Die Ringsteine der Weisheit – II – Seth

Zweites Kapitel: Die Weisheit der Aushauchung im Wort Seths.

Seth, ägyptisch

Darstellung des ägyptischen Seelenführers Seth bei der Einbalsamierung des Osiris

Wisse, dass die göttlichen Geschenke und Gnadengaben, die in der Welt des endlichen Seins – durch seine Diener oder andere – offenbar werden, von zweierlei Art sind: Geschenke des Wesens und Geschenke der Namen, ebenso wie es Geschenke gibt, die aufgrund einer Bitte nach etwas Bestimmten gegeben werden und solche, die aufgrund einer allgemeinen Bitte gegeben werden. Schließlich gibt es auch Geschenke, die ohne eine vorausgehende Bitte gegeben werden, die sowohl aus dem Wesen als auch aus den Namen hervorgehen können.

Ein Beispiel für eine bestimmte Bitte ist, wenn jemand sagt: »O Herr, gewähre mir dies oder das«, wodurch er etwas Bestimmtes erbittet und alles andere ausschließt. Ein Beispiel für eine allgemeine Bitte ist jemand, der sagt: »Gewähre mir etwas, von dem Du weißt, dass es meinen Bedürfnissen entspricht, mögen sie nun geistiger oder sinnlicher Art sein«.

Die Bittenden unterscheiden sich ebenfalls voneinander: Es gibt jene, die aufgrund ihrer angeborenen Ungeduld bitten, denn »der Mensch ist ein Geschöpf der Eilfertigkeit« (21,37), während andere bitten, weil sie wissen, dass es gewisse Dinge gibt, die – entsprechend der göttlichen Voraussicht – nicht erlangt werden können, solange man nicht um sie bittet. Ein solcher sagt zu sich selbst: »Vielleicht ist das, worum ich zu bitten gedenke, von solcher Beschaffenheit«. Seine Bitte nimmt daher Rücksicht auf die der göttlichen Seinsfülle innewohnenden Möglichkeiten. Er kann nicht wissen, was Gott weiß, und er kann seine seit Ewigkeiten bestehende Anlage zur Empfänglichkeit nicht kennen, denn es gehört zu den schwierigsten Aufgaben der Erkenntnis überhaupt, in jedem Augenblick seine eigene ewige Anlage zu kennen. Tatsächlich würden wir gar nicht bitten, wären wir nicht von unserer ewigen Anlage zur Empfänglichkeit inspiriert.

Jene, die Gottes gedenken, wissen gewöhnlich nichts von dieser Anlage und das Beste, was sie erlangen können, ist, sie in jenem Moment zu erkennen, in dem sie bitten oder das Geschenk erhalten. Dies deswegen, weil sie in ihrem Gedenken an Gott erkennen, was die höchste Wirklichkeit ihnen in diesem Augenblick gewährt und dass sie es nur erhalten, weil sie bereits dafür empfänglich sind. Es gibt solche, die ihre Anlage erkennen, indem sie erkennen, was sie empfangen und solche, die erkennen, was sie empfangen werden, weil sie ihre Anlage erkennen. Die letzteren besitzen eine vollständigere Erkenntnis ihrer ewigen Veranlagung.

Nun gibt es auch solche, die nicht aufgrund ihrer angeborenen Ungeduld oder aufgrund der Erkenntnis ihrer Möglichkeiten bitten, sondern allein deswegen, um Gottes Gebot zu erfüllen: »Bittet mich, ich will eure Bitte erhören« (40,60). Ein solcher ist Diener im wahren Sinn, denn in seiner Bitte gibt es keine Spur von Selbstsucht, da sein einziges Verlangen darin besteht, die Anweisung seines Herrn zu erfüllen. Wenn diese Verfassung auf seiner Seite eine Bitte erforderlich macht, dann bittet er um die Fähigkeit, seinen Dienst noch besser zu erfüllen, während er schweigt, wenn seine Verfassung ihm Schweigen und Verzicht nahelegt.

