Die Ringsteine der Weisheit – III – Noah

Noah, Mosaik in Monreale

Noah, Mosaik in Monreale

Drittes Kapitel: Die Weisheit der Erhöhung im Wort Noahs.

Jene, die ein wahres Verständnis der göttlichen Wirklichkeit besitzen, wissen, dass die Lehre von der Transzendenz Gottes diesen einschränkt und begrenzt; wer behauptet, Gott sei vollkommen transzendent, ist entweder ein Narr oder ein Schurke. Wer die Auffassung vertritt, Gott sei vollkommen transzendent und jede andere für unhaltbar erklärt, handelt ungeschickt und verkennt nicht nur die höchste Wirklichkeit, sondern auch alle Gesandten, wenn vielleicht auch nur unbewusst. Er glaubt, die Wahrheit erfasst zu haben, während er vollkommen im Irrtum ist, und jenen gleicht, die teils glauben, teils ungläubig sind (4,150).

In Wahrheit offenbart sich die höchste Wirklichkeit in jedem Geschöpf und in jeder Vorstellung des Menschen, während sie zugleich jenseits aller Verstehbarkeit liegt, außer für jenen, der begreift, dass die Schöpfung seine Erscheinungsform und damit sein Wesen ist. Darauf deutet sein Name »der Offenbare«, während er gleichzeitig der unoffenbare Geist, »der Verborgene« ist. In diesem Sinn ist er, in Bezug auf die sichtbaren Formen der Geschöpfe, der Geist, der die Formen dieser Geschöpfe hervorbringt.

Bei der Definition des Menschen muss sowohl sein innerer als auch sein äußerer Aspekt berücksichtigt werden, wie bei der Definition jeder anderen Sache auch. Die höchste Wirklichkeit wird von jeder möglichen Definition erfasst, denn die Formen der Geschöpfe sind unzählbar, aber wir kennen nicht die Definitionen aller Geschöpfe, außer insofern als ihre Formen implizit in der Definition der Schöpfung mitenthalten sind.

So gesehen, ist eine wahre Definition der höchsten Wirklichkeit unmöglich, denn eine solche Definition würde die Fähigkeit voraussetzen, die Form eines jeden Geschöpfes zu definieren, was unmöglich ist. Daher ist eine erschöpfende Definition der höchsten Wirklichkeit unmöglich.

In der gleichen Lage ist jemand, der die Vergleichbarkeit Gottes behauptet, ohne seine Unvergleichlichkeit zu berücksichtigen. Auch ein solcher beschränkt und begrenzt ihn und erkennt ihn daher nicht. Jener aber, dessen Erkenntnis Gottes sowohl seine Transzendenz, als auch seine Immanenz erfasst, auch wenn beides in seiner Fülle und aufgrund der Vielfalt der Formen der Geschöpfe nicht vollständig erkennbar sein mag, besitzt eine allgemeine Erkenntnis von ihm, so wie er auch sich selbst im Allgemeinen, aber nicht in jeder Einzelheit erkennen mag.

Im Hinblick auf diese Tatsache sagt der Prophet: »Wer sich selbst erkennt, erkennt seinen Herrn« (hadīth), um auf den Zusammenhang zwischen Selbsterkenntnis und Erkenntnis Gottes hinzuweisen. Gott sagt: »Wir werden sie unsere Zeichen an den Horizonten sehen lassen«, d.h. in der äußeren Welt, »und in ihren Seelen«, d.h. in deinem inneren Wesen, »bis sie erkennen, dass er die Wirklichkeit ist« (41,53), denn du bist seine Erscheinungsform und Er dein innerstes Wesen. Du stehst zu ihm im selben Verhältnis wie dein physischer Leib zu dir. Er ist für dich wie der Geist, der deine physische Form beherrscht.

Diese Definition berücksichtigt deinen inneren und deinen äußeren Aspekt, denn die Form, die zurückbleibt, wenn der Geist, der sie beherrscht, entwichen ist, kann man nicht mehr als »Mensch« bezeichnen, sondern nur noch als Form, die ihm ähnlich ist, da zwischen ihr und der Form toten Holzes oder eines Steines kein wirklicher Unterschied mehr besteht. Auf eine solche Form kann der Name »Mensch« nur noch im übertragenen Sinn angewandt werden, nicht mehr im wörtlichen Sinn.

