1975 | Wachsende Anerkennung, zunehmende Bedrohung

Ate R. Koopmans

Ate R. Koopmans, 1931-2002

Im folgenden Teil der Generalversammlung 1975 musste sich die Mitgliedschaft mit einem weiteren Antrag auseinandersetzen, der weniger wegen seines Inhaltes, als wegen der Argumentation von Interesse ist, die schließlich zu seiner Ablehnung führte. Den Antrag stellte der Mitbegründer des Dortmunder Pädagogisch-Sozialen Zentrums, der Zweigleiter und Eurythmist Willi Kux. Er forderte, die künftigen Generalversammlungen in Form von Delegiertentagungen zu organisieren, um »endlich den Grundsatz der Rechtsgleichheit für alle Mitglieder der Gesellschaft durchzuführen«.

Wie diese Formulierung deutlich macht, war das Anliegen von Kux, durch eine geregelte Bestimmung von Delegierten sicherzustellen, dass alle Mitglieder angemessen vertreten und die Entscheidungen der Versammlung nicht von ihrer zufälligen Zusammensetzung abhängig waren. Berger führte diesen Antrag mit längeren Ausführungen über dessen Vorgeschichte ein. Bereits zu Beginn der 1970er Jahre hatte eine Kommission im Zuge der Auseinandersetzungen um Herbert Witzenmann die Frage untersucht, ob die Generalversammlungen als Delegiertentagungen statt als »Plenarversammlungen« durchgeführt werden könnten. Obwohl seitens des Schweizer Vereinsrechtes nichts dagegen sprach, konnte keine Einigung erzielt werden. Das Vorhaben scheiterte damals an der Frage, wieviele Delegierte berufen und wie diese den einzelnen Landesgesellschaften zugewiesen werden sollten. Der Antrag von Kux, so Berger, ließe sich nur durch eine Statutenänderung umsetzen, schließlich gehe es darum, das »oberste Organ« der Gesellschaft »grundlegend zu verändern«.

Das oberste Organ! Auch das Vorstandsmitglied Berger anerkannte also die Generalversammlung als oberstes Organ der Gesellschaft. In einem herben Kontrast zu dieser Aussage stand die eben beschlossene und von ihm selbst befürwortete Entmündigung dieses Organs. Berger brachte gegen den Antrag vor allem Einwände vor, die sich auf die Durchführbarkeit bezogen. Der genannten Kommission sei es in einem Zeitraum von 2 Jahren nicht gelungen, eine praktikable Lösung für dieses Problem zu finden. Die Vorstellung, die gewünschte Änderung könnte schon im nächsten Jahr in Kraft treten, sei illusorisch. Darüber hinaus müsste eine ganze Reihe von Artikeln geändert werden, in welchen von der Generalversammlung die Rede sei (Berger nannte die Artikel 7, 8, 9, 11, 12 und 16). Ob in all den Fällen, die in diesen Artikeln angesprochen würden, lediglich die Delegierten stimm- und wahlberechtigt sein sollten? Und wie, so Berger, verhalte es sich »mit den Funktionen der Generalversammlung, die reine Rechtsgleichheitsbedeutung haben und daher jedem Mitglied zustehen müssen, und nicht bloß den Delegierten, z.B. in den Fragen des Mitgliederbeitrages, der Dechargeerteilung, der Zustimmung bei Vorstandserweiterungen?« Angesichts der Unlösbarkeit dieser Fragen sei man seit 1972 dazu übergegangen, anstelle von Delegierten die Vorstände der Landesgesellschaften einzuladen und vor der Generalversammlung mit ihnen zu beraten.

Man könnte diese von Berger angesprochene Lösung als Stärkung der Exekutive interpretieren. Während die Generalversammlung einer Volksversammlung und damit der Legislative entspräche – z.B. den gewählten Abgeordneten des Deutschen Bundestages –, stünde der um die Landesvorstände erweiterte Vorstand mit dem Kabinett einer Regierung in Analogie, die sich durch die Ministerpräsidenten der Länder beraten ließe. Auch diese Lösung bestätigt die deutlich erkennbare Tendenz, die Anthroposophische Gesellschaft in eine straff gegliederte Organisation umzuwandeln, die zunehmend durch Funktionäre und Funktionärspolitik bestimmt wurde.

