1974 | Ganz reale Widersachermächte

Kulturzentrum Järna

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Aufschlussreich sind die Berichte, die am Abend des 7. April 1974 aus verschiedenen Ländern und der medizinischen Sektion bei der Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft gegeben wurden. Sie bezeugen, dass die anthroposophische Bewegung im sozialen und politischen Kontext Europas inzwischen unübersehbare Wirkungen entfaltete. Sie zeigen aber auch, dass diese Wirkungen teilweise heftige Gegenwirkungen hervorriefen. Die anthroposophischen Institutionen und Initiativen befanden sich als Teile einer alternativkulturellen Graswurzelbewegung im Spannungsfeld zwischen wachsendem Zuspruch und Versuchen einer politischen oder rechtlichen Reglementierung, deren Transmissionsriemen die etablierten Bürokratien waren, deren Antriebskräfte aber aus unterschiedlichen Quellen gespeist wurden. Wie aus den Darstellungen Jurriaanses, Holtzapfels und Klingborgs hervorgeht, waren es vor allem berufsständische und ökonomische Interessenvertreter, die in den aufstrebenden Initiativen eine unliebsame Konkurrenz sahen. Die mitunter überschießenden Maßnahmen von Behörden hatten jedoch auch andere Gründe, wie die Regulierungsbestrebungen im Bereich der Medizin zeigen. Ihre Anlässe lagen in Skandalen wie der Conterganaffäre, ihre Folgen waren unbeabsichtigte, möglicherweise aber auch beabsichtigte Kollateralschäden auf Gebieten, die mit den ursprünglichen Anlässen nichts zu tun hatten. Zwischen 1968 und 1970 war in Deutschland ein Prozess gegen den Hersteller des Medikaments wegen des Verdachts auf Körperverletzung und fahrlässige Tötung geführt worden, der am Ende wegen geringfügiger Schuld und mangels öffentlichen Interesses an der Strafverfolgung eingestellt wurde. Schätzungen zufolge waren bis zu zehntausend Kinder weltweit durch das Medikament geschädigt worden, die Zahl der Totgeburten konnte nicht ermittelt werden. Infolge des Skandals wurden in vielen Ländern die Regeln für die Zulassung von Arzneimitteln verschärft und Nachweise der »therapeutischen Wirksamkeit« durch kontrollierte Studien gefordert.

In Holland erlebte die anthroposophische Gesellschaft einen beachtlichen Zustrom aus der heranwachsenden Generation, die Hälfte der neuen Mitglieder war unter 30 Jahre alt. Dieses Interesse schlug sich auch im Wachstum der »Tochterbewegungen« nieder. Die von Werner Barfod (geb. 1936 in Kiel) geleitete, 1970 gegründete Akademie für Eurythmie musste aufgrund des Andrangs von Studenten einen Neubau errichten, der zum Großteil aus Spendengeldern finanziert wurde. Die personelle Verflechtung zwischen Gesellschaft und Bewegung zeigte sich hier daran, dass Barfod auch Vorstandsmitglied der holländischen Gesellschaft war. Ähnlich die Situation der Waldorfschulen: Eltern drängten auf die Eröffnung neuer Schulen, qualifiziert ausgebildete Waldorflehrer waren Mangelware. Daraus ergab sich die Notwendigkeit, ein Lehrerseminar zu gründen. Gleichzeitig sah sich die Waldorfbewegung durch die staatliche Kultusbürokratie bedrängt, die ihren pädagogischen Freiraum einzuengen drohte.