Andererseits zieht sich die höchste Wirklichkeit niemals vollständig von den Formen der Geschöpfe zurück, da die Schöpfung als Erscheinung Gottes implizit in der Definition seiner Göttlichkeit mitenthalten ist und zwar nicht nur im übertragenen Sinn, wie beim Toten, sondern im wörtlichen Sinn, wie beim lebenden Menschen.

So wie die äußere Form des Menschen mit ihrer Zunge Geist und Seele preist, die sie regieren, so brachte Gott die Schöpfung hervor, auf dass sie ihn preise, auch wenn wir die Art ihres Lobpreises wegen unserer Unfähigkeit, alle Formen der Geschöpfe zu verstehen, nicht ohne weiteres durchschauen. Alle Dinge sind die »Zungen« der höchsten Wirklichkeit und bringen Ihm ihren Lobpreis dar. Gott sagt: «Lob gebührt Gott, dem Herrn der Welten« (1,2), denn alles Lob kehrt zu dem zurück, der sowohl der Preisende als auch der Gepriesene ist.

Wenn du auf seiner Transzendenz beharrst, beschränkst du ihn,
Und wenn du auf seiner Immanenz beharrst, begrenzt du ihn.
Wenn du beides anerkennst, dann bist du auf dem rechten Pfad,
Ein Imām und Meister der spirituellen Wissenschaften.
Wer deswegen sagen würde, es gebe zwei Götter, wäre ein Polytheist,
Während jener, der ihn von allem absondert, ihm Vorschriften zu machen versucht.
Hüte dich davor, ihn zu vergleichen, wenn du von Gegensätzen sprichst,
und wenn von der Einheit, dann hüte dich, ihn ins absolute Jenseits zu versetzen.
Du bist nicht Er und du bist Er –
du siehst ihn in den Wesenheiten aller Dinge, grenzenlos und begrenzt.

Gott sagt: »Nichts gibt es, was ihm gleicht«, womit er von seiner Transzendenz spricht, und er sagt: »Er ist der Hörende und der Sehende« (42,11), was einen Bezug und damit einen Vergleich (zum Gehörten und Gesehenen) impliziert. Aber auch im ersten Zitat ist implizit ein Vergleich (wenn auch nur negativ) und Zweiheit enthalten (im Wort »gleich«) und im zweiten Transzendenz und Absonderung (da Er allein als Sehender und Hörender genannt wird).

Hätte Noah bei der Ermahnung seines Volkes beide Aspekte angesprochen, dann hätte es seinen Ruf gehört. Er appellierte an ihr äußeres und ihr inneres Verständnis, indem er sagte: »Sucht Schutz bei eurem Herrn (vor euren Sünden), denn er ist der Vergebende« (71,10). Dann sagte er: »Ich ermahnte sie bei Nacht (innerlich) und bei Tag (äußerlich), doch meine Ermahnung hat nur bewirkt, dass sie mehr und mehr davonliefen (äußerlich)« (71,6). Er stellt fest, dass sein Volk seine Ohren nur verstopfte, weil es die richtige Form bereits (instinktiv) kannte, wie es auf seine Ermahnung antworten musste (indem es an Gottes Immanenz festhielt, während er seine Einheit und Transzendenz betonte). Jene, die Gott erkennen, verstehen die Andeutung, die Noah über sein Volk macht, der es lobt, indem er es tadelt (da er seinen wahren Geisteszustand kennt), da er den Grund kennt, warum sie seinen Ermahnungen nicht folgen; dieser bestand darin, dass seine Ermahnung dem Geiste der Unterscheidung und Trennung verpflichtet war (der danach trachtet, Transzendenz und Immanenz als ausschließenden Gegensatz darzustellen). Die ganze Wahrheit ist aber die Verbindung beider (al-qur’ān als die ganze Offenbarung) und nicht die Trennung und Absonderung (al-furqān, eine Sure des Koran, d.h. ein Teil).[1]

Jemand, der in der Verbindung festen Stand erlangt hat, wird nicht auf der Unterscheidung bestehen, denn die erstere schließt die letztere ein, aber nicht umgekehrt. Aus diesem Grunde wurde der Korān, das beste aller Bücher, die der Menschheit geschenkt wurden, Mohammed und seiner Gemeinschaft anvertraut.