Hiob und andere wurden schwer geprüft, aber sie baten Gott nicht darum, seine Heimsuchung von ihnen zu nehmen. Zu einem späteren Zeitpunkt machte ihre Verfassung eine solche Bitte notwendig und Gott antwortete ihnen. Die Geschwindigkeit oder Verzögerung der Erfüllung einer Bitte hängt allein vom Ratschluss Gottes ab. Wenn eine Bitte genau im richtigen Augenblick ausgesprochen wird, erfolgt ihre Erfüllung umgehend, ist die Zeit aber noch nicht gekommen, entweder in diesem oder im nächsten Leben, dann wird die Erfüllung bis zum richtigen Zeitpunkt ausgesetzt. Damit ist die Gewährung des Erbetenen gemeint, nicht die göttliche Antwort, die stets lautet: »Ich bin nahe« (2, 186); daher denke gut über das Gesagte nach.

Was die Geschenke anbetrifft, die ohne jede Bitte gewährt werden, so meinte ich eine ausgesprochene Bitte, denn damit eine göttliche Handlung erfolgen kann, muss eine Bitte ausgesprochen werden, entweder in Form von Worten oder in Form einer Veranlagung.

Ebenso versteht man unter dem Lob Gottes in der Regel das gesprochene Lob, während das innere Lob durch deinen spirituellen Zustand bedingt ist, denn was dich dazu drängt, Gott zu loben, ist jenes Element deines Wesens, das dich an einen göttlichen Namen bindet, möge er nun seine Wirksamkeit in der Welt oder seine Transzendenz ausdrücken. Der Diener hat von seiner besonderen Anlage kein Bewusstsein, sondern nur von seinem spirituellen Zustand, von dem er weiß, dass er ihn drängt, denn das Wissen von der ewigen Anlage ist wie gesagt das am meisten Verborgene. Jene, die etwas empfangen, ohne zu bitten, bitten nur deswegen nicht, weil sie wissen, dass Gott immer schon im voraus weiß, worum sie bitten können. Sie sind bereit, jederzeit zu empfangen, was auch immer von ihm kommen möge und haben sich vollkommen von jenem Selbst, das sie von Gott trennt und seinen Wünschen befreit.

Unter den letzteren gibt es solche, die wissen, dass Gottes Wissen von ihnen und all ihren Zuständen dem entspricht, was sie in ihrer präexistenten Möglichkeit immer schon sind. Sie wissen, dass die höchste Wirklichkeit ihnen nur das zuteil werden lässt, was ihr verborgenes Wesen ihm zuteil werden lässt (da sie das sind, was er durch sie von sich selbst erkennt). Auf diese Weise erkennen sie die höchsten Gründe der vorausschauenden Erkenntnis, die Gott von ihnen besitzt. Unter den Menschen steht niemand höher als sie, denn sie haben das Geheimnis der göttlichen Vorausschau erfasst.

Unter dieser Gruppe gibt es zwei verschiedene Arten: jene, die eine allgemeine Erkenntnis besitzen und jene die ein spezifisches Wissen besitzen. Das letztere ist höher und vollständiger. Wer zur letzteren Gruppe gehört, weiß, was Gott über ihn weiß, entweder, weil Gott ihn darüber in Kenntnis setzt, was sein Wesen zur Erkenntnis seines Wesens in Gott beigetragen hat, oder weil Gott ihm eine Offenbarung all der Möglichkeiten seiner spirituellen Entwicklung offenbart hat. Diese Erkenntnis steht höher als das bloß allgemeine Wissen.

