Über die Selbsterkenntnis der Seele und des Geistes – I

Plotins Enneaden

Plotins Enneaden in der Übersetzung von Marsilio Ficinos 1580

Plotin († 270), der gemeinhin als der Begründer des Neuplatonismus gilt, ringt in dieser Untersuchung mit der Frage nach dem Geist, der in der Seele erscheint und nach einer Antwort darauf, wie er sich selbst erkennt. Seine Beobachtungen sind bewusstseinsgeschichtlich von hohem Interesse, denn sie zeigen, wie ein Philosoph im vierten Jahrhundert nach Christus aus der Verstandesseele zur erst keimhaft ausgebildeten Bewusstseinsseele hinaufschaut und vom Licht geblendet wird, das ihm von oben entgegenkommt. Wie die Sonne am Tag die Sterne überstrahlt, so überstrahlt der Geist, der von Plotin als »Kraftwirkung« erlebt wird, die Seele. Über dem erkennenden Geist aber steht das Eine, das unaussprechlich ist, mit dem sich die Seele vereint, wenn sie sich über sich selbst emporschwingt. – Übersetzung der Enneade V, 3 von Lorenzo Ravagli.

1. Muss, was sich selbst denkt, Vieles sein, damit es mit einem Teil von sich den anderen anschauen kann, und wir dann von ihm sagen können, dass es sich selbst denkt? Und vermag das, was schlechthin einfach ist, sich nicht auf sich selbst zurückzuwenden (epistrephein) und sich selbst geistig zu erfassen (katanoesin)? Nun, auch etwas, das nicht aus Teilen zusammengesetzt ist, vermag das Denken seiner selbst zu erlangen. Denn das, von dem wir sagen, dass es sich selbst denkt, weil es zusammengesetzt ist, weil es mit einem seiner Teile die übrigen denkt, so wie beim Wahrnehmen, bei dem wir unsere Gestalt erfassen und die übrigen Merkmale unseres Leibes: das besitzt nicht das wahrhafte Denken seiner selbst. Denn in einem solchen Fall kommt es nicht zu einer Erkenntnis des ganzen Wesens, wenn nicht jener Teil, der die mit ihm verbundenen denkt, sich seinerseits selbst denkt. Und so ist dies nicht das gesuchte Sichselbstdenken, sondern ein Denken des Anderen durch ein Anderes.

Man muss daher auch bei einem einfachen Wesen eine geistige Selbsterfassung voraussetzen, und wenn möglich untersuchen, wie sie sich vollzieht. Oder man muss gänzlich von der Meinung Abstand nehmen, dass irgendetwas sich wirklich selbst zu denken vermag. Von dieser Meinung Abstand zu nehmen, ist aber gänzlich unmöglich, weil dann vieles Unbegreifliche folgt. Und wenn wir dieses Sichselbstdenken zumal der Seele (psyche) absprechen, weil das nicht vollkommen unsinnig ist, so wäre es doch vollkommen unsinnig, es dem Geist (nous) abzusprechen, da er alsdann von allem anderen Wissen (gnosis) besäße, nicht aber Wissen (gnosis) oder Erkenntnis (episteme) von sich selbst. Denn das Äußere erfasst die Wahrnehmung (aisthesis), und nicht der Geist, wenn man will, auch die Verstandesseele (dianoia) und das Meinen (doxa). Und ob der Geist von diesem Äußeren Erkenntnis besitzt, oder nicht, muss noch untersucht werden. Alles Denkbare (noeta) aber muss der Geist erkennen. Soll nun der Geist nur das Denkbare oder auch sich selbst erkennen, als den, der alles Denkbare erkennt? Soll er sich selbst nur insoweit erkennen, als er alles Denkbare erkennt, nicht aber, wer es ist, der all dies erkennt, so dass er also alles zu ihm Gehörige erkennt, nicht aber sich selbst? Oder erkennt er sowohl seinen ganzen Inhalt als auch sich selbst? Hier muss untersucht werden, auf welche Weise dies geschieht und bis wohin diese Erkenntnis reicht.

2. Fragen wir jedoch zuerst, ob die Seele sich selbst erkennen kann, wenn ja, womit und wie sie zu dieser Selbsterkenntnis gelangt.

