Anthroposophie und Wissenschaft

In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Forschungslandschaft der Komplementärmedizin erheblich verändert. Bereits 1992 veröffentlichte das Bundesforschungsministerium die Ergebnisse der Studie über »Unkonventionelle Medizinische Richtungen«. Ende der 1990er Jahre erschien eine Untersuchung des schweizerischen Nationalfonds, 2005 wurden die Ergebnisse des Schweizer Evaluationsprogramms Komplementärmedizin vorgestellt, in den USA wurden vom Zentrum für Alternativ- und Komplementärmedizin und vom National Health Institute zahlreiche Studien durchgeführt. An europäischen Universitäten wurden Lehrstühle und Professuren für Komplementärmedizin eingerichtet und internationale wissenschaftliche Publikationsorgane geschaffen, die auf dem Prinzip der Peer Review beruhen. Inzwischen existieren an drei Universitäten Professuren bzw. Lehrstühle für anthroposophische Medizin (Witten/Herdecke, Bern und an der Charité Berlin). Die einst verfeindeten Lager der Schul- und der Alternativmedizin bewegen sich allmählich aufeinander zu, was auch im Wandel der Sprache zum Ausdruck kommt. Während vor 20 Jahren noch abschätzig von »Paramedizin« die Rede war, spricht man heute von »Komplementär«- oder »Integrativer Medizin«. Führende amerikanische Universitäten haben Zentren für Integrative Medizin eingerichtet, die sich in einem Forschungsverbund zusammengeschlossen haben, dem mittlerweile rund 50 Zentren angehören. An der Universität Witten/Herdecke existiert seit 2009 ein Zentrum für Integrative Medizin.

Aber trotz dieser positiven Entwicklung auf der Ebene der Forschung und Therapie stehen die theoretischen Konzepte der verschiedenen anthropologischen und medizinischen Richtungen häufig unverstanden und unvermittelt nebeneinander. Eine wirkliche Integration würde nicht nur bedeuten, dass alternative Therapieverfahren konventionell überprüft und bei Bestehen der Prüfung in die Mainstream-Medizin aufgenommen werden, sondern dass die unterschiedlichen theoretischen Voraussetzungen all dieser Verfahren in eine übergeordnete Theorie des Menschen, von Gesundheit und Krankheit integriert werden. Durch die Integration von Verfahren in die therapeutische Praxis, die auf alternativen Philosophien beruhen, wird zwar die Zahl der Anwendungen erweitert, der Reduktionismus der Mainstream-Medizin jedoch nicht überwunden. Eine wirkliche Integration kann sich nicht nur auf technische Verfahren beziehen, sie muss zu einer Erweiterung des Menschenbildes der herkömmlichen Medizin führen, letztlich dazu, dass das stählerne Gehäuse des Reduktionismus gesprengt wird.

Diese Erweiterung ist nur möglich, wenn zwischen konventioneller und Komplementärmedizin ein offener Dialog auf der Ebene der anthropologischen und erkenntniswissenschaftlichen Theorie geführt wird. Die anthroposophische Medizin scheint für diesen Diskurs auf der Metaebene einen besonders geeigneten Ausgangspunkt zu bieten, hat sie doch in den hundert Jahren ihrer Existenz ein hohes Maß an Integration des scheinbar Disparaten und Unvereinbaren erreicht. Die anthroposophische Medizin nutzt in vollem Umfang naturwissenschaftliche Diagnose- und wo möglich auch Therapieverfahren, bleibt aber bei diesen nicht stehen, sondern bezieht darüber hinaus den ganzen Menschen als seelisches und geistiges Wesen in ihre Praxis mit ein. Die Anthroposophie, auf der das erweiterte Menschenbild dieser Medizin beruht, versteht sich als Erfahrungswissenschaft und steht damit auf demselben Boden wie die naturwissenschaftliche Medizin.

Die Zeit ist also reif für eine systematische Einführung in die Wissenschaftsgrundlagen der anthroposophischen Medizin. Diese Einführung legte Peter Heusser bereits 2009, zugleich mit der Einrichtung des ersten Lehrstuhls für anthroposophische Medizin weltweit, als Habilitationsschrift an der Universität Witten/Herdecke vor. Das Buch erschien 2016 in aktualisierter Auflage. Die von Heusser dargestellten allgemeinen Wissenschaftsgrundlagen einer ganzheitlichen Anthropologie sind nicht nur für die Medizin von Bedeutung, sondern für alle Forschungs- und Praxisbereiche, deren Gegenstand der Mensch ist, also die Humanwissenschaften insgesamt.

