1976 | Postume Rehabilitation – Ita Wegman und die Menschheitsaufgabe Rudolf Steiners

Text: Rudolf Steiner 1923

Die zweite epochale Publikation, die im Jahr 1976 erschien, war das Buch des Ehepaars Kirchner-Bockholt »Die Menschheitsaufgabe Rudolf Steiners und Ita Wegman«. Dieses Buch ist in zweierlei Hinsicht bedeutsam: es wirft ein bemerkenswertes Licht auf die Art und Weise, wie Steiner mit den Ergebnissen seiner Geistesforschung umging und es rollt einen Themenkomplex neu auf, der bereits 1926 eine fatale Rolle in den Gesellschaftskonflikten gespielt hatte (siehe: 1926-1927 | Alexanderlegende und ein Zirkel von Spiritisten). Zentrales Thema des Buches ist die Reinkarnationsreihe zweier »geistiger Individualitäten«, die in Gestalt Rudolf Steiners und Ita Wegmans zu Beginn des 20. Jahrhunderts erneut zu gemeinsamem Wirken zusammengefunden hatten.

Im Gegensatz zu den versteckten und offenen Auseinandersetzungen im ersten Jahrzehnt nach Steiners Tod, die von »Gerüchten« und »Spekulationen« beherrscht waren, enthält dieses Buch keinerlei Spekulationen, sondern stützt sich auf schriftliche Dokumente aus der Hand des Geistesforschers – in einem Fall auch auf mündliche Tradition (Sigune und Schionatulander). Erstmals wurden damit Belege veröffentlicht, die jene von Steiner bereits 1910/11 teilweise angesprochenen Reinkarnationsreihen[1] bis ins 20. Jahrhundert fortführten und bestätigten, was in den 1920er und 30er Jahren nur in Form von »Legenden« in der Gesellschaftsöffentlichkeit kursierte bzw. konfligierte[2]. Unterstellt man nicht, Steiners diesbezügliche Forschungen seien nichts als »Spekulationen« – was sich empirisch nicht beweisen lässt und seinerseits nichts als Spekulation ist – , und unterliegt man nicht dem akademischen Reflex, diese Publikation als »hagiografische Literatur« oder dergleichen abzutun, wird man sie als eine dokumenten- und faktengestützte historische Untersuchung anerkennen müssen.

Wie schon weiter oben im Zusammenhang mit Steins Aufsatz über das »Haager Gespräch« bemerkt wurde (1975 | Rudolf Steiners eigentliche Aufgabe) gehörte es zu Steiners Aufgaben, der abendländisch-christlichen Esoterik die Erkenntnis von Reinkarnation und Karma hinzuzufügen. Walter Johannes Stein ist nicht die einzige Quelle für diese These, vielmehr wies Steiner selbst wiederholt darauf hin – auch wenn diese Hinweise nicht so interpretiert werden können, dass durch sie die frühere Arbeit entwertet worden wäre. So führte er beispielsweise vier Monate nach der Weihnachtstagung in einem Berner Vortrag aus, er habe bereits zu Beginn seiner Tätigkeit in der Theosophischen Gesellschaft 1902 »praktische Karma-Übungen« angekündigt.[3] Die Durchführung dieser Übungen sei aber durch den starken Widerstand in der damaligen Theosophischen Gesellschaft verhindert worden. Nun aber, nach der Weihnachtstagung, sollte die 1902 beabsichtigte Arbeit endlich in Angriff genommen werden: »Ich wollte damals dasjenige einleiten, was jetzt geschehen soll. Ich will Ernst machen mit der Betrachtung des Karma.