Jemand mit dieser spezifischen Selbsterkenntnis erkennt sich so, wie Gott ihn erkennt, da der Gegenstand der Erkenntnis in beiden Fällen derselbe ist. Wie auch immer, von seiner Geschöpflichkeit her gesehen, ist seine Erkenntnis nichts als eine göttliche Gnadengabe, ein einzelner Zustand aus einer Fülle von möglichen spirituellen Zuständen, die seinem Wesen mitgegeben sind. Der Empfänger einer solchen Offenbarung erkennt dies, wenn Gott ihm die Zustände zuteil werden lässt, die seinem Wesen der Möglichkeit nach innewohnen; denn ein Geschöpf vermag auf die Zustände seines eigenen Wesens, die Gott ihm zuteil werden lässt, indem sich eine geschaffene geistige Form auf es herabsenkt, nicht auf die gleiche Art zu blicken, wie die höchste Wirklichkeit auf die in ihr verborgenen Wesen blickt, die sich noch in ihrem Zustand des Nichtseins befinden, da sie vorerst formlose Eigenschaften seines Wesens sind.

Wenn wir all dies verstanden haben, dann dürfen wir sagen, dass die Ebenbürtigkeit in der Erkenntnis eine göttliche Gnadengabe darstellt, die für diesen Diener ausersehen ist. Darauf bezieht sich seine Aussage: »Wir wollen euch prüfen, bis wir diejenigen ausscheiden, die kämpfen und standhaft sind« (47,31), die eine spezifische Bedeutung hat, die sich sehr von jener unterscheidet, die jene in sie hineinlesen, die keinerlei direkte Erfahrung der göttlichen Geheimnisse besitzen. In bezug auf diesen Vers ist das Beste, das jemand, der keine unmittelbare Erfahrung Gottes besitzt, sagen kann, wenn er seine höchsten geistigen Möglichkeiten ausschöpft, dass die scheinbare Zeitlichkeit in Gottes Erkenntnis durch seine Abhängigkeit vom Geschöpf bedingt ist, wobei er seine Ausflucht in der Unterscheidung zwischen Gott und seiner Erkenntnis sucht, und die Abhängigkeit daher nur der Erkenntnis, aber nicht dem Wesen Gottes zuschreibt. Dadurch unterscheidet er sich vom wahren Erkenner Gottes, dem Empfänger seiner Offenbarung.

Was nun die göttlichen Geschenke anbetrifft, so haben wir bereits bemerkt, dass diese entweder aus seinem Wesen oder aus den göttlichen Namen stammen. Was die ersteren anbetrifft, so können sie nur aus einer göttlichen Selbstoffenbarung hervorgehen, die in einer solchen Form auftreten muss, dass sie der Wesensanlage des Empfängers einer solchen Offenbarung entspricht. Das heißt, der Empfänger sieht nichts anderes, als seine eigene geistige Form im Spiegel der höchsten Wirklichkeit. Er sieht nicht die höchste Wirklichkeit selbst, was nicht möglich ist, aber er weiß, dass er seine eigene wahre Form in ihm sehen kann. Wie im Falle eines Spiegels und des Betrachters sieht er die Form im Spiegel, aber nicht den Spiegel selbst, obwohl er weiß, dass er lediglich sein eigenes Bild und andere Bilder in ihm sieht. Gott gestaltet dieses Abbild so, dass der Empfänger der göttlichen Selbstoffenbarung erkennen kann, dass er nicht Gott selbst sieht. Die Analogie des Spiegels ist das beste Beispiel, durch das sich die Schau einer göttlichen Selbstoffenbarung erläutern lässt.

Versuch, wenn du in einen Spiegel blickst, den Spiegel selbst zu sehen und du wirst feststellen, dass du dazu nicht imstande bist. Dies ist so sehr der Fall, dass manche angenommen haben, das wahrgenommene Bild befinde sich zwischen dem Auge des Betrachters und dem Spiegel in der Schwebe. Mehr vermögen sie davon nicht zu erkennen. Die Sache verhält sich in der Tat so, wie wir gesagt und in den »Mekkanischen Offenbarungen«[1] erläutert haben. Wenn du das in deinem Geist erlebt hast, dann hast du das Höchste erlebt, das einem geschaffenen Geist möglich ist, versuche also nicht, weiter vorzudringen, denn es gibt nichts Höheres für dich, denn jenseits dieser Stufe, die du erreicht hast, gibt es nichts, außer das reine, unbestimmte, verborgene Absolute. In deinem Sehen deines wahren Selbstes ist er dein Spiegel und du bist sein Spiegel, in dem er seine Namen und ihre Bestimmungen sieht, die nichts anderes als er selbst sind. Die ganze Frage ist vielschichtig und vieldeutig.

