Was ist Rassismus?

Der Begriff des Rassismus ist wissenschaftlich und politisch höchst umstritten. Was die politische Umstrittenheit anbetrifft, genügt der Hinweis auf die UN-Konferenz gegen Rassismus in Durban im Jahr 2001, die in einem Eklat endete, als die amerikanische und die israelische Delegation diese Konferenz unter Protest verließen, weil sie befürchteten, die Politik Israels gegen die Palästinenser oder der Zionismus könnten als rassistisch verurteilt werden, wie bereits mehrfach in der Geschichte der UNO.

Aber weder die UNO noch die EU haben den Rassismus explizit definiert. Es gibt auch keinen deutschen Gesetzestext, der eine verbindliche Definition des Rassismus enthielte. Zwar existieren eine Reihe von einschlägigen Gesetzestexten und Konventionen, die sich gegen die Diskriminierung von Menschen aufgrund von Rassenzugehörigkeit richten. Sie setzen paradoxerweise die Existenz von »Rassen« voraus  – da man ohne »Rasseneigenschaften« nicht aufgrund solcher Eigenschaften diskriminiert werden kann –, definieren aber weder den Rassismus noch die sogenannten Rassen, sondern verbieten nur die Vorenthaltung von Rechten oder die Bevorzugung aufgrund von Rasseneigenschaften. Die dekonstruktivistische oder nominalistische Deutung des Rassebegriffs wird jedenfalls von diesen Normen nicht gestützt.

Aus all diesen Texten könnte man eine implizite Definition des Rassismus herauslesen, wonach Rassismus in der Diskriminierung aufgrund von Rassenzugehörigkeit besteht. Unter Diskriminierung wiederum wäre die rechtliche Bevorzugung oder Benachteiligung aufgrund von Rasseneigenschaften zu verstehen.

Wissenschaftliche Definitionen

Was die wissenschaftliche Diskussion anbetrifft, gibt es ebensowenig eine allgemein anerkannte Definition des Rassismus. Das wäre auch angesichts der unterschiedlichen politischen und philosophischen Einstellungen der akademischen Rassismusforscher verwunderlich. Viele Definitionen des Rassismus sind entweder zu weit oder zu eng, entweder diffus, defizitär oder inflationär. Zu eng oder defizitär sind Definitionen, wenn sie nur auf bestimmte Erscheinungsformen des Rassismus zutreffen, auf andere aber nicht, wie zum Beispiel auf den Rassenantisemitismus, aber nicht auf den gegen die Schwarzen in einem Apartheidsystem oder einer Sklavenhaltergesellschaft gerichteten Rassismus. Zu weit sind Definitionen, wenn sie auch solche Einstellungen oder Haltungen einschließen wie Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus, Überzeugungen der kulturellen Überlegenheit oder monotheistische Absolutheitsansprüche, denen ein wesentlicher Aspekt fehlt, um sie als rassistisch bezeichnen zu können, nämlich die Fundierung in biologischen Merkmalen.

Eine präzise Definition des Rassismus lieferte George M. Fredrickson in seinem Buch »Rassismus. Ein historischer Abriss« (Hamburg 2004). Fredrickson, einer der führenden Rassismusforscher der Vereinigten Staaten, war jahrelang Direktor des »Forschungsinstituts für vergleichende Studien zu Rasse und Ethnizität« an der Universität Stanford. Er versteht unter Rassismus eine politische Ideologie, die auf Herrschaft abzielt oder Herrschaft rechtfertigt. »Racialism«, die Verwendung von Rassenkategorien, ist nach seiner Auffassung kein Rassismus. Dies wäre auch angesichts der amerikanischen Gesetzgebung zur »affirmative action« widersinnig. Seiner Ansicht nach ist Rassismus »mehr als eine Theorie der Unterschiede zwischen den Menschen oder eine abschätzige Meinung über eine Gruppe, über die man keine Kontrolle hat. Er dient entweder direkt der [Rechtfertigung] einer [bestehenden] Rassenordnung oder fordert die Herstellung einer solchen, das heißt einer dauerhaften Hierarchie verschiedener Gruppen, die, so die Annahme, die Gesetze der Natur oder den Willen Gottes widerspiegelt« (S. 14; Ergänzungen in eckigen Klammern vom Verf.).