Der Satz: »Nichts gibt es, was ihm gleicht«, verbindet die beiden Aspekte. Hätte Noah sich in dieser Form geäußert, hätte sein Volk auf seine Ermahnung gehört, denn er hätte in einem einzigen Vers Immanenz und Transzendenz gleichzeitig angesprochen; ja, sogar in einem Halbvers.

Noah ermahnte sein Volk bei Nacht, d.h. er sprach sein Verstehen und seinen Geist an, die unsichtbar sind, und bei Tag, d.h. er berief sich auf die Beweiskraft der Sinne. Aber er verband die beiden Aspekte nicht so wie der Vers »Nichts gibt es, was ihm gleicht«. Deswegen schreckte ihr inneres Wesen (das der Immanenz hingegeben war) vor seiner Ermahnung zurück, weil er die Unvereinbarkeit betonte, was sie nur noch in ihrer Ablehnung bestärkte. Dann sagte er, er ermahne sie, damit Gott sie beschütze (vor der Sünde exzessiver Immanenz) und nicht, damit er sich (als Transzendenter) für sie enthülle. Dies verstanden sie so, als spreche er von sich selbst (durch ihre äußeren Sinne) und so »steckten sie sich die Finger in die Ohren und hüllten sich in ihre Gewänder (71,7). Dies ist eine (äußere) Form des Schutzes, zu dem er sie aufgerufen hatte, auch wenn sie ihn mit ihrer Handlungsweise wörtlich nahmen, statt sich demütig (innerlich) Gott hinzugeben (seinen Schutz anzunehmen).

Der Satz: »Nichts gibt es, was ihm gleicht«, behauptet und verneint Vergleichbarkeit zugleich. Daher sagte Mohammed, ihm sei von Gott eine Erkenntnis gewährt worden, die all seine Aspekte einschließt. Mohammed ermahnte sein Volk (nicht wie Noah) bei Nacht und bei Tag, sondern durch die Nacht des Tages (durch innere Ermahnung, die in der äußeren enthalten ist) und durch den Tag der Nacht (die äußere Wahrheit, die in der inneren enthalten ist).

Noah sagte aus seiner Weisheit: »Er sendet Regen in Fülle auf euch nieder« (71,11), womit er auf die Spiegelbilder der gedanklichen Erkenntnis hinwies, und: »er hat euch Güter beschert« (71,12), wodurch er euch sich selbst beschert. Wenn er dies tut, dann werdet ihr eure Form in Ihm sehen. Wer glaubt, er sehe die höchste Wirklichkeit an sich, besitzt keine Gnosis; jener besitzt Gnosis, der weiß, dass es sein eigenes Wesen ist, das er sieht. So sind die Menschen unterteilt in jene, die wissen und jene, die nicht wissen. Und … »seine Kinder«, d.h. das, was aus ihrem gewöhnlichen begrifflichen Denken hervorgeht, während die demütige Unterordnung des Bewusstseins unter die Kontemplation erforderlich wäre, die über die Früchte des alltäglichen Denkens weit hinausführt. »Er wird nur ihren Verlust vermehren« (71,21) und »ihr Handel wird ihnen keinen Gewinn einbringen« (2,16), d.h., das, von dem sie glaubten, sie hätten es erreicht und es sei ihr Eigentum, hat sich von ihnen entfernt. In Bezug auf die (spirituellen) Erben Mohammeds sagt er: »Macht Gebrauch von dem, worüber er euch als Verwalter eingesetzt hat« (57,7). In Bezug auf Noah sagt er: »Habt ihr nicht einen anderen als mich zum Treuhänder bestimmt?« (17,2). Dadurch macht er deutlich, dass die Macht ihnen gehörte, da Gott ihr Treuhänder war, während die Erben Mohammeds die Verwalter (Stellvertreter) in seinem Königreich sind, Gott aber der Besitzer und Treuhänder, sie dagegen Besitzer nur in dem Sinne, dass sie als Verwalter (Stellvertreter) eingesetzt wurden.

