1976 | Der Eingriff des Widersachers – ein Versuch in Dämonologie

Siebtes apokalyptisches Siegel.

Siebtes apokalyptisches Siegel. Entwurf Rudolf Steiner, Ausführung Clara Rettich, 1907.

Unsere Übersicht der für die anthroposophische Gesellschaft und Bewegung »epochalen« Publikationen wäre nicht vollständig, wenn wir nicht an ein weiteres Buch erinnern würden, das ebenfalls im Jahr 1976 erschien: die Studie »Der Eingriff des Widersachers« von Johannes Tautz (1914-2008).[1] Diese Studie, die »Fragen zum okkulten Aspekt des Nationalsozialismus« behandelt, fasst drei für den Druck aufbereitete Vorträge zusammen, die der Stuttgarter Waldorflehrer bereits 1966 – 33 Jahre nach der Machtergreifung – gehalten hatte.

Die Aufgabe, die Tautz sich stellte, bestand darin, sich mit den »Kräften der Zerstörung«, die während der Epoche des Nationalsozialismus in die Geschichte »eingebrochen« waren, geistig auseinanderzusetzen, um »künftige Angriffe der Freiheitsgegner« zu verhindern. Tautz fragte in seinem »Werkstattbericht« nach dem historischen Zeitpunkt, an dem jene »Widersachermächte«, auf die Steiner frühzeitig hingewiesen habe, in den Gang der Geschichte eingriffen hätten, nach den »Mitteln ihrer Wirksamkeit« und der »Bedeutung und dem Rang dieser Wesenheiten«.[2] Seiner Fragestellung legte er eine Auffassung zugrunde, die nach dem Vorbild der »Zeitgeschichtlichen Betrachtungen« Steiners von 1916/17 Geschichte als einen »physiognomischen Ausdruck geistiger Kräfte« deutete. Die »wirklichen Ursachen und Triebfedern« gelte es zu durchschauen, die das Volk der Deutschen »in den Abgrund des Bösen« gestürzt hätten. Möglich sei dies nur, wenn jenes Übersinnliche, das in der Geschichte wirke, so wie das Ich in der menschlichen Biografie, in die Untersuchung einbezogen werde.

Tautz eröffnet seine Darstellung der äußerlichen Geschichte des Nationalsozialismus mit dem Reichstagsbrand, der Ouvertüre jener zwölf Jahre, an deren Ende ein Weltenbrand das auf Wahn und Dämonie gebaute »Dritte Reich« verschlingen sollte. Mit dem Reichstagsbrand sei ein Ventil geöffnet worden, durch das »eine ganze Welt lauernder Untergangsgeister« hereingebrochen sei, sich »der getrübten Bewusstseine bemächtigt« und in »unkontrollierten Triebhandlungen und halb-schizophrenen Zwangstaten« ausgewirkt habe. Durch die auf den Brand folgende »Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat« sei eine Entwicklung aufgehoben worden, die 1215 mit der großen Freiheitsurkunde, der Magna Charta ihren Anfang genommen habe. Mit jener Verordnung sei eine »große Urkunde der Unfreiheit« eingesetzt worden und die Herrschaft der Rechtlosigkeit habe in Deutschland ihren Lauf genommen.

Eine wichtige Station in dem 1933 eingeleiteten Prozess stellt für Tautz das Blutbad vom 30. Juni 1934, die Entmachtung der SA durch die SS dar. Die »Landsknechtsnatur« des Stabschefs der SA (Ernst Röhm) repräsentiere die »Entfesselung des Triebhaften« und die moralische Korruption. An seine Stelle trete mit dem maskenhaft undurchschaubaren Reichsführer SS (Heinrich Himmler) die »Personifikation des Anonymen«. Mit ihm beginne die zunehmende »Entmenschlichung und Entseelung«. Mit ihrem Gestapo-Apparat führe die SS die »satanisch-ahrimanische Maschinerie des Todes und des Untergangs zu einem Triumph der Vernichtung«. In den Ereignissen seit dem Reichstagsbrand sind jedoch laut Tautz keine bewussten Planungen erkennbar, höchstenfalls spontane Reaktionen, die einer Logik des Machterhalts gehorchten. Hier wiederhole sich, was Steiner beim Kriegsausbruch 1914 beobachtet habe: durch die getrübten, verdunkelten Bewusstseine der Akteure wirkten außermenschliche Wesen, ein »ungeheures Bewusstseinsvakuum« mache seine »höllische Saugkraft« geltend. Am Ende der 12 Jahre stehe tatsächlich die Vision des Weltenbrandes (Muspilli), dessen Ausdruck der sogenannte »Nerobefehl« sei, in dem die wahnhafte Idee des Führers manifest werde, sein ganzes Volk, sein gesamtes Reich, ja die ganze Menschheit, bei seinem Untergang mit in den Abgrund zu reißen. Der Nero-Befehl, so Tautz, »war die totale Daseinsvernichtung der Deutschen durch das eigene Staatsoberhaupt« – zumindest war er der Versuch einer solchen Vernichtung.

Aber der »Führer« ist laut Tautz in Wahrheit ein »Geführter«, ein »Medium«. Eine Reihe von Zeitzeugen, wie Hermann Rauschning, Otto Strasser oder François-Poncet hätten dies zum Ausdruck gebracht. Zur Ausfüllung der eigenen Nichtigkeit umgebe sich »das Medium« mit drei Figuren, die eine Projektion dieser Nichtigkeit darstellten: einem Minister für Volksaufklärung und Propaganda (Goebbels), der den »Kopfmenschen« des Mediums fortsetze, einem Reichsmarschall (Göring), dem »karikierten Brustmenschen«, und dem Reichsführer SS, der »Verlängerung seines chaotischen Gliedmaßenmenschen«. Der Propagandaminister repräsentiere den »intellektuellen« Bürgertypus, er sei für die »Korrumpierung des Denkens« zuständig. Der Reichsmarschall, der an der Spitze des militärischen Apparats stehe, sei durch seinen Geltungsdrang und Infantilismus, seine Kunsträuberei und seine Amoralität gekennzeichnet. Der Reichsführer SS schließlich erscheine wie der »versteinerte Repräsentant des Parteiwillens«, als kalter »Fanatiker der Vernichtung«. Drei Institutionen stellten die organisatorische Kristallisation dieser Projektionen der korrumpierten Seele des Führermediums dar: die Institution für den Krieg, die Waffen-SS, jene für den Mord am Judentum im Reichssicherheitshauptamt und jene für die Zucht im »Lebensborn«, der die »Aufnordung« des deutschen Volkes übertragen werde. Mit diesen drei Institutionen gelangten die »drei unheimlichen Gesellen Gewalt, Angst und Leidenschaft« im Staat an die Macht.

