1974 | Der Untergang des Abendlandes

Oswald Spengler, 1880-1936

Oswald Spengler veröffentlichte sein epochemachendes Werk zum Untergang des Abendlandes 1918-1922

Einblick in die globalen Aktivitäten der anthroposophischen Bewegung vermitteln auch für das Jahr 1974 die Länder- und Sektionsberichte der Generalversammlung. Sowohl in Großbritannien als auch in den USA stand ein Führungswechsel bevor. Der 77jährige Cecil Harwood trat nach 37 Jahren von seinem Amt als Generalsekretär der englischen Landesgesellschaft zurück. An seine Stelle trat eine Gruppe von fünf Verantwortlichen, da sich die individualistischen Briten nicht auf eine einzelne Person als Nachfolger einigen konnten.

Hagen Biesantz würdigte Harwood in seinem Bericht als einen Menschen, der es verstanden habe, die Freiheit anderer, auch Andersdenkender, zu achten, ohne dabei in einen indifferenten »Pluralismus zu verfallen«. Seinen unermüdlichen Bemühungen auch in den »schwierigsten Situationen der Gesellschaftsgeschichte« sei es zu verdanken, dass jahrzehntelang verfeindete Gruppen von Mitgliedern wieder zusammenarbeiteten und England schließlich den Weg zum Goetheanum zurückgefunden habe (der Wiederanschluss war 1964 erfolgt). Harwood hatte sich laut Biesantz auch Verdienste für die Ausbreitung der Eurythmie im englischen Sprachraum erworben, weil er »kompromisslos« für ihren Zusammenhang mit der Anthroposophie eingetreten sei, von dem getrennt sie einer apokryphen Aussage Steiners zufolge notwendig »degenerieren« müsse. Auch in anderer Hinsicht berief sich Biesantz auf Aussagen Steiners aus zweiter Hand: dieser habe davon gesprochen, dass die Anthroposophie sich durch die englische Sprache in der Welt verbreiten werde. Die »englischsprechende Bevölkerung« habe er außerdem »in einem gewissen Sinn« als genuinen Repräsentanten der »fünften nachatlantischen Kulturepoche« bezeichnet. Denn diese »Bevölkerung« sei »vor allem dafür geeignet, das Element der Bewusstseinsseele auszubilden und dadurch in besonderem Sinne ein Repräsentant unserer modernen Welt zu sein«. Für diese Aussage konnte er sogar auf einen Vortrag Steiners vom 12. Dezember 1918 verweisen.

In der Tat findet sich in diesem Vortrag (in dem Steiner vor dem epochalen Hintergrund des Bewusstseinsseelen-Zeitalters, der sich in ihm mit Notwendigkeit auslebenden »antisozialen Triebe« und des I. Weltkrieges die kulturgeographischen und spirituellen Vereinseitigungen West-, Mittel- und Osteuropas darstellt) der Satz: »Die Menschen der englisch sprechenden Bevölkerung sind heute dafür besonders veranlagt, die Bewusstseinsseele auszubilden, so dass sie in einer gewissen Weise die repräsentativen Menschen für diese fünfte nachatlantische Zeit sind …« Mit dieser Veranlagung gehe in der englisch sprechenden Bevölkerung eine »besondere Geeignetheit für das politische Leben« einher – im Gegensatz zur »russischen Bevölkerung« oder jener der »Mittelländer«. »Die Bevölkerung des Westens«, so Steiner, das heißt, »alle, die englisch sprechen – als Volkstum, der Einzelne kann sich sehr herausheben – «, zeichne sich durch eine »besondere Begabung« aus, eben jene, »die Bewusstseinsseele auszubilden«, »im Zeitalter der Bewusstseinsseele die charakteristischen Eigenschaften in dem [diesem] Seelenglied nicht loszureißen, sondern die Ausbildung der Intelligenz, die besondere Eigenheit der Intelligenz mit den Erlebnissen zu verbinden. Selbstverständlich, instinktiv, möchte ich sagen, triebmäßig sich in die Welt hineinzustellen als Bewusstseinsseelenmensch, darauf beruht die ganze Größe des Britischen Reiches. Darinnen liegt das Urphänomen in der Ausbreitung des Britischen Reiches, dass dasjenige, was in der Anlage seiner Menschen beruht, gerade zusammenfällt mit dem innersten Impuls dieses Zeitalters« (GA 186, 12.12.1918).