Ein Mitglied, Robert Rascher, lenkte in seinem Redebeitrag den Blick auf dieses Problem. Allerdings sah er die Gefahr nicht in der bisherigen Durchführung der Generalversammlungen oder in den Zusammenkünften der Landesvorsitzenden mit dem Vorstand, durch welche die Mitgliederversammlungen »vorbereitet« wurden, sondern in der möglichen Einführung eines Delegiertensystems. »ln der Gegenwart« so Rascher, »lebt die Tendenz, alles zu perfektionieren, zu institutionalisieren. So meint man, ein gedeihliches Zusammenleben im sozialen Organismus sei nur durch ein ausgebautes Funktionärswesen möglich. Wir werden heute nicht von Menschen regiert, sondern von Funktionären in den verschiedensten Sparten des öffentlichen Lebens …«. Das Gegenbild solcher Tendenzen, fuhr Rascher fort,  liege »im Bemühen, die Angelegenheiten der Gesellschaft zu seinen eigenen zu machen. Damit können wir leben, aber nicht damit, was verbeamtet das Verantwortungsgefühl, das jeder einzelne entwickeln soll«.

Schließlich wurde der Antrag mangels »Spruchreife« abgelehnt.

In der Abendzusammenkunft der Mitgliederversammlung wurde einmal mehr Michael Rist Zeit für einen Bericht aus der Arbeit zum Thema

»Gemeinschaftsbildung durch Individualitäten« eingeräumt. In seine an den »Nationalökonomischen Kurs« Steiners anknüpfenden Ausführungen über Selbstversorger, Unternehmer und Mäzene flocht er einen Kommentar zur Versammlung selbst: »Man sollte es nicht als ein erstrebenswertes Ziel ansehen, zu Beschlüssen zu kommen, wobei eine Minderheit von 95 Stimmen unterdrückt wird. Es sollte vielmehr das lebhafteste Interesse dafür vorhanden sein, solches dadurch zu vermeiden, dass Vereinbarungen untereinander ohne solche Abstimmungen zustande kommen … Aus der Erfahrung des heutigen Nachmittages wäre deshalb zu empfehlen, künftighin auf Anträge mit Mehrheitsbeschlüssen zu verzichten und dafür nur Anliegen vorzubringen. Man würde damit erreichen, dass die Menschen immer mehr lernen, aus Einsicht zu handeln«.

Walter Holtzapfel blickte für die medizinische Sektion auf die 50-Jahrfeier der heilpädagogischen Bewegung 1974 zurück. Vor nur wenigen Menschen sei 1924 der »Heilpädagogische Kurs« von Steiner gehalten worden, fast 1000 Heilpädagogen hätten im vergangenen Jahr die 50. Wiederkehr dieses Kurses gefeiert. Inzwischen werde dieser Heilpädagogik viel öffentliche Anerkennung und finanzielle Unterstützung zuteil. An zwei Seminaren, in Eckwälden und Dornach, könne die Ausbildung absolviert werden. Außerdem sei die Camphill-Bewegung im englischsprachigen Raum und damit weltweit verbreitet. Das Vertrauen in die Heilpädagogik äußere sich auch in der staatlichen Anerkennung der Diplome, die durch anthroposophische Ausbildungen erlangt würden. Die großzügige öffentliche Unterstützung berge allerdings auch die Gefahr in sich, dass die Öffentlichkeit zunehmend Einfluss auf die heilpädagogischen Institutionen zu nehmen suche.

Der neue Vorsitzende der holländischen Landesgesellschaft, Ate R. Koopmans (1931-2002), berichtete aus den Niederlanden über ein aufgeblühtes Interesse an den Humanwissenschaften. Zahlreiche soziale Akademien seien gegründet worden, die Sozialpädagogik erlebe derzeit einen bedeutenden Aufschwung. Neben marxistisch orientierten Auffassungen und dem mechanistischen Menschenbild der Verhaltensforschung habe sich die humanistische Psychologie im Land etabliert. Ein anthroposophisch orientierter Verlag in Rotterdam veröffentliche inzwischen ganze Buchreihen zu dieser Richtung der Psychologie, deren Hauptaugenmerk auf der Kreativität und Produktivität des Menschen liege. Diesem Interesse versuchten die anthroposophischen Institutionen entgegenzukommen: das Niederländische pädagogische Institut, das Beratungsinstitut für Entwickelung in Industrie und Betrieben und die freie Hochschule in Driebergen. Das 1974 gegründete Waldorflehrerseminar besuchten inzwischen rund 60 Studenten. Kürzlich habe ein Oberinspektor des Unterrichtsministeriums diese pädagogische Akademie besucht, und gegen die Arbeit, obgleich er von ihr positiv beeindruckt gewesen sei, eingewendet, sie bilde »eine Elite« heran und das sei eigentlich unzulässig.

