1976 | Epiphanie eines Mythos – Teil 2

Grundsteindokument

Grundsteindokument des ersten Goetheanum vom 20.09.1913

3. Die Weihnachtstagung als das »höchste Ereignis« der Menschheitsgeschichte«. Von der Weihnachtstagung als dem »höchsten Ereignis der jahrtausendealten Menschheitsgeschichte« spricht Rudolf Grosse im Kapitel über das »Fortwirken« dieser Tagung im Zusammenhang mit dem Anbruch der »neuen Michaelsherrschaft« 1879 und dem Kampf Ahrimans gegen den jungen Geistesforscher Rudolf Steiner. »Die geistige Forschung«, schreibt er, »die Rudolf Steiner ein Leben lang betätigt hatte, führte dazu, dass in einem ungewöhnlichen Ausmaße die Geist-Erkenntnis wieder zum Mittelpunkt des Menschenlebens wurde. Dass sich gegen eine solche unerhörte Tat alle ahrimanischen Widersacher auflehnten und ihn aufs schwerste bekämpfen mussten, bedarf keiner besonderen Betonung«.[1]

Aber Steiner ging aus diesem Kampf gegen die Widersachermächte siegreich hervor, denn im Jahr 1888 »zerschellte Ahriman« – wie einer Notizbucheintragung Steiners zu entnehmen ist, die im Buch Grosses als Faksimile abgedruckt wurde. »Schritt für Schritt«, so Grosse weiter, »Kampf um Kampf und Sieg um Sieg ging er, der das Michael-Zeitalter repräsentiert, seinem Ziel entgegen. Daran zerschellte Ahriman«. Kurz darauf heißt es: »Und die Weihnachtstagung 1923 wird nur dann als höchstes Ereignis in der jahrtausendealten Menschheitsgeschichte gesehen, wenn man erfassen kann, dass seither aus den Schleusen des Geistes weggeschwemmt wurde, was durch die Finsternisgewalten des ahrimanischen Geistesstromes um 869 aufgerichtet worden ist«.[2]

Auf das Jahr 869, als dessen spirituelles Gegenbild nach Grosses Interpretation das Jahr 1923 mit der Weihnachtstagung erscheint, kommen wir gleich zu sprechen, – aber kann man diese Tagung tatsächlich als das »höchste Ereignis der jahrtausendealten Menschheitsgeschichte« bezeichnen? Gemessen an Steiners eigenem Geschichtsverständnis, das dem »Mysterium von Golgatha«, dem »Mittelpunktsereignis der Erde«[3], dem »größten Ereignis der Erdenentwicklung, das der Erdenentwicklung erst den richtigen Sinn gibt«[4], dem »bedeutendsten Ereignis der ganzen Menschheitsentwicklung«[5] eine zentrale Rolle zuweist, erscheint Grosses Aussage zumindest fragwürdig. Es gibt buchstäblich nichts in der gesamten Geschichte der Menschheit, was aus Steiners Sicht dem Ereignis auf Golgatha gleichkommt, das in seiner Historiosophie die vertikale Achse darstellt, um die sich alles dreht, jene Achse, an welcher der Abstieg der Menschheit aus Himmelshöhen sich zum Wiederaufstieg wendet. So bedeutsam die Weihnachtstagung im Lebensgang Steiners oder in der Geschichte der Gesellschaft auch gewesen sein mag: der Versuch, sie dem sinnstiftenden Ereignis der Erdenentwicklung schlechthin gleichzustellen oder dieses Ereignis durch sie sogar zu überbieten, hebt seine gesamte Geschichtsdeutung aus den Angeln. Wie gelangt Grosse zu seiner hyperbolischen Deutung der Weihnachtstagung?

