Wissenschaft und Esoterik XIII – Die wahre Philosophie und ihr Schatten

7. Die wahre Philosophie und ihr Schatten: Der Historiker Jacob Brucker

Johann Jacob Brucker dominierte den antiesoterischen Diskurs des 18. Jahrhunderts

In Johann Jacob Bruckers »Kritischer Geschichte der Philosophie« (1742-44), dem Standardwerk der Philosophiegeschichte im 18. Jahrhundert, kam Heumanns Programm zur vollen Blüte. Die Bedeutung dieser Publikation schätzt Hanegraaff als außerordentlich hoch ein, wurde sie doch zum Referenzwerk in ganz Europa bis weit ins 19. Jahrhundert. Von besonderer Tragweite ist die Beziehung dieser Philosophiegeschichte zu zwei anderen, extrem einflussreichen Publikationen: dem »großen Zedler« und der »Enzyklopädie« Diderots.

»Zedlers Universallexikon« erschien in 44 Bänden zwischen 1732 und 1754 und stellt das lexikographische Monument des deutschen Barock dar. Die meisten seiner philosophiegeschichtlichen Beiträge sind Paraphrasen aus Bruckers Werk. Brucker war die »allgegenwärtige Autorität« in diesem einflussreichsten aller deutschen Lexika. Auch für die »Enzyklopädie« Diderots, die zeitlich nach dem »großen Zedler« erschien, war Brucker die maßgebliche Quelle: Diderot plünderte dessen »Kritische Geschichte« skrupellos. Angesichts der zentralen Bedeutung der »Enzyklopädie« für die französische Aufklärung – und der paradigmatischen Rolle der französischen Philosophen für die Definition von Aufklärung – ist es gerechtfertigt, zu sagen, Brucker habe den antiesoterischen Diskurs des 18. Jahrhunderts beherrscht.

Brucker untersuchte die Geschichte der Philosophie systematisch gemäß dem eklektischen Prinzip, um die »pseudophilosophische« Spreu vom philosophischen Weizen zu trennen. An allen Formen der heidnischen Philosophie und des christlich-heidnischen Synkretismus zeigte er, was seiner Ansicht nach auf »gesundem Menschenverstand« beruhte und was Aberglaube war. Sein gesamtes Werk ist von zwei Strängen durchzogen: einer Geschichte der »eklektischen Philosophie«, die seiner Auffassung nach die wahre Weisheit enthält und einer Geschichte der »sektiererischen Philosophie«, dem polemisch gezeichneten Gegenbild der ersteren. Diese Art der Darstellung wurde vorbildlich bis weit ins 19. Jahrhundert und sollte das Fundament liefern, auf dem die Aufklärung ihr Selbstverständnis errichtete.

Wie beschreibt Brucker die Geschichte des »Schattens« der wahren Philosophie? Auch für Brucker sind, wie für Heumann, der protestantische Biblizismus und der rationale Kritizismus grundlegend. Die Offenbarung der Bibel steht für den Glauben jenseits aller Vernunftbeweise fest. Aber in der Auseinandersetzung mit dem historischen Material verfährt Brucker wie ein kritischer Geist der Aufklärung. Die Geschichte des Denkens ist für ihn eine Geschichte menschlicher Meinungen, die richtig oder falsch sein können. Brucker argumentiert bei der Auseinandersetzung mit diesen Meinungen wie ein moderner Philosophiehistoriker, indem er sie referiert, ihre Beweisgründe erörtert und entscheidet, ob sie vernunftgemäß sind oder nicht. Aber er hält sich streng an normative Leitlinien.

Die Geschichte des Denkens unterteilt er in verschiedene Phasen und untersucht die Entwicklung der sektiererischen Philosophie in diesen. In der ersten Phase erscheine das chaldäisch-zoroastrische und das ägyptische System des Denkens, gleichzeitig mit der »wahren« Philosophie in Griechenland. Die zweite Phase dominierten der Neuplatonismus und die Kabbala. In der dritten Phase, der Renaissance, erführen diese beiden Systeme eine Wiederbelebung und gleichzeitig entstehe ein neues sektiererisches System: die »Theosophie«. Auch wenn er diese Systeme gesondert behandelt, sieht er doch in allen Äste, die aus dem Baum des heidnischen Aberglaubens hervorgewachsen sind.