Angesichts des steigenden Stroms an Interesse, das der Anthroposophie entgegengebracht werde, müsse man sich, so Koopmans, besorgt fragen, ob die Gesellschaft offen genug sei, all diese Menschen in sich aufzunehmen. Er erinnerte an die Ansprachen bei der Gründung der holländischen Landesgesellschaft (November 1923), in denen Steiner betont habe, diese müsse »weltmännisch« organisiert werden und so offen sein, wie irgendeine »naturforschende« Gesellschaft. Die große Aufgabe der Gesellschaft sei es, »diese Offenheit, Vielseitigkeit und Pluriformität auch in den Gestaltungen der Zusammenkünfte zu pflegen«.

Von einer ähnlichen Tendenz zur Gleichmacherei – wenn auch unter entgegengesetzten politischen Vorzeichen – wusste Hagen Biesantz aus Mexiko zu berichten. Der dortigen Waldorfschule sei mit der Begründung, private Schulen dürften nicht besser sein als staatliche, verboten worden, Englisch, Malen und Eurythmie zu unterrichten. Der Begründer der Schule, der Miterfinder des Medikaments Cortison, Juan Berlin (1913-1987)[1] sowie Lehrer der betreffenden Fächer seien infolge dieses Verbots aus der Schule ausgeschlossen worden.

Der Generalsekretär der belgischen anthroposophischen Vereinigung, Bruno Skerath (gest. 2013), berichtete aus dem »Land der Gegenreformation«. Noch heute sei Belgien vom Katholizismus geprägt, was es anthroposophischen Initiativen nicht leicht mache, Boden zu gewinnen. Erfreulicherweise besitze Belgien inzwischen ebenfalls eine Waldorfschule, die bis zur neunten Klassen führe.[2]

Auch die anthroposophische Heilpädagogik und Medizin sowie die biologisch-dynamische Landwirtschaft waren in bescheidenstem Maß in Belgien vertreten. Ein jährlicher Einführungskurs in die Anthroposophie erfahre regen Zuspruch seitens der jüngeren Generation.

Die Belgische Landesgesellschaft blickte einer Mitgliedertagung entgegen, die »dem Grundsteinspruch und dem Fortwirkenden der Weihnachtstagung« gewidmet war. Skerath erhoffte sich von dieser Tagung eine »innerliche Neukonstituierung und Vertiefung der Landesgesellschaft«. Brennendere Aufgaben stellten sich allerdings durch die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung und die Bildungspolitik. Auch Belgien blieb vom Reformeifer dieser Jahre nicht verschont: »Es ist nämlich eine Schulreform geplant, die das gesamte Bildungswesen schon von den ersten Monaten des Kindes anfangend, staatlich ergreifen will … So soll die Schulpflicht schon für 5jährige Kinder gesetzlich auferlegt werden. Es ist ferner da die Tendenz, zu großen Schulgemeinschaften zu kommen mit uniformem Charakter, in denen natürlich für Waldorfpädagogik kein Platz mehr wäre«. Es sei offensichtlich, so Skerath, dass alle Länder in »denselben Geisteskampf« hineingezogen würden, den Kampf um die Rechtsgleichheit und das freie Geistesleben, den Kampf um die Dreigliederung des sozialen Organismus.

Auch John Davy beobachtete in England eine »steigende Bedrohung vonseiten des Staates in medizinischen und Erziehungsfragen«, ging aber darauf nicht näher ein, sondern erzählte von zwei Ereignissen, die er für symptomatisch hielt. Die anthroposophische Gesellschaft war eingeladen worden, im Rahmen einer New Age-Organisation Veranstaltungen über Steiner und die Anthroposophie anzubieten. Die Gesellschaft habe das Angebot angenommen, obwohl das Programm dieser Organisation »eine Art Supermarkt für alles« sei, »was los ist an okkulten Sachen«. An der Einladung zeige sich womöglich ein Problem, das der Anthroposophie bevorstehe: sie werde nicht mehr verschwiegen oder auch bekämpft, dafür werde sie zu einer Zutat in einer »interessanten bunten Suppe gemacht und sehr leicht mit allem anderen vermischt«. Davy vermochte im Programm der genannten Organisation – abgesehen von der Anthroposophie – nur ein Sammelsurium »atavistischer« Bestrebungen zu erkennen und rief seine Zuhörer dazu auf, sich mit diesem Phänomen des drohenden Eklektizismus oder der Verflachung auseinanderzusetzen.

