1975 | Die Verabschiedung eines Souveräns

Gerhard Kienle (1923-1983)

Gerhard Kienle (1923-1983)

Im Jahr 1975 beschäftigte das Goetheanum rund 200 Mitarbeiter, von denen mehr als zwanzig zwischen 70 und 90 Jahre alt waren. Rund fünfzig dieser Mitarbeiter, also ein gutes Viertel, waren über 60.[1] Dieses Viertel befand sich also in einem Alter, das bis vor das Jahr 1915 zurückreichte. Die jüngsten dieser Mitarbeiter waren beim Tod Rudolf Steiners zehn Jahre alt gewesen. Die meisten von ihnen dürften Steiner noch persönlich gekannt und über lebendige Erinnerungen an ihn verfügt haben. Jedenfalls hatten alle die übrigen Mitglieder des Gründungsvorstandes erlebt und zu manchen von ihnen in engem Kontakt gestanden. Der Vorstand hatte sich zwar etwas verjüngt, aber sämtliche Mitglieder befanden sich weit in der zweiten Lebenshälfte.[2] Und er bestand – wieder einmal – nur aus Männern.

Der Betrieb des Goetheanum war mit einem beträchtlichen finanziellen und organisatorischen Aufwand verbunden, ganz zu schweigen von der Verwaltung der Gesellschaft mit ihren diversen Landesorganisationen, Zweigen und Arbeitsgruppen oder den einzelnen Sektionen mit den ihnen angegliederten Institutionen und Initiativen. Aus den Einnahmen durch Veranstaltungen (1974 war der gesamte Faust aufgeführt worden), Mitgliederbeiträgen, Spenden und Legaten mussten nicht nur die Personalkosten – darunter ein wachsender Anteil an Altersbezügen –, sondern auch der Unterhalt der Gebäude und Bauvorhaben finanziert werden. Dem Umsatzvolumen und der Mitarbeiterzahl nach war das Goetheanum ein mittelständisches Wirtschaftsunternehmen, das von der Produktion geistiger Güter lebte. Der Gesamtbetrieb erhielt keinerlei öffentliche Zuschüsse, sondern war vollständig auf freie Finanzierung angewiesen. Die Tätigkeiten dieses Unternehmens genossen nur teilweise den Status der Gemeinnützigkeit und damit der Steuerfreiheit. Allein der Unterhalt des Geländes und der Gebäude hatte im Jahr 1974 rund 650.000 Schweizer Franken verschlungen und für die diversen Bühnenveranstaltungen mussten rund 103.000 Franken Billettsteuer entrichtet werden. Dass diese freie kulturelle Institution seit nunmehr 72 Jahren existierte (1913 hatte die Grundsteinlegung des ersten Goetheanumbaus stattgefunden) war allein schon erstaunlich, umso mehr aber, wenn man die relativ geringe Mitgliederzahl der »Weltgesellschaft« und ihre dramatische Geschichte innerhalb eines keineswegs wohlgesonnenen Umfeldes bedenkt, die für diesen Aufwand letztlich geradestand.

Über dieses Umfeld gab Gerhard Kienle Auskunft, der die Generalversammlung mit einer flammenden Rede über die aktuelle Situation im Gesundheitswesen unterrichtete.[3] Der engagierte Arzt sprach von der internationalen gesundheitspolitischen Regulierungsbewegung als einer »Dampfwalze«, die »alles unter sich zu zermalmen« drohe. In den USA werde mittlerweile den Ärzten vorgeschrieben, mit welchen Medikamenten sie welche Patienten zu behandeln hätten. Ärzte, die sich nicht an die behördlichen Vorschriften hielten, machten sich strafbar. Auch in der Bundesrepublik bestehe die »erklärte Absicht«, die einzelnen Individuen über die Medizin in die staatliche »Machtsphäre« einzubeziehen. Der Versuch, in der Schweiz das Krebsheilmittel Iscador zu verbieten, sei »von langer Hand vorbereitet worden«. An die Stelle der Freiheit solle eine »bürokratische Diktatur« treten.

Der Tendenz, in der Humanmedizin mit Hilfe von Tierversuchen und statistischen Verfahren verpflichtende Standards einzuführen, müsse durch eine langfristige Strategie begegnet werden. »In Deutschland« so Kienle, »wurde uns klar gesagt: Das Arzneimittelgesetz ist das Vorschaltgesetz für ein Ärztegesetz, um die Medizin endlich richtig in den Griff zu bekommen und im Zusammenhang damit die gesamte Gesundheits‐ und Erziehungspolitik. Es ist durchaus gemeint als Stufe zu einer allgemeinen sozialen Diktatur«.

Gegen diese technokratische Tendenz sei der Kampf aufgenommen und der mit ihr verbundene Wissenschaftsanspruch grundsätzlich in Frage gestellt worden. Die Behauptung, Ergebnisse aus Tierversuchen ließen sich auf Menschen übertragen, beruhe auf unzulässigen Analogieschlüssen, die unterstellte Wissenschaftlichkeit der praktizierten Methoden des Wirksamkeitsnachweises sei reine Ideologie. »Wir haben den Schleier zerreißen und sagen können: Es ist ein Glauben, Wähnen und Hoffen, aber es ist nichts von Wissenschaft darinnen. Es spricht heute fast kein Mensch mehr davon, dass man durch Tierversuche die Unschädlichkeit einer Substanz bestimmen könne … Wir haben nachweisen können, dass, was man an Wirksamkeitsmethoden [gemeint sind: Methoden des Wirksamkeitsnachweises] uns anbietet, reiner Glaube ist und Spekulation«, so Kienle. Durch die Auseinandersetzung auf dieser fundamentalen Ebene sei die anthroposophische Medizin in Deutschland von einer kleinen »Eckenstehergruppe« zu einer »geistigen Bewegung« geworden, die in den gesellschaftlichen Diskussionen mitwirke und ernstgenommen werden müsse.

