1976 | Wir haben eine Schlacht geschlagen, aber nicht den Krieg gewonnen

Janine Hurner (1925-1994).

Janine Hurner (1925-1994). Generalsekretärin der 1958 gegründeten anthroposophischen Gesellschaft Südafrikas.

Je mehr anthroposophische Initiativen versuchten, die Gesellschaft umzugestalten, umso stärker zogen sie die Aufmerksamkeit der Bürokratie und der Öffentlichkeit auf sich und umso deutlicher kristallisierte sich die Wahrnehmung der Beharrungskräfte heraus, die der beabsichtigten Umgestaltung im Wege standen. Logischerweise setzte das Streben nach Veränderung, das mit dem Bedürfnis nach gesellschaftlicher Anerkennung einherging war, nicht nur initiative, sondern auch reaktive Kräfte frei, die sich den ersteren widersetzten. Solange sich die anthroposophische Bewegung in einem exotischen Biotop bewegte und vornehmlich mit sich selbst beschäftigte, rief sie zwar weltanschauliche Polemik und apologetische Abgrenzung hervor, Staat und Politik interessierten sich aber kaum für sie. Sobald sie jedoch versuchte, an die Stelle der schlechteren aus ihrer Sicht bessere Gesetze und Praxen zu setzen, stieß sie auf Widerstand. Dieser Widerstand ging vor allem von Verwaltungsbürokratie und Politik aus. Die Eliten der Bürokratie wachen über die Integrität und Befolgung der Regeln, nach denen die Maschinerie des Staates funktioniert, jene der Politik bewirtschaften die Interessen ihrer jeweiligen Klientel und beanspruchen ein Deutungsmonopol über deren Identität. Diese unterschiedlichen Formen der Ablehnung und die wachsende Virulenz des Widerstands lassen sich schon zu Steiners Lebzeiten beobachten. Solange er als Autor Bücher veröffentlichte und als Redner Vorträge hielt, war er höchstens ein Fall für vereinzelte irritierte Akademiker oder nervöse christliche Apologeten, die befürchteten, die Theosophie bzw. Anthroposophie werde den Untergang dessen herbeiführen, was sie für Wissenschaft oder Christentum hielten. Als jedoch die anthroposophische Bewegung gegen Ende des I. Weltkriegs in Form der Dreigliederungsbewegung in die Breite der Gesellschaft zu wirken begann, trat ihr hauptsächlich aus völkischen, vereinzelt auch sozialistischen Formationen eine teilweise existentiell bedrohliche Feindseligkeit entgegen. Steiner wurde – je nach politischer Ausrichtung seiner Gegner – als »Volksverräter« und »galizischer Jude«, als »Bolschewist«, aber auch »Reaktionär« beschimpft. Überall, wo die Anthroposophie sichtbar und greifbar wurde, z.B. durch den Bau des ersten Goetheanum in Dornach, erhoben sich die Agenten der »powers that be« und verteidigten durch manchmal hemmungslose Polemik, was sie durch die theosophische »Sekte«, ihre »jüdische Verschwörung« oder ihren »aristokratischen Elitismus« als gefährdet erachteten. In den 1960er und 1970er Jahren, als die anthroposophische Bewegung – unterbrochen durch die lange Inkubationszeit nach dem II. Weltkrieg – mit dem Bau von Schulen und Krankenhäusern, der Erzeugung ökologischer Produkte, ja sogar der Gründung von Universitäten erneut unübersehbar in Erscheinung trat, wiederholte sich die Geschichte. Der Widerstand, auf den initiative Anthroposophen nun stießen, war zunächst nicht unbedingt feindselig oder politisch, sondern ergab sich aus der Logik des Bestehenden, das der Veränderung generell abhold ist. Da Anthroposophen in der Regel keine Sympathien für Revolutionen hegen, sondern bei ihrem Projekt der Generalreformation stets auf die bessere Einsicht und die Kompromissbereitschaft der herrschenden Mächte bauen, machten sie die Erfahrung, dass Paragraphen manchmal härter sind als Granit. Die europäischen Gesellschaften stagnierten jedoch nicht nur, sondern befanden sich ihrerseits in permanentem Umbau, besonders seit dem Ende der 1960er Jahre. Das gesellschaftliche Regelwerk ist – abgesehen vielleicht von Verfassungen, die manchmal Ewigkeitsanspruch erheben – kein statisches Gebilde, sondern befindet sich in ständigem Fluss. Auf den unterschiedlichsten Praxisfeldern versucht der Gesetzgeber die wuchernde Anarchie des Lebens zu steuern oder zumindest einzuhegen. Unablässig führt »die Gesellschaft«, die kein opakes, sondern ein äußerst komplexes, in sich widersprüchliches Gebilde ist, einen Diskurs der Verständigung mit sich selbst, um sich der eigenen Identität zu vergewissern. Pluralität ist Ausdruck des Lebens, Konformität Vorbote des Untergangs, wovon die Staaten des real existierenden Kommunismus beredt Zeugnis ablegten. Modernisierung treibt sich selbst voran und ihre Regulation ist stets vorläufig. Unvorhergesehene Ereignisse verlangen nach neuen Regeln, überschießende Innovation führt nicht nur zu Optimierungen, sondern regelmäßig auch zu Verschlechterungen. Aber nicht nur überschießende Innovation kann gesellschaftliche Folgeschäden hervorrufen, sondern auch überschießende Regulation. Ersteres bezeugen die teils gravierenden sozialen, hygienischen und ökologischen Folgen unbesonnener Technologieentwicklung, letzteres die unbeabsichtigten Nebenwirkungen staatlicher Steuerungsversuche. In diesem Spannungsfeld von Innovation und Reaktion bewegten sich auch die anthroposophischen Initiativen und stießen je nach Situation durch ihren Reform- oder ihren Bewahrungswillen mit entgegengesetzten gesellschaftlichen Strömungen zusammen. Jeder, der Veränderung wünscht, ja praktisch herbeizuführen versucht, wird die natürlichen Abwehrreaktionen des  Widerständigen als reaktionär, wenn nicht feindselig empfinden und da der Wunsch nach Veränderung aufseiten der Anthroposophen groß war, erklärt sich auch die Häufigkeit eines polemischen Narrativs in den Selbstverständigungsdebatten der Generalversammlungen der 1970er Jahre. Dennoch ist das vorherrschende Motiv in vielen Berichten zut Lage der anthroposophischen Gesellschaft und Bewegung nicht der »Kampf« oder die »Feindseligkeit«, jedenfalls nicht die eigene, sondern die Überwindung von aktivem und passivem Widerstand.

