1975 | Prophete rechts, Prophete links und Weltkind in der Mitten

Das Foyer der Filderklinik

Das Foyer der Filderklinik.
Maks Richter / Filderklinik / CC BY-SA 4.0 (Commons Wikimedia)

Die Vereinten Nationen hatten das Jahr 1975 unter der Devise »Gleichberechtigung, Entwicklung, Frieden« zum Jahr der Frau erklärt. Ausgerechnet in diesem Jahr scheiterte die Reform des Abtreibungsparagrafen 218 im deutschen Strafgesetzbuch am Bundesverfassungsgericht, das die 1974 vom Parlament mit einer hauchdünnen Mehrheit beschlossene, liberale Fristenregelung (Straffreiheit bis zur 12. Woche) für verfassungswidrig erklärte. Das Gericht leitete aus der Würde des Menschen das Recht des Embryos auf körperliche Unversehrtheit ab. Entgegen der von manchen Teilen der Frauenbewegung propagierten Ideologie, die in solchen Schlagsätzen wie »Mein Bauch gehört mir« zum Ausdruck kam, vertrat das Gericht die Auffassung, das Recht der Schwangeren auf freie Entfaltung der Persönlichkeit werde durch das Recht des schutzwürdigen selbständigen Menschenwesens begrenzt, das in ihr heranreife. Es befürwortete die von der CDU/CSU vertretene Lösung, die einen Abbruch nur aufgrund spezifischer Indikationen straffrei stellte. [1] Abgesehen von der Atomkraft-Debatte polarisierte kein anderes Thema die deutsche Gesellschaft in den beiden Jahrzehnten zwischen 1970 und 1990 so sehr, wie die Auseinandersetzungen um den Schwangerschaftsabbruch. Weit weniger Kontroversen erregte dagegen die Absenkung des Mündigkeitsalters vom 21. auf das 18. Lebensjahr, die zum 1. Januar in Kraft trat.

Ende 1974 war ein zweiter Bericht [2] an den »Club of Rome« in deutscher Übersetzung erschienen, der die Untergangsszenarien des ersten Berichts von 1972 (»Grenzen des Wachstums« [3]) aufgriff und bestätigte. Meadows et al. hatten in Aussicht gestellt, dass die Grenzen des Wachstums auf der Erde im Lauf der bevorstehenden hundert Jahre erreicht würden, wenn sich die damalige Entwicklung (Bevölkerungswachstum, Industrialisierung, Umweltverschmutzung, Nahrungsmittelproduktion, Ausbeutung von Rohstoffen) unverändert fortsetzte. Die Erschöpfung der Rohstoffe und die irreparable Zerstörung der Umwelt würden – je nach Szenario – zu katastrophischen Ereignissen führen. Daher sei es dringend geboten, ein Gleichgewicht zwischen Ökologie und Ökonomie anzustreben und auf das Prinzip des nachhaltigen Wachstums umzuschwenken, um die Fortexistenz der Menschheit auf der Erde sicherzustellen.

Der CDU-Politiker Herbert Gruhl griff diese Forschungsergebnisse in seinem Buch »Ein Planet wird geplündert. Die Schreckensbilanz unserer Politik« auf und verhalf ihnen zu erheblicher Popularität. Im Juli wurde der »Bund für Umwelt und Naturschutz« (BUND) gegründet, dessen Vorsitz Gruhl bis 1977 innehatte. Er sollte, nachdem er 1978 aus der CDU ausgetreten war, mit der von ihm ins Leben gerufenen »Grünen Aktion Zukunft« 1980 zu den Mitbegründern der Grünen gehören.

Auch in diesem Jahr setzte der Linksterrorismus seinen »Kampf gegen das System« – im Unterschied zu den reformerisch gestimmten Alternativbewegungen – auf gewaltsame Weise fort. Ende Februar entführten Mitglieder der »Bewegung 2. Juni« Peter Lorenz, den Kandidaten der CDU für das Berliner Bürgermeisteramt, um sechs inhaftierte RAF-Terroristen freizupressen [4]. Der Pastor Heinrich Albertz brachte im März fünf der Inhaftierten nach Aden, um den Austausch durchzuführen. Eine weitere Geiselnahme führte am 24. April ein Kommando der RAF durch, das die deutsche Botschaft in Stockholm überfiel und sich mit zwölf Gefangenen im Gebäude verschanzte. Diesmal sollten 26 Inhaftierte freigepresst werden, unter anderem Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Im Verlauf des Überfalls, der für die Terroristen in einem Fiasko endete, wurden zwei Geiseln von Mitgliedern des Kommandos kaltblütig erschossen.

