1976 | Ballen und Spreizen – Zwischen »Verflachung« und »Vertiefung« – Zur Geschichte der anthroposophischen Gesellschaft

Umbau der Gesellschaft

Die GLS Bank wurde zum Ermöglicher des anthroposophischen Umbaus der Gesellschaft. Von ihr finanziertes Windrad 1988.

Wie bereits erwähnt, berichtete Heten Wilkens in der Generalversammlung der  Anthroposophischen Gesellschaft am 11. April als Generalsekretär der deutschen Landesgesellschaft ausführlich über deren Tätigkeit. Was diesen Bericht für heutige Leser schwer verdaulich macht, ist nicht die Fülle an Vorgängen oder Daten, die er enthält, sondern seine Theoriebeladenheit oder – etwas weniger wohlwollend ausgedrückt – der schwülstige Jargon, in dem er vorgetragen wurde. Als Beispiel mögen die Eingangssätze dienen: »Nicht oft im Entwicklungsgang des Bewusstseins für die Gestaltung einer Anthroposophischen Gesellschaft wird die Empfindung überaus deutlich, dass man sich über eine Schwelle hinwegbewegt. Dieses Bewusstsein wird mitgebildet durch die Urteilskräfte derjenigen verantwortlichen Menschen, in denen sich ein wesentlicher Teil der Gesellschaftsbildung ausspricht. Sie werden verstehen: Wenn gewichtige Individualitäten aus der stetigen Zusammenarbeit ausscheiden, dass dann die anthroposophische Arbeit und ihre Gestalt, die durch diese Menschen repräsentiert wurde, einen anderen Stil gewinnen wird«.

Die Sätze leiteten zur Bemerkung hin, Clara Kreutzer und Ernst Weissert seien »aus der unmittelbaren Zusammenarbeit [in den Gremien der deutschen Landesgesellschaft] ausgeschieden«. Nicht etwa, weil sie gestorben wären, sondern aus Altersgründen. Kreutzer war 80 geworden, Weissert 71. Dass sich die anthroposophische Gesellschaft »über eine Schwelle bewegt«, ist eine Trivialität, bewegt sich doch die gesamte Menschheit laut Steiner »über die Schwelle« (zu einem spirituellen Bewusstsein). Außerdem leben die Mitglieder dieser Initiationsgesellschaft im permanenten Bewusstsein, den Übertritt über diese Schwelle zu vollziehen oder die Avantgarde dieses Übertritts zu sein.

Noch einen weiteren Grund führte Wilkens für die Betonung des Bewusstseins vom Schwellenübertritt an. Seiner Beobachtung nach begann der »Erfolg« der Anthroposophie in der Welt für erstere zur Gefahr zu werden: das anschwellende Interesse an ihr drohe zu ihrer Verflachung bzw. zu ihrer Anpassung an das »Zivilisations-Umfeld« zu führen. »Es ist eine Realität, dass unsere Dinge dem ähnlich werden könnten, was im zivilisatorischen Leben schon eine Strecke weit in den Untergang unterwegs ist«, so Wilkens. Hinsichtlich der Untergangsdiagnose war sich der deutsche Generalsekretär also mit Grosse und anderen führenden Funktionären einig. Immerhin stehe der Gefahr der Verflachung durch Ausbreitung das Bedürfnis einer »Vertiefung in die Grundkräfte des Urteilsvermögens« gegenüber, die sich »intimer, differenzierter in den Grund der Anthroposophie einzuwurzeln« versuchten. Der Weg zu dieser Einwurzelung bestehe im Rückgang zu den Quellen. Zwischen den beiden »Bildungsmächten« Verflachung und Vertiefung sei »eine große Spannung« erlebbar.