Deutlich wird diese komplexe Situation an den Erzählungen Klingborgs aus Schweden, Hansens aus Dänemark oder Zwiauers aus Österreich, vor allem aber aus den Frontberichten Gerhard Kienles und Georg Gräflins vom Schlachtfeld der bundesrepublikanischen bzw. schweizerischen Medizinpolitik.

Obwohl die anthroposophische Gesellschaft in Schweden im Jahr 1976 lediglich 600 Mitglieder zählte, von denen die meisten in Stockholm und Järna lebten, entfalteten diese Wenigen eine erstaunliche Aktivität im Bildungs- und Gesundheitswesen und waren mit ihren Anliegen in der Öffentlichkeit zum Teil spektakulär präsent. Die schwedischen Waldorflehrer standen im Gespräch mit den Schulbehörden über Theorie und Praxis ihrer Pädagogik und die von ihnen betriebene Lehrerbildung in Järna. Am dortigen Lehrerseminar studierten pro Jahrgang rund 20 Studenten, denen 16 Schulen in Skandinavien gegenüberstanden, die nach Personal suchten. Die Gesamtzahl der Studenten, die den Campus in Ytterjärna bevölkerten, betrug etwa 130. Das Zentrum war nicht nur ein Studien-, sondern auch ein Lebensort. Seit sich in der Gemeinde Södertälje in Mittelschweden, rund 50 Kilometer südlich von Stockholm, auf der Flucht vor dem Euthanasieprogramm der Nazis 1933 ein heilpädagogisches Institut angesiedelt hatte, waren an die dreißig verschiedene anthroposophische Institutionen hinzugekommen, darunter acht heilpädagogische Heime und geschützte Werkstätten, vier Bauernhöfe, Gärtnereien, Mühlen, eine Bäckerei, ein Forschungsinstitut für bio-dynamische Landwirtschaft, Laboratorien für Arzneimittelherstellung, Verarbeitungs- und Handelsbetriebe für landwirtschaftliche Produkte, ein Patientenverein, eine Waldorfschule mit Kindergarten, das bereits erwähnte Seminar, eine Eurythmieschule und eine Gartenbauausbildung. Studien- oder Ausbildungsgänge für Landbau und bildende Künste waren im Aufbau oder in Gründung begriffen. Außerdem war Ytterjärna ein architektonisches Gesamtkunstwerk, das noch heute durch seine gelungene Integration von Landschaft, Leben, Wohnen und Architektur bewundert wird.

