1975 | »Ohne mehr Anthroposophie werden wir überhaupt nichts leisten können«

Jörgen Smit, 1916-1991.

Jörgen Smit, 1916-1991. Foto: Michiel Wijnbergh, scanned original photo. Source: commons wikimedia org

Im Jahr 1975 wurden zwei neue Mitglieder in den Vorstand der anthroposophischen Gesellschaft »kooptiert«. Eine Kooptation ist keine demokratische Wahl, sondern die Erweiterung oder Ergänzung eines Verantwortungsgremiums durch sich selbst, die mit einer Form ritualisierter Zustimmung – in diesem Fall mit einer »Akklamation« – verbunden werden kann. Hagen Biesantz oblag es, der versammelten Mitgliedschaft Jörgen Smit vorzustellen, Friedrich Hiebel hatte diese Aufgabe für Manfred Schmidt-Brabant übernommen. [1]

Wie stets bei gewichtigen Entscheidungen innerhalb der anthroposophischen Gesellschaft erfolgte auch diese unter Berufung auf das Vorbild Rudolf Steiners. Wie stets bei wichtigen Personalentscheidungen musste die Berufung durch eine anthroposophische Heldenerzählung legitimiert werden. Zur Geschichte eines Helden gehören seine (meist wundersame) Herkunft, sein Bildungsweg, die Prüfungen, die er erfolgreich bestanden und das Vollendungsziel, das er erreicht hat. Natürlich ist dieses biografische Narrativ kein anthroposophisches Spezifikum. In jeder sozialen Organisation erfolgen die Besetzungen von Leitungspositionen auf ähnliche Art. Leitende Positionen werden in der Regel durch Personen besetzt, die sich für die Organisation verdient gemacht haben und von denen man sich verspricht, dass sie die Erfolgsgeschichte der Organisation fortschreiben.

Spezifisch sind dagegen die anthroposophischen Akzente in diesem Narrativ, besonders die Tatsache, dass es sich nicht um eine Wahl handelte, bei der mehrere Kandidaten zur Auswahl standen, sondern um eine »Kooptation«, bei der die Funktionselite sich gewissermaßen durch eine Jungfernzeugung reproduzierte, ohne sich durch die Berührung mit der plebejischen demokratischen Stofflichkeit zu kontaminieren.

Interessant sind weniger die äußeren biografischen Fakten, die erzählt wurden, als vielmehr die Art und Weise, wie sie in das anthroposophische Narrativ eingefügt und gedeutet wurden. So berief sich Biesantz auf das »Modell«, das Steiner bei der Berufung von Mitarbeitern ans Goetheanum gegeben habe. Der Logik der Kooptation entsprechend stellte er die Notwendigkeit in den Vordergrund, dass der Kooptierte sich reibungslos in das Gremium einfügte, dem er künftig angehören sollte. Interessanterweise lag sein Fokus – obwohl es um eine Berufung in den Vorstand der Gesellschaft ging – zunächst auf der Hochschule. Steiner habe in der Hochschule keine »Planstellen« besetzt, sondern sei Menschen begegnet, denen er vertrauen konnte und habe für diese Menschen Arbeitsmöglichkeiten am Goetheanum geschaffen. Der Erweiterung des Vorstandes liege, so Biesantz, nicht etwa eine »Beurteilung des Menschen« zugrunde, der berufen werde, sondern das »Vertrauen«, das er als Mensch durch seine bisherige Tätigkeit erweckt habe. Dieses Vertrauen stütze sich auf die Kenntnis seiner Biografie. Natürlich lag darin sehr wohl eine Beurteilung des Menschen, musste er doch als vertrauenswürdig befunden werden.