Nun sei es ein besonderes Privileg des »deutschen Wesens«, so Wilkens unter Berufung auf Steiner, dass es insofern in einer besonderen Beziehung zu dieser Spannung stehe, als die Menschen, die »in der deutschen Sprache« lebten, weniger mit dem Kopf, als mit dem Atemorganismus dächten. »Ein entscheidender Wesenszug« des Mitteleuropäischen – womit eben »das Deutsche« gemeint war – bestehe in der mit der genannten Eigentümlichkeit verbundenen Fähigkeit, die beschriebene Spannung zwischen Verflachung und Vertiefung, zwischen einer »beweglich gestalteten Sprache in individualisierter Prägung und einem lebendigen, innerlich geführten Gedanken« auszugleichen. Die deutsche Sprache lade »den strömenden Gedankenverlauf in eine lebendig gehaltene Form ein«. Durch sie komme »geisterfülltes Denken« zur Erscheinung, das »sachgemäß« als Inspiration bezeichnet werden könne. Der Atem verwirkliche diesen Ausgleich, indem er sich zwischen Ergießung in die Welt und Verdichtung im Inneren des Menschen hin und her bewege. (Schon Goethe sprach bekanntlich von den »zweierlei Gnaden des Atemholens«). Und eben dieser Ausgleich sei erforderlich, um die von der Gegenwart gestellten Aufgaben zu lösen. Zwischen dem »Erfolg der Einrichtungen« im Umkreis und der »Vertiefung« in die Quellen müsse ein lebendiges Gleichgewicht gefunden werden.

Nach dieser langen bewusstseinsphilosophischen Einleitung wurde der Generalsekretär etwas konkreter. »Ausweitung« und damit die Gefahr der Verflachung sah er vor allem im »Ansturm der Jugend« auf die anthroposophischen Bildungseinrichtungen, in dem sich wiederum das »enorme Wachstum« der letzteren spiegle. (Tatsächlich verhielt es sich genau umgekehrt: im Wachstum der Einrichtungen spiegelte sich der »Ansturm«). Dieses Wachstum könne die »verantwortlichen Träger« der Gesellschaft auch von ihr isolieren, da es zu »beruflicher Überlastung« führe. Ausweitung zeige sich auch in einem »grenzüberschreitenden Europabewusstsein«, das durch Begegnungen mit Nachbargesellschaften in Dornach und anderswo heranwachse. Schließlich trage auch die »bankartige Einrichtung«, die in Deutschland im Entstehen begriffen sei (siehe weiter unten), eine grenzübergreifende Tendenz in sich.

Aber in all den Begegnungen mit Vertretern unterschiedlicher Landesgesellschaften werde auch ein »gemeinsamer Zug« spürbar, der ihre besonderen »Seelentönungen«, die auf den sie »begabenden Volksgeist« zurückzuführen seien, in eine andere Sphäre erhebe. Die gemeinsame Arbeit an anthroposophischen Ideen führe zu einer »universal-weltmännischen Geistesverfassung«, die der »regionalen« (nationalen) überlegen sei. In diese Geistesverfassung trete ein, wer sich durch »leibbefreite Ideenarbeit« »den Kräften des michaelischen Zeitgeistes« öffne. Als Ausdruck dieses Zeitgeistes fasste Wilkens offenbar den Vorschlag des deutschen Vertreterkreises auf, in Dornach eine Europatagung unter Beteiligung der verschiedenen Landesgesellschaften durchzuführen. Die Initiative hätte sich auch weniger umständlich begründen lassen.

Der »Sammlung des Gesellschaftsbewusstseins« diente laut Wilkens auch die Gliederung vergangener bzw. bevorstehender Unternehmungen: eine Mitgliederversammlung hatte im vergangenen Monat in Bad Homburg stattgefunden und ein öffentlicher »Goetheanum-Kongress« war im Herbst in Hamburg geplant, der Gelegenheiten zur Präsentation anthroposophischer Arbeitsfelder bieten sollte.