Der damit verbundenen, »instinktiven« Manifestation antisozialer Triebe, auf welchen die Ausbildung der Bewusstseinsseele beruhe – die sich übrigens in der Menschheit insgesamt, wenn auch in unterschiedlicher Form, auswirken, insofern sie als Ganze in das Zeitalter der Bewusstseinsseele eingetreten ist, stellt Steiner die Notwendigkeit der Pflege sozialer Fähigkeiten, des »Interesses für den anderen Menschen« (Empathie), gegenüber, die im Gegensatz zur Selbstbehauptung und Abgrenzung der Bewusstseinsseele durch individuelle Anstrengung systematisch herangebildet werden müssen, um die zerstörerischen Tendenzen des Zeitalters auszugleichen. Nicht indem die Menschheit angesichts der fortschreitenden Individualisierung und Auflösung der alten sozialen Ordnung auf frühere ständische, korporatistische oder gar völkische Gemeinschaftsformen zurückgreift, wird sie die Zerstörungstendenzen der Bewusstseinsseele ausgleichen können, sondern allein indem der einzelne, nunmehr individualisierte, aus dem instinktiven sozialen Zusammenhang herausgelöste Mensch um so mehr das Interesse am Anderen, eben die Empathie entwickelt. Diesem Ausgleich und der Harmonisierung der Einseitigkeiten soll im angedeuteten Kontext auch die Dreigliederung der sozialen Strukturen dienen. Biesantz scheint ein Bewusstsein von der Zweischneidigkeit der »Veranlagung« der »englischsprechenden Bevölkerung« (die jene der USA einschließt) besessen zu haben, denn er betonte, es sei »unsere gegenwärtige Aufgabe«, mitzuhelfen, »dass Anthroposophie in die englischsprechende Kulturwelt so eintauchen kann, dass sie umgestaltend innerhalb derselben wirkt, so wie sie es im deutschsprachigen Kulturleben bereits getan hat«. Dass die Geschichte der anthroposophischen Gesellschaft selbst nicht von jenen Kräften der Empathie geprägt war, deren Ausbildung Steiner nachdrücklich gefordert hatte, überging er geflissentlich.

Der Kunst, insbesondere der Eurythmie, wies Biesantz bei dieser »Umgestaltung« der Kultur der »englischsprechenden Welt« eine zentrale Rolle zu: diese bedürfe derselben, als einer »Brücke von der Materie zum Geist«, wie Steiner in seinen Vorträgen über das »Initiaten-Bewusstsein« in Torquay 1924 ausgeführt habe (11.-22.08.1924, GA 243). Der damit skizzierten Aufgabe sollten auch die »von Dornach geförderten« Einsätze von Eurythmisten in den Vereinigten Staaten dienen: im Frühsommer 1973 hatten Absolventinnen der Kurse Ilona Schuberts (1900-1983) und Elena Zuccolis (1901-1996) eine erste Tournee durch die USA unternommen, Teile des Bühnenensembles hatten an der Sommertagung der amerikanischen Landesgesellschaft in Spring Valley NY, mitgewirkt, um anschließend durch das Land zu touren und waren auf begeisterten Zuspruch gestoßen. Die Eurythmieschulen in New York und Spring Valley wurden durch mehrwöchige Kurse von Margarete Proskauer (1911-2003) unterstützt, was allerdings die Schließung der New Yorker Schule aufgrund des Weggangs ihrer Leiterin Ilse Kimball-Maulsby (1900-1987)[1] nach Südafrika nicht verhindern konnte.