Fredrickson umgreift durch die Erwähnung der beiden »Annahmen« sowohl einen biologisch als auch einen religiös begründeten Rassismus, wie er etwa in den nordamerikanischen Sklavenhalterstaaten zutage trat, in denen die Sklaverei mit Hilfe von Legenden aus dem Alten Testament gerechtfertigt wurde (Verfluchung Hams durch Noah). Gelangt nun diese politische Ideologie in einer bestehenden Gesellschaft zur Herrschaft, dann liegt nach Fredrickson Rassismus vor. Er liegt vor, »wenn eine ethnische Gruppe oder ein historisches Kollektiv auf der Grundlage von Differenzen, die sie für erblich und unveränderlich hält, eine andere Gruppe beherrscht, ausschließt oder zu eliminieren versucht« (S. 173). Ethnische Gruppen sind gesellschaftliche Gruppen, die sich selbst rassisch definieren, also als Bluts- oder Abstammungsgemeinschaften; historische Kollektive sind beispielweise Nationalstaaten, die ihre Identität über ein rassisch verstandenes Herrenvolk bestimmen. Wenn man diese Definition einer Untersuchung des Gesamtwerks Rudolf Steiners zugrunde legt, wird man in diesem Werk nichts finden, auf das diese Definition zuträfe.

Steiner hat nie die Beherrschung oder Eliminierung einer ethnischen Gruppe durch eine andere befürwortet oder als Ziel vorgeschlagen. Er hat auch nie eine bestehende Rassenordnung gerechtfertigt oder die Herstellung einer solchen Ordnung gefordert, eine Ordnung also, die auf eine dauerhafte Hierarchie verschiedener, rassisch verstandener Gruppen hinausgelaufen wäre. Zum selben Ergebnis kommt man, wenn man die verbreitete Definition des Rassismus durch Albert Memmi zugrunde legt, die eher (sozial-)psychologisch ausgerichtet ist: »Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver biologischer Eigenschaften zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden des Opfers, um damit eine Aggression zu rechtfertigen« (Albert Memmi, »Rassismus«, Frankfurt 1987, S. 151). Auch hier ist festzustellen: Steiner ist nie als Ankläger aufgetreten, um mittels verallgemeinerter biologischer Eigenschaften eine Aggression gegen eine Gruppe oder einzelne Menschen zu rechtfertigen. Die einzige Stelle im Vortragswerk, die man hier als Gegenargument ins Feld führen könnte, die das Aussterben der indianischen Urbevölkerung in Nordamerika zu erklären versucht (GA 121), rechtfertigt nicht die Ausrottung der Indianer, sondern versucht das indianische Massensterben, das neben der gezielten Ausrottung stattgefunden hat und das heute auf mangelnde Resistenzen gegen europäische Krankheitskeime zurückgeführt wird, spirituell zu erklären. Eine Erklärung ist aber keine Rechtfertigung. Im Übrigen tritt Steiner auch hier nicht als Ankläger auf, sondern spricht von Tragik.

Konkretisierung des Begriffs

Nun kann man diese Begriffsdefinitionen Fredricksons und Memmis aus den historischen Erscheinungen des Rassismus im 19. und 20. Jahrhundert mit einigen Merkmalen anreichern bzw. konkretisieren. Die folgenden sieben Merkmale des Rassismus beruhen auf einer umfangreichen Analyse der einschlägigen Texte (von Gobineau bis Rosenberg) und könnten durch Zitate aus Originalwerken belegt werden:

1. Für den Rassismus ist ein biologischer Reduktionismus konstitutiv, der den Menschen mit seinen körperlichen (Gattungs-)Merkmalen identifiziert; er erklärt den Menschen zu einem Rassewesen. Alle seelischen und geistigen Eigenschaften des Menschen werden aus den Typeneigenschaften der Rasse, der er angehört, abgeleitet. Der Mensch ist in seinem Wesen durch die Rasseneigenschaften unentrinnbar determiniert.

2. Der Rassenbegriff ist das Fundamentalprinzip der historischen Welterklärung. Alle Erscheinungen der Geschichte werden aus der Rasse erklärt (Kultur, Zivilisation, Religion, Wissenschaft, politische Geschichte).

