1974 | »Ohne Angabe von Gründen«

Vertreibung aus dem Paradies, Kathedrale Monreale Palermo

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1974 musste sich die Generalversammlung seit längerem wieder einmal mit Anträgen aus der Mitgliedschaft befassen, die sich interessanterweise beide auf das Selbstverständnis der Gesellschaft als soziale Körperschaft bezogen.

1972 hatte Michael Rist, ein enger Mitarbeiter Herbert Witzenmanns, die Einrichtung eines Seminars zum Thema »Gemeinschaftsbildung durch Individualitäten« vorgeschlagen, das den im Vorstand zutage getretenen »Konflikt zwischen Einheit und Freiheit« bearbeiten sollte. Bereits damals war sein Ansinnen im Verlauf eines peinlichen Scharmützels abgewiesen worden (siehe: 1972 | Auszug aus Ägypten). Aber Rist ließ nicht locker und stellte 1974 erneut einen Antrag zu diesem Thema. In der Debatte meldeten sich Georg Unger, Kurt Franz David und Hagen Biesantz zu Wort. Eine zweite Gruppe von Anträgen bezog sich auf den Ausschluss eines Mitgliedes aus der Gesellschaft und den betreffenden Paragraphen der Statuten, der es dem Vorstand erlaubte, einen solchen Ausschluss »ohne Angabe von Gründen« vorzunehmen. In einem längeren Exkurs nahm Biesantz zur Geschichte und Berechtigung dieses Paragraphen Stellung.

Bevor Rist seinen Antrag begründen konnte, schickte Unger einige einleitende Bemerkungen voraus. Er erinnerte an die Vieldeutigkeit des Begriffs der »Individualität« bei Steiner, der in der »Philosophie der Freiheit« den aus moralischen Intuitionen handelnden freien Geist bezeichnete, in Steiners späterem Werk aber auch »übersinnliche Individualitäten«, die »vor dem Anbruch des Michaelzeitalters« Gemeinschaften gestiftet hätten. Außerdem verwies er auf Vorträge über anthroposophische Gemeinschaftsbildung, die Steiner im Februar 1923 auf einer Stuttgarter Delegiertentagung gehalten hatte[1], in welchen er der religiösen Gemeinschaftsbildung durch den Kultus (wie sie in der Christengemeinschaft erfolgte) eine Gemeinschaftsbildung durch einen »umgekehrten Kultus« gegenüberstellte, die in der anthroposophischen Gesellschaft gepflegt werden müsse. Während der Kult Göttliches in der sinnlichen Welt vergegenwärtige, den Menschen dadurch an seine vorgeburtlichen Erlebnisse erinnere und durch diese gemeinsam zelebrierte Erinnerung zur Gemeindebildung führe, müssten die Anthroposophen lernen, durch die gedankliche Aufnahme anthroposophischer Ideen ein »real-geistiges Wesen« in ihrem Bewusstsein zu vergegenwärtigen. Der »spirituelle Idealismus«, den sie dabei entwickelten, führe zu einem »Erwachen am anderen Menschen« und in der gemeinsamen Arbeit bereiteten sie in ihrem Bewusstsein den Boden für einen »realen Gemeinschaftsgeist«, der sich nicht von oben herabsenke, wie im Kultus, sondern zu dem sie sich gemeinsam erhöben. Ja, denkbar radikal sprach Steiner gar davon, »das wirkliche Verständnis für die Anthroposophie« beginne erst »mit diesem Erwachen am anderen Menschen«.[2]

Von diesen Ausführungen Steiners her entwickelte Unger nun einen merkwürdigen Begriff von Toleranz, die darin bestehe, nicht nur andere zu ertragen, sondern auch die Folgen des Denkens und Handelns anderer auf sich zu nehmen. Unger behauptete, Steiner habe Toleranz so verstanden, aber in Wahrheit handelt es sich bei dieser Umdeutung nicht mehr um »Toleranz«, sondern um die Übernahme von Verantwortung für das Denken und Handeln anderer. Was genau er damit sagen wollte, ist aus Ungers Ausführungen nicht ersichtlich: ob er Rist nahelegen wollte, die Verantwortung für das Handeln Herbert Witzenmanns als Vorstandsmitglied zu übernehmen oder letzterem unterschwellig vorwarf, er habe diese Verantwortung für seine Kollegen abgelehnt, ist nicht zu erkennen.

Rist jedenfalls ließ sich durch seinen Vorredner nicht beirren, trug seinen Antrag vor und berichtete von der Arbeit an dem gestellten Thema, das außerhalb des Organisationsrahmens der Gesellschaft seither stattgefunden hatte. Sie habe zur Einsicht geführt, dass Gemeinschaftsbildung durch Individualitäten »auf der Voraussetzungslosigkeit des Denkens« beruhe und nicht auf voraussetzbaren Gemeinsamkeiten. Solange in der Begegnung keine Vernunft walte, stünden sich nur Emotionen, Illusionen und Machttriebe gegenüber. Die Illusion der Macht beruhe auf »blindem Wollen« und die Macht der Illusion auf »undurchschauter Hingabe«. Gelinge es trotz der Überwindung von Emotionen nicht, dem »Wesen des Denkens« Geltung zu verschaffen, könnten Meinungsverschiedenheiten nicht überwunden werden. Dann bestehe die Gefahr, dass die Lösung in Mehrheitsentscheidungen gesucht werde, die zu Polarisierung und Parteienbildung führten.

