Salāmān und Absāl – die Erzählung vom mystischen Tod

Salaman und Absal. Persische Miniatur

Salaman und Absal. Persische Miniatur

Diese Erzählung stellt die dritte in einer Trilogie imaginativer Novellen Avicennas dar. Die erste, »der Lebende, der Sohn des Wachenden«, berichtet von der Einladung, die ihm durch einen Engel zuteil wurde, sich in den Orient aufzumachen, die zweite schildert, wie die im Okzident der diesseitigen Welt gefangene und fern von ihrer Heimat lebende Seele zu sich selbst erwacht und sich in Gestalt eines Vogels auf den Weg begibt. Die dritte, Salāmān und Absāl, erzählt von der Vollendung des Initiationsweges durch den mystischen Tod.

Corbin bietet in seinem Buch »Avicenne et le récit visionnaire« zwei Versionen dieser Erzählung. Die erste stammt aus hermetischen Kreisen der hellenistischen Zeit und wurde vom berühmten Übersetzer Hunayn ibn Ishāq im 9. Jahrhundert ins Arabische übersetzt. Die zweite ist jene Avicennas, die leider nur in einer kurzen Zusammenfassung durch Nasīraddīn Tūsī überliefert ist.

Die hermetische Version

In alten Zeiten, vor dem alles vernichtenden Feuersturm, lebte ein König namens Hermanos, Sohn des Heraql. [1] Er beherrschte Byzanz, die glänzende Stadt an der Küste des Meeres, sowie Griechenland und Ägypten. Er hatte den Bau jener gewaltigen heiligen Pyramiden veranlasst, die weder die Elemente, noch die Zeit zu zerstören vermocht haben. [2] Dieser König besaß tiefe Weisheit und ausgedehnte Macht; er kannte sich in den Wirkungen der Gestirne aus, war mit den Eigenschaften der Naturwesen vertraut und vermochte das Göttliche im Irdischen zur Erscheinung zu bringen. Zu seinen Vertrauten gehörte ein Weiser namens Aqlīqūlās [3], der Göttliche, durch den er in alle geheimen Wissenschaften eingeweiht worden war. Ein ganzes Zeitalter lang hatte dieser göttliche Mann sich in einer Höhle namens Serapeion spirituellen Übungen hingegeben; als Nahrung nahm er nur alle vierzig Tage ein paar Kräuter zu sich und er lebte schon seit drei Zeitaltern.

Diesem Weisen gegenüber beklagte sich der König eines Tages darüber, dass er keine Kinder hatte. Der Grund war, dass Hermanos keinerlei Neigung zu Frauen empfand und es nicht über sich brachte, sich ihnen zu nähern. Als er sich trotz des Rates des Weisen weiter weigerte, sein Verhalten zu ändern, wurde dem Weisen klar, dass es nur eine Lösung gab: einen passenden Aszendenten durch astrologische Beobachtung zu bestimmen, eine Mandragora zu beschaffen [4] und ihr ein wenig vom Samen des Königs beizufügen, um dann die Mischung in einer günstigen Umgebung weiter zu bearbeiten, bis sie bereit sein würde, eine Seele in sich aufzunehmen und zu einem vollständigen Menschen zu werden. Der Vorschlag wurde umgesetzt: das Kind, das aus dieser alchymischen Arbeit hervorging, erhielt den Namen Salāmān.

Nun musste eine Amme gesucht werden. Man fand ein achtzehnjähriges Mädchen von großer Schönheit; ihr Name war Absāl; sie begann, sich um das Kind zu kümmern. Hermanos wollte vom Weisen wissen, wie er ihm seine Dankbarkeit erweisen könne; dieser bat ihn, ein gigantisches Gebäude zu errichten, das weder Wasser noch Feuer zerstören könnten. [5] Denn der Weise sah den Aufruhr der Elemente voraus: das Gebäude sollte sieben Stockwerke besitzen; es sollte mit einer geheimen Tür ausgestattet sein, die allein die Weisen kannten, für die sie eine sichere Zuflucht sein würde; die restliche Menschheit würde in der Katastrophe untergehen. Der König schlug vor, zwei Gebäude zu errichten: eines für den Weisen und ein zweites, das der Aufbewahrung ihrer Schätze, ihrer Wissenschaften und ihrer Körper nach dem Tode dienen sollte. So wurden die beiden Pyramiden erbaut.