In Asien forderte die revolutionäre Utopie ebenfalls ihren Blutzoll. Mitte April eroberten die Roten Khmer unter Pol Pot Phnom Penh, die Hauptstadt Kambodschas, und errichteten ein kommunistisches Terrorregime, dem innerhalb von drei Jahren rund 2,2 Millionen Menschen zum Opfer fallen sollten. In den letzten Apriltagen fand außerdem nach zwanzig Jahren [5] der Vietnamkrieg mit der Einnahme Saigons ein Ende, die letzten US-Amerikaner wurden in einer dramatischen Rettungsaktion mit Helikoptern ausgeflogen. Ebenfalls im April begann mit offenen bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen der PLO und der christlichen Phalange-Miliz der libanesische Bürgerkrieg, der 15 Jahre dauern sollte.

Mit dem Tod Francisco Francos, des »Caudillo von Gottes Gnaden«, endete schließlich im November die Epoche einer über 40jährigen Diktatur in Spanien.

Während im Weltgeschehen die vorwärts und rückwärts gewandten Propheten gegeneinander anstürmten, gab sich das anthroposophische »Weltkind« seinerseits sowohl dem Rückblick als auch dem Vorblick hin. Der Blick zurück war durch die 50jährige Wiederkehr des Todestages Rudolf Steiners veranlasst, der Vorblick äußerte sich weniger in Besinnlichkeit, als in einem ungestümen sozialen Gestaltungsdrang, der seinen Niederschlag in einer ganzen Reihe von Neugründungen und Initiativen fand. Auch in der Anthroposophischen Gesellschaft standen die Zeichen auf Veränderung. In den Vorstand wurden gleich zwei neue Mitglieder aufgenommen: Jörgen Smit, der sich schon seit Jahren aktiv in die Gesellschaftspolitik eingemischt hatte und Manfred Schmidt-Brabant, der zum Vorstand der deutschen Landesgesellschaft gehörte, bisher in der Gesamtgesellschaft aber kaum in Erscheinung getreten war. Der erstere sollte die Leitung der Jugendsektion und später die pädagogische Sektion übernehmen, der letztere die sozialwissenschaftliche Sektion. Damit gingen die beiden Aufgaben, die Herbert Witzenmann 1971 entzogen worden waren, endgültig in andere Hände über. Außerdem sollte es bei der Generalversammlung zu der angekündigten Änderung des umstrittenen § 8 der Statuten kommen.

Die Novelle des Arzneimittelgesetzes in der Bundesrepublik wurde weiterhin engagiert begleitet, Vertreter der anthroposophischen Medizin beteiligten sich an der öffentlichen Diskussion und an Beratungen in den zuständigen Ministerien und Arbeitsgruppen, um die bestmöglichen Bedingungen für jene Formen therapeutischer Praxis auszuhandeln, die polemisch als »sektiererisch« apostrophiert wurden, obwohl sie zum Großteil auf jahrtausendealtem Erfahrungswissen beruhten, wogegen die »wissenschaftliche« Medizin aus historischer Sicht mit größerem Recht als »sektiererisch« bezeichnet werden könnte.

Als positive Entwicklung durfte die medizinische Sektion am Goetheanum werten, dass die Universitäten Basel und Bern den Besuch des Seminars in der Lukas-Klinik Arlesheim und eine 2-3monatige Ausbildungszeit in dieser Klinik in das Programm ihres Wahlstudienjahres aufnahmen. Von nun an konnten Studenten aus erster Hand eine von seiten dieser Universitäten anerkannte Einführung in die anthroposophische Medizin erhalten. Im Mai dieses Jahres wurde das erste anthroposophisch orientierte Altenheim, das Johanneshaus Öschelbronn, als »Zentrum für Lebensgestaltung im Alter« unter der Leitung von Conrad Schachenmann (1921-2014) eingeweiht, das im Oktober 1974 eröffnet worden war und über 200 Altenwohnungen verfügte. Schachenmann verband eine enge Freundschaft mit dem blinden Autor und Literaturwissenschaftler Jacques Lusseyran, einem französischen Anthroposophen, der im nationalsozialistisch besetzen Frankreich eine Widerstandsgruppe gegründet hatte und 1944 nach Buchenwald deportiert worden war. Lusseyran schilderte seine Lagererlebnisse später in seinem Buch »Das wiedergefundene Licht«, das in deutscher Übersetzung 1966 bei Klett-Cotta erschien. Etwa ein Jahr vor seinem Tod hielt er einen Vortrag im Goetheanum, in dem er bekannte: »Wenn ich, nach dem Verlust meiner Augen, nicht vollkommen erblindet bin; wenn ich nach dem Todesurteil durch Menschen, den Mut gefunden habe, zu überleben, so verdanke ich dies den Kräften, welche mir die Lehre Rudolf Steiners gebracht hat«.