Manche unter uns behaupten, zu ihrem Wissen gehöre das Nichtwissen und sie sagen mit Abu Bakr, zu begreifen, »dass man Gott nicht erkennen könne, sei die Erkenntnis Gottes«. Andere jedoch gibt es, die wissen, aber ihr Wissen nicht enthüllen, da es sie zum Schweigen veranlasst und nicht zu Bekenntnissen der Unwissenheit. Dies ist die höchste Erkenntnis Gottes, die allein das Siegel der Gesandten und das Siegel der Heiligen, der Freunde Gottes, besitzen.[2] Daher vermag keiner der Propheten und Gesandten sie zu erlangen, außer von der Nische des Siegels der Gesandten und keiner der Freunde Gottes, außer vom Siegel der Heiligen, so dass in Wahrheit keiner der Gesandten sie erlangen kann, außer durch das Siegel der Heiligen.[3]

Dies ist deswegen so, weil die Epoche der Gesandten und Propheten (unter einem Propheten verstehe ich den Verkünder eines Heiligen Gesetzes) zu ihrem Ende gekommen ist, während die Heiligkeit nie zu ihrem Ende kommt. Daher gelangen die Gesandten, die ja auch Freunde Gottes sind, zu ihrer Erkenntnis durch die Nische des Siegels der Heiligen, was um so mehr von jenen gilt, die einen geringeren Grad an Heiligkeit erlangt haben. Denn obzwar das Siegel der Heiligen das Gesetz befolgt, das vom Siegel der Gesandten gebracht wurde, vermindert das keineswegs seinen spirituellen Rang und es steht auch nicht zum Gesagten im Widerspruch, da er in einer Hinsicht unter dem Gesandten steht und in einer anderen über ihm. Was wir hier ausführen wird durch Vorkommnisse bestätigt, die wir aus der Geschichte unseres eigenen Glaubens kennen, denn Umars Urteil war besser (als das Mohammeds) im Hinblick auf die Behandlung der Gefangenen von Badr und ebenso in der Frage der Befruchtung der Palmen (Anspielungen auf Episoden des frühen Islam).

Jemand, der vollkommen ist, muss nicht in jeder Hinsicht und auf jeder Ebene überlegen sein, da Männer des Geistes nur durch ihre begnadete Gotteserkenntnis hervorragen, die ihr einziges Bestreben ist. Um die flüchtigen Erscheinungen der geschaffenen Welt kümmern sie sich nicht. Deshalb merk dir gut, was wir gesagt haben.

Der Prophet verglich die Aufgabe des Propheten mit einer Ziegelmauer, in der ein einziger Ziegelstein fehlt. Er selbst war dieser fehlende Stein. Wie auch immer: Während der Prophet das Fehlen des einen Steines sah, erkannte das Siegel der Heiligkeit, dass zwei Steine fehlten. Die Steine der Mauer bestanden aus Gold und Silber. Während er sich selbst die eine Lücke füllen sah, stellt das Siegel der Heiligen beide Steine dar und vervollständigt die Mauer. Der Grund, warum er beide Ziegelsteine sieht, ist der, dass er im Äußeren dem Gesetz des Siegels der Gesandten folgt, das der silberne Ziegelstein repräsentiert. In Wahrheit aber sieht er den Logos (al-amr) so, wie er ist, und mit Notwendigkeit sieht er ihn so, denn das ist innerlich gesehen der Ort für den goldenen Ziegelstein. Er schöpft seine Erkenntnis also aus derselben Quelle wie der Engel, der sie dem Gesandten offenbart. Wenn du meine Andeutungen verstehst, dann hast du eine höchst segensreiche Erkenntnis erlangt.