Als Salāmān größer wurde, wollte ihn der König von seiner Amme Absāl trennen, und der Knabe verfiel darob in Verzweiflung, so groß war seine Zuneigung zu ihr. Daher ließ der König sie zusammen, bis der Knabe älter wurde. Aber Salāmāns Zuneigung zu Absāl wandelte sich in Liebe, eine Liebe, die so stark war, dass sie ihn völlig beanspruchte und er des öfteren seine Pflichten gegenüber dem König vernachlässigte. Der König rief seinen Sohn zu sich und ermahnte ihn, wie es in solchen Fällen üblich war. Salāmān solle Absāl vergessen, er bedürfe ihrer nicht, um das hohe Ziel zu erreichen, das ihm bestimmt sei. Er solle sich wie ein Mann verhalten und standhaft in seiner Einsamkeit sein, bis Hermanos eine Braut für ihn finden werde, eine Lichtjungfrau, die mit ihm in alle Ewigkeit vereinigt sein werde, wodurch er allein das Wohlgefallen des Herrn der Welten hervorrufen könne.

Salāmān überzeugten diese weisen Ermahnungen nicht, er erzählte alles sogleich seiner Geliebten, die ihm riet: »Achte nicht auf die Worte dieses Mannes. Er will dir gegenwärtige Freuden um irgendwelcher Verheißungen willen versagen, die größtenteils eitel sind. Ich bin eine Frau, die dir alles zu bieten vermag, was deine Seele entzückt. Wenn du klug und entschlossen bist, dann geh zum König, und offenbare ihm dein Geheimnis: du kannst mich nicht verlassen und ich kann dich nicht verlassen«. Es schien ratsam, diese Entscheidung dem König nicht persönlich mitzuteilen. So vertraute sie Salāmān dem Wesir an, der den König davon in Kenntnis setzen sollte.

Die Lage schien hoffnungslos: der König wurde von großer Trauer übermannt. Seine Proteste erwiesen sich als wirkungslos, ebenso ein von ihm vorgeschlagener Kompromiss: Salāmān sollte seine Zeit aufteilen, die eine Hälfte sollte er dem Studium der Lehren der Weisen widmen, die andere Hälfte könne er mit Absāl verbringen. Denn Salāmān stellte bald fest, dass der König, nachdem er die festgesetzte Zeit mit dem Studium der erhabenen Wissenschaften zugebracht hatte, weiterhin seine Dienste beanspruchte. Er kam seinen Pflichten jedoch nicht nach, sondern suchte stattdessen Absāl auf, um mit ihr zu spielen. Erneut musste sich der König geschlagen geben. Er befragte seine Weisen. War nicht die einzige Lösung, dass man Absāl tötete? Aber der Wesir protestierte heftig: niemand solle zerstören, was er nicht auch schaffen könne. Sollte der König sein Vorhaben in die Tat umsetzen, stand zu befürchten, dass er damit auch das Fundament des Werkes zerstörte, das er geschaffen hatte und den Zusammenhang der Elemente, aus denen er selbst bestand. Und damit wäre ihm auch der Weg zum Chor der Cherubim verschlossen. Das Kind müsse Schritt für Schritt entdecken, worin seine wahre Aufgabe bestehe.

Ein Zeuge dieser Unterhaltung trug sie sogleich zu Salāmān weiter, der die Neuigkeiten umgehend Absāl überbrachte. Gemeinsam überlegten sie, wie sie die Pläne des Königs am besten durchkreuzen konnten. Sie entschieden sich, über den Ozean im Westen zu fliehen. Aber der König erfuhr von ihren Absichten, denn er besaß zwei goldene Schilfrohre, die mit heiligen Zeichen geschmückt waren, die sieben Löcher hatten, die den sieben Regionen des Kosmos entsprachen. Wenn man etwas Asche auf eines dieser Löcher aufbrauchte und sie anblies, ging diese in Flammen auf, und man erfuhr, was sich in der betreffenden Region zutrug. Auf diese Weise fand Hermanos heraus, wo sich Salāmān und Absāl versteckten; er erkannte, dass sie alle Leiden des Exils durchlitten; das erschütterte ihn und er ordnete an, dass sie ein wenig Hilfe erhalten sollten.