Die »Geschichtswissenschaft« vermag das unheimliche Phänomen der Herrschaft dieses dämonisch verzerrten Menschen nach Auffassung unseres Autors nicht zu deuten. Die zwei gängigen Interpretationen: der Nationalsozialismus als »plötzlich hereingebrochene Katastrophe« oder als »logische Konsequenz der deutschen Nationalgeschichte«, erweisen sich aus seiner Sicht als ungenügend. Vielmehr müsse der Nationalsozialismus als »universal-geschichtliche Erscheinung« verstanden werden. Die Krise des liberal-demokratischen Staates habe bereits mit der bolschewistischen Revolution 1917 begonnen, in vielen Ländern seien faschistische Regime an die Macht gelangt: in Italien, Osteuropa, in den iberischen Ländern. Aber all diesen Entwicklungen gehe die Herrschaft des Materialismus, genauer: der Siegeszug des Darwinismus voraus, der den Menschen in die Tierreihe eingeordnet und damit die Entfesselung des Tieres im Menschen vorbereitet habe. Rauschning habe vom »Tier aus dem Abgrund« gesprochen, das sich im Nationalsozialismus erhoben habe. In der Tat machte letzterer aus der darwinistischen Theorie eine politische Praxis, indem er die Vernichtung der Schwachen und Minderwertigen – der »Untermenschen« –sowie die Heranzüchtung von Herrenmenschen zum Programm erhob und sie systematisch verwirklichte. »Aus der Tiertheorie wurde Tierdämonie«, so Emil Bock, den Tautz hier anführt.

Der Apokalyptiker rede von einem zweifachen Tier, das aus dem Abgrund aufsteige: aus dem Meer sich ein Tier mit sieben Köpfen und zehn Hörnern, aus dem Land ein zweigehörntes Tier. Die Repräsentanten des Nationalsozialismus hätten Göttern gedient, die Menschenopfer forderten: sie opferten die Jugend des eigenen Landes und eine ganze Menschheitsgruppe, das europäische Judentum. Der von diesen Göttern inspirierte Terror habe bereits nach dem I. Weltkrieg begonnen: Erzberger und Rathenau seien Meuchelmorden zum Opfer gefallen, auf Steiner sei im Mai 1922 ein Attentatsversuch verübt worden, der offene Terror habe sich in der Reichskristallnacht, am 9. November 1938 manifestiert, der geheime in den Konzentrations- und Vernichtungslagern. Die Schergen und Handlanger des Terrors zeugten von der »Banalität des Bösen«: sie seien weder herausragende Verbrecher noch charismatische Fanatiker gewesen, vielmehr kleine Rädchen im Getriebe einer gigantischen Vernichtungsmaschinerie. An ihnen werde der Verlust der personalen Mitte, des Ich ansichtig, sie seien »entleerte Menschen«, Instrumente, Werkzeuge des radikal Bösen, Produkte eines technokratischen Systems, das auf Entichung abgezielt habe, eines Systems, das von »ahrimanischem Geist« durchsetzt gewesen sei. Der Mensch ohne Ich, ohne Gewissen, »ist der Rohstoff, aus dem die Handlanger und Henker des Vernichtungsterrors geformt werden«.

Die Idee des »Dritten Reichs«, die vom Nationalsozialismus propagiert wurde, zeichnet Tautz als säkulare Pervertierung einer mystischen Vision, als Umformung einer inspirierten Historiosophie zu einer politischen Pseudoreligion. Auf das Heilige Römische Reich von 962 bis 1806 folgte in der nazistischen Geschichtsdeutung das Bismarckreich von 1871 bis 1918, an das sich nach dem Zwischenspiel der »Systemzeit« – der Weimarer Republik – das Dritte Reich anschloss, das tausend Jahre dauern sollte.

Die religionsgeschichtliche Dreizeitenlehre hatte der Zisterzienserabt Joachim von Fiore in Sizilien aufgrund einer Erleuchtung im Jahr 1190 geschaffen. Lessing hatte in seiner »Erziehung des Menschengeschlechts« und Schelling in seiner »Philosophie der Offenbarung« auf sie Bezug genommen. Lessing fasste das dritte Zeitalter als Zeitalter des Heiligen Geistes auf, Schelling als Epoche des johanneischen Christentums.

In Joachim von Fiores Dreizeitenlehre erscheint die Geschichte laut Tautz als Stufengang der Menschwerdung, als Selbstverwirklichung der trinitarischen Gottheit. Auf das Zeitalter des Vaters, vom Anbeginn der Welt bis zur Menschwerdung des Erlösers, folgt das Zeitalter des Sohnes, das im Jahr 1260 vom Zeitalter des Heiligen Geistes abgelöst werden soll, das seinerseits bis zum Ende der Welt dauert. Im ersten Zeitalter steht die Menschheit unter dem Gesetz, im zweiten unter der Dienstbarkeit der Söhne, im dritten unter der Liebe des Heiligen Geistes. Das dritte Zeitalter ist das Zeitalter des »intellectus spiritualis«, des geisterfassenden Denkens, das sich zum Schauen erhebt und einen Zugang zum ewigen Evangelium, der göttlichen Weisheit erlangt. In ihm wird der »novus dux«, der neue messianische Führer auftreten, der die Menschheit zur Vereinigung mit dem Vater zurückführt. Es ist das Zeitalter der Offenheit für den Kommenden (die Wiederkunft Christi), der Wiedergeburt im Geist.