Aber England stimmte nicht nur wegen der erfolgreichen Tagung in Exeter hoffnungsvoll, die im vergangenen Sommer von 800 Teilnehmern aus der ganzen Welt besucht worden war und den englischsprechenden Mitgliedern laut Biesantz »erstmals seit der Gesellschaftskrise der 1930er Jahre« wieder die Möglichkeit geboten habe, sich »als Angehörige einer einheitlichen, allgemeinen Weltgesellschaft zu erleben«, sondern auch wegen des Emerson-Colleges in Forest Row (Sussex), das sich inzwischen zur »größten anthroposophischen Ausbildungsstätte für Erwachsene« außerhalb Dornachs entwickelt habe. Diese Blüte des Colleges war nicht zuletzt auf die ausgedehnte Reisetätigkeit seines Begründers, Francis Edmunds (1902-1989)[2], zurückzuführen.

Biesantz konnte aus eigener Anschauung auch über die Lage in Australien und Neuseeland berichten. Die Tagung der Biodynamic Agricultural Association of Australia in der Nähe von Melbourne war von rund der Hälfte der etwa 400 australischen Farmer besucht worden. Nur die wenigsten waren Mitglieder der Gesellschaft, aber von der landwirtschaftlichen Methode aufgrund ihrer Ergebnisse überzeugt. Die biologisch-dynamisch bebaute Fläche betrug etwa 130.000 Hektar, eine Tatsache, die, wie Biesantz mit Genugtuung feststellte, bei der »Kunstdünger-Industrie im Staate Victoria bereits einen empfindlichen Rückgang ihrer Produktion« bewirkt habe. Im Widerspruch zur Aussage, die wenigsten der biologisch-dynamischen Farmer seien Mitglieder der Gesellschaft, führte er die Gesundheit der anthroposophischen Arbeit in Australien darauf zurück, dass die Aktivitäten der »Tochterbewegungen« fast ausschließlich von »tätigen Mitgliedern« getragen würden. Entweder, er betrachtete die Arbeit der Farmer nicht als anthroposophisch, oder er rechnete die Landwirtschaft nicht zu den »Tochterbewegungen«. Wie dem auch sei: im Unterschied zu Europa gebe es bei den Antipoden – von Ausnahmen abgesehen – kein »hinderliches Gegeneinander« verschiedener Aktivitäten, sondern gemeinsame Verantwortung für alles, was geschehe. Daraus resultiere die »innere Kraft« der dortigen Gesellschaft.

In Australien gab es zu dieser Zeit zwar eine anthroposophische Gesellschaft aber keine Christengemeinschaft. Eine offenbar geplante Ausdehnung der Tätigkeit der Christengemeinschaft nach Australien barg potentiellen Konfliktstoff in sich, denselben Konfliktstoff, mit dem sich bereits Steiner kurz nach der Gründung dieser religiösen Erneuerungsbewegung 1922/23 auseinandersetzen musste: die Möglichkeit, dass die Mitglieder der anthroposophischen Gesellschaft in diese Gemeinschaft abwandern könnten (siehe: 1923 | Ringen um Erneuerung). Biesantz betrachtete ein solches Vorhaben als »einschneidende Veränderung« und deutete den Inhalt von Gesprächen mit den Stuttgarter Oberlenkern der von der anthroposophischen Gesellschaft völlig unabhängigen Bewegung an, in welchen Einigkeit darüber erzielt worden sei, sich vor einem solchen Schritt »eingehend zu verständigen«.

In den USA fand, wie bereits angedeutet, ebenso wie in Großbritannien eine Stabübergabe statt: der im belgischen Eupen geborene Unternehmer Dietrich Asten (Asten Group, 1922-1984), der seine Funktion 1962 übernommen hatte, übergab diese 1973 an Henry Barnes. Ähnlich wie Harwood in England hatte auch Asten es auf sich genommen, die »stark divergierenden Richtungen« in der amerikanischen Gesellschaft zu einem kontinuierlichen Zusammenwirken auf Landesebene zu bewegen. Biesantz attestierte ihm, diese Aufgabe »mit großer Beharrlichkeit und Fairness gemeistert« zu haben.

