1974 | Die Opferhandlung Rudolf Steiners

Richard Nixon

Richard Nixon

Aufgrund einer merkwürdigen zeitlichen Koinzidenz wurden die beiden führenden Weltmächte des Kalten Krieges im Jahr 1974 von Enthüllungen heimgesucht, die den Glauben an die ihnen zugrundeliegenden Ideologien schwerwiegend erschütterten. Anfang 1974 erschien in vielen westlichen Ländern das Buch Alexander Solschenizyns über den »Archipel Gulag«, in dem gnadenlos das sowjetische System der Entrechtung und Entmenschlichung aufgedeckt wurde, das seit Stalin in Form von Straf- und Umerziehungslagern errichtet worden war. Ähnlich wie in nationalsozialistischen Lagern wurde auch hier Vernichtung durch Arbeit betrieben. Die hochtönenden kommunistischen Phrasen von der Diktatur des Proletariats und der Befreiung der Unterdrückten wurden durch Solschenizyns Buch als Propagandalügen entlarvt, die eine schreckliche Realität verbargen, die alles andere als menschlich war.

Wer aber angesichts dieser Enthüllungen meinte, in einen Triumphgesang über das westliche freiheitliche System und seine Vormacht, die USA, ausbrechen zu können, wurde durch einen Blick in die politische Realität dieses Landes eines Besseren belehrt. Im selben Jahr steuerte die Watergate-Affäre auf ihren Höhepunkt, das Impeachement-Verfahren gegen Richard Nixon zu, der für die fortlaufenden Rechtsbrüche seiner »Palastgarde« letztlich verantwortlich war. Am 1. März wurden sieben Berater Nixons der »Verschwörung und Behinderung der Justiz« für schuldig befunden und verurteilt. Nixon selbst konnte sich der Amtsenthebung nur durch seinen Rücktritt am 9. August 1974 entziehen. Verurteilt wurde er nie, da sein Nachfolger, Gerald Ford, ihn vorsorglich begnadigte. Die Watergate-Affäre befeuerte das seit dem Vietnamkrieg schwelende Misstrauen weiter Bevölkerungskreise gegen das politische Establishment und führte zur Novellierung einer verschärften Fassung des »Freedom of Information Act«, der der Öffentlichkeit umfassenden Zugang zu Informations- und Datensammlungen staatlicher Einrichtungen gewähren sollte. Aber auch in Deutschland sah sich Willy Brandt aufgrund der Spionageaffäre um seinen persönlichen Referenten Günter Guillaume im Mai zum Rücktritt gezwungen. Helmut Schmidt sollte seine Nachfolge antreten. In Portugal wurde die Diktatur durch die Nelkenrevolution in die Knie gezwungen und in Griechenland fand die Militärdiktatur ein Ende.

Während also die »Mächte dieser Welt« an vielen Orten von der Logik des Widerspruchs zwischen Schein und Sein eingeholt wurden, feierte die anthroposophische Bewegung sich selbst. Sowohl die biologisch-dynamische Landwirtschaft als auch die Heilpädagogik blickten in diesem Jahr auf ihr 50jähriges Bestehen zurück und würdigten diese Tatsache durch eine Vielzahl von Veranstaltungen und Publikationen.

Der Kampf um die anthroposophische Medizin und ihre Heilmittel setzte sich fort, und führte teils zu Niederlagen, teils zu Triumphen. Im Oktober des vorangegangenen Jahres hatte die schwedische Polizei in den »Nordischen Laboratorien«, in welchen anthroposophische Heilmittel hergestellt wurden, eine Razzia durchgeführt und lastwagenweise »Beweismittel« beschlagnahmt. Der behördliche Eingriff führte zu einem öffentlichkeitswirksamen Protest, der dem Anliegen der anthroposophischen Medizin beträchtliche Aufmerksamkeit verschaffte. Abgeordnete sahen sich veranlasst, im Reichstag zu intervenieren, um die Lage der Naturheilkunde zu erkunden. Ein Verein für anthroposophische Heilmittel sammelte über 100.000 Unterschriften. Zur Zeit der Generalversammlung 1974 wartete man auf den Ausgang eines Prozesses gegen vier Ärzte, die es gewagt hatten, anthroposophische Heilmittel zu verschreiben. In der Schweiz stand ein höchstrichterliches Urteil zur Verwendung des Krebsheilmittels Iscador an. In dieser angespannten Lage erschien das Buch von Gunter Kienle »Arzneimittelsicherheit und Gesellschaft«, das die Diskussion um das neue Arzneimittelgesetz in der Bundesrepublik günstig zu beeinflussen vermochte.