Selbst die nüchterne Mitgliederversammlung lud Wilkens mit fundamentaler Bedeutung auf: So wie sich das Ich des Menschen in der abendlichen Rückschau »sammle« und aus der Überschau über die Tagesereignisse seine Kontinuität schöpfe, müsse sich die Gesellschaft in ihrer jährlichen Versammlung in »Selbstbewusstseins-Findung« üben. Die auseinanderstrebenden Individualitäten sollten durch sie – »auf freiwilliger Grundlage« – verbunden werden und aus diesem »Atemprozess« (zwischen Individualisierung und Gemeinschaftsbildung) könne »der Geistquell anthroposophischer Ideenbildung … aus der geistigen Welt durch die schöpferischen Individualitäten entspringen«. »Wir wollen versuchen, was seine Wurzeln hat in der geistigen Welt, mit dem in ›atmend‹-inspirierter Bewegung zu verbinden, was aus dem weiten Umkreis unserer Einrichtungen an Erfahrung eingebracht werden kann«.

Nun wandte sich Wilkens etwas näher der »Ausbildungsarbeit auf anthroposophischer Grundlage« zu. Der Kasseler Waldorflehrer Erhard Fucke war vom deutschen Vertreterkreis, in dem die verschiedensten Einrichtungen zusammenarbeiteten, 1975 beauftragt worden, sich einen Überblick über den personellen und finanziellen Bedarf all dieser Einrichtungen zu verschaffen. Das vorläufige Ergebnis dieser Untersuchung machte die Dimensionen der Aufgabe deutlich: »In absehbarer Zeit werden ungefähr 3000 bis 4000 Jugendliche, die in unsere Ausbildungseinrichtungen hereinstreben, keine Aufnahme finden können … Etwa 4000 Schicksale suchen den Zugang … und können wegen Überfüllung nicht aufgenommen werden«. Zwar gab es ein ganzjähriges Jugendseminar in Stuttgart, die von Schmidt-Brabant gegründete Berliner Abendschule und eine ähnliche Einrichtung in Nürnberg, aber diese wurden dem Bedarf bei weitem nicht gerecht.

Für die Erklärung des »Ansturms« der Jugend bemühte Wilkens ein weiteres hoch-esoterisches Forschungsergebnis: die heranwachsende Generation trage aufgrund der vorgeburtlichen Begegnung mit ihrem Engel – allerdings »ungestaltete« –»ätherische Idealbilder« in sich, die der Gestaltung durch die anthroposophische Ausbildung bedürften. (Etwas anders stellte Steiner diesen Sachverhalt 1918 dar: die Engel weben während des Schlafs Imaginationen in den menschlichen Astralleib, deren begriffliche Ausdrucksform die politischen Ideen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind. Davon, dass diese Idealbilder »ungestaltet« wären, kann also keine Rede sein.[1]) Was nach Wilkens Interpretation formlos war, musste durch die anthroposophische Ausbildung gestaltet werden. Wie konnte das Unbewusste, Ungestaltete in eine Form übergeführt werden, die mit Wilkens Erwartungen übereinstimmte? Die heute 20jährigen seien vom Bedürfnis nach geistiger Entwicklung durch »atmende Begriffe« getrieben. Solche Begriffe vermieden – um der Inspiration willen, nach der die suchenden Jugendlichen sich sehnten – allzu scharfe Konturen. Den suchenden Seelen müsse die Anthroposophie »ohne Vorsicht« – vermutlich meinte Wilkens ohne Zurückhaltung – vermittelt werden. Die Vermittlung müsse sowohl die »furchtbestimmte, wissenschafts-pragmatische Anpassung« (d.h. Ahriman) als auch die »illusionsbestimmte, außergedankliche Begeisterung« (d.h. Luzifer) vermeiden. Es gehe darum, durch »atmende Begriffe« in die geistige Quelle einzutauchen. Der Jugend- und Berufsbildung setzte Wilkens also dasselbe Ziel wie der anthroposophischen Gesellschaft. Von den Lehrenden verlangte er »keine einfache Übernahme und Weitergabe« der Anthroposophie, »sondern eine Verwandlung des Vermittelten, ›rückübersetzt‹ aus der Fassung Rudolf Steiners in das eigene Wesen – so dass es so viele Anthroposophien geben wird wie es Menschen gibt, die sie individuell verwandeln«. Auch diesen didaktischen Ansatz der Erwachsenenbildung suchte Wilkens unter Berufung auf Steiner zu begründen, habe dieser doch angesichts der ersten »Erfolge« der Anthroposophie in Praxisfeldern 1922 in London gefordert, durch »energisches« Vertreten des »anthroposophischen Lehrguts« »spirituelles Leben in die Gemüter der Menschen« hineinzubringen. Je erfolgreicher die Anthroposophie in der Welt, umso wichtiger werde, so Wilkens, ihr »Ursprungsimpuls«. Es hänge von der Qualität der anthroposophischen Ausbildungen ab, ob es gelinge, die unbewussten Bildekräfte in den Seelen der Jugendlichen »in sachgemäßem Stil« ins Bewusstsein zu heben.