Jeder Prophet, von Adam bis zum letzten, schöpft sein geistiges Eigentum aus dem Siegel der Propheten (Mohammed), auch wenn dieses Siegel zeitlich als letztes in Erscheinung tritt, denn seiner geistigen Wirklichkeit nach hat er schon immer existiert. Der Prophet sagte: »Ich war Prophet als Adam sich noch zwischen dem Wasser und dem Lehm befand«, während andere Propheten erst bei ihrer Sendung zu solchen wurden. Im selben Sinne war das Siegel der Heiligen ein Freund Gottes, »als Adam sich noch zwischen dem Wasser und dem Lehm befand«, während andere Freunde Gottes erst zu solchen wurden, als sie alle erforderlichen göttlichen Eigenschaften erlangt hatten, denn Gott nennt sich selbst den »Freund, den Gepriesenen« (42, 28).

Das Siegel der Gesandten, der auch ein Freund Gottes ist, steht in derselben Beziehung zum Siegel der Heiligen wie die anderen Propheten und Gesandten zu ihm, weil er Heiliger, Gesandter und Prophet zugleich ist. Das Siegel der Heiligen ist der Freund Gottes, der spirituelle Erbe, jener, dessen Erkenntnis aus der Quelle stammt, der ein Bewusstsein aller Ebenen des Seins hat.

(Diese Heiligkeit kommt auch dem Siegel der Gesandten, Mohammed, dem ersten unter den Gesandten und dem Herrn der Menschen zu, da er es ist, der die Pforte der Fürbitte eröffnet hat. Sie ist ein ihm allein zustehendes Privileg, das keinem der übrigen Gesandten zuteil wurde. In dieser Funktion steht er sogar über den göttlichen Namen, weil der Barmherzige im Fall jener, die schwer geprüft werden, nicht dem Rächenden entgegenwirkt, es sei denn, es wird Fürbitte für sie eingelegt. Als Fürbitter hat Mohammed seinen ersten Rang erlangt. Wer diese unterschiedlichen Ebenen und Rangstufen versteht, wird keine Schwierigkeiten damit haben, zu begreifen, worum es hier geht). [4]

Die göttlichen Gnadengaben, die von den Namen Gottes herunterströmen, sind von zweierlei Art: reine Gnadengaben, wie die Gott wohlgefällige Freude, die am Tage der Auferstehung keinerlei Flecken hinterlässt und von Gott dem Barmherzigen gewährt wird, oder gemischte Gaben, wie die bittere Medizin, die Erleichterung bringt und ein Geschenk Gottes aus seiner Göttlichkeit ist, auch wenn er als solcher seine Geschenke immer durch die Vermittlung eines der Besitzer seiner Namen austeilt.

Manchmal gewährt Gott seinem Diener ein Geschenk im Namen des »Barmherzigen«, in diesem Fall ist das Geschenk frei von allem, was der Natur seines Dieners widerspricht oder ihn enttäuschen könnte. Manchmal gibt Gott in seinem Namen des »Umfassenden«, so dass die Wirkung allumfassend ist, während er ein anderes Mal in seinem Namen des »Weisen« gibt, um den besten Interessen seines Dieners zu dienen. Oder er gibt in seinem Namen des »Gunst Erweisenden«, wenn er eine unerbetene Gunst darbietet, so dass der Empfänger nicht verpflichtet ist, zu danken, oder irgendetwas zu tun, um die Gunst zu verdienen. Oder er gibt in seinem Namen des »Allmächtigen«, dann stimmt seine Handlung mit den Erfordernissen einer bestimmten Situation überein. Oder er gibt in seinem Namen des »Vergebenden«, dann berücksichtigt er die Situation oder den Zustand des Empfängers zu einer bestimmten Zeit. Wenn Strafe verdient wird, dann wird er seinen Diener unter diesem Namen vor ihr beschützen, und wenn keine Strafe verdient wird, dann beschützt er ihn vor einem Zustand, der Strafe nach sich ziehen könnte.