Schließlich konnte zu Michaeli die von der Mahle-Stiftung geförderte, seit 1972 im Bau befindliche Filderklinik eröffnet werden, die über Abteilungen für Innere Medizin, Chirurgie, Gynäkologie (Geburtshilfe), Pädiatrie und Psychosomatik verfügte. Im Verlauf der folgenden zehn Jahre sollten hier 60.000 Patienten stationär und 300.000 ambulant behandelt sowie 11.000 Kinder zur Welt gebracht werden.

Aber nicht nur die medizinische, sondern auch die pädagogische Bewegung erwies sich als äußerst gründungsfreudig. Zu erwähnen ist hier vor allem die Grundsteinlegung des Pädagogisch-Sozialen Zentrums am Mergelteich in Dortmund, das um die seit 5 Jahren bestehende Waldorfschule entstand. Hier wurde im Februar der Grundstein für eine ganze Reihe von Einrichtungen gelegt: für Kindergärten, eine Fachschule für Sozialpädagogik mit 93 Studienplätzen, ein Altenzentrum mit Alten- und Pflegeheim mit insgesamt 300 Plätzen, eine Begegnungsstätte für alle Einrichtungen, ihre Mitarbeiter und die Nachbarschaft, eine Gemeinschaftspraxis für sechs Ärzte, sowie ein Institut für wissenschaftliche Forschung. Die Kosten des gesamten Projektes waren auf rund 60 Millionen DM veranschlagt. Federführend bei all diesen Projekten waren die beiden Ärzte Klaus Dumke (Dortmund) und Gustav Brunk (Herdecke), zusammen mit Wilhelm Verlohr, Willi Kux und Ingrid Küstermann, die mit ihrem Mann in Dortmund bereits das Christopherushaus gegründet hatte.

Im August wurde in Stuttgart als Erweiterung des Waldorfkindergartenseminars eine »Private Fachschule für Sozialpädagogik« eröffnet, die nach einer zweijährigen Erzieherausbildung und einem anschließenden Praxisjahr die staatliche Anerkennung als Erzieher in Aussicht stellte.

Dem Mangel an Eurythmielehrern sollten eine neugeschaffene Ausbildung für Eurythmisten am Pädagogischen Seminar des Bundes der Freien Waldorfschulen in Stuttgart abhelfen, eine neue Eurythmieschule wurde in Nürnberg in Zusammenarbeit mit der dortigen Rudolf Steiner-Schule unter der Leitung von Margarete Proskauer eröffnet. Außerdem wurde eine Interessenvertretung der Heileurythmisten, der »Berufsverband für Heileurythmie« gegründet.

Gleich zwei neue Ausbildungsgänge warben seit 1975 um interessierte Landwirte: die Landbauschule Dottenfelder Hof in Bad Vilbel bei Frankfurt und die Freie Landbauschule Goldenhof im Schwarzwald.

Der Unternehmer Alfred Rexroth gründete zusammen mit seiner Frau 1975 die Rexroth-Stiftung für Arbeitsforschung, die neue Arbeits- und Ausbildungsformen aus anthroposophischem Geist erkunden und fördern sollte. Das eingebrachte Stiftungskapital betrug 1 Million DM. Alfred Rexroth (1899-1978), ältester Sohn eines Eisenbahnfabrikanten im Spessart, hatte eine Lehrlingszeit im Unternehmensverbund »Der kommende Tag« verbracht und war dadurch 1921 in Kontakt mit Rudolf Steiner gekommen. Seit dieser Zeit versuchte er das Unternehmertum im Sinne der Dreigliederung neu zu definieren und die Sozialpflichtigkeit des Kapitals tatkräftig zu verwirklichen. Im »Heidenheimer Kreis« arbeitete er mit gleichgesinnten Unternehmern zusammen. Anfang der 1960er Jahre hatte er den Rechtsanwalt Wilhelm Ernst Barkhoff kennengelernt, der die Idee entwickelte, zur Finanzierung neu entstehender Waldorfschulen Leihgemeinschaften zu gründen. Aus dieser Idee sollte später das anthroposophisch orientierte Bankwesen in Gestalt der Gemeinnützigen Treuhandstelle Bochum und der GLS Gemeinschaftsbank (1974) hervorgehen. In seinem Eisenwerk in Lohr richtete Rexroth Praktikumsstellen ein, die im Lauf der Jahre Hunderten von Waldorfschülern die Möglichkeit boten, Einblick in die industrielle Arbeitswelt zu gewinnen und schließlich übertrug er seine Industriebeteiligungen an eine Verwaltungsgesellschaft, deren Erträge seither teilweise der GLS Treuhand zufließen. Dank dieser Maßnahmen konnten zahlreiche Initiativen in der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, im pädagogischen und heilpädagogischen Bereich sowie im Ausbildungs- und Forschungsbereich finanziert werden. Zum Kapitel Waldorfpädagogik gehört auch die Publikation des Buches »Angstfrei lernen, selbstbewusst handeln. Praxis eines verkannten Schulmodells« von Christoph Lindenberg im Verlag rororo, das bis heute 22 Auflagen erlebt hat und zu den meistverkauften Büchern über Waldorfpädagogik gehört.