Heussers Untersuchung zeichnet nicht nur die erkenntniswissenschaftliche Begründung des Wissenschafts- und Wirklichkeitsbegriffs Rudolf Steiners nach, sie wendet diesen Begriff auch auf zentrale Fragestellungen der modernen Wissenschaft an: auf das Substanzverständnis von Physik und Chemie, die genetische, molekularbiologische und morphogenetische Grundlage der Biologie, die Neurobiologie, die Psychologie, die Philosophie des Geistes und die Ethik. Der Substanzbegriff wird von Heusser so erweitert, dass Materie nicht mehr im Gegensatz zum Geist gedacht werden muss, sondern diesen in ihren elementarsten Komplexitätsstufen bereits implizit enthält. Biologische Konzepte wie Gen, genetische Information, Genregulation, organische Selbstorganisation und Morphogenese werden so gedeutet, dass es möglich wird, Goethes Idee des Typus und Steiners Begriff des Ätherischen mit diesen Konzepten zu vereinbaren. Die Entstehung des Bewusstseins und die Beziehung von Leib und Seele werden untersucht und eine Interpretation der neuesten Forschungen und Theorien auf diesen Gebieten wird vorgetragen, die Seele und Geist als irreduzible, emergente Entitäten erscheinen lässt, die im anthropologischen Gefüge des Menschen eine autonome Rolle spielen.

Aus dem anthroposophischen Wissenschaftsbegriff entwickelt der Autor ein naturwissenschaftlich begründetes, ganzheitliches Bild des Menschen, das den reduktionistischen Naturalismus in Wissenschaft und Medizin überwindet. Der Mensch wird nicht mechanistisch als genetische, molekularbiologische oder neurobiologische Maschinerie verstanden, die aus physikalisch-chemischen Gesetzen und Kräften kausal die organischen, biologischen und geistigen Eigenschaften produziert, sondern als eine in sich differenzierte Wesenheit aus Körper, Leben, Seele und Geist. Die genannten vier Glieder erscheinen als eigenständige, emergente Systeme von Gesetzen und Kräften, die in der menschlichen Organisation eine Einheit bilden, in der sie zusammenwirken und sich gegenseitig bedingen. Vorgelegt wird eine Anthropologie, die nicht nur mit dem geisteswissenschaftlichen Menschenverständnis Steiners und dessen Verständnis von Gesundheit und Krankheit übereinstimmt, sondern auch die Befunde der empirischen Naturwissenschaft in sich aufnimmt. Gesundheit und Krankheit stellen sich dieser Anthropologie nicht bloß als Folge molekularer Wechselwirkungen, sondern auch als Folge eines harmonischen oder dissonanten Ineinanderwirkens realer Prozesse des Physischen, Lebendigen, Seelischen und Geistigen im menschlichen Organismus dar. Aufgrund dieses Verständnisses ergibt sich ein erweiterter Therapiebegriff, der all diese ontologischen Ebenen des Menschen mit einbezieht.

Heusser setzt sich aber nicht nur kritisch-integrativ mit der naturwissenschaftlichen Forschung und den ihr zugrundeliegenden Theorien auseinander, sondern widmet auch einige Kapitel den Grundlagen der Anthroposophie als empirischer Geisteswissenschaft und der empirischen Prüfung ihrer Anwendung. Seine Untersuchung zielt darauf ab, die theoretischen Grundlagen jenes »ontologischen Idealismus« herauszuarbeiten, der auf Steiners Entdeckung beruht, dass die Gesetze, die das Naturgeschehen beherrschen, zwar im erkennenden Subjekt erscheinen, zugleich aber in den Dingen wirkende, objektive Prinzipien sind. Diese Einsicht eröffnet sich einer Erkenntniswissenschaft, die das Denken als Erfahrungstatsache begreift. Auch wenn die Inhalte des Denkens nur durch die Tätigkeit des erkennenden Subjekts erscheinen, wird die Tätigkeit des Subjekts ihrerseits durch die Inhalte des Denkens bestimmt. Die notwendige Beteiligung des Subjekts am Zustandekommen der Erkenntnis ist also kein Argument gegen die Objektivität ihrer Inhalte.

