Die Ringsteine der Weisheit – VI – Isaak

Abraham Ravenna

Szenen aus dem Leben Abrahams

6. Kapitel: Die Weisheit der höchsten Wirklichkeit im Wort Isaaks

Das Lösegeld eines Propheten ist ein Tier,
das als Opfer dargebracht wird.
Wie aber lässt sich das Blöken eines Schafs
mit der Rede des Menschen vergleichen?
Gott der Allmächtige machte den Widder mächtig,
um unseretwillen oder um seinetwillen,
ich weiß nicht, aus welchem Grund.
Zweifellos erzielen andere Opfertiere einen höheren Preis.
Aber sie sind weniger wert als ein Widder,
der als Opfer geschlachtet wurde.
Wüsste ich doch, wie ein unbedeutender Widder
zum Ersatz für den Stellvertreter des Allerbarmers werden konnte!
Erkennst du nicht eine gewisse Logik darin:
Die Vermehrung von Gewinn und die Verminderung von Verlust?
Kein Geschöpf steht höher als der Stein und nach ihm die Pflanze,
in einem gewissen Sinn und nach einem gewissen Maßstab.
Nach der Pflanze kommen die fühlenden Wesen:
sie alle kennen ihren Schöpfer
durch eine unmittelbare Erkenntnis und aufgrund klarer Beweise.
Was jenen anbetrifft, der Adam heißt, so ist er der Intelligenz,
dem Gedanken und dem Kranz des Glaubens verpflichtet.
In bezug auf ihn sagte Sahl [1], ein Gnostiker wie wir,
weil wir und sie die Stufe der geistigen Schau erlangt haben:
Wer gesehen hat, was ich gesehen habe,
wird dasselbe sagen wie ich, ob offen oder im Geheimen.
Ziehe Worte, die unseren widersprechen, nicht in Betracht,
und säe keinen Samen in unfruchtbare Erde.
Denn sie sind die Tauben, die Dummen,
über die der Sündlose im Koran gesprochen hat.

Wisse – Gott möge mich und dich stärken –, dass Abraham, der Freund Gottes, zu seinem Sohn sagte: »Ich sah im Traum, dass ich dich tötete und als Opfer darbrachte« (37,102). Im Traumzustand weilen wir in der Welt der Imaginationen; aber Abraham deutete nicht, was er sah, denn es war ein Widder, der ihm in Gestalt seines Sohnes im Traum erschien, während Abraham glaubte, was er sah. So rettete sein Herr den Sohn vor Abrahams Missverständnis durch das Große Opfer des Widders, in dem wir den wahren Sinn seiner Schau zu sehen haben, der Abraham nicht bewusst war.

Die Selbstoffenbarung der höchsten Wirklichkeit in der Welt der Imaginationen setzt ein Urteilsvermögen voraus, das imstande ist, zu erkennen, was Gott durch eine bestimmte Form, die erscheint, sagen will. Hast du nicht über die Äußerung des Gesandten Gottes nachgedacht, der von der Deutung seiner Schauungen sprach, als er zu Abu Bakr sagte: »In manchen Fällen hatte ich Recht, in anderen irrte ich mich«? Abu Bakr bat ihn, ihm zu verraten, in welchen Fällen er sich geirrt habe und in welchen nicht, aber er erhielt keine Antwort.

Gott sagt zu Abraham: »Oh Abraham, du glaubtest, was du sahst« (37,105), und er sagte nicht: »Du hattest Recht in bezug auf das, was du gesehen hast«, nämlich indem du deinen Sohn sahst, denn er deutete nicht, was er sah, sondern nahm es für bare Münze, obgleich Imaginationen der Deutung bedürfen. Daher sagt Josephs Meister: »Wenn du das Geschaute deutest« (12,43). Deutung heißt, über die Form, die geschaut wird, hinauszugehen.