Ein positives Gegenbild bot sich ihm dagegen im wachsenden Interesse an der Eurythmie in England: »Unsere Eurythmieschule in London platzt aus allen Nähten, und wir sind wirklich in großer Not, ohne zu wissen, wohin mit dieser Ausbildung. Es sind auch einige Eurythmisten, die jetzt hineindringen in einige der großen Krankenhäuser in London und vor allem in den psychiatrischen Abteilungen mitarbeiten«. Schließlich sei auch im Emerson College, das gegenwärtig 180 Studenten beherberge, ein wahrer »Hunger« nach Eurythmie feststellbar.

Von einem bemerkenswerten Ereignis in Schweden konnte Arne Klingborg berichten. Dort war am 14. Dezember 1974 unter dem Motto »Umwelt, die Leben schenkt«, eine Ausstellung zu Steiners Lebenswerk und dessen vielfältigen Anregungen für Pädagogik, Heilpädagogik, Erwachsenenbildung, Architektur, Landwirtschaft, Qualitätsforschung und Medizin eröffnet worden. Sie bot für eine Vielzahl anthroposophischer Initiativen die Gelegenheit, sich der Öffentlichkeit zu präsentieren. Das Echo übertraf alle Erwartungen. Die größte Ausstellungshalle Stockholms – mit insgesamt sieben Räumen – platzte aufgrund des Besucherandrangs aus allen Nähten. Die Neugierigen standen Schlange. Ein Mitarbeiter war den ganzen Tag damit beschäftigt, Bitten um Führungen durch die Räumlichkeiten abzusagen. Die Sozialbehörden hatten sich angemeldet, maximal 15 Besucher wurden erwartet, 150 Direktoren und Angestellte kamen schließlich.

Sogar das Echo der Presse war unerwartet positiv, quer durch alle politischen Lager: »Gewiss ist es erstaunlich« schrieb ein Kritiker, »dass dieser Rudolf Steiner, in unseren Konversationslexika geschildert als deutscher Mystiker und Okkultist, Gründer der Anthroposophie, 50 Jahre nach seinem Tode heute die größte Ausstellungshalle Stockholms füllt. Aber noch erstaunlicher ist es, dass diese Ausstellung einen so überwältigenden Eindruck auf den Besucher macht durch den fröhlichen Reichtum an Formen, Farben und Ideen usw.« In einer linken Zeitung konnte man lesen: »Was für ein Farbenfest, was für eine Phantasie, welch verschwenderischer Ideenreichtum, welche Fülle von Stoff zu Debatten. Es ist die Frage, ob die Kunsthalle je vorher sich in so strahlender Kleidung gezeigt hat. Die ganze Kunsthalle brodelt von Leben. Malereien klettern die Wände entlang und hängen von der Decke in langen Reihen herunter. In einem der Säle murmelt und rieselt eine Wassertreppe, in einem anderen wird biodynamisches Gemüse gezeigt und sogar ein richtiger Komposthaufen. Diese phantastische Ausstellung heißt ›Umwelt, die Leben schenkt‹. Das Ganze ist vorbereitet für eine Völkerwanderung. So sollen Ausstellungen gemacht werden. Überall geschieht etwas Spannendes. Die Veranstalter haben gezeigt, wie man die ganze Kunsthalle zu einem Gesamtkunstwerk verwandeln kann.

Ein konservatives Blatt schrieb: »Die Ausstellung ›Umwelt, die Leben schenkt‹ ist nichts für marxistische rollstuhlgebundene oder viereckige Bürokratengehirne. Hier wird eine Alternative zur Gesellschaft präsentiert.

Die Ausstellung ist ein Glaubensbekenntnis nicht an politische oder religiöse Dogmen, sondern an die Möglichkeit, bereits im Vorschulalter durch zielbewusste Erziehung die schaffenden Kräfte des Kindes zu entwickeln und durch blühende Phantasie den Weg zur Erkenntnis zu führen. Die Ausstellung hat einen warmen Gesamtton, der nicht nur von all den Kinderbildern mit trompetendem Gelb und Rot herrührt, sondern hauptsächlich von der zarten Feinfühligkeit, die die Pädagogik Rudolf Steiners prägt.«

Sophus Clausen bedauerte indessen den Verlust, den die Berufung Jörgen Smits in den Vorstand für die Norweger darstellte und sprach über das Wachstum des Osloer Zweiges aufgrund des Zustroms junger Menschen. »Die Jugend mit langen oder kurzen Haaren ist heute die Majorität. Die Älteren, die sind die Minorität«.