Die anthroposophischen Aktivitäten erschöpften sich aber nicht im Protest, sondern setzten der existentiellen Bedrohung vielfältige Initiativen entgegen. In Pforzheim wurde – angeregt durch Karl Buchleitner – als Bürgerinitiative eine ärztliche Aktionsgemeinschaft für Therapiefreiheit gegründet, in Bochum von Gisela Reuther, Wilhelm Ernst Barkhoff, Albert Fink (geb. 1934) und Rolf Kerler die GLS-Gemeinschaftsbank, am Goetheanum entstand eine Eurythmielehrerausbildung, eine Heileurythmieausbildung in Stuttgart und in Paris eine Eurythmieschule. Die baden-württembergischen Waldorfschulen erlangten nach jahrelangen Bemühungen den Status genehmigter und anerkannter Ersatzschulen und wurden damit staatlichen Schulen weitgehend gleichgestellt.

Zu einer überraschenden Wendung kam es im März 1974 in der weiterhin ungelösten Frage nach Herbert Witzenmanns Zugehörigkeit zum Vorstand. Dieser hatte 1972, wie früher dargestellt, den übrigen Vorstandsmitgliedern nach ihrer Aufforderung seinen Rücktritt zu erklären, umgehend geantwortet, die »fortgesetzte Verletzung ihrer Verpflichtungen gegenüber der Freien Hochschule« sei für ihn keineswegs ein Rücktrittsgrund, sondern stelle ihm vielmehr »die unabdingbare Notwendigkeit« seines Verbleibens in diesem Amt vor Augen. Die dadurch entstandene Pattsituation war seither beschwiegen worden. Ohne Vorankündigung oder begleitende Erklärung wurde nun im Nachrichtenblatt der Gesellschaft am 3. März eine von Witzenmann und Clara Kreutzer gemeinsam unterzeichnete Verlautbarung veröffentlicht, nach der

Witzenmann sich »in Übereinstimmung mit den anderen Vorstandmitgliedern« als »von der Teilnahme an den Vorstandssitzungen und der Mitwirkung an den sich daraus ergebenden Maßnahmen« »beurlaubt« betrachte. »Diese Beurlaubung«, so hieß es weiter, »ist in Einvernahme zwischen Herrn Witzenmann und den anderen Mitgliedern des Gesamtvorstandes jederzeit modifizierbar oder widerrufbar«. Der Grund, sich als beurlaubt zu betrachten, sei für Witzenmann die Überzeugung, »dass zwischen ihm und den anderen Vorstandmitgliedern weitgehende Auffassungsunterschiede über die Grundlagen der Freien Hochschule am Goetheanum und der allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft« bestünden. Die Vereinbarung war durch die Vermittlung von Clara Kreutzer zustande gekommen. Erst im Jahr 1979 sollte die Frage seiner Zugehörigkeit zum Vorstand noch einmal auf einer Generalversammlung verhandelt und bei dieser ebensowenig entschieden werden, wie bei früheren Gelegenheiten.

Wie spiegelte sich nun die allgemeine Weltlage und die besondere Lage der anthroposophischen Arbeit weltweit im Bewusstsein der repräsentativen Mitglieder, die am 7. April zur alljährlichen Generalversammlung zusammenkamen? Im Gegensatz zur Versammlung des Vorjahres, die vollkommen frei von Anträgen aus der Mitgliedschaft gewesen war, kamen bei dieser wieder einige Anträge zur Verhandlung. Einer bezog sich auf den Ausschluss des Berliner Mitgliedes Renate Blos. Die Diskussion über diesen Antrag ist für das Selbstverständnis der Gesellschaft und des Vorstandes von großem Interesse. Zunächst jedoch wurde, wie im vergangenen Jahr, eine Reihe von Berichten vorgetragen. Rudolf Grosse eröffnete die Versammlung mit einem Überblick zur Arbeit des Vorstandes, sowie zu Aufgaben und »Lebensfragen« der Gesellschaft.

1973 hatte sich die Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft durch die Weihnachtstagung zum fünfzigsten Mal gejährt. Aber Grosse hielt nicht viel von solchen Jubiläen. Das äußerliche Gedenken an solche Ereignisse trage nichts zu deren Vertiefung bei. Vielmehr komme es auf etwas Anderes an: darauf nämlich, zu begreifen, dass die »Weihnachtstagung« nach einer Aussage Steiners »kein Ende« habe. Die Gesellschaft müsse »fortdauernd« begründet werden.