Das Interesse der staatlichen Lehrerschaft an Waldorfpädagogik war groß, im vergangenen Jahr hatten mehrere Tausend Studenten und Lehrpersonen den Ort besucht, um sich über sie zu informieren. Waldorfpädagogen konnten die Zielsetzung ihrer Arbeit bestens unter Berufung auf den schwedischen Grundschullehrplan beschreiben, der die Kinder zu freien, kreativen, harmonischen Persönlichkeiten erziehen wollte, die zu selbstständigem Urteil fähig seien und sich verantwortungsvoll für die Gemeinschaft einsetzten. Das Seminar in Järna führte Einführungskurse in Waldorfpädagogik für staatliche Grundschullehrer in Zusammenarbeit mit der Schulbehörde durch. Der Vorsitzende der Behörde zeigte sich beeindruckt davon, dass die Waldorfpädagogen die lyrischen Absichtserklärungen des Grundschullehrplans Ernst zu nehmen schienen.

Während die Bürokratie in Stockholm offen schien, hatte die Schulverwaltung der Stadt Norrköping im Herbst 1975 mit knapper Mehrheit gegen den Betrieb einer kurz zuvor gegründeten Waldorfschule entschieden. Die Entscheidung war bereits mit einer aufschiebenden Klage angefochten worden. Nicht nur die unterlegene Minderheit des Schulausschusses hatte gegen die Entscheidung protestiert, auch ein Bürgerrechtsverband. Diverse Zeitungen kritisierten die Willkür der Behörde und ihre Androhung, die Kinder durch die Polizei in eine Staatschule zu befördern.

Auch das schwedische Parlament befasste sich mit der Waldorfpädagogik. Der Reichstag hatte aufgrund einer Petition eine Kommission eingesetzt, die den Auftrag erhielt, den positiven Beitrag dieser Pädagogik zum allgemeinen Schulwesen zu untersuchen. Eine weitere Kommission sollte prüfen, in welchem Umfang alternative Schulformen vom Staat finanziell unterstützt werden konnten.

