journalist John Davy (1927-1984), der seit 1969 am Emerson College in Forest Row mitwirkte, berichtete stellvertretend für den erkrankten Cecil Harwood aus England. In den großen Industriestädten wirkten die lokalen Arbeitsgruppen (Zweige) wie »Festungen«, während sich am Rande der Großstädte die Tochterbewegungen wie »grüne Inseln« ansiedelten, und viele die Auffassung verträten, die anthroposophische Arbeit müsse sich auf diese Inseln zurückziehen. Andere hingegen fragten sich, ob das Leben der Großstädte nicht von innen her erneuert werden müsse.

John Davy, 1927-1984.

John Davy, 1927-1984. Führendes Mitglied der englischen Landesgesellschaft.

Im Folgenden ließ sich Davy unter Bezugnahme auf Ausführungen Steiners über das Zeitalter der Bewusstseinsseele, das im 15. Jahrhundert begonnen hatte, über soziale Entwicklungstendenzen aus. Die Ausbildung der Bewusstseinsseele führe zur Isolierung des Einzelnen, ja zur antisozialen Haltung. Aus dieser Tendenz sei eine Bemerkung Steiners zu verstehen, die anthroposophische Arbeit in England werde um häusliche »Kamine« herum wachsen. Tatsächlich habe die regelmäßige anthroposophische Arbeit in England hauptsächlich in Privathäusern stattgefunden. Aber »im Zeitalter der Zentralheizungen« reichten die häuslichen Kamine nicht mehr aus. Denn solche Arbeitsgruppen neigten dazu, sich von anderen abzuschließen. Deswegen müsse bewusster mit den »Kräften der Nacht« umgegangen werden. Erstaunlich sei das Bewusstsein der Gemeinsamkeit, das dadurch entstehe, dass Menschen, die schon länger zusammengearbeitet hätten, sich mehrere Tage an einem Ort träfen, zusammen Mahlzeiten einnähmen und am selben Ort übernachteten.

Dies sei auch das Ziel der in Exeter geplanten Sommertagung, der in historischer Hinsicht eine besondere Bedeutung zukomme. Diese Bedeutung verlieh Davy der Tagung nicht etwa aufgrund ihres Gehalts – denn die Tagung hatte noch gar nicht stattgefunden –, sondern indem er sie mit Hilfe des »33jährigen Rhythmus« historischer Ereignisse in Zusammenhang mit Geschehnissen stellte, die 33 Jahre früher stattgefunden hatten. Davys Ausführungen sind ein Beispiel für die Beliebigkeit, die dieser Topos inzwischen im anthroposophischen Diskurs angenommen hatte, die es erlaubte, irgendwelche historischen Ereignisse dadurch mit esoterischer Bedeutung aufzuladen, dass man sie zu irgendwelchen anderen in Beziehung setzte, die 33 Jahre früher stattgefunden hatte. Davy zog eine ganze Ereignisfolge heran: die Schlacht von Dünkirchen (im Mai 1940 war ein englisches Expeditionskorps von deutschen Panzerverbänden bei Dünkirchen eingeschlossen worden), die Machtübernahme Churchills als Premier und Verteidigungsminister und seine berühmte »Blut- und Tränenrede«, in der er davon gesprochen hatte, dass der Krieg »gegen eine monströse Tyrannei, wie sie nie übertroffen worden ist im finsteren Katalog der Verbrechen der Menschheit nur mit einem Sieg um jeden Preis« beendet werden könne. Damals, so Davy, sei England stellvertretend für die ganze Menschheit »ziemlich allein« einer finsteren Übermacht entgegengetreten.

Diese Motive der Prüfung und des mutvollen Widerstands inmitten einer übermächtigen Bedrohung bildeten offenbar die Vergleichspunkte, wenn Davy den Schluss zog, auch heute, angesichts der Frage, was der Beitritt Englands zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft für Folgen habe, durchziehe eine große Verunsicherung das Land und es sei ungewiss, ob die englische Gesellschaft in ihrer traditionellen Form fortbestehen könne. (Nach dem Rücktritt De Gaulles 1968, der sich dem Beitritt Großbritanniens jahrelang widersetzt hatte, um die französische Führungsrolle in dieser Organisation sicherzustellen, war der Weg für dessen Aufnahme freigeworden, die allerdings in England höchst umstritten war. Der Beitritt Großbritanniens war schließlich Anfang 1973 erfolgt). Die Fragwürdigkeit der Parallelisierung des Deutschen Reiches mit der EWG muss nicht ausdrücklich hervorgehoben werden. Für Davy jedenfalls stand fest, dass 1973 »für ganz England« ein »wesentliches Jahr« sei, was immer das auch bedeuten mochte. »Und gerade in diesem Jahre« so Davy, »will sich die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft als Weltgesellschaft mit ihren Weltaufgaben in England erleben«. Eine »Weltgesellschaft«, die sich an Zentralheizungen in Privathäusern wärmte, die wie »Festungen« wirkten, und sich gleichzeitig fragte, ob man sich nicht auf »grüne Inseln« am Rande der Großstädte zurückziehen müsse, um ihre »Weltaufgaben« bewältigen zu können.