Zu dieser »fortdauernden Begründung« gehörte für Grosse offenbar auch die Pflege der Beziehungen zu den einzelnen Landesgesellschaften, zumal er im Folgenden davon sprach, der Vorstand habe ein vitales Interesse an ihnen und es gehöre zu seinen Aufgaben, »die Dinge in der Gesellschaft zu ordnen«. Um die historischen Verletzungen zu heilen und die künftige Zusammenarbeit auf eine gedeihliche Basis zu stellen, seien seit 1970 eine Reihe von Landesgesellschaften besucht worden: 1970 die skandinavischen Landesgesellschaften in Järna (Norwegen, Schweden, Dänemark und Finnland), 1971 Holland, 1972 Österreich und 1973 England. 1974 stehe ein Besuch in Finnland bevor.

Laut Grosse war es gelungen, die gestörten Beziehungen zur norwegischen Landesgesellschaft zu verbessern und die »Wikinger« als richtige Freunde zu gewinnen. Hintergrund dieser nebulösen Andeutungen war wohl, dass das Verhältnis der norwegischen Landesgesellschaft zum Dornacher Vorstand seit Hohlenbergs massiver Kritik an dessen Haltung zum Nationalsozialismus massiv gestört gewesen war (siehe: »Anthroposophie im Jahr der Machtergreifung«). Für seine Aussage, die von ihm herausgegebene Zeitschrift »Vidar« sei nach dem 1935 ausgesprochenen Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland »die einzige Zeitschrift, die restlos für die Ideen Rudolf Steiners« eintrete, war er von Marie Steiner gerügt und später zum Austritt aus der Gesellschaft aufgefordert worden. Damit hatte eine Auseinandersetzung begonnen, die schließlich zur Spaltung der norwegischen Landesgesellschaft und 1940 zu ihrer Auflösung und Neubegründung führte. Grosses Ausführungen waren jedoch zumindest einseitig. Denn spätestens 1966 hatten sich Dan Lindholm, Jörgen Smit und Sophus Clausen mit ihrem »nordischen Anliegen« im Sinne Grosses für eine pragmatische Lösung der Nachlassfrage eingesetzt und auf die Vorbereitung des 1968 verabschiedeten Bücherbeschlusses hingewirkt (siehe: »Der Vorstand als Emanation des Geisteslehrers«).

Wie dem auch sei: die Beziehungen hatten sich offenbar so sehr verbessert, dass Jörgen Smit, wie Grosse am Ende seiner Rede mitteilte, gebeten worden war, anstelle von Georg Hartmann die Leitung des Dornacher Lehrerseminars zu übernehmen. Außerdem sollte er die Jugendsektion übernehmen. Von wem? Witzenmann wurde von Grosse mit keinem Wort erwähnt.

Nach der Klärung des »skandinavischen Problems« stand 1971 Holland auf dem Programm. Auch dazu sagte Grosse inhaltlich nicht viel. Sein Fazit lautete: »Auch da sind wir sehr befriedigt zurückgekommen; denn es ist ein anderes Bild der anthroposophischen Art des Lebens gewesen, besonders wenn man hinzunimmt, dass die Holländer voller lustiger Ideen sind, so dass man nie weiß, was einem passiert, wenn man eine Bootsfahrt macht und dabei vor eine Art ›Heringsprüfung‹ gestellt wird …«

Über den Besuch in Österreich ließ Grosse die launige Bemerkung fallen: »Es ist schwer, den Österreicher zu charakterisieren; er ist ja so herzlich, liebenswürdig, gastfreundlich und trotzdem ein Alpenbewohner«.

Auf der britischen Insel hatte 1973 die mit großen Erwartungen verbundene Mitgliedertagung in Exeter zum Thema »Das Weltgeschehen und der Einweihungsweg der Menschheit. Weltennot, Seelennot und das Zeitenkarma« stattgefunden, die der Aufgabe der »fortdauernden Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft« gewidmet war. Etwa 850 Personen hatten die Tagung besucht. Auch hier ging Grosse nicht auf Inhalte ein, sondern wies lediglich drauf hin, dass der »Glanz in den Augen« der Teilnehmer, ihre »Offenheit« und »Herzlichkeit« eindrucksvoll gewesen sei. Nicht nur Briten hatten die Tagung besucht, sondern auch Australier und Neuseeländer, sowie Nord- und Südamerikaner.

Für 1974 hatte sich die finnische Landesgesellschaft angeboten, mit dem Vorstand eine Tagung zu Pfingsten durchzuführen.