3. Näher betrachtet ist die Geschichte eine Geschichte von Rassenkriegen, in denen sich die überlegenen gegen die unterlegenen (»minderwertigen«) Rassen durchsetzen. Für den Rassismus ist der Begriff des Rassenkampfes ebenso zentral wie der Begriff des Klassenkampfes für den Marxismus. Bei diesem Kampf geht es um Lebensraum, Nahrung, Fortpflanzung usw. In diesem Merkmal kommt das darwinistische oder sozialdarwinistische Element des Rassismus am deutlichsten zum Ausdruck.

4. Die Rassen, die sich gegen die anderen durchsetzen, werden als auserwählte Rassen betrachtet, die aus biologischen oder metaphysischen Gründen zur Herrschaft über alle anderen bestimmt sind (vgl. die Definition Fredricksons).

5. Die unterschiedlichen Rassen werden in eine hierarchische, unveränderliche Ordnung gegliedert, die entweder von Anfang an besteht oder ein Ergebnis des darwinistischen Daseinskampfes ist. Der postulierte Rassenkampf zielt entweder auf die Errichtung einer unveränderlichen Rassenordnung oder versucht eine solche, die von Anfang an bestanden hat, aufrecht zu erhalten.

6. Die Mischung der verschiedenen Rassen ist Ursache rassischer und kultureller Dekadenz.

7. Um diese Dekadenz durch Mischung zu verhindern, werden rassenpolitische Ideen (Eugenik, Rassenzucht, Rassentrennung oder im Extrem Genozid, Ethnozid) propagiert.
Diese sieben Merkmale müssen in einer Weltsicht vorliegen, um sie als Rassismus bezeichnen zu können. Die neueste Untersuchung zum Rassismus im deutschen Sprachraum arbeitet wenigstens drei der sieben eben aufgezählten Merkmale als Kerntheoreme des Rassismus heraus: »Rassenkampf, Rassenmischung, Rassenerzeugung – das waren die drei großen Themen der Rassentheorie im 19. Jahrhundert.« (Christian Geulen, »Geschichte des Rassismus«, München 2007, S. 90) Nach Geulen ist »Rassismus nie nur eine Form der Herabsetzung, Diskriminierung oder Verfolgung bestimmter Gruppen, sondern immer auch eine Form der Welterklärung. Er setzt ein bestimmtes Bild der Welt, ihrer Rassenreinheit, ihres Rassenantagonismus oder ihres ewigen Rassenkampfes als Naturgesetz voraus und ruft dazu auf, die gegebenen Verhältnisse diesem Naturgesetz anzupassen – die Reinheit herzustellen, den Antagonismus auszutragen, den Kampf zu Ende zu führen« (ebd., S. 118).

Auch Geulens Definition des Rassismus trifft auf keinen einzigen Inhalt aus Steiners Gesamtwerk zu.

Anwendung des Begriffs

In Steiners Denken findet sich keine der genannten sieben Auffassungen.

