1976 | Epiphanie eines Mythos – Teil 1

grosse_zeitenwende_coverIm Jahr 1976 begann das Terrorregime Pol Pots, dessen genozidaler Dystopie bis Ende 1978 fast ein Viertel der Bevölkerung Kambodschas (1,6 Millionen Menschen) zum Opfer fallen sollte. Im selben Jahr trat der größte bekannte Schlächter der Menschheitsgeschichte, Mao Zedong, von der Bühne dieser Welt ab[1], um fortan in der Hölle der Massenmörder zu schmoren, während in der westlichen Hemisphäre sich der politische Stern James Earl Carters erhob, der zum 39. Präsidenten der USA gewählt wurde. Und in diesem Jahr erschienen zwei Publikationen von – zumindest für den anthroposophischen Kosmos – epochaler Bedeutung, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Rudolf Grosse veröffentlichte sein Buch »Die Weihnachtstagung als Zeitenwende«[2] »für Mitglieder der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft« als »Publikation der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft« im Philosophisch-Anthroposophischen Verlag am Goetheanum und Erich Kirchner-Bockholt gab das Buch »Die Menschheitsaufgabe Rudolf Steiners und Ita Wegman«, das er zusammen mit seiner Frau Margarete verfasst hatte (die 1973 gestorben war), als »Privatdruck für Mitglieder« im selben Verlag heraus. Die Exemplare des letzteren waren durchnummeriert und wurden nur an Käufer abgegeben, die sich als Mitglieder der Gesellschaft auswiesen und ihren Namen in das von ihnen erworbene Buch eintrugen.[3] Es fügte sich, dass die Publikation der Bockholts über Ita Wegmann mit ihrem 100. Geburtstag zusammenfiel, der in diesem Jahr gefeiert wurde (am 22.2.1976).

Was macht diese beiden Werke so epochal? Grosses Buch über die Weihnachtstagung stellt so etwas wie eine Summe der Mythen dar, die sich im Lauf des vergangenen halben Jahrhunderts um dieses Ereignis herumgesponnen hatten, bei dem die Anthroposophische Gesellschaft neu gegründet worden war. Es vollendete die Mystifikation der Anthroposophischen Gesellschaft, die bereits unmittelbar nach Steiners Tod begonnen und im Verlauf der folgenden Jahrzehnte eine immer komplexere Gestalt angenommen hatte. Es drückt nicht etwa nur die persönliche Meinung Grosses aus, sondern die Vorstellungskomplexe vermutlich der Mehrzahl der Mitglieder der Gesellschaft, wurde es doch, wie der Autor im Vorwort der zweiten Auflage schrieb, die ein halbes Jahr nach der ersten erforderlich war, »in vielen Studienkreisen gelesen«. Erst durch die »Studien und Versuche« Sergej O. Prokofieffs von 1982 und 2002 sollten all die Gedankenmotive, die Grosse in seinem Buch zusammenflocht, aufgegriffen, zu einem monumentalen mythischen System ausgebaut und bedeutend übertrumpft werden.[4]

Wer Grosses Buch liest, taucht in ein schier unentwirrbares Gewebe assoziativer Vorstellungsverknüpfungen ein, das systematisch, aber kaum bemerklich, fortlaufend Tatsachen der Geistesforschung in hypothetische Annahmen umwandelt, um aus diesen scheinbar zweifelsfreie Schlüsse zu ziehen. Grosses weitausgreifende Assoziationsketten, die von der Grundsteinlegung des ersten Goetheanum und der mit ihr »zusammenhängenden« Gestalt des Jesus von Nazareth über die Brandkatastrophe und den Tempel von Ephesus, irdische und himmlische Konzile, die Aristoteliker und Platoniker, den Kampf gegen Ahriman, den »Mohammedanismus« und die »Michaelschule« bis zur Frage eines eventuellen Nachfolgers Rudolf Steiners reichen, lassen sich in vier Thesen zusammenfassen: 1. bei der Weihnachtstagung 1923 vollzog sich eine Inkarnation des »Geistwesens Anthroposophie« in die Anthroposophische Gesellschaft; 2. aufgrund seines Entschlusses, den Vorsitz dieser Gesellschaft zu übernehmen, wurde Steiner »von der Lenkung der Menschheits-Geschicke« auf unvorstellbare Weise »erhöht« und mit einer »neuen Geisteswürde« bekleidet; 3. die Weihnachtstagung stellt das »höchste Ereignis« der »jahrtausendealten Menschheitsgeschichte« dar; 4. Steiner ist nach seinem Tod der Leiter der Freien Hochschule geblieben und bleibt (auf unbestimmte Zeit) mit der Gesellschaft als ihr unsichtbarer Vorsitzender verbunden.