Aber da Salāmān auf seinem freiwilligen Exil bestand, richtete sich der Zorn des Königs gegen die geistigen Wesen, die ihre Liebe zueinander hervorgerufen hatten und er entschied, sie zu vernichten. Für die beiden Liebenden bedeutete dies die schlimmste Qual und die unerträglichste aller Foltern: sie sahen einander an, empfanden brennendes Verlangen, aber vermochten sich nicht zu vereinigen. Salāmān erkannte, dass die Lähmung, die sie befallen hatte, durch den Zorn seines Vaters hervorgerufen wurde; daher eilte er zum König und versuchte, ihn umzustimmen. Ein letztes Mal versuchte sein Vater ihm klarzumachen, dass er nicht gleichzeitig den Thron besteigen und Absāls Gefährte bleiben könne, da entweder das Königtum oder Absāl ihn jeweils ganz beanspruchen werde. Während er sich mit einer Hand an den Thron klammere, werde Absāl für ihn wie eine Fessel sein, die an seinen Fuß gebunden sei und ihn daran hindere, den Thron der himmlischen Sphären zu erreichen. Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, ließ er die beiden Liebenden einen ganzen Tag in dieser schrecklichen Lage schweben. Am Abend wurden sie wieder befreit.

Aber der König erreichte durch seinen hartnäckigen Widerstand gegen die Liebe gar nichts. Die Liebenden wussten keinen anderen Ausweg, als sich gemeinsam ins Meer zu stürzen. Aber der König befahl dem Herrscher des Wassers, Salāmān zu verschonen, bis er jemanden gesandt habe, um ihn zu retten; Absāl dagegen ließ er ertrinken. Als Salāmān begriff, dass er seine Geliebte verloren und allein überlebt hatte, stürzte er in so tiefe Verzweiflung, dass er kurz davor war, an zerbrochenem Herzen zu sterben. Da sah der König ein, dass er falsch gehandelt hatte. Wieder befragte er den Weisen Aqlīqūlās: Was sollte er tun, sein einziges Kind drohte, im Wahnsinn zu versinken? Der Weise hatte weitreichende Pläne und große Macht. Er antwortete: »Hab Geduld! Ein paar Tage werden genügen, ihn zu heilen und Absāl zu seiner ewigen Gefährtin zu machen«.

Der Weise sprach Salāmān an: »O Jüngling, möchtest Du wieder mit Absāl zusammen sein?« »Was anderes könnte ich wünschen?« »Dann komm mit mir zur Höhle des Serapeion; dort werden wir vierzig Tage in Anrufung der Götter verbringen«. Salāmān stimmte zu und sie machten sich zusammen auf den Weg. Aber der Weise stellte drei Bedingungen: als erstes musste Salāmān ein Kleid anziehen, das mit jenem von Absāl identisch war und alles tun, was der Weise tat; er selbst werde vierzig Tage fasten, während Salāmān sein Fasten alle sieben Tage unterbrechen sollte, schließlich sollte er sein ganzes Leben lang nur Absāl lieben. All diesen Bedingungen stimmte Salāmān zu.

Nun gab sich der Weise vierzig Tage lang Gebeten und Anrufungen der Aphrodite hin. Und jeden Tag sah Salāmān die Gestalt Absāls erscheinen; sie setzte sich zu ihm und unterhielt sich in ihrer lieblichen Art mit ihm. Er erzählte dem Weisen seine Erlebnisse und bedankte sich bei ihm für diese Schauungen. Aber am Ende der vierzig Tage erschien eine wunderschöne Gestalt vor ihm, eine Gestalt, die alle Schönheit übertraf, die Gestalt der Aphrodite selbst. Und Salāmān verliebte sich in sie. Seine Liebe war so stark und groß, dass er darob seine Liebe zu Absāl vergaß. »O Weiser«, rief er aus, »ich verlange nicht länger nach Absāl. Diese Gestalt lässt mich ihre Gegenwart nicht länger ertragen. Ich begehre nicht anderes mehr, als diese Gestalt«. Aber der Weise antwortete: »Habe ich nicht von dir verlangt, dass du niemals jemand anderen als Absāl lieben darfst? Gerade nähern wir uns dem Augenblick, in dem sie, die für dich wiederbelebt wurde, wiederkehrt, um dir die Erfüllung all deiner Gebete zu bringen«. »O Weiser, hilf mir, ich verlange nach nichts anderem mehr, als nach dieser Gestalt«.