In Schweden war die anthroposophische Medizin durch das skandalöse Vorgehen der Behörden schlagartig in den Mittelpunkt einer öffentlichen Diskussion gerückt. Im Oktober 1973 waren bei einer Razzia in den Nordischen Laboratorien, die anthroposophische Heilmittel herstellten, von der Polizei, die mit Hundestaffeln und Lastwagen angerückt war, Bargeld und Einrichtungen im Wert von rund 100.000 Kronen beschlagnahmt worden. Die Studenten des Lehrerseminars hatten eine Protestbewegung in Gang gesetzt und die Massenmedien eingeschaltet. Infolge der Proteste brachten Reichstagsabgeordnete einen Antrag auf Revision der Arzneimittelgesetzgebung ein. Ein Verein für anthroposophische Heilmittel sammelte über 100.000 Unterschriften zugunsten der anthroposophischen Medizin. Zum ersten Mal in der Geschichte des schwedischen Parlaments kam es zu einer öffentlichen Anhörung, die von den genannten Studenten organisiert worden war, bei der sich Vertreter der Gesundheitsbehörden, Abgeordnete und Bürger über Fragen der Arzneimittelgesetzgebung austauschten. Die Sozialbehörden bildeten eine Kommission zur Überprüfung der einschlägigen Gesetze. Gleichzeitig war ein Gerichtsverfahren gegen vier Pharmakologen und vier Ärzte wegen des Vertriebs und der Anwendung »verbotener Heilmittel« anhängig.

Auch in Schweden fühlten sich die Waldorfpädagogen durch die Kultusbürokratie bedrängt. Laut Arne Klingborg habe man »erst … von offizieller Seite unsere Einrichtungen studiert, dann dasjenige, was einem brauchbar erschien, den allgemeinen Schulen eingearbeitet, und nun« finde man »die Waldorfschulen nicht mehr interessant«. Dem Interesse der Elternschaft tat dies gleichwohl keinen Abbruch, die Gründung einer weiteren freien Schule in Norrköping stand bevor.

Aus Walter Holtzapfels Lagebericht geht hervor, dass die Ereignisse in Schweden nur die Spitze eines Eisbergs darstellten. Behördliche, staatliche oder überstaatliche Vorschriften über die Zulassung von Heilmitteln drohten in vielen – nicht nur europäischen – Ländern, die Therapiefreiheit und die Selbstbestimmung der Patienten einzuschränken. In der Schweiz wurde eine Entscheidung der Rekursinstanz der Kontrollbehörde über die weitere Zulassung des Krebsheilmittels Iscador erwartet, die internationale Auswirkungen haben würde. [1]

Holtzapfel wies auf den Zusammenhang all dieser Entwicklungen mit der Conterganaffäre hin, machte aber auch deutlich, dass infolge dieses Skandals »solche Prüfungsrichtlinien aufgestellt werden, durch die gerade den Heilmitteln der Boden entzogen zu werden droht, bei denen derartige Schäden nicht auftreten«. Außerdem, so Holtzapfel, sei die Gefahr schädlicher Nebenwirkungen ein systemisches Problem der Schulmedizin: »Die Nebenwirkungen hält man für etwas Unvermeidliches und ist lediglich bestrebt, sie so zu begrenzen, dass das Schlimmste vermieden wird. Trotzdem kommen immer neue Meldungen über schwerste Schäden und Todesfälle. Die Zahlen, die genannt werden, sind erschreckend. So kürzlich die Meldung der American Medical Association, dass in den Vereinigten Staaten jährlich schätzungsweise 50.000 bis 100.000 Menschen an den direkten oder indirekten Folgen einer häufig überflüssigen Antibiotikabehandlung sterben«.

