Jungfräuliche Empfängnis und Paraklet – der zwölfte Imam

Die Jamkaran Moschee in der Nähe von Qomm im Iran wurde zu Ehren des zwölften Imām errichtet, der an diesem Ort einem Pilger im Jahr 984 erschienen sein soll. Sie ist eines der wichtigsten Heiligtümer des Schī’ismus. Quelle: Wikipedia

Die Jamkaran Moschee in der Nähe von Qomm im Iran wurde zu Ehren des zwölften Imām errichtet, der an diesem Ort einem Pilger im Jahr 984 erschienen sein soll. Sie ist eines der wichtigsten Heiligtümer des Schī’ismus. Quelle: Wikipedia

Der letzte Imām, Mohammad al-Mahdī, der Imām, der im Jahr 873 unserer Zeitrechnung in die »große Verborgenheit« eingetreten ist, entspricht einer Reihe anderer archetypischer Heroen, die ebenfalls aus der sinnlichen Welt entrückt wurden, ohne die Schwelle des Todes zu übertreten: Henoch, Elias, nach koranischer Auffassung sogar Christus, der nicht am Kreuz gestorben ist, sondern »an einen anderen Ort« gebracht wurde. Als derjenige, der am Ende der Zeiten in seiner ganzen Fülle wieder erscheinen und der gequälten Menschheit nach Zeiten der Tyrannei und Gewalt Gerechtigkeit und Frieden bringen wird, entspricht er außerdem dem Maitreya Bodhisattva des Mahayana-Buddhismus, dem Saoshyant des Zoroastrismus und dem Christus, dessen Wiederkunft erwartet wird.

Die traditionelle Erzählung der Zwölfer-Schia von der Ankunft dieses Imām auf Erden, die jedem, der die esoterische Bedeutung des Islam zu verstehen sucht, eine Fülle an Meditationsstoff bietet, berichtet von einer christlichen byzantinischen Prinzessin namens Narzissa, die durch ihre Liebe auf wundersame Weise einem göttlichen Kind zur Geburt verholfen hat. Sie berichtet von einer geheimnisvollen Begegnung zwischen Christus und Mohammed in der geistigen Welt im 9. Jahrhundert, in deren Verlauf die Seele des Christentums (die genannte Prinzessin) in die Obhut der mohammedanischen Sophia, die Hände der Prophetentochter Fātima übergeben wurde, die zugleich die Matrix der esoterischen Tradition der Imāme ist, die sich mit dem Sohn der genannten Narzissa, dem zwölften Imām, in die geistige Welt zurückgezogen hat, so wie sich das Christentum nach den Gralserzählungen in diese Welt zurückgezogen hat.[1]

Der zehnte Imām, ’Alī Naqī, der im Alter von sieben Jahren zur Imām-Würde aufstieg, und im Jahr 869 kurz nach seinem vierzigsten Geburtstag starb, musste laut Corbin besonders unter den Verdächtigungen und Schikanen des abbassidischen Khalifen leiden. Dieser hatte Samarra, einige hundert Kilometer nördlich von Bagdad, zu einer militärischen Festung ausgebaut. Dort hielt er den Imām zwanzig Jahre mehr oder weniger als Gefangenen fest. In dieser Stadt wurde im Jahr 845 dem zehnten Imām ein Sohn geboren, der spätere Imām Hasan, der wegen seiner Geburt an diesem Ort Hasan al-’Askarī genannt wird (von ’askar, Armee). Und ebenso wurde hier, am 3. August 868, der Sohn des letzteren, der zwölfte und letzte Imām geboren.

Aufgrund seiner göttlichen Gabe der Voraussicht richtete der Imām ’Alī Naqī alles so ein, dass sein Sohn jenes Mädchen heiraten konnte, das zur Mutter des zwölften Imām bestimmt war. Geheimnisvoll spielten in der Vorgeschichte dieser Heirat das Vorwissen des Imām und die Erlebnisse des christlichen Mädchens zusammen, die durch eine Reihe prophetischer Träume auf ihr künftiges Schicksal vorbereitet wurde. Beeindruckend – wenn auch für manchen gewiss befremdlich – bringt der Schī’ismus durch diese Geschichte zum Ausdruck, in welchem Verhältnis er sich selbst zum Christentum sieht.

Schon die erste Generation der schī’itischen Theologen gab diesen Erzählungen ihre heutige Gestalt. Sie gehen auf Augenzeugen zurück, die bei den Geschehnissen selbst zugegen waren, zuletzt auf einen engen Vertrauten des zehnten und elften Imām, namens Bashār ibn Solaymān Nahās.

An einem bestimmten Tag lässt der zehnte Imām diesen durch seinen Diener Kāfūr zu sich rufen. Nachdem er vor ihm Platz genommen hat, sagt der Imām zu ihm: »O Bashar! du bist unser Freund! Du und die deinen haben eine stets gleichbleibende Hingabe an die Mitglieder der Familie des Propheten bewiesen. Ich will dir eine besondere Ehre erweisen, wie sie keinem unserer Schī’iten zuteil geworden ist. Ich werde dir ein Geheimnis anvertrauen und dich auf eine Reise schicken, um ein bestimmtes Mädchen hierher zu bringen«.