1. Die chaldäischen, zoroastrischen und ägyptischen Systeme gehören laut Brucker zur »barbarischen« Philosophie. Die Chaldäer sind die ältesten »Pseudophilosophen« und hingen vollständig dem Aberglauben an. Ihr Denken beruhe auf blinder Überlieferung und priesterlicher Verführung, ausgedrückt in dunklen Bildern und Worten. Sie verbänden die Grundirrtümer aller falschen Philosophie: Atheismus, Dualismus, Leugnung der Vorsehung und Glauben an die Emanation. Auch Brucker fußt, wie man sieht, auf den dichotomischen Kategorien, die Thomasius einführte. Die Schriften Zoroasters und die chaldäischen Orakel schreibt Brucker einer späteren Zeit zu, auch sie enthalten nichts als heidnischen Aberglauben. Die geheimen Lehren der Ägypter, die auf Hermes zurück gehen sollen, bieten in seinen Augen nichts als Götzenverehrung und Aberglauben.

Nichts in diesen Systemen verdient nach Bruckers Auffassung den Namen Philosophie. Die Anfänge des griechischen Denkens sind auch nicht viel besser. Diese beginnt mit Thales und Pythagoras, gefolgt von Sokrates, aber die weitere Entwicklung des Pythagoräismus und des Platonismus pervertiert die platonischen Lehren durch den Einfluss heidnischen Aberglaubens aus Chaldäa und Ägypten.

2. Dies führt Brucker zum ersten sektiererischen System: dem Neuplatonismus. Diese Gedankenströmung war seiner Auffassung nach die erfolgreichste und einflussreichste aller Sekten. Sie war Teil einer heidnischen Strategie, den Aufstieg des Christentums zu verhindern. Durch sie versuchten die Heiden, indem sie das Vorbild der vernunftgemäßen, wahren christlichen Religion nachahmten, ihrem Aberglauben ein vernünftiges Aussehen zu geben, um durch philosophische Scheinargumente die Christen von der Wahrheit abspenstig zu machen. Aber der ganze Neuplatonismus war für Brucker nichts als das Produkt einer »überhitzten Einbildungskraft«. Die Heiden versuchten, das Christentum zu infiltrieren und von innen zu zersetzen, indem sie die Wunder Jesu als Beweise für die Wirksamkeit ihrer theurgischen Praktiken ausgaben oder gefälschte Texte – wie die hermetischen – einführten, die christlich klangen. Die Neuplatoniker fälschten reihenweise solche Texte, in denen sie die »Missgeburten ihrer Gehirne« niederschrieben und schoben sie den alten Autoren unter, so dass es heute kaum mehr möglich sei, die wahre Geschichte zu rekonstruieren. Sie streuten viele solche »Eier« aus, denen »das Gewürm« entkrochen sei, das wie eine ansteckende Plage ganz Europa und Asien befallen habe.

Worin besteht nach Brucker die Essenz des Neuplatonismus? Er lehre, dass die Menschenseele eine natürliche Verbindung mit Gott habe, zu dem sie zurückzukehren versuche. Es gebe Hierarchien von Geistwesen, die überall gegenwärtig seien. Durch das Gebet komme man mit ihnen in Kontakt oder kommuniziere durch ekstatische Trance mit ihnen. Schicksalsdeutung sei wesentlicher Teil dieser Rituale und alles laufe darauf hinaus, den »ganzen Horror des heidnischen Aberglaubens« zu propagieren. Bedauerlicherweise, so Brucker, hatte dieses Panoptikum der Unvernunft Erfolg. Nicht zuletzt dank der Naivität der Christen, die sich der platonischen Terminologie bedienten, um die Heiden zu bekehren, aber auf diesem Weg vom Virus angesteckt wurden, der die christliche Theologie befiel.