Zunächst unter Berufung auf Steiner, – scheint dieser doch selbst zu einer solchen Deutung Anlass gegeben zu haben, wenn er am letzten Tag dieser Veranstaltung, in seinem abschließenden Vortrag am 1. Januar 1924, von dieser Tagung als einem »Welten-Zeitenwende-Anfang« gesprochen hat. In diesem Vortrag kam Steiner auf den »Zweck« der gesamten Veranstaltung zu sprechen und den Grund, warum er in ihren Ablauf die Rezitation der Grundstein-Mantren hineingeflochten hatte. Aus dem Schmerz über den Verlust des ersten Goetheanumbaus solle, so Steiner, durch die künftige Arbeit der versammelten Mitglieder eine »kräftige, leuchtende Anthroposophische Gesellschaft« entstehen. »Zu diesem Zwecke haben wir uns vertieft in jene Worte … mit denen ich schließen möchte diese Weihnachtstagung, die eine Weihenacht, ein Weihefest für uns sein soll für nicht nur einen Jahresanfang, sondern für einen Welten-Zeitenwende-Anfang, dem wir uns widmen wollen zu hingebungsvoller Pflege des geistigen Lebens«.[6] Die Rezitation des dreigliedrigen Mantrams im Anschluss an diese Worte mündet in eine Anrufung der »Christus-Sonne«, die zur Zeitenwende »in den irdischen Wesensstrom« eingetreten war, um Licht in die Finsternis zu bringen:

In der Zeiten Wende
Trat das Welten-Geistes-Licht
In den irdischen Wesensstrom;
Nacht-Dunkel
Hatte ausgewaltet;
Taghelles Licht
Erstrahlte in Menschenseelen …

Göttliches Licht,
Christus-Sonne,
Erwärme
Unsere Herzen;
Erleuchte
Unsere Häupter;
Dass gut werde,
Was wir aus Herzen
Gründen,
Aus Häuptern
Zielvoll führen wollen.[7]

Wie man aus den zitierten Sätzen entnehmen kann, hat Steiner die Weihnachtstagung nicht als »Welten-Zeiten-Wende« bezeichnet, sondern als »ein Weihefest … für einen Welten-Zeitenwende-Anfang, dem wir uns widmen wollen zu hingebungsvoller Pflege des geistigen Lebens«. In seiner christozentrischen Historiosophie gibt es nur eine einzige »Welten-Zeiten-Wende«: eben das »Christus-Ereignis« selbst. Die Weihnachtstagung als »Weihefest für den Anfang einer Welten-Zeitenwende« ist Erinnerungs- und Verheißungsfest zugleich: insofern sie an jene wahre Zeitenwende erinnert, an die sie anknüpfen will und insofern sie in sich die Aufforderung trägt, diese Zeitenwende durch die erinnernde Wiederholung zu erneuern und sie durch hingebungsvolle Pflege des geistigen Lebens ihrer künftigen Vollendung entgegenzuführen. Diesem »Zwecke« sollte auch eine künftige »kräftige, leuchtende Anthroposophische Gesellschaft« dienen. Sie war aber weder dieser »Zweck« noch war durch das »Weihefest« ihrer Gründungsversammlung dieser »Zweck« bereits Wirklichkeit geworden. Zweck der Gesellschaft war laut ihrem Gründungsstatut nicht etwa sie selbst, sondern die »Pflege des seelischen Lebens« durch die Fruktifikation und Förderung der Geistesforschung.

Nun verknüpft Grosse die »Weihnachtstagung« mit einer ganzen Reihe weiterer historischer Ereignisse, um seine weitreichenden Schlussfolgerungen zu untermauern. Als erstes wird die Gründungsversammlung an die Grundsteinlegung des ersten Goetheanumbaus am 20. September 1913 angeschlossen. Bei dieser Grundsteinlegung waren an einem stürmischen Herbstabend auf dem Dornacher Hügel einige Menschen versammelt, von denen lediglich zwei auch in der neu gegründeten Anthroposophischen Gesellschaft eine Rolle spielen sollten: Steiner selbst »als geistiger Leiter der Handlung« und Marie von Sivers, die damals noch nicht mit Steiner verheiratet war, als Mitglied des »Centralvorstandes« der damaligen Gesellschaft. Das von Otto Graf Lerchenfeld besorgte Pergament aus Kalbsleder, auf dem Steiner eine von ihm selbst entworfene Inschrift anbrachte, führte 13 Personen namentlich auf.[8] Das Dokument wurde zusammen mit dem Grundstein vergraben, der aus zwei kupfernen Dodekaedern bestand, in deren Inneren zwei Pyritkristalle schwebend angebracht waren. Auf dem Pergament aufgezeichnet wurde außerdem eine symbolische Zeichnung, in der die neun himmlischen Hierarchien Jesus von Nazareth und den Menschen (Anthropos) umrahmten. Die beiden zeichnerisch abgebildeten Dodekaeder trugen den lateinischen Rosenkreuzerspruch.[9]