1. Die Inkarnation des geistigen Wesens Anthroposophie in der Anthroposophischen Gesellschaft. Diese These knüpft an Äußerungen Steiners an, die sich auf seine Übernahme des Vorsitzes der Gesellschaft beziehen. Am deutlichsten drücken den zugrundeliegenden Gedanken vielleicht die Sätze aus, die am 12.8.1924 in Torquay aufgezeichnet wurden: » … damit, dass ich selber Vorsitzender der Gesellschaft geworden bin, ist die anthroposophische Bewegung eins geworden mit der Anthroposophischen Gesellschaft«.[5]

Indem Steiner diesen Vorsitz übernahm, waren laut Grosse »der Aufbau, die Führung und Gestaltung der Gesellschaft ganz in die Hände desjenigen übergegangen, der sie allein aus den Bedingungen formen konnte, die aus dem Geiste selber kamen«.[6] »Dadurch«, so Grosse, »war ein inniger, kongruenter Zusammenklang des Wesens Anthroposophie mit der irdisch erscheinenden Form der Gesellschaft von Anfang an gegeben. Die Form war demnach selber Anthroposophie. Man könnte sagen, dass an der Weihnachtstagung in Dornach, wo die geistige Grundsteinlegung der Anthroposophischen Gesellschaft stattfand, sich eine Inkarnation des Geistwesens Anthroposophie in die Hülle der Gesellschaft vollzogen habe« (Herv. L.R.).

Wodurch zeichnete sich nach Grosses Auffassung diese von Steiner – genauer gesagt »vom Wesen Anthroposophie« – geschaffene Form der Gesellschaft aus, die »selber Anthroposophie« war? Einerseits durch die »klare Form und Kompetenz der Gesellschaftsführung« (näheres wird dazu nicht ausgeführt), andererseits aber dadurch, dass »immer angestrebt wurde, täglich geistig lebendig ohne Tinte zu regieren«. Steiner habe »mit allem Vereinsmäßigen« brechen müssen und »dezidiert« darauf hingewiesen, dass »ein Wählen« »in der anthroposophischen Gesellschaft unmöglich« sei (zur Frage demokratischer Prozeduren siehe: 1972 | Auszug aus Ägypten). »Das Verschmelzen vom Geisteskern der Anthroposophie mit der Gesellschaftseinrichtung in eine Einheit oder eine Zusammenfassung aller Mitglieder zu einer Anthroposophischen Gesellschaft« so Grosse weiter, »war an der Weihnachtstagung das spirituelle Ziel. Diese Einheit war das Existenzproblem der Gesellschaft und ist es seither geblieben«. Es folgen Ausführungen über die Verhärtung der physischen Leiber der Menschen in der lemurischen Zeit, die es den Seelen immer schwerer machten, geeignete Hüllen zu finden. Als »Weltentherapie« sei damals der Mond, »der Träger der Verhärtungsimpulse«, aus der Erde ausgezogen, damit Inkarnationen der Menschenseelen weiterhin möglich waren. Dieser »grandiose kosmische Vorgang« sei »das Urbild gegenüber der Tendenz der Verhärtung«. Im Anschluss an diese kosmische Analogie schwenkt Grosse zur Bildung der Gesellschaft zurück: »Man ahnt auch an der Bildung der Anthroposophischen Gesellschaft, wie alles vorgekehrt wurde, was einer eventuellen Untauglichkeit der Hüllennatur, spirituelle Impulse aufzunehmen und ihnen zu dienen, vorbeugen konnte. Alles wurde getan und in die Gemüter, in die Herzen der Mitglieder eingepflanzt, dass sie ja durchlässig für das Geistige, für die Anthroposophische Bewegung sein sollten«.