Als Empfindungsseele (aisthetikon) ist sie allein auf das Äußere gerichtet. Wenn sie die Leibesvorgänge mitwahrnimmt (synaisthesis), dann ist auch diese Wahrnehmung auf etwas Äußeres gerichtet, denn was sie an körperlichen Zuständen erlebt, liegt nicht in ihr, sondern unter ihr.

Als Verstandesseele (logistikon) ist sie auf die Bilder gerichtet, die aus dem Leib aufsteigen, und bearbeitet diese, indem sie sie unterscheidet und zusammenfügt. Auch auf die aus dem Geist (nous) herabsteigenden Urbilder wendet sie diese Fähigkeit an. Außerdem verbindet sie die neu eintreffenden Bilder mit jenen, die sich bereits in ihrem Besitz verbinden, vergleicht sie mit dem bereits Bekannten und erkennt sie wieder: dies dürfen wir wohl als Erinnerungstätigkeit (anamnesis) der Seele bezeichnen.

Ist damit die Fähigkeit des in der Seele wirkenden Geistes erschöpft, oder wendet er sich auch noch auf sich selbst zurück, und erkennt sich selbst?

Nun, dies ist wohl dem Geist (nous) zuzuschreiben. Denn wenn wir diesem Teil der Seele Selbsterkenntnis zugestehen – womit wir ihn als Geist auffassen – müssen wir fragen, wie er sich von jenem höheren Geist unterscheidet. Gestehen wir aber der Seele diese Selbsterkenntnis nicht zu, dann müssen wir denkend zum Geist aufsteigen, und untersuchen, wie dieser sich selbst zu erkennen vermag. Wenn wir aber schon der Seele die Selbsterkenntnis zuschrieben, müssten wir untersuchen, wie sie sich selbst, im Unterschied zum Geist, denkt, denn gäbe es keinen Unterschied, wäre sie eben bereits der reine Geist.

Wendet sich also dieser in der Verstandesseele wirkende Geist (dianoetikon) auf sich selbst zurück und erkennt sich selbst? Nein. Aber er nimmt die Bilder der Sinne und die Urbilder des Geistes in sich auf und versteht sie. Wie er sie versteht, müssen wir nun zuerst untersuchen.

3. Die Empfindungsseele sieht einen Menschen und übergibt sein Bild der Verstandesseele. Was aber sagt diese? Zunächst sagt sie nichts, sondern sie fasst dieses Bild nur auf – sie tritt allenfalls mit sich selbst ins Gespräch (dialogizein) und frägt sich: »Wer ist das?« Wenn sie diesem Menschen früher schon begegnet ist, dann sagt sie auf ihre Erinnerung gestützt vielleicht: »Dies ist Sokrates«. Betrachtet sie seine Gestalt näher, dann zergliedert sie bloß das Bild, das die bildgestaltende Kraft (phantasia) der Empfindungsseele geformt hat.

Und wenn sie von ihm sagt, »er ist gut«, dann geht sie schon über das hinaus, was die Empfindungsseele wahrgenommen hat, denn den Maßstab, ob etwas gut ist, oder nicht, trägt sie in sich, er kommt nicht von außen.

Wie aber vermag sie das Gute in sich zu tragen? Nun, sie trägt ein Abbild des Guten in sich (agathoeides), und an der Wahrnehmung dieses Guten erstarkt sie, denn in ihr leuchtet der Geist auf. Denn dies ist der reinste Teil der Seele [die Bewusstseinsseele] und dieser nimmt das Licht des Geistes in sich auf.

Warum aber bezeichnen wir diesen Teil der Seele nicht als Geist, oder warum beschränken wir die Seele nicht auf die Empfindungsseele, die den Wahrnehmungen hingegeben ist? Nun, auch die Seele muss am Geist Anteil haben, der sich in ihr in Begriffen, Urteilen und Schlüssen entfaltet. All dies sind Tätigkeiten der Verstandesseele. Warum aber gestehen wir diesem Teil der Seele nicht bereits die Fähigkeit zu, sich selbst denkend zu erkennen und haben damit das Problem erledigt? Weil er für die Betrachtung des Äußeren zuständig ist und die vielen Tätigkeiten, die daran anschließen; vom Geist hingegen verlangen wir, dass er allein das zu ihm Gehörige beherrscht und seinen Blick auf das richtet, was in ihm ist.