Daraufhin verfasst der Imām einen Brief in griechischer Sprache, siegelt diesen, legt ihn in eine rote lederne Börse, in der sich 220 Dinar befinden, und erteilt Bashar folgende Anweisungen. Er soll sich nach Bagdad und dort zu einer bestimmten Zeit an das Ufer des Flusses begeben, zum Hafen, wo die Schiffe mit den Gefangenen anlegen. Dort werden sich die Beauftragten des Khalifen als mögliche Sklavenkäufer aufhalten. Bashar soll den ganzen Tag das Geschehen, das sich auf einem Schiff abspielt, das einem gewissen ’Amr ibn Yazīd gehört, aus der Ferne beobachten. In einem bestimmten Moment wird er sehen, dass dieser den potentiellen Käufern ein Mädchen zeigt, das ein Doppelkleid aus Seide trägt, um sich vor den Blicken und Händen der Menschen abzuschirmen. »Du wirst hören, wie sie sich mit hoher Stimme in griechischer Sprache unter ihrem zierlichen Schleier beklagt. Sie wird Folgendes sagen: ›Verdammt sei der Mensch, der meine Augenbrauen sieht!‹« Daraufhin wird einer der Umstehenden, bewegt von der großen Keuschheit dieses Mädchens, seinen Wunsch zum Ausdruck bringen, sie zu kaufen. Aber sie wird sagen: »Selbst wenn du den gesamten Ruhm und Reichtum Salomos, des Sohnes Davids, besäßest, würde ich dich niemals lieben können. Hüte dich also davor, deinen Reichtum zu verschwenden«. Der Inhaber des Schiffes, der ihr keine Gewalt antun möchte, wird seine beträchtliche Verstimmung kundtun; aber der Handel muss zu einem Ende kommen. »Warum diese Eile?« wird sie zu ihm sagen, »ich selbst muss jenen auswählen, der mich erwerben soll, damit mein Herz im Vertrauen und Gehorsam seinen Frieden findet, die ich ihm gegenüber empfinden werde«.

»In diesem Augenblick, o Bashar, tritt zu ’Amr ibn Yazīd hinzu und sage zu ihm: Ich trage einen Brief in griechischer Sprache bei mir, den ein edler Mann geschrieben hat; er beweist seine Großzügigkeit, Loyalität und Freimütigkeit. Übergib diesen Brief dem Mädchen, damit sie ihn meditiert und den Charakter dessen erkennt, der ihn verfasst hat. Wenn sie Neigung zu ihm empfindet, und damit zufrieden ist, dann sieh in mir seinen Vertreter, der in seinem Namen handeln darf«.

Alles geschieht genauso, wie der Imām es vorausgesagt hat und Bashar befolgt genau die erhaltenen Anweisungen. Nachdem das Mädchen den Brief gelesen hat, stößt sie unwillkürlich einen großen Seufzer aus, und erklärt gegenüber dem Eigentümer des Schiffes, wenn er sich weigere, sie gehen zu lassen, werde sie sich umbringen. Aber die Lösung des Knotens entspricht dessen Wünschen und Bashar bleibt nichts mehr zu tun, als das Mädchen in seine Residenz in Bagdad zu bringen, bevor er mit ihr nach Samarra zurückkehrt. Er bemerkt, dass sie die ganze Zeit lacht und glücklich ist und dass sie von Zeit zu Zeit den Brief aus ihrem Busen hervorzieht, um damit ihre Lippen, ihre Augen und ihre Brauen zu berühren. Er kann sich nicht zurückhalten, zu ihr zu sagen: »Ich bin über dein Verhalten erstaunt; du führst einen Brief an deine Lippen, dessen Autor du nicht einmal kennst!« Aber sie erwidert ihm: »O schwacher Mensch mit wenig Glauben! Möge die Erkenntnis des spirituellen Ranges der Kinder des Propheten die Zweifel deines Herzens zerstreuen«.

»Wisse«, so fährt das Mädchen fort, »dass ich in Wahrheit eine Prinzessin bin. Ich bin die Tochter Yeshū’as, des Sohnes des Kaisers von Byzanz [mit diesem Kaiser kann nur Basileios I. gemeint sein, der von ca. 812 bis 886 lebte, unter dessen Herrschaft der Patriarch Photios zunächst verbannt und später wieder eingesetzt wurde, was das große Schisma zwischen der byzantinischen und der römischen Christenheit vorbereitete]. Meine Mutter ist eine Nachfahrin der Apostel Christi; sie geht bis auf Sham’ūn (Simon Petrus) zurück, den wasī (spirituellen Erben, Imām) des Herrn Christus. Ich werde dir meine außergewöhnliche Geschichte erzählen.

Mein Großvater, der Kaiser, wollte mich mit seinem Neffen vermählen. Ich war dreizehn Jahre alt. Er versammelte in seinem Palast eine beeindruckende Zahl von Gästen. Dreihundert Kleriker und Mönche, siebenhundert Mitglieder des Hochadels, viertausend Angehörige des Militärs und des Landadels (insgesamt fünftausend). Im Palast ließ er einen vierzigstufigen Thron errichten, der mit Perlen und allen denkbaren Edelsteinen geschmückt war. Er hieß seinen Neffen auf diesem Thron Platz nehmen und um ihn herum stellte man viele Ikonen (Götzenbilder) auf. Die christlichen Priester erwiesen dem Thron den allergrößten Respekt. Man öffnete die Evangelien; aber plötzlich stürzten die Götzenbilder ein und die Säulen des Thrones zerbrachen. Mein Cousin wurde mit dem Thron in die Tiefe gerissen und verschwand in den Trümmern. Die Würdenträger und Adligen waren von Angst erfüllt, ihre Gesichter von Furcht entstellt. Der Höchste unter ihnen erklärte: O König! erspare uns den Anblick dieser düsteren Vorzeichen, denn ein solches Ereignis deutet auf den Niedergang und das Verschwinden der christlichen Religion hin. Mein Großvater, durch das Ereignis tief beunruhigt, gab seine Befehle: Richtet die Säulen des Thrones wieder auf. Stellt die Ikonen wieder an ihren Platz. Bringt den unglücklichen Neffen zu mir, auf dass ich seine Hochzeit mit diesem Mädchen zelebrieren kann und die düsteren Vorzeichen sich von uns abwenden. Aber in jenem Augenblick, als sich das Schmuckstück der ganzen Versammlung ein zweites Mal auf dem Thron niederließ, wiederholte sich die Katastrophe. Dieses Mal zerstreute sich die verängstigte Festgemeinde in alle Winde. Mein Großvater, der Kaiser, ließ von seinem Vorhaben ab und zog sich, voller Sorgen und Trauer in seine Privatgemächer zurück«.

