1974 | Der Ruf aus der Geisteswelt

Guarentio, Erzengel Michael

Guariento: Erzengel Michael wiegt eine Seele. Gemälde in der Kapelle des Palazzo Carrara in Padua.

All die religiösen Topoi, die Rudolf Grosse in seiner Eröffnungsrede zur Generalversammlung 1974 angeschlagen hatte, wurden in der folgenden Ansprache von Friedrich Hiebel, der stellvertretend für den Gesamtvorstand aus der allgemein-anthroposophischen Sektion der Hochschule berichtete, aufgegriffen, wenn nicht sogar gesteigert.

Der inzwischen 73jährige zog einen Vergleich zwischen dem Aufbau antiker Tempelanlagen und der organisatorischen Struktur der Freien Hochschule am Goetheanum und fügte schließlich zu Grosses christentumsgeschichtlichen Zitaten ein ausgesprochen gnostisches Motiv hinzu. Laut Hiebel lagen vor antiken (griechischen) Tempeln oft ein Vorhof oder eine Vorhalle, die als »Propyläen« bezeichnet worden seien und aus diesen Vorhallen sei man in das Innere, den esoterischen Bereich, geführt worden. Hiebel verglich die verschiedensten Schulen und Ausbildungsgänge, die rund um das Goetheanum den Sektionen angegliedert waren, mit dem »Vorhof« eines Tempels. Denn was in diesen vorgelagerten Institutionen oder Tätigkeiten vor sich gehe, fließe aus einem Zentrum, dem »Innersten des Schöpferquells des Geisteslehrertums« hervor, obgleich es noch im Elementaren, im »Vorhof« verharre. Im »Inneren« hingegen pulsiere »das Leben der Sektionen« wie ein »geistiger Blutkreislauf«, dessen »Fixpunkt« die allgemein-anthroposophische Sektion sei, deren »Wirksamkeit« am deutlichsten in den vier großen Jahrestagungen zu Ostern, Johanni, Michaeli und Weihnachten zur Erscheinung komme. Über diesem »kleinen Planetensystem« aber throne als »alles durchdringender Fixsternhimmel« der »Impuls« der von Steiner begründeten Hochschule, der in der »ersten Klasse« dieser Hochschule zum Ausdruck komme und nur »im innersten Ichwesen« erfasst werden könne.

Hiebel schwebte offenbar ein dreigliedriges Organigramm der Struktur der gesamten geistigen Tätigkeiten der Gesellschaft an ihrem Zentrum in Dornach vor, dem er durch den Bezug auf die antiken Tempelanlagen mystagogische Weihen zu verleihen versuchte. Die Tätigkeiten in der »Vorhalle« dürften dabei für Hiebel einem leiblichen, jene der Sektionen einem seelischen und jene der »ersten Klasse« einem geistigen Aspekt korrespondiert haben.

Allerdings stellt sich der historische Bezug bei näherer Betrachtung als verfehlt heraus. Denn die griechischen Tempel besaßen keine Propyläen. Die »Propyläen« stellten den einzigartigen Torbau dar, der Einlass zum gesamten Tempelbezirk der Akropolis in Athen gewährte, der seine vielbewunderte Gestalt in den dreißiger Jahren des 5. Jahrhunderts unter Perikles erhielt, aber aufgrund des Ausbruchs des peloponnesischen Krieges unvollendet blieb. Die länglichen Rechtecke der griechischen Tempel, die ursprünglich der Beherbergung eines Kultbildes dienten, bargen in ihrem Inneren eine »Cella« oder ein »Adyton«, in dem dieses Kultbild aufgestellt war. Der »Naos«, die Wohnstätte Gottes, konnte ringsum von einem Säulenkranz umgeben sein, der die Ringhalle oder »Peristasis« bildete. Durch die Ringhalle entstand ein überdachter Rundumgang, das »Pteron«, in dem die Besucher des Heiligtums sich aufhalten konnten oder in dem Prozessionen durchgeführt wurden. Der überdachte Vorraum der Cella wurde als »Pronaos« bezeichnet. Etwas, das den Schulen oder Ausbildungsgängen, von denen Hiebel sprach, vergleichbar wäre, fand weder in den Propyläen noch im Pronaos statt.