Würde aber jemand sagen: »Warum soll denn die Seele nicht aufgrund irgendeiner Fähigkeit sich selbst erforschen?«, dann würde er nicht nach dem Verstand oder dem zergliedernden Denken der Seele fragen, sondern eben nach dem reinen Geist.

Und warum soll in der Seele kein reiner Geist sein?

Ja, warum nicht?

Aber darf man dies dann noch als Seele bezeichnen?

Nein, sagen wir.

Aber wir wollen den Geist als unseren bezeichnen.

Nur, dieser Geist ist etwas anderes als der Verstand der Seele und steht über diesem. Dennoch ist er der unsrige, auch wenn er kein Teil der Seele ist.

Er ist der unsrige und nicht der unsrige: weil wir ihn herbeirufen oder nicht herbeirufen, während der Verstand immer bei uns ist. Und rufen wir ihn herbei, ist er der unsrige, wenn nicht, dann nicht.

Was aber ist dieses Herbeirufen? Verwandeln wir uns in ihn und sprechen wir mit seiner Stimme? Nein, sondern wir richten uns nach ihm; denn wir sind nicht selbst der Geist. Nach ihm richtet sich aber das Denkvermögen unserer Seele (logistikon), das ihn in sich aufnimmt. So ist es ja auch mit der Empfindungsseele, die die Wahrnehmungen in sich aufnimmt, ohne dass sie deswegen mit ihnen identisch ist.

Verhält es sich mit den in unserer Seele sich ausbreitenden Gedanken aber genauso? Nein, denn wir selbst bilden Urteile, ziehen Schlüsse, und denken die Gedanken, die sich bei der Urteilsbildung in uns entfalten. All dies sind wir selbst.

Die Kraftwirksamkeiten (energemata) des Geistes kommen von oben, so wie die Sinneswahrnehmungen von unten kommen. Wir aber sind das Herrscherliche der Seele, wir stehen in der Mitte zwischen zwei Kräften, einer niederen und einer höheren, der niederen der Empfindungsseele und der höheren des Geistes. Aber die Wahrnehmungen der Empfindungsseele sind immer die unsrigen, wie man allgemein zugibt – denn sie sind uns immer zugänglich; der Geist hingegen ist umstritten, weil er nicht immer bei uns ist und von uns getrennt (choristos) ist: getrennt aber ist er, weil er sich nicht zu uns herabneigt, sondern weil wir zu ihm hinaufblicken. Die Wahrnehmung ist uns ein Angelos (Bote), König (des Himmels) aber ist uns der Geist.

4. Könige sind auch wir selbst, wenn wir nach jenem leben. Nach jenem leben wir aber auf zweifache Art: indem seine Schriftzeichen gleich Gesetzen in uns eingeschrieben sind, oder indem wir uns mit ihm erfüllen und seine Anwesenheit sehen und empfinden können. Und wir erkennen uns selber entweder durch das, was wir da sehen, und wodurch wir auch alles andere begreifen; oder indem wir die Kraft, durch die wir alles begreifen, durch sich selbst erfassen, oder indem wir selbst zu jener Kraft werden. Und so gibt es zwei Arten von Selbsterkenntnis: entweder indem wir das Wesen des Geistes erkennen, der sich in der Verstandesseele ausbreitet, oder eine höhere, indem wir uns selbst durch den Geist erkennen, wenn wir uns in diesen verwandeln.

Dann aber denken wir uns selbst nicht mehr als Mensch, sondern wir sind gänzlich andere geworden, wir haben uns in die Höhe emporgeschwungen, aber nur mit dem besseren Teil unserer Seele, der sich selbst zur Anschauung des Geistes zu erheben vermag, damit etwas das dort Geschaute als Pfand in sich aufnehmen kann.