Man sieht, wie hier in Rists Argumentation der ungelöste Vorstandskonflikt wiederkehrt. Wer nun aber die Uneinigkeit negiere, der beraube sich der Möglichkeit sozialer Entwicklung. Wer sie hingegen anerkenne, könne doch bei nicht nachlassendem Bemühen zur Gemeinschaftsbildung gelangen. Wenn Menschen ihre unterschiedlichen Ansichten vorurteilslos durchdächten, entstehe eine Dreieinigkeit zwischen dem Denken, an dem beide partizipierten und den beteiligten Personen. Diese Dreieinigkeit bilde das Geistesleben einer Gemeinschaft. Träfen solche Menschen aufgrund der errungenen gemeinsamen Einsichten freie Vereinbarungen, schüfen sie das Rechtsleben der Gemeinschaft. Verwirkliche jeder individuell die getroffenen Vereinbarungen, und setze seine Fähigkeiten für die anderen, nicht gegen sie ein, entstünde jene soziale Produktivität, die nicht mehr der persönlichen oder gruppenhaften Machtentfaltung diene, sondern der gegenseitigen Bedarfsdeckung. Auf diese Weise entstehe der dreigliedrige soziale Organismus aus der Arbeit des Menschen an sich selbst. Diese Form der Gemeinschaftsbildung durch Individualitäten sei die »Gralsaufgabe« der Gegenwart.

Rist hatte mit dieser kristallklaren Miniatur die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus aus der Beobachtung des Denkens und des kommunikativen Handelns abgeleitet. Allerdings darf man fragen, was er mit seinen Ausführungen bezweckte. Ebendiese Frage warf Kurt Franz David in seiner Entgegnung auf. Der Tenor dieser Entgegnung bestand darin, dass »Gemeinschaftsbildung« durch die Begründung der anthroposophischen Gesellschaft obsolet geworden sei. Um diese gewagte These zu begründen, kam er wie zuvor Unger auf Steiners Vorträge über anthroposophische Gemeinschaftsbildung vom Februar 1923 zu sprechen, betonte jedoch, diese spiegelten die geistige Situation vor der Weihnachtstagung wieder. Von diesem historischen Ort her sei auch Steiners Rede vom umgekehrten Kultus zu interpretieren. »Wer diese Vorträge nicht dogmatisch, sondern im lebendigen Prozess der Entwicklung nimmt, sie aus dem Blickfeld der Geschehnisse der Weihnachtstagung 1923 betrachtet, dem kann daran etwas außerordentlich Wesentliches deutlich werden«. Während Steiner nämlich vor Weihnachten 1923 noch scharf zwischen anthroposophischer Bewegung und Gesellschaft unterschieden habe, seien beide durch die Konstitution 1923/24 eins geworden. Daher sei in den Prinzipien der Gesellschaft oder in Steiners »Briefen an die Mitglieder« 1924 auch nirgends mehr von »Gemeinschaft« die Rede. Das gesamte gesellschaftliche Leben habe nach der Weihnachtstagung eine andere Form angenommen, wer nach dieser Tagung noch im gleichen Sinn wie vorher von »Gemeinschaften oder Gemeinschaftsbildungen spreche«, der trage »etwas der Konstitution Fremdes in die Zusammenhänge herein«. Damit war das Anliegen der »Gemeinschaftsbildung« im Sinne der Vorträge von 1923 in der Gesellschaft für »konstitutionswidrig« erklärt!

Dass Davids These den Prinzipien klar widersprach, ergibt sich aus einer auch nur oberflächlichen Kenntnisnahme, heißt es doch gleich im ersten Paragraphen: »Die Anthroposophische Gesellschaft soll eine Vereinigung von Menschen sein, die das seelische Leben im einzelnen Menschen und in der menschlichen Gesellschaft auf der Grundlage einer wahren Erkenntnis der geistigen Welt pflegen wollen«. Was, wenn nicht Gemeinschaft, soll denn durch die Pflege des seelischen Lebens in der Gesellschaft entstehen? In Wahrheit ging es bei dieser Auseinandersetzung gar nicht um eine sachliche Erörterung, sondern darum, das Anliegen Rists abzubügeln. Dies wird auch durch die folgende Argumentation Davids deutlich, der sich als nächstes dem Begriff der »Voraussetzungslosigkeit« zuwandte. Diesem kam in den erkenntniswissenschaftlichen und sozialorganischen Untersuchungen Witzenmanns eine gewichtige Rolle zu. Darauf spielte David an, wenn er sagte, »der Begriff ›Voraussetzungslosigkeit‹ wurde in den letzten Jahren in bestimmten Mitgliederkreisen viel gebraucht und behandelt«. Er gestand zu, dass erkenntnistheoretische Untersuchungen, wie Steiner ja selbst in »Wahrheit und Wissenschaft« betont habe, voraussetzungslos sein müssten. Sobald man jedoch das Gebiet der Erkenntnistheorie verlasse, verliere diese ihre Bedeutung, besonders, wenn man innerhalb »anthroposophischer Zusammenhänge« arbeite. Dies zeige schon ein Blick in die »Prinzipien« der Gesellschaft, in welchen von den Mitgliedern gesagt werde: »Sie sind von der Anschauung durchdrungen, dass es gegenwärtig eine wirkliche Wissenschaft von der geistigen Welt schon gibt und dass der heutigen Zivilisation die Pflege einer solchen Wissenschaft fehlt.« Wer von einer solchen Anschauung durchdrungen sei, so David, spreche aus dieser »und nicht aus der Voraussetzungslosigkeit«. Damit war die Voraussetzungslosigkeit der Geisteswissenschaft, der Grundlage und des einzigen Vereinszwecks der Gesellschaft, negiert und diese Geisteswissenschaft selbst implizit für konstitutionswidrig erklärt!