Aber die Bedeutung von Hiebels Vergleich liegt nicht in seiner archäologischen, sondern in seiner spirituellen Akkuratesse. Er setzte nämlich den Goetheanumbau mit einem antiken Tempel gleich und das, was in seinem Innersten, im »Allerheiligsten« der »ersten Klasse« geschah, mit dem, was von der Priesterschaft eines solchen Tempels als Kult hätte ausgeübt werden können – wenn es denn einen solchen Kult im antiken Tempel gegeben hätte. Aber Opfer und Prozessionen, die wesentlichen Dramen der griechischen »Religion«, fanden außerhalb des Tempels statt. Dass hingegen die »Arbeit« der »ersten Klasse« kultisch-rituellen Charakter angenommen hatte, wurde bereits bemerkt (siehe »Großkampf der Widersachermächte« und »Stoßkraft des Geistes«).

Um die Bedeutung des »alles durchdringenden Fixsternhimmels« hervorzuheben, erinnerte Hiebel daran, dass es auch schon vor der Gründungsversammlung der Gesellschaft zu Weihnachten 1923 eine »Hochschule für Geisteswissenschaft« gegeben habe: davon zeuge beispielsweise der dreiwöchige Hochschulkurs im Herbst 1920[1], aber im Unterschied zu diesen avancierten Veranstaltungen sei 1923 eine ganz andere »Institution« ins Dasein getreten. Eine Institution, die – im Kontrast zu den früheren Veranstaltungen – nach Aussagen Steiners aufgrund eines »Rufes aus der geistigen Welt« entstanden sei.

Das erste Mal habe Steiner auf diesen Ruf am »Vorabend der Grundsteinlegung« am 24. Dezember 1923 hingewiesen. Unter »Grundsteinlegung« ist im anthroposophischen Sprachgebrauch die Einpflanzung des »Grundsteins« der Gesellschaft in die »Herzen der Mitglieder« während ihrer Neukonstitution bei der »Weihnachtstagung« 1923/24 zu verstehen.[2] Hiebel berief sich mit diesem Hinweis auf die feierliche Eröffnungsansprache Steiners zu dieser Tagung, die am Vormittag von Heiligabend stattgefunden hatte, in der Steiner »die anthroposophische Bewegung in all ihren Einzelheiten als »Götter-« bzw. »Gottesdienst« bezeichnete. Steiner stellte in seiner Ansprache den »Wogen des Materialismus«, die Ende des 19. Jahrhunderts die Welt überflutet hätten, die »großartige Offenbarung eines Geistigen« entgegen, die in diese Woge hineingeschlagen habe, die von »empfänglichen« Gemütern habe aufgenommen werden können.

Wörtlich führte Steiner aus: »Eröffnet hat sich die Offenbarung eines Geistigen für die Menschheit. Und nicht aus irdischer Willkür, sondern aus der Befolgung des Rufes, der aus der geistigen Welt heraus erklungen hat, nicht aus irdischer Willkür, sondern im Anblick der großartigen Bilder, die aus der geistigen Welt heraus sich als die neuzeitlichen Offenbarungen ergaben für das Geistesleben der Menschheit, daraus ist der Impuls für die anthroposophische Bewegung erflossen. Diese anthroposophische Bewegung ist nicht ein Erdendienst, diese anthroposophische Bewegung ist in ihrer Ganzheit mit all ihren Einzelheiten ein Götter-, ein Gottesdienst. Und die richtige Stimmung für sie treffen wir, wenn wir sie ansehen in ihrer Gänze als einen solchen Gottesdienst. Und als einen solchen wollen wir sie in unsere Herzen aufnehmen im Beginne dieser unserer Tagung, wollen in unsere Herzen tief einschreiben, dass diese anthroposophische Bewegung die Seele eines jeden Einzelnen, der sich ihr widmet, verbinden möchte mit den Urquellen alles Menschlichen in der geistigen Welt, dass diese anthroposophische Bewegung den Menschen hinführen möchte zu jener letzten, für ihn vorläufig in der Menschheitsentwickelung der Erde befriedigenden Erleuchtung, die sich über die begonnene Offenbarung kleiden kann in die Worte: Ja, das bin ich als Mensch,  als  gottgewollter Mensch auf Erden, als  gottgewollter Mensch im  Weltenall«.[3]