Wer nun erwartet, dass sich der langjährige Vorsitzende der Gesellschaft eingehender über die so besondere Form dieser Gesellschaft ausließe, die nach seiner Auffassung »das Wesen Anthroposophie selber« gebildet hatte, sieht sich enttäuscht. Stattdessen folgt ein langes Zitat aus Steiners Eröffnungsansprache zur Weihnachtstagung am 24. Dezember 1924 mit nicht gekennzeichneten Änderungen (Kürzungen und Kursivsetzungen), um an die Sätze zu erinnern, die Steiner »den Seelentiefen« der Anwesenden »zur unvergesslichen Einprägung« zugerufen habe. Im Folgenden sind Grosses Auslassungen gekennzeichnet:

»Und nicht aus irdischer Willkür, sondern aus der Befolgung des Rufes, der aus der geistigen Welt heraus erklungen hat, nicht aus irdischer Willkür, sondern im Anblick der großartigen Bilder, die aus der geistigen Welt heraus sich als die neuzeitlichen Offenbarungen ergaben für das Geistesleben der Menschheit, daraus ist der Impuls für die anthroposophische Bewegung erflossen. Diese anthroposophische Bewegung ist nicht ein Erdendienst, diese anthroposophische Bewegung ist in ihrer Ganzheit mit all ihren Einzelheiten ein Götter-, ein Gottesdienst […]

Anknüpfen wollen wir heute an dasjenige, woran wir so sehr gern angeknüpft hätten schon 1913[7]. Da wollen wir den Faden wiederum aufnehmen, meine lieben Freunde, und wollen als obersten Grundsatz in unsere Seelen einschreiben für die anthroposophische Bewegung, die ihre Hülle haben soll in der Anthroposophischen Gesellschaft, dass alles in ihr geistgewollt ist [kursiv Grosse], dass sie sein will eine Erfüllung desjenigen, was die Zeichen der Zeit mit leuchtenden Lettern zu den Herzen der Menschen sprechen.

Nur wenn wir in dieser Art die anthroposophische Bewegung in uns selbst zu unserer tiefsten Herzensangelegenheit machen können, wird die Anthroposophische Gesellschaft bestehen. Wenn wir das nicht können, wird sie nicht bestehen […].

Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass, wenn diese Versammlung in der rechten Weise verläuft, wenn diese Versammlung sich so recht bewusst wird, wie Geistig-Esoterisches die Grundlage all unseres Wirkens und Wesens sein muss, jene geistigen Samen, die überall da sind, erwärmt von Ihrer Stimmung und Ihrem Enthusiasmus, dann werden aufgehen können. […]

Bereiten Sie, meine lieben Freunde, Ihre Seelen, dass diese Seelen aufnehmen diese Samen; denn Ihre Seelen sind der rechte Grund und Boden zu dem Keimen, zu dem Entfalten, zu dem Entwickeln dieser Geistessamen. Und die sind die Wahrheit«.[8]

Obwohl Grosse, wie man sieht, auch Sätze zitiert, die deutlich machen, dass das Gelingen des Vorhabens an die Erfüllung gewisser Konditionen gebunden ist (»nur wenn wir … wird die Gesellschaft bestehen«, »wenn nicht … wird sie nicht bestehen«), greift er die von Steiner selbst angesprochene Eventualität eines Scheiterns nicht auf, sondern fährt in seinem affirmativen Sprechstil im Anschluss an das Zitat fort, in der Weihnachtstagung sei »der Geist des Goetheanum«, »der Geist der neuen Mysterien« als »kosmische Künstlerwesenheit« wirksam gewesen und habe »die neue soziale Schöpfung« der anthroposophischen Gesellschaft hervorgebracht. Der Zusammenhang zwischen dem Goetheanum und der Weihnachtstagung beruhe auf einer »unendlich tiefen und ergreifenden geistigen Wirklichkeit« und diese müsse vor das innere Auge gestellt werden, »und zwar so stark und den Geist erfüllend, dass man das Unsichtbare in seiner Weltenwirkung sehen lernt«.