»Es geht letztlich darum« fuhr Kienle fort, »ob wir unsere Aufgabe, den hygienischen Okkultismus in den Griff zu bekommen, erfüllen oder nicht erfüllen können. Das Arzneimittelgesetz ist der äußerste Ausdruck dafür, denn eigentlich geht es um die Grundfragen der Medizin und des hygienischen Okkultismus: Treibe ich nur eine Technologie oder fördere ich die Entwicklung des Individuums mit allen karmischen Konsequenzen durch das, was ich im medizinischen Bereich tue? Und da müssen wir nicht einfach jammern, sondern uns mit Leistung und Können voll einsetzen«. Kienle plädierte sowohl für eine Professionalisierung der eigenen Tätigkeit, als auch für strategisches Denken und Handeln: »Es muss jeder, der sachlich das Richtige will, sich mit uns finden können, weil wir sachgemäß denken und handeln, nicht, weil wir außenseiterische Vorstellungen haben … Wir müssen eine langfristige, geistige Strategie entwickeln für das, was in 20 Jahren auf uns zukommen wird … Dazu gehört, dass unsere Führungsgremien in Ruhe und auch in Diskretion arbeiten können … Wir müssen uns den Problemen, die die Welt stellt, selbst stellen … Was die Welt von uns erwartet, ist, dass wir ihre Probleme ernst nehmen und wirklich mit Anstrengung und Einsatz etwas beitragen. Dann sind wir ein Partner, dann brauchen wir nicht zu missionieren. Und wenn wir das nicht tun, wird uns die Existenzfrage gestellt«. Außerdem rief Kienle zur Geschlossenheit auf: »Wir müssen eisern zusammenstehen … wir werden sicherlich recht schweren Zeiten entgegengehen und wir müssen mit einer außerordentlichen Anstrengung und Konzentration arbeiten, um die Wirkensbedingungen für die Aufgabe Mitteleuropas zu erhalten. Es ist schon notwendig, dass man dann auch persönlich zuweilen in die Arena hereinsteigt … Es gehört schon ein bisschen Entschlossenheit dazu. Die wird aber respektiert. Unsere Gegner respektieren das. Dann werden sie nämlich sehr gesprächsfreudig und entgegenkommend … Die wildesten Gegner werden sehr freundliche Gesprächspartner, wenn sie drei Dinge bemerken: Sachlichkeit, Entschlossenheit und Wahrheitsliebe … Wir müssen den Boden der Gemeinsamkeit heilighalten und mit totalem Einsatz uns den Aufgaben, die sich jetzt ergeben, wirklich voll und ganz widmen«.

An Kienles Beitrag schloss sich keine Diskussion an, vielmehr ging die Versammlungsleitung unmittelbar zum nächsten Punkt der Tagesordnung, der Änderung der Statuten über.

Bei der nun folgenden Debatte ist zu bedenken, dass sie unter der Voraussetzung stattfand, die Statuten vom 8. Februar 1925 stellten die gültige Verfassung der Anthroposophischen Gesellschaft dar. Die laut Günther Wachsmuth[4] auf ausdrücklichen Wunsch Rudolf Steiners in »Prinzipien« umbenannten Statuten der Weihnachtstagung 1923 spielten in dieser Diskussion – abgesehen von den Wortmeldungen zweier Mitglieder – überhaupt keine Rolle. Die Statuten der Weihnachtstagung hatten die »Pflege der Wissenschaft von der geistigen Welt« ausdrücklich zur Aufgabe (zum Zweck) der anthroposophischen Gesellschaft erhoben. Diese Aufgabe sollte sie dadurch erfüllen, dass sie »die im Goetheanum zu Dornach gepflegte anthroposophische Geisteswissenschaft mit ihren Ergebnissen für die Brüderlichkeit im menschlichen Zusammenleben, für das moralische und religiöse, sowie für das künstlerische und allgemein geistige Leben im Menschenwesen zum Mittelpunkte ihrer Bestrebungen« machte. Nun aber ging es nicht um diese »Prinzipien«, sondern um die Statuten des ehemaligen Goetheanumbauvereins, der seinen Namen im Februar 1925 in »Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft« geändert und die Gesellschaft der Weihnachtstagung in sich aufgesogen hatte. Der Paragraph 8 dieser Statuten sollte um zwei Absätze ergänzt werden. Absatz (1) und (2) des nachfolgend zitierten Textes stellten die vorgesehene Ergänzung dar, Absatz (3) und (4) den bisherigen Text des Paragraphen:

»(1) Der Beschlussfassung durch die Generalversammlung unterliegen alle Angelegenheiten, welche im Bereiche der Rechtsgleichheit der Mitglieder liegen (z.B. Statutenänderungen, Zustimmung zur Ernennung des Vorsitzenden und weiterer Vorstandsmitglieder, Mitgliederbeitrag, Dechargeerteilung).

(2) Anliegen, die geistige Ziele und Aufgaben der Gesellschaft betreffen, werden nur in freier Aussprache behandelt. Eine Abstimmung darüber findet nicht statt.