An diese spirituelle Geschichtsdeutung Joachim von Fiores schloss sich laut Tautz auch Rudolf Steiner an. In seiner Vortragsreihe über die »Weltgeschichte in anthroposophischer Beleuchtung« während der Weihnachtstagung unterschied er wie dieser drei Epochen der Geschichte: die Tempelkultur Asiens und Ägyptens, die bis zum Brand des Tempels von Ephesus, zur Geburt Alexanders des Großen (356 v. Chr.) dauerte und durch eine unmittelbare Beziehung der Menschheit zu den Göttern bestimmt war. An diese schloss sich eine zweite Epoche, jene Roms, des Mittelalters und der Neuzeit an, die im Jahr 1879 endete. Mit dem Beginn der Michaelsherrschaft beginne die Epoche der erneuerten Mysterien, einer neuen Beziehung der individualisierten, in die Freiheit entlassenen Menschheit, zu den Göttern, die in der mittleren Epoche dem Vergessen anheimgefallen seien. An der Schwelle dieses dritten Zeitalters steht laut Tautz der »novus dux« – gemeint ist Rudolf Steiner als Vermittler des Zeitregenten Michael – mit seiner Botschaft des Offenseins für den Kommenden (den ätherischen Christus und seine Offenbarung).

Während die Anthroposophische Gesellschaft aus diesem Geist der Erwartung des Kommenden, des heilenden Geistes heraus, gegründet wird, beginnt sich auf der geschichtlichen Bühne das dämonisch verzerrte Gegenbild dieser Gemeinschaft zu formen, »der furchtbare Schatten, das Gegenbild des lichten Neubeginns«. »Die nationalsozialistische Bewegung ist«, so Tautz, der hier Karl Heyer zitiert, »nichts anderes, als die anti-anthroposophische Bewegung«.[3]

Im folgenden Kapitel – »das Zeichen« – setzt sich Tautz mit der Geschichte des Hakenkreuzes und dem Rätsel seiner suggestiven Wirkung auseinander.

Der Nationalsozialismus sei ein Rückfall in jenes erste Zeitalter, von dem Joachim de Fiore gesprochen habe, in welchem die Menschheit unter dem Gesetz, im Knechtsgehorsam stand, nun aber unzeitig, durch Peitschenhiebe gezüchtigt, in der Seelenhaltung der Furcht. In seiner Maske erschienen die Mächte des finsteren Rückschritts. Das dritte Weltalter hingegen sei das Weltalter der Offenheit für das Kommende, den ätherischen Christus.

Bereits 1910 habe Steiner in seinen Vorträgen über dieses Christus-Ereignis des 20. Jahrhunderts auf das Jahr 1933 hingewiesen.[4] Von neuen Fähigkeiten des Ätherhellsehens ist in diesem Zusammenhang die Rede, die sich zwischen 1930 und 1940 entwickeln und zu einer Wahrnehmung der Erscheinung des Christus in der ätherischen Welt führen sollten. Gleichzeitig. so Tautz, wirkten aber auch die Gegner des Christus der Entstehung jener Fähigkeiten entgegen, anstelle einer »Bewusstseinserhellung« strebten sie danach, das menschliche Bewusstsein zu verdunkeln.

Bei seiner Deutung des Hakenkreuzes geht der Autor von einem Vortrag aus, den Steiner am 4. Juni 1924 für die Arbeiter am Goetheanumbau hielt. In diesem Vortrag sprach er über das Hakenkreuz (das er an die Tafel zeichnete)[5] als ein uraltes mystisches Symbol, dessen Herkunft er auf Asien zurückführte. Das Zeichen werde gegenwärtig von »chauvinistischen völkischen Kreisen«, von »Deutschvölkischen« benutzt, ebenso wie von »Bolschewisten«. Bei diesem Swastika – ursprünglich zwei gekreuzten Schlangen – handle es sich um ein Symbol der Sonne, das seine Wirkung bis heute nicht verloren habe. Viel tiefer als abstrakte Lehren könne man mit Symbolen, mit Zeichen, mit kultischen Elementen auf die Menschen einwirken und sie in Gruppen zusammenschließen, indem man mittels dieser Zeichen auf ihr Unterbewusstes Einfluss nehme.

Die Nationalsozialisten, so Tautz, handhabten virtuos solche kultisch-rituellen Methoden der Massenbeeinflussung. Zu ihnen gehörten der Personen- oder Führerkult, Massenaufmärsche mit wehenden Fahnen und klingendem Spiel, der blasphemische Heilsgruß, die Parteitage als dionysisch-rauschhafte Feiern der Gemeinschaft im Zeichen der Blutfahne und der Märtyrer der »Bewegung«. Ebenso deute die Verwendung des Hakenkreuzes auf die Absicht, die Kräfte des kollektiven Unbewussten anzusprechen. Dieses einst heilige Zeichen, das auch dem druidischen Alteuropa bekannt gewesen sei, das zugleich die vierblättrige Lotusblume symbolisiere und damit jene höchsten geistigen Kräfte, die im Unterleib des Menschen wirkten, sei in die Hand der Gegenmacht geraten und habe nun – seiner ursprünglichen Bedeutung beraubt – Leidenschaft, Angst und Gewalt entbunden.