Wenn ein Ruf erklinge, fuhr Hiebel fort, dann sei doch auch ein Rufender vorhanden. Während der Weihnachtstagung sei zwar immer wieder von dem »Rufenden« gesprochen, sein Name jedoch nie genannt worden.

Daraus ergebe sich, so Hiebel, »die Aufforderung des Geisteslehrers«, die Weihnachtstagung niemals als »etwas Abgeschlossenes« zu betrachten, sondern als einen »fortdauernden Vorgang«. Bereits sechs Wochen nach dieser Tagung habe Steiner »den Stuttgartern zugerufen: die Weihnachtstagung dürfe niemals aufhören«.[4] Bald darauf habe er in Prag davon gesprochen, Gesellschaft und Bewegung würden »immer mehr eins werden (›werden‹ als Zukunftsgesinnung gemeint)«.[5] Ostern 1924 habe er bereits von der »Notwendigkeit einer ›Auffrischung‹ der Weihnachtstagung« geredet, als die Mantren des Textes der »Grundsteinlegung« erstmals eurythmisch auf der Bühne dargestellt worden seien.[6] Wie ein »Grundmotiv« habe sich dies (Hiebel meinte wahrscheinlich die Hinweise auf die fortdauernde Realisierung des Gründungsimpulses) durch die folgenden Monate hindurchgezogen, bis in den September 1924, bis zu Steiners letzter Ansprache.[7]

Mit seinem Hinweis auf den September 1924 war der Anschluss geschaffen, um den es Hiebel offenbar ging, der wiederum seinen Vergleich mit dem antiken Tempel»dienst« legitimieren sollte. Denn nun sprach er den Namen des »Rufenden« selber aus, genauer gesagt, er umschrieb diesen Rufenden, indem er vom »Mysterium des Michael« und vom »Ruf der Michael-Botschaft« sprach, die im allmählichen Zusammenschluss von Gesellschaft und Bewegung »als Überzeitliches« wirksam geworden sei. Interessanterweise erscheint in Hiebels Formulierungen (die er für das Protokoll überarbeitet hatte) nicht das Wesen Michael, der Erzengel, als das Wirkende, sondern die »Michael-Botschaft«, also das, was durch Steiner den Menschen über diesen Erzengel mitgeteilt wurde, was allerdings konsequent ist, wenn man bedenkt, dass Steiner stets betonte, dieser Erzengel zwinge den Menschen zu nichts, sondern warte ab, dass dieser selbst aus Freiheit aktiv werde.

Nun steuerte Hiebels Deutung des anthroposophischen Gesellschaftsmythos auf ihren Höhepunkt zu: die »Konstitution« (der Gesellschaft), die »uns«, also den versammelten Mitgliedern, zu Weihnachten 1923 »aus dem Rufe der Geistweit geschenkt« worden sei. Dabei übersah Hiebel völlig, dass diese Konstitution nur Makulatur gewesen wäre, wenn nicht ebendiese Mitglieder sie in einer tagelangen Diskussion bis in ihre einzelnen Formulierungen hinein überprüft und schließlich gutgeheißen hätten. Von einer präexistenten Gnadengabe, die sich wie ein himmlisches Geschenk durch Steiner auf die Gemeinde herabsenkte, kann also keine Rede sein. Ebendiese Konstitution, fuhr Hiebel fort, inauguriere einen segensreichen Heilungsprozess, der das Auseinanderfallen der »Mutter« (der Gesellschaft) und der »Töchter« (der sozialen Bewegungen der Anthroposophie) »verhüten« könne, wenn »das Lebendigmachen der Konstitution als fortdauernde Aufgabe« ergriffen werde. Allerdings sah Hiebel in dieser Fortdauer des Lebens einen prekären Prozess, denn die Realisierung dieser Aufgabe sei in der Konstitution keineswegs »garantiert«, »sanktioniert« oder »als Dogma patentiert«.