(3) Die Generalversammlung wird vom Vorsitzenden der Gesellschaft oder dem von ihm bestimmten Leiter präsidiert. Dem Vorsitzenden, bzw. bei dessen –Abwesenheit dem Versammlungsleiter, steht bei Stimmengleichheit der Stichentscheid zu.

(4) Die Beschlüsse der Generalversammlung sind in einem Protokoll festzuhalten, das im Nachrichtenblatt der Gesellschaft veröffentlicht wird«.

Die aus der Sicht des heutigen Forschungsstandes vorhandene Verwirrung machten bereits die einleitenden Worte Bergers deutlich, mit welchen er die Notwendigkeit der Ergänzung begründete: »Wer sich einmal anschicken sollte, die Geschichte der Generalversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft zu schreiben, wird schwerlich darum herumkommen, den Leidensweg beschreiben zu müssen, den die von Rudolf Steiner gewollte – und in den Prinzipien festgehaltene Institution der Generalversammlung nehmen musste«. In den »Prinzipien« – d.h. den Statuten der Weihnachtstagung – war aber von einer »Generalversammlung« überhaupt nicht die Rede, sondern vielmehr von »ordentlichen Jahresversammlungen« bzw. »außerordentlichen Versammlungen«, die auf Wunsch des Vorstandes einberufen werden konnten. Steiner hatte bei der Weihnachtstagung seine Absicht bekundet, auch der Mitgliedschaft das Recht einzuräumen, außerordentliche Versammlungen einzuberufen, diese Passage fehlte jedoch in den seit 1924 publizierten Versionen der Gesellschaftsverfassung.[5]

Ebenso unzutreffend ist Bergers Behauptung im folgenden Satz, die »Generalversammlung« habe »dem äußeren Recht« bzw. dem »geltenden schweizerischen Recht« unterstellt werden müssen: »Der Geschichtsschreiber wird, wenn er objektiv ist, nicht verkennen, wie unter anderem das Erfordernis der Unterstellung der Generalversammlung unter das äußere Recht immer wieder zu erheblichen Schwierigkeiten geführt hat. Eine dieser Schwierigkeiten besteht z.B. darin, dass einzelne Mitglieder von ihrem nach dem hier geltenden schweizerischen Recht äußerst weitgehenden Antragsrecht in einer Art und Weise Gebrauch machen, dass gelegentlich von einem Handeln wider Treu und Glauben, ja sogar von einem offensichtlichen Rechtsmissbrauch gesprochen werden muss«.

Abgesehen davon, dass Berger damit das »schweizerische Recht« für die Unfähigkeit der Anthroposophen verantwortlich machte, zivilisiert miteinander umzugehen, beruhten auch diese Thesen auf der bereits benannten Verwechslung zwischen Gesellschaftsstatut und Vereinsstatut. Durch die Konstitution bei der Weihnachtstagung war die Anthroposophische Gesellschaft als Gesellschaft bürgerlichen Rechts, als Idealverein, begründet worden und voll geschäftsfähig. Sie bedurfte keiner zusätzlichen Statuten. Da aber durch die Verschmelzung dieser Gesellschaft mit dem ehemaligen Bauverein die Statuten des Bauvereins zur Geschäftsgrundlage der Gesellschaft erhoben worden waren, hatte sie sich selbst dem »schweizerischen« Vereinsrecht unterstellt. Und dieses Vereinsrecht billigt Vereinsmitgliedern nicht nur – wie Berger meinte – ein »äußerst weitgehendes Antragsrecht« zu, sondern auch eine grenzenlose Souveränität, die voll und ganz den basisdemokratischen schweizerischen Gepflogenheiten entspricht. Ein Vereinsvorstand lebt, um eine Formulierung Steiners aufzugreifen, »von der« Mitgliederversammlung »Gnaden«. Er zieht sich nicht an seinem eigenen Schopf aus dem Sumpf, sondern wird als Organ durch die Vereinsmitglieder konstituiert und besitzt genau jene Rechte, die der Souverän ihm zugesteht. Er kann sich auch nicht aus eigener Machtvollkommenheit zum autokratischen Souverän erklären, sondern bleibt der Mitgliedschaft in all seinen Handlungen rechenschaftspflichtig. Ein Verein besteht nicht um des Vorstands willen, sondern der Vorstand um des Vereins willen. Im schweizerischen Zivilgesetzbuch von 1907 zum Beispiel heißt es kurz und bündig: »Die Versammlung der Mitglieder bildet das oberste Organ des Vereins« (Art 64). Oder in Artikel 65, Abs. 2: Die Vereinsversammlung »hat die Aufsicht über die Tätigkeit der Organe und sie kann sie jederzeit abberufen …«. Schließlich in Artikel 75: »Beschlüsse, die das Gesetz oder die Statuten verletzen, kann jedes Mitglied, das nicht zugestimmt hat, von Gesetzes wegen binnen Monatsfrist, nachdem es von ihnen Kenntnis erhalten hat, beim Richter anfechten«. Jedes Mitglied hat das Recht, Beschlüsse, denen es nicht zugestimmt hat, vor Gericht anzufechten – sofern sie den Statuten oder dem Gesetz widersprechen.