Der Sohn des Vorsitzenden, Erdmuth Johannes Grosse (1928-2012), berichtete über die anthroposophische Arbeit in der Schweiz. Er bemängelte, dem Verständnis der Anthroposophie stünden auf seiten der Schweizer »eine gewisse intellektuelle Starrheit in der Begriffsbildung« und »Misstrauen und Hochmut« im Wege, die »unbewusst Angst und Abwehr« bewirkten. Bemerkenswerterweise sah Grosse jun. »Starrheit« und »Hochmut« nicht bei den Vertretern der Anthroposophie, zunächst zumindest. Besucher von Einführungskursen müssten stets eine gewisse Hemmschwelle überschreiten, wenn sie zu einem Besuch des Goetheanum eingeladen würden. Die »Mentalität« der Schweizer erschwere es ihnen, Mitglieder der Gesellschaft zu werden. Besonders jüngeren Menschen warf er vor, sie würden zu Unrecht Anthroposophie und Anthroposophen miteinander gleichsetzen. Aber – und nun wendete Grosse jun. sein Argument auch gegen manche Vertreter der Anthroposophie – was Anlass zu Kritik gebe, sei das »Nichtanthroposophische« am Verhalten solcher Anthroposophen. Zu diesem Nichtanthroposophischen zählte er die »dogmatische« Berufung auf Steiner oder irgendwelche »Lebensformen«, die abstoße und Befremden hervorrufe – eine für den Sohn des Vorsitzenden doch erstaunliche Bemerkung. Abhilfe für die auf allen Seiten vorhandene Starrheit und Dogmatik vermöge die künstlerische Arbeit, insbesondere die Eurythmie zu schaffen. Junge Menschen verfielen aufgrund ihrer Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen allzuleicht dem Marxismus und glaubten in ihm die von ihnen gesuchten Zukunftsimpulse zu finden. Von diesem enttäuscht, wendeten sie sich dann der Dreigliederung (des sozialen Organismus) zu und nähme ihre Ideen mit starkem Enthusiasmus auf. Die sozialen Ideen Steiners drängten nach Verwirklichung, da es sich um Ideen zur Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens handle. Diese Verwirklichung verlange nach der moralischen Technik (also nach Steiners »Philosophie der Freiheit« nach der Kenntnis des Erscheinungsgebietes, das aufgrund von moralischen Intuitionen umgestaltet werden soll und den entsprechenden Kenntnissen bzw. Fertigkeiten, die erlauben, sie im tätigen Leben zu verwirklichen), aber die Frage sei: »Haben wir selbst diese moralische Technik schon genügend ausgebildet, um mit ihr an Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens heranzutreten, um sie mit den Dreigliederungsgedanken bekannt zu machen?«

Jörgen Smit führte die Anwesenden nach Norwegen. Auch dort fand die Anthroposophie hauptsächlich durch die Waldorfschulen und heilpädagogischen Einrichtungen Beachtung. 1971 war in Oslo und 1972 in der mittelnorwegischen Universitätsstadt Trondheim eine neue Schule gegründet worden, eine fünfte war in Planung. Aber trotzdem war der Schülerandrang nicht zu bewältigen. Die Gesetzgebung Norwegens war der Errichtung und dem Betrieb von Waldorfschulen günstig, das Problem war der Mangel an ausgebildeten Waldorflehrern. Zu hoffen war, dass die staatliche Anerkennung des Rudolf Steiner-Seminars im schwedischen Järna diesem Mangel abzuhelfen vermochte, zumal nun auch norwegische Studenten staatliche Stipendien und Studiendarlehen für den Besuch dieses Seminars erhalten konnten. Seit seiner Gründung durch Arne Klingborg 1964 hatten nahezu 700 Studenten die angebotenen Ausbildungen absolviert, das Seminar wuchs und bot inzwischen 80 Studenten Unterkunft und Verpflegung. Eine Eurythmieschule war hier ebenfalls im Aufbau begriffen.