Das zweite sektiererische System ist nach Brucker die Kabbala, die esoterische Philosophie des Judentums, das auf dieselbe Weise Verbreitung fand wie der Neuplatonismus: indem das heidnische Denken den biblischen Glauben infizierte. Jüdische Lehrer wandten laut Brucker die platonischen und pythagoräischen Erfindungen auf die Bücher Mose an, und schufen eine besonders dunkle und geheime Theologie. Sie schrieben den kabbalistischen Lehren ein großes Alter zu, gaben Abraham und die Patriarchen als deren Erfinder aus und behaupteten, sie hätten Schriften verfasst, die in Wahrheit von heidnischen Philosophen geschrieben worden waren. Die Kabbala gehöre zum Alten Testament wie der Neuplatonismus zu den Evangelien. In beiden Fällen sei die biblische Offenbarung durch die »Pest des heidnischen Synkretismus« verfälscht worden. Das Ergebnis sei dasselbe: eine undurchdringliche Masse irrationaler Spekulationen, vorgetragen in einer obskuren Sprache und verworrenen Bildern.

3. Die Wiedergeburt des Neuplatonismus und der Kabbala wird von Brucker penibel analysiert. Die Autoren der Renaissance gruben die alten neuplatonischen Texte und die erfundenen Schriften des Hermes, des Zoroaster usw. aus, und schufen aus ihnen ein neues philosophisches System. Brucker behandelt die Renaissancephilosophen etwas respektvoller, als die Urheber der vorherigen Systeme und bringt ihnen als »guten Christen«, die sich lediglich irrten, sogar Anerkennung entgegen. Ihre Ideen weist er nicht polemisch, sondern aufgrund philologischer Irrtümer, Fehldatierungen und unkorrekter historischer Interpretationen zurück. Schlussendlich können aber all diese Irrtümer auf die verschmutzte Quelle des Neuplatonismus und auf die Idee einer »philosophia perennis« oder einer »translatio sapientiae« (einer Übertragung der Weisheit durch eine Kette von Weisen von einer Epoche zur nächsten) zurückgeführt werden. Da die Anhänger der »philosophia perennis« laut Brucker annahmen, dass die alten Hebräer, Chaldäer, Ägypter, Orphiker, Pythagoräer und Platoniker ein und dasselbe lehrten, und dass ihre Weisheit aus einer einzigen, uralten Quelle entsprang, schlossen sie, alles müsse mit dem Christentum übereinstimmen. Und so versuchten sie diese Lehren mit der wahren Religion auszusöhnen.

Das dritte große sektiererische System, die »Theosophie«, ist dagegen jüngeren Datums. Sie wurde von Autoren geschaffen, die zwar die heidnische und sektiererische Philosophie verabscheuten, aber nichtsdestotrotz eine Variante dieser Philosophie ins Leben riefen. Sie beriefen sich nicht auf die Vernunft, sondern auf die göttliche Erleuchtung in ihrem Inneren, sie glaubten durch diese einen privilegierten Zugang zu den Geheimnissen der Natur zu besitzen, und kannten die Mysterien der Magie, der Astrologie, der Alchemie und ähnlicher Künste. Ihre Theosophie betrachten sie als eine Art von Kabbala. Eigentlich gehören sie laut Brucker eher der Theologie als der Philosophie an. Zu den behandelten Autoren gehören Paracelsus, Robert Fludd, Jakob Böhme, die van Helmonts und die Rosenkreuzer. An der Theosophie kritisiert Brucker die Ablehnung der Vernunftreflexion zugunsten der Erleuchtung und den zugrundeliegenden Emanatismus, der lehre, alles komme von Gott und kehre zu ihm zurück. In der Theosophie führe alles letztlich zur Selbstvergottung, die auf der verborgenen Überheblichkeit des menschlichen Herzens beruhe, die die gesunde Vernunft zerstöre.

Bruckers Philosophiegeschichte enthält, wie deutlich wird, die gesamte Geschichte des »Anderen« der »wahren« Philosophie, all jene Strömungen und Ideen, die heute unter dem Titel »westliche Esoterik« untersucht werden.