Was hielt Biesantz an der Lebensgeschichte des künftigen Vorstandsmitglieds für erzählenswert? Geboren war Smit während des I. Weltkriegs (1916) in Bergen. Seine Eltern gehörten bereits vor seiner Geburt zu den persönlichen Schülern Steiners, sein Vater war Zweigleiter in Bergen und organisierte Steiners Vorträge in dieser Stadt. Schon der junge Jörgen Smit war also von Menschen umgeben, die für die Anthroposophie eintraten. Bereits als Zwanzigjähriger hielt er seinen ersten Zweigvortrag, mit Einundzwanzig begann er in Basel Latein und Griechisch zu studieren und wurde 1937 von seinem (angeheirateten) Onkel Curt Englert-Faye (der, wie weiter oben berichtet, zu den Gründern der Nachlassverwaltung gehört hatte), in Dornach zu einer erweiterten Vorstandssitzung mitgenommen, um über die Situation in Norwegen zu berichten. Bei dieser Gelegenheit lernte er Marie Steiner, Albert Steffen und Guenther Wachsmuth kennen. Mit 23 (1939) absolvierte er sein Staatsexamen in Oslo und wurde Klassenlehrer an der Waldorfschule in Bergen. Diese Stelle behielt er 25 Jahre bei, setzte sich aber nebenbei »intensivst« für die Anthroposophie in Norwegen, ja ganz Skandinavien ein. 1941, während der deutschen Besetzung Norwegens, wurde er – mit Fünfundzwanzig – einer der wohl jüngsten Zweigleiter der Gesellschaftsgeschichte in Bergen. Zehn Jahre später folgte die Berufung in den Vorstand der norwegischen Landesgesellschaft und 1957, mit 41 Jahren, die Übernahme ihres Vorsitzes. Smit setzte sich nicht nur für die Überbrückung der Gräben zwischen den verschiedenen skandinavischen Gesellschaften, sondern auch für die Aussöhnung dieser Gesellschaften mit dem Vorstand unter Steffen ein. 1961 gründete er zusammen mit Arne Klingborg das Jugendseminar in Järna, das er mit diesem 14 Jahre lang leitete. Nach weiteren sieben Jahren folgte 1968 durch ihn die Gründung des Lehrerseminars am selben Ort, das er sieben Jahre leitete.

Dieser geradlinigen anthroposophischen Laufbahn fügte Biesantz noch ein persönliches Erlebnis aus seiner Zusammenarbeit mit Jörgen Smit hinzu, das aus seiner Sicht für dessen unabhängigen Geist zeugte. 1972, bei der Vorbereitung einer Jugendtagung in Amsterdam, als die anwesenden Jugendlichen zu bestimmen versuchten, worüber die eingeladenen Redner sprechen sollten, hatte sich Smit ausbedungen, selbst zu entscheiden, worüber er reden wolle, sonst könne er an der geplanten Tagung nicht mitwirken. Aus diesem Aperçu zog Biesantz das Fazit: »Wenn wir Jörgen Smit jetzt haben hier als denjenigen, der auch bereit ist, die Arbeit im Vorstand mit aufzunehmen, dann können wir ganz sicher sein, dass wir einen Menschen für die Arbeit gewinnen, der Initiative hat, der eisern zuverlässig ist in dieser Initiative und der sein ganzes Leben und Tun der anthroposophischen Sache widmen will«.

Manfred Schmidt-Brabant

Manfred Schmidt-Brabant, 1926-2001.

Hiebel trug eine vergleichbare Erzählung zu Schmidt-Brabant vor. Er wies darauf hin, dass dieser im April 49 Jahre alt werde und mit der Vollendung des siebten Jahrsiebts in die »Jupiterepoche« seines Lebens eintrete. Schmidt-Brabant sollte damit das jüngste Mitglied des Vorstandes sein. Seit seiner Jugendzeit habe er sich in Berlin »ausschließlich« der anthroposophischen Arbeit gewidmet. Hier hatte er sich Martin Münch, dem mit Albert Steffen eng verbundenen Zweigleiter angeschlossen, später gesellte sich der Künstler Valdemar Volkmer hinzu. Beide seien – so Hiebel – »aufs schönste« mit Albert Steffen verbunden gewesen. Schmidt-Brabant hatte in Berlin eine Abendschule für Anthroposophie ins Leben gerufen, die einen 3jährigen Lehrgang anbot und in dieser mit »Zähigkeit, Emsigkeit und Durchhaltekraft« gewirkt. Bis zu 250 Menschen besuchten diesen Studiengang. Laut Hiebel ging er in dem von ihm geleiteten Landesarchiv einer regen Sammeltätigkeit nach und trug »unendlich viele Texte, Urkunden, Schriften und Bücher« zur Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft zusammen. Er gehörte dem Aufsichtsrat der Gemeinnützigen Treuhandgesellschaft in Bochum an und war seit 1967 Schriftführer des deutschen Mitarbeiterkreises. Außerdem war er seit 1954 – seit seinem 28. Lebensjahr – Mitglied des Vorstandes des Berliner Zweiges. Später wurde er Leiter des Arbeitszentrums Berlin und Mitglied des Vorstandes der deutschen Landesgesellschaft. Ein vielfältig vernetzter Funktionär also. Im Hinblick auf Schmidt-Brabants Berufung zum Leiter der sozialwissenschaftlichen Sektion hob Hiebel dessen politisches Interesse besonders hervor. In diesem Zusammenhang hatte sich Schmidt-Brabant auch ein »wachsames Auge für Gegnerfragen« und »die okkulten Bewegungen« angeeignet.