Auf diese Weise werden die Heiligen unter seinen Dienern vor der Sünde geschützt. Der Geber ist Gott als Hüter des Schatzes der Gnade, die er allein in einer vorherbestimmten Form durch den angemessenen Namen austeilt. »Er gibt jedem Geschöpf, das er geschaffen hat, das ihm Gebührende« (20,50) in seinem Namen der »Gerechte« und ähnlichen Eigenschaften.

Die Namen Gottes sind unzählbar, weil sie aus allem erkannt werden, das aus ihnen hervorgeht und dieses ist unzählbar, selbst wenn sie selbst letztlich aus einer bekannten Anzahl aus Quellen hervorgehen, die wir als »Mütter« oder »Wohnstätten« der Namen bezeichnen. Gewiss, es gibt nur eine einzige höchste Wirklichkeit, die all jene Eigenschaften und Beziehungen umfasst, die wir als göttliche Namen bezeichnen. Diese höchste Wirklichkeit gewährt jedem einzelnen Namen, der sich in unendlich vielem offenbart, seine eigene Wirklichkeit, durch die er sich von jedem anderen Namen unterscheidet. Die Wirklichkeit, die sie voneinander unterscheidet, ist das Wesen des Namens (der Name selbst), nicht das, was er möglicherweise mit anderen gemeinsam hat. Auf dieselbe Art unterscheidet sich jede einzelne Gabe Gottes durch ihre individuelle Beschaffenheit von allen anderen; denn auch wenn sie letztlich alle aus einer Quelle stammen, unterscheiden sie sich offensichtlich voneinander. Der Grund ist die Verschiedenheit der Namen, denn auf der Ebene der Gottheit in ihrer Unendlichkeit gibt es keinerlei Wiederholung. Dies ist eine unbestreitbare Wahrheit.

So war die Erkenntnis, die Seth besaß und sein Geist bewegt jeden anderen Geist, der solche Wahrheiten zum Ausdruck bringt, mit Ausnahme des Geistes des Siegels der Heiligkeit, denn das, was ihn geistig ausmacht, kommt unmittelbar von Gott und nicht von einem anderen Geist. Ferner schöpfen alle anderen Geister aus dem Geist des Siegels der Heiligkeit ihre eigene Substanz, auch wenn das Siegel, solange es inkarniert ist, davon kein Bewusstsein haben mag. Als geistiges Wesen und aufgrund seines Ranges, kennt er sie alle ihrem Wesen nach, während er in seiner Inkarnation davon nichts weiß. Er weiß zugleich und weiß nicht, indem er gegensätzliche Eigenschaften annimmt, und wie die Quelle selbst wird, die sowohl der Erhabene als auch der Schöne, der Offenbare und der Verborgene, der Erste und der Letzte ist, da diese Einheit der Gegensätze sein Wesen ausmacht. Er weiß und weiß nicht, hat ein Bewusstsein und hat keines, nimmt wahr und nimmt nicht wahr.

Aufgrund dieser Erkenntnis trägt Seth seinen Namen, der »Gabe Gottes« bedeutet. In seiner Hand befindet sich der Schlüssel zu den göttlichen Gaben in ihrer ganzen Vielfalt und ihren gegenseitigen Beziehungen. Gott schenkte diesen Schlüssel Adam als sein erstes bedingungsloses Geschenk, und er schenkte ihn so, dass er von Adam selbst kam, da der Sohn die innere Wirklichkeit des Vaters ist, aus ihm hervorgeht und zu ihm zurückkehrt. So kommt als Gottes Gabe nichts zu ihm, was ihm fremd wäre. Derjenige, dessen Verständnis von Gott inspiriert ist, wird das begreifen.