Nun kam aber Grosse doch noch auf einige grundsätzliche Fragen zu sprechen. Die Hauptaufgabe der anthroposophischen Arbeit sah er darin, den »Urimpuls« der Weihnachtstagung ständig neu zu ergreifen. In der Formel von der »Vereinigung von Gesellschaft und Bewegung« sei ein Geheimnis verborgen und dieses Geheimnis bestehe in der »Opferhandlung Rudolf Steiners«, die verbunden habe, was »vorher getrennt« gewesen sei. Durch das, was Steiner mit der Weihnachtstagung »vollzogen« habe, sei, so Grosse (der meines Wissens selbst nicht Augenzeuge der Geschehnisse war) »urplötzlich« »ein übersinnlicher Schein über dieser Tagung« dagewesen, und was dies alles bedeute, müsse man erst verstehen lernen.

Mit seiner Rede von einer »Opferhandlung« Rudolf Steiners knüpfte Grosse an eine Deutungstradition an, die soweit ich sehe, in den 1940er Jahren durch Marie Steiner begründet worden war. Die 75jährige hatte im Dezember 1942 kurz vor der Gründung des Nachlassvereins einen dramatischen Versöhnungsappell an Albert Steffen, Günter Wachsmuth und die Schweizer Mitglieder gerichtet, in dem sie an den Goetheanumbrand erinnerte, der Steiner »das irdische Leben genommen« habe. Trotzdem habe dieses Leben noch fast zwei Jahre hindurch als »helles Opferfeuer geglüht«. »Angesichts dieses Opfers und dieses Todes«, an dem laut Marie Steiner »wir gewiss als Einzelne und als Gesellschaft alle miteinander schuld sind – denn unser Karma nahm er auf sich«, müssten sich die heillos entfremdeten Parteien dazu aufraffen, zu vergessen und zu vergeben. (Siehe: »Ahrimans Unterpfand. Der Streit um den Nachlass Rudolf Steiners«)

Rudolf Grosse hatte bei einer Rede am Palmsonntag 1967 diese Motive Marie Steiners aufgegriffen und von der Weihnachtstagung als einem »wesenhaften Ereignis« gesprochen. Durch sie sei eine »Tat vollzogen« und nicht etwa eine »Lehre« mitgeteilt worden – diese Tat bestand eben in der Übernahme des Vorsitzes der Gesellschaft durch Steiner. Diese Tat verglich Grosse mit dem Ereignis der Auferstehung Christi am Ostersonntag (siehe »Die Verwirklichung der Weihnachtstagung als ewige Aufgabe«). Durch die Formel, »keine Lehre, sondern eine Tat«, stellte Grosse nicht nur eine Analogie zu Steiners Charakterisierungen des »Christusereignisses« her, in welchen er stets betonte, der Kern dieses Ereignisses sei die Opfertat, die der Sohnesgott oder Logos vollbracht habe und nicht eine von ihm verkündete »Lehre«, sondern er beschrieb den Akt der Gesellschaftsgründung – aufgrund einer von Steiner selbst begründeten Tradition – auch mit Begriffen, die an die Dogmengeschichte des Christentums erinnern, als die Vereinigung der beiden Naturen (der spirituellen anthroposophischen Bewegung und des Vereinskörpers der Gesellschaft als ihrer »Hülle«) in der Person Rudolf Steiners.

Diese Vorstellungen lebten aber auch in seinem großen Kontrahenten Herbert Witzenmann, der im November 1967 explizit von einer »Opferhandlung« Steiners, einer »Täufer-Tat« gesprochen hatte, die eben in der »Vereinigung der spirituellen Bewegung und der irdischen Gemeinschaft« bestanden habe. Entsprechende Auffassungen brachte er auch in einem Mitte Februar 1968 erschienenen Artikel zum Ausdruck, in dem er begründete, warum er dem Bücherbeschluss nicht zustimme, als er von Steiners »Gründer- und Opfertat« sprach, die »eine neue Realgrundlage« für ein »Gemeinschaftsereignis« geschaffen habe, »das in dieser Art bisher noch nicht möglich« gewesen sei (siehe: »Ein Tag von weltgeschichtlich negativer Bedeutung«).