1. Er erklärt den Menschen nicht zu einem »Rassen«wesen. Seiner Auffassung nach muss der Mensch die ihm anhaftenden (körperlichen) »Rassen«- oder Gattungseigenschaften überwinden, wenn er sein volles Menschsein entfalten will. Das Wesen des Menschen liegt nicht in seinen körperlichen Eigenschaften, sondern in seiner geistigen Individualität. »Der Mensch ist Geist«, heißt es in der »Theosophie« lapidar (»Theosophie«, S. 67). Dabei handelt es sich um eine allgemeine Wesensdefinition des Menschen, die auf alle Menschen zutrifft, gleichgültig, welcher Rasse sie angehören. Als Geist oder geistige Individualität befindet sich der Mensch auf dem Weg zur Freiheit. Je mehr er die Freiheit verwirklicht, um so mehr bestimmt er sich selbst und wird nicht mehr fremdbestimmt. Die Bestimmtheit durch körperliche oder »Gattungsmerkmale« ist eine Form von Fremdbestimmtheit. Bereits die »Philosophie der Freiheit« von 1894 erklärt, der Mensch könne nicht aus »Gattungseigenschaften«verstanden werden, diese machten nicht sein Wesen aus. »Der Mensch entwickelt Eigenschaften und Funktionen an sich, deren Bestimmungsgrund wir nur in ihm selbst suchen können. Das Gattungsmäßige dient ihm dabei nur als Mittel, um seine besondere Wesenheit in ihm auszudrücken. Er gebraucht die ihm von der Natur mitgegebenen Eigentümlichkeiten als Grundlage und gibt ihm [dem Gattungsmäßigen. Anm.d.Verf.] die seinem eigenen Wesen gemäße Form. Wir suchen nun vergebens den Grund für eine Äußerung dieses Wesens in den Gesetzen der Gattung. Wir haben es mit einem Individuum zu tun, das nur durch sich selbst erklärt werden kann. […] Wer die Menschen nach Gattungscharakteren beurteilt, der kommt eben gerade bis zu der Grenze, über welcher sie anfangen, Wesen zu sein, deren Betätigung auf freier Selbstbestimmung beruht. Was unterhalb dieser Grenze liegt, das kann natürlich Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung sein. Die Rassen-, Stammes-, Volks- und Geschlechtseigentümlichkeiten sind der Inhalt besonderer Wissenschaften. Nur Menschen, die allein als Exemplare der Gattung leben wollten, könnten sich mit einem allgemeinen Bilde decken, das durch solche wissenschaftliche Betrachtung zustande kommt. Aber alle diese Wissenschaften können nicht vordringen bis zu dem besonderen Inhalt des einzelnen Individuums. Da, wo das Gebiet der Freiheit des Denkens und Handelns beginnt, hört das Bestimmen des Individuums nach Gesetzen der Gattung auf« (S. 238 ff.).

2. In Steiners Denken ist der schöpferische Geist das Fundamentalprinzip der Welterklärung. Während der Rassismus alles aus der Rasse erklärt, ist das Entstehen von »Rassen«unterschieden für Steiner selbst erklärungsbedürftig. Für Steiner ist »Rasse« also kein Erklärungsprinzip, da sie selbst einer Erklärung bedarf. Die meisten seiner Ausführungen über das Thema der »Rassen« bemühen sich, die Entstehung der somatischen Differenzen innerhalb der Menschheit mit Hilfe unterschiedlicher Modelle zu erklären. »Rassen« sind seiner Auffassung nach Vereinseitigungen eines allgemeinen ideellen Menschentypus, die im Paläo- oder spätestens im Mesolithikum entstanden sind, zur Zeit des Neandertalers oder Cro-Magnon-Menschen. Diese archaische Zeit und damit die leibliche, typenhafte Differenzierung der Menschheit, ist rund 10.000 Jahre vor Christus zu Ende gegangen. Von diesem Zeitpunkt ab kann der »Rassen«begriff auf die Geschichte der Menschheit keine Anwendung mehr finden, sie muss als Kulturentwicklung begriffen werden. Kulturentwicklung heißt, die Naturbestimmung hinter sich zu lassen, über sie hinauszuwachsen, nicht mehr durch die Natur, sondern durch spirituelle Mächte, oder – seit der Emanzipation des Ich zu Beginn der Neuzeit – durch sich selbst bestimmt, also autonom zu sein. Auch die Entstehung des Rassismus im 19. Jahrhundert wird von Steiner auf die Inspiration inhumaner Mächte zurückgeführt (GA 177, »Die spirituellen Hintergründe der äußeren Welt«, 26.10.1917). Michael, der gegenwärtige Zeitgeist, will die letzten Überreste der Rassentrennung der Menschheit aufheben und eine Epoche des Kosmopolitismus begründen (Globalisierung). Die Anthroposophie steht allein im Dienst dieses Zeitgeistes.