Apokalyptische Töne stimmte Ingo Hellmers, der Vertreter der deutschen Landesgesellschaft, in seiner Rede an. Das Jahr 1974 verknüpfte er mit Hilfe des so beliebten wie beliebigen Instruments der 33jährigen »Umlaufzeit geschichtlicher Ereignisse«[3] mit dem deutschen Angriff auf Russland (1941) und der von der deutschen Heeresleitung 1917 unterstützten, bolschewistischen Revolution. Unter dem, was 1917 gesät worden sei, habe die Bevölkerung der DDR noch heute zu leiden. Die Unterdrückung der Freiheit in Ostdeutschland verhindere dort auch das offene Eintreten für die Anthroposophie. Der Generationen übergreifenden Auswirkung deutscher Schuld verlieh er alsdann durch eine Äußerung Steiners aus dem Jahr 1921 globale Dimensionen. Dieser blickte bei seinem ersten Aufenthalt in Oslo nach dem I. Weltkrieg Ende November 1921 auf seine Vorträge zurück, die er dort im Jahr 1910 über die »Mission einzelner Volksseelen … « (GA 121) gehalten hatte, und deutete, wie an vielen anderen Orten auch, die Katastrophe des Krieges als Folge der Weigerung der politischen und kulturellen Eliten, sich zu einer spirituellen Selbsterkenntnis der Völker zu erheben, die allein die »Volksegoismen« hätte überwinden können, aus welchen das Völkerschlachten entsprungen war. Europa prophezeite Steiner einen fortschreitenden Verfall, wenn es sich nicht »auf die spirituelle Grundlage des Menschenlebens« besinne. Für die Zukunft stellte er einen »großen Krieg zwischen Asien und dem Westen« in Aussicht, wenn es dem Westen nicht gelinge, den innerhalb der europäisch-amerikanischen Kultur »noch verborgenen Geist« zu entbinden, zu dem allein die Asiaten Vertrauen gewinnen könnten. »Die Stunde der großen Entscheidung ist da«, rief Steiner am 24. November, 18 Jahre vor dem Beginn des II. Weltkriegs aus, »entweder werden sich die Menschen entschließen, die Spiritualität zu heben, von der ich eben gesprochen habe, oder der Untergang des Abendlandes ist sicher … Die Menschheit muss selber entscheiden, ob sie die Spiritualität haben will oder ob sie sie nicht haben will. Wird sie sie haben wollen, dann wird ein Fortschritt der Menschheit möglich sein. Wird sie sie nicht haben wollen, dann ist der Untergang des Abendlandes besiegelt, dann wird unter den furchtbarsten Katastrophen eine ganz andere Fortentwicklung der Menschheit stattfinden müssen, als sich viele heute träumen lassen« (Oslo, 24.11.1921, GA 209).

Damit war ein denkbar großer Verantwortungshorizont aufgespannt, in den sich das in Dornach versammelte Häufchen von rund tausend Mitgliedern hineingestellt sah. Ob für Hellmers der »Untergang des Abendlandes« bereits eingetreten war, geht aus seinen Ausführungen nicht hervor; wenn nicht, so scheint er ihn zumindest für die nahe Zukunft erwartet zu haben. Jedenfalls sah er die »kleine Zahl« an Menschen, die »für die Freiheit« kämpften, von vielerlei Bedrohungen umstellt und schien auch die Geschichte der anthroposophischen Bewegung vor allem als Geschichte eines Niedergangs zu interpretieren. Zwar verstehe sich der Westen Deutschlands im Gegensatz zum Osten als Teil der freien Welt, aber diese scheinbare Freiheit täusche darüber hinweg, welcher »scharfe Kampf gegen die Verwirklichung anthroposophischer Inhalte« in dieser angeblich freien Welt geführt werde. Als Beleg für diese Behauptung verwies der Redner auf den 1970 verfassten »Strukturplan« des Deutschen Bildungsrates, in dem erklärt werde, die Verantwortung für das gesamte Bildungswesen liege beim Staat und werde durch Regierung und Parlament ausgeübt. Der Staat bestimme also den Bildungsweg der Heranwachsenden bis in alle Einzelheiten. Hellmers Deutung der Rolle des Bildungsrates in der staatlichen Bildungspolitik ist diskussionswürdig, zumal dieser sich als unabhängiges Expertengremium verstand und gerade zu dieser Zeit von seiten der Bildungsverwaltung aufgrund seiner 1973 veröffentlichten Empfehlung zur verstärkten Selbständigkeit der Schulen und zur Partizipation von Lehrern, Eltern und Schülern heftig kritisiert wurde. Das durch diese Empfehlung in Bürokratie und Politik gesäte Misstrauen führte 1975 zur Auflösung des Rates.