Für den Fall, dass dies nicht gelingen sollte, lagen nach Wilkens die Verirrungen bereits deutlich zutage: die Jugendlichen, die im vergangenen Jahrzehnt nicht in den Genuss einer »sachgemäßen« anthroposophischen Ausbildung gekommen waren, konnten sich nur »unbefreit rebellisch« (d.h. ahrimanisch) äußern, statt atmender Begriffe setzten sie »Knalleffekte, Krawalle« aus sich heraus. Das gegenteilige Extrem drohe in »grenzenloser Anpassung« an die bestehende Gesellschaft bzw. in »abstrusen, innerlich fanatischen Sekten-Ideologien« (d.h. luziferisch) Gestalt anzunehmen. Die »krawallhafte, sozialistische Nuance« lag mit der Studentenrevolte bereits in der Vergangenheit, die »intolerante, sektenhaften Nuance« stand der Befürchtung Wilkens zufolge noch bevor. Deutlich bringt das Fazit, das er aus seinen Überlegungen zog, seine Erwartungen an die Qualität anthroposophischer Ausbildungen zum Ausdruck: »Die anthroposophische Ausbildungsqualität heute wird über die Entwicklung der Anthroposophischen Gesellschaft in 25 Jahren entscheiden«. Diese These setzt voraus, dass die betreffenden Ausbildungen darauf abzielten, Personal für die Gesellschaft zu rekrutieren. Die Rechtfertigung für seine These lieferten die folgenden Sätze: »Diese Verantwortung [der Ausbildungsstätten] gestaltet sich aus einem Bewusstsein für die Identität von Gesellschaft und Bewegung. Beide Gesten gehören zusammen: Den Zustrom gewahren von Schicksalen zur anthroposophischen Bewegung – die Anthroposophische Gesellschaft als Treffpunkt bewahren für den Willen zur Zusammenarbeit«. Die beschworene Einheit von Gesellschaft und Bewegung war aber seit langem ein Mythos.

Schließlich kam der Generalsekretär auch auf die Gemeinnützige Treuhandstelle (GTS), die Kredit-Garantiegenossenschaft (GKG) und die neue Gemeinschaftsbank (GLS) zu sprechen, die sich im März dieses Jahres erstmals auf einer Mitgliederversammlung der Landesgesellschaft in Bad Homburg präsentiert hatten. Die 1961 gegründete GTS und die aus ihr entstandenen Bankunternehmungen waren laut Wilkens aus dem »Inspirationsgut« des Templer-Ordens hervorgegangen. Auch sie standen, wie er unter Berufung auf eine Szene aus dem zweiten Mysteriendrama (»Die Prüfung der Seele«) darlegte, »im Dienste der gewaltigen Geistesziele« deren geschichtlich aktuelle Artikulation die Anthroposophie darstelle. Wer diese »Geistesziele durch Sinnesoffenbarung schauen« wolle, müsse nach dem »Weihespruch der Templer« »seine Sonderinteressen opfern« und sich in den Dienst des Geistselbstes stellen, das die Bewusstseinsseele inspiriere. Die »Sinnesoffenbarung« des Geldes müsse durchschaut, seine Herrschaftssphäre aus dem Geist der Selbstlosigkeit neu gestaltet werden. Wer seine Sonderinteressen auf der Erde opfere, könne – unter anderem durch die Verstorbenen – mit der Schau der Geistesziele begabt werden und diese ins Erdenleben einführen. An die Stelle eines Kreislaufs, der von Profitmaximen gesteuert werde, könne so ein »Kreislauf der Liebe« treten.