3. Für Steiner ist die Geschichte nicht eine Geschichte von »Rassen«kriegen, sie ist vor allem eine Geschichte der Entstehung der menschlichen Freiheit. Die freie Menschenpersönlichkeit geht aus dem Wirken schöpferischen Geistes hervor und ist in diesen verflochten. Der zur Freiheit berufene Menschengeist emanzipiert sich von seinem göttlichen Ursprung, kommt zu sich selbst und wird sein eigener »Herr und Schätzer« (»Philosophie der Freiheit«, S. 116). Die Emanzipationsgeschichte der Menschheit läuft darauf hinaus, die Menschheit als Einheit zu begreifen und in jedem einzelnen Menschen den göttlichen Kern zu erkennen, den dieser in sich trägt. Die Begegnung von Mensch zu Mensch und das Gewahrwerden der Individualität im anderen ist das »wahre Sakrament«. Die Geschichte verläuft von der Einbettung des Menschen in eine Kollektivgeistigkeit – eine Art kollektives Unbewusstes – über die Befreiung von dieser Kollektivgeistigkeit zu der Entwicklung eines neuen gemeinsamen Menschheitsbewusstseins, das auf dem freien Selbstbewusstsein fußt, und die Verantwortung der Menschheit für die ganze Schöpfung und die Mitgeschöpfe einschließt. Bereits 1888 bezeichnet Steiner das Verständnis der Freiheit und die gesellschaftliche Verwirklichung dieser Freiheit als das »Barometer des Fortschritts«. »Das Barometer des Fortschrittes in der Entwicklung der Menschheit ist […] die Auffassung, die man von der Freiheit hat, und die praktische Realisierung dieser Auffassung. Unserer Überzeugung nach hat die neueste Zeit in dieser Auffassung einen Fortschritt zu verzeichnen, der ebenso bedeutsam ist, wie jener war, den die Lehren Christi bewirkten: ›es sei nicht Jude, noch Grieche, noch Barbar, noch Skythe, sondern alle seien Brüder in Christo‹. Wie damals die Gleichwertigkeit aller Menschen vor Gott und ihresgleichen anerkannt wurde, so bemächtigte sich in dem letzten Jahrhundert immer mehr die Überzeugung der Menschen […], nur das für wahr [zu] halten, wozu uns unser eigenes Denken zwingt, nur in solchen gesellschaftlichen und staatlichen Formen sich [zu] bewegen, die wir uns selbst geben […] (GA 31, S. 134).

Weil »Rassen« nur insofern für das Verständnis von Geschichte relevant sind, als sie sich in einem bestimmten geschichtlichen Zeitraum bildeten, sind Begriffe, die sich auf diese »Rassen« beziehen, auch nur für diesen Zeitraum relevant. »Heute schon« – das heißt seit rund 10.000 Jahren, hat der Kulturbegriff den Rassenbegriff abgelöst. »Deshalb sprechen wir auch von Kulturzeitaltern im Gegensatz zu Rassen. Alles das, was etwa verknüpft ist mit dem Rassenbegriff, ist noch Überbleibsel des Zeitraumes, der dem unseren vorangegangen ist, des atlantischen. Wir leben im Zeitraum der Kulturepochen. […] Heute hat schon der Kulturbegriff den Rassenbegriff abgelöst« (GA 104, S. 69). Das heißt, der Kulturbegriff ist der Begriff, mit dem allein die Geschichte der vergangenen 10.000 Jahre beschrieben und verstanden werden kann. Im selben Jahr macht Steiner deutlich, dass nur noch in einem solchen Sinn von Rassen gesprochen werden kann, dass der Rassenbegriff seine Bedeutung verliert. »In unserer Zeit wird der Rassenbegriff in einer gewissen Weise verschwinden, da wird aller von früher her gebliebene Unterschied nach und nach verschwinden« (GA 105, S. 183 f.).