Dieses Dokument und das in Steiners Ansprache erstmals mitgeteilte sogenannte »makrokosmische Vaterunser«[10] – genauer: das »makrokosmische Gegenbild des mikrokosmischen« Gebetes – bilden die Grundlage für Grosse, Jesus von Nazareth mit der Grundsteinlegung des ersten Baus und damit indirekt mit der Grundsteinlegung der Gesellschaft an Weihnachten 1923 zu verknüpfen. »Der Grundstein des Goethenaums«, so schreibt er, »knüpft an die Erkenntnis-Einweihung der Zarathustra-Adam-Jesus-Wesenheit an. Der innere Weg, den der Jesus von der Erschütterung an geht, die ihm als 24jährigem am Altar der Heiden geworden war, bis hin zur Jordantaufe … bildet mit die geistige Aura für die Grundsteinlegung«. »Die Mysterienwahrheit«, die Jesus bei diesem Erlebnis offenbart wurde, »wird nun an der Grube des Grundsteines laut ausgesprochen. Was einmal streng verhüllt gewesen war, wird, weil die Zeit und die Seelen dafür reif geworden waren, der Bewusstseins-Seele anvertraut. Die Bewusstseins-Seele empfängt die Erkenntnistaufe an dem Mysterienorte des 20. Jahrhunderts, auf dem Dornacher Hügel. Etwas mehr als zehn Jahre darauf hätte die Christusstatue im Hintergrund der kleinen Kuppel aufgestellt werden sollen. Die neun Meter hohe Holzplastik zeigt den Christus schreitend durch die Menschheit – nach Westen – und wie an ihm zerschellen die Übel, die in ihr walten: Luzifer und Ahriman. Das sollte auch die Aufgabe des Goetheanums sein, das bleibende, fortdauernde Ziel des Baues«[11] – aber nicht nur des Baus, sondern auch der Anthroposophischen Gesellschaft.

Auch Christus verbindet Grosse mit der Weihnachtstagung – abgesehen vom Mantram des Grundsteinspruches und der »Christusstatue« – über das Scharnier des Konzils von Konstantinopel im Jahr 869. Dieses Konzil, auf das Steiner immer wieder zu sprechen kam, bei dem im Zusammenhang mit einer Verurteilung des Patriarchen Photios in einer weitreichenden Entscheidung die platonische Lehre der Trichotomie, der Dreigliederung des Menschen in Leib, Seele und Geist verworfen wurde, leitete nicht nur das Schisma zwischen dem orthodoxen und dem römischen Christentum ein, sondern wirkte sich auch auf die gesamte weitere Entwicklung der Anthropologie und Spiritualität des Abendlandes aus. Durch die bei diesem Konzil erfolgte »Leugnung des Geistes« wurde dem Menschen die Möglichkeit entzogen, sich individuell mit dem fortwirkenden Christus zu verbinden und gleichzeitig wurde durch sie die empiristische und materialistische Wende der abendländischen Kultur vorbereitet, die mit dem Anbruch der Neuzeit begann.

Nun fand aber, wie Grosse in Anknüpfung an einen Vortrag Steiners vom 27. August 1924 in London ausführt, nicht nur jenes irdische Konzil in Konstantinopel statt, sondern gleichzeitig im Himmel ein anderes Konzil, dessen Gegenbild jenes irdische war. In jenem himmlischen Konzil begegneten sich der verstorbene Harun al-Raschid und sein Ratgeber auf der einen Seite und Aristoteles und Alexander der Große auf der anderen. Während Harun al-Raschid und sein Ratgeber, die in ihrem vergangenen Erdenleben den Aristotelismus als Muslime in sich aufgenommen hatten, das Christentum ablehnten, strebten Aristoteles und Alexander, die das Christus-Ereignis nach ihrem Tod aus himmlischer Perspektive miterlebt hatten, danach, diesen Aristotelismus zu verchristlichen. Die Begegnung Harun al-Raschids mit Aristoteles und Alexander führte zu keiner Vermittlung dieses Gegensatzes, sondern vielmehr im ersteren, der sich als Baco von Verulam im Jahr 1561 wieder verkörperte, zu einem »wahren Furor in der Bekämpfung des Aristotelismus« (Steiner), der ihn zu einem der Begründer des neuzeitlichen Empirismus und Materialismus werden ließ. Aristoteles hingegen –  hier müssen wir hinzudenken, dass Grosse diesen mit Rudolf Steiner identifiziert – trat sein neues Erdenleben 1861 mit dem Vorsatz an, seine eigene frühere Philosophie zu verchristlichen und damit dem Abendland wieder einen Weg zu jener Mysterienerkenntnis zurück zu bahnen, von der er sich in seiner griechischen Inkarnation verabschiedet hatte.