Corbin kommentiert: Infolge dieser eindrucksvollen Vorzeichen beginnt eine Serie von Träumen, durch welche die spirituelle Initiation der jungen byzantinischen Prinzessin zu ihrem Abschluss kommt. Die erste Szene, an der uns die Erzählung teilhaben lässt, ist nur durch das Gesetz der Homologie verständlich, welches die Fortdauer des Pleromas der Zwölf von Epoche zu Epoche der Prophetie bestimmt. Überall, wo dieses Pleroma erscheint, trägt es dasselbe Geheimnis derselben initiatischen Religion in sich. Das Bedeutsame der hier geschilderten Ereignisse besteht darin, dass der Übergang des Pleromas der Zwölf von der christlichen Periode auf jenes der mohammedanischen Periode durch die Mutter des zwölften mohammedanischen Imām vollzogen und besiegelt wird. Durch diese Vermittlung vollendet sich in Gestalt des byzantinischen Mädchens die Initiation des Christentums in den Islam, oder vielmehr, in die islamische Gnosis, und diese Vermittlung ist die Frucht einer leidenschaftlichen mystischen Liebe, die sich im Traum offenbart. Das Gesetz der Homologie, das für das schī’itische Denken von zentraler Bedeutung ist, wird durch die gleichzeitige Anwesenheit Fātimas, der Tochter des Propheten und Mutter der heiligen Imāme, sowie Maryams, der Mutter Christi, unterstrichen. Im visionären Traum der byzantinischen Prinzessin übernimmt Fātima die Rolle, welche die extreme schī’itische Gnosis ihr zuschreibt, wenn sie diese als Fātima-Fātir, Fātima-Schöpfer (männlich) bezeichnet. Sie wird zur Initiation in Person.

»In der Nacht, die auf diese Ereignisse folgte«, erklärt das Mädchen Bashar, »habe ich Christus, den Herrn mit seinen Aposteln im Innern des Palastes gesehen, eben dort, wo am Tage der Thron errichtet worden war; an diesem Platz errichteten sie nun eine Kanzel (minbar, die Kanzel des Predigers in der Moschee), die ganz aus Licht bestand. Während sie dies taten, zogen Mohammed, sein wasi (Imām) und seine glorreichen Kinder (die übrigen heiligen Imāme) in den Palast ein. Christus, der ihm entgegen gegangen war, umarmte den Propheten Mohammed. Dieser sagte: O Geist Gottes (Ruh Allah)! Ich bin gekommen, um von dir die Prinzessin, die Tochter deines wasi Sham’ūn (Simon-Petrus) für meinen eigenen Sohn zu erbitten. Und er deutete mit der Hand auf den Imām Hasan ’Askarī. Christus, der Sham’ūn lange betrachtet hatte, sagte zu diesem: Das Zeichen der Ehre und des Adels ist zu dir gekommen. Knüpfe daher dieses Band zwischen deiner eigenen Familie und der Familie Mohammeds. Sham’ūn antwortete: So sei es. Und da schwebten alle zusammen (Mohammed und seine Imāme, Christus und seine Apostel) bis zur Spitze der Kanzel aus Licht; und dort sprach Mohammed ein erhabenes Gebet, um die Hochzeit seines Sohnes mit mir, unsere Vereinigung, deren Zeugen Mohammed und seine Kinder (die heiligen Imāme) und die Apostel des Christus waren, zu zelebrieren«. Der Imagination gefällt es, diese erhabene Szene im Tempel der Heiligen Sophia in Konstantinopel anzusiedeln.

Die Prinzessin fährt mit ihrer Erzählung fort. »Als ich aus diesem Traum erwachte, bekam ich Angst; ich hütete mich, jemandem davon zu erzählen, aus Furcht davor, mein Vater oder mein Bruder könnten mich töten. Ich bewahrte mein Geheimnis und erzählte niemandem davon, während die Liebe zum Imām Hasan ’Askarī in meinem Herzen wuchs, bis sie mich daran hinderte, Speise oder Trank zu mir zu nehmen. Ich magerte ab, wurde krank und ertrug großes Leid. Es gab keinen Arzt in den Städten des Reiches, den mein Vater nicht wegen möglicher Heilmittel konsultierte. Eines Tages sagte er in größter Verzweiflung zu mir: O Licht meiner Augen! Trägst Du in Deinem Herzen einen Wunsch, den ich erfüllen könnte? Ich antwortete: Die Pforten der Freude sind vor mir verschlossen. Wenn du jedoch die muslimischen Gefangenen freilässt, dann gibt es Hoffnung, dass Christus und seine Mutter mir zu Hilfe kommen. Nachdem mein Vater diesen Wunsch erfüllt hatte, zeigte ich Anzeichen der Erholung und begann wieder zu essen.

Nach vierzig Nächten hatte ich einen anderen Traum. Die Herrscherin der weiblichen Menschheit, Fātima, die Leuchtende, besuchte mich. Maryam begleitete sie mit tausend Jungfrauen (hūris) des Paradieses. Maryam sagte zu mir: Siehe, die Königin der Frauen und die Mutter deines Gemahls, Imām Hasan ’Askarīs. Ich ergriff den Saum ihres Gewandes und begann zu schluchzen. Ich beklagte mich, dass der Imām mich grausam behandele, indem er sich weigere, mich zu sehen. Aber ihre Herrlichkeit (Fātima) erwiderte: Wie könnte er zu dir kommen, mein Kind, wo du doch aus Gott mehrere Götter machst, indem du an deiner christlichen Religion festhältst? Sieh, meine Schwester Maryam. Sie hat sich Gott hingegeben, indem sie sich von der Religion befreit hat, die du noch immer bekennst. Wenn du in Gott, Maryam und Christus Wohlgefallen erregen willst, und wenn du Imām Hasan ’Askarī zu sehen wünscht, dann sprich mir nach: Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Gott gibt und dass Mohammed der Gesandte Gottes ist. Nachdem ich diese beiden ausgezeichneten Sätze gesprochen hatte, zog mich Fātima, die Königin der Frauen an sich und umarmte mich innig. Sie sagte zu mir: Nun erwarte den Besuch meines Kindes, ich werde ihn zu dir schicken.