Dazumal waren in der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft einzelne ältere Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft; die fingen an förmlich zu beben davor, dass ich die Absicht hätte, in einer so esoterischen Weise anzufangen … Man konnte konstatieren, wie wenig vorbereitet die Seelen für so etwas waren. Es konnte in der Form, wie es damals beabsichtigt war, das Thema ›Praktische Karma-Übungen‹ überhaupt nicht zur Geltung kommen. Die Verhältnisse machten es dazumal notwendig, dass eigentlich in einer viel exoterischeren Weise gesprochen wurde, als es damals beabsichtigt war. Aber es muss einmal mit dem wirklichen Esoterischen begonnen werden, nachdem mehr als zwei Jahrzehnte vorbereitender Arbeit geschehen ist. [kursiv L.R.] So konnte die Weihnachtstagung in Dornach stattfinden, wo das Esoterische in die Gesellschaft hineinkam, und so kann eigentlich jetzt dort angeknüpft werden, wo damals beabsichtigt war, diesen esoterischen Zug in die Gesellschaft hineinzutragen«. Nach dieser historischen Parenthese ging Steiner im nächsten Satz mit der Frage: »Geschichtliche Entwickelung der Menschheit, was ist sie eigentlich, wenn wir hinschauen auf dasjenige, was sich enthüllt für den Menschen als wiederholte Erdenleben?« zu eben dieser »wirklich esoterischen« Behandlung seines Gegenstandes über.

Das Thema »Reinkarnation und Karma« tauchte trotz des Widerstandes in der Theosophischen Gesellschaft ab 1902 ständig in Steiners Publikationen auf, auch wenn es von ihm, wie er 1924 sagte, in einer »viel exoterischeren Weise« als beabsichtigt behandelt werden musste. Bereits im »Christentum als mystische Tatsache …« ist davon die Rede, die Theosophie widmet ihm 1904 ein ganzes Kapitel und auch in der »Geheimwissenschaft im Umriss« nimmt es einen prominenten Platz ein. Die erste Vortragsreihe, »Offenbarungen des Karma«, die ausschließlich dem Thema Reinkarnation und Karma gewidmet war, hielt er im Mai 1910 in Hamburg. Hier befasste er sich mit allgemeinen Gesetzmäßigkeiten des Schicksals und ihren Auswirkungen auf Gesundheit und Krankheit.

Im Unterschied zu seinen Hamburger Vorträgen wandte er sich in seinen Stuttgarter Vorträgen über »Okkulte Geschichte« Ende Dezember 1910 in einer für manche Zuhörer vermutlich schockierenden Konkretheit einzelnen historischen Persönlichkeiten zu. Damit knüpfte er zwar an Forschungsmotive an, die bereits 1909 seine Vorträge über »spirituelle Ökonomie« und die Evangelienvorträge von 1909 und 1910 bestimmt hatten. Was er dort über Jesus von Nazareth, Christus, Zarathustra, Hermes, Moses und andere ausgeführt hatte, betraf jedoch – ebenso wie das Christentum – die gesamte Menschheit und konnte von seinen Zuhörern als allgemein religionsgeschichtliche Betrachtung aufgefasst werden. Nun aber, in der »Okkulten Geschichte« traten ehemalige historische Persönlichkeiten in den Mittelpunkt der Darstellung, die ja teilweise im Publikum saßen, dem zum größten Teil nicht bewusst gewesen sein dürfte, über wen Steiner da eigentlich redete.[4]

Steiner war sich des mit diesen Enthüllungen verbundenen Wagnisses durchaus bewusst, sagte er doch einleitend in seinem ersten Stuttgarter Vortrag: »In der Geisteswissenschaft verhält es sich so, dass … die Erkenntnisse um so schwieriger werden, je weiter man von allgemeinen Verhältnissen heruntersteigt zu besonderen konkreten Einzelheiten … Man steigt von Dingen, über welche das menschliche Herz noch dies oder jenes Unwahrscheinliche verhältnismäßig leicht hinnimmt, in Gebiete hinab voll von Unwahrscheinlichkeiten, sobald man heruntersteigt … von den großen Weltgesetzen zur geistigen Natur einer einzelnen Individualität, einer einzelnen Persönlichkeit. Und bei noch nicht genügend vorbereiteten Menschen beginnt in der Regel an diesem Abgrund zwischen den allgemeinen und besonderen Wahrheiten die Ungläubigkeit«.[5]