Und der Weise beschwor die geistige Gestalt, so dass sie fortan in Salāmāns Gegenwart weilte. Er hatte durch ihre Gegenwart Absāls Scheingebilde hinter sich gelassen und war durch seine Vereinigung mit der himmlischen Aphrodite des Königtums würdig geworden. Er bestieg den Thron und wurde zu einem weltweit angesehenen Herrscher. Seine Geschichte wurde auf seine Anweisung hin auf sieben goldenen Tafeln aufgeschrieben und Anrufungen der sieben Planeten auf sieben weiteren goldenen Tafeln. Die sieben Tafeln wurden zu Häupten des Sarkophags seines Vaters in der Pyramide aufgestellt. Nach der Feuer- und der Wasserflut erschien der göttliche Weise Plato auf Erden. Ihm kam zu Ohren, in den Pyramiden seien erhabene Weisheiten und wertvolle Schätze verborgen und er machte sich auf, sie zu besuchen. Aber die Herrscher seiner Zeit erlaubten ihm nicht, sie zu öffnen. So übertrug er seinem Schüler Aristoteles die Aufgabe, Zugang zu ihnen zu finden und sich die Lehren der heiligen Wissenschaften anzueignen, die in ihnen hinterlegt waren. Aristoteles nutzte die Gelegenheit, die Alexanders Eroberungszug bot. Gemeinsam suchten sie die Pyramiden auf und Aristoteles vermochte sie aufgrund der Geheimnisse, die Plato ihm anvertraut hatte, zu öffnen. Aber er konnte nur die Tafeln finden, auf welchen die Geschichte von Salāmān und Absāl aufgezeichnet war, danach schlossen sich die Tore …

Corbin hat in seiner Ausgabe die wiedergegebene Erzählung kommentiert. Es folgt ein Auszug aus seinem Kommentar.

Es handelt sich um eine Initiationserzählung. Das gewöhnliche Bewusstsein des Schülers muss untergehen, damit er durch die Initiation als Königssohn wiedergeboren werden kann und am Ende des Geschehens die Königswürde des vollendeten Menschen erlangt. Wenn der Weise in einem entscheidenden Moment dem König rät, Absāl nicht zu töten, weil er damit sein eigenes Wesen zerstören würde, und ferner die Rede davon ist, dass das Kind Schritt für Schritt erkennen muss, worin seine wahre Bestimmung besteht, wird klar, dass Vater und Sohn ein und dieselbe Person sind, was diese Person nicht mehr sein kann und was sie noch nicht ist. Es handelt sich um ein traditionelles Geheimnis hermetischer Symbolik: der Schüler stirbt als sein eigener Vater, indem er sich selbst zeugt und wird in seiner Seele als Königssohn wiedergeboren.

Die einzelnen Figuren des Dramas stellen die Entwicklungsstufen des Bewusstseins dar. Der Königsvater repräsentiert die Welt des herkömmlichen Bewusstseins, die männliche Welt des Tages, der herrschenden Normen und strengen Gesetze der Vernunft. Absāl die weibliche Welt der Ahnungen, der künftigen Geburt, der Wiedergeburt, die in der fruchtbaren Nacht verborgen ist, die kein Gesetz kennt, außer der Spontaneität der Liebe. Zwischen diesen beiden Welten, diesen beiden Antlitzen der Seele, ist das Bewusstsein ständig hin und hergerissen, und verausgabt seine Kräfte, indem es Projektionen auf wechselnde Objekte erzeugt, die seine Sehnsucht nicht stillen und das Missfallen der Welt der Normen hervorrufen. Solange das mystische Kind, das aus der Mandragora geboren wird, diese zwei Welten nicht in sich zu vereinigen vermag, werden sich die bedauernswerten Heimsuchungen und Irrtümer wiederholen, von welchen die Erzählung berichtet. Die Integration ist nicht das Ergebnis einer dialektischen Operation, sondern einer schrecklichen und schmerzlichen Erfahrung, des Abstiegs in die Tiefen, wie es bei einer Initiation nicht anders sein kann. Der entscheidende Moment der Initiation tritt ein, wenn sich Salāmān und Absāl gemeinsam ins Meer stürzen. Der Vorgang entspricht dem, was die Alchemie als nigredo, putrefactio oder calcinatio bezeichnet. Auch die Erzählung von Hadsch ibn Jaqzān kennt diese Erfahrung, wenn sie von der Reinigung in der Quelle des Lebens berichtet, die in der Finsternis liegt. Wenn die Seele siegreich aus dieser Prüfung hervorgeht, ist sie bereit für die folgenden Phasen: sublimatio, conjunctio, den Zustand der aufgehobenen Differenz zwischen dem Liebenden und der Geliebten oder in Avicennas Worten, jenen Zustand, in dem sie aufgehört hat, etwas Anderes anzuschauen und nur noch sich selbst in ihrem Anschauen anschaut.