Angesichts der vergangenen 50 Jahre der Gesellschaftsgeschichte, aus welchen nicht nur die resignierten Feststellungen Marie Steiners widerhallen, die Weihnachtstagung sei »gescheitert«, sondern auch die unaufgearbeitete Geschichte des tatsächlichen fortwährenden Scheiterns an der gestellten Aufgabe, wirken Hiebels Beschwörungen gelinde gesagt anachronistisch und seine Feststellungen als zielgenaue Schüsse in den Nebel. Schließlich beruhten seine Ausführungen auf der unausgesprochenen Annahme – dem Dogma –, die »Mutter Anthroposophia« sei weiterhin mit der Institution der Gesellschaft vereint, jene communicatio idiomatum, die durch Steiner in seiner Person hergestellt worden war, habe bis zum Jahr 1974 fortbestanden, trotz aller geschichtlichen und sozialen Katastrophen, die das Gegenteil bewiesen. Seine Beteuerung, die Realisierung der Vereinigung zwischen Gesellschaft und Bewegung sei »nicht als Dogma patentiert«, lenkte den Blick davon ab, dass seine ganzen Ansichten ebendieses Dogma voraussetzten. Deutlich geht dies aus den Sätzen hervor: »Die Tochterbewegungen sind verankert in einer der Sektionen. Wenn sie sich mit den jeweiligen Leitern dieser Sektionen in aktiver Übereinstimmung wissen, halten sie der ›Mutter‹ Anthroposophia die Treue«. Die »Mutter« ist also in den Leitern der Sektionen gleichsam verkörpert, sie lebt in ihnen und indem die Mitarbeiter der Sektionen der Hochschule diesen Leitern »die Treue halten«, halten sie auch der »Mutter« die Treue. Was aber, wenn die Sektionsleiter nicht die Träger des Heils waren, wie einst die Bischöfe? Wenn die Hochschule selbst, die sich als »Michaelsschule« verstand, von diesem Erzengel längst verlassen worden war?

Ob es sich nun um einen Druckfehler handelt oder um Absicht: die folgenden Sätze Hiebels bringen den gesamten Gesellschaftsmythos auf den Punkt: »Alles liegt in dem aktiven Ergreifen des lebendigen ›Gnadenkunstwerks‹[8] der Konstitution, wie sie von Tag zu Tag sich zu erneuern vermag. Dieses Geschenk will immer neu ergriffen werden, wenn einzelne Individualitäten sich in Geistesfreiheit in Verbindung setzen mit dem Goetheanum als dem geistigen, seelischen und auch erdgeographischen Mittelpunkt der Bewegung«.