Die Anerkennung dieser Tatsache entzieht sowohl dem Konstruktivismus, als auch dem Reduktionismus oder Identismus den Boden. Die Gesetze, die im Subjekt erscheinen, sind die Gesetze des Seienden: dies ist das Ergebnis einer Erkenntniswissenschaft, die sich als geistige Empirie versteht. Im Erkennen wird dem Menschen der objektive geistige Gehalt der Welt zugänglich, der nicht nur die erkennende Tätigkeit bestimmt, sondern auch das Naturgeschehen. Geist kann daher nicht nur im menschlichen Bewusstsein, er muss auch in der Natur wirken. Da das Erkennen prinzipiell auf Gesetze abzielt, fördert es in allen Phänomenbereichen (ontologischen Regionen) stets den geistigen Inhalt zutage, der die Gesetzmäßigkeit der Erscheinungen bewirkt. Nur insofern der Stoff durch den Geist bestimmt ist, wird er zum Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntnis. Eine Wissenschaft, die sich selbst versteht, und nicht ihre Grundlage, die erkennende Tätigkeit des menschlichen Geistes verleugnet, kann daher nur Idealismus sein. Ob auf physikalischer, molekularer, biologischer oder psychologischer Ebene: stets sind es die wirkenden Gesetze, auf die das Erkennen gerichtet ist. Selbst wenn die Erkenntnis dieser Gesetze auf die Beobachtung folgt, muss ihr Wirken den beobachteten Erscheinungen vorausgehen, weil sonst das Naturgeschehen vollkommen regellos, chaotisch verliefe und Wissenschaft nicht möglich wäre. Da das wirkende Gesetz seiner Erscheinung stets vorausläuft, beruhen auch alle Theorien, die den Inhalt von Gesetzen aus empirischen Daten ableiten wollen, auf einem Missverständnis. Diese Einsicht hat weitreichende Konsequenzen: es ist zum Beispiel nicht mehr möglich, seelische oder geistige Vorgänge aus materiellen Prozessen des Gehirns abzuleiten, wenn die Priorität des wirkenden Gesetzes einmal erkannt ist. Es ist nie der bloße Stoff, der wirkt, sondern stets das Gesetz – d.h. der Geist – im Stoff. Höhere Organisation oder höhere Komplexität ist immer eine höhere Form von Gesetz, das in einem Konglomerat von Stoffen manifest wird, ja, dieses Konglomerat erst organisiert, um alsdann in diesen zu erscheinen.

Diese Präeminenz des Ideell-Geistigen gegenüber dem Stofflich-Materiellen bringt Heusser wie folgt zum Ausdruck: In der Reihe der Systemebenen vom Elementarteilchen bis zum Organismus »ist jede dieser Systemebenen emergent gegenüber der ihr untergeordneten, d.h. ihre gesetzmäßigen Eigenschaften lassen sich nicht aus den untergeordneten erklären. Vom Gesichtspunkt des ontologischen Idealismus sind die Eigenschaften jeder Systemebene epistemologisch und ontologisch gleichwertig, und zwar sowohl bezüglich ihrer Phänomene wie auch ihrer Gesetze. Hierarchisch höher geordnete emergente Substanzen und Strukturen sind insofern ebenso ›real‹ wie die untergeordneten, die in ihnen ›aufgehoben‹ sind. Daraus ergibt sich der Übergang vom partikularistischen zu einem ganzheitlichen Substanz- und Systemverständnis«. Die Folge dieser Unableitbarkeit von Phänomenen und Gesetzen aus ihnen jeweils untergeordneten systemischen Ebenen ist, dass das Untergeordnete nicht als Ursache, sondern lediglich als Bedingung für die Verwirklichung des Übergeordneten gelten kann. Mit anderen Worten: das jeweils Übergeordnete – zum Beispiel das Lebendige gegenüber dem Unlebendigen, das Seelische gegenüber dem Geistigen – »verwirklicht sich ursächlich aus sich selbst heraus«. Ist diese Grundeinsicht erst einmal gewonnen, lässt sich aus ihr ein ganzheitliches Verständnis von Substanzen und Prozessen und des gesamten Organismus gewinnen. Dieser erscheint als emergentes System, als Gefüge räumlicher und zeitlicher Gesetze, die imstande sind, die ihnen untergeordneten Substanzen und Kräfte so zu organisieren, dass der Organismus als räumlich-zeitlicher Phänotypus zur Verwirklichung gelangt. Da sich das Gesetz dieses Organismus in der Zeit verwirklicht und zugleich mit sich selbst identisch bleibt, sind die Gesetze der räumlichen (physischen) Ordnung jenen der zeitlichen (ätherischen) Aufeinanderfolge untergeordnet. Das Organisationsprinzip des Lebendigen ist die Idee des Organismus, die Goethe als Typus bezeichnete. Das Bewusstsein erweist sich gegenüber dem Leben des Organismus als weiteres emergentes Phänomen. Die Substanz und Organisation des Lebendigen ist Bedingung, aber nicht Ursache des Seelischen. Das seelische Leben beruht auf seinen eigenen Gesetzen, die sich zwar in, zugleich aber auch gegen die jenes des Lebendigen verwirklichen. Dies zeigt sich darin, dass das Bewusstsein als Antagonist des Lebens wirkt, dass es organisch mit Abbau und Devitalisierung verbunden ist. Gleichzeitig weist der Verlauf der organischen Regenerationsprozesse darauf hin, dass das (unbewusst) Seelische am Aufbau der organischen Substanzen und Strukturen beteiligt ist, die zu den Bedingungen seines Erscheinens gehören (Neuroplastizität). Schließlich erhebt sich aus dem seelischen Innenleben eine weitere Ebene emergenter Phänomene, die sich wiederum in den Gesetzmäßigkeiten des Seelischen und zugleich gegen diese verwirklichen: die Lebensäußerungen des menschlichen Geistes, der die subjektive Innerlichkeit transzendiert und zur Erkenntnis des Gesetzesgehaltes des gesamten Naturgeschehens imstande ist und sich aus der Erkenntnis des Weltzusammenhangs zu freiem Handeln bestimmt.