Hier erhebe sich die Frage, welche Kräfte das »Medium« für seine politische Laufbahn präpariert hätten. Tautz findet zumindest die ideellen Kräfte im völkisch-okkultistischen Untergrund Wiens, im Ariogermanentum Guido von Lists und dem Neutemplerorden des Jörg Lanz von Liebenfels. Hitler sog die »Ariosophie« der Ostara-Hefte, die Liebenfels herausgab, in seiner Wiener Zeit in sich auf und grundierte damit den antisemitischen Rassismus seiner späteren politischen Bewegung. Sowohl List als auch Lanz sahen sich als Vorkämpfer der arischen Rasse und strebten ihre Reinzucht in einem Ordenszusammenhang an. Beide schätzten das Hakenkreuz als Symbol ihrer Ideen. Lanz betrachtete sich noch 1932 als Lehrer Hitlers. Allerdings hält Tautz es für »naiv«, wie Friedrich Daim dies getan habe, die deutsche Entwicklung seit 1933 insgesamt aus diesen zweifellos wichtigen Ideengebern abzuleiten. Von entscheidender Bedeutung sei die Gasvergiftung Hitlers an der Westfront gewesen. »Sie führte zu einer hysterischen Blindheit und bewirkte jene Entleerung, die eine Besitzergreifung durch ahrimanische Mächte« ermöglichte, ähnlich wie dies bei Ludendorff der Fall gewesen sei, als er vor Lüttich in eine Entscheidungskrise geriet.

Als jemand, der durch eine ahrimanische Initiation gegangen war, zog Hitler 1918 nach München. Hier kam er in Berührung mit einem weiteren visionären Antisemiten, mit Alfred Schuler, der in einer schwülstigen Prosa Einblicke in eine Vorstellungswelt bot, die er der »Blutleuchte« verdankte, deren Licht in atavistischem Rauschzustand in seinem Inneren aufging. Auch List hatte sich auf eine solche Blutschau, ein Ahnengedächtnis berufen, aus dem sein Wissen um die ariogermanische Rassenvergangenheit hervorgegangen sein sollte. Schuler war Künder einer neuen Welt, die aus der Überwindung »Judas« hervorgehen sollte, deren Träger er in einer Jugend sah, die das Heil im Zeichen des Swastika bringen sollte.

Aber all diese Figuren (List, Lanz, Schuler) betrachtet Tautz als »Narren auf eigene Rechnung«, wohingegen drei weitere Gestalten – Rudolf von Sebottendorf, Karl Haushofer und George I. Gurdjieff – Sendboten oder Mitglieder »wirklicher Geheimgesellschaften« gewesen seien. Sebottendorf gründete nach dem I. Weltkrieg in München den Thule-Orden als völkische Freimaurerloge, der sich an der Organisation des politischen Terrors gegen die Eisner-Regierung beteiligte. Aus den Kreisen des Thule-Ordens, der im Hotel Vier Jahreszeiten tagte, erfolgte auch der Anschlag auf Steiner im Jahr 1922. Sebottendorf soll sich laut Tautz einer »forcierten Willensschulung« unterzogen haben, die er vom Orden der Bektaschi-Derwische gelernt hatte. Diese Schulung beschreibt unser Autor als das verkehrte Gegenbild der von Steiner gelehrten Rosenkreuzerschulung. Karl Haushofer, der Begründer der deutschen Geopolitik, stand ebenfalls zu Asien, genauer, zu Japan in Beziehung. Rudolf Heß, sein Assistent, stellte die Verbindung zum Medium her, was zur Folge hatte, dass Haushofer die beiden während ihrer Landsberger Festungshaft häufig besuchte. Um den ansonsten völlig unausgeleuchteten »okkulten Hintergrund« Haushofers plausibel zu machen, zitiert Tautz eines der Moabiter Sonette seines Sohnes, in dem es über den Vater heißt:

Für meinen Vater war das Los gesprochen.
Es lag einmal in seiner Willenskraft,
den Dämon heimzustoßen in die Haft.

Mein Vater hat das Siegel aufgebrochen.
Den Hauch des Bösen hat er nicht geseh’n.
Den Dämon ließ er in die Welt entweh’n.

Schließlich »der Wichtigste und Undurchsichtigste« von allen, der »Meister« George Gurdjieff aus Armenien, »der wie ein Gegenspieler Rudolf Steiners auftritt«. Der in den 1870er Jahren geborene Gurdjieff, der wie sein Landsmann Stalin das Priesterseminar in Tiflis besuchte, bereiste jahrelang Asien und wurde dort mit »östlichen Schulungsmethoden« vertraut. In Georgien, später Frankreich und den USA, gründete er »Schulen zur harmonischen Entwicklung des Menschen«. Zu den Methoden der Schulung gehörten gewisse Bewegungsübungen.

All die östlichen Schulungsmethoden, die bei Sebottendorf und Gurdjieff greifbar sind, bei Haushofer nur postuliert werden, zielten laut Tautz auf eine »systematische Auflösung des modernen Bewusstseins«; Gurdjieff versuchte, den Menschen »aus dem Zusammenhang des Denkens herauszureißen«. Diese Methoden bewirkten »eine Willensentwicklung, die sich der Kontrolle des Ich« entzog, und waren damit unchristlich – was im anthroposophischen Kontext nur heißen kann, dass sie auf den Pfad der schwarzen Magie führten und die Macht verliehen, andere zu manipulieren.

Sebottendorf, Haushofer und Gurdjieff waren laut Tautz Kanäle des Einbruchs »dekadenter asiatischer Geistigkeit«, die in Form magischer und astrologischer Praktiken auftrat. »Die Wissenden« aus dieser Bewegung suchten einen Weg »zur Kraftquelle, die Macht über die Menschen verleiht«. Sie wollten einen Schulungsweg gehen, »um die Weltherrschaft zu erlangen« und betraten »den Pfad der Gewalt«. Sie griffen auf das Hakenkreuz zurück, »das Zeichen einer magischen Kulturstufe«, und entfesselten »zerstörende Willenskräfte«. Aus den Ausführungen des Autors geht nicht deutlich hervor, in welcher Beziehung er die genannten Okkultisten zum »Medium« stehen sieht. Schließlich stellt er selbst fest: »Die Auswirkungen auf das Medium sind vorhanden, wenn auch schwer im einzelnen nachzuweisen …«[6]

Nun, genauer gesagt, hat der Autor keine einzige »Auswirkung« nachgewiesen, sondern lediglich Vermutungen angestellt, die nicht verifizierbar sind, jedenfalls nicht mit äußeren Mitteln. Sollte Tautz meinen, die Genannten hätten mit Hilfe ihres »Mediums« die Weltherrschaft angestrebt, dann wären sie alle kläglich gescheitert. Schließlich ist auch ihr Medium nach 12 Jahren »Weltherrschaft« kläglich gescheitert.