Schließlich machten 1975 zwei weitere bemerkenswerte Bücher von sich reden: »Humboldts Vermächtnis« von Saul Bellow [6], der 1976 den Nobelpreis für Literatur erhalten sollte. In diesem schillernden Werk erzählte der jüdische Autor von seiner Begegnung mit der Anthroposophie und ließ Rudolf Steiner unter dem Decknamen Dr. Scheldt auftreten. Eingestreut in das assoziative Feuerwerk ebenso witziger wie sarkastischer Rodomontaden findet man Passagen wie die folgende: »Große Linderung verschaffte mir ein Gespräch mit Dr. Scheldt. Ich befragte ihn wegen der Geister der Form, der Exusiai, die im jüdischen Altertum unter einem anderen Namen bekannt waren. Diese Gestalter des Schicksals hätten schon vor langer Zeit ihre Funktionen und Kräfte an die Archai abgeben sollen, die Geister der Persönlichkeit, die in der universalen Hierarchie den Menschen einen Rang näherstehen. Doch einige abweichende Exusiai, die in der Weltgeschichte eine rückwärtsgewandte Rolle spielten, hatten sich jahrhundertelang geweigert, die Archai ans Ruder zu lassen. Sie verhinderten, dass sich eine moderne Form des Bewusstseins ausbildete. Störrische Exusiai, die zu einer früheren Phase der menschlichen Evolution zählten, waren verantwortlich für Tribalismus und das Fortbestehen eines Bauern- oder Volksbewusstseins, Hass auf den Westen und das Neue; sie nährten atavistische Haltungen. Ich fragte mich, ob das nicht erklären könnte, dass Russland im Jahr 1917 eine revolutionäre Maske angelegt hatte, um die Reaktion zu verschleiern; und ob der Kampf zwischen diesen Kräften nicht auch hinter Hitlers Aufstieg zur Macht liegen konnte. Auch die Nazis hatten die Maske der Moderne aufgesetzt«. Bellow sprach in seinem Buch auch von seinen Erfahrungen mit dem anthroposophischen Schulungsweg: »Ich widmete den Steiner-Meditationen lange Stunden und tat mein Bestes, den Toten nahezukommen«. Und an einer anderen Stelle witzelte er: »Dieser Rudolf Steiner, mit dem Du mich zum Wahnsinn getrieben hast, hat, glaube ich gesagt, dass Du, wenn Du diesmal ein Mann bist, als Frau wiedergeboren wirst und dass der Ätherleib (nicht, dass ich genau wüsste, was ein Ätherleib ist; es ist der lebenswichtige Teil, der dem Leib das Leben gibt, nicht?) immer dem anderen Geschlecht angehört. Aber wenn Du in Deinem nächsten Leben eine Frau bist, dann musst Du bis dahin noch eine Menge lernen …«.

Das zweite Buch war Michael Endes »Momo«, das 1974 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet worden war und 1975 auch von anthroposophischen Rezensenten entdeckt wurde. Erst 2009 hat Julia Voss in einer bemerkenswerten Studie [7] darauf hingewiesen, wie tief der ehemalige Waldorfschüler Ende in seinem Werk der Anthroposophie verpflichtet war und wie insbesondere sein »Jim Knopf« eine Abrechnung mit den Perversionen des nationalsozialistischen Rassismus im Medium der Literatur darstellte, eine Abrechnung, deren theoretischer Hintergrund Steiners Fundamentalkritik am Darwinismus war.