An der Tatsache, dass die Gesellschaft sich als »Gnadenkunstwerk« verstand, das jenen, die sich zu ihr bekannten, Erlösung verhieß, änderten auch die folgenden Erörterungen nichts, in denen Hiebel unter Berufung auf die Prinzipien der Weihnachtstagung den Unterschied Dornachs von »Rom oder Mekka« herausstellte. Der vierte Paragraph besage, jedermann könne Mitglied werden, der im Bestand einer solchen Institution, wie sie das Goetheanum als Freie Hochschule für Geisteswissenshaft sei, etwas Berechtigtes sehe: eine »freilassendere Formulierung einer Geistesgesellschaftung« gebe es nicht. Diese Aussagen dürfe man aber weder als »Relativierung« noch als »nivellierende Dezentralisierung« auffassen, sondern müsse sie als Ausdruck des »Freiheitsimpulses der Bewusstseinsseele« verstehen, die nicht nach »Anhängern einer Dogmatik« suche, sondern nach Mitarbeitern, »in deren Herzen der Ruf aus der Geistwelt ein Echo« finde. Dornach könne nur »Mittelpunkt« sein, wenn dieser Mittelpunkt von der »Peripherie« als solcher anerkannt werde. Und eben deshalb könne es »niemals ein Ort werden wie Rom oder Mekka«. Denn hinter diesen beiden Orten stehe »der Schatten früherer Offenbarungsmächte«, deren Offenbarungsinhalt im Dogma eingefroren sei, einem Dogma, das geglaubt, nachgebetet, katechisiert werden müsse. Der »entscheidende Unterschied« zu diesen Orten und den mit ihnen verbundenen religiösen Strömungen lag für Hiebel darin, dass – Rudolf Steiner imstande gewesen sei, nicht nur »geistige Offenbarungsinhalte« zu vermitteln, sondern auch den »Erfahrungsweg zur Erlangung übersinnlicher Forschungsmethoden« aufzuzeigen.[9] Die von ihm begründete Freie Hochschule sei nicht »hoch« im »Hochmutgefühl einer intellektuellen Elite« oder »tief« in »geheimnistuerischer Eigenbrötelei«, sondern gehe »den Mittelweg zwischen Dozieren und Tradieren«.

Was ist das für ein Mittelweg?! Was wird doziert, wenn nicht eine Tradition, die in Dogmen eingesargt ist, was tradiert, wenn nicht ein Dogma?[10] Das Dornacher Konzilium hatte sich inzwischen sogar die Berufung auf die »Freiheit der Bewusstseinsseele« einverleibt. Was Hiebel nicht sah, war, dass die Frage nach der realen Existenz der Hochschule für Geisteswissenschaft nicht mit dem Verweis auf die Erkenntnisfähigkeiten Rudolf Steiners beantwortet werden konnte, denn deren Ergebnissen standen die Vertreter der »Bewusstseinsseele« solange nicht anders gegenüber als die Anhänger irgendeiner Offenbarung, die sie »nachbeteten«, solange sie nicht in sich selbst »die Erkenntnisfähigkeiten Steiners« zu aktualisieren vermochten. Und so verwundert es auch nicht, wenn sich Hiebel in seinen Schlussworten, in welchen er sich erneut vom Dogmatismus abgrenzte, fortwährend auf Steiner berief. Alles, was vom Goetheanum ausgehe, so meinte er, richte sich an die Welt und sei – »eingedenk eines vor fünfzig Jahren gesprochenen Mahnworts Rudolf Steiners« (!) – »esoterisch und weltmännisch zugleich«. Wie aber konnte ein 50 Jahre altes »Mahnwort« in das Prädikat eines gegenwärtigen Geschehens umgedeutet werden? Aus einigen allgemeinen Floskeln über das Innere, das nach Außen dränge, das Äußere, das aus dem Quell des Inneren lebe und das Leben, das ja, wie Steiner sage, »ganz esoterisch« sei, leitete Hiebel die Gewissheit ab, dass die Art wie (am Goetheanum?) Esoterik vertreten werde, »allen Dogmatismus« ausschließe. Und erneut folgte eine Berufung auf Steiner: Während nämlich der vierte Paragraph der Prinzipien »das Weltmännische« betone, fasse der fünfte »das Esoterische« ins Auge. Beide aber setzten die Freiheit des Willens voraus. Denn nicht nur könne jedermann Mitglied der Gesellschaft werden, der »in einer solchen Institution wie« dem Goetheanum als Freier Hochschule etwas Berechtigtes sehe. sondern der fünfte Paragraph beschreibe das Goetheanum in Dornach lediglich als »ein Zentrum« des Wirkens der Gesellschaft, nicht als »das Zentrum« schlechthin. Weder werde das Goetheanum als einzig mögliche Form einer Freien Hochschule noch als einziges Zentrum der Gesellschaft bezeichnet, sondern Institution und Zentrum stünden beispielhaft freilassend für viele mögliche andere. Das allerdings trifft zu.

