Die Ringsteine der Weisheit – IV – Henoch

Henoch

Henoch in der Ka­the­dra­le der Ver­klä­rung in We­li­ki Now­go­rod

Viertes Kapitel: Die Weisheit der Heiligkeit im Wort Henochs.

Von Erhöhung kann in zweifachem Sinn gesprochen werden: entweder im Hinblick auf die Position (räumliche Lage, bei geschaffenen Wesen) oder im Hinblick auf die Rangstufe (bei Geistwesen). Ein Beispiel für ersteres stellt die Aussage dar: »Wir erhoben ihn in eine hohe Position (Stellung)« (19,57). Die höchste Stellung (im Kosmos) ist jene, um die die Sphären sich drehen, und diese Stellung hat die Sphäre der Sonne inne, in welcher das geistige Wesen Henochs zu finden ist.

Um sie drehen sich sieben obere und sieben untere Sphären, alles in allem sind es also fünfzehn. Die oberen sind jene des Mars, Jupiter, Saturn, der Häuser, der Sternzeichen, des Thrones und des Sitzes. Die unteren jene der Venus, des Merkur, des Mondes, sowie Äther, Luft, Wasser und Erde.

Als Achse der Sphären ist er (Henoch) aufgrund seiner räumlichen Stellung erhöht. Aufgrund des geistigen Rangs gehört sie (die Sonnensphäre) den spirituellen Erben Mohammeds. Gott sagt: »Ihr seid die Erhöhten und Gott ist mit euch« (47,35) in eurer Erhöhung, denn obgleich Er sich weit jenseits jeder denkbaren räumlichen Stellung befindet, nimmt Er doch einen spirituellen Rang ein.

Wenn unsere Seele, die in das alltägliche Handeln involviert ist, den Verlust ihrer spirituellen Errungenschaften fürchtet, steht Er ihr bei, indem er sagt: »Er wird eure Taten nicht schmälern« (47,35), denn Handeln strebt nach Stellung, während Erkenntnis nach Rang strebt. Gott verknüpft diese beiden Formen der Erhöhung für uns, die Erhöhung der räumlichen Stellung durch Handlungen und jene des Ranges durch Erkenntnis.

Dann aber weist Er jede Annahme einer Partnerschaft zurück, indem er sagt: »Gott ist mit euch, erhöht den Namen eures Herrn, des Erhabenen« (78,1), das heißt, jenseits jeder Idee der Partnerschaft.

Der Mensch – der vollkommene Mensch nämlich – ist von allen geschaffenen Wesen am erhabensten, aber seine Erhabenheit hängt von einer Erhöhung seiner Stellung oder seines Grades ab, und geht nicht aus ihm selbst hervor (da er ein geschaffenes Wesen ist). Er ist entweder erhaben, weil er eine hohe Stellung (in der Ordnung des Kosmos) einnimmt, oder weil er einen hohen Rang erreicht hat, und seine Erhabenheit ist durch diesen Bezugsrahmen bedingt, nicht durch ihn.

Die Erhabenheit der Stellung drückt das Wort aus: »Der Barmherzige thront auf seinem Sitz«, der die höchste Stellung (innerhalb der Sphären) einnimmt. Auf die Erhabenheit des Rangs anspielend, sagt Er: »Alles vergeht, außer sein Antlitz (28,88) und »Alles kehrt zu ihm zurück« (11,123) und »Kann es einen Gott neben Gott geben?« (27,60).

Wenn Gott sagt: »Wir erhoben ihn in eine hohe Position (Stellung)« (19,57), verbindet er das Adjektiv »hoch« mit dem Substantiv »Stellung«, während seine Aussage: »Als dein Herr zu den Engeln sagte: ›Ich werde auf der Erde einen Stellvertreter einsetzen« (2,30) auf die Erhabenheit des geistigen Ranges anspielt. In bezug auf die Engel sagt er auch: »Seid ihr stolz oder gehört ihr zu den Erhabenen?« (38,75), wodurch er die Erhabenheit mit den Engeln verbindet. Wäre diese Kennzeichnung mit dem Wesen der Engel als solchem verbunden, hätten alle Engel daran teil. Da es sich aber nicht um eine allgemeine Zuschreibung handelt, auch wenn alle ihrem Wesen nach Engel sind, handelt es sich um die Erhabenheit des Ranges, den Gott gewährt.