Als ich erwachte, sprach ich immer noch die beiden ausgezeichneten Sätze und wartete sehsüchtig auf die Ankunft meines Imām. In der folgenden Nacht trat ich erneut in die Welt der Schauungen ein, und es erhob sich die Sonne der Schönheit seiner Herrlichkeit vor mir. Ich sagte zu ihm: O mein Geliebter! nachdem deine Liebe mein Herz zu ihrem Gefangenen gemacht hat, warum hast du mir bis heute den Anblick deiner Schönheit verweigert? Und er antwortete: Wenn ich so lange gebraucht habe, zu dir zu kommen, dann deswegen, weil du aus Gott mehrere Götter gemacht hast. Nun, wo du eine Muslima geworden bist, werde ich jede Nacht bei dir sein, bis zu jenem Augenblick, in dem Gott uns zusammenkommen lässt, ohne Hülle oder Schleier, und auf unsere Trennung unsere Vereinigung folgen wird. Nun, von jener Nacht an bis heute, ist keine Nacht verstrichen, ohne dass mein Geliebter mir nicht zur Linderung des Leidens der Trennung das Getränk der Vereinigung gebracht hätte«.

Dies ist das Geheimnis, das Bashar, dem Vertrauten der heiligen Imāme, anvertraut wurde. Er ist in den Bedingungen des übernatürlichen Lebens bewandert; es sind nicht jene, die er in Zweifel zieht. Er wird von einer ganz praktischen Frage umgetrieben: »Wie ist es dir gelungen, dich unter die Gefangenen zu mischen? – Eines Nachts, so die Prinzessin, setzte mich Imām Hasan ’Askarī davon in Kenntnis, dass mein Großvater, der Kaiser, eine Armee gegen die Muslime ausschickte. Er wies mich an, mich zu verkleiden, auf dass ich nicht erkannt würde, einige meiner Bediensteten mitzunehmen und der Armee in gebührendem Abstand zu folgen. Dies tat ich. Der Zufall wollte es, dass ein Spähtrupp der Muslime uns entdeckte und gefangen nahm. Und danach ist es mir so ergangen, wie dir bereits bekannt ist. Niemand außer dir weiß, dass ich die Tochter des Kaisers von Byzanz bin. Ein Schaich, dem ich während meiner Gefangenschaft zugeteilt wurde, fragte nach meinem Namen. Ich antwortete ihm: Ich hieße Narzissa (Narkes)«. Aber Bashar hat noch eine andere Frage: »Du bist Griechin; wie kommt es, dass du das Arabische so gut beherrschst?« Narzissa erklärt: »Mein Vater war sehr darauf bedacht, mir eine gute Bildung zu vermitteln; er vertraute mich einer Frau an, die eine Vielzahl von Sprachen beherrschte; Morgens und Abends erteilte sie mir Unterricht in Arabisch, so dass ich es am Ende gut sprechen konnte«.

Als Prinzessin Narzissa in Samarra dem Vater ihres Bräutigams, Imām ’Alī Naqī, vorgestellt wird, entspinnt sich zwischen beiden folgende Unterhaltung.

Er: »Auf welche Weise hat dich Gott den Ruhm der islamischen Religion und den Irrtum der christlichen, die Eminenz des Propheten und der Mitglieder seiner prophetischen Familie (der heiligen Imāme) erkennen lassen?«

Sie: »Wie sollte ich dir etwas beschreiben, o Kind des Gesandten Gottes, das du viel besser weißt, als ich?«

Er: »Gerne würde ich dich mit allen gebührenden Ehren aufnehmen. Was hättest du lieber: ein Geschenk von 20.000 Dinaren oder dass ich dir eine schöne Neuigkeit mitteile, die mit ewigem Ruhm verbunden ist?«

Sie: »Die gute Nachricht wünsche ich. Ich mache mir nichts aus Reichtum«.

Er: »Nun gut! hier die gute Nachricht: ein Kind wird von dir geboren werden, dessen Herrschaft vom Orient bis zum Okzident reichen wird, und das die Erde mit Frieden und Gerechtigkeit erfüllen wird, so wie sie heute mit Gewalt und Tyrannei erfüllt ist«.

Sie: »Von welchem Gatten wird dieses Kind stammen?«

Er: »Von jenem, für den Mohammed selbst um deine Hand angehalten hat. Dessen Vermählung mit dir Christus und die Apostel zugestimmt haben«.

Sie: »Um mich mit deinem Sohn zu verbinden, Imām Hasan ’Askarī«.

Er: »Du kennst ihn bereits?«

Sie: »Seit jener Nacht, als ich in die Hände der Herrin der Frauen das Bekenntnis zum Islam abgelegt habe, ist keine Nacht vergangen, in der er sich mir nicht gezeigt hat«.

Da ruft der Imām seinen Diener Kāfūr: »Bitte meine Schwester Hakīma Khātūn (die »Weise«, Sophia), zu kommen«. Als sie eintritt, sagt er zu ihr: »Hier ist das Mädchen, von dem ich gesprochen habe«. Hakīma umarmt Narzissa zärtlich. Darauf sagt der Imām zu ihr: »O Tochter des Gesandten Gottes! Begleite Narzissa in dein Haus. Unterrichte sie in unseren Traditionen, lehre sie alles, was die Frau Imām Hasan ’Askarīs, die Mutter des Auferweckers wissen muss«.