Die Wirklichkeit erscheint dem objektiven Idealismus als in sich hierarchisch gestuftes Gefüge wirkender Gesetze, die sich in den verschiedenen Naturreichen als organisierende und gestaltende Kräfte manifestieren. Da jedoch das Wirken dieser Gesetze – abgesehen vom erkennenden Bewusstsein, in dem das Gesetz des Erkennens sich selbst zugleich als wirkendes anschaut – nur aus ihren Wirkungen erkannt werden kann, ergibt sich als Postulat ein Bewusstsein, das imstande ist, die in der Natur wirkenden Gesetze so anzuschauen, wie es sich selbst als wirkendes anschaut. Durch dieses Postulat eröffnet sich ein Ausblick auf jene Erweiterung der menschlichen Erkenntnisfähigkeiten, von der die Anthroposophie als Geisteswissenschaft spricht. Denn was dem denkenden Bewusstsein als Gesetz erscheint, stellt sich für das schauende Bewusstsein als Wesen dar. Geisteswissenschaft ist Wesenswissenschaft. Sie erforscht nicht nur den gesetzmäßigen Zusammenhang der Erscheinungswelt, sondern auch den Zusammenhang der die Natur gestaltenden Wesen, der dem denkenden Bewusstsein als Hierarchie von Gesetzen erscheint.

Die lesenswerte, ja bahnbrechende Untersuchung runden Forschungsüberblicke zur anthroposophisch-medizinischen Theoriebildung und zur Evidenzlage bezüglich der Wirksamkeit dieser Medizin ab. »Die empirisch-naturwissenschaftliche Evidenz für Sicherheit und Wirksamkeit der anthroposophischen Medizin«, so Heussers Fazit, ist »im Wachsen begriffen« und diese Medizin hat sich »an den Universitäten seit ca. 20 Jahren zunehmend etabliert. Damit verbunden ist die Notwendigkeit, die Wissenschaftsgrundlage der Anthroposophie selbst im akademischen Kontext deutlich zu machen«. Zu diesem Zweck wurde das vorliegende Buch geschrieben.

Peter Heusser: Anthroposophie und Wissenschaft. Eine Einführung. Erkenntniswissenschaft, Physik, Chemie, Genetik, Biologie, Neurobiologie, Psychologie, Philosophie des Geistes, Anthropologie, Anthroposophie, Medizin. Verlag am Goetheanum Dornach, 395 S., 38,– Euro

Heussers Buch ist 2016 in einer englischen Übersetzung erschienen:

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