Berger aber fuhr fort, auf das Schweizer Recht einzudreschen. Von diesem »weitgehenden Antragsrecht« sei in der Vergangenheit »in einer unzukömmlichen und unzulänglichen Weise« Gebrauch gemacht worden, gegen diesen »Rechtsmissbrauch« habe energisch eingeschritten werden müssen, es habe immer wieder dargetan werden müssen, dass ein »solches Verhalten« »mit dem Ansehen und der Würde der Generalversammlung einfach nicht zu vereinbaren« sei. (Wo tauchen in irgendeiner vereinsgesetzlichen Bestimmung die Begriffe des »Ansehens« oder der »Würde einer Generalversammlung« auf?) Berger bedauerte, dass »viel zu viel Energie, Kraft und Zeit« »unnütz vertan worden« seien, »weil man die Grenzen dessen nicht erkennen wollte, was in diesem Instrument der Generalversammlung einerseits, andererseits aber auch in der persönlich-individuellen Stellung innerhalb dieser Generalversammlung enthalten ist. Und mit einem gewissen Bedauern muss festgestellt werden, dass derartige Tendenzen des Missbrauches sich bis in die jüngste Vergangenheit gezeigt haben«.

Nun kam Berger auf die Behandlung von »Angelegenheiten« zu sprechen, die der inzwischen etablierten Argumentation zufolge »ihrem Wesen nach nicht in den Beurteilungsbereich einer Generalversammlung« gehörten. Nach welchem Recht? Jedenfalls nicht nach dem Schweizer Zivilrecht! Denn nach diesem war die Generalversammlung (oder Mitgliederversammlung) das »oberste Organ« des Vereins. Sie hatte über alles zu entscheiden, worüber nicht andere Organe entscheiden durften.[6] Solche »Angelegenheiten« waren natürlich, gemäß dem Vorschlag, solche der »Hochschule«. Denn diese hatten, laut Berger, »geistige Aufgaben und Ziele zum lnhalt« – und Rudolf Steiner habe immer wieder dargelegt, »geistige Angelegenheiten« dürften »einzig und allein aus Sachkenntnis heraus«, »niemals aber auf dem Wege über eine mit dem Prinzip der Rechtsgleichheit verbundene Abstimmung« behandelt werden. Man sehe sich daraufhin die Selbstverwaltungsorgane einer beliebigen Hochschule und die Wege der Entscheidungsfindung in solchen Gremien an, die zweifellos »geistige Aufgaben und Ziele zum Inhalt« haben!

In den vorgeschlagenen Absätzen des Paragraphen 8 war jedoch gar nicht von der Hochschule als Institution die Rede, sondern viel allgemeiner von »geistigen Zielen und Aufgaben der Gesellschaft«, über die nicht abgestimmt werden dürfe, während über andere Angelegenheiten, die »im Bereich der Rechtsgleichheit der Mitglieder« lägen, eine Abstimmung möglich sei. Solche »Angelegenheiten« wurden nicht systematisch, sondern enumerativ definiert: »Statutenänderungen, Zustimmung zur Ernennung des Vorsitzenden und weiterer Vorstandsmitglieder, Mitgliederbeitrag und Dechargeerteilung«.

Wie bereits zitiert, hatten die von Steiner formulierten Statuten der Weihnachtstagung eine eminent geistige Angelegenheit, nämlich die »Pflege der Wissenschaft von der geistigen Welt«, die »Förderung der Forschung auf geistigem Gebiet« zum Ziel der Gesellschaft erklärt, das sie dadurch erreichen sollte, dass sie (die Gesellschaft) »die im Goetheanum zu Dornach gepflegte anthroposophische Geisteswissenschaft« »zum Mittelpunkt ihrer Bestrebungen« machte. Von nun an sollte die Gesellschaft über diesen Mittelpunkt ihrer Bestrebungen nicht mehr mitbestimmen (abstimmen), sondern nur noch »in freier Aussprache« reden dürfen. Eine solche Bestimmung widersprach offensichtlich sowohl den Statuten der Weihnachtstagung, als auch dem Schweizer Vereinsrecht.

Berger versuchte die »Befürchtung« zu zerstreuen, durch diese »Erweiterung« der Statuten werde »die Freiheit der Mitglieder eingeschränkt«. Sein Argument: der Vorstand habe sich um eine »möglichst weitgehende und lediglich richtungweisende Fassung bemüht«. Nun, die Fassung war in der Tat »möglichst weitgehend«, da sie sämtliche »geistigen« Angelegenheiten der Mitbestimmung der Mitglieder entzog und diese zu unmündigen Akklamateuren eines Vorstandes degradierte, der nunmehr schalten und walten konnte, wie er wollte. Eine reale Einflussnahme auf die Politik des Vorstandes war jetzt nur noch auf dem Umweg über »Statutenänderungen«, die Verweigerung der »Zustimmung zur Ernennung des Vorsitzenden und weiterer Vorstandsmitglieder« oder die Verweigerung der »Dechargeerteilung« möglich. Da aber in Zukunft jede Abstimmung über »geistige Angelegenheiten« unmöglich sein sollte, konnte argumentiert werden, mögliche Statutenänderungen beträfen »geistige Ziele«, die Ablehnung eines Vorstandsmitglieds betreffe die geistige Autonomie des Vorstandes oder die Dechargeerteilung dürfe nicht dazu zweckentfremdet werden, um auf die geistigen Ziele der Gesellschaft durch demokratische Mittel Einfluss zu nehmen. Mit anderen Worten: die Mitgliederversammlung war vollkommen entmachtet – genauer: indem sie diese Statutenänderung annahm, entmachtete sie sich selbst.