Das Problem seien nicht die spektakulären Einzelfälle, das Problem liege im System. Solange die Medizin nicht den ganzen Menschen berücksichtige, statt nur Symptome zu behandeln, werde sich an dieser »gefährlichen Situation« nichts ändern. Bedauerlicherweise fehle »insbesondere bei den offiziellen Vertretern und bei den Wissenschaftlern, die ihnen die Grundlagen liefern« das Verständnis für den ganzheitlichen Ansatz der anthroposophisch erweiterten Medizin und damit auch ein wirkliches Verständnis von Gesundheit und Krankheit. Schließlich dürfe nicht übersehen werden, dass die Auseinandersetzungen um politische oder gesellschaftliche Akzeptanz anthroposophischer Forschungsergebnisse und ihrer Handlungsfolgen keine rein akademischen Erkenntnisfragen seien, dass vielmehr die unterschiedlichsten divergierenden Interessen mitspielten: »Bestimmte Meinungen haben bereits zu Beschlüssen und Gesetzen geführt oder sie sind auf dem Wege dazu«. Symptomatisch sei das Verhalten eines Behördenvertreters, das man nach Holtzapfels Schilderung nur als doppelzüngig bezeichnen kann: wohlwollendes, verständnisvolles Zuhören, das zu menschlichem Einvernehmen führe auf der einen Seite, Verständnislosigkeit auf der anderen, sobald er als Funktionär Verfügungen erlasse. In einer solchen Erscheinung, so der Leiter der medizinischen Sektion, drücke sich die Tatsache aus, dass man es nicht nur mit menschlichen Persönlichkeiten, sondern »mit ganz realen Widersachermächten« zu tun habe, die aus der Geisteswissenschaft hinlänglich bekannt seien. Diese aber hätten ein Interesse daran, »eine Situation herbeizuführen, durch die der gesunde Fortgang der Menschheit gefährdet wird«. Das »wirksamste Gegenmittel« gegen diese Tendenzen sah Holtzapfel in der positiven Arbeit »im Sinne des wahren Geistes in der Medizin«, in der »Verstärkung derjenigen Mächte, die die reguläre Evolution der Menschheit wollen«. Dieser Arbeit diene die Suche nach einer »neuen Initiatenmedizin«, der sich die Sektion verschrieben habe, durch die der Arzt nicht nur in Verbindung mit den geistigen Mächten treten könne, die seine Arbeit impulsierten, sondern durch die er auch etwas dazu beitrage, die gesellschaftlichen Krankheitssymptome zu heilen.

Während die anthroposophische Medizin ihre Anerkennung innerhalb einer im Lauf von Jahrhunderten entstandenen und festgefügten Einrichtung erst erkämpfen müsse, indem sie sich für das Selbstbestimmungsrecht der Patienten und die Therapiefreiheit der Ärzte einsetze, dürfe sich die durch die Arbeit anthroposophischer Pioniere zu Beginn des 20. Jahrhunderts ins Leben gerufene Heilpädagogik hingegen allgemeiner Anerkennung erfreuen. Etwas vollmundig behauptete Holtzapfel: »Heilpädagogen gibt es im Grunde genommen erst seit unserem Jahrhundert, und die anthroposophischen Heilpädagogen waren praktisch die ersten. Sie haben Pionierarbeit geleistet auf einem Boden, der noch nicht beackert war. Diese Pionierarbeit wird außerordentlich anerkannt. Die aus anderen Richtungen kommende Heilpädagogik orientiert sich weitgehend daran«. [2]

Jörgen Smit bettete seinen Bericht über Skandinavien in einen weitausgreifenden Rückblick ein. Im Sommer 1974 sollte die 17. nordische anthroposophische Sommertagung in Finnland stattfinden. Die erste dieser Tagungen, die von allen skandinavischen Ländern gemeinsam organisiert wurden, hatte 1949 stattgefunden. Seit 25 Jahren bemühte man sich um diese länderübergreifende Zusammenarbeit. »In den ersten Jahren« so Smit, »war es furchtbar schwierig und wir konnten uns gegenseitig fast nicht ertragen. Es war, nicht nur bildlich gesprochen, sondern ganz real physisch so, dass die Mitarbeiter nicht mehr als eine halbe Stunde im selben Zimmer sitzen konnten, ohne rote Gesichter zu bekommen. Aber allmählich und langsam lernten wir uns näher kennen«.

Aus dieser Zusammenarbeit war 1961 das Rudolf Steiner-Seminar im schwedischen Järna hervorgegangen, das inzwischen seit 13 Jahren existierte und gedieh. Im siebten Jahr seiner Existenz (1968) war es um ein Pädagogisches Seminar erweitert worden, später waren eine Eurythmieschule, eine landwirtschaftliche und eine heilpädagogische Abteilung hinzugetreten. Die 82 Studienplätze des im Herbst 1974 beginnenden neuen Jahrgangs waren seit Anfang des Jahres belegt und weitere 44 Anwärter standen auf Wartelisten. Hätte man über genügend Mitarbeiter verfügt, hätte sofort ein neues Seminar gegründet werden können.