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Anmerkungen

[1] Der erste anthroposophische Hochschulkurs, durch den das erste (noch nicht vollständig ausgebaute) Goetheanum in Gebrauch genommen wurde, fand vom 27. September bis 16. Oktober in Dornach statt. Bei diesem Kurs wurden von 33 Mitwirkenden an die hundert Vorträge über Philosophie, Theologie, Geschichte, Sprachwissenschaft, Physik, Mathematik, Chemie, Medizin, Indologie, Jurisprudenz, Pädagogik und Ökonomie gehalten. Steiner selbst hielt vom 27.09 bis 3.10. die Vortragsreihe »Grenzen der Naturerkenntnis«, GA 322 sowie für Ärzte vom 7.-9.10. die Vorträge »Physiologisch-Therapeutisches auf Grundlage der Geisteswissenschaft«, GA 314.

[2] Der »Grundstein« hat die Gestalt eines mantrischen Textes, den Steiner während der Tagung immer wieder vortrug und erläuterte, in dem die gesamte Hierarchienwelt und die göttliche Trinität als Zeugen des Stiftungsereignisses angerufen werden. Dieser Text, der bis heute nichts von seiner Strahlkraft verloren hat, ist in GA 260, S. 65-69 abgedruckt.

[3] GA 260, 5. Aufl., Dornach 1994, S. 35.

[4] Hiebel bezieht sich auf die erste Ansprache, die Steiner nach den Ereignissen in Dornach am 6. Februar 1924 in Stuttgart hielt, in deren Verlauf er an die dortigen Mitglieder appellierte: »Wir wollen mit dem Geiste, der mit der Weihnachtstagung gemeint war, so zusammenwirken, dass der wirkende Impuls dieser Weihnachtstagung unter Anthroposophen, welche die Bedingungen des anthroposophischen Lebens richtig zu erkennen sich bestreben, niemals aufhören möge; dass durch dieses anthroposophische Bestreben die Dornacher Tagung immer mehr und mehr ihren wirklichen Inhalt erhalte; dass diese Dornacher Tagung durch dasjenige, was die Anthroposophen überall in der Welt aus ihr machen, eigentlich niemals aufhöre; dass der Geist, den anzurufen dort versucht wurde, dass dieser Geist immer da sei durch den guten Willen, durch die Hingabe, durch das eindringende Verständnis der Mitgliedschaft für Anthroposophie und anthroposophisches Leben«. GA 260 a, Dornach 1987, S. 179.

[5] Hiebel kann sich hier nur auf die Ausführungen über die Weihnachtstagung am 29. März 1924 in Prag beziehen. Hier ist aber nicht von »werden«, sondern von »sein« die Rede: »In viel höherem Grade als das bisher der Fall war, wird man anthroposophische Bewegung und Anthroposophische Gesellschaft zu identifizieren haben. Sie werden eins sein. Nur unter diesen Bedingungen konnte ich mich selber entschließen, den Vorsitz zu übernehmen und diese Gesellschaft bei der Dornacher Weihnachtstagung zu ersuchen, denjenigen Vorstand mir an die Seite zu stellen, mit dem ich glauben kann, dass ich meine Intentionen durchführen kann«. GA 260 a, S. 183.

[6] Hiebel bezieht sich auf die Schlussworte der Osterveranstaltung am 23. April 1924 in Dornach, in denen es heißt: »Das, meine lieben Freunde, möchte ich auf Ihre Seele legen, möchte ich in Ihr Herz versenken und möchte, dass Sie es als eine Empfindung mitnehmen auch von dieser Ostertagung hier. Dann wird diese Ostertagung etwas wie eine Auffrischung der Weihnachtstagung werden. Wenn diese Weihnachtstagung in der richtigen Weise wirken soll, so muss sie immer wiederum, als ob sie gegenwärtig wäre, aufgefrischt werden durch alles das, was sich aus ihr herausentwickelt. Möge sich vieles aus dieser Weihnachtstagung in immer weiterer Erneuerung herausentwickeln«. GA 260 a, S. 219.