In der Folge kam er auf Gilgamesch und Eabani und die »Schattenbilder« oder »Spiegelungen« dieser mythischen, aber zugleich realen, historischen Gestalten in Alexander dem Großen und Aristoteles zu sprechen.[6] So wie Gilgamesch durch Eabani belehrt worden war, belehrte später Aristoteles den jungen Alexander. Von Eabani lernte Gilgamesch die Rückschau in frühere Inkarnationen, von Aristoteles wurden Alexander weitausgreifende philosophische und kulturgeschichtliche Perspektiven vermittelt, die ihn zu seinem Zug in den Orient motivierten, der die aristotelische Synthese der griechischen Philosophie in Kleinasien und Nordafrika verbreitete und die Grundlage für die Entstehung des hellenistischen Zeitalters schuf – »wenn auch in einer Art, die sich in gewisser Beziehung nicht rechtfertigen lässt«, wie es im 6. Vortrag am 1. Januar 1911 heißt.[7] In diesem Zusammenhang ist auch vom Artemistempel in Ephesus die Rede, der aufgrund der Tat eines Wahnsinnigen in jener Nacht niederbrannte, in der Alexander geboren wurde. Dieses Motiv wurde durch den Brand des ersten Goetheanum in der Sylvesternacht 1922 schlagartig in ein neues Licht gerückt.

Im selben Vortrag kommt Steiner auch auf jenen keltischen Druidenschüler zu sprechen, der später zu einer »wunderbaren Persönlichkeit« in den orphischen Mysterien und zum Lehrer des Pherekydes von Syros wurde, um als Tochter des Mathematikers Theon, als Hypatia, in Alexandrien wiedergeboren und hier vom christlichen Mob zerstückelt zu werden. Im dritten Vortrag, am 29. Dezember, begegnet uns jene Individualität, die in Hypatia inkarniert war und in Alexandrien die orphische Weisheit »persönlich« werden ließ, an der Wende des 12. zum 13. Jahrhundert als »umfassender universeller Geist« wieder, dessen Aufgabe es war, die göttliche Weisheit, die in Hypatia persönlich geworden war, wieder »zum Göttlich-Geistigen hinaufzutragen«. Auch wenn Steiner den Namen dieses »universellen Geistes« nicht nennt, ist in ihm doch unschwer Albertus Magnus, der Lehrer Thomas von Aquins, zu erkennen. Soweit die Darstellungen 1910.

Ende Dezember 1923, in der Vortragsreihe über die »Weltgeschichte in anthroposophischer Beleuchtung« während der Weihnachtstagung, rückten Aristoteles und Alexander erneut in den Mittelpunkt der Betrachtung.[8] Der dritte Vortrag dieser Reihe behandelte Gilgamesch und Eabani, der vierte sowie der fünfte Aristoteles und Alexander, der sechste ging auf die Wirkungsgeschichte des Aristotelismus ein und der achte beleuchtete den Brand des Artemistempels in Ephesus und den Brand des Goetheanum.

Im Januar 1924 und in den verbleibenden Monaten bis zu Steiners Erkrankung am 28. September 1924 wurden diese Darstellungen in dichter Folge an unterschiedlichen Orten fortgeführt und erweitert. In den Vorträgen über die »karmischen Zusammenhänge der anthroposophischen Bewegung« im Sommer 1924, wurden die geistesgeschichtlichen Motive der letzten Regentschaft Michaels zur Alexanderzeit, des Übergangs der kosmischen Intelligenz in den Menschen seit dem 9. Jahrhundert, der Begegnung der Platoniker, die in der Schule von Chartres wirkten und der dominikanischen Aristoteliker im 13. Jahrhundert, der übersinnlichen Michaelsschule im 15. Jahrhundert und des kosmischen Kultus im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts als karmische Vorgeschichte der Anthroposophischen Gesellschaft bzw. Bewegung erzählt und damit auf die konkreten Menschen bezogen, die die aktuelle Zuhörerschaft bildeten, aber auch auf alle anderen, die der Gesellschaft angehörten, jedoch zu diesem Zeitpunkt nicht anwesend waren.[9]