Es folgen einige weitere Steinerzitate, die schließlich in einer Beschwörung des »Geistes des Goetheanum« gipfeln. Steiner, so Grosse, habe am Ende der Tagung deutlich auf diesen Geist hingewiesen. Wieder folgt ein Zitat: »Was hier geschehen ist, ich weiß es, ich durfte es sagen, denn es ist gesagt worden unter voller Verantwortung im Aufblicke zu dem Geist, der da ist und sein soll und sein wird der Geist des Goetheanums. In seinem Namen habe ich mir in diesen Tagen manches Wort zu sprechen erlaubt, das nicht so stark hätte ausfallen dürfen, wenn es nicht im Hinaufblick zu dem Geiste des Goetheanums, zu dem guten Geiste des Goetheanums gesprochen worden wäre«. Wer aber war laut Grosse dieser Geist des Goetheanum? Steiner habe auf diesen Geist in Ausführungen über den Zusammenhang zwischen dem Brand des Tempels von Ephesus und des ersten Goetheanum hingewiesen: »In Ephesus die Götterstatue [der Artemis], hier im Goetheanum … die Statue des Menschheitsrepräsentanten, des Christus Jesus, in dem wir gedachten, uns mit ihm identifizierend [kursiv Grosse], in aller Demut so zur Erkenntnis aufzugehen, wie einstmals in ihrer Art … die Schüler von Ephesus in der Diana von Ephesus aufgingen«.[9] Der »Geist des Goetheanum« ist also nach Grosses Steinerinterpretation der »Geist des Christus Jesus«. Wenn aber der Geist des Goetheanum mit dem »geistigen Wesen Anthroposophie« gleichzusetzen ist, das sich bei der Weihnachtstagung »in der Hülle der Gesellschaft« inkarnierte, dann hat sich – so muss man Grosse verstehen  –»der Geist des Christus« bei dieser Tagung in der Anthroposophischen Gesellschaft inkarniert.

Das Kapitel aus dem hier zitiert wurde (»Geistige Konstellationen«), endet mit einem Hinweis auf das »Gelöbnis«, das Steiner »jetzt als Vorsitzender, in dem die Anthroposophische Bewegung mit der Anthroposophischen Gesellschaft identisch geworden war, feierlich formuliert« habe: »Würdig werden wir nur durch dasjenige, das uns immerhin auferlegt ist dadurch, dass wir dieses Goetheanum bauen durften, wenn wir uns heute in der Erinnerung das Gelöbnis ablegen, jeder vor dem Göttlich-Besten, das er in der Seele trägt, treu zu bleiben den geistigen Impulsen, die ihre äußere Form in jenem Goetheanum gehabt haben. Dieses Goetheanum konnte uns genommen werden. Der Geist dieses Goetheanums kann uns, wenn wir wirklich ehrlich und aufrichtig wollen, nicht genommen werden«.[10]

An dieses Zitat schließt Grosse, der bei der Weihnachtstagung gar nicht dabei war[11], folgenden Kommentar: »In tiefer Ergriffenheit wurde im Innersten von jedem dieses Gelöbnis der Treue zu einem unverbrüchlichen Treue-Schwur Rudolf Steiner und dem Goetheanum gegenüber. Diese Willens-Entschlossenheit war so unbedingt, dass sie auch in ein nächstes Erdenleben wie ein esoterischer Leitstern zu leuchten und zu wirken vermag«. Woher weiß der Autor das? Da er sich nirgends auf eine Augenzeugenschaft durch Geistesforschung beruft, handelt es sich bei diesen affirmativen Aussagen um reine Glaubessätze. Dies gilt erst recht vom folgenden Satz, der so formuliert ist, als hätte es die gesamte hier dargestellte Geschichte der Gesellschaft seit dem Tod Steiners nicht gegeben: »Dieses Treue-Gelöbnis vor allem war das Fundament und lebte als Unbeirrbarkeit im Erfüllen ihrer Aufgaben in den Persönlichkeiten, die als Gründungsvorstand um Rudolf Steiner versammelt waren«. Um das Mythische, das Bekenntnishafte dieses Satzes zu erkennen, muss man sich nur an einen anderen erinnern, den Marie Steiner einen Tag nach der Kremation ihres Ehemannes, am 4. April 1925, an Eugen Kolisko schrieb: »Ich habe klar erkannt, dass unser Vorstand, so wie er jetzt ist, verwaist ist in seiner Kindheitsstufe, ein Nichts ist …« Dass diese Äußerung Marie Steiners übrigens nicht aus einem vorübergehenden Affekt entstanden war, das bezeugen Sätze aus einem Brief, den sie am 11. März 1948, 8 Monate vor ihrem Tod, an Ehrenfried Pfeiffer schrieb: »Die Mysterientat Rudolf Steiners haben sie herrlich geschildert und durchaus erkannt, weshalb ich Albert Steffen ablehnen muss und das ewige Reden über die Weihnachtstagung als leeres Geschwätz empfinde«.[12]