Der Tod Absāls durch den Sturz ins Meer des Unbewussten, das der einzige Ort ist, an dem die beiden Welten versöhnt werden können, deutet auf die Größe des seelischen Ereignisses. Aus dem Abstieg in die Hölle kehrt Salāmān als neuer Mensch zurück. Die Absāl, die er liebte, existiert nicht mehr. Seine besitzergreifende Leidenschaft, eine Liebe, die kein Bewusstsein ihres Gegenstandes und ihrer Bedingungen hatte, vermag diese Prüfung nicht zu überstehen. Er weiß noch nicht, dass Absāl ebenfalls überleben wird, und er weiß nicht, wie und in welchem Sinn sie ihm wiedergegeben wird. Daher seine Verzweiflung, daher die Notwendigkeit, auf dem Weg der Initiation voranzuschreiten. Salāmān muss erkennen, dass die Absāl, nach der er verlangt, nicht in der äußeren Welt existiert, und dass die Liebe, die er nicht abschütteln kann, ohne sein eigenes Wesen zu verneinen, nicht im Besitz oder Genuss eines äußeren Objektes besteht. Er muss erkennen, wovon die Identifikation mit einem solchen Objekt abhängt, er muss sich des Bildes bewusst werden, das er in sich trägt, jenes Bildes, das das himmlische Gegenstück seines Wesens wiederspiegelt, das ihn erleuchtet, das ihn dazu befähigt, jedes Objekt zu sehen, in dem er glaubt, es wiederzuerkennen. Er muss zu einer so vollkommenen Integration dieses Bildes in sich, in seinem »Geistleib« gelangen, dass es zu seinem ewigen Begleiter wird, den er in seiner Anwesenheit voller Freude erkennt. Die Integration dieses himmlischen Doppelgängers verwirklicht die Königswürde des großen hermetischen Arcanums: die Vereinigung des Männlich-Weiblichen, mas femineus; so wird es am Ende Salāmān mit dem Bild der himmlischen Aphrodite widerfahren.

Zur Erlangung dieses Überbewusstseins führt die »Psychotherapie« des Weisen. Zunächst muss er ein Kleid anziehen, das mit jenem Absāls identisch ist. Dies ist ein wohlbekanntes archetypisches Symbol: es ist die Person Absāls, die ebenso aus der Hölle emporsteigt, mit der Salāmān sich symbolisch bekleidet. Nun beginnt die Inkubation. Die Meditation oder der Wachtraum vergegenwärtigen das Bild Absāls, d.h. Absāl in ihrer Realität, die weder rein geistig noch rein körperlich ist, sondern der imaginativen Welt angehört, ohne deren Existenz eine Initiation nicht möglich wäre. Dieses Bild wird immer deutlicher, es wächst und bezeugt täglich von neuem seine Realität, erfüllt den gesamten Horizont der Seele. Und eben, weil es reine Gegenwart ist und zugleich so umfassend, blüht es schließlich im leuchtenden Bild der himmlischen Aphrodite auf.

Was sich in der mystischen Höhle des Serapeion ereignet, ist weder ein physisches Geschehen, noch ein Tausch von Personen, wie wir ihn aus der sinnlich wahrnehmbaren Welt kennen. Es handelt sich um ein seelisches Geschehen, das in all seiner Realität den Entsprechungen und Gesetzen der Metamorphose gehorcht, das die Geschehnisse der imaginativen Welt kennzeichnet. Absāls Tod ist kein physisches Ereignis, das die Beziehung des Bewusstseins zu einer äußeren Gegebenheit verändert, ebensowenig wie ihre Zurückweisung durch Salāmān eine Person der äußeren Welt betrifft. In Salāmān hat sich die Art und Weise, wie er liebt, metamorphosiert, wenn sich der Augenblick naht, in dem die geistige Umwandlung ihrer Vollendung entgegengeht. Die Liebe, an die Salāmān zu Beginn dieses Prozesses noch glaubte, als er den Vorschlägen des Weisen zustimmte, wird nun überstiegen. Jene Absāl, die der Gegenstand dieser Form der Liebe war, ist zusammen mit der Form dieser Liebe verschwunden. Er kann sie nicht länger begehren oder um sie besorgt sein. Indem er ihr Kleid anzieht, hat er bereits ihre Person in sein Wesen integriert. Er muss zur Vollendung dieser mystischen Vereinigung voranschreiten, der Geburt des Königssohnes, der Absāl nicht länger begehrt, weil er selbst zu Salāmān-Absāl geworden ist. Dann wird seine Liebe nicht länger eine äußerliche Dualität oder Beziehung zulassen. Es handelt sich um die Schau oder Anbetung der archetypischen Gestalt, die sich in dieser neuen Art von Liebe offenbart und deren geistige Schönheit sich allein im reinen Licht einer solchen Liebe zeigt. Diese Form der Liebe ist die Anwesenheit der himmlischen Aphrodite im Serapeion der Seele. Die Seele muss sich nicht länger in der äußeren Welt zerstreuen oder in Konflikt mit den Gesetzen geraten, die diese Welt regieren; sie ist die Substanz dieser Liebe, sowie die Liebe ihre Substanz ist. Die Welt des Vaters ist tot, sobald der Schüler durch seine Liebe zu seinem eigenen Wesen und als Sohn seiner Seele, als Königssohn, wiedergeboren ist.