Merkwürdig mutet es angesichts dieser Konsequenzen an, wenn Berger behauptete, der Vorstand wolle keineswegs »Zustände oder Verhältnisse reglementieren oder fixieren«. In Wahrheit ging es genau darum, die Zustände und Verhältnisse, die in den vergangenen Jahren durch die Argumentation des Vorstandes und seiner Adjutanten geschaffen worden waren, zu fixieren. Noch merkwürdiger klingt die Behauptung, durch die neuen Bestimmungen im Statut solle »ein Raum geschaffen werden für das Miteinanderleben innerhalb der Generalversammlung, ein Raum für eine auf Vertrauen, Einsicht und Toleranz ruhende Praxis«. Im übrigen fiel niemandem der performative Selbstwiderspruch auf, der darin bestand, dass die Generalversammlung sich selbst eine Kompetenz aberkannte, indem sie eben diese Kompetenz ausübte: denn die Beschlussfassung über die neuen Absätze der Statuten setzte voraus, dass die Mitgliedschaft imstande war, über geistige Aufgaben und Ziele der Gesellschaft zu urteilen, sonst hätte sie auch nicht erkennen können, dass sie für diese keine Urteilskompetenz besaß.

Trotzdem gab es Mitglieder, die Bedenken hatten und diese auch zu Protokoll gaben. Zu diesen gehörten Bernhard Hartmann, Hans R. Enz und Udo Hermannstorfer.

Hartmann war der erste, der sich auf die »Prinzipien« der Weihnachtstagung berief, um gegen die Ergänzung der »Statuten« Einspruch zu erheben. Die Brüderlichkeit, von der diese Prinzipien redeten[7],beträfen auch das Recht der Mitglieder, Anträge zu stellen, weil die durch diese Anträge aufgeworfenen Fragen wesentlich zur »Bewusstseinsbildung« der Gesellschaft beitrügen. Zu den Aufgaben des Vorstandes gehöre es, diese Bewusstseinsbildung zu fördern. »Der Vorstand würde sich« aber, so Hartmann, »durch die Annahme dieser Statutenänderung seiner zentralsten Aufgabe, der Realisierung der Prinzipien, berauben, weil die Brüderlichkeit im menschlichen Zusammenleben damit verletzt würde, wenn das Antragsrecht praktisch abgeschafft wird. Eliminiert man dieses, so fällt die freie, offen zustimmende oder ablehnende Bekundungsmöglichkeit zu einem Antrag oder einer Vorstandsinitiative hinweg«. Alle Mitglieder seien »durch die Hilfe der geistigen Welt rechtsgleich und beschlussfähig und der Statutenvorschlag sei deshalb nicht nur konstitutionswidrig, sondern ein indirekter Angriff auf die menschliche Würde, auf das Ich«.

Hans R. Enz brachte drei Einwände gegen die Ergänzung vor: mit jeder Erweiterung der Statuten wachse die Gefahr, dass Beschlüsse von Mitgliedern vor Gericht angefochten würden, Paragraphen erstickten die Phantasie und Steiner habe »Detailfragen« nicht durch Statuten, sondern durch »Takt« regeln wollen. Die Aufzählung »abstimmungsfähiger Gegenstände« könne zu endlosen Diskussionen darüber führen, was zur Rechtsgleichheit der Mitglieder gehöre und was nicht. »Worüber abgestimmt wird und worüber nicht, das sollten wir nicht in den Statuten festlegen. Die Nachteile wiegen zu schwer.«

Berger präzisierte nun in einer ersten Entgegnung die Intention der Statutenergänzung. Die aufgezählten Beispiele (Statutenänderungen, Zustimmung zur Ernennung des Vorsitzenden und weiterer Vorstandsmitglieder, Bestimmung des Mitgliederbeitrages, Dechargeerteilung) sollten verdeutlichen, über welche Angelegenheiten jedes Mitglied abstimmen könne, weil es Mitglied, weil es Mensch und daher allen anderen gleich sei. Aber über »geistige Aufgaben« könne nicht abgestimmt werden, darüber habe nie ein Zweifel bestanden.[8] Darüber, ob etwas schön sei oder nicht, könne nicht abgestimmt werden. Dies müsse im Interesse einer »reibungsloseren Abwicklung der Generalversammlung« klargestellt werden.

Nun wies Udo Hermannstorfer darauf hin, dass der Gegensatz zwischen Angelegenheiten, welche die Rechtsgleichheit beträfen, und solchen, die geistige Ziele und Aufgaben zum Inhalt hätten, eine Chimäre sei. Der wirkliche Gegensatz sei vielmehr »derjenige zwischen Intuition und Realisation« und »dazwischen« liege das Rechtsleben. Auch das Rechtsleben werde aus Intuition gespeist. Jeder Tat lägen geistige Aufgaben und Ziele zugrunde, zu denen man durch Initiative gelange. Initiativen könnten aber sowohl vom Vorstand, als auch von den Mitgliedern ausgehen. Jede Initiative sei ein Appell an andere, einen »Erkenntnisgehalt« anzuerkennen, der nach Realisierung dränge. Initiativen seien kein willkürliches, sondern ein selbstloses Verhalten, das den anderen miteinschließe. Aber Initiativen verlangten nach Zustimmung oder Ablehnung. Jedes Mitglied mit einer Initiative habe das Recht auf Anhörung und Beratung, dies garantiere das Antragsrecht, das eben diese Erkenntnisberatung sicherstelle. Erst in der Beratung über Anträge stelle sich heraus, ob über sie Beschlüsse gefasst werden müssten oder nicht, a priori lasse sich dies nicht festlegen. Die Beratung über Anträge sei wesentlicher Bestandteil jenes Prozesses, durch den die Gesellschaft ein gemeinsames Bewusstsein entwickle. Diese Aufgabe der Bewusstseinsbildung obliege auch dem Vorstand. Das damit verbundene Problem werde durch die beabsichtigte Statutenänderung nicht gelöst.