Nun fügt aber Grosse noch einen weiteren für ihn wichtigsten Gesichtspunkt hinzu, den er ebenfalls dem Londoner Vortrag vom 27. August 1924 entnimmt. Während sich nämlich jene beiden Konzile, das himmlische und das irdische abspielten, ereignete sich gleichzeitig, im Jahr 869, laut Steiner ein weiteres geistiges Geschehnis: die Begegnung der Artus- mit der Gralsströmung. Die (westliche) Artusströmung, deren Entstehung in die vorchristliche Zeit zurückreicht, war mit dem kosmischen Christus verbunden, die (östliche) Gralsströmung mit dem irdisch gewordenen Christus, der in die Herzen der Menschen eingedrungen war. Diese beiden Strömungen begegneten und durchdrangen sich im 9. Jahrhundert und in dieser Durchdringung kam es zu einer Begegnung des Christus, der sich in die Herzen der Menschen eingesenkt hatte, mit seinem eigenen kosmischen Bild. Steiner wörtlich: »Die Begegnung des Christus mit sich selbst, des Christus als Bruder des Menschen [Gralsströmung] und des Christus als Sonnenhelden [Artusströmung], der nur noch im Bilde vorhanden ist, diese Begegnung, dieses Zusammenfließen des Christus mit seinem eigenen Bilde findet statt im 9. Jahrhundert«.

Grosse kommentiert diese Ausführungen Steiners mit der Bemerkung: »Man hat mit seinem Gegenwartsbewusstsein vielleicht noch gar nicht genug aufnehmen können, was Rudolf Steiner damit ausgesprochen hat, und was diese Tatsache in der Nachfolge des Mysteriums von Golgatha bedeutet. Man wird aber doch mehr und mehr darauf aufmerksam werden müssen, dass sich an dieser Stelle etwas verbirgt, was nach einer gründlichen Geistesforschung ruft«.[12]

Er dürfte als Ergebnis einer solchen »gründlichen Geistesforschung« aufgefasst haben, was er später über das »Fortwähren der Weihnachtstagung« schreibt: »Mit dem Nicht-Enden [der Weihnachtstagung] ist aber ebenso das Andauern im Zeitenstrom verknüpft, das dem geistigen Leben wie ein Ätherleib innewohnt. Damit ist ein Geheimnis angetönt, das in dem Prinzip des höheren Lebensgeistes verborgen liegt. Etwas davon wird einem näher kommen, wenn sich das Suchen dem himmlischen Konzil des Jahres 869 zuwendet, um dort die Quelle zu finden, die jenes geistige Fortwähren als Lebensprinzip in sich enthält«.[13]

Und worin besteht dieses »Geheimnis«? »Wenn man den Bogen des geschichtlichen Zusammenhanges von 869«, so Grosse, »herüberführt in das heutige Wirken Michaels im 20. Jahrhundert bis zur Weihnachtstagung hin, dann muss man die neue Christusvereinigung zwischen seiner auf Erden wirkenden Ich-Geistselbst-Wesenheit mit dem im Umkreis der Erde strahlenden Lebensgeist als zentrales Ereignis für die Zeitenwende von 1923 verstehen«.[14] Was ist damit gemeint? Damit kann eigentlich nur gemeint sein, dass die Anthroposophische Gesellschaft, die bei der Weihnachtstagung, jenem »Konzil zu Dornach« »als Gefäß der Bewegung« »ihre Weihe erhalten« hat[15], zum Träger einer »noch gar nicht zu überblickenden und unfassbaren Steigerung oder Verdichtung des Christusimpulses«[16] geworden ist. Denn Steiner hat laut Grosse »den Finsternis-Impuls des Konzils von 869 überwunden, indem er« – durch die Enthüllung der Karmageheimnisse vor den Mitgliedern der Gesellschaft – »die Geistnatur der menschlichen Individualität unausrottbar im Menschen verankerte«[17]. Erst wenn all dies berücksichtigt wird, kann »die Tat Rudolf Steiners, unserer Kultur am Anfang des Michaelzeitalters [1879] den Karma- und Reinkarnationsgedanken zu bringen, in ihrer ungeheuren Größe sich enthüllen. Die Anthroposophie als konzentriertester Geistesstrom, in welchem sich um Christus und mit Michael die führenden Weltall-Wesen sammelten, war durch Rudolf Steiner dazu inauguriert worden, um jenen Kampf einzuleiten, der am Ende unseres Jahrhunderts die Menschheitskultur retten und befreien soll« [gemeint ist das Ende des 20. Jahrhunderts].[18]