Ebenso wie in Holland, Schweden und Deutschland erlebten die Waldorfschulen auch in Norwegen einen Boom. 1972 und 1973 waren neue Schulen gegründet worden, weitere Gründungen standen bevor. Hunderte von Kindern konnten nicht aufgenommen werden und auch hier mangelte es an qualifizierten Lehrern. Die alternativkulturelle Bewegung der Anthroposophie fand regen Zuspruch, aber in dieser Expansion lag auch eine Gefahr, die Smit wie folgt benannte: »Man wird aufgesaugt, es strömen alle Kräfte hinaus, und die große Aufgabe ist in Wirklichkeit diejenige: wie können wir die Zentralkräfte der Anthroposophie in unserer Gesellschaft genügend stärken, damit das Gleichgewicht errungen wird für diese gesteigerte Tätigkeit?«

Anmerkungen:

[1] Über die positive Entscheidung der Rekurskommission der IKS (Interkantonale Vereinigung für die Kontrolle der Heilmittel) berichtete im Juni 1974 Rita Leroi, »nach 7jährigem Ringen« sei Iscador für weitere fünf Jahre zugelassen worden. In der Begründung der Rekursinstanz hieß es unter anderem, es dürfe »nicht übersehen werden, dass lscador in Form von Mistelextrakt schon vor mehr als 50 Jahren Eingang in die Therapie fand und dass sich in der Folge allmählich eine klinische Erfahrung entwickelte«. Die Rekursinstanz unterstrich in ihrer Begründung das unbestrittene »Fehlen toxischer Nebenwirkungen« und bestätigte »in Einzelfällen beobachtete Tumorrückbildungen bei ausschließlicher Anwendung von lscador«, die »nicht in Zweifel zu ziehen« seien. Die Kommission wies außerdem der ärztlichen Therapiefreiheit und der Selbstbestimmung der Patienten einen hohen Stellenwert zu: »Selbst wenn das Präparat den schicksalsmäßigen Verlauf einer Tumorerkrankung nicht beeinflussen könnte, darf das subjektive Befinden vieler Patienten im Sinne einer Besserung nicht ignoriert werden. Diese aus der praktischen Erfahrung sich ergebenden Gesichtspunkte sind vor allem in einem Bereich, in dem es keine ideal wirksame Therapie gibt und die Heilmittel mit messbarem Einfluss (Zytostatika) schwerwiegende Nebenwirkungen haben, von erheblichem Gewicht. Tatsache ist, dass viele Ärzte, gerade auch solche mit Verantwortungsgefühl, bei ihren Patienten zur lscador-Therapie übergehen. Würde das Präparat verboten, würde damit gleichzeitig zahllosen Ärzten die Entscheidungsmöglichkeit genommen, in einzelnen Fällen in ihren Therapieplan auch lscador mit einzubeziehen. Ohne zwingenden Grund sollte diese Freiheit für den verantwortungsbewussten Arzt nicht aufgehoben werden«. »Das Goetheanum« 53. Jg. Nr. 22 vom 2. Juni 1974.

[2] Siehe: »1973 | 2. Die Anthroposophische Gesellschaft als ›Geistorgan‹ der Menschheit«. Zu diesen Pionieren gehörten – neben Ita Wegman und Karl Schubert – Albrecht Strohschein, Siegfried Pickert, Franz Löffler, Werner Pache, Ilse Knauer und Änne Trüper – aus deren Zusammenarbeit 1924 das Heil- und Erziehungsinstitut Lauenstein in Jena hervorging. Holtzapfel blendete allerdings die Geschichte der Heilpädagogik seit der Aufklärungszeit völlig aus. »Anfang des 20. Jahrhunderts verfügten sowohl die Anstalts- als auch die Hilfsschulbewegung [im Deutschen Reich] nicht nur über eine beträchtliche Anzahl von Einrichtungen, sondern auch über funktionierende Fachverbände und Zeitschriften … In den Jahrzehnten vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte sich im Deutschen Reich besonders das Hilfsschulwesen stürmisch entwickelt … Bis 1914 war … gerade in Deutschland der Institutionalisierungsprozess innerhalb der Heilpädagogik schon weit fortgeschritten«. Frielingsdorf et al, »Geschichte der anthroposophischen Heilpädagogik und Sozialtherapie«, 2013, S. 23.

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Fortsetzung folgt

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