Welche Schlüsse zog nun Grosse aus seinen Ansichten? Er sprach sich gegen die seiner Ansicht nach irrtümliche Auffassung aus, zur anthroposophischen »Bewegung« gehörten auch die »Käufer der Bücher« Rudolf Steiners oder die »Interessenten« an der Anthroposophie, die nicht Mitglieder der Gesellschaft seien. Diese Bewegung sei »ein rein spiritueller Strom in der übersinnlichen Welt«. Aber eben dieser Strom, dem die Mitglieder »ihrer übersinnlichen Natur nach« angehörten, habe sich in der Gesellschaft »inkarniert« (»extra ecclesiam salus non est«, Cyprian).

Nach diesen Betrachtungen über die Vereinigung der himmlischen und der irdischen Natur der Anthroposophie, die zwar nach seiner eigenen Aussage in der Person Steiners erfolgt war, aber offenbar auch nach seinem Tod gleichsam als ewige Parusie fortbestand, kam Grosse auf das Problem der Mission zu sprechen, das sich logisch an diese Überlegungen anschloss. Zwar redete er nicht von einer »Mission«, sondern von der Mitgliederwerbung, aber sinngemäß bestand zwischen beidem kein Unterschied. Insbesondere schien es ihm nötig, die »Jugend« anzusprechen. Durch die bloße Mitteilung von Erkenntnisinhalten sei sie nicht zu gewinnen, vielmehr müsse die innere Wandlung der Seele durch die Geisteswissenschaft betont werden. Allerdings sollte die Neigung, sich auch noch mit 28 Jahren als »Jugendlichen« zu betrachten, überwunden werden. Wer in seiner »Jugendkostümierung hängen« bleibe, der komme nicht über die Schwelle des fünften Jahrsiebts (ab 28), in dem es um »Verinnerlichung und Vertiefung« gehe. »Wer den inneren Pfad geht, der muss spüren, dass man im Inneren das Schwergewicht hat und nicht im äußeren Getue. Denn man muss sich ja auch darauf vorbereiten, ein Zeitgenosse zu werden«, so Grosse. Derjenige, der in sein sechstes Jahrsiebt eintrete (ab 35), der könne auch »Träger der Impulse« werden, die auf den Menschen warteten. Und gerade die 35-42jährigen, die seiner Ansicht nach dazu berufen waren, auf der Höhe der Zeit für die spirituellen Impulse zu wirken, seien zu wenig in der Gesellschaft vertreten. Daher müsse »die Anthroposophie unentwegt in Vorträgen« dargestellt, »nach außen« gebracht werden, um die »Begegnung« mit ihr zu ermöglichen. In jeder Stadt, an jedem Ort, »wo immer möglich«, müssten »Zweige« (lokale Arbeitsgruppen) als Pflegestätten des »anthroposophischen Lebens« entstehen.

Im Anschluss an diese entwicklungspsychologischen Betrachtungen trug Grosse eine Theorie der Zweigarbeit vor, deren Sinn seiner Auffassung nach darin bestehe, durch »rhythmische Betätigung im Geistesleben« (Wiederholung) »Veränderungen im Übersinnlichen«, »im Aurischen« hervorzurufen. Der Zweig sei es, wo das »Gespräch mit Rudolf Steiner« beginne. Er sei der Ort, wo das »fortwährende Gespräch« mit Steiner gepflegt werden müsse, »der sich ja dieser Gesellschaft verbunden hat« – und dieses Gespräch dürfe nicht erlöschen. Im Hintergrund dieser Ausführungen stand offenbar eine Vorstellung von einer Art sakramentaler Wirkung, die von Steiners geistiger Individualität ausgeht, die in der Gesellschaft weiterhin anwesend ist. Diese Wirkung kann durch das Gespräch mit Steiner aufgenommen werden und drückt sich in »Veränderungen der Aura« des Ortes oder der Menschen aus, die an der Zweigarbeit teilnehmen. Schließlich wird die Zweigarbeit von Grosse auch als »Keim« eines geistigen »Goetheanum« bezeichnet, »denn alles hat die Tendenz, im Geiste ›Goetheanum‹ zu werden«. Das Leben der Gesellschaft müsse in den lokalen Arbeitsgruppen auf der Grundlage der Briefe gepflegt werden, die Steiner an die Mitglieder geschrieben habe (GA 26), die als »Sendschreiben« an die Zweige aufzufassen seien – auch dies ein religionsgeschichtlich bedeutsamer Topos, mit dem Große auf die »Sendschreiben« der Johannes-Apokalypse anspielte. Schließlich forderte Grosse in einer an Paulus erinnernden Formel dazu auf, die besonderen Geistesgaben auszubilden, die jeder erhalten habe: »jeder entwickele sich gemäß seinen Fähigkeiten und Anstrengungen«.

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