In einem dritten Schritt schließlich versuchte David Rists gesamtes Anliegen der Lächerlichkeit preiszugeben, indem er es als vollkommen »lebensfremd« und »versponnen« taxierte, womit sich ein weiteres Eingehen darauf erübrige. Worüber Rist nämlich in »komplizierter« Weise philosophiere, das habe Steiner in einfachen Worten bereits in seinem Buch »Wie erlangt man Erkenntnisse höheren Welten?« dargestellt: die dem Geistesschüler abverlangte Fähigkeit nämlich, vorurteilslos zuzuhören. Diese einfachste Voraussetzung menschlichen Zusammenlebens kleide Rist »in ein kompliziertes intellektuelles Gewebe, so dass der Leser seiner Begründung gar nicht mehr weiß, um was es dabei geht«. Damit stand auch noch der Vorwurf des »Intellektualismus« im Raum, der innerhalb »anthroposophischer Zusammenhänge« einer der schlimmsten ist, die man erheben kann. Wenn man dieses »intellektuelle Gewebe« durchschaue, dann erkenne man, dass »in den Wesenstiefen« von Rist einfach der Wunsch lebe, Anthroposophen sollten sich so verhalten, wie Steiner dies vom Geistesschüler erwartet habe. Und es hätte völlig ausgereicht, wenn Rist sich dies zum Bewusstsein gebracht hätte, statt sich in komplizierten gedanklichen Konstruktionen zu ergehen. Damit war Rist auch noch in seinen »Wesenstiefen« als Individualität negiert, da er die einfachste Anforderung an den Geistesschüler, die Selbsterkenntnis, nicht zustande brachte.

Dem Vorwurf der Lebensfremdheit und Versponnenheit schloss sich Biesantz an, wenn er einerseits betonte, man könne nicht nur beim »bloßen Klassifizieren oder Denken dessen, was Gemeinschaftsbildung ist« stehenbleiben, sondern müsse zur Gemeinschaftsbildung selbst voranschreiten, und wenn er andererseits bekräftigte, »jede anthroposophische Gruppen- oder Zweigarbeit« bemühe sich genau darum.

Wohl auf Rist gemünzt, meinte er, das Problem liege darin, »dass wir mit dem gewöhnlichen Denken an spirituelle Inhalte herangehen und dadurch das Gegenteil von Gemeinschaft erzeugen«. Gemeinschaft könne eben erst entstehen, wenn der spirituelle Inhalt »mit der Toleranzübung des Hinhörens« verbunden werde. Abgesehen davon, dass Biesantz nun eben das als konstitutiv für die anthroposophische Arbeit behauptete, was David kurz zuvor für konstitutionswidrig erklärt hatte (die Gemeinschaftsbildung nämlich), konnte man Rist auch schwerlich vorwerfen, er habe sich nicht darum bemüht, die Denkformen des »gewöhnlichen Bewusstseins« hinter sich zu lassen.

Zu welch verstiegenen Ansichten sich die Gesellschafts-Nomenklatura inzwischen aufgeschwungen hatte, geht aus den einleitenden Worten Werner Bergers zur Behandlung dreier Anträge eines Mitgliedes, Beatrice Freise, hervor, die sich für eine andere Frau (Renate Blos) einsetzte, die aus dem Pädagogischen Seminar am Goetheanum und anschließend aus der Gesellschaft ausgeschlossen worden war. Die ersten beiden Anträge bezogen sich auf diese Ausschlüsse, der dritte auf den Artikel der Statuten, der dem zweiten (dem Ausschluss aus der Gesellschaft) den Schein der Legitimität verlieh. Er schlug vor, diesen Artikel dahingehend zu ändern, dass Mitglieder nur »unter Angabe von Gründen« aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden dürften.

Vielsagend ist die herablassende Arroganz, mit der sich Berger über das »Schweizer Vereinsrecht« ausließ, das die Gesellschaftsleitung nicht nur dazu nötige, Traktanden »gehörig« anzukündigen – da sonst Beschlüsse der Versammlung gerichtlich anfechtbar seien –, sondern auch dazu, Anträge von Mitgliedern zuzulassen. Seinen Worten ist deutlich anzumerken, wie unangenehm ihm dies war, wies er doch darauf hin, dass dieses Recht durch den »Grundsatz von Treu und Glauben« begrenzt werde, weswegen ein offenbarer Missbrauch vom Recht nicht abgedeckt sei. Aber diese Einschränkungen der Rechte der Mitglieder schienen Berger und der Funktionselite der Gesellschaft noch immer nicht zu genügen, und so kündigte er an, für die Generalversammlung 1975 in Absprache mit den Generalsekretären eine Statutenänderung vorzubereiten, die dieser »Unzumutbarkeit« ein Ende bereiten werde. Die Unzumutbarkeit bestand in seinen Augen darin, dass selbst dann, wenn nicht gegen Treu und Glauben verstoßen wurde oder kein offenbarer Rechtsmissbrauch vorlag, dieses Antragsrecht immer noch dazu benutzt werden konnte, »untragbare Zustände« herbeizuführen, die mit der »Würde« einer Versammlung nicht vereinbar seien. Der »Würde einer Versammlung«?