Aber Hellmers sah ein kleines Häuflein von Freiheitskämpfern einem übermächtigen Leviathan gegenüberstehen. Zur Verbesserung dieser Situation trug auch nicht gerade bei, dass die Entwicklung der anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland stagnierte – sie hatte 1974 gerade so viele Mitglieder, wie die gesamte Gesellschaft 1923 (etwa 12.000). Sie wachse allein durch jene, »welche uns in die geistige Welt vorausgegangen sind« – die verstorbenen Mitglieder blieben also in Hellmers Augen Angehörige der Gesellschaft. Steiner habe jedoch gehofft oder erwartet – so Hellmers unter Berufung auf eine apokryphe Überlieferung durch den Waldorflehrer René Maikowski –, dass die Mitgliederzahl in die Millionen gehen werde, er habe aber gleichzeitig erklärt, dass »die Sprache noch nicht gefunden« sei, um diese potentiellen Mitstreiter zu gewinnen. Hellmers suchte eine Erklärung dafür, dass sich die Menschen erst der Gesellschaft anschlössen, wenn sie älter als Dreißig seien, in ihrer »Persönlichkeitsstruktur« und bedauerte die dadurch bedingte »Überalterung«. Die Selbstkritik Steiners, der die mangelnde Attraktivität der Gesellschaft auf die Unfähigkeit zurückführte, die »richtige Sprache« zu finden, griff Hellmers nicht auf. Auch der Tatsache, dass die anthroposophischen »Institutionen« (Waldorfschulen usw.) sich wachsenden Zuspruchs erfreuten, konnte er keine positive Perspektive abgewinnen, vielmehr sah er die Menschen, die in die Institutionen strömten, unter den Einfluss einer »Umwelt« geraten, in deren Zentrum nicht die Auseinandersetzung mit der Anthroposophie stehe, denn diese Institutionen seien selbst »in eine fachliche Isolierung gegenüber dem Zentralen der Anthroposophie hineingeraten«. Stagnation und Verwässerung also allenthalben. Während zu Steiners Lebzeiten mit dem Stuttgarter Waldorflehrerkollegium ­– im Gegensatz zum sog. »Dreißigerkreis« – nach einem Bericht Lili Koliskos esoterische Arbeit möglich gewesen sei (zum »Dreißigerkreis« siehe: 1923 | Ringen um Erneuerung), und Steiner in den Konferenzen mit diesem Kollegium die »zentralsten anthroposophischen Impulse« habe beraten können, sei dies heute undenkbar. Aber es habe keinen Sinn, die Frage aufzuwerfen, wer an dieser Lage schuld sei, sondern nach Wegen zu suchen, die aus dieser desolaten Situation hinausführten.

Während sich Hellmers zuvor noch über die Zentralisierungstendenz des Deutschen Bildungsrates beklagt hatte, beklagte er sich nun über die Absonderungstendenz in der anthroposophischen Gesellschaft, die in Deutschland zur Existenz von »sieben oder acht« Arbeitszentren geführt habe, die sich alle wie kleine Landesgesellschaften gerierten und darauf bedacht seien, ihre individuelle Eigenart zu wahren. Hellmers sah in dieser Pluralität keinen Vorteil, sondern strebte nach ihrer Überwindung. Als Erfolg verbuchte er, dass die Jahrestagungen der Gesellschaft inzwischen von den Arbeitszentren gemeinsam vorbereitet wurden, und vom Plan, eine Delegiertentagung der Waldorfschulen im Rahmen einer Jahresversammlung der Gesellschaft abzuhalten, schien er sich nicht nur neue Mitglieder zu versprechen, sondern auch eine Befruchtung der Kollegien durch die anthroposophische Substanz.