Erkennt etwa der in der Seele als Verstand ausgebreitete Geist nicht, dass er aufgrund eines inneren Maßstabes über die Wahrnehmungswelt urteilt, den er eben dem Geiste verdankt, und dass es etwas Besseres gibt als ihn, das er nicht suchen muss, weil er es immer schon in sich trägt? Erkennt er etwa nicht, was es ist, wo er doch erkennt, was es tut und wie es wirkt? Bezeugt er nicht, dass er vom Geist kommt, und das Zweite nach dem Geist und das Abbild des Geistes ist? Dass ihm alles wie Schriftzeichen eingeprägt ist, die der Schreiber in der höheren Welt in ihn hineingeschrieben hat? Und wird der, der sich auf diese Weise selbst erkannt hat, bei dieser Selbsterkenntnis stehenbleiben? Werden wir nicht, die wir noch eine andere Kraft herbeigerufen haben, nicht auch noch den Geist selbst erschauen, wie er sich selbst erfasst? Werden wir, da er der unsrige geworden ist und wir die seinigen, nun auch den Geist und uns selber erkennen? Notwendig werden wir dies, wenn wir erkennen wollen, was es im Geiste ist, das sich selbst erkennt.

So sind wir also selbst Geist geworden, wenn wir alles andere hinter uns lassen und ihn selbst anschauen, uns selbst durch uns selbst. Und auf diese Weise erschaut sich der Geist.

5. Erblickt er nun mit einem Teil von sich einen anderen Teil von sich? So aber wäre eines das Sehende, ein anderes das Gesehene. Und dies wäre nicht »sich selber sehen«. Wie aber, wenn er ein Ganzes wäre, das aus gleichen Teilen bestünde, in dem das Sehende und das Gesehene sich nicht unterschieden? So sähe er den anderen Teil von sich, und dies wäre derselbe, wie der, der sich selbst sieht: dann würde sich das Sehende und das Gesehene nicht unterscheiden.

Aber erstens wäre eine solche Teilung unsinnig, denn wie sollte er sich selbst teilen? Gewiss nicht zufällig. Und was sollte das Teilende sein? Wer befände sich nun im Sehenden und wer im Gesehenen?

Und weiter: Wie soll das Sehende sich im Gesehenen erkennen, da es sich doch gerade zum Sehenden gemacht hat? Denn im Gesehenen ist das Sehende ja nicht. Nein, auf diese Weise vermag es sich nur als das Gesehene, aber nicht als das Sehende zu erkennen. So wird er nicht alles und sich nicht als Ganzen erkennen. Den, den er sähe, sähe er als den Gesehenen, aber nicht als den Sehenden. Und so wäre er ein anderer, und würde nicht sich selbst sehen. Oder aber, er fügt von sich aus auch noch den Sehenden hinzu, damit er sich vollständig erkennt. Aber, wenn er den Sehenden hinzufügt, dann auch das, was dieser sieht. Wenn er also als Sehender über das Gesehene verfügt, dann ist dies Gesehene entweder nur sein Abbild, und er besitzt das Gesehene nicht selber, oder aber er besitzt es selber – und dann hat er es nicht selbst erblickt, weil er sich zuvor geteilt hat, sondern er sah und besaß sich schon, bevor er sich teilte. Dann aber muss das Sehen und das Gesehene dasselbe sein, und der Geist dasselbe sein, wie das, was er denkend erblickt. Auch gäbe es keine Wahrheit, wenn sie nicht dasselbe wären. Denn dann würde, wer das Seiende erfasst, etwas vom Seienden Verschiedenes erfassen, und dies wäre nicht die Wahrheit. Denn die Wahrheit darf nicht etwas anderes sein, sondern, das, was ich aussage, muss das Sein selbst sein.

Ein und dasselbe also ist der Geist und das, was er erblickt und dies ist das Sein, das erste Sein und der erste Geist, der das Seiende besitzt, oder besser, er selbst ist das sehende und gesehene Wesen.