In seinen Augen waren »einige der Anträge«, die zur Behandlung anstanden, dieser Würde abträglich, welche, sagte er allerdings nicht. Die drei Anträge von Frau Freise kommentierte er mit den Worten: ihre schriftlich vorgetragene Begründung beziehe sich auf alle drei Anträge und damit auch implizit auch auf jenen, der verlange, den Ausschluss eines Mitglieds aufzuheben. Da nun aber »einwandfrei« feststehe, dass die Anfechtung eines Ausschlusses durch die Generalversammlung »statutenwidrig« – ja »gesetzeswidrig« – sei, würde die Verlesung dieser Begründung den Sinn der Bestimmung über den Ausschluss ohne Angabe von Gründen in Frage stellen. Die Anfechtung eines Ausschlusses durch die Generalversammlung hielt Berger also für »gesetzeswidrig«: er erhob damit die Statuten seines Vereins nicht nur in den Rang von Gesetzen, sondern erklärte auch – um ein von ihm benutztes Argument aufzugreifen – »implizit« sowohl den Beschluss der Mitgliederversammlung aus dem Jahr 1948, den durch die Generalversammlung vom 14.4.1935 erfolgten Ausschluss eines Teiles der Mitglieder aufzuheben und diese einzuladen, sich wieder der Gesellschaft anzuschließen, für »gesetzeswidrig«, sondern auch diese Ausschlüsse selbst. Denn wenn die Mitgliedschaft kein Recht hatte, einen durch den Vorstand beschlossenen Ausschluss anzufechten oder aufzuheben, hatte sie sicherlich auch kein Recht, solche Ausschlüsse zu beschließen.

Mögen diese juristischen Scheinargumente auch fragwürdig sein, so ist gewiss der Entscheidung der Versammlung recht zu geben, dass es nicht in ihren Kompetenzbereich falle, über den Ausschluss einer einzelnen Studentin aus dem Pädagogischen Seminar zu urteilen, auch wenn die Argumente, mit welchen Berger dies begründete, selbst wiederum fragwürdig sind. Er meinte nämlich, da das Pädagogische Seminar eine Einrichtung der Hochschule sei, die Führung und Gestaltung der Hochschule jedoch nicht dem Urteil der Generalversammlung unterliege, ja »keine Angelegenheit der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft« darstelle, sei auf diesen Antrag nicht einzutreten. Diese Auffassung, fügte Berger hinzu, sei »innerhalb der Generalversammlung in langjähriger Praxis erhärtet worden«. Wie ist dann der zweite Artikel der »Prinzipien« der Gesellschaft von 1923 zu verstehen, wonach es nicht nur die »Aufgabe der Gesellschaft« sei, »die Wissenschaft von der geistigen Welt« zu »pflegen«, sondern diese »im Goetheanum gepflegte Wissenschaft … zum Mittelpunkt ihrer Bestrebungen zu machen«? Kann eine Gesellschaft etwas, was nach Bergers Aussage gar »nicht ihre Angelegenheit« ist, zum Mittelpunkt ihrer Bestrebungen machen?

Aber nicht nur diese Argumentation steht in krassem Widerspruch zu den ursprünglichen Intentionen Steiners, sondern auch die gesamte Diskussion über den »Ausschlussparagraphen«, der in diesen ursprünglichen Prinzipien nicht enthalten war, sondern erst aufgrund der fatalen Substitution dieser Prinzipien durch die Statuten des ehemaligen Goetheanumbauvereins in der Gesellschaftsgeschichte seine unselige Rolle zu spielen begann (siehe: 1934 | Die »Neigungen der Welt« und die »wahre Anthroposophie«, sowie die Ausführungen weiter unten). Die unaufgeklärte Geschichte dieser Substitution lag auch der Verteidigung des Paragraphen zugrunde, die Hagen Biesantz im Folgenden vortrug, der mit jeder Episode, die er erzählte, den Nebel vor diesem historischen Irrtum nur noch mehr verdichtete.

Zuvor jedoch muss noch eine Volte referiert werden, die Berger bei seiner Kommentierung des zweiten Antrags schlug. Der Ausschluss eines Mitgliedes, so bemerkte er aus seiner Perspektive konsequent, liege »ausschließlich in der Kompetenz des Vorstandes«. Allein schon deswegen sei die Behandlung eines solchen Ausschlusses durch die Generalversammlung »rechtlich nicht möglich«. »Wenn überhaupt«, dann müsse ein solcher Beschluss »vor den Zivilgerichten« angefochten werden. Da er aber »rechtskräftig« geworden sei (dadurch, dass der Vorstand ihn gefällt hatte), könne auf diesen Antrag nicht eingetreten werden. Die Versammlung stimmte ihm bei vier Gegenstimmen zu.

Zur Rechtfertigung des Ausschlussparagraphen holte nun Hagen Biesantz zu einer längeren Rede aus. Er erinnerte daran, dass bereits Anfang der 1960er Jahre (1963) eine Gruppe von Menschen um das enfant terrible der Gesellschaft, Lothar Arno Wilke, versucht habe, diesen Paragraphen abzuschaffen. Im »Nachrichtenblatt« für die Mitglieder findet sich über diesen Vorgang kein Wort, über die entsprechenden Anträge der Generalversammlung 1963 wurde überhaupt nicht berichtet. Vermutlich wurde es damals – angesichts des Todes von Guenther Wachsmuth und Albert Steffen – nicht als opportun betrachtet, das Bild einer zerstrittenen Gesellschaft abzugeben.[3]