Nachdem Steiner und mit ihm die Gesellschaft durch all diese Beschwörungen mit einer »ungeheuren« Bedeutung aufgeladen ist, kann man nachvollziehen, dass die Vorstellung, die mit der Gründung dieser Gesellschaft verfolgten Absichten könnten gescheitert sein oder ihr Begründer könnte sich von dieser Gesellschaft jemals abwenden, aus Grosses Sicht geradezu an Blasphemie grenzt. Dies führt uns zur vierten These.

4. Rudolf Steiner als der immerwährende Vorsitzende der Gesellschaft und Hochschule. Wenn Steiner »so nachdrücklich auf die Fortdauer der Weihnachtstagung« hinweise[19], dann drücke er damit den geistigen Tatbestand aus, dass er »als Führer in der Michaelherrschaft seine Aufgabe in dieser Geistesströmung mit denen, die dazugehören, fortsetzen« werde, »durchdrungen von den Strahlen der Christus-Sonne und jenem Geist, der als Michael das Antlitz Christi genannt wird«.[20] Von der Gloriole der Christus-Sonne umgeben und durchdrungen vom Erzengel Michael, bleibt Steiner, der in der Darstellung Grosses selbst zu einer Art Antlitz Christi geworden ist, »mit seinem hohen Geisteswerk verbunden und wir mit ihm, wenn wir verstehen, was es heißt: dass sein Name niemals von seinem Werk getrennt werden dürfe«.[21]

Daraus ergibt sich auch eine Antwort auf die Frage nach seinem »eventuellen Nachfolger«. Grosse bemüht sich im Kapitel, das sich mit dieser Frage beschäftigt, darum, einen »einseitigen Gedankengang« zurückzuweisen, der seiner Ansicht nach auf einem »paradoxen Materialismus« beruht. Dieser paradoxe Materialismus besteht seiner Auffassung nach darin, dass ausgerechnet Schüler Rudolf Steiners, die Gelegenheit genug hatten, das Mantram von der irreduziblen Realität des Geistes zu verinnerlichen, annehmen konnten, Steiner werde nach seinem Tod nicht fortexistieren – und nicht mit der von ihm gegründeten Gesellschaft als ihr »Führer« verbunden bleiben. Nun sind dies allerdings zwei verschiedene Dinge: wohl keiner seiner Schüler, auch Marie Steiner nicht, zweifelte an der Fortexistenz Steiners nach seinem Tod, aber Marie Steiner war realistisch genug, angesichts des Fortgangs der Gesellschaftsgeschichte das Versagen des von ihm eingesetzten Vorstandes einzugestehen, das im Kern darauf zurückzuführen war, dass dieser Vorstand die Verbindung zu seinem Geist nicht aufrecht zu erhalten vermochte.

Für Grosse hingegen steht fest, dass Steiner deswegen keinen Nachfolger ernannt hatte und ohne ein Wort des Abschieds, ohne Richtlinien oder Ratschläge zu hinterlassen gegangen war, weil er nicht wirklich »weggegangen« war. Er musste laut Grosse keinen Nachfolger ernennen, »weil er die Leitung der Hochschule in seine Hut genommen und sie nicht aufgegeben hatte, da er ja nicht ›gegangen› war«. »Rudolf Steiner hat sich von der Hochschule, von der Michaelschule, die eine rein geistige Institution ist, durch seinen Tod nicht getrennt. Wenn er mit irgend etwas verbunden geblieben ist, dann war es die Leitung der Hochschule!«[22]

»Die Gesellschaft als Gefäß der Anthroposophie und Träger der esoterisch-spirituellen Impulse der Weihnachtstagung ist der Ort geblieben, wo Rudolf Steiner seiner Geistes-Aufgabe gemäß mit seinem Werk schaffend verbunden bleibt. Wenn im 20. Jahrhundert der ätherische Christus durch die Menschheit geht, dann geht auch jener mit ihm, der die Weihnachtstagung im Geiste der Christus-Sonne als einen Welten-Zeitenwende-Anfang in unsere Welt hineingestellt hat«.[23] Die Anthroposophische Gesellschaft ist in Grosses Erzählung tatsächlich zum mystischen Leib Christi, zum mystischen Leib Rudolf Steiners geworden und hat damit die Nachfolge der katholischen Kirche angetreten.