So waren die Kühe Symbole für Jahre des Mangels und des Überflusses. Hätte Abraham seine Schau treu befolgt, hätte er seinen Sohn getötet, denn er glaubte, er sähe seinen Sohn, während Gott ihm nichts als das Große Opfer in Gestalt seines Sohnes zeigte. Deswegen rettete Er ihn vor der falschen Vorstellung, die sich in Abrahams Geist festgesetzt hatte. In Wahrheit ging es aus der Sicht Gottes um kein Lösegeld, sondern um das Opfer selbst. Die Sinne forderten das Opfer und die Imagination schuf die Gestalt von Abrahams Sohn. Hätte er in seiner Imagination die Gestalt eines Widders gesehen, hätte er ihn als Hinweis auf seinen Sohn oder auf etwas anderes gedeutet. Dann sagt Gott: »Dies ist in der Tat eine schwere Prüfung« (2,49), d.h., eine Prüfung seiner Urteilsfähigkeit, ob er imstande war, zu erkennen, welche Deutung im Zusammenhang der Schau erforderlich sei oder nicht. Abraham wusste, dass die Imagination der Deutung bedarf, aber war unachtsam und berücksichtigte die Eigenart der Imagination in diesem Fall nicht. Daher glaubte er, was er sah.

Taqī ibn al-Mukhallad [2], der Imām und Autor des Musnad, hörte, dass der Gesandte gesagt hatte: »Wer immer mich im Schlaf sieht, sieht mich im Wachen, denn Satan vermag nicht meine Gestalt anzunehmen« (hadīth). Er sah den Gesandten im Schlaf, wie er ihm Milch zu trinken gab. Er glaubte vordergründig seiner Schau und führte ein Erbrechen herbei. Wäre er zur Bedeutung seiner Schau vorgedrungen, wäre die Milch für ihn ein Bild der Erkenntnis gewesen, aber Gott gewährte ihm nicht viel Erkenntnis, da er sie als Milch zu sich nahm.

Hast du nicht bedacht, dass der Prophet, als ihm im Traum eine Schüssel voll Milch gebracht wurde, sagte: »Ich trank daraus, bis ich völlig gesättigt war und gab den Rest Umar« (hadīth). Er wurde gefragt: »Wie deutest du diesen Traum, oh Gesandter Gottes?« Er antwortete: »Erkenntnis«, – also fasste er das, was er sah, nicht einfach als Milch auf, weil er die Eigenart der Schau berücksichtigte und wusste, dass sie der Deutung bedarf.

Es ist allgemein bekannt, dass die Gestalt des Propheten, die durch die Sinne wahrnehmbar war, in Medina begraben ist und dass seine geistige Form und sein höheres Wesen niemals von jemandem (mit physischen Augen) gesehen wurden, wie dies bei allen geistigen Wesen der Fall ist. Der Geist des Propheten erscheint imaginativ in der Gestalt seines Körpers, den er bei seinem Tode trug, aber unberührt von den Zeichen des Zerfalls; tatsächlich ist es Mohammed, der als Geist in Gestalt einer körperlichen Form erscheint, die dem begrabenen Körper gleicht, dessen Form Satan nicht anzunehmen vermag – dadurch schützt Gott den Empfänger der Schau. Und so akzeptiert ein jeder, der ihn auf diese Weise sieht, alles, was er gebietet oder verbietet und alles, was er sagt, so wie er sie in dieser Welt akzeptieren würde, je nachdem, ob der Sinn der Worte erkennbar ist oder nicht, oder was immer sie bedeuten mögen. Wenn er ihm andererseits etwas überreicht, dann unterliegt die Erscheinungsform des Überreichten der Notwendigkeit einer Deutung. Wenn aber dieser Gegenstand in der sinnlichen Welt dasselbe besagt, wie in der imaginativen, dann bedarf die Schau keiner Deutung, und so gingen Abraham und Taqī ibn al-Mukhallad mit dem um, was sie sahen.