Tatsächlich ist jedes Geschenk im sichtbaren Universum von dieser Art. Es gibt nichts in irgendeinem Wesen, das von Gott als einem Anderen käme, und es gibt nichts als das, was aus unserem eigenen Selbst kommt, wie unterschiedlich auch die Erscheinungsformen sein mögen. Auch wenn dies die ewige Wahrheit ist, weiß niemand unmittelbar von ihr, außer die Auserwählten unter den Freunden Gottes. Solltest du jemanden treffen, der ein solches Wissen besitzt, kannst du ihm bedingungslos vertrauen, denn er ist ein seltener Edelstein unter den Vielen.

Wann immer ein Gnostiker eine Intuition empfängt, in der er eine geistige Form erblickt, die ihm neue spirituelle Einsichten und Erfahrungen vermittelt, sollte er wissen, dass die Form, die er anschaut, nichts anderes als sein eigenes Wesen ist, denn nur vom Baum seines eigenen Selbstes wird er die Früchte seiner Erkenntnis ernten. Auf die gleiche Art ist sein Bild in einer polierten Oberfläche nichts als er, auch wenn der Ort, an dem es erscheint, das Bild bis zu einem gewissen Grade verändern kann, denn die Ebene der Wirklichkeit oder die Welt, in der das Bild erscheint, besitzt jeweils ihre eigene Beschaffenheit. Auf diese Weise erscheint etwas Großes klein in einem kleinen Spiegel, lang in einem langen und bewegt in einem bewegten Spiegel. Er mag auf einer bestimmten Ebene die Umkehrung des Bildes bewirken, oder ein exakt entsprechendes Bild, in dem die rechte Seite die rechte widerspiegelt und die linke die linke. Wie auch immer: häufiger ist das Umgekehrte der Fall. Manchmal aber ist auch das Gegenteil der Fall. All dies gilt auch für die Formen und Eigenschaften der Ebene der Wirklichkeit, auf welcher die göttliche Selbstoffenbarung stattfindet, die wir mit einem Spiegel verglichen haben.

Wer immer Kenntnis seiner ewigen Anlage erlangt hat, weiß auch, welche göttlichen Gaben er empfangen wird, auch wenn nicht jeder, der weiß, was er empfangen wird, seine ewige Anlage kennt, außer, nachdem er empfangen hat, selbst wenn er sie im Allgemeinen kennt.

Gewisse Theoretiker mit schwachen Geistesgaben behaupten, nachdem sie zugestanden haben, dass Gott macht, was er will, über ihn Dinge, die der Weisheit und Wahrheit widersprechen. Sie gehen so weit, die Existenz der bloßen Möglichkeit (Kontingenz) und des selbstgenügsamen und relativen Seins von Wesen zu leugnen. Wer wirklich erkennt, weiß, dass es das Kontingente gibt und er weiß auch, auf welcher Ebene des Seins es anzusiedeln ist; er kennt das Kontingente und weiß, in welchem Sinn es kontingent ist, auch wenn es – seinem Wesen nach – aufgrund eines anderen selbstgenügsam (notwendig) sein mag, und er weiß, in welchem Sinn die Quelle, aus dem es hervorgeht, als das »Andere« betrachtet werden kann, das es zu einem Selbstgenügsamen (Notwendigen) macht. Nur jene, die eine tiefere Erkenntnis Gottes besitzen, vermögen dies im Einzelnen zu verstehen.