Ebenso bei den Kalifen (Stellvertretern Gottes auf Erden): Gehörte ihre Erhabenheit zu ihrem Wesen als Menschen, dann hätten alle Menschen an dieser Erhabenheit teil. Da es sich aber um keine allgemein-menschliche Eigenschaft handelt, ist sie ebenfalls eine Rangstufe.

»Der Erhabene« ist einer der Schönen Namen Gottes; aber erhaben über was, wo doch nur er allein existiert? Erhabener als wer oder was, wenn nur er ist und er in sich selbst erhaben ist? In bezug auf das Sein ist er das Wesen aller geschaffenen Dinge. Daher sind die geschaffenen Dinge in gewisser Weise durch sich selbst erhaben, da sie in Wahrheit nichts anderes als Er sind und seine Erhabenheit absolut und nicht von anderem abhängig ist. Dies ist deswegen der Fall, weil die ewigen Wesenheiten auf immer verborgen sind und nichts mit dem Offenbarsein zu tun haben und in diesem Zustand verbleiben, trotz der Vielfalt der offenbar gewordenen Formen. Das Wesen des Ganzen ist einzig im Ganzen. Vielfalt gibt es nur bei den göttlichen Namen, die ihrem Wesen nach reine Beziehungen sind und daher in sich selbst nicht offenbar.

Nichts existiert, als das Wesen, das in sich selbst erhaben ist, dessen Erhabenheit zu nichts anderem in Beziehung steht. So betrachtet, gibt es keine relative Erhabenheit, wenngleich es in bezug auf die unterschiedlichen Aspekte der Existenz eine Differenzierung gibt. Relative Erhabenheit gibt es in der Einzigen Wesenheit nur, insofern sie in der Vielfalt ihrer Aspekte erscheint.

Daher kann man in einem gewissen Sinn sagen, dass Er nicht Er ist und Du nicht Du bist. Al-Kharraz[1], der ein solcher Aspekt der höchsten Wirklichkeit und eine der Zungen ist, durch die Er sein eigenes Wesen offenbart, sagt: »Gott kann nicht erkannt werden, wenn man nicht das Zusammenfallen aller Gegensätze (in ihm) erkennt«, die er sich gegenseitig begrenzen und bestimmen lässt. Er ist der Erste und der Letzte, der Offenbare und der Verborgene, das Wesen alles dessen, was offenbar geworden und noch nicht offenbar geworden ist, obgleich er sich selbst offenbart. Daher sieht nur Er sich selbst und nur er ist vor sich selbst verborgen. Kein anderer als Er trägt den Namen »Abū Sa`īd al-Kharraz« und alle anderen Namen, die Wesen gegeben werden, die nur in bezug auf Ihn existieren. Der Unoffenbare sagt »Nein«, wenn der Offenbare »Ich bin« sagt und der Offenbare sagt »Nein«, wenn der Unoffenbare »Ich bin« sagt. Darin besteht das Wesen des Gegensatzes, aber der Sprecher und der Zuhörer sind in diesem Fall Einer, der Einzige. Der Prophet sagte: »… und was sie erzählten, erzählten sie sich selbst« (hadīth), da sie die Erzähler, jene, von denen erzählt wurde und das Erzählen waren, die wussten, was zu erzählen war.

Das Wesen ist einzig, während seine Bestimmungen vielfältig sind. Wir kennen dies aus unserer alltäglichen Lebenserfahrung, denn auch wir sind eine Erscheinungsform der höchsten Wirklichkeit. Die Verwirklichungen dieser höchsten Wirklichkeit mischen sich untereinander. Die Zahlen gehen nach der wohlbekannten Ordnung aus der Eins hervor, indem wir ihnen eine Null hinzufügen (10, 100, 1000 usw.). Auf diese Weise macht die Eins die Zahlen möglich und die Zahlen sind eine Entfaltung der Eins. Ferner ist das Zählen nur möglich, weil das existiert, was zählbar ist. Das letztere mag sichtbar sein oder nicht, denn etwas kann geistig existieren, auch wenn es nicht physisch existiert. Daher muss es Zahlen und Zählbares geben, ebenso wie es die Eins geben muss, um jenen Prozess in Gang zu setzen, der ihre Entfaltung darstellt.