Dennoch scheint auch Hermannstorfer der Auffassung gewesen zu sein, es gebe Angelegenheiten, für die die Generalversammlung nicht zuständig sei. Denn er fuhr fort, wenn »nicht zulässige« Mehrheitsbeschlüsse zustande kämen, dann seien diese entweder Folgen ungenügender Begründung oder mangelnden gemeinsamen Bemühens« um Erkenntnis. In solchen Momenten stehe die Gesellschaft in der Gefahr, »als Erkenntnisgemeinschaft zu versagen und zu einer bloßen Verwaltungsgemeinschaft herabzusinken«. Entscheidend sei daher der Prozess der »gegenseitigen Erkenntnisberatung«. Diese allein stelle die Entstehung eines »gemeinsamen Bewusstseins« sicher. Artikel 12 der Statuten (des Vereins) und Artikel 11 der Prinzipien (der Weihnachtstagung) schützten hinreichend davor, dass über Gegenstände abgestimmt werde, über die nicht abgestimmt werden könne.[9] Daher sei die Statutenänderung unnötig. Es genüge, wenn Anträge mit dem Bewusstsein eingereicht würden, dass sie den Vorstand zu nichts zwingen könnten, sondern vielmehr den Wunsch nach Erkenntnisberatung zum Ausdruck brächten.

Daraufhin meldete sich die »grande dame« der deutschen Landesgesellschaft, Clara Kreutzer, zu Wort: Sie stellte fest, im Grunde plädierten die meisten Redner, die Bedenken vorgebracht hätten, genau für das, was durch die Statutenänderung erreicht werden solle: dafür nämlich, »eine größtmöglich lange Zeit in einer Generalversammlung zu bekommen, in der die Mitglieder ihre Initiativen, ihre Erkenntnisprobleme, ihre Fragen zur Gesellschaftsgestaltung vortragen können, auch ihre Kritik, und man dann, in einer freien Aussprache darüber, die Probleme weiter fördern kann, um sie zu einem Punkt zu bringen, der der höchst mögliche Punkt ist, welcher der Versammlung in diesem Augenblick möglich ist«.

So weit, so gut. Nun aber fuhr sie fort, die Forderung, jeder geistige Vorgang müsse zu einer »abstimmungsfähigen Beschlussfassung führen«, zeuge von einem mangelnden Verständnis des »Erkenntnisvorgangs«. Nur hatte niemand der Vorredner eine solche Forderung ausgesprochen – im Gegenteil: Hartmann und Enz hatten sich gegen die Beschränkung des Antragsrechts gewendet, Hermannstorfer für die Freiheit der »Erkenntnisberatung« plädiert. Kreutzer meinte, der »echte Erkenntnisprozess« sei im Prinzip unabschließbar, feste Erkenntnisurteile führten zur »Erstarrung«. Aber das war gar nicht das Problem. Niemand hatte die prinzipielle Unabschließbarkeit von Erkenntnisprozessen bezweifelt. Nun kam Kreutzer – die federführend bei den Verhandlungen mit Herbert Witzenmann über eine gemeinsame Sprachregelung zu seiner Stellung im Vorstand gewesen war – auf die Gesellschaftsgeschichte zu sprechen und bedauerte das Leid, das dadurch verursacht worden sei, dass wichtige geistige Angelegenheiten in einen «Abstimmungszwang hineingebracht« worden seien. Dadurch, so Kreutzer weiter, »dass über solche Fragen abgestimmt worden ist, und der Vorstand gezwungen war, im Sinne dieser Abstimmung zu handeln, sind Fakten in der Gesellschaft geschaffen worden, an denen wir noch heute tragen und deren Rückbildung ein langer und auch wieder leidvoller Prozess sein wird«.