Allerdings zog Steiner auch hier nirgends ausdrücklich (öffentlich) Verbindungslinien zu bestimmten Anwesenden, sondern beschränkte sich auf allgemeine Andeutungen und überließ es den Zuhörern, in welchen der von ihm beschriebenen geistigen Strömungen und Gruppierungen sie sich selbst wiederfanden. Die Intention seiner Ausführungen machte er im dritten Vortrag dieser Reihe deutlich: »Hier sitzt eine Anzahl von Menschen, ein Ausschnitt von dem, was man die Anthroposophische Gesellschaft nennt …, es gehört schon zum Schicksal des Menschen … seinen Weg in die Anthroposophische Gesellschaft gefunden zu haben … Deshalb kann es … begreiflich sein, dass mit jenen Verantwortlichkeiten, die sich ergeben aus der Weihnachtstagung …, nun auch damit begonnen wird, etwas über das Karma der Anthroposophischen Gesellschaft zu sprechen … es ist, wenn die Weihnachtstagung ernst genommen wird, … der Zeitpunkt da, wo von gewissen Dingen der Schleier … hinweggezogen werden darf.«[10] Dieser »Schleier vor gewissen Dingen« wurde von Steiner nicht hinweggezogen, um eine müßige Neugier zu befriedigen oder um der persönlichen Eitelkeit seiner Zuhörer zu schmeicheln, sondern um in ihnen das Bewusstsein ihrer Aufgabe als Angehöriger der anthroposophischen Bewegung zu wecken.

Und diese Aufgabe war groß genug. Denn die Zeit war gekommen, da die Lehrer der Schule von Chartres und die mit ihnen verbündeten Aristoteliker zusammenwirken sollten, um ein neues spirituelles Zeitalter auf Erden zu begründen.[11] Die Zeit war mit dem Anbruch des neuen Michael-Zeitalters (1879) gekommen, die im vorangegangenen Gabriel-Zeitalter entstandenen nationalen Egoismen endgültig zu überwinden: »In unserem Michael-Zeitalter werden sie [diese nationalen Egoismen] im Laufe von drei Jahrhunderten vollständig überwunden sein«.[12] Ein »kosmopolitischer Zug« sollte die Menschheit ergreifen, um den drohenden Untergang der Zivilisation, den endgültigen Absturz in die Barbarei zu verhindern, der zehn Jahre später tatsächlich eintrat.

Von diesem Absturz der Zivilisation in den Abgrund der Barbarei hatte Steiner bereits in seinen weltgeschichtlichen Betrachtungen während der Weihnachtstagung gesprochen. Hier brachte er die bevorstehenden historischen Kataklysmen nicht mit der Fortdauer des Nationalismus, sondern mit einer anderen Erscheinungsform der Bewusstseinsverfinsterung in Zusammenhang: dem Materialismus. Über den Anbruch des Michaelzeitalters bemerkte er am 28. Dezember 1923: »Es kam jenes Zeitalter, wo der Mensch, wenn er bleiben will beim alten Materialismus – und ein großer Teil der Menschheit will zunächst dabei bleiben – dann aber in furchtbare Abgründe hineinkommen wird. Der Mensch, wenn er bleiben will beim alten Materialismus, kommt unbedingt ins Untermenschliche hinein, kann sich nicht auf der menschlichen Höhe erhalten«.[13] Nationalismus und Materialismus sind aus Steiners Sicht, ebenso wie der Rassismus, der zu dieser Zeit wie eine ansteckende Krankheit grassierte, auf die Inspirationen der Geister der Finsternis, der »Scharen Ahrimans« zurückzuführen.[14] Das einzige wirksame Therapeutikum gegen diese verderbliche Krankheit ist das Licht, das vom »feurigen Gedankenfürsten des Weltalls«, dem Hüter der Freiheit, dem Erzengel Michael, in die Seele des Menschen herabstrahlt und ihn nicht nur mit dem Bewusstsein seiner Freiheit erfüllt, sondern auch mit jener Liebe zu seinen Mitmenschen, die keinerlei »unwertes« Leben kennt.