Jede Zahl ist eine Realität für sich, wie Neun oder Zehn, bis herunter zur kleinsten Zahl Zwei (Eins ist keine Zahl), oder hinauf ins Unendliche, obgleich keine allumfassend ist, da sie alle nur eine besondere Ansammlung von Einsen sind. Zwei oder Drei oder alle weiteren sind einzigartig, auch wenn alle eins sind (da sie aus lauter Einsen bestehen) und eine bestimmte Zahl ihrem Wesen nach nicht die anderen enthält. Denn die Tatsache, dass alle Zahlen Ansammlungen der Eins sind, macht unmittelbar einsichtig, dass sie – als unterschiedliche Ansammlungen – relativ einzigartig sind und dass sie alle dennoch – als Vielfaches der Eins – vollständig aus der Eins hervorgehen. In all diesem sind gemäß einer bestimmten Theorie die zwanzig Gruppen enthalten (1, 2, 3 ,4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 20, 30, 40, 50, 60, 70, 80, 90, 100, 1000). Daher muss man, wenn alle Zahlen eine Realität sind, gleichzeitig sagen, dass die Eins keine Zahl ist (sondern der Ursprung aller Zahlen, der selbst nicht zählbar ist, vielmehr alles zählt).

Wer verstanden hat, was ich über die Zahlen gesagt habe, nämlich, dass man ihr Sein behauptet, wenn man es verneint, wird wissen, dass die transzendente Wirklichkeit zur gleichen Zeit das Geschöpf ist, das in Bezug auf anderes existiert, auch wenn das Geschöpf sich vom Schöpfer unterscheidet. Die höchste Wirklichkeit ist zugleich der geschaffene Schöpfer und die schaffende Kreatur. All dies ist Ein Wesen, das zugleich Eines und Vieles ist, betrachte also genau, was du siehst.

Isaak sagte zu seinem Vater: »O Vater, tu wie dir befohlen« (37,102), denn der Sohn ist das Wesen des Vaters. Abraham sah nur sein eigenes Selbst, das geopfert werden musste. »Dann kauften wir ihn mit einem großen Opfer los« (37,107), so dass das, was erst in menschlicher Form erschien, die Form eines Widders annahm, obwohl es in der Form eines Sohnes erschienen war, oder genauer, in einer Form, die Vater und Sohn voneinander unterschied, da der Sohn in Wahrheit das Wesen des Vaters ist.[2]

»Aus ihm (aus Adams Seele) schuf er seine Gefährtin« (4,1), so dass Adams Gefährtin nichts anderes war, als sein eigenes Wesen. Aus ihm gingen beide hervor: seine Gefährtin und das Kind, denn das schöpferische Wort (Es sei!) ist eines im Vielen.

Wer anders ist die allumfassende Natur und wer wird in ihren vielen Formen offenbar? Wir beobachten, dass sie keinen Mangel leidet, wenn sie all ihre Formen hervorbringt, oder überflösse, wenn sie diese wieder in sich zurücknimmt. Was offenbar ist, das ist Sie selbst, obgleich sie vom Standpunkt, der an der Verschiedenheit der Formen festhält, gerade nicht das Offenbare ist. Manche ihrer Erscheinungen sind kalt und trocken, andere heiß und trocken. Hinsichtlich der Trockenheit sind sie eins, in anderer Hinsicht verschieden. Die Natur, oder besser: das Wesen der Natur, ist die Einheit all dieser Unterschiede. Die Ordnung der Natur kann man daher als Mannigfaltigkeit der Formen interpretieren, die alle in einem einzigen Spiegel abgebildet werden oder als eine einzige Form, die in vielen Spiegeln abgebildet wird. Diese Vorstellung ruft in einem Bewusstsein, das an die leiblichen Sinne gebunden ist, nichts als Verwirrung hervor, da es die Einheit, die all seinen Wahrnehmungen zugrunde liegt, nicht erkennt.

Wer aber wirklich versteht, wovon wir hier reden, der ist nicht verwirrt. Denn wenn unsere Erkenntnis erweitert wird, ist diese Erweiterung das Ergebnis der Beschaffenheit des Ortes unserer Erkenntnis, der in nichts anderem besteht, als im unveränderlichen Wesen, während gleichzeitig die höchste Wirklichkeit sich innerhalb des Schauplatzes der göttlichen Selbstoffenbarung in der Vielfalt der Unterschiede offenbart. Die unterschiedlichen Schauplätze scheinen Sein Wesen zu vervielfältigen, aber Er ist es, der all diese Unterschiede in sich zum Verschwinden bringt, da er selbst allein durch seine Selbstoffenbarung bestimmt wird. Nichts existiert, außer ihm.