Reijo Wilenius aus Finnland war – wie stets – zu Scherzen aufgelegt. »Auch diesmal schien es mir sehr schwer, hier herzukommen wegen allerlei Pflichten. Da kam ein Brief: Wenn ich nicht kommen kann, dann soll meine Frau kommen. Da überkam mich ein Schauer. Eine Frau – wenn auch besser als ich –, kann sie uns vertreten? Unmöglich. Ich musste alle Pflichten liegen lassen und hierher fliegen«. Auch er konnte von einem kontinuierlichen Wachstum der anthroposophischen Gesellschaft berichten: »die Gesellschaft wächst jedes Jahr um 20%«. Dieses Wachstum finde nicht in exotischen Treibhäusern, sondern mitten im Leben statt. Im Rahmen der Hochschulreform war es gelungen, eine »Hochschule für Menschenbildung« zu etablieren. Waldorfpädagogen beteiligten sich an der Entwicklung der finnischen Lehrpläne und zeigten »die Grenzen der verhaltenswissenschaftlichen Pädagogik« auf. Anthroposophisch inspirierte Initiativen waren in den »allgemeinen Wissenschaftsplan« aufgenommen worden. »Wir haben jetzt Gelegenheit«, so Wilenius, »wirklich hereinzuwirken in die allgemeine Kulturentwicklung, aber nur, wenn wir ein wenig, wie Dr. Kienle sagte, Solidarität entwickeln und nicht unsere Zeit, wie es auch heute etwas geschehen ist, auf brüderliche Kämpfe benutzen«.

Am Ende blickte der 69jährige Rudolf Grosse auf die Versammlung zurück. Der ehemalige Pädagoge schickte das Lob vorweg: noch nie habe er eine Vorstandserweiterung erlebt, die so mustergültig verlaufen sei, wie die diesjährige, um sogleich zum Tadel überzugehen. Adressat des pädagogischen Tadels war Udo Hermannstorfer, der in der Diskussion über die Statutenänderung davon gesprochen hatte, Anträge von Mitgliedern sollten Anlass zur »Erkenntnisberatung« sein. »Seit vielen Jahren«, so Grosse, »empfinden wir die Anträge zu den Generalversammlungen wie eine Last«. Nach seiner Erfahrung habe im Zusammenhang mit Anträgen noch nie eine Erkenntnisberatung stattgefunden, vielmehr sei es stets darum gegangen, etwas »durchzukämpfen«. Erkenntnisberatungen seien dagegen nie angenommen worden. »Meinen Sie, dass eine Beratung angenommen würde? Ich habe es kaum erlebt, sondern immer nur erfahren, dass der Drang, hier vor einem großen Saal zu sprechen, derartig stark ist, dass mancher wie herausgehoben wird aus sich, und man Sorge hat, dass er überhaupt wieder zu sich kommt. Das muss man doch beobachten, liebe Freunde, welch eine Gefahr das bedeutet«.

Anmerkungen:

[1] Juan Berlin, nach der Definition der nazistischen Rassengesetzgebung »Halbjude«, floh 1939 aus Deutschland und gründete 1955 die erste mexikanische Waldorfschule in Mexiko-Stadt, die allerdings bald darauf aus wirtschaftlichen Gründen wieder schließen musste. 1971 gründete er eine experimentelle, öffentlich anerkannte Grundschule, die auf dem Waldorflehrplan beruhte, mit sechs Klassen für z.T. unterprivilegierte Kinder. Die Schule wuchs innerhalb von vier Jahren auf 400 Kinder an. Vom staatlichen Erziehungsministerium zunächst unterstützt, wurde sie bereits 1975 von einem Tag auf den anderen aus politischen Gründen verboten. Mit dem Aufstieg der Militärdiktatur ging die Waldorfbewegung in Mexiko unter.

[2] Die Schule in Antwerpen war zwar bereits 1954 eröffnet, aber erst 1965 staatlich anerkannt worden.

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Wird fortgesetzt

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