Immerhin barg Hellmers düstere Welt doch auch gewisse erfreuliche Lichtblicke: so existierte in Stuttgart das 1973 eröffnete anthroposophische Studienseminar (wenn auch vorerst nur »mit wenigen Teilnehmern«), in Alfter hatte ebenfalls 1973 die Alanus Kunsthochschule ihre Arbeit aufgenommen (»die an ihr beteiligte Jugend hat unter den ungünstigsten Umständen einen unglaublichen Enthusiasmus entwickelt«), außerdem gab es in Stuttgart seit längerem das Freie Hochschulseminar, an dem Studenten neben ihrem Studium von ihnen gewählte Dozenten zu anthroposophischen Kursen einluden. In Bochum schließlich war die GLS, die Gemeinschaftsbank »Geben – Leihen –Schenken« entstanden, die bereits mit ihrer Finanzierungsarbeit begonnen hatte. Schließlich wies er auf die Dissertation von Ulf Abele am Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung der Universität Gießen hin, die unter dem Titel »Vergleichende Untersuchungen zum konventionellen und biologisch-dynamischen Pflanzenbau unter besonderer Berücksichtigung von Saatzeit und Entitäten«[4] erstmals »auf wissenschaftlicher Ebene den unangreifbaren Nachweis der Wirksamkeit kosmischer Kräfte in der Pflanzenwelt« erbracht habe. Gleichzeitig erschien als Ergebnis einer 25jährigen Zusammenarbeit zwischen Maria Thun (1922-2012) und Hans Günther Heinze (1899-1997), dem Leiter des Forschungsrings für Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise, die zweibändige Dokumentation »Anbauversuche über Zusammenhänge zwischen Mondstellung im Tierkreis und Kulturpflanzen«[5], in welcher nach dem Urteil Hellmers »der exakte Nachweis« der Wirksamkeit kosmischer Kräfte auf das Pflanzenwachstum geführt worden sei.[6]

Am Ende seiner Ausführungen kam Hellmers auf das nach wie vor ungeklärte Verhältnis zur Nachlassverwaltung zu sprechen. Anlass war die Frage der Veröffentlichung des esoterischen Lehrgutes der sogenannten Ersten Klasse der Hochschule, das erst 1992 in vier Bänden innerhalb der Gesamtausgabe erscheinen sollte (GA 270, I-IV). Aus seinen gewundenen Ausführungen über »Brüderlichkeit« und »Wahrhaftigkeit« geht jedoch nicht hervor, was er eigentlich sagen wollte. Jedenfalls schien die Nichtanerkennung der »Existenz von Gesellschaft und Hochschule« durch die Nachlassverwaltung immer noch ein Skandalon zu sein. Dass die Funktionselite der Gesellschaft weiterhin von der realen Existenz einer solchen Hochschule ausging, ist der »Verlautbarung aus der Sitzung von Vorstand und Generalsekretären am 26./27. Oktober 1974« zu entnehmen, die in der Beilage zu den Mitteilungen der deutschen Landesgesellschaft 1974 veröffentlicht wurde. In dieser hieß es nach der Feststellung, dass die Autorenrechte der Nachlassverwaltung unbestritten seien: »Auf Grundlage dieser Feststellung sprechen Vorstand und Generalsekretäre am Goetheanum als für sie verbindlich aus: Pflege und Obhut der Inhalte der I. Klasse sind eine Aufgabe der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Diese Auffassung ergibt sich aus den von Rudolf Steiner ausgesprochenen Richtlinien für die Handhabe esoterischen Gutes. Für eine Gesamtfassung dieser Wortlaute sollte ein autorisierter Text durch Zusammenarbeit mit der Nachlassverwaltung hergestellt werden. Die Gesamtfassung der Inhalte der I. Klasse sollte zum Schutze des Autors und der Inhalte selbst ein Impressum enthalten, in dem die Bedingungen für Pflege und Obhut dieses Geistesgutes ausgesprochen werden.