Im weiteren Verlauf meldeten sich auch noch andere Teilnehmer der Versammlung zu Wort, welche die Kandidatur der beiden unterstützten: Arne Klingborg für Jörgen Smit und Hans Börnsen (1907-1983) sowie eine Reihe weiterer Redner für Schmidt-Brabant. Klingborg betonte die Initiativkraft Smits, seine »tiefen anthroposophischen Kenntnisse« und seine Fähigkeit der sozialen Integration. »Grosse, größere und immer größere Aufgaben kommen uns entgegen in unserer Gesellschaft«, so Klingborg. »Wir sind überzeugt, dass Jörgen Smit im Vorstand mit seinen Fähigkeiten für unsere ganze Gesellschaft fruchtbar wirken wird«.

Eine leichte Irritation der panegyrisch gestimmten Versammlung dürfte eine Wortmeldung Udo Hermannstorfers verursacht haben, auf die allerdings niemand reagierte. Er meinte, der Nichteinbezug Herbert Witzenmanns in den Kooptationsvorgang mache diesen »der Tendenz nach zu einem Unrechtsvorgang«.

Der Generalsekretär der deutschen Landesgesellschaft, Hans Börnsen ließ sich durch diese Wortmeldung nicht irritieren, sondern schloss sich seinem Vorredner Hiebel an. Er wunderte sich darüber, dass Schmidt-Brabant trotz seiner vielfältigen Aktivitäten offenbar vielen nicht bekannt sei. Er hob an all seinen Tätigkeiten besonders hervor, dass sie im Dienst der von Steiner gestellten Aufgabe der »Spiritualisierung des Intellekts« stünden. Diese Grundintention wirke sich so aus, dass viele Menschen sich durch ihn besser verstanden fühlten, als sie sich selbst verstünden. Weitere Redner betonten, Schmidt-Brabant sei nicht nur »ein großer Theoretiker, Vortragender und Archivar«, sondern ein Mann, der auf die Straße gehe und »mit Studenten nächtelang« diskutiere und dass er von der jüngeren Generation, die »ein anderes Deutsch« spreche und über »eine andere Intellektualität« verfüge, als die ältere, verstanden würde. Schmidt-Brabant verstehe es, diese Intellektualität zu »spiritualisieren«. Deshalb sollten die Mitglieder »diesen beiden Herren in einem solchen Maße das Vertrauen schenken, dass die Rechtsfragen um Witzenmann darüber einfach« verschwänden.

Im Anschluss an diese Plädoyers hielten die beiden Kandidaten ihre Antrittsreden. Schmidt-Brabant bot eine Kostprobe seiner glänzenden rhetorischen Fähigkeiten und sprach von den »besonderen Intentionen«, mit denen er in seinen neuen Pflichtenkreis einzutreten gedenke. Seine Ausführungen über diese Intentionen verband er mit einem Dank an jene Menschen, die dabei mitgewirkt hatten, diese Intentionen auszubilden. Von seinem anthroposophischen Mentor, dem Berliner Zweigleiter Martin Münch, habe er nicht nur die Praxis der Meditation erlernt, sondern auch gelernt, die anthroposophische Gesellschaft »als ein reales Wesen zu betrachten«, das »durch Leiden und Schmerzen« gehe, »dem man dienen« müsse, damit es seinen Weg in der Geschichte finden könne. Waldemar Volkmer habe ihm seine »unermüdliche Begeisterung für alles Schöpferische« vermittelt und seine »unendliche Toleranz« für alles, was als solches im Anthroposophischen in Erscheinung trete. Seinen vielen Kollegen in anthroposophischen Arbeitszusammenhängen verdanke er, so Schmidt-Brabant, die Einsicht in die Bedeutung »einer freien, brüderlichen Kollegialität«, die jedes individuelle Urteil gelten lasse, ja sich dafür einsetze, dass es in seiner Eigenart zur Geltung komme. Schließlich nannte er als viertes Lebensmotiv die Erkenntnis, dass die Wahrheit »nur in der Auseinandersetzung mit ihrem Gegenteil, dem Bösen«, errungen werden könne, und wenn man bereit sei, sie zu verteidigen. Seine kurze Ansprache mündete in ein anspielungsreiches Versprechen: »Das ist es, was ich hier in diesem Augenblick vor Ihnen ja nur abgeben kann wie ein Versprechen: mich zu üben in der Lehrlingstugend des Dienstes an der Gesellschaft, in der Gesellentugend des Schutzes und Einsatzes für alles Schöpferische, in der Meistertugend mich zu üben der Kollegialität mit allen Schaffenden, und der Ritterpflicht, treu zu sein in der Verteidigung der Wahrheit«.