Die Ansätze zu einer Spiritualisierung des Geldwesens hatten sich laut Wilkens aus einer bestimmten historischen Konstellation ergeben: den Keimen, die Steiner mit seinen Ideen zur Gründung einer Bank gelegt hatte, dem Zusammentreffen bestimmter Persönlichkeiten und dem wachsenden Finanzbedarf der anthroposophischen Kulturarbeit. Das Ehepaar Rexroth, das 1973 durch seine großzügige Stiftung den Grund für das Finanzunternehmen gelegt hatte, war vom Motiv beseelt, die in den Wirren der Nachkriegsinflation untergegangene Holdinggesellschaft des »Kommenden Tages« diesmal erfolgreich wiederaufleben zu lassen, während Wilhelm Ernst Barkhoff, Helmut Bleks und Gisela Reuther durch ihren rechtlichen und ökonomischen Sachverstand die sozialen Techniken beisteuerten, die der Initiative zum Durchbruch verhalfen.

Steiner habe bereits 1917 in der Vortragsreihe »Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulse«[2] von der Notwendigkeit gesprochen, das Finanzwesen, das von »technisierten Gedankenformen« und »Gruppenegoismen« beherrscht sei, aus »freien Ideenkräften« und nicht-egoistischen Motiven zu erneuern, um »Ahriman« eines seiner hauptsächlichen Machtmittel zu entreißen, das die Verwirklichung der Brüderlichkeit im sozialen Zusammenleben der Menschen verhindere. Es sei notwendig, so Wilkens, eine »machbefreite Brüderlichkeit« eine »atmende Zirkulation« im »Umlauf von Gespartem und Verliehenem« freizusetzen. An die Stelle der »machtsüchtigen Geldspekulation« Einzelner oder von Gruppen (shareholder) müsse eine »assoziativ-brüderliche Geldzirkulation« (stakeholder) treten. Im Verlauf des von Wilkens zitierten Vortrages schlägt Steiner selbst die Gründung einer Bank »auf Grundlage unserer Grundsätze« vor. Wilkens kommentiert: »Wir blicken auf Prozesse eines objektiven ›Atmens‹ der Geldströme. Jene Selbstlosigkeitskräfte halten sie in Bewegung, die von den Verstorbenen inspirierend ausgehen. Die Konsequenzen des Wirtschaftens bilden, geistgemäß angeschaut, karmische Realitäten und weben voraus an der nachtodlichen Wirklichkeit«.

Im November 1920 hatte Steiner in seinen »Leitgedanken« für die Aktiengesellschaft »Kommender Tag« explizit die Gründung einer Bank vorgeschlagen, die anthroposophischen Zielen diene: »Notwendig ist die Gründung eines bankähnlichen Institutes, das in seinen finanziellen Maßnahmen wirtschaftlichen und geistigen Unternehmungen dient, die im Sinne der anthroposophisch orientierten Weltanschauung sowohl nach ihren Zielen wie nach ihrer Haltung orientiert sind«.[3] In der Tat, so Wilkens, werde durch die Opferung des Sonderinteresses, das an Spargeld gebunden sei (d.h. durch Zinsverzicht) dieses als Leihgeld »befreit« und den »Geisteszielen initiativer Individualitäten« zugeleitet. Der Sparer werde ermündigt, indem er über die Verwendung seines Kapitals mitbestimme, da er als Antialkoholiker oder Pazifist nicht mehr gezwungen werde, in die Herstellung alkoholischer Getränke oder Waffen zu investieren.