Da nun jede Schau diese zwei Aspekte hat, und da Gott uns dadurch belehrte, wie er mit Abraham verfuhr und was er zu ihm sagte, und diese Belehrung sich auf den Zustand der Prophetie bezieht, wissen wir, dass wir jede Schau, die uns von der höchsten Wirklichkeit zuteil wird und die eine Form besitzt, die unserer Vernunft unannehmbar erscheint, aus der offenbarten Wahrheit heraus deuten müssen, entweder aus der Perspektive des Empfängers der Schau oder aufgrund ihres Zusammenhangs mit der Schöpfung oder aber beides. Wenn aber die Vernunft sie nicht verwirft, dann nehmen wir sie an, so wie wir sie sehen, gerade so als würden wir die höchste Wirklichkeit nach dem Tode sehen.

An jedem Ort des Seins oder Werdens
nimmt der Einzige, Barmherzige Formen an,
seien sie verborgen oder offenbar.
Wenn du sagst: »Dies ist die Wirklichkeit«, hast du die Wahrheit gesprochen,
wenn du sagst: »etwas anderes«, dann deutest du.
Sein Wesen fügt sich jedem Ort gleichermaßen ein,
tatsächlich enthüllt er den Geschöpfen stets seine Wirklichkeit.
Wenn er sich selbst dem Auge zeigt, eilt die Vernunft herbei,
um gegen ihn zu zeugen.
Seine Erscheinung in der Imagination wird anerkannt,
denn die unmittelbare Schau trügt nicht.

Abū Yazīd al-Bistāmī [3] sagte in Bezug auf diese Stufe des Bewusstseins: »Wenn der Thron und alles, was ihn umgibt, hundert Millionen mal vervielfältigt, sich in einer der Kammern des Herzens des Gnostikers befände, wäre er sich dessen nicht bewusst«. Dies war die Reichweite seines Bewusstseins in der Welt der körperlichen Formen. Ich aber sage: Befände sich das grenzenlose Sein, wenn wir seine Grenze imaginieren könnten, zusammen mit dem Wesen, das dieses Sein ins Dasein rief, in einer der Kammern des Herzens des Gnostikers, dann hätte er kein Bewusstsein davon. Es wird allgemein angenommen, dass das Herz die höchste Wirklichkeit umfasst, aber auch, wenn sie es anfüllt, dürstet es doch weiter, wie Abū Yazīd gesagt hat. Wir haben mit folgenden Worten auf diese Erfahrung hingedeutet:

Oh, Du, der Du alles in Dir erschaffst,
Du umfasst alles, was Du erschaffst.
Obgleich Du Wesen ohne Zahl in Dir erschaffst,
bist Du zugleich der Begrenzte und der Allumfassende.
Befände sich die gesamte Schöpfung meines Herrn in meinem Herzen,
leuchtete doch sein strahlender Morgen dort nicht auf.
Wer die höchste Wirklichkeit umfasst, enthält alle Geschöpfe,
Wie also verhält es sich in Wahrheit, Du, der Du hörst?

Jeder Mensch erschafft nach Laune durch seine imaginative Fähigkeit Dinge, die nirgendwo anders existieren, und dies ist eine allgemein verbreitete Gabe. Der Gnostiker aber erschafft durch seine geistige Sammlung Dinge, die jenseits des Ortes seiner Sammlung Bestand haben, tatsächlich erhält seine geistige Sammlung sie fortdauernd im Dasein und diese Tätigkeit vermindert keineswegs seine Kraft. Sollte die Aufmerksamkeit des Gnostikers von der Aufrechterhaltung dessen, was er ins Dasein gerufen hat, abgelenkt werden, hört es auf, zu existieren, es sei denn, der Gnostiker hat die Herrschaft über alle Welten erlangt. Dann tritt eine solche Ablenkung nicht ein, weil er jederzeit in irgendeiner dieser Welten anwesend ist. Wenn der Gnostiker, der eine solche Macht erlangt hat, etwas durch seine geistige Sammlung erschafft, dann ist es in allen Welten vorhanden. In einem solchen Fall erhalten sich die von ihm erzeugten Formen gegenseitig im Dasein, so dass alle Formen, mag er auch in dieser oder jener Welt abwesend sein, durch jene Form im Dasein erhalten werden, auf die er seine Aufmerksamkeit gerade richtet; die Aufmerksamkeit geht nie gänzlich verloren, weder in der gesamten Menschheit, noch unter den Auserwählten.