In einer Hinsicht ist die höchste Wirklichkeit Geschöpf, also schau es an;
In einer anderen ist sie es nicht, also schau dich selbst an.
Wer versteht, was ich sage, dessen Bewusstsein wird nicht schwinden,
Aber verstehen wird er nur, wenn das Bewusstsein ihn erfüllt.
Ob du nun Einheit oder Vielheit sagst, das Selbst ist Einzig.
Wie auch die Vielen, die sind und doch nicht sind.

Er, der in sich selbst erhaben ist, ist im Besitz jener höchsten Vollkommenheit, die alle Erscheinungsformen und Beziehungen durchdringt, seien sie nun bestimmt oder unbestimmt, da keine der benennbaren Eigenschaften jemand anderem zukommen kann, als Ihm. Das betrifft alle Erscheinungen und Beziehungen, mögen sie nun aus der Sicht der Konvention, der Vernunft oder des Gesetzes lobenswert sein oder nicht. Dies gilt nur von der höchsten Wirklichkeit, die den Namen »Gott« trägt (der alle anderen in sich schließt). Die Wirklichkeit, die sich von Ihm unterscheidet, insofern sie an einem bestimmten Ort oder in einer bestimmten Form erscheint, wird durch qualitative Unterschiede bestimmt, zum Beispiel durch den Unterschied der Orte. Wenn es sich um jene Form handelt, die alle Unterschiede in sich zusammenfasst, nämlich den vollkommenen Menschen, dann enthält sie dem Wesen nach die Vollkommenheit in sich, da sie mit dem universellen Ort identisch ist, an dem sie erscheint. Die allumfassende Totalität, die durch den Namen »Gott« bezeichnet wird, ist ihr eingeboren, sie ist zugleich Er und nicht Er.

Abū al-Qāsim ibn Qissī[3] spielt auf diese Sachverhalte in seinem Buch »Das Ausziehen der beiden Sandalen« an, wenn er sagt: »Jeder göttliche Name trägt alle anderen in sich«. Dies deswegen, weil ein jeder dieser Namen sowohl mit dem Wesen Gottes als auch mit seiner individuellen Eigenheit bekleidet ist, die er in sich trägt. Insofern er das Wesen selbst in sich enthält, hat er an allen Namen teil, während er aufgrund der Tatsache, dass er einen bestimmten Aspekt dieses Wesens artikuliert, verschieden und (relativ) einzigartig ist. Im letzteren Sinn ist er von allen anderen Namen unterschieden, wie zum Beispiel Herr, Schöpfer, Gestalter usw. Im ersteren Sinn ist der Name seinem Wesen nach der Eine, der benannt wird, aber anders als Er, da er einen bestimmten Aspekt des Benannten repräsentiert.

Wenn du die Erhabenheit verstanden hast, von der ich spreche, dann wird dir klar sein, dass es sich weder um eine solche der Stellung noch des Ranges handelt. Was die letztere anbetrifft, so eignet sie Personen, die Macht ausüben, zum Beispiel Sultanen, Regenten, Ministern, Richtern, kurz, allen Inhabern eines Amtes, mögen sie dieses Amtes nun würdig sein oder nicht. Sich selbst genügende Erhabenheit ist nicht von dieser Art. Es ist gut möglich, dass der weiseste Mensch unter der Herrschaft des ignorantesten Dummkopfs steht, der zufällig ein mächtiges Amt innehat. Die Erhabenheit des letzteren ist einzig durch das Amt bedingt, während der erstere durch sich selbst erhaben ist. Wenn der Inhaber des Amtes seiner Funktion enthoben wird, verliert er auch seine Erhabenheit. Dies ist bei dem wahrhaft Weisen nicht der Fall.

Anmerkungen:

[1] Abu Bakr al-Kharraz starb um 899 und verfasste unter anderem das Kitāb as-sidq, das »Buch der Wahrhaftigkeit«. Er soll die Begriffe des Entwerdens (fanā) und des ständigen Lebens oder Ruhens in Gott (baqā) in die Sufitradition eingeführt haben. Von ihm stammt die Aussage: »Nur Gott hat das Recht, Ich zu sagen; denn wer immer Ich sagt, wird nicht die Stufe der Erkenntnis erreichen«.

[2] Diese Passage liest sich wie ein islamischer Kommentar zur christlichen Trinitätslehre und Soteriologie.

[3] Begründer einer Schule des Sufismus im 12. Jahrhundert, der 1130 in einen Aufstand gegen die Almorawiden in der Algarve verwickelt war. Über sein Buch schrieb Ibn Khaldun 150 Jahre später, es sollte wegen seiner ketzerischen Gedanken besser verbrannt werden.

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