Auch in anderen europäischen Ländern (Großbritannien, Niederlande, Schweden und der Schweiz) entstanden Initiativen nach dem Vorbild der Treuhandstelle, die ebenso wie diese den »Gruppen-Egoismus« mit seinen »raubritterlichen Tüchtigkeiten« überwinden wollten. All diese Initiativen seien, so Wilkens, »getragen vom Christus-Logos, der alles gruppenartig Abgesonderte überwindet: einem menschheitlich orientierten Bewusstsein«. Die Unternehmung, die Steiner 1920 gefordert habe, sei nun endlich realisiert.[4]

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Anmerkungen:

[1] Siehe Rudolf Steiner: Was tut der Engel in unserem Astralleib? Zürich, 9. Oktober 1918, GA 182. Hier ist auch von den sozialen und politischen Perversionen die Rede, die auftreten werden, wenn diese Ideale nicht oder in falscher Form verwirklicht werden.

[2] Rudolf Steiner, Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulse, 23.12.1917-17.01.1918, GA 180. Siehe den Vortrag vom 25. Dezember 1917. Steiner schildert in diesem Vortrag die Unvereinbarkeit von Nationalismus und wissenschaftlicher Weltauffassung. Während letztere, sowohl in ihrer materialistischen als auch in ihrer spiritualistischen Ausprägung, allgemein-menschlich ist, konterkariert der ahrimanisch inspirierte Nationalismus (Gruppenegoismus) die Universalität der wissenschaftlichen Erkenntnis (Gleichheit) und damit die Bildung einer die gesamte Menschheit umfassenden Solidarität (Brüderlichkeit). Geradezu paradigmatisch spannten der Bolschewismus und der nationale Sozialismus das Unvereinbare – die »wissenschaftliche Weltanschauung« und den Gruppenegoismus der Klasse oder Rasse – zusammen, mit katastrophalen sozialen Folgen. Die »dem Menschenfortschritt am meisten feindlichen Mächte« stehen im Nationalismus völkischer Kollektive dem »Universalismus« der Wissenschaften gegenüber. Im Originalwortlaut: »Diese Gedankensummen, die sich auf Chemisches, Physikalisches, Mechanisches, Technisches beziehen, Finanzielles beziehen, die werden heute gedacht von Menschen, welche zum Beispiel – es kommen auch noch andere Dinge in Betracht – noch in nationaler Denkweise drinnen sind; aber damit vertragen sie sich nicht. Denkt man das, was heute physikalisch, mechanisch, chemisch ist, so, dass gleichzeitig dasselbe Hirn, das diese Dinge denkt, von nationaler Gesinnung durchdrungen ist, dann wirkt durch die nationale Gesinnung auf diese Dinge, die man denkt in bezug auf Physikalisches, Chemisches, Mechanisches, Technisches, dann wirkt Ahriman befruchtend, und es entstehen durch die Verbindungen von nationaler Gesinnung mit internationaler physischer Wissenschaft heute ahrimanische Elementarwesenheiten in unserer Umgebung. Denn verträglich sind Gedanken und Verrichtungen, wie sie die heutige Chemie, Physik, Mechanik, Technik, Finanzgebarung, die kommerzielle Gebarung hat, verträglich sind sie nur mit nicht-nationaler Denkweise.