Ebenso zeichnete sich im Bereich der Gesundheitspolitik eine Wende ab. Nachdem die Exekutive 1973 und 1974 mit Razzien in den nordischen Laboratorien und Anklagen gegen Ärzte, die es gewagt hatten, anthroposophische Heilmittel zu verschreiben, hart durchgegriffen hatte, war Ende 1975 ein positives Gutachten einer staatlichen Untersuchungskommission über »Naturheilmittel« erschienen, das zur Freigabe verschiedener Medikamente führte. Die Vertreter der anthroposophischen Medizin versuchten den Behörden Ausnahmeregeln für ihre Krebsheilmittel abzuringen. Das erste Mal hatte sich eine staatliche Kommission laut Klingborg darum bemüht, die Anthroposophie unvoreingenommen zu würdigen. Dem Untersuchungsbericht zufolge gab es »gemäß der anthroposophischen Lebensanschauung keine Erscheinungen im Leben, die vom Zufall abhängen oder nur chemisch-physikalische Ursachen haben. Alle Erscheinungen unserer Welt sind Ausdruck übersinnlicher, für unsere gewöhnlichen Sinne nicht wahrnehmbarer Prinzipien und Impulse. Beim Menschen kann man gemäß der Anthroposophie am besten das nahe Zusammenwirken zwischen chemischen, physikalischen, seelischen und geistigen Gebieten beobachten … Auch Mineralien, Pflanzen und Tiere, ja auch Planeten und Fixsterne sind Teile und Ausdruck einer großen Ganzheit, in der all die verschiedenen Teile gegenseitig aufeinander wirken. Diese neue Art, den Menschen und die Natur überhaupt zu betrachten, hat in kurzer Zeit zu einer Erneuerung von Pädagogik, Heilpädagogik, Medizin, Kunst, Landwirtschaft usw. geführt«.[1] Abgesehen von der Aussage, es handle sich um eine »neue Art«, den Menschen und die Natur zu betrachten, war gegen diese Ausführungen nichts einzuwenden. Nur mangelndes Bewusstsein der europäischen geistigen Traditionen konnte in der anthroposophischen »Welt- und Lebensanschauung« besonders das Neue sehen. Eine nicht unerhebliche Rolle hatte eine nach deutschem Vorbild organisierte Patientenvereinigung mit Tausenden von Unterstützern bei der Entstehung des Gutachtens gespielt. In Järna liefen bereits Planungen für den Bau einer anthroposophischen Klinik, die zehn Jahre später tatsächlich eröffnet wurde (Vidarklinik, 1985).

Mit seiner Architektur fand das Kulturzentrum Järna als Alternative zum seelenlosen Rasterbau auch in der Öffentlichkeit Anerkennung. Im »Dagens Nyheter«, einer der großen schwedischen Tageszeitungen, hatte ein Universitätsdozent die sensible Integration von Ästhetik, Natur und Funktion des Järnaer Ensembles als vorbildlich bezeichnet. Eine große Ausstellung in der Kunsthalle von Malmö am Öresund mit dem Titel »Umwelt, die Leben schenkt – Anregungen Rudolf Steiners für Pädagogik, Heilpädagogik, Erwachsenenbildung, Architektur, Landbau, Qualitätsforschung und Medizin« hatte einen Besucherrekord erzielt und musste eine Woche verlängert werden. Bei ihrem Versuch »tiefste Esoterik mit größter Öffentlichkeit« zu verbinden, stießen die schwedischen Anthroposophen auf Neugierde, sie mussten sich aber auch mit der ungeheuerlichen »Bürokratie« herumschlagen, mit der sie einen »scharfen Kampf« ausfochten, wie Klingborg sagte.

In Dänemark wiederum rangen die wenigen Anthroposophen laut Oskar Hansen »um jedes Dorf und jede Seele «. Die anthroposophische Gesellschaft blickte in Kopenhagen inzwischen auf eine 66jährige Geschichte zurück; im Juni 1910 war hier im Rahmen der Theosophischen Gesellschaft eine Rudolf Steiner-Loge gegründet worden, zu deren Eröffnung Steiner drei Vorträge hielt.[2] Aber seither sei kein »Durchbruch in die Öffentlichkeit« gelungen, die Anthroposophie werde »totgeschwiegen« oder versinke in einem »Bewusstseinsloch«, obwohl inzwischen vier Waldorfschulen existierten, die 80 bis 85 Prozent staatliche Zuschüsse erhielten. Das dänische Schulrecht war liberal, wenigstens zehn Kinder und ein Jahr Unterricht genügten, um Anspruch auf staatliche Unterstützung zu erlangen. Die Situation war offen, Interesse war vorhanden, aber die Intensivierung der Aktivität scheiterte bislang am Mangel an qualifiziertem Personal. »Wir haben die ausgebildeten Menschen nicht«, so Hansen.