Die weitausgreifenden Erzählungen über die Schicksale der kosmischen Intelligenz und ihre Gefährdung durch Ahriman, den großen Gegenspieler Michaels, die Steiner in seinen Karmabetrachtungen vortrug, eröffneten eine Perspektive, die das ganze 20. Jahrhundert umfasste, denn auch der Schleier der Zukunft wurde von ihm weggezogen: »Der Anthroposoph«, so führte er am 28. Juli 1924 aus, »sollte sich klar darüber sein, wie er berufen ist, schon jetzt vorzubereiten, was immer mehr und mehr als Spiritualität sich ausbreiten soll, bis die Kulmination kommen wird, wo die wahren Anthroposophen wieder dabei sein werden … am Ende des 20. Jahrhunderts … Denn geschrieben steht über uns mit übersinnlichen Lettern: Werdet euch bewusst, dass ihr ja wiederkommen werdet vor dem Ende des 20. Jahrhunderts und am Ende dieses 20. Jahrhunderts, das ihr aber vorbereitet habt!«[15] Erneut kam Steiner am 8. August 1924 auf diese »spirituelle Kulmination« zu sprechen: »Diejenigen, die heute … den Drang fühlen, in das anthroposophische Leben hineinzukommen, sie werden mit dem Ablauf des 20. Jahrhunderts wiederum berufen, um an dem Kulminationspunkte die größtmögliche Ausbreitung der anthroposophischen Bewegung zu erreichen«.[16] Dieser Kulminationspunkt der anthroposophischen Bewegung sollte durch das Zusammenwirken der Platoniker und Aristoteliker erreicht werden, die sich unter dem spirituellen Banner Michaels vereinten.

Die Publikation des Ehepaars Kirchner-Bockholt ist nicht nur im Zusammenhang mit dem 100. Geburtstag Ita Wegmans zu sehen, sondern auch im Kontext dieser spirituellen Geschichtserzählung Steiners, die einen zentralen Baustein des Selbstverständnisses der Anthroposophenschaft darstellte und teilweise noch heute darstellt. Als Mitglied des Gründungsvorstands der Gesellschaft und enge Mitarbeiterin Rudolf Steiners, die 1935 von der Gesellschaft ausgestoßen worden war, wurde Ita Wegman durch diese Publikation in umfassender Weise rehabilitiert. Das Licht, das auf ihre in die graue Vorzeit der Geschichte zurückreichende Beziehung zur Individualität Rudolf Steiners geworfen wurde, beleuchtete auch die Geschichte der Gesellschaft und das Schicksal der mit ihr verbundenen Menschen. Man stelle sich Thomas von Aquin zwischen seinem Lehrer Albertus Magnus und seinem Schüler und treuen Gefährten Reginald von Piperno vor, die am Dornacher Hügel um die Asche ihres Ehemanns und Geisteslehrers streiten!

Zu Recht bemerkten die Autoren in ihrem Vorwort: »Was bisher über Ita Wegman veröffentlicht wurde, gibt eigentlich keinen rechten Eindruck von der historischen Bedeutung ihrer Individualität im Zusammenhang mit den Menschheitsaufgaben Rudolf Steiners«.[17] Sie weisen aber auch darauf hin, dass Steiner in seinen Vorträgen, in denen er eigentlich über sein gemeinsames Schicksal mit Ita Wegman sprach, das Jahrtausende und eine Reihe von Inkarnationen umspannte, diesen Zusammenhang nie explizit hergestellt hatte: »Dass diese Reihe in der Gegenwart ihren Fortgang findet und die beiden Persönlichkeiten mit uns lebten, wird in den Vorträgen nicht ausgesprochen. Das wurde im Jahre 1923 Ita Wegman während der Sommerschule in England (Penmaenmawr) durch Rudolf Steiner anvertraut«.[18] Ja, nicht nur in seinen Vorträgen hielt sich Steiner mit konkreten Enthüllungen zurück, sondern auch im privaten Rahmen ging er nicht mit seinen Einsichten hausieren. Vielmehr streute er Hinweise, um seine »Geistesschüler auf die Bahn ihrer Entwicklung zu bringen«, zu der auch die Erkenntnis ihrer karmischen Vorgeschichte gehörte. Wenig Sinn hätte es gehabt, sie unvorbereitet mit solchen Erkenntnissen zu konfrontieren. »Nur selten«, schreiben Kirchner-Bockholts, »sprach [Stein]er zu Menschen über ihre früheren Erdenleben … manchmal, wenn Mitglieder ihren siebzigsten Geburtstag erlebten, teilte er ihnen einiges davon mit«.[19] Ita Wegman war demgegenüber eine Ausnahme. Die Eröffnungen an sie fanden in ihrem 47. Lebensjahr statt. »Im Jahr 1922, nach dem Brand des ersten Goetheanum«, so Kirchner-Bockholts, »stiegen wohl in ihr Erinnerungen an Ephesus auf; diese ließen ihre Seele so reifen, dass sie Fragen über altes und neues Mysterienwesen an Rudolf Steiner heranbrachte, die es ihm ermöglichten, über karmisch Erlebtes, das auch mit Ephesus verbunden war, zu ihr zu sprechen«.[20]