Ich werde hier ein Geheimnis aussprechen, das die Menschen stets behütet haben, weil es ihrem Anspruch zu widersprechen scheint, mit der höchsten Wirklichkeit eins zu sein. Die höchste Wirklichkeit ist niemals unaufmerksam, während der Diener seine Aufmerksamkeit nie allem gleichzeitig zuwendet. Von etwas, das er geschaffen hat und im Dasein erhält, mag der Gnostiker sagen: »Ich bin die höchste Wirklichkeit« [4], aber seine Tätigkeit kann nicht mit jener verglichen werden, durch welche die höchste Wirklichkeit alles Geschaffene im Dasein erhält. Wir haben den Unterschied zwischen beiden bereits erläutert, denn in dem Maße, in dem er die Aufmerksamkeit von einer Form in ihrer Welt abwendet, ist er ein Diener, der sich von der höchsten Wirklichkeit unterscheidet. Diese Unterscheidung bleibt selbst dann bestehen, wenn wir die Tatsache in Betracht ziehen, dass die einer einzelnen Form in einer bestimmten Welt zugewandte Aufmerksamkeit den Bestand aller anderen sichert, denn dabei handelt es sich um eine Erhaltung aufgrund von Implikation. Die höchste Wirklichkeit hingegen erhält alles von ihr Geschaffene fortwährend selbst im Dasein und zwar jedes Einzelne mit ihrer vollen Zuwendung.

Diese ganze Frage wurde, wie mir berichtet wird, nie zuvor in einem Buch behandelt, weder von mir, noch von irgendjemand anderem. Meine Ausführungen sind in der Tat neuartig und ohne Vorbild. Hüte dich also, sie zu vergessen, denn jene Welt, in der du mit der von dir geschaffenen Form gegenwärtig bist, kann mit dem Buch verglichen werden, von dem Gott sagt: »Nichts haben wir in dem Buch ausgelassen« (4,38). Nur jener wird wirklich verstehen, was wir gesagt haben, dessen wahres Selbst eine in sich geschlossene Totalität ist (qur’ān). Denn für jene, die Gott fürchten, »wird er einen Unterschied machen« (8,29) und sie sind jene, über die wir in unserer Diskussion des Unterschiedes zwischen Diener und Herr gesprochen haben. Und dieser Unterschied ist der erhabenste aller Unterschiede.

Nun aber ist der Diener ein Herr, ohne Zweifel,
nun aber ist der Diener ein Diener, ganz gewiss.
Wenn Diener, dann umfasst er die höchste Wirklichkeit,
wenn Herr, dann steht er auf einer niedrigeren Stufe.
Als Diener schaut er sein wahres Selbst
und seine Hoffnungen rücken in die Ferne.
Als Herr schaut er alle Geschöpfe, die niederen und die hohen,
und alle stellen ihre Forderungen an ihn.
Aus sich selbst vermag er diese Forderungen nicht zu erfüllen,
und deswegen siehst du Gnostiker manchmal weinen.
So sei der Diener eines Herrn, nicht der Herr eines Dieners,
auf dass du nicht in das Feuer der Hölle stürzt.

Anmerkungen:

[1] Sahl al-Tustari, Zeitgenosse Al-Halladschs und zeitweise sein Gastgeber, gestorben 896. Entwickelte die Lehre vom Licht des Propheten, die den späteren Anschauungen des Sufismus über das mohammedanische Licht zugrunde liegt.

[2] Andalusischer Orthodoxer, starb gegen Ende des 9. Jahrhunderts.

[3] Sufi, gestorben 874. Verwendete als erster den Begriff des »Entwerdens« und benutzte erstmals die Erzählung von der Himmelsreise des Propheten, um seine eigenen Erfahrungen zu beschreiben.

[4] Eine Aussage des 922 wegen Ketzerei hingerichteten Sufi al-Halladsch.

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