Von dieser Hakīma, der Schwester Imām Hasan Naqīs, der Tante des jungen Gemahls Imām Hasan ’Askarī, stammt der Bericht, der uns über die Umstände der Geburt des zwölften Imām aufklärt. Sie selbst hat der Tradition gemäß folgendes erzählt:

»In der Nacht des 3. August 868, einem Donnerstag, begab ich mich in das Haus meines Neffen, des Imām der Zeit, Hasan ’Askarī. Als ich mich verabschieden wollte, sagte seine Herrlichkeit zu mir: O Tante! bleib diese Nacht bei uns, denn in dieser Nacht wird das edle Kind geboren, durch das Gott die Erde mit der Erkenntnis, dem Glauben und der spirituellen Rechtschaffenheit wieder beleben wird, und nach dessen Erscheinen es keine geistige Verwirrung und keine Monstrositäten mehr geben wird. Ich fragte: Mein Herr, wer wird dieses Kind gebären? – Nun, selbstverständlich Narzissa! – Also sah ich Narzissa an und ich konnte keinerlei Zeichen an ihr erkennen, dass sie ein Kind erwartete. Ich war sehr erstaunt. Seine Herrlichkeit, der Imām lachte und sagte: O meine Tante! wenn der Morgen anbricht, wird ein Zeichen sichtbar werden. Es wird wie bei der Mutter Mose sein, die bis zur Stunde der Geburt keinerlei Anzeichen einer Schwangerschaft zeigte, um den Maßnahmen des Pharao zu entgehen, der die Frauen, die schwanger waren, töten wollte«.

Hierzu Corbin: Aber es handelt sich nicht nur darum, dem Pharao zu entkommen oder dem abbassidischen Khalifen, der ihn bestens repräsentiert. Oder besser: dem Pharao zu entkommen, heißt, allen Konsequenzen zu entkommen, die ein mögliches Missverständnis der göttlichen Anthropomorphose in der Person des Imām nach sich zöge, ein Missverständnis, das diese mit einer Materialisierung des Göttlichen im Fleisch und in der Geschichte verwechselte. Alle Einzelheiten der Geschichte, die Hakīma berichtet, zeigen uns, wie die schī’itische Imāmologie die wesentlichen Züge und Eigenheiten der gnostischen Christologie reproduziert. Da es sich um eine Theophanie handelt, und nicht um eine Inkarnation oder hypostatische Union, die zur Verschmelzung zweier unvereinbarer Naturen führen würde, zeigt sich der Imām im schī’itischen Bewusstsein in jener Gestalt, die einer anderen, als der offiziellen Christologie entspricht, jener, die von den valentinianischen Gnostikern bis zu Valentin Weigel fortbestand und es als Blasphemie betrachtet hätte, von etwas anderem zu reden, als einem Geistleib (caro spiritualis). Man redet von Doketismus; aber der Doketismus, ob bei Marcion oder jemand anderem, leugnet nicht die Realität des Ereignisses; er macht daraus weder einen Mythos noch ein Phantom. Vielmehr nimmt er dieses Ereignis auf einer Ebene der spirituellen Wirklichkeit wahr, auf der Materialismus oder Säkularisation, d.h. die Reduktion auf die Ebene der empirischen Evidenzen, schlechterdings unmöglich sind. Da sie sich jenseits der Ebene der gewöhnlichen Evidenzen abspielen, erscheinen diese Ereignisse paradox. Erreichbar und verständlich sind sie nur einer gnostischen Inspiration.

Hakīma fährt fort: »Imām Hasan sagte zu mir: Uns, die Erben des Gesandten Gottes, tragen unsere Mütter nicht in ihrem Bauch, sondern in der Seite; wir kommen nicht aus dem Bauch heraus, sondern aus ihrem Oberschenkel, weil wir die Lichter des Höchsten Gottes sind und weil er jede Befleckung oder Unreinheit von uns fernhält.

Ich ging also zu Narzissa und unterhielt mich mit ihr über diese Dinge. Sie sagte zu mir: O Khātūn! ich bemerke keinerlei Zeichen an mir. – Daher beschloss ich, die ganze Nacht bei ihr zu bleiben; ich nickte jedoch ein und schlief neben Narzissa. Jede Stunde vergewisserte ich mich ihres Zustandes; in dieser Nacht wiederholte ich, mehr noch als die Nächte zuvor, alle Gebete des Tages. Als ich beim letzten Nachtgebet ankam, erwachte Narzissa. Sie nahm ihre rituellen Waschungen vor, sprach das Gebet zur Morgendämmerung, und während ich sie beobachtete, erhob sich der trügerische Morgen. Nicht wenig fehlte, dass der Zweifel in meinem Herzen ob der Verzögerung erwachte, die das Versprechen des Imām als falsch zu erweisen schien. Plötzlich rief der Imām aus seinem Zimmer: Zweifle nicht, die Stunde ist gekommen. In diesem Augenblick bemerkte ich bei Narzissa eine gewisse Unruhe. Ich nahm sie in meine Arme und rezitierte über ihr den Namen Gottes. Der Imām rief: Sprich über ihr die Sure: Wir haben ihn veranlasst, in der Nacht des Schicksals herabzusteigen (97:1 ff.) Da fragte ich, ob sie etwas verspüre. – Es scheint, sagte sie, das Zeichen dessen, was mein Herr angekündigt hat, zeige sich. – Als ich die Sure zu rezitieren begann, hörte ich, wie das Kind im Busen seiner Mutter sie mitrezitierte, und einen Segen über mich aussprach. Ich begann mich zu fürchten. Der Imām rief mir aus seinem Zimmer erneut zu: Staune nicht über die Macht Gottes, die uns dazu befähigt hat, seine Weisheit auszusprechen und uns zu seinen Garanten auf Erden gemacht hat. Als der Imām mit seiner Rede fertig war, verschwand Narzissa vor meinen Augen. Es war, als würde sich ein Schleier zwischen uns ausbreiten. Ich lief unter Klagen zum Imām. Er sagte: O Tante, kehre um! Du wirst Narzissa an ihrem Platz finden.

Als ich zurückkehrte, war der Schleier verschwunden, und Narzissa leuchtete in einem Licht, das meine Augen blendete. Und ich sah seine Herrlichkeit, Sāhib al-Amr (den zwölften Imām), der zur Qibla gewandt, die beiden Zeigefinger zum Himmel gerichtet, auf dem Gebetsteppich kniete, und rezitierte: Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Gott gibt, dass mein Ahne der Gesandte Gottes ist und mein Vater, der Anführer der Gläubigen, der Führer zu Gott ist (Walī Allah, der Freund Gottes). Dann zählte er alle Imāme auf, einen nach dem anderen, bis er selbst an die Reihe kam. Dann sagte er: O mein Gott! Halte dein Versprechen, dass du mich unterstützen wirst; gib mir die Vollkommenheit des Imām, lenke meine Schritte und erfülle die Erde durch mich mit Gerechtigkeit.