Laut Biesantz hatte die Gruppe um Wilke behauptet, der Passus über den begründungslosen Ausschluss sei 1935 nachträglich in die Statuten eingefügt worden, um den Ausschluss Ita Wegmans, Elisabeth Vreedes und anderer überhaupt erst zu ermöglichen. Demgegenüber betonte Biesantz, dieser Passus sei bereits in der »Anmeldung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft beim Handelsregister in Solothurn vom 8. Februar 1925, also zu Lebzeiten Rudolf Steiners« enthalten gewesen. Dort heißt es: »Durch Beschluss des Vorstandes kann ein Mitglied ohne Angabe von Gründen aus dem Verein ausgeschlossen werden.« Dass hier von einem »Verein« die Rede war, und nicht von der »Anthroposophischen Gesellschaft«, schien Biesantz nicht aufzufallen (siehe dazu weiter unten). Gegen den möglichen Einwand, Steiner sei damals aufgrund seiner Erkrankung (er starb am 30. März 1925) nicht mehr imstande gewesen, diesen Vorgang mit voller Aufmerksamkeit zu begleiten, obwohl er die Anmeldung mitunterzeichnet habe, wendete er ein, es existiere ein Entwurf für diese Anmeldung, ein »Entwurf der Statuten der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft«, den Ita Wegman niedergeschrieben habe, vom 3. August 1924. In diesem heiße es unter § 7: »Durch Beschluss des Vorstandes kann ein Mitglied ohne Angabe von Gründen ausgeschlossen werden«. Das Faksimile dieses Entwurfs zeige, dass Steiner in die ursprüngliche Version Wegmans, die lautete: »Durch Beschluss des Vorstandes kann ein Mitglied ausgeschlossen werden«, den Zusatz »ohne Angabe von Gründen« mit eigener Hand eingefügt habe[4].

Biesantz berief sich nun auf eine Erzählung Heinz Müllers (1899-1968), eines der Mitorganisatoren des Pädagogischen Jugendkurses 1922 (GA 217), der 1923 von Steiner als Klassenlehrer an die Hamburger Waldorfschule entsandt worden war. Müller habe bei jener Generalversammlung 1963 davon berichtet, dass Steiner in die Statuten des Hamburger Schulvereins einen gleichlautenden Passus eingefügt habe. Müller habe sich damals über diese Einfügung befremdet gezeigt, aber Steiner habe geantwortet, dies sei »der einzige Weg, wie Sie eine geistige Institution rechtlich absichern können gegen eine böswillige Unterwanderung«. Den Versuch einer solchen Unterwanderung unterstellte Biesantz dem »Wilkekreis«. In einem Gespräch mit einem (ungenannten) Mitglied dieses Kreises habe er nach der Generalversammlung 1963 zu diesem gesagt: »Da gehen Sie in die Versammlung und wollen zuerst diesen Paragraphen weghaben, und nachher können Sie machen was Sie wollen mit der Gesellschaft. Und wenn der Vorstand sich wehrt, dann verstricken Sie ihn in eine Unzahl von Prozessen, die selbst dann, wenn Sie diese verlieren, für den Vorstand und die Gesellschaft eine Unsumme von Kraft, Geld und Ablenkung bedeuten würden.« Die angesprochene Person habe ihn treuherzig angesehen und geantwortet: »Ach, haben Sie das gemerkt?« Was ist von dieser Erzählung zu halten? Abgesehen davon, dass man einen Schulverein nicht mit der Anthroposophischen Gesellschaft gleichsetzen kann, muss daran erinnert werden, dass Steiner, dem nach Biesantzens Aussage angeblich viel daran gelegen war, geistige Institutionen »vor böswilliger Unterwanderung« zu schützen, in die Statuten der Gesellschaft der Weihnachtstagung keinerlei Bestimmungen über den Ausschluss von Mitgliedern aufgenommen hatte. Wenn ihm so viel daran lag, diese Option sicherzustellen, warum hatte er das nicht getan? Außerdem schloss das Recht des Vorstandes auf unbegründeten Ausschluss keineswegs die Gefahr von Prozessen aus, hatte doch kurz zuvor Berger behauptet, »wenn überhaupt«, dann müsse ein solcher Beschluss »vor den Zivilgerichten angefochten werden«.[5]

Biesantz nahm für sich und den übrigen Vorstand in Anspruch, »ganz auf dem Boden dessen« zu stehen, »was Rudolf Steiner damals in dieser Sache gesagt hat, denn es gilt heute noch genau so wie damals«. Der Befürchtung, der Vorstand könne seine Macht missbrauchen, »um sich seine persönlichen Feinde vom Hals zu schaffen«, hielt er entgegen, in der Gesellschaft müsse eben Vertrauen herrschen! Wenn der Vorstand sein Recht missbrauchen würde, wäre »eine wirkliche, auf Vertrauen gegründete Arbeit überhaupt nicht mehr möglich«, »dann könnten wir auf die Dauer das Goetheanum schließen, denn es würden die Mitglieder nicht mehr kommen, wenn da ein Vorstand ist, der seine Rechte missbraucht«. Schließlich behauptete Biesantz, das Recht, Mitglieder ohne Angabe von Gründen aus der Gesellschaft auszuschließen, schütze nicht nur die Gesellschaft vor böswilliger Unterwanderung, sondern auch den Ausgeschlossenen selbst. Wenn nämlich ein Mitglied vorübergehend aufgrund seines Gesundheitszustandes, der es daran hindere, »in der richtigen Art« in der Gesellschaft »darinnenzustehen«, ausgeschlossen werden müsse (vermutlich dachte er an psychopathologische Befunde), dann schütze die prinzipielle Entbindung von der Angabe von Gründen eben dieses Mitglied.

Angesichts dieser ganzen Argumentation, die darauf abzielt, die Ausschließung von Mitgliedern »ohne Angabe von Gründen« als eine Selbstverständlichkeit zu rechtfertigen, die Steiner als konstitutiv für eine »geistig-strebende Gemeinschaft« erachtet habe, lohnt sich ein Blick in den Band der Gesamtausgabe, der den gesamten Konstitutionsprozess der Gesellschaft 1923/24 dokumentiert. Er ist mehr als auffällig, dass in all den Verhandlungen und Gesprächen, die im Verlauf dieses Geschehens geführt wurden, kein einziges Mal die Frage des Ausschlusses eines Mitgliedes auch nur angesprochen wurde. Die Ausdrücke »Ausschluss«, »Ausschließen« oder »ausgeschlossen werden« kommen, abgesehen von dem Dokument, auf das Biesantz in seiner Rede hinwies, lediglich an zwei Stellen vor, von denen die erste den »Ausschluss« als Gegenteil dessen darstellt, was in der Zusammenarbeit von Mitgliedern angestrebt werden sollte, während die zweite die abwegige Möglichkeit thematisiert, der Vorstand als Ganzer könne von irgendeiner Mitgliedergruppe ausgeschlossen werden, was den Ausschluss dieser Gruppe aus der Gesellschaft zur Folge haben würde.