Während sein Vorredner den Blick vornehmlich in die Vergangenheit gerichtet hatte, beschwor Jörgen Smit die große Zukunft, die der anthroposophischen Gesellschaft bevorstand, sofern sie gewisse Bedingungen erfüllte. Die Anthroposophie sei mit den »tiefsten Existenzfragen der Menschheit«, den »großen Menschheitsaufgaben« verbunden. Deutlich träten diese im letzten Viertel dieses Jahrhunderts hervor. »Ohne mehr Anthroposophie werden wir«, so Smit, »überhaupt nichts leisten können«. Die brennendste all dieser Fragen sei die soziale. Gegenüber dieser Frage komme der anthroposophischen Gesellschaft eine Schlüsselstellung zu, denn die »anthroposophische Bewegung« bedürfe »unabdingbar« einer Gesellschaft, die sich »in unablässigem Werden« befinde, wenn sie auf der Erde etwas leisten wolle. Letztere müsse ein Feld der Begegnung sein und das »Gefäß« für die anthroposophische Bewegung bilden, in ihr müssten die »sozialen Zukunftskräfte« »wie in einem großen Mysteriendrama geprüft werden und reifen können«. Die »vordergründige« (vermutlich meinte Smit die »vordringliche«) Aufgabe der Gesellschaft sei »die Pflege des seelischen Lebens im Einzelnen und der Gesellschaft im allgemeinen auf der Grundlage einer wahren Erkenntnis der geistigen Welt«.

Was aber, wenn die Gesellschaft bei dieser ihrer zentralen Aufgabe versage? Wäre sie dann überhaupt noch imstande, die Aufgaben zu erfüllen, die ihr die Menschheit stelle? Nun, Smit beantwortete diese Frage nicht mit »Ja« oder »Nein«. Vielmehr berief er sich auf seine Lebenserfahrung. Er habe die »schmerzensreiche und ebenso verheißungsvolle« Geschichte der Gesellschaft von Jugend auf miterlebt (1935, zur Zeit der großen Ausschlüsse, war Smit 19 Jahre alt) und dabei die Erfahrung gemacht, dass die »Zerklüftungen und Zerspaltungen« so tief geworden seien, dass sie »total unüberbrückbar« schienen, jedenfalls »diesseits des Todes«.

Gleichzeitig habe er aber auch erlebt, dass in der anthroposophischen Gesellschaft etwas »viel tiefer Vereinendes« wirke, als der Rahmen einer äußeren Institution: die »tiefste Schicksalsverbundenheit zwischen uns allen« nämlich. Und diese Verbundenheit stamme aus der vorgeburtlichen Welt. Angesichts dieser tiefen Verbundenheit erschienen die »Zerklüftungen« nicht als »unnotwendig«, schließlich ginge es um «das Allergrößte«, die »Gemeinschaftsbildung aus der Individualität heraus«. Diese Aufgabe aber sei so »gewaltig«, dass die Geburt der »Zukunftsgemeinschaft« nur unter den »allergrößten Schmerzen« zustande kommen könne. Gegensätze dürfe man nicht ignorieren, aber sie müssten als Aufgabenstellungen begriffen werden, aus denen man lernen könne.

Nun folgte ein Appell an die Versammlung, man möge sich dazu »aufraffen, (durch) alle Unvollkommenheiten, Schwierigkeiten, Niederlagen hindurch auf die Werdekräfte« der Gesellschaft zu blicken, um alle Kräfte aus der »immer fortwirkenden Weihnachtstagung« wachzurufen und sich für ihre Verwirklichung einzusetzen. Trotz aller Spaltungen gehe das Leben weiter und führe auch die Zerstrittenen mitunter in einer gemeinsamen Aufgabe wieder zusammen, denn die geistige Aufgabe bleibe bestehen »aus der Menschheit«, »der Anthroposophie«, der »anthroposophischen Gesellschaft« und der »immer fortwirkenden Weihnachtstagung heraus«. Angesichts der Tatsache, dass Ita Wegman, Elisabeth Vreede, Marie Steiner und eine ganze Reihe weiterer führender Anthroposophen als Ausgeschlossene oder Marginalisierte gestorben waren, lässt sich diese Beteuerung allerdings nur als Ausdruck der Erwartung deuten, diese Führungspersönlichkeiten könnten in einer künftigen Inkarnation erneut Anschluss an die anthroposophische Gesellschaft suchen.

Nach diesem beschwörenden Appell stimmte die Versammlung der Kooptation der neuen Vorstandsmitglieder zu und Grosse schloss »mit bewegten Worten« die Sitzung, wie es im Bericht heißt. [2]

Anmerkungen:

[1] Nachrichtenblatt, Nr. 18, 4. Mai 1975.

[2] Nachrichtenblatt, Nr. 20, 18. Mai 1975, S. 78.

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