Auf diese Weise ist die höchste Wirklichkeit der »wahre Herrscher im Königreich« (3,26), wie at-Tirmidhī[2] angedeutet hat.

»Und sie haben gewaltige Ränke geschmiedet«, was bedeutet, dass der Ruf zu Gott (der sich nur auf eine Seite seines Wesens bezieht), (in diesem Sinn) eine Täuschung des Angerufenen ist, weil Gott auf die eine Weise (immanent im Bewusstsein des Angerufenen) nicht weniger nichtexistent ist, als auf die andere Weise (in seiner Transzendenz). »Ich rufe zu Gott« (12,108), das ist schon die Täuschung, »in voller Klarheit« (ebd.), was darauf hinweist, dass beide Formen seines Seins zu seinem Wesen gehören. Daher antworteten sie auf seinen (Noahs) Ruf ihrerseits mit einer Täuschung, da er selbst sie mit einer Täuschung angerufen hatte.

Der Erbe Mohammeds weiß, dass der Ruf zu Gott ihn nicht zu dessen innerstem Wesen ruft, sondern zu ihm, insofern er in seinen Namen gegenwärtig ist. Er sagt, »an dem Tag, an dem wir die Wachsamen zusammenrufen« (19,85), womit er andeutet, dass sie im Namen des (alles umfassenden) Erbarmers vor Gott treten werden (nicht vor sein Wesen jenseits aller Namen). Wir wissen, dass die Schöpfung unter der Herrschaft eines göttlichen Namens steht, durch den alles in ihr mit Wachsamkeit erfüllt wird (und zugleich bewacht wird).

In ihrer Täuschung sagen sie zueinander: »Lasst eure Götter nicht im Stich, weder Wadd, noch Suwā, noch Yagūt, noch Ya’ūq, noch Nasr« (71,23). Hätten sie sie im Stich gelassen, hätten sie die höchste Wirklichkeit verkannt, nämlich indem sie ihnen untreu geworden wären, denn jeder Gegenstand der Anbetung ist ein Spiegelbild der höchsten Wirklichkeit, mag es als solches erkannt werden oder nicht.

In bezug auf Mohammeds Erben sagt er: »Euer Herr hat befohlen: Betet keinen an außer ihm« (17,23), was bedeutet, er hat es entschieden. Wer wahre Erkenntnis besitzt, weiß, wer angebetet wird und in welcher Form er als Anzubetender erscheint. Er weiß auch, dass die Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit der Formen den Teilen eines körperlichen Gebildes vergleichbar ist oder den Kräften, die von einem geistigen Bild ausgehen. Tatsächlich wird in jedem Gegenstand der Anbetung in Wahrheit Gott angebetet.

Der Unwissende stellt sich vor, sein Gegenstand der Anbetung sei mit göttlicher Kraft erfüllt, und gäbe es diese Vorstellung nicht, würde kein Stein oder irgendein anderer Gegenstand der sinnlichen Welt angebetet. Aus diesem Grund sagt er: »Bitte sie, nenne sie beim Namen« (13,33). Hätten sie dies getan, hätten sie sie als Steine, Bäume oder Sterne bezeichnet. Wären sie gefragt worden, wen sie anbeten, hätten sie gesagt, »einen Gott« und nicht »Gott« oder »den Gott«.

Der Wissende stellt sich nichts dergleichen vor, aber er ist sich der Tatsache bewusst, dass der Gegenstand der Anbetung ein Mittel ist, durch das Gott sich offenbart, dem insofern Verehrung gebührt, aber er beschränkt sich selbst nicht auf diesen einzelnen Gegenstand.