Smit, der selbst in Järna unterrichtete, schilderte die Bewusstseinsverfassung der dortigen Studenten. Da viele von ihnen bereits gewisse spirituelle Erfahrungen gemacht hätten, stünde für sie nicht das »gründliche Studium« der Anthroposophie im Vordergrund, sondern der Wunsch nach einer geistigen Lebenserfahrung durch die Anthroposophie. Alle Studenten, die sich in Järna einfänden, hätten das deutliche Empfinden, die Anthroposophie sei wahr: die einen führe dieses Empfinden dazu, die anthroposophischen Inhalte »zu schnell« und dadurch kaum substantiell vertieft aufzusaugen, während die anderen »mit ihrem skeptischen Denken an eine Wand« stießen und wie vor einem Nichts stünden. Beide Probleme könnten nur durch geduldige Vertiefung gelöst werden, durch die sich das ganze Wesen des Menschen mit der Anthroposophie verbinde und langsam zu geistigen Erfahrungen vordringe. Diese substantielle Verbindung des eigenen Wesens mit der Anthroposophie sei nicht durch Vorträge, Kurse oder Wochenendveranstaltungen zu erreichen, sondern nur durch langwierige Erkenntnisprozesse, die zu einem Teil des eigenen Schicksalserlebens werden müssten. Ein Kulturzentrum wie Järna sei für diese Substanzbildung ideal, weil es das langsame Erwachen an der »konkreten geistigen Gegenwart« begünstige. »Die jungen Menschen, die am Seminar waren, haben eine Verdichtung ihrer inneren Lebenssubstanz erfahren und erleben sich im sozialen Gefüge so, dass sie auch die Dreigliederung des sozialen Organismus implizite in diesem Erleben darinnen haben wie ein Gefühl. Man muss dieses Errungene jedoch hereinzustellen wissen in den ganz großen sozialen Zusammenhang innerhalb der Welt«.

Auch in Norwegen war die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft Thema. Aber im Unterschied zu England hatte sich die Mehrheit der Bevölkerung bei einer Volksabstimmung trotz der nahezu einhelligen Befürwortung des Beitritts durch Parteien, Regierung und Presse gegen die EWG entschieden. Smit stand dieser Entscheidung zwiespältig gegenüber, denn er kommentierte die Ablehnung mit der Bemerkung, im Volk habe sich »aus unerfindlichen Gründen eine Gegenbewegung mit den kuriosesten Argumenten und diffusen Emotionen« gebildet. Aus seiner Sicht – und nun folgte die anthroposophische Dialektik, die eine positive Deutung der gesellschaftlichen »Symptome« erlaubte –, sprach sich in dieser Ablehnung ein »unbestimmtes Suchen« nach einem »allgemeinmenschlichen, michaelischen Weg« aus. Der gute norwegische Mensch in seinem dunklen Drange war sich also des rechten Weges wohl bewusst, auch wenn sich dieses Bewusstsein in »kuriose Argumente« kleidete. Die Vermischung rechtlich-politischer und wirtschaftlicher Elemente sei – offenbar vom Souverän, der unbewusst im Sinne der Dreigliederungsidee dachte – als falscher Weg erkannt worden. Gesucht werde – wiederum vom Souverän – nicht nach einem »grauen Nichts«, in dem jede Individualität versinke, sondern nach einem »harmonischen Zusammenklingen der einzelnen Völker im Ganzen«. Das norwegische Volk suchte also unbewusst nach einer Verwirklichung der anthroposophischen Dreigliederungsidee, auch wenn von dieser Tatsache nur die Anthroposophen ein Bewusstsein hatten.

Gerhard Mattke, 1912-1998.

Gerhard Mattke, 1912-1998. Waldorflehrer in Stuttgart.