Voss schrieb in ihrer Studie: »Für Ende war Steiner der Denker gewesen, der ihm die Tür gezeigt hatte, um aus einer Sackgasse herauszutreten, in die, so glaubte er, das 20. Jahrhundert durch Wissenschaftsgläubigkeit und Materialismus hineinmanövriert worden war und die das nationalsozialistische Regime absolut gesetzt hatte. Nach Ende ließ sich der moralische Verfall im dritten Reich in gerader Linie ins materialistische 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Immer wieder wies er in seinen theoretischen Texten auf das hin, was ihm als ein notwendiger Dreischritt erschien: Evolutionstheorie, Fortschrittsgläubigkeit und Nationalsozialismus. ›Wir möchten gerne wissen‹, schrieb er in dem Essay ›Gedanken eines zentraleuropäischen Eingeborenen‹, ›wie man aus solchen Anschauungen heraus eigentlich begründen will, dass der Starke nicht das Recht hat, rücksichtslos auf Kosten der Schwächeren zu leben. War das denn nicht genau die Art, wie der Mensch sich zu seiner heutigen Höhe heraufentwickelt hat? Warum soll er es denn nicht weiterhin so halten? Wir möchten gern wissen, warum man eigentlich keine KZ-Experimente an sogenanntem ’lebensunwertem Leben’ machen darf, Experimente, die doch der Wissenschaft und dem Fortschritt der Menschheit dienen?‹ Für den Glauben an ein Recht des Stärkeren machte er Charles Darwin verantwortlich, für den Holocaust die Nationalsozialisten. Beides hielt er für miteinander verknüpft. Den Ausweg sah er in Rudolf Steiners Denken: Als der Fischer Verlag 1983 Michael Ende bat, ein Lesebuch aus den Texten zusammenzustellen, die ihn am meisten beeinflusst haben, nannte er an erster Stelle Rudolf Steiners Essay: ›Die moralische Phantasie: Darwinismus und Sittlichkeit‹ [8].

Aus seiner Bewunderung für Steiner hat Ende nie einen Hehl gemacht, seinen Lesern, die sich nach der Veröffentlichung von ›Momo‹ und ›Die Unendliche Geschichte‹ zunehmend mit grundsätzlichen Fragen an ihn wandten, empfahl er durchgängig, den Begründer der Anthroposophie zu lesen«. [9]

Anmerkungen:

[1] Diese vier Indikationen waren die »medizinische« (Gefahr für die Gesundheit der Schwangeren), die »eugenische« (Diagnose einer schwerwiegenden Behinderung des Kindes), die »soziale« (drohende Notlage) und die ethische oder kriminologische (Schwangerschaft aufgrund einer Vergewaltigung oder sexuellen Missbrauchs). Im Jahr 1976 wurde diese Lösung zum Gesetz erhoben. Erst 1993 änderte das Bundesverfassungsgericht seine Haltung und erklärte, der Schwangerschaftsabbruch in den ersten drei Monaten (bis zur 14. Schwangerschaftswoche) sei zwar weiterhin rechtswidrig, müsse aber nicht strafrechtlich verfolgt werden. Damit trat in Deutschland eine Form von Fristenregelung in Kraft, die das Gericht zwei Jahrzehnte zuvor noch verworfen hatte.

[2] Mihailo Mesarovic, Eduard Pestel, Menschheit am Wendepunkt. Zweiter Bericht an den Club of Rome zur Weltlage, Stuttgart 1974.

[3] Meadows et al., Die Grenzen des Wachstums, 1972. Das Buch wurde in 30 Sprachen übersetzt und bis heute weltweit über 30 Millionen Mal verkauft.

[4]  Horst Mahler, Verena Becker, Gabriele Kröcher-Tiedemann, Ingrid Siepmann, Rolf Heißler und Rolf Pohle. Mahler lehnte den Austausch ab.

[5] Oder dreißig Jahren, wenn man den Indochinakrieg von 1946-1954 hinzurechnet. Schätzungen zufolge verloren zwischen 2 und über 5 Millionen Vietnamesen im Verlauf dieses Krieges ihr Leben. Mehrere Millionen wurden verstümmelt und trugen Schäden durch das von den USA eingesetzte Entlaubungsmittel Agent Orange davon.

[6] Die englische Ausgabe erschien 1975 unter dem Titel »Humboldts Gift«.

[7] Julia Voss, Darwins Jim Knopf, Frankfurt a.M. 2009.

[8] Dabei handelt es sich nicht um einen »Essay«, sondern um ein Kapitel aus Steiners »Philosophie der Freiheit«. Siehe »Die moralische Phantasie (Darwinismus und Sittlichkeit)«.

[9] Ebd., S.137-38.

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