Das ist ein bedeutsames Geheimnis, das man kennen muss, wenn man das Gefüge des Lebens in der Gegenwart verstehen will. Es liegt nicht in der Zeitmöglichkeit, diese Dinge auf eine andere Weise hintanzuhalten als durch Erkenntnis. Die alten Mysterienführer suchten durch Sekretierung der Erkenntnisse die Dinge hintanzuhalten. Heute muss das Gegenteil eintreten: durch möglichst weite Verbreitung der entgegengesetzt wirkenden geistigen Erkenntnisse muss das Übel gebannt werden. In dieser Beziehung hat die Menschheit einen vollständigen Umschwung erfahren. Dazumal musste man durch die Schranken der Mysterien etwas zurückhalten über die physischen Wissenschaften; heute muss man geistige Wissenschaft so viel verbreiten, als möglich ist, weil nur dadurch allmählich dasjenige, was in der Richtung wirkt, die eben geschildert worden ist, ausgetrieben werden kann. Die Menschheit hat ja heute vielfach gar keine Ahnung davon, was es bedeutet, wenn man auf der einen Seite national gesinnt ist und auf der anderen Seite internationale Physik treiben will. Diese Dinge begegnen sich aber in der Menschennatur und befruchten sich in der Menschennatur und führen, wie sie im Altertum geführt haben zu luziferischen Bildungen, in der Gegenwart zu ahrimanischen Bildungen. Die Menschheit hat ja keine andere Alternative, als entweder alles, was Physik, Chemie und dergleichen ist, zu lassen, oder international zu werden in der Denkweise.

Dass es solche Gesetze gibt, die innig zusammenhängen mit dem allgemeinen Leben, das ahnen ja die Menschen der Gegenwart noch nicht. Und doch ist es eine Wahrheit, die unmittelbar an die Türe unserer Gegenwartsentwickelung klopft und eingelassen werden muss zum Heile der Gegenwartsentwickelung. Die dem Menschenfortschritt am meisten feindlichen Mächte widerstreben solchen Dingen gerade und verführen heute die Menschen dazu, die Nationalitätsidee zum besonders radikalen Ausdruck zu bringen. Es müsste schon auf solche Dinge heute hingewiesen werden, denn sie enthalten dasjenige, was wahr ist, und sie sind vielleicht allein in der Lage, weil sie die lautere und wirkliche Wahrheit enthalten, die Menschen zu heilen vor solchem Zeug, wie es gegenwärtig in den Köpfen figuriert«.

[3] Rudolf Steiner, Aufsätze über die Dreigliederung des sozialen Organismus und die Zeitlage 1915-1921, GA 24, Dornach 1961, S. 450-455.

[4] Tatsächlich hatte die GLS Gemeinschaftsbank 1974 von der Aufsichtsbehörde die Erlaubnis erhalten, Bankgeschäfte zu tätigen. Den Gründungsvorstand der Bank bildeten Wilhelm Ernst Barkhoff, Albert Fink, Ralf Kerler und Gisela Reuther.

Literatur:

 

Ein Kommentar

  1. Gerd P. Werner, Wenningstedt-Braderup

    Es bleibt zu hoffen, dass ein sprachmächtiger Kenner dieser Zusammenhänge auftreten wird, um an geeigneter Stelle der gespenstischen AfD Paroli zu bieten. Meine Hoffnung auf solche Schritte aus Reihen der Steiner-Kenner ist allerdings gering, denn es hat in der Vergangenheit bereits Enttäuschungen bei vergleichbaren Ereignissen gegeben: Steiner hatte exakt für das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts einen starken Protest der Jugend vorhergesagt. Als das tatsächlich 1967 losging – Stichwort Benno Ohnesorg bei Wikipedia – war von Steiner-Kennern keinerlei Reaktion feststellbar; eine kleine Ausnahme bildete Peter Schilinski, der auf Sylt mit seiner Lebensgefährtin Ulle Weber Anfang der 50er ein Kommunikationszentrum ins Leben rief, genannt „Witthüs-Teestuben“. Dort gab es regelmäßige Gesprächsabende und Arbeitskreise, und hier war nach dem 2. Weltkrieg viele Jahre der einzige Ort, an dem das Konzept der Sozialen Dreigliederung diskutiert und lebendig erhalten wurde. Schilinski nahm teil in Berlin an Sit-Ins usw. der neuen Studentenbewegung. Ende der 50er lernte ich die „Witthüsler“ kennen und wurde dadurch in meinen politischen Anschauungen geprägt.

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