In diesem Augenblick rief Imām Hasan aus dem Nebenzimmer: Tante! nimm das Kind auf deine Arme und bring es mir. Als ich es in meine Arme nahm, sah ich, dass es bereits beschnitten, die Nabelschnur durchtrennt und es sauber und rein war. Auf seinem rechten Arm stand geschrieben: »Die Wahrheit ist erschienen, die Lüge ist geflohen; die Lüge war dazu bestimmt, zu verschwinden« (17:83). Als ich das selige Kind zu seinem Vater getragen hatte, richtete es seinen Blick auf ihn und grüßte ihn. Seine Herrlichkeit, der Imām, nahm es in seine Arme und küsste es mit seinen gesegneten Lippen auf die Augen, den Mund und die Ohren. Er machte ein Zeichen in den Ballen seiner linken Hand, legte seine eigene Hand auf den Kopf des Kindes und sagte: O mein Kind!, sprich durch die Macht Gottes. Da sprach seine Herrlichkeit Sāhib al-Zamān (der kindliche Imām, der Herr der Zeit): »Im Namen Gottes, des Mitleidvollen, des Barmherzigen! Wir schenken unsere Gunst jenen, die von den Tyrannen dieser Welt unterdrückt worden sind. Wir werden aus ihnen die Imāme der Religion machen. Wir werden ihre Herrschaft auf Erden errichten und dem Pharao, Haman und ihren Armeen zeigen, wovor sie sich fürchten müssen (28:4-5)«.

Seine Herrlichkeit sprach nun Segnungen über den Propheten, den Anführer der Gläubigen und alle Imāme bis zu seinem Vater aus. In diesem Moment erschien ein Vogelschwarm über dem Haupt des Kindes. Imām Hasan rief einen dieser Vögel und sagte zu ihm: Nimm dieses Kind in deine Obhut, und behüte es vierzig Tage. Der Vogel ergriff das Kind und flog mit ihm in den Himmel. Der Imām sagte dasselbe zu den anderen Vögeln und sie flogen davon. Dann sagte er: Ich vertraue dich jenem an, dem auch Moses von seiner Mutter anvertraut wurde. Da weinte Narzissa. Aber der Imām sagte zu ihr: Beruhige dich! Er wird keine andere Milch trinken, als die deinige. Bald werden sie ihn dir zurückbringen, so wie Moses zu seiner Mutter zurückgebracht wurde. So wie der Vers sagt: »Wir haben Moses zu seiner Mutter zurückgebracht, auf dass ihre Augen von seinem Licht erfüllt seien«. Wer ist dieser Vogel, fragte ich, dem du das Kind anvertraut hast? Der Imām antwortete: Das ist der Heilige Geist, dem die Imāme anvertraut sind; er ist es, der ihnen Gottes Beistand bringt, der sie vor allen Irrtümern bewahrt und sie mit der hohen Erkenntnis schmückt.

Vierzig Tage später ging ich zu meinem Neffen. Als ich zu ihm gelangt war, sah ich ein Kind, das im Haus herumspazierte. Ich rief aus: Mein Herr! dieses Kind ist zwei Jahre alt. Der Imām lachte und sagte: Die Kinder des Propheten und der Gottesfreunde, wenn sie Imāme sind, wachsen auf andere Art, als die übrigen Kinder. Bei ihnen entspricht ein Monat einem Jahr. Sie sprechen, noch während sie sich im Busen ihrer Mutter befinden; sie rezitieren den Koran und erweisen ihrem göttlichen Herrn ihren Dienst. Noch während sie klein sind, werden sie jeden Morgen von den Engeln unterrichtet und jeden Abend steigen diese zu ihnen herab.

Während vierzig Tagen ging ich ihn besuchen, die ganze Zeit als Imām Hasan ’Askarī noch lebte, bis in die letzten Tage vor seinem Tod. Eines Tages begegnete ich dem Kind in Gestalt eines Vollkommenen Menschen. Ich erkannte ihn nicht und sagte zu meinem Neffen: Wer ist dieser Mensch, an dessen Seite du mich einlädst, Platz zu nehmen? – Aber das ist das Kind von Narzissa, sagte er zu mir. Er wird mein Nachfolger sein, wenn ich binnen kurzem von euch gegangen sein werde. Ihr müsst seinen Worten folgen und seinen Anordnungen gehorchen. Das war wenige Tage, bevor der Imām in die Welt der Heiligen hinüberging. Und nun verbringe ich jeden Morgen und Abend eifrig im Dienste des Imām dieser Zeit, er beantwortet mir jede Frage, die ich ihm stelle. Manchmal gibt er mir sogar Antworten auf Fragen, die ich noch gar nicht gestellt habe«.