Das Kapitel endet jedenfalls in einem effektvollen Kontrast: 1907 hisste Lanz auf seiner »Gralsburg«, der Burgruine Werfenstein, während einer kultischen Feier die erste Hakenkreuzfahne. »Es geschah im Zeichen des Rassenkampfes«.[7] 1907 trat Steiner zum ersten Mal als bildender Künstler hervor, indem er für den Münchner Kongress Bilder okkulter Siegel und Säulen entwarf. Dies geschah im Zeichen des Rosenkreuzes. Die sieben Siegel zeigen die astralen Urbilder der Menschheitsentwicklung, die bereits in der Apokalypse des Johannes enthalten sind. Das siebente Siegel, das den universellen Sinn der Menschheitsentwicklung enthielt, gestaltete Steiner vollkommen neu, es zeigt das Mysterium des Heiligen Gral. Eine in der Tat beeindruckende zeitliche Koinzidenz.

Auf dem Gralssiegel ist ein durchsichtiger Kubus sichtbar, das Bild des physischen Leibes, aus dem zwei Schlangen hervorgehen, Bilder der niederen Kräfte des Menschen, die die geläuterte höhere Natur gebären, die von »Weltspiralen« dargestellt wird. Die nach aufwärts gerichteten höheren Kräfte bilden einen Gralskelch, der den Heiligen Geist in Gestalt einer Taube aufnimmt, der wiederum von einem Regenbogen umschlossen wird. Das Siegel wird von den zehn Buchstaben der Rosenkreuzerformel umrahmt, »die das Gesetz der Heiligen Dreiheit« enthält. Die Siegel und Säulen waren für den in München geplanten Johannesbau bestimmt, der aufgrund lokaler Widerstände nicht errichtet werden konnte. Durch den Wegzug des Baus nach Dornach entstand in München ein Vakuum, das etwas Entgegengesetztes anzog: anstelle des Johannesbaus wurde das »Anti-Goetheanum«, das »Braune Haus« errichtet, schließt der Autor, Heyer zitierend. »Vom Johannesbau in München wäre die Kunde vom Heiligen Geist ausgegangen. Vom Haus der Gegenbewegung ging die Kunde von ›Blut und Boden‹ aus«.[8]

Vom dritten Kapitel mit der Überschrift »Klingsor« erhofft sich der Leser die Beantwortung der offenen Fragen nach den »Widersachermächten« und der »Bedeutung und dem Rang dieser Wesenheiten«. Und tatsächlich eröffnet dieses Kapitel mit der Frage nach den »Geistmächten, die sich der Akteure von 1933 zu ihren Zwecken bedienten«.

Um zur Erkenntnis dieser Mächte hinzuführen, geht Tautz vom Phänomen »Eichmann« und der durch ihn manifest gewordenen »Banalität des Bösen« (Arendt) aus. Aus Arendts Schilderungen gehe deutlich hervor, dass der berüchtigte Täter als Person bedeutungslos gewesen sei, aber gerade deshalb ermögliche er einen Einblick in die Psychologie des Bösen. Seine »Angeberei und Großmannssucht« trieben ihn Jahre nach seiner Flucht in Argentinien zu einem Interview, das schließlich zu seiner Enttarnung durch den israelischen Geheimdienst, seiner Entführung, Verurteilung und Hinrichtung im Jahr 1962 führte. In seiner »Angeberei und Autoritätssucht« erkennt Tautz das Zeichen einer »Ich-Schwäche«, die auch eine Bemerkung Eichmanns zum Ausdruck bringe, die er am Tag der deutschen Kapitulation von sich gegeben habe: er müsse nun ein »führerloses und schweres Eigenleben führen«, das sich an keiner Stelle irgendwelche Richtlinien geben lassen, von keiner Seite Befehle und Weisungen erwarten könne. Eichmann, so Tautz, hatte in seiner Seele »einem Größeren« Platz gemacht, dessen Weisungen er als »ichloser Mensch«, als »entleerte Hülse«, als »Instrument des radikal Bösen« bedingungslos ausführte.

Durch die Psyche dieses »Unmenschen« eröffne sich ein Blick in das Innere des »Führers«: auch er eine ichlose Marionette, die etwas »noch Größerem« in sich Platz gemacht habe, dem »Gegenspieler des deutschen Volksgeistes«, der ihn beherrschte. Erklärt wird diese Bewusstseinsverfassung von Tautz durch den »zweiten intellektuellen Sündenfall«, durch den sich der Mensch in seinem Denken von moralischen Hemmungen befreit, sowie sein Verantwortungsbewusstsein und seine individuelle Entscheidung unterhöhlt habe. Während der erste Sündenfall – der luziferische –, immerhin dazu geführt habe, dass der Mensch »wie Gott« wurde und die Erkenntnis des Guten und Bösen erlangt habe, erzeugte der zweite – der ahrimanische Sündenfall –, moralische Blindheit und führte in einen Zustand, den Steiner als »moral insanity« bezeichnete: der Mensch wurde wie das Tier und verlor die Fähigkeit, zwischen Gott und Böse zu unterscheiden.