Avicennas Version

Salāmān und Absāl waren Halbbrüder mütterlicherseits. Absāl war der jüngere; er wurde zusammen mit seinem Bruder großgezogen, und mit jedem Tage nahm seine Schönheit und Intelligenz zu. Er beherrschte die Kunst des Schreibens und war in den Wissenschaften gut unterrichtet, außerdem war er tugendsam und tapfer. Und so kam es, dass Salāmāns Frau in leidenschaftlicher Liebe zu ihm entbrannte. Sie sagte zu Salāmān: »Bitte ihn, unsere Familie zu besuchen, damit unsere Kinder sich an ihm ein Beispiel nehmen«. Salāmān lud daraufhin seinen Bruder ein, aber Absāl wollte keinerlei Umgang mit Frauen haben. Darauf sagte Salāmān: »Für dich ist meine Frau wie eine Mutter«. Und so kam Absāl ins das Haus Salāmāns.

Die junge Frau überschüttete ihn mit Aufmerksamkeiten und nach einiger Zeit gestand sie ihm heimlich ihre Liebe. Absāl zeigte sich abgestoßen und sie begriff, dass er ihr nicht nachgeben würde. So sagte sie zu Salāmān: »Vermähle deinen Bruder mit meiner Schwester«. Salāmān gab ihm seine Schwester zur Frau. In der Zwischenzeit sagte Salāmāns Frau zu ihrer Schwester: »Ich habe dich nicht mit Absāl verheiratet, damit er dir zu meinem Missvergnügen alleine gehört. Ich habe die Absicht, ihn mit dir zu teilen«. Endlich sagte sie zu Absāl: »Meine Schwester ist eine höchst schüchterne Jungfrau. Besuch sie nicht während des Tages und sprich nicht zu ihr, bevor sie sich nicht an dich gewöhnt hat«. In der Hochzeitsnacht schlich sich Salāmāns Frau in das Bett ihrer Schwester und Absāl kam zu ihr. Da konnte sie sich nicht länger beherrschen und presste ihre Brüste gegen ihn. Absāl schien das merkwürdig und er sagte zu sich selbst: »Schüchterne Jungfrauen verhalten sich nicht so«. In diesem Augenblick bedeckte sich der Himmel mit dichten Wolken. Ein Blitz schoss aus ihnen hervor, dessen strahlendes Licht das Antlitz der Frau beleuchtete. Da stieß Absāl sie von sich, verließ das Zimmer und entschied sich, zu fliehen.

Er sagte zu Salāmān: »Ich wünsche, für dich alle Länder zu erobern, denn ich besitze die Stärke, das zu tun«. Er bildete eine Armee, bekriegte verschiedenste Völker und eroberte ohne Schwierigkeiten für seinen Bruder Länder im Osten und im Westen. Lange vor Alexander war er der Herr der ganzen Welt. Als er in sein Heimatland zurückkehrte, in der Hoffnung, die Frau seines Bruders habe ihn vergessen, verfiel diese wieder ihrer alten Leidenschaft und versuchte erneut, ihn zu umarmen; er aber verweigerte sich und stieß sie zurück.

Als ein Feind erschien, schickte Salāmān ihm Absāl und seine Armee entgegen. Salāmāns Frau aber verteilte große Geldsummen unter den Anführern der Armee, damit sie Absāl auf dem Schlachtfeld im Stich ließen. Und so taten sie. Die Feinde besiegten ihn und ließen ihn verwundet in seinem Blut zurück, in der Meinung, er sei tot. Aber ein Tier aus der Wüste, das seine Jungen großzog, kam und nährte ihn mit seiner Milch. So wurde er gefüttert, bis er sich vollständig erholt hatte. Da eilte er zu Salāmān, der belagert und von seinen Feinden erniedrigt wurde, während er seines Bruders Verschwinden beklagte. Er fand ihn, übernahm die Führung der Armee, und griff die Feinde erneut an; er besiegte sie, nahm den größten Teil ihrer Armee gefangen und setzte seinen Bruder als König ein.