Aber für den Mythographen Grosse steht fest: »Wenn in späteren Zeiten vielleicht jemand sagen sollte, dass die ›Weihnachtstagung‹ nicht gelungen sei, dann kann der Betreffende eigentlich niemals etwas von dieser Weihe-Stunde mit dem Gelöbnis zur Treue gewusst haben«. Im Unterschied zu Grosse hat Marie Steiner jedoch an der realen Weihnachtstagung teilgenommen und sich frühzeitig von deren Mythologisierung distanziert.

Auch im folgenden Kapitel – »Das Übersinnliche der Weihnachtstagung« – wird der Autor von seiner historischen Empathie zu Aussagen hingerissen, die durch keinerlei Beobachtungen gedeckt sind. So schreibt er zum Beispiel: »Die Atmosphäre in dem überfüllten Schreinereisaal zur Winterszeit war von alles erwärmender Herzenskraft, von größter Innerlichkeit, von alles überstrahlender Begeisterung, von eiserner Entschlusskraft und energischem Durchhaltewillen«. Selbst wenn er an Weihnachten 1923 in diesem Schreinereisaal dabei gewesen wäre, hätte er wohl schwerlich solche Beobachtungen machen können. Aber der Autor steigert sich noch. Über die tatsächlichen Teilnehmer der Tagung schreibt er nämlich: »Die geistigen Wesen, welche in reiner Geistesverfassung diese Handlung [die Tagung] aufnahmen, das waren die Iche der anwesenden Menschen selber, die sich in die Sphäre des Geistselbst erhoben, und die eine unverbrüchliche Schicksalsverbindung mit der anthroposophischen Bewegung, die mitten unter ihnen anwesend war, eingingen«.[13]

Ja, mehr noch: Alle Anwesenden bei dieser Tagung, achthundert Menschen, haben laut Grosse gemeinsam die »Schwelle zur geistigen Welt« übertreten und diese »geistige Welt in vollem Bewusstsein in sich aufgenommen« – mit anderen Worten, sie haben eine kollektive Einweihung erlebt: »Die Weihnachtstagung war ein Geschehen jenseits der Schwelle, und alle Teilnehmer haben … eine Geist-Erfüllung erlebt, die ihren Seelen die Flügel verlieh, um jenes Erlebnis durchzumachen …, dass die Menschheit, an dem Hüter vorbei, die Schwelle zur geistigen Welt überschreitet. In diesen Tagen haben die achthundert Versammelten unter seiner [Steiners] Führung  … die geistige Welt in vollem Bewusstsein erlebt und aufgenommen und dieses Erleben mit ihrer ganzen weiteren anthroposophischen Arbeit verbunden«.[14]

2. Die geistige Erhöhung Rudolf Steiners. Durch seinen Entschluss, den Vorsitz der anthroposophischen Gesellschaft zu übernehmen, wurde Steiner laut Grosse »von der Lenkung der Menschheits-Geschicke« auf unvorstellbare Weise »erhöht« und mit einer »neuen Geisteswürde« bekleidet. Steiner, »der Baumeister« »des geistigen Menschheitsbaus« der Gesellschaft war nach der Tagung »nicht mehr derselbe, wie vorher«. »Er hatte – so darf man aus der inneren Betrachtung seines Geistesweges sagen – einen anderen Rang erworben, als ihn je zuvor ein Menschheitsführer innegehabt hatte«.[15]