Wenn aber das Sehen des Geistes und das, was er sieht, eines sind, warum soll dann das denkende Wesen sich selbst denken? Der sehende Geist mag das Gesehene ja irgendwie umfassen oder er ist dieses Gesehene selbst, – damit ist aber noch nicht erklärt, wie das Denken sich selber denkt. Wenn aber das Denken und das Gedachte ein und dasselbe sind – das Gedachte nämlich als Verwirklichtes und nicht als bloß Mögliches (oder gar als Ungedachtes), und es nicht vom Leben getrennt ist oder als ein anderes zum Seienden hinzukommt, wie beim Stein oder irgendeinem anderen Unbeseelten – dann ist das Gedachte das ursprüngliche Wesen. Dann aber ist das Gedachte Wirklichkeit und die ursprüngliche, herrlichste Wirklichkeit und das Denken ist von Wesenheit erfülltes Denken: und es ist das Wahrste. Ein derartiges erstes und wesenhaftes Denken ist aber gewiss auch der Erste Geist. Denn dieser Geist ist nicht bloß der Möglichkeit nach und von sich selbst unterschieden, so dass sein Denken ein anderes wäre als er selbst; das wesenhafte Denken ist immer schon Wirklichkeit aus sich heraus. So muss er Wirklichkeit sein und sein Wesen muss Wirklichkeit sein, ein und dasselbe muss er sein wie die Wirklichkeit. Ein und dasselbe der Wirklichkeit nach ist in ihm aber auch das Sein und das Gedachte. Eins also ist alles dies: Geist, Denken, Gedachtes. Wenn aber sein Denken das Gedachte ist, und das Gedachte er selbst, dann muss er sich selbst denken: denn er denkt durch das Denken, das er selbst ist, und er denkt das Gedachte, das er selbst ist. In beiderlei Hinsicht denkt er also sich selbst, insofern er selber das Denken ist, und insofern er das Gedachte ist, das er denkend erkennt, und das er selber ist.

6. Unsere Rede hat also gezeigt, dass es etwas gibt, das im höchsten Sinne sich selbst zum geistigen Gegenstand wird. Anders ist bei der Seele, was beim Geist in höchster Form erscheint. Denn die Seele erkennt sich selbst als ein Anderes, der Geist sich selbst als sich selbst und seine Eigenschaften aus seinem Wesen heraus und indem er sich auf sich selbst zurückwendet (epistrophe). Denn das Seiende sehend sieht er sich selbst, und das Sehen ist Wirksamkeit und diese Wirksamkeit ist er selbst: denn der Geist und sein Sehen sind eins. Und als Ganzes denkt er sich ganz, nicht ein Teil einen anderen.

Besitzt nun aber, was unsere Rede erwiesen hat, die Überzeugungskraft? Notwendig mag es wohl sein, aber überzeugend nicht. Denn die Notwendigkeit ist im Geist, die Überzeugung in der Seele. Und so scheinen wir Menschen eher auf Überzeugung aus, als darauf, im reinen Geist die Wahrheit zu schauen.

Solange wir oben in der Wesenheit des Geistes waren, genügte sie uns und wir erkannten, und wir schauten alles in eins zusammengefasst; denn der Geist war der Denkende, der über sich selbst sprach, die Seele aber fand Ruhe und öffnete sich den Kraftwirkungen des Geistes.

Nun aber, da wir wieder hier unten sind, suchen wir nach der Überzeugung in der Seele, und wir verlangen danach, im Abbild das Urbild zu schauen. So müssen wir wohl unsere Seele belehren, wie der Geist sich selbst erschaut, wir müssen das in der Seele belehren, was geistförmig ist, was wir als geistig bezeichnen, weil in ihm der Geist sich entfaltet (dianoetikon – die Verstandesseele), das wir geistförmig nennen, weil es auf gewisse Weise Geist ist oder seine Kraft durch den Geist (Wortspiel: dianoetikon – dia nou) und vom Geist erhält.

Dieses Glied der Seele muss zur Erkenntnis voranschreiten, dass es alles, was es sieht, erkennt, und weiß, was es sagt. Wäre nun diese Seele selbst, was sie sagt, würde sie sich schon selbst erkennen. Da nun aber das Geistige sich über ihr befindet oder von oben zu ihr herabsteigt, von dort, wo sie selber herkommt, so wird auch ihr durch die Rede zuteil, das ihr Verwandte zu ergreifen, sich ihm anzuschmiegen und zu erkennen, was in ihr ist.