Der Unwissende sagt: »Wir beten sie nur an, damit sie uns Gott näherbringen« (39,3). Der Wissende sagt: »Euer Gott ist ein einziger Gott, darum gebt ihm euch hin« (22,34), in welcher Form auch immer er erscheinen mag, »und bring jenen frohe Botschaft, die verhüllen« (22,34), das heißt jenen, die das Feuer ihrer (niederen) Natur verhüllen. Sie würden sagen: »ein Gott« und nicht »eine Natur«.

Er sagt auch: »Sie haben viele in die Irre geführt« (71,24), was bedeutet, dass sie angesichts der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen und Eigenschaften des Einen Verwirrung in ihnen erzeugt haben.

»Es fördert nur die Verwirrung der Unterdrücker« (71,24), bezieht sich auf jene, die sich selbst unterdrücken (indem sie sich selbst verneinen), die das Buch (der Erkenntnis des Einen) erben. Sie sind die ersten von drei Kategorien (die Gott anderswo unterscheidet), denn er stellt den Selbstunterdrücker vor den Gemäßigten und jenen, der gute Werke vollbringt (35,32). »In Verwirrung« bedeutet jene Verwirrung, die durch die Überwindung des gewöhnlichen Selbstes in den Erben Mohammeds entsteht, der sagte: »Mein Herr, vermehre meine Verwirrung in bezug auf dich« (hadīth). »Wenn das Licht (der Selbstoffenbarung des Einen) für sie leuchtet, dann schreiten sie voran, wenn nicht, dann bleiben sie (in Verwirrung) stehen« (2,20). Wer diese Verwirrung durchlebt, ist unentwegt auf den höchsten Pol (Gott) ausgerichtet, während jener, den dem »langen« Pfad (zu einem fernen Gott) folgt, sich fortwährend vom (höchsten) Ziel abwendet, um nach dem zu suchen, was (ewig) in ihm ist, indem er die Imaginationen von Gott für das eigentliche Ziel hält. Er glaubt, einen Ausgangspunkt und ein Ziel zu haben und das, was dazwischen liegt, während es für den Menschen, der seinen Pol in Gott oder Gott als Pol in sich hat, keine Beschränkung wie Anfang und Ende gibt, da er die umfassendste Form von Existenz erlangt hat und die göttliche Wahrheit und Wirklichkeit unmittelbar empfängt.

»Wegen ihrer Grenzüberschreitungen« (71,25) gingen sie über sich selbst hinaus, so dass sie im Meer der Gotteserkenntnis ertranken, und ebendies bedeutet »Verwirrung«. »Und sie wurden ins Feuer geworfen« (71,25), was laut den Erben dasselbe wie Ertrinken bedeutet. Darauf deutet: »Wenn das Meer anschwillt« (81,6), wo ein Wort mit derselben Wurzel verwendet wird, wie jenes, welches das Anheizen eines Ofens bezeichnet. »Noch werden sie außerhalb Gottes keine Helfer finden« (71,25), weil ihre Helfer (dem Wesen nach) nichts anderes als Gott und sie in ihm auf ewig entworden sind.

Trüge er sie (aus dem Meer der Gnosis) an das rettende Ufer der Natur, würde er sie von einer hohen Stufe spiritueller Verwirklichung auf eine niedrigere zurückwerfen, auch wenn in Wahrheit alles aus Gott, durch Gott, kurz: Gott ist.

»Noah sagte: Oh, mein Herr!« (71,26). Er sagte nicht: »Oh, mein Gott«, weil Gott als Herr eine bestimmte Gestalt besitzt, während die Gottheit aufgrund ihrer Namen vielfältig und »tagein, tagaus beschäftigt ist« (55,29). Gott als Herr setzt die Beständigkeit einer Form voraus, sonst wäre die Anrufung nicht richtig. Der Vers: »(O mein Herr), lass keinen (der Leugner) auf der Erde wohnen« (71,26), (d.h. auf der Ebene der Hingabe an die Erscheinungsformen), bittet darum, dass sie in sein Inneres vordringen (und die Einheit seines Wesens erkennen).