Mir ist keine einzige Aussage Steiners bekannt, die dazu berechtigen würde, von einer solchen »Rangerhöhung« zu sprechen. Das gibt auch Grosse zu, wenn er an einer anderen Stelle schreibt: »Denn seit der Weihnachtstagung war Rudolf Steiner von der Lenkung der Menschheits-Geschicke in einer Art aufgenommen, bestätigt und einer neuen Geisteswürde zugeführt worden, welche eine Erhöhung und Vollmacht-Übertragung an ihn bedeutete, die sich unserer Vorstellung entziehen. Darüber sprach Rudolf Steiner nicht, aber seine Taten und Handlungen zeigten es an«.[16]

Wie begründet Grosse seine Behauptung, Steiner sei »in seinem Rang erhöht« worden? Damit, dass er zwei Aufgaben, die sich gegenseitig ausschlossen, in sich verbunden habe: die »eines Geistesforschers« und »eines Trägers irdischer Verantwortungen«. Um seine weitreichenden Mystifizierungen zu rechtfertigen, beruft sich Grosse auf den bereits zitierten Vortrag vom 12.8.1924 in Torquay. Dort hatte Steiner von einer »Eventualität« gesprochen, die durch seinen Entschluss, die genannten Aufgaben in sich zu vereinigen, hätte eintreten können: der Möglichkeit nämlich, dass die geistigen Mächte mit diesem Entschluss nicht einverstanden sein und sich daher von der anthroposophischen Bewegung – also von ihm – zurückziehen würden: »Man musste sich vor die Möglichkeit hinstellen, dass die geistigen Mächte gesagt hätten: Das geht nicht, ein äußeres Amt kann nicht angenommen werden«.[17]

Aber »die geistigen Mächte«, so Steiner, die bisher »die Anthroposophische Gesellschaft begnadet hatten«, zogen sich nicht von ihr – also von Steiner – zurück, im Gegenteil: »Nun darf heute wirklich, ich möchte sagen im Angesicht all der geistigen Mächte, die zusammenhängen mit der anthroposophischen Bewegung, gesagt werden, dass jene Verbindungen, die bestehen zwischen den spirituellen Welten und den Offenbarungen, die durch die anthroposophische Bewegung fließen sollen, intimer, einschneidender, reichlicher geflossen [geworden] sind, als das vorher der Fall war, dass also tatsächlich von den beiden Eventualitäten, die haben eintreten können, die eine, die so günstig wie möglich ist für den weiteren Fortgang der anthroposophischen Bewegung, wirklich eingetreten ist. Man darf sagen: Mit vollem Wohlwollen sehen unausgesetzt seit der Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft am Goetheanum jene geistigen Mächte, von denen wir unsere Offenbarungen haben, mit einem noch größeren Wohlwollen sehen sie auf uns herab, als das früher der Fall war. So dass nach dieser Richtung schon seit längerer Zeit ein schwerer Alp von der Anthroposophischen Gesellschaft genommen werden konnte«.[18]

Ist in diesen Sätzen von einer »Rangerhöhung«, der Erhebung zu einer »neuen Geisteswürde« oder einer »Vollmacht-Übertragung« die Rede? Steiner spricht von einem größeren Wohlwollen, davon, dass entweder die Verbindungen oder Offenbarungen »intimer, einschneidender, reichlicher« geworden sind.[19] Was also zugenommen hat, ist das Maß der Gnade, das ihm zuteil wurde.

Bei Grosse hingegen färbt die »Rangerhöhung« und »Vollmacht-Übergabe« auf den von Steiner »eingesetzten Vorstand« ab, denn unmittelbar im Anschluss an die von ihm zitierten Sätze über die Möglichkeit, dass die geistigen Mächte sich von der Gesellschaft hätten zurückziehen können, kommt er – ziemlich unvermittelt –auf diesen Vorstand zu sprechen, der von Steiner bekanntlich als »Initiativ-Vorstand« oder »esoterischer Vorstand« bezeichnet worden ist.[20] Offenbar betrachtete Grosse diesen Vorstand – also auch sich selbst – weiterhin als »esoterisch«, denn er fährt in der Gegenwartsform fort: »Ein esoterischer Vorstand hat … aus den Zusammenhängen und Einsichten, die sich aus dem Darinnenstehen in der übersinnlichen Geistesströmung Anthroposophische Bewegung ergeben, zu handeln und fortwährend dafür zu sorgen, dass alles, was sich in der Gesellschaft ergibt als Einrichtung, Arbeit, Tätigkeit, Aufgaben  … in Übereinstimmung mit der geistigen Welt selber steht«.[21] Setzt dies aber nicht voraus, dass dieser Vorstand die »geistige Welt« erkennt – und zwar nicht etwa nur aus zweiter Hand, sondern unmittelbar? Wie sollte er sonst die aktuellen Einrichtungen, Tätigkeiten usw. von 1976 – nicht die von 1923 oder 1924 – in Übereinstimmung mit dieser »geistigen Welt« bringen können?