Welche Fragen und Fakten meinte sie wohl damit? Blickt man auf die Geschichte der Gesellschaft zurück, dann lässt sich die Behauptung, »der Vorstand« sei durch Abstimmungen der Mitglieder »dazu gezwungen worden«, im Sinne ihrer Beschlüsse zu handeln, nur schwer verifizieren. Rudolf Steiner hatte 1923 die Frage an die Gesellschaft gerichtet, ob sie die von ihm verfassten Statuten als ihre Verfassung annehmen wolle oder nicht. Über diese Frage wurde demokratisch abgestimmt. Albert Steffen hatte 1934 vom Vorstand aus die Frage an die Generalversammlung gerichtet, ob sie inskünftig ihn selbst, Marie Steiner und Guenther Wachsmuth als die rechtmäßigen Leiter der Gesellschaft und ihre Entscheidungen als verbindlich betrachten wolle. Darüber wurde demokratisch abgestimmt. 1935 war der Vorstand keineswegs von der Mitgliederversammlung gezwungen worden, ganze Landesgesellschaften und ihre führenden Mitglieder auszuschließen, sondern die Generalversammlung exekutierte vielmehr einen Wunsch des verbleibenden Vorstandes. Auch der Nachlasskonflikt war ursprünglich ein ungelöster Vorstandskonflikt, der in die Gesellschaft und ihre Versammlungen ausstrahlte. Ebenso der Konflikt über den Bücherbeschluss von 1968, der vom Vorstand gefällt worden war und zu einer Spaltung der Gesellschaft geführt hatte. Der »Zugzwang« ging also vom Vorstand aus, nicht von der Mitgliederversammlung. Niemand hatte bis in die Mitte der 1960er Jahre – wie Kreutzer dies nun tat – behauptet, der Vorstand gerate »unter Zwang«, wenn über irgendetwas abgestimmt werde, was »nun wirklich nicht der Rechtssphäre« angehöre. Sie bekräftigte das selbstverständlich zutreffende, aber irrelevante Argument, das schon Berger vorgebracht hatte, wenn sie betonte, man könne nicht darüber abstimmen, ob etwas schön oder gut sei, sondern nur darüber beraten. Man stelle sich vor, die Gesellschaft hätte sich bei ihrem ja weiterhin bestehenden Recht, ihre Statuten zu ändern, dazu entschlossen, den Vereinszweck zu ändern, also statt der Förderung der Forschung auf geistigem Gebiet irgendeinen anderen Vereinszweck zu bestimmen. Hätte man dann ebenfalls behauptet, sie dürfe über derartige »geistige Fragen« nicht abstimmen? Sie könne also über ihren eigenen Daseinszweck nicht bestimmen? Oder über manche Paragrafen der Statuten schon, über andere aber nicht? Wenn man diese Eventualität durchdenkt, wird die Absurdität der Unterscheidung zwischen abstimmungsfähigen und nicht abstimmungsfähigen Gegenständen deutlich. Denn wie Hermannstorfer richtig sagte, bestand der Gegensatz zwischen »Angelegenheiten, welche die Rechtsgleichheit betrafen, und solchen, die geistige Ziele und Aufgaben zum Inhalt hatten« gar nicht. Alles war in dieser Gesellschaft eine geistige Angelegenheit und jede geistige Angelegenheit war zugleich eine Rechtsangelegenheit. Die Frage war in der Tat, ob man in solchen geistigen Angelegenheiten durch ausreichende Beratung zu Entscheidungen gelangte oder nicht. Das »oberste Organ« des Vereins von solchen Entscheidungen auszuschließen, konnte jedoch nicht die Lösung sein und war in der Tat »konstitutionswidrig«.

Noch einmal fasste Kreutzer die Intention der neuen Absätze des § 8 zusammen: »Die Generalversammlung ist ja der einzige Ort, wo eine große Menge von Mitgliedern sich einmal im Jahr begegnen kann. Und wie oft ist es geschehen, dass uns diese Generalversammlungen vollkommen blockiert waren durch Anträge, und wo man stundenlang hat verhandeln müssen, ob man darüber überhaupt abstimmen kann oder nicht. Wir müssen die Generalversammlung frei bekommen zur Aussprache über wirkliche Erkenntnisfragen, aber das reine Abstimmen auf die Sphäre beschränken, die die Rechtssphäre ist, die in dem dreigliedrigen sozialen Organismus von Rudolf Steiner in einer so großartigen Weise als die Sphäre des Staates bezeichnet worden ist, der darüber zu wachen hat, dass die Rechte der Mitglieder sich voll entfalten können und nicht beschnitten werden«.

Sollte also künftig »der Staat« darüber wachen, dass die Rechte der Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft nicht beschnitten wurden? War die Anthroposophische Gesellschaft als ins Handelsregister eingetragener Verein eigentlich eine Institution des Geisteslebens? War der Vorstand dieses Vereins eine Institution des Geisteslebens? Und wenn man schon die makrosozialen Strukturprinzipien, die zwischen Institutionen des kulturellen Lebens, des Rechtslebens und des Wirtschaftslebens unterschieden, auf die Gesellschaft übertrug: repräsentierte dann nicht die Hochschule den geistigen Pol, nicht aber die Gesellschaft?

Kreutzer verwies auf eine vergleichbare Entscheidung der deutschen Landesgesellschaft, die sie für vorbildlich hielt: »Wir haben im Jahre 1965 durch den Beschluss einer Mitgliederversammlung in München in unsere Satzungen eine Formulierung aufgenommen, ganz ähnlichen Wortlautes, wie sie jetzt als Ergänzung für die Statuten der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft vorgeschlagen wird und aus dem gleichen Grunde, weshalb sie auch hier vorgeschlagen worden ist. Das war vor 10 Jahren. Da waren wir noch mitten in den allerernstesten Gesellschaftskonflikten … Gerade diese Auseinandersetzung über unsere Gesellschaftsprobleme wollten wir in das freie Spiel einer echten Aussprache hineinbringen. Damals haben wir unter Zustimmung der deutschen Mitgliedschaft diesen Zusatz aufgenommen, um endlich einmal die demokratischen Spielregeln aus dem Geistesleben herauszubringen und Luft zu bekommen zu einer echten Erkenntnisaussprache in den Generalversammlungen. Er hat sich großartig bewährt. Es kann in den deutschen Mitgliederversammlungen alles besprochen werden, was die Mitglieder bewegt«. Um endlich einmal die demokratischen Spielregeln aus dem Geistesleben herauszubringen! Noch einmal sei gefragt: war bzw. ist der Trägerverein der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, dessen Vereinszweck die Förderung der Forschung auf geistigem Gebiet – also die Förderung des Goetheanum, an dem diese Forschung gepflegt wird (oder werden sollte) – eine Institution des »freien Geisteslebens«, in dem das Prinzip der »freien Anerkennung selbstverständlicher Autorität« gelten müsste?[10]

Die Generalversammlung jedenfalls schien dies zu glauben. Sie stimmte der Statutenänderung mit großer Mehrheit zu.