Die erste Stelle findet sich in einem Brief Rudolf Steiners an die Mitglieder über die Gestaltung der Zweigabende vom 6. April 1924, in dem es heißt: »Nicht in dem Ausschließen des einen oder des andern sollte gesucht werden, was die Zweigversammlungen tun sollen, sondern in der harmonischen Vereinigung der Pflege der vorhandenen Literatur und dem Vorbringen dessen, was die einzelnen tätigen Mitglieder von sich aus zu sagen haben«. (GA 260a, S. 69). Die zweite in Notizen zu einer Besprechung, die Steiner vier Tage später (am 10. April 1924) mit »Stuttgarter Vertrauensleuten« hielt, in der er die Autonomie der örtlichen oder auf sachlichem Feld arbeitenden Mitgliedergruppen betont, und ihre Freiheit, Einzelne zu ihrer Arbeit zuzulassen oder nicht. Interessanterweise hat der Ausdruck »Ausschließen« in Steiners Ausführungen zunächst den Sinn von »Nichtaufnehmen« oder »Nichtzulassen«: Für den Fall, dass eine Gruppe von Mitgliedern dem Vorstand der Gesellschaft oder einem Mitglied desselben keinen Zugang zu sich gewähren wollte, hätte dies den Ausschluss dieser Gruppe aus der Gesellschaft zur Folge: »Es können sich Gruppen bilden, die aus diesen oder jenen Mitgliedern bestehen und die niemand andern hereinlassen. Warum sollte das nicht möglich sein? Es ist durchaus möglich, dass irgendeine Gruppe andere Mitglieder ausschließt, mit Ausnahme des Dornacher Vorstandes. Für den gibt es keine Möglichkeit, ihn von irgendeiner Unternehmung auszuschließen, sonst würde er die betreffende Gruppe von der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft ausschließen.

Anthroposophische Bewegung und Anthroposophische Gesellschaft sind nunmehr durch die Weihnachtstagung identisch. Wenn irgendwo der ganze Dornacher Vorstand oder ein Mitglied desselben ausgeschlossen würde, würde die betreffende Gruppe nicht als eine Gruppe der Anthroposophischen Gesellschaft angesehen werden. Aber sonst können sich die Gruppen abschließen.

In Stuttgart sind drei Zweige, die brauchen einander gegenseitig nicht zuzulassen. Wenn ein Mitglied aus Hamburg kommt und darum ansucht, kann ihm der Zweig die Tür aufmachen oder nicht. Würde das ein Mitglied des Dornacher Vorstandes sein, so kann das nicht gehen. Würde ein Dornacher Vorstandsmitglied mit einer Anzahl von Mitgliedern aus Breslau kommen und mit ihnen den Eintritt verlangen, dann kann er nicht ausgeschlossen werden« (GA 260a, S. 477-478).

Den eigentlichen Kern des Problems stellt aber die Tatsache dar, dass der Ausschluss von Mitgliedern »ohne Angabe von Gründen« erst dadurch möglich wurde, dass seit Ende 1925 kein Unterschied mehr zwischen der bei der Weihnachtstagung 1923/24 neu gegründeten Gesellschaft und jenem Verein bestand, der aus dem ehemaligen Bauverein des Goetheanum hervorgegangen war. Seit diesem »Sündenfall« (Wilfried Heidt) war die Gesellschaft zu einem Verein mutiert, in dem tatsächlich demokratische Verfahren legitimiert waren, in dem der Vorstand auch das »Recht« hatte, unter Berufung auf die Statuten dieses Vereins Mitglieder ohne Angabe von Gründen auszuschließen. Die klassische Darstellung dieses »Sündenfalls« durch Heidt, die erstmals im September 1997 in der Zeitschrift Novalis erschien, sei hier zur Verdeutlichung in extenso zitiert.[6]

»Rudolf Steiners Bemühen, nach der Neubegründung der Anthroposophischen Gesellschaft bei der Weihnachtstagung 1923 alle in Dornach im bzw. um das Goetheanum angesiedelten Institutionen, die nach seiner Feststellung ›Strömungen‹ der anthroposophischen Bewegung darstellten, einheitlich zu konstituieren, damit er sie (esoterisch) aus der anthroposophischen Bewegung leiten und (exoterisch) ›nach außenhin‹ (mit dem von ihm berufenen Vorstand) rechtlich vertreten konnte[7], führte aufgrund der Gegebenheiten der schweizerischen Gesetzgebung schließlich dazu, dass diese Konstitution sich (ab dem 8.2.1925) rechtsförmlich in zwei Körperschaften darstellte:

Einerseits in der am 28.12.1923 mit 800 anwesenden Mitgliedern neu begründeten, nicht eintragungspflichtigen (Allgemeinen) ›Anthroposophischen Gesellschaft‹ auf der Basis des von Rudolf Steiner vorgeschlagenen und mit den Versammelten in dreifacher Lesung angenommenen Statuts (die AG umfasste 1924 insgesamt ca. 12.000 Personen) und andererseits in dem vier Unterabteilungen (Institutionen) integrierenden, handelsregisterlich eintragungspflichtigen Verein ›Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft‹ mit einem verwaltungsmäßigen, üblichen Statut, welches aus einer Namens- und Statutenänderung des Goetheanum-[Bau-]Vereins hervorgegangen war. Dieser Verein hatte zunächst 15 und nach Rudolf Steiners Tod bis Ende 1925 unverändert 14 ordentliche Mitglieder (sowie eine größere Zahl ›beitragende‹, die zu den Mitgliederversammlungen nicht zugelassen waren; die Kategorie der ›außerordentlichen‹ Mitgliedschaft war seit dem 8. 2. 25 aufgehoben […]).