Die von Grosse aufgestellte Forderung gilt seiner Auffassung nach aber nicht nur für den Vorstand, sondern für alles, was in einer solchen Gesellschaft wie der Anthroposophischen geschieht: »In einer so gearteten Gesellschaft … muss alles … primär aus den geistigen Impulsen selber herausgeboren sein … Es sind keine Forderungen und Impulse maßgebend, die aus der äußeren, der physischen Welt heraus entstehen und an einen herankommen«. Grosse formuliert hier nicht etwa nur Leitlinien, die für den von Steiner eingesetzten Vorstand galten, sondern auch für sein Selbstverständnis als Vorstandsmitglied. Der Vorstand, so fährt er fort, durfte »seine schöpferischen Kräfte nicht durch Verwaltungsmaßnahmen … verbrauchen« (diese Behauptung steht im Widerspruch zu Steiners ausdrücklicher Erklärung – hatte er doch gerade die entgegengesetzten Aufgaben der Forschung und der Verwaltung in seiner Person vereinigt und in dieser Vereinigung das Merkmal der neuen Esoterizität des Vorstandes gesehen)[22]. Grosse spricht dagegen von »zwei neuen Selenqualitäten«, in die Steiner die Arbeit des Vorstandes »gestellt« habe – die nun aber nicht etwa die Mitglieder dieses Vorstandes entwickeln mussten, sondern die Mitglieder der Gesellschaft – zwei »Seelenqualitäten, die ihm von der Mitgliedschaft entgegengebracht werden sollten und die mit dem Element der Freiwilligkeit und des guten Willens verbunden sind: Einsicht und Vertrauen«.[23]

Herrsche ein solches Verhältnis (des Vertrauens und der Einsicht), dann sei »das Gemeinschaftsgebilde« der Gesellschaft »am meisten durchlässig und offen für spirituelle Anregungen und Absichten«, dann könne »der Gesellschaftscharakter blühen« und gedeihen.

Wenn man auf die Generalversammlungen der vorangegangenen Jahre und ihre Debatten zurückblickt, insbesondere auf die des Jahres 1974, dann wird deutlich, dass der Vorsitzende der Gesellschaft hier ein in geisteswissenschaftliche Floskeln eingewickeltes politisches Statement abgab, durch das er die absolute Machtstellung, die der Vorstand inzwischen errungen hatte, nachträglich zu begründen versuchte. Aber nicht nur Rudolf Steiner und der Vorstand wurden durch Grosse ins Mythische erhöht, sondern auch die Gesellschaft und ihr Gründungsakt. Das wird sich an der näheren Betrachtung der dritten und vierten These noch eindrücklicher zeigen.

Anmerkungen:

[1] Vgl. Gunnar Heinsohn, Lexikon der Völkermorde, Reinbek b. Hamburg 1999, S. 56, »Tabelle V-G: Ausgewählte Demozid-Hauptverantwortliche«.

[2] Das Buch ist als »Band I« deklariert, ein zweiter Band mit dem Titel »Das Wesen ›Anthroposophie‹. Wege zum Ursprungsquell der Menschheitsführung« erschien 1982. Den beiden Publikationen fehlt jedoch ein übergreifender Titel, der die Deklaration als Band 1 und 2 erklären würde.

[3] Im Besitz des Verfassers befindet sich das antiquarisch erworbene Exemplar Heinrich Teichmanns mit der Nummer 2002.

[4] Sergej O. Prokofieff: Rudolf Steiner und die Grundlegung der neuen Mysterien, Stuttgart 1982; ders.: Menschen mögen es hören. Das Mysterium der Weihnachtstagung, Stuttgart 2002.

