Unbezahlbare Arbeit und Menschenwürde

leopold ziegler»Immerhin werden sich in den kommenden Jahrzehnten die meisten Völker Europas mit einer Verarmung abzufinden haben, die sie sich selber umsonst durch eine Reihe schwindelhafter Maßnahmen noch zu verschleiern streben. Für Staatsmänner, Gewerbetreibende, Volkswirte, Unternehmer gewöhnlichen Schlages wird das Problem dieser Armut natürlich nur insoweit bestehen, als sie alle miteinander auf schleunigste Behebung dieses Unheils bedacht sein werden. Anderen, wenn auch nur wenigen und seltenen, wird jedoch gerade das schwerere auf der Seele liegen, im wirtschaftlichen Problem das sittliche zu ahnen und so den Zusammenbruch der Zeit als willkommene Gelegenheit zu nehmen, die Frage der Menschenarmut, Menschenarbeit aufs neue zu überdenken. Ihnen wird das Beispiel unseres Heiligen [Franziskus] für einen Neubau der Gesellschaft doppelt bedeutsam vorkommen. Einmal der erste Grundsatz, nein das Grundgesetz:

menschliche Arbeit sei an sich so wenig käuflich oder verkäuflich wie der Mensch selber, der Lohnsklave mithin ebenso zu verabscheuen wie der Sklave.


Dann aber der zweite Grundsatz:

jede gesellschaftliche Einheit oder Gruppe, zu deren Gunsten eine Arbeit geschieht, schulde dem Arbeitenden lebensnotwendigen Anteil an der Gesamtgütermenge aller.

Oder beide Sätze auf ihre Zusammenfassung gebracht: anstatt der Arbeit und der Ware soll der Arbeitende und seine Person zum Ziel, Zweck, Sinn und Wert aller Vergemeinschaftung von Menschen erhoben werden. Nur wo menschliche Arbeit in durchgängiger Unabhängigkeit vom zufallbedingten Gebrauch- und Tauschwert ihrer Erzeugnisse geschaffen werden kann und trotzdem dem Arbeitenden Gewähr seiner Daseinsbedürnfnisse bietet, nur da wird sie je und je ihre Würde wiederfinden, – alles andere bleibt Fortsetzung der Sklaverei unter anderen Formen.«

Leopold Ziegler, Gestaltwandel der Götter, Bd. 1, 1920, S. 345-346

rudolf steiner»Nun, das soziale Hauptgesetz, welches durch den Okkultismus aufgewiesen wird, ist das folgende:

Das Heil einer Gesamtheit von zusammenarbeitenden Menschen ist umso größer, je weniger der Einzelne die Erträgnisse seiner Leistungen für sich beansprucht, das heißt, je mehr er von diesen Erträgnissen an seine Mitarbeiter abgibt, und je mehr seine eigenen Bedürfnisse nicht aus seinen Leistungen, sondern aus den Leistungen der anderen befriedigt werden.

Alle Einrichtungen innerhalb einer Gesamtheit von Menschen, welche diesem Gesetz widersprechen, müssen bei längerer Dauer irgendwo Elend und Not erzeugen. – Dieses Hauptgesetz gilt für das soziale Leben mit einer solchen Ausschließlichkeit und Notwendigkeit, wie nur irgendein Naturgesetz in bezug auf irgendein gewisses Gebiet von Naturwirkungen gilt. Man darf aber nicht denken, dass es genüge, wenn man dieses Gesetz als ein allgemeines moralisches gelten lässt oder es etwa in die Gesinnung umsetzen wollte, dass ein jeder im Dienste seiner Mitmenschen arbeite.  Nein, in der Wirklichkeit lebt das Gesetz nur so, wie es leben soll, wenn es einer Gesamtheit von Menschen gelingt, solche Einrichtungen zu schaffen, dass niemals jemand die Früchte seiner eigenen Arbeit für sich selber in Anspruch nehmen kann, sondern doch diese möglichst ohne Rest der Gesamtheit zugute kommen. Er selbst muss dafür wiederum durch die Arbeit seiner Mitmenschen erhalten werden. Worauf es also ankommt, das ist, dass für die Mitmenschen arbeiten und ein gewisses Einkommen erzielen zwei voneinander ganz getrennte Dinge sind.«

Rudof Steiner, Geisteswissenschaft und soziale Frage, 1906

»Im Altertum gab es Sklaven. Der ganze Mensch wurde wie eine Ware verkauft. Etwas weniger vom Menschen, aber doch eben ein Teil des Menschenwesens selber wurde in den Wirtschaftsprozess eingegliedert durch die Leibeigenschaft. Der Kapitalismus ist die Macht geworden, die noch einem Rest des Menschenwesens den Charakter der Ware aufdrückt: der Arbeitskraft. …

In der Erzeugung und in dem zweckmäßigen Verbrauch von Waren besteht das Wirtschaftsleben. Man kann nicht die menschliche Arbeitskraft des Warencharakers entkleiden, wenn man nicht die Möglichkeit findet, sie aus dem Wirtschaftsprozess herauszureissen. Nicht darauf kann das Bestreben gerichtet sein, den Wirtschaftsprozess so umzugestalten, dass in ihm die menschliche Arbeitskraft zu ihrem Rechte kommt, sondern darauf: Wie bringt man diese Arbeitskraft aus dem Wirtschaftsprozess heraus, um sie von sozialen Kräften bestimmten zu lassen, die ihr den Warencharakter nehmen?«

Rudolf Steiner, Die Kernpunkte der sozialen Frage, 1919, S. 53-54

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