Unter Berufung auf Bettelheim und Hilberg spricht der Autor davon, dass der Mensch im totalitären System zur absolut kontrollierbaren tierischen Spezies herabsinke, zum lebenden Leichnam, zum indoktrinierten Roboter. Der totale Staat, so Tautz, ist »eine Organisation von depersonalisierten, entichten Managern und Millionen dehumanisierter, entmenschter Sklaven, die nichts anderes darstellen, als ›Inkarnationen des Bösen‹«. Im totalen Staat gelange das Tier im Menschen zur Herrschaft, jenes Tier, von dem der Apokalyptiker spreche, das Tier mit zwei Hörnern, das aus der Erde aufsteige, aussehe wie ein Lamm, aber rede wie ein Drache.

Bei diesem Wesen handle es sich nach Steiner um den »Sonnendämon Sorat«, den Gegner des Lammes, den »führenden ahrimanischen Geist«, der nach der Zeitenwende dreimal in die Geschichte eingreife: im Jahr 666, im Jahr 1332 und im Jahr 1998.

Im siebten Jahrhundert habe er die Akademie von Gundischapur im Südwesten Irans inspiriert (die 642 durch den Sieg der muslimischen Streitkräfte über die Sassaniden unter islamischen Einfluss geriet). Den Menschen, die mit der Ausbildung der Verstandes- und Gemütsseele beschäftigt waren, sollte verfrüht die Bewusstseins-Seele mit all ihren intellektuellen Fähigkeiten eingeimpft werden, nicht als individuelle Errungenschaft, sondern wie eine Offenbarung. Diese Offenbarung hätte die spätere Ausbildung der Bewusstseins-Seele verhindert und die gesamte Menschheit von ihrer Entwicklungsbahn abgebracht. Es kam nicht dazu, weil die inspirierten Intelligenzkräfte vom Islam abgedämpft wurden.

Der zweite Angriff Sorats führte zur Vernichtung des Templerordens durch Philipp den Schönen im 14. Jahrhundert. Aufgrund einer mündlichen Überlieferung an Karl Heyer bringt Tautz das Jahr 1933 mit Sorat in Verbindung: »Im Jahre 1933 werde eine Offenbarung derjenigen finsteren Geistesmacht im sozialen Leben erfolgen, die man als Sonnendämon bezeichnen kann. Das war für die Kenner der Prophetie der Schlüssel zum Verständnis des Nationalsozialismus«.

Die autobiografische Skizze, auf die Tautz sich bezieht, verfasste Heyer kurz vor seinem Tod (1964).[8a] Steiners Vortragsreihe über die Apokalypse des Johannes für die Priester der Christengemeinschaft wurde erst im Jahr 1995 in der Gesamtausgabe veröffentlicht, sie dürfte Tautz noch nicht bekannt gewesen sein. Falls doch, zitierte er jedenfalls nicht aus ihr. In diesen Vorträgen, die vom 5. bis 22. September 1924 in Dornach stattfanden, brachte Steiner sowohl 1933 als auch 1998 mit dem zweihörnigen Tier der Apokalypse, mit Sorat in Verbindung.

1933 steht hier in Beziehung zu schädlichen kometarischen Wirkungen: »Es gibt Kometen, die den Menschen so beeinflussen, … dass sie seine Nervosität therapeutisch ausgleichen, und solche, die da wilde Kräfte des Astralen entfesseln, wenn sie, nachdem die Erde sie absorbiert hat, wieder heraufdringen. So sieht der Apokalyptiker auf Kometenerscheinungen hin und schildert mit den Tieren zugleich die Kometenerscheinung, er parallelisiert sie, weil sie sich nach ihren Phänomenen parallelisieren lassen, er parallelisiert sie mit dem siebenköpfigen Tier, weil sie damals in jener Zeit noch viel mehr mit dem ganzen Physischen zusammenhingen, und weil in der Tat in einem Kometen, der siebengespalten war, eben himmlisch zum Ausdruck kam, was auf der Erde geschah. Und so wird auch das mit dem zweihörnigen Tier, was ich Ihnen ausgeführt habe, auf die Kometengestalt bezogen: der Komet mit den zwei Schwänzen … Man müsste im Sinne des Apokalyptikers sagen: Ehe denn der ätherische Christus von den Menschen in der richtigen Weise erfasst werden kann, muss die Menschheit erst fertig werden mit der Begegnung des Tieres, das 1933 aufsteigt«.[9]

Im Jahr 1998 werde Sorat erneut sein Haupt »aus den Fluten der Evolution« erheben: »Wir haben jetzt bevorstehend das Zeitalter der dritten 666: 1998. Zum Ende dieses Jahrhunderts kommen wir zu dem Zeitpunkt, wo Sorat wiederum aus den Fluten der Evolution am stärksten sein Haupt erheben wird, wo er sein wird der Widersacher jenes Anblickes des Christus, den die dazu vorbereiteten Menschen schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben werden durch die Sichtbarwerdung des ätherischen Christus. Es wird nur noch zwei Drittel des Jahrhunderts dauern, bis Sorat in mächtiger Weise sein Haupt erheben wird«.[10]

»Im Namen des Deutschtums«, so Tautz, »wurde 1933 das Programm des Anti-Humanismus in die Welt und dann die Ausrottung der europäischen Juden ins Werk gesetzt«. Jene Deutschen, »in deren Sprache die Botschaft der Anthroposophie verkündet worden war«, hätten sich damit als Verbrechervolk gekennzeichnet; die Sorat-Wirkung auf sozialem Feld, die Steiner prophezeit habe, sei durch den Staat realisiert worden, der sich »zum Werkzeug des Bösen« gemacht habe.