Für die Verwaltung der esoterischen Wortlaute aus der ES [Esoterischen Schule] und anderer esoterischer Einrichtungen sollten Regelungen angestrebt werden, die den vorher bezeichneten Richtlinien entsprechen. Es wird als notwendig erachtet, die für die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft gehaltenen Vorträge mit dem von Rudolf Steiner dafür bestimmten Hochschulvermerk zu versehen«.[7] Die Veröffentlichung der »Klassenstunden« in der Gesamtausgabe 1992 enthielt keinen solchen Hochschulvermerk.

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Anmerkungen

[1] Ilse-Elisabeth Kimball-Maulsby war die jüngere Schwester des Waldorflehrers Hermann von Baravalle, hatte einst zu den Schülerinnen von Lori Maier-Smits gehört und als jüngstes Mitglied im Eurythmieensemble zu Steiners Lebzeiten mitgewirkt. 1949 wanderte sie in die USA aus und heiratete 1952 in zweiter Ehe den Maler und Vortragsredner Maulsby »Kim« Kimball. Vgl. Henry Barnes, »Into the Hearts Land«, 2005, S. 302 f.

[2] Francis Edmunds (Edumunds), der aus einer litauischen jüdisch-orthodoxen Familie hervorgegangen war, gehörte zu den vielen ehemaligen Juden, die im Verlauf des 20. Jahrhunderts in der Anthroposophie ihre Wahlheimat gefunden haben. Sein Vater brachte den Zweijährigen nach dem frühen Tod seiner Mutter zu Verwandten in England. Bevor Edmunds 1930 Mitglied der anthroposophischen Gesellschaft in England wurde, hatte er sich nach der Abwendung vom Judentum zunächst den Quäkern angeschlossen, für die er zwischen 1922 und 1924 während der bolschewistischen Revolution in humanitärer Mission in Russland, später als Lehrer im Libanon und der Schweiz unterwegs war. 1932 begann er an der Waldorfschule Michael Hall zu unterrichten und leitete ab 1936 die dortige Lehrerausbildung. 1962 gründete er das nach Ralph Waldo Emerson benannte College in Forest Row, an dem u.a. John Davy, Michael Wilson, William Mann, Anthony Kay, Gerhard Koepf und seine Frau Elizabeth unterrichteten. Gegen Ende der 1970er Jahre sollten rund 200 Studenten jährlich das College besuchen.

[3] Siehe: GA 180, Vortrag vom 23.12.1917.

[4] Ulf Abele: Vergleichende Untersuchungen zum konventionellen und biologisch-dynamischen Pflanzenbau unter besonderer Berücksichtigung von Saatzeiten und Entitäten. Gießen 1973

[5] Maria Thun, Hans Heinze: Anbauversuche über Zusammenhänge zwischen Mondstellung im Tierkreis und Kulturpflanzen, 2 Bände, Schriftenreihe Lebendige Erde 1973

[6] Siehe dazu: Herbert H. Koepf, Bodo  von Plato: Die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise im 20. Jahrhundert, Dornach 2001; Hartmut Spieß: Chronobiologische Untersuchungen mit besonderer Berücksichtigung lunarer Rhythmen im biologisch-dynamischen Pflanzenbau. Schriftenreihe des Instituts für Biologisch-Dynamische Forschung, Band 3, 1994; – ders.: Anhang zu: Chronobiologische Untersuchungen mit besonderer Berücksichtigung lunarer Rhythmen im biologisch-dynamischen Pflanzenbau – Beschreibung der Einzelergebnisse. Schriftenreihe des Instituts für Biologisch-Dynamische Forschung, Band 4, 1994

[7] Beilage zu den Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland, 1974, S. 45.

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