Da schloss Salāmāns Frau eine Vereinbarung mit einem Koch und einem Kämmerer: sie gab ihnen eine große Summe Geldes, damit sie Absāl ein vergiftetes Getränk servierten, an dem er starb. Er war ein treuer Freund, ein großes Wesen aufgrund seiner Herkunft und in der Wüste, aufgrund seiner Weisheit und seines Verhaltens.

Sein Bruder verfiel ob seines Todes in tiefe Trauer. Er verzichtete auf den Thron und übergab ihn einem seiner Verbündeten. Dann zog er sich in die Einsamkeit zur Zwiesprache mit seinem Herrn zurück. Dieser offenbarte ihm die Wahrheit über das, was geschehen war. Salāmān ließ den Koch, den Kämmerer und seine Frau das vergiftete Getränk zu sich nehmen und alle drei starben.

Corbin kommentiert auch diese Erzählung. Im Folgenden ein Auszug.

Nicht mehr als eine kurze Zusammenfassung der Erzählung Avicennas durch Nasīraddīn Tūsī liegt uns vor. Dennoch ist ihre Dramaturgie erkennbar, die in der Konsequenz der vorangehenden liegt. Absāls mystischer Tod stellt seinen endgültigen Rückzug aus dieser Welt dar: seither gehört er unwiderruflich dem Orient an, in den Hadsch ibn Jaqzān ihn gerufen hat und zu dem der Vogel zugelassen wurde, um auf dem Höhepunkt seines heldenhaften Himmelsaufstiegs eine geheimnisvolle Unterredung zu führen.

Die Erzählung wird von vier Gestalten beherrscht: Salāmān und Absāl und ihren beiden Frauen. Die Schwester von Salāmāns Frau tritt nur beiläufig in Erscheinung, sie nimmt am Geschehen kaum teil. Vielleicht finden wir heraus, weshalb.

Absāl stellt ohne Zweifel das anschauende Denken dar, seine persönliche Geschichte verläuft in der Tat so, wie wir sie von diesem höheren Antlitz der Seele, dem irdischen Engel, erwarten, dessen Bestimmung es ist, sich mit dem Engel Heiliger Geist oder der aktiven Intelligenz zu vereinigen, und der insofern den Fortschritt der mystischen Gnosis repräsentiert. Da das tätige Denken zusammen mit dem anschauenden ein Paar bildet, dürfen wir erwarten, dass Salāmān hier den zweiten »irdischen Engel« repräsentiert, jenen, der handelt und »niederschreibt«, was der erste diktiert. Salāmān und Absāl stellen uns demnach die zwei Antlitze der Seele vor, ihre zwei geistigen Kräfte oder irdischen Engel, die ihrerseits die beiden Schutzengel der Seele repräsentieren, den einen, der zum Himmel aufsteigt und den anderen, der zu ihr herabsteigt.

Wenn Absāl nicht anwesend ist, erscheint Salāmān hilflos und wird von seinen Feinden unterdrückt. Absāl kommt die Aufgabe zu, Orient und Okzident zu erobern, die beiden Sphären der Welt, auf die durch Hadsch ibn Jaqzān hingewiesen wurde, und seinen Bruder zur Königsherrschaft, der Herrschaft des Weisen zu erheben, der über die sinnliche Welt herrscht, die zu regieren die Berufung der Seele ist. Das Bruderpaar reproduziert also die Beziehung zwischen dem Erzengel-Cherub und seiner Himmelsseele, eine Beziehung, die die gesamte Ordnung des Seins durchdringt.

Salāmāns Frau dagegen repräsentiert die Lebenskräfte der Seele, die an die organische und physische Konstitution gebunden sind, und damit an die irdische Welt. Sie steht für Begierde und Leidenschaft, die von dieser Welt hervorgerufen werden. Den beiden bedauerlichen Gefährten, die Hadsch ibn Jaqzān bloßstellt, entsprechen hier der Koch und der Kämmerer. Salāmāns Frau versucht Absāl zu beherrschen, so, wie sie alle Seelenkräfte ihren selbstsüchtigen Bestrebungen unterwirft. Sie nimmt listig den Platz ihrer Schwester ein, so, wie die von Begierden erfüllte Seele stets ihre selbstsüchtigen Absichten als edle Ziele zu bemänteln versteht.