Anmerkungen:

[1] Nachrichtenblatt, Nr. 21, 25. Mai 1975, S. 81.

[2] Rudolf Grosse war 69 (Jg. 1906), Friedrich Hiebel 72 (Jg. 1903), Werner Berger 59 (Jg. 1916), Hagen Biesantz 51 (Jg. 1924), Jörgen Smit 59 (Jg. 1916) und Manfred Schmidt-Brabant 49 (1926).

[3] Nachrichtenblatt, Nr. 22, 1. Juni 1975, S. 85 f.

[4] Wachsmuth stellte diese Behauptung in seinem Artikel »Notwendige Abwehr« auf, der am 30. April 1950 im »Nachrichtenblatt« erschien: In einem Gespräch mit Rudolf Steiner, das kurz vor seinem Tod, jedenfalls vor dem 8. Februar 1925 stattgefunden haben müsste, will Wachsmuth letzteren darauf aufmerksam gemacht haben, »dass neue Mitglieder, die nicht bei der Weihnachtstagung waren, vielleicht nicht verstehen würden, warum beide ›Statuten‹ [jene der Gesellschaft der Weihnachtstagung und jene des ehemaligen Bauvereins] so unterschiedlich formuliert seien (denn die Prinzipien hießen damals ja eben auch ›Statuten‹). Rudolf Steiner gab daher an, dass man das eine ›Prinzipien‹, das andere ›Statuten‹ nennen könne«.

[5] Dazu heißt es in GA 260a, S. 703 in einer Anmerkung zum § 10 der Statuten: »Bei der Besprechung dieses Paragraphen während der Weihnachtstagung (vgl. ›Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft‹, GA Bibl.-Nr. 260,1986, S. 158) wollte Rudolf Steiner noch den folgenden Satz einfügen: ›Eine von Zeit zu Zeit geschäftsordnungsmäßig festzusetzende Anzahl von Mitgliedern ist berechtigt, jederzeit eine außerordentliche Generalversammlung zu verlangen‹. Beim ersten Abdruck der Statuten im Nachrichtenblatt vom 13.1.1924 fehlt dieser Satz«. – Er fehlt bis heute. Warum er fehlte bzw. fehlt, wird nicht gesagt.

[6] Art 65, Abs 1 ZGB 1907: »Die Vereinsversammlung … entscheidet in allen Angelegenheiten, die nicht andern Organen des Vereins übertragen sind«. Diese Bestimmung bedeutet jedoch nicht, dass das »höchste Organ« durch diese »Übertragung von Angelegenheiten« entmachtet würde. Vielmehr erfolgt die Übertragung aus seiner Souveränität heraus und kann jederzeit wieder rückgängig gemacht werden.

[7] In Artikel 2 der Statuten der Weihnachtstagung heißt es: Die anthroposophische Gesellschaft solle die »im Goetheanum zu Dornach gepflegte anthroposophische Geisteswissenschaft mit ihren Ergebnissen für die Brüderlichkeit im menschlichen Zusammenleben, für das moralische und religiöse, sowie für das künstlerische und allgemein geistige Leben im Menschenwesen zum Mittelpunkte ihrer Bestrebungen« machen.

[8] Es sei hier daran erinnert, dass die Gesellschaft in ihrer Geschichte sehr wohl über »geistige Aufgaben« abgestimmt hatte: bei der Weihnachtstagung wurden die von Steiner formulierten Statuten, die ihre »geistige Aufgabe« beschrieben, durch Abstimmung angenommen. Die Konstitution der Gesellschaft erfolgte durch einen demokratischen Akt. Auch die bevorstehende Abstimmung darüber, dass inskünftig über »geistige Aufgaben« nicht mehr demokratisch abgestimmt werden dürfe, war ein demokratischer Akt.

[9] Paragraph 12 der Vereinsstatuten lautete seit 1965: »Die Gesellschaft wird von einem Initiativvorstand geleitet. Er besteht aus mindestens drei Mitgliedern. Die Ernennung des Vorsitzenden und die Ergänzung des Vorstandes geschehen auf Vorschlag des Vorstandes durch Zustimmung der Generalversammlung.

Die Verteilung der Aufgaben innerhalb des Vorstandes und seine Geschäftsführung sind durch ihn selbst zu regeln«.

Artikel 11 der Statuten (»Prinzipien«) der Weihnachtstagung enthält die Sätze: »Die Mitglieder können sich auf jedem örtlichen oder sachlichen Felde zu kleineren oder größeren Gruppen zusammenschließen. Die Anthroposophische Gesellschaft hat ihren Sitz am Goetheanum. Der Vorstand hat von da aus das an die Mitglieder oder Mitgliedergruppen zu bringen, was er als die Aufgabe der Gesellschaft ansieht«.

Diese Bestandteile der Satzungen bestimmen die Freiheit des Vorstandes und die Freiheit der Mitglieder näher. Paragraph 12 nimmt die Verteilung der Aufgaben innerhalb des Vorstandes und seine Geschäftsführung von Beschlüssen der Mitgliedschaft aus, Artikel 11 sichert die Freiheit des Zusammenschlusses der Mitglieder untereinander und auferlegt dem Vorstand die Verpflichtung, die Mitgliedschaft über die von ihm erkannten Aufgaben der Gesellschaft zu orientieren.

[10] Steiner am 16.02.1921 in Stuttgart, GA 338, S. 155, Dornach 1986.

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