Aus der Linie Seths wird der letzte wahre Mensch hervorgehen, der seine Geheimnisse der göttlichen Weisheit in sich trägt und nach ihm wird keiner mehr geboren werden. Er wird das Siegel der Nachkommen Adams sein. Mit ihm wird eine Schwester geboren werden, die vor ihm erscheint, so dass sein Haupt an ihre Füße stößt. Er wird in China geboren und dessen Sprache sprechen. Über die Männer und Frauen dieses Landes wird alsdann Unfruchtbarkeit kommen, obwohl sie viel miteinander verkehren, aber aus ihnen werden keine Kinder hervorgehen. Jener letzte Mensch wird sie erfolglos zu Gott rufen und wenn Gott ihn und jene, die zu seiner Zeit glauben, entrückt hat, werden die übrigen zurückbleiben, ein Leben wie die Tiere führen, ohne Sinn für Recht und Unrecht und dem Gesetz der niederen Natur ausgeliefert sein, verlassen vom Geist und dem Heiligen Gesetz. Und die letzte Stunde wird über sie kommen.

Anmerkungen

[1] Das »Futuhat al-Makkiyah«, das Opus Magnum Ibn Arabīs wurde bisher noch nie vollständig übersetzt. Übersetzungen einzelner Kapitel enthalten die beiden Bände: »Abhandlung über die Liebe« und »Reise zum Herrn der Macht«, die im Chalice Verlag Zürich erschienen sind.

[2] Der »Heilige« ist hier der »walī«, der Freund Gottes, der berufene Deuter des Gesetzes, das der Prophet bringt. Während der Prophet seine scharī’a offenbart, eröffnet der Heilige oder walī durch seine esoterische Auslegung einen Zugang zu seiner geheimen Bedeutung und damit zum Reich des lebendigen Gottes, das durch die spirituelle Verwirklichung des tieferen Sinns des Gesetzes erreicht werden kann. Mit Mohammed, dem Siegel der Propheten, ist die Reihe der Offenbarungen des göttlichen Gesetzes abgeschlossen, nicht jedoch die Initiation in dessen esoterische Bedeutung, die fortdauert bis zum Jüngsten Tag, an dem der Mahdi, der letzte Heilige, der Vollkommene Mensch, der Offenbarer des umfassenden Geheimnisses des göttlichen Lebens erscheinen wird. In diesem wird zugleich Adam, der vollkommene Spiegel des Schöpfers, der erste und ewige Vollkommene Mensch wieder erscheinen. Der letzte walī ist das Siegel der Heiligen, in dem sich die Aufgabe der Heiligen ebenso vollendet, wie die Aufgabe der Propheten in Mohammed. Nach al-Arabis Auffassung ist dieser letzte walī, der erwartete Mahdi, Jesus: »Eigentlich gibt es zwei Siegel – dasjenige, mit dem Gott die Heiligkeit im universellen Sinn (d.h. die auf die ganze Menschheit bezogene Form der Esoterik der Prophetie) besiegeln wird, und dasjenige, mit dem er die mohammedanische Heiligkeit (die Esoterik der Offenbarung des Koran) besiegeln wird. Was das Siegel der universellen Heiligkeit betrifft, so ist das Jesus … Am Ende der Zeiten wird er als Erbe und Siegel herabsteigen, nach ihm wird es keinen Heiligen im allgemeinen Prophetentum mehr geben, so wie Mohammed das Siegel des gesetzgebenden Prophetentums ist und es nach ihm keinen gesetzgebenden Propheten mehr geben wird« (»Futuhat al-Makkiyah«, II, 49, 15-19f.). Sich selbst betrachtete al-Arabi als das Siegel der mohammedanischen Heiligkeit und damit als den abschließenden Enthüller der spezifischen Esoterik des Koran.

[3] Die höchste Erkenntnis Gottes vermittelt also der Initiierte und Initiator, der die Tiefen des Gesetzes zu deuten vermag, das der Gesandte verkündet hat.

[4] Manche Übersetzer halten die eingeklammerte Passage für einen abschwächenden Einschub von fremder Hand (Titus Burckhardt, Wolfgang Herrmann).

Die Ringsteine der Weisheit I – Adam

Die Ringsteine der Weisheit – III – Noah

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