[5] Rudolf Steiner, Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge (GA 240), Vortrag vom 12.8.1924, Dornach 1977, S. 202.

[6] Grosse 1976, S. 71, zitiert nach der dritten Auflage 1981. Die folgenden Zitate aus Grosse 1976 (1981) finden sich auf S. 71-75.

[7] 1913 trennte sich die Deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft von letzterer und gab sich den Namen Anthroposophische Gesellschaft.

[8] Vgl. Rudolf Steiner, Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923/24 (GA 260), Dornach 1994, S. 35 f.

[9] Vgl. GA 260, Dornach 1994, S. 250.

[10] Vgl. GA 260, S. 250-251.

[11] Zu Beginn seines Buches beruft sich der Autor auf »Erzählungen derjenigen, welche an der Tagung teilgenommen hatten« (S. 9), auf »Ansprachen der Gründungs-Vorstandsmitglieder« sowie auf »Lesen und Studium« (S. 10). Über die »Erzählungen« von Teilnehmern heißt es im ersten Kapitel: »Manchmal glaubte man sich in urferne Zeiten versetzt, wo ebenfalls der Bericht über das große Ereignis der Zeitenwende von Mund zu Ohr weitergegeben wurde von denen, ›die dabei gewesen waren‹ … Und wirklich, nach kurzem spürte man im Raum die Stimmung der Weihnachtstagung. Man wusste unmittelbar: Sie lebt!« Grosse 1976 (1981), S. 10.

[12] Sergej Prokofieff zitiert den ersten Teil dieses Satzes in seinem Buch »Menschen mögen es hören«, Stuttgart 2002: »›Die Mysterientat Rudolf Steiners haben Sie herrlich geschildert‹« […], äußerte sie in ihrem Antwortbrief vom 11. März 1948« (S. 824). Den zweiten Teil des Satzes: » … und durchaus erkannt, weshalb ich Albert Steffen ablehnen muss und das ewige Reden über die Weihnachtstagung als leeres Geschwätz empfinde«, unterschlägt er aus naheliegenden Gründen.

[13] Grosse 1976 (1981), S. 78.

[14] Grosse 1976 (1981), S. 80.

[15] Grosse 1976 (1981), S. 80.

[16] Grosse 1976 (1981), S. 144.

[17] GA 240, S. 203.

[18] GA 240, S. 203

[19] Die Bezüge im verschachtelten Satz sind nicht klar. Verbindungen können eigentlich nicht »intimer oder reichlicher fließen«, sondern nur »Offenbarungen«. Steiner sprach aber – laut veröffentlichtem Stenogramm – von »jenen Verbindungen«. Aufgelöst werden könnte die Unstimmigkeit, wenn statt »intimer … geflossen sind« gelesen wird: »intimer … geworden sind«. Die Verbindungen sind »intimer, einschneidender, reichlicher geworden« und daher sind auch die Offenbarungen reichlicher »geflossen«.

[20] Ebenfalls am 12.8.1924 in Torquay, GA 240, S. 203-204.

[21] Grosse 1976 (1981), S. 81.

[22] In seinem Vortrag in Torquay am 12.8.1924 führte Steiner nach der Erklärung, durch die Vereinigung von anthroposophischer Bewegung und Gesellschaft in seiner Person seien beide (also Esoterik und Exoterik) »eins« geworden, über diese neue Esoterizität des Vorstandes aus: »Das machte notwendig, dass zu Weihnachten in Dornach nicht ein Vorstand eingesetzt worden ist, der im äußeren exoterischen Sinn ein Vorstand ist, sondern ein Vorstand wurde eingesetzt, der als esoterischer Vorstand zu betrachten ist, der für dasjenige, was er tut, nur den geistigen Mächten gegenüber verantwortlich ist, der nicht gewählt, der gebildet worden ist. … Und dieser Vorstand ist dasjenige, was ich einen Initiativvorstand nennen möchte, ein Vorstand, der seine Aufgaben in dem sieht, was er tut«. GA 240, 1977, S. 203-204, Herv. L.R.

[23] Grosse 1976 (1981), S. 82.

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Fortsetzung folgt

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