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Anmerkungen:

[1] Grosse 1976 (1981), S. 129.

[2] Grosse 1976 (1981), S. 129.

[3] So erstmals in einem Kölner Vortrag am 18.12.1913, in GA 148, S. 314: »Und was ist eigentlich im Grunde genommen das Erkennen des Mysteriums von Golgatha noch außer dem, dass man darin das Mittelpunktsereignis der Erde erkennen kann?«

[4] Ulm, 22.07.1919, GA 333, S. 59: »Im ersten Drittel des griechisch-lateinischen Zeitalters spielt sich dasjenige ab, was wie das Mittelpunktereignis der ganzen menschheitlichen Erdenentwicklung ist«.

[5] Heidelberg, 27.01.1910, GA 118, S. 46: »Spurlos vorübergegangen ist an einer großen Anzahl von Menschen das bedeutendste Ereignis nicht nur jener Zeit, sondern der ganzen Menschheitsentwicklung«. Nürnberg, 13.03.1915, GA 159, S. 113: »In der vierten Kulturperiode ging als das bedeutendste Ereignis der ganzen Erdenentwicklung der Impuls des Mysteriums von Golgatha auf«.

[6] Dornach, 01.01.1924, GA 260, S. 281.

[7] Dornach, 01.01.1924, GA 260, S. 83 f.

[8] An die Zusammensetzung dieser Personengruppe ließen sich vielschichtige Überlegungen anknüpfen. Sie bestand aus dem »Baumeister« Carl Schmid-Curtius, dem »Verwaltungsrat des Johannesbau-Vereins«: Sophie Stinde, Emil Grosheintz, Hermann Linde, Felix Peipers, Pauline Gräfin von Kalckreuth, Carl Unger, Marika Baronin von Gumppenberg, Lucie Bürgi, Marie Schieb, Marie Hirter-Weber sowie Rudolf Steiner und Marie von Sivers. Nelly Grosheintz-Laval, eine Augenzeugin, veröffentlichte 1953 in den »Mitteilungen aus der Anthroposophischen Arbeit in Deutschland«, Michaeli, Nr. 25 von diesem Abend. Der lesenswerte Bericht ist in Grosse 1976 (1981), S. 27-32 abgedruckt, ebenso die von Steiner gehaltene und von Fritz Edelmann aufgezeichnete Ansprache, die in GA 268, S. 344 ff nur teilweise publiziert ist, siehe Grosse 1976 (1981), S. 32-42.

[9] Es Deo nascimur. In Christo morimur. Per spiritum sanctum reviviscimus.

[10] Das grandiose Gebet, das Steiner am 20. September 1913 mitteilte, soll Jesus in seinem 24. Lebensjahr wie ein Echo der Uroffenbarung vernommen haben, die dem Heidentum zuteil geworden war (Oslo, 5.10.1913, GA148 und passim). Es lautet: »AUM / Es walten die Übel / Zeugen sich lösender Ichheit / Von andern erschuldete Selbstheitschuld / Erlebet im täglichen Brote / In dem nicht waltet der Götter Wille / Da der Mensch sich schied von Eurem Reich / Und vergaß Euren Namen / Ihr Väter in den Himmeln«.

[11] Grosse 1976 (1981), S. 26.

[12] Grosse 1976 (1981), S. 108.

[13] Grosse 1976 (1981), S. 134.

[14] Grosse 1976 (1981), S. 135.

[15] Grosse 1976 (1981), S. 130, 131.

[16] Grosse 1976 (1981), S. 108.

[17] Grosse 1976 (1981), S. 136.

[18] Grosse 1976 (1981), S. 137.

[19] Tatsächlich weist Steiner nicht auf die »Fortdauer« dieser Tagung »als Tatbestand« hin, sondern auf die Notwendigkeit das von ihr Beabsichtigte tatkräftig zu verwirklichen. Das Fortwirken der Tagung ist kein fait accompli, sondern eine Eventualität.

[20] Grosse 1976 (1981), S. 130.

[21] Grosse 1976 (1981), S. 137.

[22] Grosse 1976 (1981), S. 146, 147.

[23] Grosse 1976 (1981), S. 149.

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