Was haben wir aber dann in ihrer Schwester zu sehen? Sie repräsentiert die Ambivalenz des Weiblichen, das sowohl Dämon als auch Engel zu sein vermag, eine schreckliche Gottheit oder ein himmlischer Gefährte, die himmlische oder die gefallene Sophia, die Aphrodite Urania oder die irdische Aphrodite – eine Ambivalenz, die aus der Psychologie der Symbole vertraut ist. Und erstaunlich genug, aber bestens verständlich, willigt Absāl, der doch nichts mit Frauen zu tun haben will, ein, diese Jungfrau zu ehelichen, die nicht als Person erscheint und keinen Namen trägt. Es kann sich bei ihr nur um eine himmlische Braut handeln, die den Engelsgefährten darstellt, den »daimon paredros« der irdischen Seele, die heilige Welt, der das obere Antlitz der Seele zugewandt ist, und insofern die Erleuchtung durch den Engel der aktiven Intelligenz oder den Engel in Person. Die Vierheit der Figuren entfaltet also die Ambivalenz der Seele selbst, die einerseits dem okzidentalen Abgrund, andererseits den orientalischen Höhen des Lichtes zugewandt ist, und damit auch die Ambivalenz ihrer Bestimmung. Absāls Braut repräsentiert seine Beziehung zum Orient, deswegen erscheint sie nicht in Person. Die Beziehung zum Orient ist ihrem Wesen nach unsichtbar. Für den Gnostiker bedeutet sie, diese Welt zu verlassen. Das ist die Bedeutung von Absāls mystischem Tod.

Der Blitz in der Nacht lässt Absāl die wahre Natur der Frau erkennen, die neben ihm liegt. Sie ist nicht seine wirkliche Braut. Von nun an beginnt erst der Weg des anschauenden Denkens, beginnen die Schlachten, die Absāl zu schlagen hat. Was seine Eroberung des Orients und des Okzidents zu bedeuten hat, lernen wir aus der Erzählung über Hadsch ibn Jaqzān. Der tätige Geist, sein Bruder, hat an diesen Eroberungen keinen Anteil. Der von Absāl verlassene Salāmān wird von seinen Feinden unterdrückt und gepeinigt. Alle Kräfte des Körpers revoltieren in Anarchie, wenn das höhere Antlitz der Seele sie alleine lässt. Und der Verrat der Heeresführer zeigt, wie die übrigen Seelenfähigkeiten den anschauenden Intellekt betrügen, da sie unwillig oder unfähig sind, ihm bei seinem Aufstieg in den Orient zu folgen. Das Unglück der beiden irdischen Engel verläuft parallel. Immerhin wird Absāl von einem Wüstentier genährt und geheilt, das die Intelligenz des Engels repräsentiert. Aber damit sind Absāls Prüfungen noch nicht vorüber, die erst sein Tod krönt.

Salāmān überlebt seinen Bruder, entsagt seinem Königtum und zieht sich in die Einsamkeit zurück. Er bleibt im Okzident, während sein Bruder in den Orient entrückt wird. Wenn der irdische Engel, der diktiert, in den Orient entrückt wurde, was könnte jener, der schrieb, nun noch aufzeichnen? Aber der mystische Tod Absāls bedeutet nicht das Ende seiner Existenz, vielmehr wird er zum wahren Leben wiedergeboren. Ihren endgültigen Tod finden hingegen die drei Verbrecher, die ihn vergiftet haben. Die niederen Seelenkräfte haben keinen Einfluss mehr auf das höhere Antlitz der Seele, das sich mit ihrem himmlischen Gefährten vereinigt und ihren irdischen Zwilling gleichermaßen erhöht hat. Die spirituelle Freiheit besteht nicht in der Auslöschung, sondern in der Vollendung der persönlichen Existenz.

Anmerkungen

[1] Bei Hermanos und Heraql oder Haraqiel handelt es sich vermutlich um das Paar Hermes Trismegistos und Agathodaimon, die in der hermetischen Literatur eine zentrale Rolle spielen. Agathodaimon, der »gute Daimon«, ist der Meister der Weisheit und göttliche Prophet, aber auch der persönliche Nous des Initiierten. Haraqiel ist auch der Name des Engels der Merkursphäre und Merkur entspricht Hermes.

[2] In der arabischen Literatur des 10. Jahrhunderts wurden die beiden Pyramiden als die Grabmäler des Hermes und des Agathodaimon betrachtet.

[3] Eine mögliche Deutung dieses Namens ist Egregoros, Wächter, Jaqzān.

[4] Da es sich nicht um eine physische Zeugung handelt, muss eine Mandragora, die mystische Pflanze, zu Hilfe genommen werden, deren Wurzelstock wie ein Mensch aussieht. Die seelische Geburt dessen, der zum Sohn des Königs werden soll, kann nur aufgrund des Menschenarchetypus erfolgen, den diese mystische Pflanze darstellt.

[5] Die chaldäische Astrologie lehrte, Adam habe vorausgesagt, die Welt werde durch Wasser und Feuer zerstört.

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