Dieses Abbild also ergreife sie und lasse sich durch es zum wahrhaften Geist hinauftragen, der, wie wir sahen, derselbe ist wie das, was er denkt, der wahr ist und wahrhaft seiend und ursprünglich, da er als solcher keinesfalls außerhalb seiner selbst ist. Dieser ist in sich selbst und bei sich selbst und das, was er ist, und als solcher ist er Geist, denn einen geistlosen Geist kann es nicht geben, und notwendig muss die Erkenntnis seiner selbst mit ihm sein. Und der, der so in sich ist, der ist nicht ein anderes als er selbst und sein einziges Werk und Wesen besteht darin, allein Geist zu sein. Nicht auf das äußere Tun ist dieser Geist gerichtet (praktikos), denn diesem nach außen gerichteten Geist, der nicht in sich ruht, mag wohl aus der äußeren Welt manches Wissen zufallen, aber es besteht keine Notwendigkeit, wenn er wirklich nach außen gerichtet ist, dass er sich selbst erkennt.

Jenem aber, der nicht nach außen gerichtet ist – denn der reine Geist kennt kein Verlangen nach etwas Abwesendem – fällt die Rückwendung auf sich selbst zu, und diese führt nicht nur zu schönen, der Überzeugung schmeichelnden Reden, sondern mit Notwendigkeit zur Selbsterkenntnis. Worin sollte denn sein Leben sonst auch bestehen, wo er sich doch von allen äußeren Interessen frei gemacht hat und allein sich selbst hingegeben ist?

7. Aber er könnte ja den Gott schauen, mögen wir sagen. Wenn wir ihm jedoch zugestehen, dass er Gott selbst erkennt, dann müssen wir auch notwendig zugestehen, dass er sich selbst erkennt. Denn er muss ja auch alles erkennen, was er von diesem hat, was er von ihm empfängt und was er vermag: wenn er dies begreift und erkennt, dann wird er auch sich selbst erkennen. Denn eines, was ihm von jenem gegeben wird, ist er selbst, oder besser, er ist all das selbst, was ihm gegeben wird. Wenn er also jenen erkennt und seine Kräfte erlebt, wird er auch erkennen, wie er aus jenem hervorgegangen ist und seine Kräfte erhalten hat: wenn er aber jenen nicht klar zu sehen vermag, weil das Sehen vielleicht bedeutet, selbst das Gesehene zu sein, so bliebe ihm nichts übrig, als sich selbst zu sehen und zu erkennen, wenn dieses Sehen darin besteht, selbst das Gesehene zu sein. Was anderes sollten wir ihm auch zuschreiben? Nun, bei Gott, das Ruhen in sich selbst (hesychia). Aber für den Geist ist diese Ruhe keine Ekstase, kein Heraustreten aus sich selbst, sondern die Ruhe des Geistes ist die Wirksamkeit, die von allen anderen Tätigkeiten befreit ist. So ist es auch bei allem anderen, das Ruhe vor anderem hat, dass es in die ihm eigene, beste Wirksamkeit hinaufgehoben wird, nicht in das bloße Möglichsein, sondern in das Wirklichsein. Sein ist Wirksamkeit und es gibt nichts anderes, worauf sich diese Wirksamkeit richten könnte. So bleibt er also bei sich selbst. Sich selbst denkend, ist er bei sich selbst und richtet seine Wirksamkeit auf sich selbst. Und alles, was aus ihm aus hervorgehen mag, geht nur aus ihm hervor, weil er in sich selbst auf sich selbst gerichtet ist. Denn zuerst muss er in sich selbst sein, dann kann er in anderes eingehen, kann anderes aus ihm hervorgehen, das ihm ähnlich ist, so wie das Feuer zuerst in sich selbst Feuer und die Wirksamkeit des Feuers ist, und danach erst imstande ist, ein Bild von sich selbst im anderen hervorzubringen. So ist auch der Geist in sich selbst Wirksamkeit, die Seele aber, die auf ihren Geist gerichtet ist, ist nach innen gerichtet, auf etwas Äußeres hingegen ist sie gerichtet, wenn sie sich etwas zuwendet, was außerhalb des Geistes liegt. Einerseits bleibt sie dem ähnlich, woraus sie kommt, andererseits wird sie ihm unähnlich und bleibt ihm doch ähnlich, mag sie nun nach außen tätig sein, oder etwas hervorbringen: denn das Tätigsein ist dem Schauen gleich und das Hervorbringen ein Hervorbringen von Ideen, von Denkinhalten, die von ihr gleichsam abgelöst sind; so ist alles in ihr ein Abglanz des Denkens und des Geistes und geschieht in Nachahmung des Urbildes, das zuvor existiert, das eine bleibt enger mit ihm verbunden, das andere, das am weitesten aus ihm hervortritt, ist doch immer noch ein blasses Bild von ihm.