In bezug auf die Erben Mohammeds (kann man sagen): »Wenn du ein Seil hinunterlässt, würde es auf Gott fallen (da er unten ebenso wie oben ist, Tirmidhī, 5,58) und: »Er ist, was in den Himmeln und auf Erden ist« (2,116). Wenn du in ihr begraben bist, dann wird sie deine Hülle sein: »in sie werden wir euch zurückkehren lassen und aus ihr werden wir euch abermals hervorbringen« (20, 55), wegen der Vielfalt der Aspekte.

»… von den Leugnern« (71,26), die »versuchen, sich in ihre Kleider zu verhüllen und ihre Finger in die Ohren stecken« (71,7): sie versuchen, sich zu verhüllen, weil er sie gerufen hat, damit er sie beschütze (ihnen vergebe), denn das ist eine Art von Schutz. »Wohnen« (71,26), d.h. keinen einzigen von ihnen, damit der Ertrag so reich sei, wie der Ruf, der an alle erging. »Wenn du sie verschonst«, d.h., lässt, wie sie sind, »werden sie deine Diener verwirren« (71,27), d.h., sie werden sie in Verwirrung stürzen und dazu bringen, sich von ihrer Knechtschaft abzuwenden, um die Geheimnisse der Herrschaft in sich selbst zu finden, so dass sie sich selbst als Herren betrachten, die sich aus der Knechtschaft befreit haben. Sie werden in der Tat Knechte sein, die zu Herren geworden sind. »Sie werden nur zeugen«, hervorbringen und offenbar machen, »einen der aufbricht«, d.h. einen der das Verborgene offenbar macht, und einen »der leugnet« (71,27), d.h. einen, der verhüllt, was offenbar geworden ist. Sie werden enthüllen, was verhüllt ist und es nach seiner Enthüllung erneut verhüllen, so dass der Betrachter verwirrt ist und nicht weiß, was der Enthüller oder der Verhüller beabsichtigen, obgleich sie in Wahrheit ein und derselbe sind.

»Mein Herr, beschütze mich (vergib mir)« (71,28), d.h., verbirg mich (vor meinem von dir getrennten Selbst) und verhülle mir zuliebe (alles was du nicht bist) und lass meine Zeit und meinen Ort (in dir für mich) unerkennbar werden, weil du ohne alles Maß bist; Du sagst: »Sie beurteilen Gott nicht nach dem Maß seiner Fülle« (6,91). »Und meine Eltern«, von denen ich stamme, nämlich mein Geist und die Natur. »Und wer immer mein Haus betritt«, d.h., mein Herz, »glaubend«, die Mitteilungen Gottes bestätigend, weil er sie selbst empfangen hat. »Und die Gläubigen, beide Männer«, damit sind die Engel gemeint, »und Frauen«, d.h., die Seelen.

»Und fördere nicht die Unterdrücker«, jene in der Finsternis, die zu den Unsichtbaren gehören, die hinter dunklen Schleiern verborgen sind, »außer in der Vernichtung«, d.h. in der Entwerdung in Gott (alle Zitate 71,28). Sie wissen nicht von sich selbst, weil ihre Schau des Antlitzes der höchsten Wirklichkeit sie so sehr vereinnahmt, dass sie jenes Selbst, das sie von Gott trennt, vergessen. Unter den Erben erinnert man sich des Verses: »Alles vergeht, außer sein Antlitz« (28,88), die »Vernichtung« im zitierten Vers bedeutet das »Entwerden«.

Wer immer Zugang zu den Mysterien Noahs wünscht, muss sich zur Sonnensphäre erheben. Von diesen Dingen ist auch in unseren »Offenbarungen in Mossul« die Rede (bisher nicht publiziert).

Anmerkungen

[1] Ibn al-Arabī leitet hier qur’ān nicht von qara’a, sondern von qarana ab.

[2] Muhammad ibn Alī al-Hakīm at-Tirmidhī, »der Philosoph« (al-Hakīm) und Sufi, starb um 935 in Mekka. Er verfasste ein Werk mit dem Titel »Das Siegel der Heiligen«, in dem er die Idee einer mystischen Hierarchie mit dem Pol (qutb) an der Spitze entwickelte, auf die auch unser Autor Bezug nimmt.

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