Quasi ›organschaftlich‹ verbunden waren diese beiden Rechtspersonen auf der Ebene des Vorstands insofern, als beide Vorstände durch denselben Personenkreis gebildet waren. Aber die Aufgaben beider Körperschaften, die Funktionen ihrer Organe, ihre innere Ordnung und ihre jeweilige Mitgliedschaft waren ›zwei ganz verschiedene Sachen‹[8]. Es gab also zwei Rechtsgemeinschaften mit zwei völlig verschiedenen Konstitutionen, aber auf der Leitungsebene miteinander verbunden.

Diese ›Form‹ wurde am 29. Dezember 1925 zerbrochen, ohne dass wir feststellen könnten, irgendeiner der beteiligten Menschen habe ein Bewusstsein davon gehabt, was geschah. Der gravierendste Bruch war der, dass die Mitglieder der AG [der Gesellschaft der Weihnachtstagung] nicht bemerkten, dass sie den Verein AAG okkupierten und sich an die Stelle von dessen Souverän, den 14 ordentlichen [allein stimmberechtigten] Mitgliedern [dieses Vereins], setzten; wie umgekehrt diese 14 nicht bemerkten, dass sie damit als Souverän abdankten. Das heißt: Am 29. 12. 1925 verschwand der legitime Souverän aus dem von Rudolf Steiner konzipierten Unterabteilungsverein ›Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft‹.

In diesem Verein konnten von der Sache her nur die ›leitenden‹ Personen der integrierten vier Arbeitsfelder – der Administration der Gesellschaft, des Goetheanumbaues, des Verlages und der Klinik – die ordentliche Mitgliedschaft bilden. Dies ergibt sich aus den inneren Gesetzmäßigkeiten der geisteswissenschaftlichen Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus, wie Rudolf Steiner es zeitlebens praktiziert hatte: Die unternehmerische Verantwortung kann nur durch die dazu befähigten bzw. bevollmächtigten Persönlichkeiten, nicht durch offene Vereinsversammlungen ausgeübt werden (so empfanden es – lt. dem oben zitierten Brief von E. Leinhas an G. Wachsmuth vom 30.3.1926 – auch nach dem 29.12.1925 noch ganz richtig zahlreiche Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, deren Vorstandsmitglieder aber offenbar nicht mehr).

Die Folge davon war, dass an die Stelle eines Verantwortungs-Organs der Leitenden ein offener, basisdemokratischer Verein, d. h. eine ›politische Partei‹ gesetzt wurde (aus der sehr schnell alle Erscheinungsformen entstanden, die auftreten müssen, wenn geistige, unternehmerische Fragen anstatt im Kreis der Verantwortlichen mit basisdemokratischen Mechanismen behandelt werden).

Diese Todsünde: Die Vertreibung des legitimen Souveräns aus seiner Verantwortung für das Unternehmen ›Goetheanum‹ (im umfassenden Sinn eines dreigliederungsgemäßen ›Musterbeispiels‹[9]), wird seit dem 29.12.1925 permanent reproduziert (durch die Generalversammlungen des Vereins, zu denen die Mitglieder der Gesellschaft eingeladen sind).

Das bedeutete, dass in alle Probleme, die im Kreis der Leitenden (als einer auch karmisch in nicht einfacher Konstellation verbundenen Gemeinschaft) auftreten konnten und auftraten und die in diesem Kreis zu lösen waren, permanent alle Mitglieder der Weltgesellschaft, die damit gar nichts zu tun und auch keine Möglichkeit hatten, an diesen Problemen konkret mitzuarbeiten (vom Sachverstand für das jeweilige unternehmerische Arbeitsfeld ganz abgesehen), nolens volens (parteiisch) hineingezogen wurden.

Das ist die eine Wurzel jener unendlichen Kette von Konflikten und Krisen, die nach Rudolf Steiners Tod in Dornach – und in die ganze Bewegung ausstrahlend – die Arbeit gelähmt und oft genug hoffnungsvolle Initiativen zerstört haben.

Andererseits hat man die Lebensordnung (Statuten) der Anthroposophischen Gesellschaft [Weihnachtstagung], wie Rudolf Steiner sie gegeben hatte, nach dem 29.12.1925 nicht mehr real beachtet, d. h. rechtlich ignoriert, dass alle hier vorgesehenen Regeln eine organische Freiheitsgestalt bildeten, in welcher die freie Initiative aller Beteiligten – der Mitglieder wie des Vorstandes – nicht in der Vereinzelung, sich selbst genug, in einem bloß pluralistischen Nebeneinander verharren musste, sondern im frei zu vereinbarenden Zusammenströmen eine Gesellschaft mit einem gemeinsamen Bewusstsein hätte hervorbringen können.

Damit war die ›modernste Gesellschaft, die es geben kann‹[10], ins Zeitgeschehen eingetreten. Aber diese Gestalt wurde nach dem Tode Rudolf Steiners faktisch ignoriert. An ihre Stelle trat eine Art sich basisdemokratisch legitimierender Zentralismus, den schließlich der Mythos krönte, Rudolf Steiner leite – durch den jeweiligen Vorstand – die Gesellschaft nach wie vor.