8. Welche Eigenschaften besitzt nun das, was der Geist sieht, und welche er selbst? Nun, das was der Geist sieht, darf man nicht so betrachten, wie die Farbe und Gestalt an den Körpern: denn bevor diese waren, ist jenes. Und den Logos, der in den Samen ist und all dies hervorbringt, ebensowenig [der logos spermatikos, der samenhafte logos, das Gesetz der Art, das den stofflichen Dingen innewohnt und sie gestaltet]. Denn ihrem Wesen nach sind Farbe und Gestalt unsichtbar, noch mehr aber der Logos. Das Wesen ist dasselbe bei den Eigenschaften und ihren Trägern, so wie der Logos in den Samen und die Seele, die diese samenhaften Logoi in sich trägt. Die Seele aber sieht nicht, was sie in sich trägt. Denn sie hat es nicht selbst erzeugt, sondern ist selbst ein Abbild, ebenso wie die Logoi; woher sie aber gekommen ist, dort ist Klarheit und Wahrheit und Ursprünglichkeit. Daher gehört es sich selbst und kommt aus sich selbst. Was aber aus einem anderen entstanden ist und in einem anderen ist, das bleibt nicht, denn »dem Abbild gebührt es in einem anderen zu sein, da es aus einem anderen entstanden ist«, es sei denn, es ist mit dem anderen gleichsam verwachsen. Deshalb vermag es auch nicht zu sehen, denn es hat nicht genügend Licht, und wenn es sieht, dann anderes, das sich in anderem vollendet, nicht aber sich selbst.

Nichts aber von dem gibt es oben im Geist, sondern dort ist das Sehen und das von ihm Gesehene gleich, dasselbe ist das Gesehene und das Sehen, das Sehen und das Gesehene.

Wer also soll sagen, welche Eigenschaften es hat? Der Sehende. Es sieht aber der Geist. Denn schon unser Sehen hier unten ist seinem Wesen nach Licht, besser, es ist mit dem Licht eins geworden, es sieht Licht: und durch das Licht die Farben. Jenes andere Sehen aber sieht nicht durch etwas anderes, sondern durch sich selbst, denn es ist nicht nach außen gerichtet. Das eine Licht sieht also das andere, und nicht durch ein anderes. Es sieht also das eine Licht das andere, es selbst sieht sich selbst. Dieses Licht erleuchtet die Seele, wenn es in ihr erstrahlt, das heißt, sie macht sie zu etwas Geistigem. So also, wie dieses Abbild des Lichtes, das in der Seele entsteht, nur herrlicher und größer und klarer, denke dir das Licht selbst, und du kommst dem Wesen des Geistes und seinen Wirkungen nahe. Wenn nun dieses Geistige in die Seele herunterstrahlt, dann erfüllt es die Seele mit vollerem Leben, aber nicht mit einem zeugenden Leben, im Gegenteil, wendet es doch die Seele auf sich selbst zurück und hemmt ihr Ausströmen, indem es sie mit Liebe zu ihrem inneren Leuchten erfüllt. Aber auch nicht mit wahrnehmendem Leben, denn dieses blickt nach außen und nimmt deswegen nicht besser wahr. Wer aber jenes Licht des wahren Lebens erhalten hat, der sieht das Sichtbare besser, indem er nach innen blickt, nicht nach außen. Es bleibt also nur, dass die Seele ein geistiges Leben, die Spur des Lebens des Geistes empfängt. Dort aber ist alles in seiner Wahrheit. Das Leben im Geiste aber und seine Wirklichkeit ist das ursprüngliche Licht, das erstursprünglich aus sich selber leuchtet und vor sich selbst erstrahlt, leuchtend und erleuchtet zugleich, das wahrhaft Geistige, denkend und gedacht, durch sich selber sehend und nicht eines anderen bedürfend, damit es sehe, aus sich selbst die Kraft des Sehens schöpfend – und es selbst ist das Gesehene – erkennbar für uns durch sich selbst, so dass für uns seine Erkenntnis durch es selbst entsteht. Wie vermöchten wir sonst von ihm zu sprechen? So ist es, dass es sich am besten durch sich selbst erfasst, wir aber erfassen es durch es.