4. Für Steiner gibt es keine auserwählten »Rassen«, die zur Herrschaft über alle anderen bestimmt wären. Rasse ist für ihn kein sozial oder politisch konstitutives Prinzip. Wo ein solches propagiert wird, sieht er in ihm eine Niedergangserscheinung der Menschheit, den Ausdruck einer »urrektionären Weltanschauung«. »Ein Mensch, der heute von dem Ideal von Rassen und Nationen und Stammeszusammengehörigkeiten spricht, der spricht von Niedergangsimpulsen der Menschheit. […] Denn durch nichts wird sich die Menschheit mehr in den Niedergang bringen, als wenn sich die Rassen-, Volks- und Blutsideale fortpflanzen. Durch nichts wird der wirkliche Fortschritt der Menschheit mehr aufgehalten als dadurch, dass aus früheren Jahrhunderten stammende […] fortkonservierte Deklamationen herrschen werden über die Ideale der Völker, während das wirkliche Ideal dasjenige werden müsste, was in der rein geistigen Welt, nicht aus dem Blute heraus, gefunden werden kann. […] Denn nur durch geistige Bande unter den Menschen wird in das Niedergehende, das ganz naturgemäß ist, Fortschreitendes hineinkommen. Ich sage: das Niedergehende ist naturgemäß. Denn geradeso wie der Mensch, wenn er ins Alter kommt, nicht ein Kind bleiben kann, sondern mit seinem Leib in eine absteigende Entwickelung eintritt, so trat auch die ganze Menschheit in eine absteigende Entwickelung ein. […] Zu glauben, dass die alten Ideale fortleben können, ist geradeso gescheit, wie zu glauben, dass der Mensch sein ganzes Leben hindurch buchstabieren lernen soll, weil es dem Kinde gut ist, buchstabieren zu lernen. Ebenso gescheit wäre es, wenn man in der Zukunft davon reden wollte, dass über die Erde hin eine soziale Struktur sich ausbreiten soll auf Grundlage der Blutszusammengehörigkeit der Völker.« (GA 177, 26.10.1917, S. 203-206.)

Steiners »Dreigliederungsidee« (GA 23) betrachtet als konstitutives Prinzip für die Beziehungen von Mensch zu Mensch die Gleichheit, die Demokratie, die gleichberechtigte Partizipation am politisch-gesellschaftlichen Leben, für das geistig-kulturelle Leben der Gesellschaft die Freiheit und für die ökonomischen Beziehungen die Brüderlichkeit. In den »Kernpunkten« (GA 24), seinem gesellschaftstheoretischen Hauptwerk, taucht der Rassenbegriff überhaupt nicht auf.

5. Steiner postuliert oder fordert keine hierarchische, unveränderliche Ordnung von »Rassen«. Alle »Rassen« sind für ihn Vereinseitigungen einer allgemeinen Menschenform und die Verhaftung des Menschen in den »Rassen«eigenschaften muss generell überwunden werden. 1901 wendet sich Steiner explizit gegen die Hierarchisierung von »Rassen« in einem Aufsatz, in dem er den Antisemitismus kritisiert: »Der Antisemitismus ist ein Hohn auf allen Glauben an die Ideen. Er spricht vor allem der Idee Hohn, daß die Menschheit höher steht als jede Form (Stamm, Rasse, Volk), in der sich die Menschheit auslebt« (GA 31, S. 412). Die Menschheit steht höher als jede ihrer besonderen Formen, die Abwertung einer einzelnen »Rasse«, wie sie im Rassenantisemitismus zum Ausdruck kommt, ist »ein Hohn auf die Idee der Menschheit«.

1903 schreibt Steiner in einem Aufsatz: »Der oberste Grundsatz der Theosophischen Gesellschaft ist: ›… den Kern einer brüderlichen Gemeinschaft zu bilden, die sich über die ganze Menschheit, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der Gesellschaftsklasse, der Nationalität und des Geschlechts erstreckt‹. Dies ist sogar der einzige Grundsatz, der für die Mitglieder dieser Gesellschaft als verbindlich betrachtet wird« (GA 34, S. 433). Auch 1912 bekräftigt er diesen Grundsatz: »Es ist jeder wirklichen Erkenntnis der Geisteswissenschaft zuwiderlaufend, wenn davon gesprochen würde, daß […] es […] in der Zukunft eine […] führende Rasse geben würde. […] Heute schon sehen wir, wie im Grunde genommen die Kultur nicht mehr getragen wird von einer führenden Rasse […], sondern wie die Kultur sich über alle Rassen ausbreitet. Und die Geisteswissenschaft soll ja gerade dasjenige sein, was ohne Unterschied der Rassen und Stämme die Kultur über die ganze Erde trägt, insofern die Kultur Geisteskultur ist. […] Und wenn Theosophie ihren guten alten Grundsätzen treu bleiben soll, so wird sie […] gar nicht darauf verfallen können, eine Zukunftskultur zu erhoffen von einer einzelnen besonderen Rasse. […]« (GA 133, S. 151 ff.).