Dieses Gemisch aus Einbildung, Anmaßung und Ignoranz ist die andere Ursache, die wohl wesentlich die menschheitliche Tragödie des 20. Jahrhunderts mitverschuldet hat.

Was nun seit 72 Jahren [d.h. 1997] besteht, ist daher nicht mehr die reale, während der Weihnachtstagung 1923 auf Initiative Rudolf Steiners gegründete, sondern eine Als-Ob-Gesellschaft, welche in diese Verfassung kam, weil ihre Mitglieder – von den leitenden Funktionären dahin gelenkt – sie insofern aufgegeben haben, als sie das Gesellschafts-Leben nach dem 29.12.1925 nicht mehr nach ihrem originären Statut, sondern nach demjenigen des Vereins der AAG führten.[11]

Die Mitglieder der AG [Weihnachtstagung] haben sich von den leitenden Personen, die sich offenbar nicht bewusst waren, dass sie die Dinge auf das falsche Gleis gelenkt hatten, dazu verleiten lassen, den Dornacher Unternehmensverein AAG basisdemokratisch zu okkupieren, und sie haben es zugelassen, dass die in Dornach Verantwortlichen (d. h. die Vorstandsmitglieder nach Rudolf Steiner) das Statut des Vereins der Unterabteilungen so einsetzten und handhabten, als ob es – so die (erfundene) Rechtfertigung für das Widersinnige – wegen unumgänglicher behördlicher Erfordernisse die verbindliche Lebensordnung der anthroposophischen Weltgesellschaft sein müsse.

Diese doppelte Verirrung hat dazu geführt, dass die anthroposophische Bewegung jahrzehntelang blockiert wurde, weil ihr nicht mehr die ›Form‹ zur Verfügung stand, welche ihr Rudolf Steiner mit der neubegründeten Anthroposophischen Gesellschaft dergestalt gab, wie sie sie zu ihrer ›Pflege‹,  d. h. insbesondere zur Bildung eines ›gemeinsamen Wollens‹ brauchte«.[12]

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Anmerkungen

[1] GA 257, Vorträge vom 27. und 28. Februar 1923.

[2] GA 257, 27.02.1923, S. 116, Ausgabe Dornach 1989.

[3] 1963 wurden unter Berufung auf den § 7 der Vereinsstatuten nicht nur Wilke, sondern eine Reihe weiterer Mitglieder ausgeschlossen: Johannes-Wolfgang Ernst, Max Jost, Karin Plackmeyer, Rudolf Saacke (Norrköping) und Emil Stöcklin. Wilke wurde zuerst aufgefordert, seine Mitgliedskarte zurückzuschicken (Nachrichtenblatt 42, 1963). Später wurde Wilkes Mitgliedskarte für ungültig erklärt, da er sie nicht zurückschickte (Nachrichtenblatt 44, 1963). Der Ausschluss der übrigen Mitglieder wurde im Nachrichtenblatt Nr. 50, 1963 bekanntgegeben. Grund für den Ausschluss Wilkes dürfte gewesen sein, dass er, wie Kurt Franz David 1965 schrieb, in den von ihm herausgegebenen »Mitteilungen für die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, Christian Rosenkreutz Zweig Hamburg«, »heftig gegen die führenden Mitglieder der Gesellschaft polemisiert«, und Wachsmuth sowie Steffen in bis dahin »nie erreichter Niveaulosigkeit« verdächtigt und verleumdet hatte. Vgl. das Protokoll der Generalversammlung 1963, Nachrichtenblatt Nr. 18, 5.05.1963 und Nr. 19, 12.05.1963 sowie Nachrichtenblatt Nr. 30, 25.06.1965.

[4] Biesantz verwies auf GA 260, S 548 f. Die Tatsachenbehauptungen zur Geschichte dieser Textpassage treffen zu. Das Problem ist jedoch, dass es sich nicht um die Statuten der Anthroposophischen Gesellschaft der Weihnachtstagung handelte, sondern um die Statuten des Vereins, der aus dem ehemaligen Bauverein hervorgegangen war (siehe im Folgenden die Ausführungen Wilfried Heidts).

[5] Die Möglichkeit eines Ausschlusses von Mitgliedern kann natürlich in keiner Gesellschaft ausgeschlossen werden. Die Frage ist nur, ob sie im Fall der Gesellschaft der Weihnachtstagung Steiners Intentionen gemäß allein durch den Vorstand verfügt werden sollte.

[6] Zitiert nach der Version der Buchausgabe »Wer ist die Anthroposophische Gesellschaft?« Achberg 1998 S. 144 ff.

[7] GA 260a, S. 501 ff.

[8] Diesen Unterschied erklärt Rudolf Steiner schon während der Weihnachtstagung, als es anlässlich der Beitragsfrage um das ›Verhältnis der Anthroposophischen Gesellschaft zum Bauverein Goetheanum‹ geht. (GA 260 / 1985, S. 177)

[9] Rudolf Steiner, GA 260a, S. 113.

[10] Rudolf Steiner, GA 260, S. 125.

[11] Man bedenke nur den einen Punkt: Was musste es für die geistige Wirklichkeit dieser Gesellschaft bedeuten, dass nun die Regelung (des AAG-Vereinsstatuts) galt, dass der Vorstand Mitglieder ›ohne Angabe von Gründen ausschließen‹ konnte! Selbst wenn er es nie getan hätte: Die davon ausgehende geistige Wirkung ist tödlich für den Freiheitsorganismus der ›modernsten Gesellschaft, die es geben kann‹. Man stelle sich nur vor, Rudolf Steiner hätte bei ihrer Gründung einen Ausschlussparagraphen zur Abstimmung gebracht!

[12] Rudolf Steiner, GA 260a, S. 27.

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