Aber dieses Sorat-Element könne nur durch den Menschen und mit Hilfe des Menschen wirken. Damit löse sich die Gleichung zwischen dem »Geführten« und dem »Medium« (Hitler). Im medialen Zustand würden das Ich und der Astralleib des Menschen ihres persönlichen Inhaltes entleert, das entstehende Vakuum ziehe nicht-menschliche Geistigkeit an. Mediumismus führe zu Besessenheit, besonders durch ahrimanische Geistwesen. »Die Somnambulen«, fährt Tautz, Steiner zitierend fort, »gehen herum, gleichgültig, ob sie als Medien verehrt werden oder ob sie im Bolschewismus reine Staatstheorien machen …«, um den Kommentar anzuschließen: »Wer statt Bolschewismus Nationalsozialismus sagt, die wie feindliche Brüder waren … hat die Auflösung unserer Gleichung. Der Geführte war ein Medium, ein ahrimanisch Besessener«.[11]

Nun kommt unser Autor auch noch auf Klingsor zu sprechen, jenen schwarzmagischen Eingeweihten, welcher der Gralsströmung, der Anthroposophie entgegenwirke. Die mit Klingsor verbundenen geistesgeschichtlichen Motive führen zu Wolfram von Eschenbach und dem Sängerkrieg auf der Wartburg zurück.

In Wolframs Parzival verführt Klingsor, der das Zauberschloss Schastelmarveil bewohnt, in dem er viele Seelen gefangen hält, die Königin von Sizilien, Iblis. Der gehörnte Ehemann entmannt daraufhin seinen Konkurrenten. Wolfram beschreibt laut Tautz einen schwarzen Magier, der durch den Verzicht auf die geschlechtliche Liebe, durch unnatürliche Askese, also nicht die Läuterung, sondern die Unterdrückung von Trieben zur Einweihung gelangt. »Unterdrückte Triebhaftigkeit pflegt aber in Menschenhass umzuschlagen«. Durch die ihm zuteil gewordene Unterweisung in »Zauberkunst und Zauberwort« erlangt Klingsor Macht über Geister, die zwischen Himmel und Erde wohnen. Im »Sängerkrieg auf der Wartburg« ficht Klingsor einen Rätselstreit mit Wolfram aus, in dem er sich auch dämonischer Wesen bedient. Auch hier ist er in die schwarze Kunst eingeweiht, deren Kenntnisse er in Paris, Bagdad und Babylon erworben hat. Im Osten hat er sich okkulte Kenntnisse über Alchemie und Astrologie angeeignet, Fähigkeiten also, Astral- oder Elementarwesen seinen persönlichen Bedürfnissen dienstbar zu machen. Aber Wolfram, der mit dem »Gralsschwert« gegen den Magier kämpft, unterliegt ihm nicht.

In Wolfram und Klingsor stehen sich laut Tautz die Gralsströmung und die Iblisströmung gegenüber, die das »Anti-Evangelium« des Menschenhasses und der Angst verbreitet. Denn Iblis ist die Tochter des Eblis, des islamischen Luzifer. Laut Steiner repräsentiere Wolfram ein Christentum, das die Sternenweisheit der vorchristlichen Zeit vergessen habe, während Klingsor eben jene Sternenweisheit bewahrt habe, in der aber Christus fehle. »Die Verbindung zwischen Klingsor und Iblis ist unter allen schlimmen Verbindungen die innerhalb der Erdenentwicklung zwischen Wesenheiten, in deren Seelen okkulte Kräfte waren, sich zugetragen haben … die allerschlimmste«[12].

Die Klingsorströmung ist laut Tautz »eine geistige Großmacht orientalischer Herkunft, die mit astrologisch-magischen Praktiken arbeitet«. Diese Bemerkung stellt den Zusammenhang zu den Ausführungen des Autors über Sebottendorf, Haushofer und Gurdjieff her. Die Klingsor-Mächte verbreiten nach Tautz den Geist der Unfreiheit, der bis in die Gegenwart fortwirkt. Sie sprechen die unbewussten – vom Ich nicht durchdrungenen oder geläuterten – Anteile des menschlichen Seelenlebens an. Sie erzeugen im Menschen »Pseudo-Ideale«, »überfluten« das Bewusstsein und ergreifen suggestiv den Willen. Der Nationalsozialismus habe – ob in vollem Bewusstsein oder nicht – wie diese Klingsorströmung gewirkt: er habe mit suggestiven Mitteln die »Epidemie des Massenwahns hervorgerufen, dessen Merkmale Realitätsverlust und Unkorrigierbarkeit« seien. »Klingsormächte haben die Deutschen mit dieser Plage gegeißelt«.[13] Der Impuls der Zerstörung sei verlockend im Gewand des Aufbaus erschienen: »Autobahnen, Beseitigung der Arbeitslosigkeit, ›Kraft durch Freude‹, Volksgemeinschaft, Großdeutsches Reich – das waren die Zaubergärten Klingsors«. Luzifer sei in der Rolle des Verführers, Ahriman in der des Vollstreckers aufgetreten. »Aber in Trauer und Trümmer stürzte die trügende Pracht«.

Die geballte Macht der Widersacher vermochte jedoch das zentrale Ereignis des 20. Jahrhunderts: das Wiedererscheinen Christi in der ätherischen Welt, nicht zu verhindern. Wohl aber vermochte sie den Zugang zu diesem Ereignis zu erschweren, wenn nicht gar zu verunmöglichen. »Die unerhörte Machtentfaltung der Widersacher … erfolgte exakt zu dem Zeitpunkt, in dem sich die neuen Fähigkeiten des ätherischen Hellsehens ankündigen« sollten: 1933, 1935, 1937. Die entsprechenden Sätze aus Steiners Karlsruher Vortrag vom 25. Januar 1910 wurden bereits zitiert: »Die Jahre 1933, 1935 und 1937 werden besonders wichtig sein. Da werden sich am Menschen ganz besondere Fähigkeiten als natürliche Anlagen zeigen. In dieser Zeit werden große Veränderungen vor sich gehen und Prophezeiungen der biblischen Urkunden sich erfüllen«.[14] Die biblischen Prophezeiungen beziehen sich laut Tautz auf die »leibliche Erscheinung« des Antichrist und die »geistige Wiederkunft« Christi. Ob Tautz in Hitler tatsächlich eine Inkarnation des Antichristen gesehen hat, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, zumindest deuten diese Sätze darauf hin.