Die innere Logik der protestantischen Anti-Apologetik mündete bei Brucker in die Unterscheidung dreier Gebiete:

1. Geschichte der Philosophie. Diese musste mit der Methode des Eklektizismus eruiert werden – der Historiker musste aus der gesamten Geschichte des Denkens jene Traditionen heraussuchen, die mit dem gesunden Menschenverstand vereinbar waren. Diese Auslese bildete die Grundlage für die moderne Philosophiegeschichte als akademische Disziplin.

2. Biblische Offenbarung. Trotz ihrer rationalistischen Neigungen waren alle Autoren der deutschen Aufklärung überzeugte Lutheraner, die keinen Augenblick an der Überlegenheit des Christentums zweifelten. Sie waren keine Kritiker der Religion wie Voltaire, sondern unterschieden zwischen dem Glauben der Bibel, als dem absoluten und einzigen Fundament der Religion, und dem Verstand, als dem ebenso exklusiven Fundament der Philosophie. Verstand und Offenbarung konnten (durften) sich nicht widersprechen, sie waren autonom und inkommensurabel, sie sollten sich strikt auf ihr Gebiet beschränken, jede apologetische Verwirrung und das verschleierte Heidentum vermeiden, das nach ihrer Auffassung die römisch-katholische Theologie zugrunde gerichtet hatte.

3. Krypto-Heidentum. Aufgrund der radikalen, anti-apologetischen Trennung zwischen Offenbarung und Verstand (oder Vernunft) blieb am Ende des 17. Jahrhunderts ein großes Feld von Ideen und Gedankenströmungen übrig, das die Geschichtsschreibung keiner der beiden Kategorien zuordnen konnte, da diese Ideen und Gedankenströmungen »synkretistische Mischungen« aus beiden waren. In diesem dritten Gebiet existierte nach antiapologetischer Auffassung das Heidentum in christlicher Verkleidung fort. Es teilte mit der Philosophie die heidnischen Quellen, unterschied sich aber von dieser dadurch, dass es nicht auf der Anwendung des Verstandes beruhte. Mit dem Christentum hatte es die religiöse Form gemein, aber es war die »falsche« Religion, die nicht auf »wirklicher« (wahrer) Offenbarung beruhte. Mit einem Wort: dieses Gebiet stellte die »nicht-rationale« (vernunftlose, unvernünftige) »Natur-Religion« der Menschheit dar. Genau dieses protestantische, anti-apologetische Konzept einer heidnischen Religion, die sich als Christentum verkleidet hatte, ist laut Hanegraaff der historische Ursprung und der theoretische Kern des heutigen Konzepts der westlichen Esoterik als wissenschaftliches Forschungsfeld.

Brucker steht nach Hanegraaff an einer Epochenschwelle, weil er zeigt, dass die Intellektuellen noch eine deutliche Erinnerung an die Ideen und Strömungen des »Krypto-Heidentums« hatten und weil er den Grund für die spätere »damnatio memoriae« legte, der all diese Ideen und Strömungen anheimfielen. Brucker und seine anti-apologetischen Vorgänger widmeten all diesen Ideen und Strömungen noch ihre Aufmerksamkeit, und noch wichtiger, sie taten dies auf der Grundlage eines »konsistenten theoretischen Konzepts«, das ihnen erlaubte, dieses Gebiet als in sich zusammenhängende Tradition zu begreifen. Aber natürlich implizierte dieses Konzept, dass die Vertreter dieser Strömungen das negative Gegenbild sowohl der Vernunft als auch des Glaubens waren und deshalb nicht beanspruchen konnten, Teil ihrer Geschichte zu sein. Nachdem einmal ihr nicht-philosophischer und nicht-christlicher Charakter erkannt war, bestand keine Notwendigkeit mehr, ihnen in der Geschichte der Philosophie oder jener des Christentums größere Aufmerksamkeit zu schenken. Von nun an begann dieser bedeutende Teil der Geschichte des Denkens und der Religion aus den Lehrbüchern der Philosophie- und Religionsgeschichte zu verschwinden. Damit war ein Zustand eingetreten, der sich bis heute kaum geändert hat – wenn man von der Esoterikforschung absieht.

Fortsetzung

Ein Kommentar

  1. Pingback:Wissenschaft und Esoterik XII – Erleuchtung und Verfinsterung | Anthroblog

Kommentare sind geschlossen