Durch solche Rede wird auch unsere Seele zu ihm hinaufgeführt, zur Einsicht, dass sie selbst sein Abbild ist, und dass ihr eigenes Leben ein Bild und Gleichnis von jenem ist, und wenn sie ihn denkt, dann wird sie gottförmig und geistförmig. Und wenn jemand von ihr zu wissen wünscht, welche Eigenschaften jener vollkommene und alles umfassende Geist besitzt, der immer schon sich selbst erkennt, dann wird sie zuerst selbst in den Geist eintreten, oder seine Wirksamkeit in sich eintreten lassen, von der sie ein Inbild in sich trägt, durch das sie auf ihn hinweist, so dass sie durch das Abbild seines Wesens jenen zu erblicken vermag, und zwar durch jenes, das ihm so ähnlich wie möglich geworden ist, soweit ein Teil der Seele sich dem Geist anzugleichen vermag.

9. Die Seele also, scheint es, und das Göttlichste an ihr muss anschauen, wer den Geist und sein Wesen erkennen will. Das mag nun so geschehen, dass du zuerst den Körper vom Menschen, also von dir selbst wegdenkst, dann auch die Seele, die ihn formt, dann aber auch die Wahrnehmung, die Begierde, die Emotion und all den anderen Tand, der dem Sterblichen zugewandt ist. Was dann von dir übrig bleibt, ist das, was wir das Abbild des Geistes genannt haben, das etwas von seinem Licht in sich trägt, so wie bei der Sonne das Licht, das über ihren sphärischen Leib hinaus und aus ihr heraus strahlt. Bei der Sonne würde man kaum behaupten, dass das Licht, das um sie herum erstrahlt, aus sich selbst kommt, da es aus ihr stammt und in ihrer Umgebung verbleibt, und immer eines dem anderen nachfolgt, bis es zu uns auf die Erde gelangt. Dagegen wird man annehmen, dass das ganze Licht, das um sie herum erstrahlt, in einem anderen ist, damit man nicht einen leeren Raum um die Sonne herum denken muss. Die Seele nun ist aus dem Geist wie ein Licht entstanden, das ihn umgibt, und sie gehört zu ihm, sie ist nicht in einem anderen, noch um etwas anderes, noch in einem Ort, so wie auch der Geist nicht. So ist das Licht der Sonne in der Luft, die Seele aber ist so rein, dass sie als solche für sich selbst und ihresgleichen sichtbar wird.

Durch solche Gedankengänge muss die Seele erschließen, was der Geist ist, indem sie auf sich selbst hinblickt. Der Geist aber erkennt sich selbst, ohne dass er sich in weitläufige Gedankengänge zerstreut; denn er ist immer bei sich selbst, wir aber nur, wenn wir zu ihm finden, denn unser Leben ist zerstreut und auf vieles verteilt, der Geist aber bedarf keines anderen Lebens oder eines anderen, sondern was er darreicht, reicht er anderem dar und nicht sich selbst; denn er benötigt nicht, was unter ihm steht und reicht es auch nicht sich selbst dar, da er das gesamte All in sich trägt, und zwar nicht nur die Abbilder, sondern die Urbilder, besser, er trägt sie nicht in sich, sondern er ist diese Urbilder. Ist nun aber jemand nicht fähig, die oberste, rein denkende Seele (Bewusstseinsseele) in sich auszubilden, so gehe er zur Verstandesseele und steige von ihr aus auf. Vermag er auch dies nicht, so gehe er zur Empfindungsseele, welche die gröberen Vorstellungsbilder vermittelt, deren Wahrnehmung auf sich selbst gerichtet ist oder sich den äußeren Gegenständen und den ihnen innewohnenden Ideen zuwendet. Ja, wenn man will, kann man sogar bis zur zeugenden Seele (Ätherleib) und dem, was sie hervorbringt, hinabsteigen, dann steige man von den letzten ideellen Formen wieder nach oben, zu den im umgekehrten Sinn letzten ideellen Formen, oder besser: zu den ersten.

Fortsetzung

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