Von der vielschichtigen Konstellation zwischen diesen beiden Individualitäten spricht ein mantraartiger Text, den Steiner vermutlich während der Weihnachtstagung 1923/24 für Wegman verfasste, der als Faksimile im hier besprochenen Buch abgedruckt ist. Er möge dieses Kapitel beschließen.

Ich frage am Tigris
Es nickt freundlich »Ja«
Ich frage zu Ephesus
Es nickt freundlich »Ja«
Ich frage bei den Kabiren
Es nickt freundlich »Ja«
Ich frage am Odilienhügel
Es nickt freundlich »Ja«
Ich frage in der Klosterzelle
Es nickt freundlich »Ja«.
Und am Dornacher Hügel
Da muss noch mutvoll
Die Seele sich finden
Dass sie erkenne, wie
Geistessonne schattenlos
Echte Morgenröte
Um Rosenkreuzersterne
Webt.[21]

Über eine öffentliche Resonanz auf das Buch der Kirchner-Bockholts ist mir nichts bekannt. Die Art seiner Publikation verhinderte, dass es irgendwo rezensiert werden konnte. Umso größer dürfte indessen seine Tiefenwirkung in der Anthroposophischen Gesellschaft gewesen sein.

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Anmerkungen:

[1] Rudolf Steiner, Okkulte Geschichte. Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge von Persönlichkeiten und Ereignissen der Weltgeschichte, Stuttgart 27.12.1910-1.01.1911, GA 126.

[2] Siehe S. 80.

[3] Am 16.04.1924 in Bern, GA 240, S. 40 f.

[4] Marie von Sivers gehörte zu den Zuhörern dieser Vorträge, über eine Teilnahme Ita Wegmans ist nichts bekannt, sie wird sich zu dieser Zeit in Zürich aufgehalten haben. Marie von Sivers dürfte zum Zeitpunkt dieser Vorträge ihr Bezug zu Albertus Magnus und Thomas von Aquin bekannt gewesen sein. Steiner und Marie von Sivers weilten Ende September 1904 zu Vorträgen Annie Besants in Köln. Laut Berthold Peipers musste Marie von Sivers jedes Mal, wenn sie sich in dieser Stadt aufhielten, Steiner zum Sarkophag des Albertus Magnus in der St. Andreas-Kirche begleiten, was ab 1903 regelmäßig der Fall war. Durch einen Brief von Mathilde Scholl vom 27.09.1904 ist bezeugt, dass sie von Marie von Sivers über Thomas von Aquin und Rudolf Steiner aufgeklärt worden war: »Es ist mir sehr lieb zu wissen, was sie mir über … den Doctor angelicus sagten …« schrieb Scholl (Meffert, Mathilde Scholl, 1991, S. 119). Helene Röchling, die Leiterin des Mannheimer Zweiges berichtet von einem solchen Besuch am Sarkophag des Albertus Magnus 1911 oder 1912, bei dem Steiner Marie von Sivers gefragt haben soll, ob sie sich noch an die Zeit ihres damaligen Zusammenwirkens erinnere. Als Marie von Sivers antwortete: »Nur undeutlich«, soll Steiner erwidert haben: »Aber damals waren Sie doch mein Lehrer!« (Meffert, 1991, S. 123, 126). – Diese Erzählung setzt bei Marie von Sivers ein bereits vorhandenes Wissen über den Zusammenhang zwischen den genannten Inkarnationen voraus, da sie kaum so wortkarg reagiert haben dürfte, wenn sie das erste Mal mit diesem Forschungsergebnis konfrontiert worden wäre. Die Besonderheit dieser Unterhaltung besteht darin, dass sie vor einer Zeugin stattfand.