[7] Hiebel verweist auf Äußerungen Steiners am 5. und 20. September 1924. Die Daten führen zu den Vorträgen »Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge« und zu einer »Unterweisung für die erste Klasse der Freien Hochschule«. In den Karmavorträgen heißt es am 5. September 1924: »Selber geht uns an unsere Zugehörigkeit zur Anthroposophischen Gesellschaft. Für diese in der äußeren Sinneswelt bestehende Tatsache, für diese unsere Zugehörigkeit zur Anthroposophischen Gesellschaft, müssen wir in der Lage sein, anzuerkennen das entsprechende Spirituelle, die spirituelle Bewegung, die in der geistigen Welt sich in der neueren Zeit entwickelte und im Erdenleben fortbestehen wird, wenn die Menschen ihr treu bleiben können. Sie wird fortbestehen sonst abseits vom Erdenleben. Sie wird fortbestehen zusammenhängend mit dem Erdenleben, wenn die Menschen in ihren Herzen die Kraft finden, ihr treu zu bleiben.« GA 238, Dornach 1981, S. 12. Und am 20. September 1924 führte Steiner in der »Klassenstunde« aus: »Durch alles dasjenige, was mit dem Impuls der Weihnachtstagung zusammenhängt, durch alles das ist die Möglichkeit herbeigeführt worden, dass diese den Kern der anthroposophischen Bewegung bildende esoterische Schule anzusehen ist als die von Michael selbst inspirierte und geleitete esoterische Schule. Dadurch besteht sie innerhalb unseres Zeitalters zu Recht, dass sie eine spirituelle Institution ist. Das muss von jedem, der zu Recht Mitglied dieser Schule sein will, im allertiefsten Ernste in sein Leben aufgenommen werden. Und es muss sich derjenige, der zu Recht Mitglied dieser Schule sein will, fühlen nicht bloß zu einer irdischen Gemeinschaft gehörig, sondern zu einer übersinnlichen Gemeinschaft gehörig, deren Lenker und Leiter Michael [gemeint ist der Erzengel Michael, der im Jahr 1879 laut Steiner die Zeitalter-Regentschaft von Gabriel übernommen hatte] selber ist. Daher wird immer dann dasjenige, was hier mitzuteilen ist, nicht bloß als mein Wort zu gelten haben, insofern es Inhalt der Stunde ist, sondern es wird zu gelten haben als dasjenige, was Michael an diejenigen, die sich zu ihm gehörig fühlen, selber in esoterischer Art in diesem Zeitalter zu verkündigen hat. Das also, was diese Stunden enthalten, wird die Michael-Botschaft für unser Zeitalter sein. Und damit, dass sie das ist, wird die anthroposophische Bewegung ihre eigentliche spirituelle Stärke erhalten«. GA 270 c, S. 124-125.

[8]  Dieser Ausdruck steht tatsächlich im »Nachrichtenblatt« Nr. 19 vom 12. Mai 1974. Vielleicht hatte der Autor ursprünglich »Gedankenkunstwerk« geschrieben, aber korrigiert wurde der Fehler nicht, falls es sich um einen solchen handelte.

[9] Diese Behauptung stimmt nicht einmal mit Steiners eigener Interpretation des Christentums überein, nach der die christliche Offenbarung zugleich einen Weg zu dieser Offenbarung darstellte, den er als »christlich-gnostischen Schulungsweg« bezeichnete (sieh z.B. den Vortrag vom 7. Juli 1909 in GA 112). Hätte sich Steiner intensiver mit dem Islam beschäftigt, wäre ihm gewiss nicht entgangen, dass auch der Koran als Weg zur Erkenntnis seines Offenbarungsgehaltes verstanden wurde.

[10] Das lateinische »doceo« leitet sich vom griechischen δοκεῖ, δόγμα ab.

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