Johannes Zwiauer, der österreichische Generalsekretär, stimmte in die Klage über das Beamtenregime und die Bürokratie ein, die in seinem Land besonders ausgeprägt seien, und dies, obwohl die Wiener Rudolf Steinerschule in diesem Jahr die Anerkennung des Waldorflehrplans und das Öffentlichkeitsrecht erkämpft hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Schule staatliche Zuschüsse aus dem Altstadterhaltungsfonds erhalten und den Status einer ausländischen Bildungseinrichtung genossen, was Zwiauer angesichts der Tatsache, dass ihre Pädagogik von einem Österreicher entwickelt worden war, für reichlich pittoresk hielt. Die Anerkennung als öffentliche Schule war für ihn ein »Durchbruch in der Gesetzessphäre«, ein Schritt auf dem Weg der Verwandlung der aus dem römischen Recht stammenden »ahrimanisierten Gesetze«, ein Beweis dafür, dass »einzelne Menschen, die beharrlich und hartnäckig unter Einsatz ihrer ganzen Person und ihres ganzen Mutes arbeiten, imstande sind, Erstaunliches, Unbegreifliches zu erreichen«.[3] Überhaupt schien für Zwiauer der »Weg in die Öffentlichkeit« durch den Dschungel der Bürokratie zu führen, der geduldig erklärt werden müsse, worum es der Anthroposophie gehe – eine Einschätzung, die die eingangs angedeutete Dialektik des anthroposophischen Reformprojekts bestätigt: wer die gesellschaftlichen Verhältnisse kritisiert und zu verbessern versucht, strebt gleichzeitig danach, als Kritiker von ebendieser Gesellschaft anerkannt zu werden.

Zweige der Gesellschaft gab es im Südosten des Landes (Graz, Klagenfurt, Villach), die jährlich öffentliche Tagungen in Velden am Wörther See veranstalteten, im Westen (Linz, Salzburg, Innsbruck, St. Johann) und in Oberösterreich. Zentrum der Tätigkeit war jedoch Wien, mit der von Zwiauers Frau geleiteten Eurythmie- und der Waldorfschule. 1975 war hier im Brahmssaal des Musikvereinsgebäudes aus Anlass des 50jährigen Todestages Steiners eine öffentliche Tagung veranstaltet worden, im selben Gebäude, in dem 1922 der legendäre West-Ost-Kongress stattgefunden hatte. Die Veranstaltung wurde zwar gut besucht, rief aber kaum öffentliche Resonanz hervor. Außerdem rang die 1972 gegründete heilpädagogische Karl-Schubert-Schule ebenfalls mit der Bürokratie. Die Zahl der biologisch-dynamisch bewirtschafteten Höfe in Österreich war auf etwa 20 angewachsen, während das neue Arzneimittelgesetz aus Rücksicht auf die Entwicklung in Deutschland noch auf seine abschließende Redaktion wartete.

Ein exotischer Wind wehte durch den gutbürgerlichen großen Saal des Goetheanum, als Janine Hurner (1925-1994), die Generalsekretärin der 1958 gegründeten anthroposophischen Gesellschaft Südafrikas, über die Lage in diesem Land berichtete. Die in Zürich als drittes von sieben Kindern geborene Johanna Brunner hatte 1947 Hans Hurner, den Sprössling einer Thuner Hoteliersfamilie geheiratet und war 1953 mit ihrem unternehmungsfreudigen Ehemann in das Land am Kap der Guten Hoffnung ausgewandert. Im Gesamtgebiet Südwestafrikas, Südafrikas und Rhodesiens, das sie repräsentierte und das dreimal größer als Europa war, gab es nicht mehr als rund 190 Mitglieder, zum größten Teil Engländer, Holländer, Deutsche und weiße Südafrikaner, die aber eine erstaunliche Vielfalt an Aktivitäten entfalteten. In Johannesburg lebten etwa vierzig, in Kapstadt achtzig, in Rhodesien zehn auf Farmen, die restlichen in Durban, Windhoek und Fort Elisabeth. Johannesburg besaß eine Waldorfschule, ein Camphillheim und eine Tagesschule für seelenpflegebedürftige Kinder, zwei Filialen der Weleda sowie ein Laboratorium für die Herstellung von Arzneimitteln; anthroposophische Ärzte waren ebenso vertreten wie die Christengemeinschaft. Kapstadt verfügte über zwei Waldorfschulen, heilpädagogische Heime und eine Eurythmieschule. Auch hier waren die Weleda und die Christengemeinschaft aktiv.