In Deutschland boomte, ebenso wie in Norwegen, die Waldorfbewegung. Und dieser Boom stellte, wie Gerhard Mattke (1912-1998) feststellte, vor ähnliche Probleme. 1973 gab es 36 Schulen in Deutschland, zwei weitere standen vor der Gründung, die bestehenden erweiterten sich ständig, in Heidenheim und Stuttgart waren Neubauten im Gang, das Stuttgarter Lehrerseminar erweiterte ebenfalls sein Angebot. Seit Herbst 1972 führte es zwei Kurse durch: einen einjährigen Umschulungskurs für Staatsschullehrer und einen zweijährigen für pädagogische Neulinge, den 76 Teilnehmer besuchten. Zwar war die staatliche Anerkennung der Abschlüsse noch nicht erreicht, aber gewisse Erleichterungen standen in Aussicht. Einen großen Zuspruch erfuhr das von Arne Klingborg und Frans Carlgren (1925-2014) verfasste Buch »Erziehung zur Freiheit« über die Waldorfpädagogik, was natürlich die Nachfrage aus der Elternschaft nicht gerade verminderte. Selbstkritisch merkte Mattke an: »Trotz aller Leistungen bleibt aber doch das Gefühl bestehen, dass der Rock, den wir uns geschneidert haben, an manchen Stellen zu groß geraten ist«. Anlass für diese Anmerkung war der auch in Deutschland vorhandene Mangel an gründlich ausgebildeten Waldorflehrern. Die Situation wurde durch einen ersten Generationenwechsel verschärft. Viele der Lehrer, die nach dem zweiten Weltkrieg die Schulen wiederaufgebaut hatten oder an Neugründungen beteiligt gewesen waren, verabschiedeten sich in den Ruhestand oder starben. Der Bund der Freien Waldorfschulen hatte sich genötigt gesehen, die Lehrer zu bitten, auf ihr Freijahr zu verzichten. An manchen Schulen mussten »lebenswichtige Fächer« wie die Eurythmie eingeschränkt werden. Mattke fragte sich, ob man angesichts dieser Notlage nicht entschiedener zwischen »Wachstum und Ausdehnung«, »altem Idealismus und spirituellem Idealismus« unterscheiden müsse.

Auch er ging in seinem Beitrag auf das Thema des »Schwellenübertritts« ein. An einem Beispiel aus dem Unterricht verdeutlichte er, was er meinte. Wenn Schüler im Rahmen der Abiturvorbereitung sich mit dem Unterschied zwischen Plato und Aristoteles – insbesondere mit jenem zwischen Idee und Begriff –beschäftigten, und sich aufgrund ihrer Auseinandersetzung fragten, wie es möglich sei, dass die Begriffe in ihrem Kopf zugleich für die Vorgänge in der Natur gültig seien, da sie diese Vorgänge als Gesetze regelten, dann erlebten sie etwas, das Carl Friedrich von Weizsäcker in die Aussage gekleidet habe, die Begriffe der Physik, mit denen wir die Natur beherrschten, seien an sich »rätselhaft, vollkommen dunkel und ungeklärt«. Der schattenhafte Begriff im menschlichen Bewusstsein unterscheide sich deutlich von jenem Begriff, der in der Natur als Gesetz das Wachstum der Pflanzen bewirke, die Bewegungen der Planeten regele usw. Mit solchen Fragen stünden die Schüler »unmittelbar vor dem Tore der Anthroposophie«. Derartige Erlebnisse träten bei Schülern zwar nicht täglich auf, seien jedoch keine Seltenheit mehr und die Aufgabe des Lehrers sei es, den Schwellenübergang, den sie an einem solchen Erlebnis »unbewusst« vollzögen, ins Bewusstsein zu heben.

Vor ähnlichen Fragestellungen stünden aber auch die Lehrer selbst. Bei der letzten gesamtdeutschen Lehrertagung im Herbst 1972 sei die Frage aufgeworfen worden, ob die spirituelle Schulung durch Meditation nur den einzelnen Menschen oder auch die Gemeinschaft betreffe. Diese Frage habe zu jener nach dem Verhältnis der Lehrer zur Anthroposophischen Gesellschaft geführt. In solchen Fragestellungen sei das Ringen um ein Gleichgewicht zwischen dem Wirken nach Außen und innerlicher Vertiefung erkennbar. Auch wenn dieses Gleichgewicht noch nicht erreicht sei, zeige sich darin doch das Bedürfnis, »aus der Gemeinschaft heraus spiritueller zu werden und miteinander tätig zu werden als Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft«.

Vorheriger Beitrag: Die anthroposophische Gesellschaft als »Geistorgan« der Menschheit

wird fortgesetzt

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