[5] GA 160, S. 9.

[6] In seinem Vortrag am 27. Dezember 1923 (!) während der Weihnachtstagung sprach Steiner übrigens gleichfalls über Aristoteles und Alexander. Zu Beginn seines Vortrags am 26. Dezember 1923 verwies er ausdrücklich auf die Stuttgarter Vortragsreihe: »Fast genau auf den Tag ist es, dass ich vor dreizehn Jahren in Stuttgart in einem Vortragszyklus, den ich auch gehalten habe zwischen Weihnachten und Neujahr, über dasselbe Thema sprach, zu dem auch dieser Vortragszyklus gehört«. Rudolf Steiner, Die Weltgeschichte in anthroposophischer Beleuchtung und als Grundlage der Erkenntnis des Menschengeistes, GA 233, S. 43.

[7] GA 126, S. 105.

[8] Rudolf Steiner, Die Weltgeschichte in anthroposophischer Beleuchtung und als Grundlage der Erkenntnis des Menschengeistes, Dornach 24.12.1923-1.01.1924, GA 233. Hier ergänzte Steiner zu Alexanders Motiven: »Alexander wollte, da Ephesus physisch an seinem Geburtstage zugrunde gegangen war, ein geistiges Ephesus begründen, das seine Sonnenstrahlen über Orient und Okzident ausstrahlen sollte«. GA 233, 28.12.1923, S. 95.

[9] Rudolf Steiner, Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge. Die karmischen Zusammenhänge der anthroposophischen Bewegung, Dornach 1.07.-8.08.1924, GA 237.

[10] GA 237, 6.07.1924, S. 49 ff.

[11] GA 237, 13.07.1924, S. 101-102.

[12] GA 237, 28.07.1924, S. 106-107.

[13] GA 233, 28.12.1923, S. 106.

[14] Siehe hierzu bereits die Vorträge, die Steiner im Herbst 1917 über den »Sturz der Geister der Finsternis« gehalten hat: GA 177 und 178, insbesondere der Vortrag vom 26.10.1917 in GA 177.

[15] GA 237, 28.07.1924, S. 118-119.

[16] GA 237, 8.08.1924, S. 178.

[17] Kirchner-Bockholt, Die Menschheitsaufgabe Rudolf Steiners und Ita Wegman, Dornach 1976, S. 7.

[18] Kirchner-Bockholt, S. 12. Ein Dokument aus der Hand Ita Wegmans, das diese Aussage belegt, wurde erst 1990 durch J.E. Zeylmans van Emmichoven in »Wer war Ita Wegman?« veröffentlicht, siehe Bd I, S. 318: »Einige Monate nach dem Brand [des ersten Goetheanum] wurden mir geoffenbart die karmischen Zusammenhänge die zw Dr und mir lagen … [In Penmaenmawr] Karma vollständig offenbart …«.

[19] Kirchner-Bockholt, S. 12.

[20] Kirchner-Bockholt, S. 12.

[21] Kirchner-Bockholt, S. 13-14. Die Reihe ist wie folgt aufzuschlüsseln: Tigris: Gilgamesch und Eabani; Ephesus: Artemysia – Kratylos; Kabiren (Samothrake): Alexander – Aristoteles; Odilienhügel: Sigune – Schionatulander; Klosterzelle: Reginald von Piperno – Thomas von Aquin; Dornacher Hügel: Ita Wegman – Rudolf Steiner.

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