Den Bericht über den Tod des elften Imām verdanken wir Ismai’l Nawbakhti. Beim Nahen seines Todes setzte Imām Hasan seinen kleinen Sohn ausdrücklich als seinen Nachfolger ein. »Ich ging«, berichtet Nawbakhti, »den Imām während seiner letzten Krankheitstage besuchen und hatte mich an seine Seite gesetzt. Er sagte zu ’Aqid, seinem Diener, bereite mir einen Mastixaufguss zu, während die Mutter des Sāhib al-zamān die Schale brachte und sie in die Hände Hasan ’Askarīs übergab. Aber als er zu trinken versuchte, zitterte seine Hand so sehr, dass die Schale seine Zähne verletzte. Er stellte sie zur Seite und sagte zu ’Aqid: Geh in das benachbarte Zimmer und bring mir das Kind, das dabei ist, zu beten. Als ich in das Zimmer kam, sagte ’Aqid, sah ich das Kind auf seinem Gebetsteppich, seine beiden Zeigefinger gen Himmel gerichtet. Nachdem ich es begrüßt hatte, beendete es sein Gebet und sagte zu mir: Friede sei mit dir. Ich antwortete: Mein Meister verlangt nach dir. In diesem Augenblick kam seine Mutter und brachte ihn zu seinem Vater. Die Anmut des Kindes war wie strahlendes Licht, mit seinen lockigen Haaren und dem Lächeln, das auf seinen Lippen lag. Als der sterbende Imām seinen Blick auf ihn gerichtet hatte, weinte er und sagte: O, Du, der du von nun an das Oberhaupt der Familie des Propheten sein wirst, gib mir zu trinken, denn ich werde zu meinem Beschützer zurückkehren. Das Kind nahm die Schale mit dem Aufguss, sprach ein Gebet und reichte sie seinem erhabenen Vater. Als dieser getrunken hatte, sagte er: Bereite mich für das Gebet vor. Man brachte ein Handtuch. Das Kind führte an seinem Vater die rituellen Waschungen durch und salbte seinen Kopf und seine Füße. Und der sterbende Imām sagte zu ihm: O mein edles Kind! du bist von nun an der Herr dieser Zeit, du bist der Mahdī, der Führer, der Garant Gottes auf dieser Erde. Mein Kind, mein wasī, du bist von mir geboren, du bist MHMD ibn Hasan, du bist das Kind des Gesandten Gottes. Du bist das Siegel, der letzte der Unbefleckten Imāme. Der Gesandte Gottes hat den Menschen deine Herabkunft angekündigt. Er hat deinen Namen und deinen Vaternamen genannt. Dies ist das Versprechen, das meinem Vater und seinen Vätern gemacht wurde, und bis zu mir gelangt ist. Und mit diesen Worten verabschiedete sich der Imām ins Paradies«.

Corbin fährt fort: Nur wenige Stunden nach dem Tod seines Vaters verschwand der kindliche Imām. Erwarten wir nicht zu viele materielle Details über diese Geschichte. Die schī’itischen Bücher sind nüchtern und können in diesem Punkt nur nüchtern sein. Denn der Übergang in den Zustand der Verborgenheit lässt die Welt der materiellen Tatsachen hinter sich, wie sollte man also in dieser Spuren dieses Übergangs finden können? Tatsächlich handelt es sich um eine doppelte Verborgenheit. Es gibt die »kleine Verborgenheit«, die mit dem Tod Imām Hasans (874) beginnt und bis zum Jahr 941 dauert. Und es gibt die »große Verborgenheit«, die danach beginnt und bis zum heutigen Tage und darüber hinaus andauert.

Während seiner siebzig Jahre dauernden Verborgenheit war der Imām nicht nur für die gewöhnlichen Menschen unsichtbar, sondern auch für seine Adepten. Mit den letzteren jedoch kommunizierte er durch vier aufeinanderfolgende Delegierte oder Beauftragte: durch den Sekretär und Vertrauten des zehnten und elften Imām, ’Othmān ibn Sa’īd, dessen Sohn Abu Ja’far, danach Abū’l-Qāsim Hosayn ibn Rūh Nawbakhtī und schließlich Abū’l-Hasan ’Alī al-Samarrī. Durch diese vier Personen erhielten eine Reihe weiterer, die der Tradition ihrem Namen nach bekannt sind, ebenfalls Zugang zu ihm. Daneben erschien er sporadisch, z.B. beim Begräbnis seines Vaters, oder bei der Bekanntgabe des Testaments, um den falschen Ansprüchen seines Onkels entgegenzutreten.

Am Ende dieser siebzig Jahre ging die kleine in die große Verborgenheit über. Dieser Übergang wurde durch einen versiegelten Brief folgenden Inhalts bekanntgegeben, der aus dem Imām emanierte [man erinnere sich an die Mahatmabriefe H.P. Blavatskys!] und an den letzten seiner Beauftragten gerichtet war: »Im Namen Gottes des Barmherzigen, des Allerbarmers. Er möge sich deinen Brüdern gegenüber großzügig erweisen, als Ausgleich für die Prüfung, die dein bevorstehender Tod für sie bedeutet. Denn in sechs Tagen wirst du dem Tod begegnen. Ordne also deine Angelegenheiten. Ernenne keinen Nachfolger, der an deiner Stelle mein neuer Bote wird, denn die Zeit der großen Verborgenheit ist gekommen. Ich werde mich, außer durch Gottes Erlaubnis, niemandem mehr zeigen. Aber das wird erst nach einer sehr langen Zeit sein. Die Herzen werden für das Mitleid unzugänglich. Die Erde wird von Gewalt und Tyrannei erfüllt sein. Unter meinen Anhängern werden sich Menschen erheben, die behaupten, mich physisch gesehen zu haben. Achtung! wer behauptet, mich vor den Geschehnissen der Endzeit physisch gesehen zu haben, ist ein Lügner und Hochstapler. Sicherheit und Stärke gibt es allein in Gott dem Höchsten, dem Erhabenen«.

Sechs Tage später starb der letzte Stellvertreter des Imām auf Erden. Seine Antwort auf die Frage, wer sein Nachfolger sein würde, lautete: »Die Angelegenheit liegt nun allein bei Gott. Es ist an ihm, die Dinge zur Vollendung zu führen«. Dies waren zugleich seine letzten Worte.

Der verborgene Imām erscheint bis zur Stunde seiner Parusie, seiner Wiederkunft, der Stunde der Offenbarung des Vollkommenen Menschen, des himmlischen Anthropos, nur mehr in Träumen oder visionären Erlebnissen, meist in Gestalt eines Kindes oder jungen Mannes von großer Schönheit. Er erscheint Einzelnen in Stunden großer materieller oder spiritueller Not als Tröster, wenn sie sich verirrt haben, oder in einer Moschee, wenn niemand anders bei ihnen ist. Meist erkennt der Betreffende erst hinterher, dass er vom Imām besucht wurde. Jeder Gläubige kann sich mit der Bitte um Hilfe an ihn wenden. Aber damit er ihnen erscheinen kann, müssen sie sich entsprechend vorbereiten. Seine Verborgenheit ist durch die Tatsache bedingt, dass die Menschen die Fähigkeit verloren haben, ihn zu sehen. Und seine Parusie ist kein Ereignis, das plötzlich eines schönen Tages eintreten wird, sondern es muss wiederum durch die Gläubigen vorbereitet werden, indem sie ihre Herzen, ihr Denken und Handeln auf ihn ausrichten.