Seine Betrachtungen enden mit einem Ausblick auf die »tiefen Schicksalskonsequenzen«, die aus der »deutsch-jüdischen Geschichtsverkettung« entstanden seien, die sich »nur erahnen« ließen.

Das Volk Israel sei im ersten vorchristlichen Jahrtausend zwischen die Großmächte Babylon und Ägypten geraten, die Deutschen im 20. Jahrhundert zwischen die Weltmächte Rußland und Amerika. Nach 50jähriger babylonischer Gefangenschaft hätten die Stämme Juda und Benjamin ins Gelobte Land zurückkehren dürfen, nachdem sie in tiefster Erniedrigung dem Ruf ihrer Propheten gefolgt und dem großen Lehrer, dem jüngeren Zarathustra, begegnet seien. »Werden die Deutschen die Stimmen ihrer ›Propheten‹, der Repräsentanten der Goethezeit, hören? Werden sie dem großen Lehrer Rudolf Steiner begegnen?«, frägt der Autor. Heute (1976) sei Deutschland ein gespaltenes Land, untauglich zum Gefäß eines Volksgeistes. Das Schicksal Deutschlands könne nicht mehr politisch-räumlich, nur noch geistig-zeitlich gelöst werden. Seit 1945 sei die machtpolitische Rolle ausgespielt. Wie einst die Juden müssten die Deutschen – nach einem Goethewort – »in alle Welt verpflanzt und zerstreut werden, um die Masse des Guten ganz und zum Heil aller Nationen zu entwickeln, das in ihnen« liege.

Was Tautz nicht voraussehen konnte, war der Fall der Mauer am 9. November 1989. Wenn sie der von ihm gezogenen Analogie gemäß das Ende des 50jährigen Exils bedeutet, führt der Beginn dieses Zeitraums in das Jahr 1939 zurück, in dem der II. Weltkrieg begann und der Grund für die spätere deutsche Teilung gelegt wurde. Was aber geschah 1998? Diese Frage ist aus der historischen Perspektive von 1976 nicht zu beantworten. Wir kommen zu einem späteren Zeitpunkt auf sie zurück.

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Wird fortgesetzt

Anmerkungen:

[1] Johannes Tautz, Der Eingriff des Widersachers. Fragen zum okkulten Aspekt des Nationalsozialismus, Freiburg 1976.

[2] Tautz, Eingriff, S. 7-9.

[3] Tautz, Eingriff, S. 28. Die wahrhaft bahnbrechende, tiefgründige Untersuchung Karl Heyers, auf die Tautz sich bezieht, erschien bereits 1947 unter dem Titel »Wenn die Götter den Tempel verlassen … Wesen und Wollen des Nationalsozialismus und das Schicksal des deutschen Volkes« (Freiburg i.B.) mit Erlaubnis des Gouvernement Militaire de la Zone Française d’ Occupation (GMZFO).

[4] Zum Beispiel im Karlsruher Vortrag am 25. Januar 1910: »Die Jahre 1933, 1935 und 1937 werden besonders wichtig sein. Da werden sich am Menschen ganz besondere Fähigkeiten als natürliche Anlagen zeigen. In dieser Zeit werden große Veränderungen vor sich gehen und Prophezeiungen der biblischen Urkunden sich erfüllen. Da wird sich alles für die Seelen verändern, die auf der Erde weilen und auch für diejenigen, die nicht mehr im physischen Leibe sind«. Die Fähigkeiten, von welchen Steiner spricht, beziehen sich auf die Wahrnehmung des Ätherischen und damit auch auf die Wahrnehmung des Christus, der in der Ätherwelt sichtbar werden wird. Steiner weist allerdings auch darauf hin, dass dieses Ereignis spurlos an der Menschheit vorübergehen könnte, wenn »die Bosheit, der Materialismus so groß wären auf der Erde«, dass die Menschen nicht imstande wären, die Bedeutung dieser Wahrnehmungen zu verstehen. GA 118, Dornach 1965, S. 23 f.

[5] Siehe GA 353, Dornach 1988, S. 278, 292. Aus dieser Abbildung haben manche halluzinante Autoren Sympathien Steiners zum Nationalsozialismus abzuleiten versucht.

[6] Tautz, Eingriff, S. 51.

[7] Tautz, Eingriff, S. 51-52.

[8] Tautz, Eingriff, S. 52

[8a] Die »Skizze« erschien 1990 unter dem Titel »Aus meinem Leben« im Perseus Verlag, Basel. Die zitierten Passagen finden sich hier auf S. 94-95. Wörtlich schreibt Heyer: »Wie ich nach einiger Zeit erfuhr, hatte Dr. Steiner zum Dornacher Vorstand und zu einigen (wohl den führenden) Priestern der Christengemeinschaft davon gesprochen, dass im Jahre 1933 eine Offenbarung derjenigen finsteren geistigen Macht im sozialen Leben erfolgen werde, die man als den Sonnendämon bezeichnen kann. Das war der eigentliche Schlüssel des Phänomens. Unter solchen Gesichtspunkten erlebten meine Frau und ich alles Unheil. Es war das satanische Gegenbild dessen, was Anthroposophie für Mitteleuropa hätte werden sollen … « Heyer bezieht sich also durch indirekte Überlieferung auf die Vortragsreihe zur Apokalypse des Johannes, von der im Folgenden die Rede ist.

[9] GA 346, Dornach 2001, S. 238-239.

[10] GA 346, S. 122.

[11] Tautz, Eingriff, S. 61.

[12] Berlin, 6. Februar 1913, GA 144, Dornach 1985, S. 71

[13] Tautz, Eingriff, S. 68.

[14] GA 118, Dornach 1965, S. 23 f.

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