6. Die Mischung der »Rassen« ist für Steiner keine Ursache von Dekadenz, sondern eine zu begrüßende Folge der Menschheitsgeschichte. Insofern diese Geschichte Ausdruck geistiger Wirkungen ist, ist die Vermischung der »Rassen«, das Verschwinden der »Rassen«unterschiede auch eine Folge der Christustat. Christus hat die Menschen von der Bindung an die Blutsverwandtschaft befreit und sie über die Stammes- und »Rassen«schranken hinausgeführt, indem er eine Menschheitsreligion begründet hat, die das Bewusstsein von dem jedem Menschen eingeborenen Göttlichen erweckt. Christus ist der Überwinder der Zersplitterung der Menschheit in »Rassen«, Völker, Nationen. »In der Christus-Vorstellung ist zunächst ein Ideal gegeben, das aller Sonderung entgegenwirkt […] Indem zunächst in dem bloßen Gedanken erfaßt wurde, daß in Christus Jesus der Idealmensch lebt, zu dem die Bedingungen der Sonderung nicht dringen, wurde das Christentum das Ideal der umfassenden Brüderlichkeit. Über alle Sonderinteressen und Sonderverwandtschaften hinweg trat das Gefühl auf, daß des Menschen innerstes Ich bei jedem den gleichen Ursprung hat« (GA13, S. 293 f.).

1907 hat Steiner das Ziel beschrieben und begrüßt, auf das dieses Christuswirken hinausläuft: »Diese Unterschiede werden immer mehr verschwinden, je mehr das individuelle Element die Oberhand gewinnt. Es wird eine Zeit kommen, wo es keine verschiedenfarbigen Rassen mehr geben wird. […] Es wird dahin kommen, daß alle Rassen- und Stammeszusammenhänge wirklich aufhören. Der Mensch wird vom Menschen immer verschiedener werden. Die Zusammengehörigkeit wird nicht mehr durch das gemeinsame Blut vorhanden sein, sondern durch das, was Seele an Seele bindet. Das ist der Gang der Menschheitsentwicklung« (GA 99).

7. Steiner lehnt jegliche Form von Rassenpolitik (Rassenzucht, Rassenhygiene, Rassentrennung) als verwerflich und »urreaktionär« ab. »Im allerschlimmsten Sinne« so Steiner 1920, »wurde nationaler Chauvinismus gerade in der neuesten Zeit wachgerufen. Und nationaler Chauvinismus klingt heute durch die ganze zivilisierte Welt. Das ist nur das soziale Gegenbild für jene urreaktionäre Weltanschauung, welche alles auf die vererbten Eigenschaften zurückführen will. Wenn man nicht mehr danach strebt, sein Wesen als Mensch zu ergründen und die soziale Struktur so zu gestalten, daß dieses Wesen als Mensch zurechtkommt, sondern wenn man nur darnach strebt, die soziale Struktur so herbeizuführen, daß sie dem entspricht, was man als Tscheche, als Slowake, als Magyar, als Franzose, als Engländer, als Pole und so weiter ist, dann vergißt man alle Geistigkeit. Dann schließt man alle Geistigkeit aus, dann will man die Welt bloß nach den blutsvererbten Eigenschaften ordnen, weil man immer mehr und mehr dazu gekommen ist, in seinen Begriffen nicht den geringsten Inhalt zu haben […] Deshalb mußte man sich anlehnen an irgend etwas, was ganz geistlos ist, die Blutsverwandtschaft, die blutsverwandten Eigenschaften der Nationen […] Nichts zeigt vielleicht deutlicher den Materialismus der Neuzeit, dieses Verleugnen alles Geistigen, als das Auftreten des Nationalprinzips.

Das ist selbstverständlich eine Wahrheit, die heute vielen Menschen unangenehm ist. Und das macht es wiederum, daß so viel Lüge auf dem Grunde der Seele sich ablagern muß. Denn geht man nicht ehrlich darauf ein, daß man den Geist ableugnet, wenn man eine Weltordnung nur auf die Blutsverwandtschaft begründen will, so lügt man; man lügt, wenn man dann sagt, man neige irgendeiner geistigen Weltanschauung zu. (GA 200, Dornach, 31.10.1920, S.126-128).

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