Mit dem Imām ist auch die gesamte esoterische Hierarchie, angefangen mit dem Bāb (der Schwelle, der geistigen Entwicklungsstufe, die ihm am nächsten steht), in die Verborgenheit eingetreten. Wer auch immer behaupten mag, er sei der Imām in Person oder sein Stellvertreter (Bāb), betrügt die eschatologische Erwartung, die zentral für den Schī’ismus ist. Erst am Ende der Zeiten wird der Herr der Zeit wieder offenbar werden, und die Auferstehung, die Wiederherstellung aller Dinge (apokatastasis) mit sich bringen, weswegen er auch als Auferwecker (Qā’im), wörtlich als »Aufersteher« (derjenige, der die Auferstehung herbeiführt) bezeichnet wird.

Der verborgene Imām gesellt sich zu jener Familie eschatologischer Heroen (Maitreya Buddha, Saoshyant, wiederkehrender Christus), die mit ihren Gefährten auf einer Erde leben, die der unseren nahe und doch nicht die unsere ist. Man kann die Daseinsform dieser Heroen nicht verstehen, wenn man nicht von der Existenz einer parallelen Welt ausgeht, welche die unsrige durchdringt, die uns nahe, näher als unsere Halsschlagader, und doch den Sinnen verborgen ist, einer Welt, in die einige Auserwählte eintreten und aus der sie zurückkehren können, unabhängig von irgendwelchen äußerlichen Bedingungen.

Die Gefolgschaft des verborgenen Imām besteht aus Mitgliedern jener esoterischen Hierarchie, die unerkannt unter den Menschen wirkt und so etwas wie seinen mystischen Leib darstellt. In einem weiteren Sinn gehören zu ihr auch jene jugendlichen, ritterlichen Seelen, die von ihm auserwählt werden, um den Menschen auf ihren gefahrvollen Pfaden zu Gott beizustehen. Da beide Gruppen von einem esoterischen Inkognito eingehüllt sind, gibt es auch kein definitives Kriterium, das erlaubt, festzustellen, welcher der beiden Gruppen jemand angehört. Durch ihre Vermittlung vollzieht sich eine fortwährende Auswahl von Menschen, die auf dem Wege sind, in das Reich der Engel aufzusteigen, angefangen mit der adamitischen Menschheit (den dreihundert Abbildern Adams) bis zur seraphischen Menschheit, deren Repräsentant der Pol der Pole, der Imām selbst (das einzigartige Bild des Erzengels Seraphiel) ist. Der Wunsch jedes eifrigen Schī’iten besteht darin, in diese Gefolgschaft aufgenommen zu werden, bevor die Ereignisse der Endzeit anbrechen. Das Inkognito, das den Imām und seine Gefolgschaft umgibt, entspricht jenem Geheimnis, von dem die Gralsritter umgeben sind, da man auch in ihre Reihen allein aufgrund einer Einladung eintreten kann, die von ihnen ausgeht.

Von den Angehörigen dieser spirituellen Elite heißt es in den schī’itischen Traditionen: Niemand kennt sie und sie geben sich niemandem zu erkennen. Sie besuchen die Menschen nicht in ihren Häusern. Man weiß nichts von ihren Tätigkeiten oder Beschäftigungen. Sie treten zu Menschen in Beziehung, halten aber ihren Zustand und ihre Verfassung geheim. Sie schlagen ihre Zelte in der Wüste, auf den Inseln des Ozeans, im Herzen der Berge und in den Tiefen der Täler auf. Manche Reisende oder Verirrte haben ihre Zelte, Wohnstätten, Burgen und verzauberten Gärten inmitten der Wüste gesehen … Einzelne fanden Zugang zu ihnen. Sie haben gesehen und verstanden. Sie sind zurückgekehrt, aber keiner war imstande, den Weg dorthin wieder zu finden oder ihn anderen zu zeigen.

Ob der verborgene Imām einem Menschen erscheint, hängt nicht von dessen Initiative oder Entscheidung ab. Ein mojtahed (d.h. jemand, der sein ganzes Leben der Erforschung und Interpretation der schī’itischen Traditionen widmet) verlangt leidenschaftlich danach, ihn zu sehen. Er wird sich aller erdenklichen frommen Werke befleißigen, um dieses Ziel zu erreichen. Und so kann es geschehen, dass er eines Nachts im Traum jemandem begegnet, der ihm offenbart, dass er an einem bestimmten Tor in Isfahan, an einem bestimmten Tag in der Morgendämmerung, bei einem bestimmten Handwerker den Imām sehen werde. Er begibt sich an den bezeichneten Ort. Im Augenblick, in dem er in die Werkstatt des Handwerkers tritt, geht ein junger Mann an ihm vorbei. Er tritt ein, stellt sich dem Handwerker vor und erklärt lange und umständlich die Gründe seines Besuchs. Und der Handwerker sagt zu ihm: »Aber der Imām war gerade noch hier, eben als du eingetreten bist«. Er kann also jede erdenkliche Verkleidung annehmen. Es liegt nicht an Dir, ihn zu suchen, sondern an ihm, zu entscheiden, ob Du die Fähigkeit besitzt, ihn zu sehen, ob Du wirklich zu seinen Gefährten und in seine Welt gehörst. Zu seinen Gefährten zu gehören, bedeutet, die Fähigkeit zu besitzen, die geistigen Formen wahrzunehmen, »die Dinge in Hūrqalyā zu sehen«. Ob man diese Fähigkeit besitzt und sie betätigt, hängt weder von der eigenen Anstrengung, noch von der wissenschaftlichen Bildung ab. Es ist der spirituelle Meister, der auf einen zukommen muss.

[1] Die Erzählung wird hier mitsamt ihren Kommentaren nach der Darstellung Henry Corbins in »En islam iranien«, S. 304 ff wiedergegeben.

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