Die Schweizerin sprach das Problem der Inkulturation und der Rassentrennung an. Sie bedauerte, dass die südafrikanischen Waldorfschulen aufgrund der Apartheid keine farbigen Kinder aufnehmen durften und dass es in der anthroposophischen Gesellschaft »noch kein Rassenproblem« gebe. »Rassenprobleme gibt es noch nicht in der Anthroposophischen Gesellschaft, leider nicht, denn das Rassenproblem ist doch eigentlich das Problem Südafrikas. Aber die Anthroposophische Gesellschaft ist noch nicht so weit, dass sie auch dieses Rassenproblem in der Gesellschaft haben könnte, teils wegen der Umstände, politisch, aber auch weil man eigentlich noch nicht dazu vorbereitet ist. Und das braucht eine lange Vorbereitung, weil es darauf ankommt, dass man wirklich Herzenskultur so geschaffen hat, um Anthroposophie den farbigen Rassen dort so zu bringen, dass sie verstehen und aufnehmen können«.[4] Sie wunderte sich in der Versammlung über die »Sitzfähigkeit« der europäischen Anthroposophen: in Südafrika sei man zu solchen Geduldsleistungen nicht imstande, dort könne die Anthroposophie nicht durch »Sprechen, Diskutieren und Zuhören« vermittelt werden, sondern eher durch die bewegte Herzenssprache des Tanzes. Für sie lag die Zukunft der Anthroposophie in Südafrika in der nichteuropäischen Bevölkerung, in der Lösung der Rassenprobleme. Die gesamte Anthroposophie müsse zur Lösung dieser Probleme »umgeschmolzen« werden. Sie erinnerte an die Pioniere dieser Arbeit, Willem Zeylmans van Emmichoven, der 1961 in Kapstadt gestorben war und Max Stibbe (1898-1973), der wegen seiner jüdischen Herkunft 1939 vor den Nazis nach Batavia (Jakarta) geflüchtet war und in den 1960er Jahren in Pretoria eine Waldorfschule gegründet hatte. Stibbe sollte Mitte der 1990er Jahre durch seine Einführung einer ethnografischen Epoche in die holländischen Waldorfschulen den Vorwurf des Rassismus auf sie herabbeschwören. Die Schulen strichen daraufhin die Epoche, die nicht der Verbreitung, sondern der Überwindung des Rassismus dienen sollte, ersatzlos aus ihrem Unterrichtsplan. Hurner vertrat die Auffassung, wenn es nicht gelinge, das Problem des Zusammenlebens der unterschiedlichen Rassen in Südafrika zu lösen, drohe ein Bürgerkrieg, der vielleicht schon bald ausbrechen werde. Tatsächlich kam es wenige Monate nach ihrem Auftritt in Dornach zum Aufstand von Soweto (Juni 1976). Aber bis zum überwältigenden Sieg des ANC bei den ersten freien Wahlen unter Nelson Mandela (1994) verstrichen weitere 18 Jahre.

Ihren fulminanten Höhepunkt erreichte die Dornacher Versammlung mit den Lageberichten Gerhard Kienles und Georg Gräflins über den Kampf mit dem medizinisch-industriellen Komplex.

»Wir haben eine Schlacht geschlagen«, so eröffnete Kienle seine Rede. »Wir haben eine Dampfwalze zum Stehen gebracht, aber der Krieg ist nicht zu Ende«, ergänzte er später. Geführt wurde dieser Krieg nach Kienles Auffassung gegen eine »weltweite Bewegung zur Mechanisierung der Medizin«, die den Arztberuf aufheben und die Therapiefreiheit abschaffen wolle. Mit dem Argument, Patienten vor unlauteren Machenschaften zu schützen, setze sich der Staat für die vollständige Normierung des Gesundheitswesens und die Einführung standardisierter Prüfungsmethoden ein, deren Inbegriff der Wirksamkeitsnachweis sei. Kienle erinnerte an die Konflikte der jüngeren Vergangenheit: die Verhandlungen vor dem Kopenhagener Landgericht über Homöopathie, den Schweizer Versuch, Iscador zu verbieten, die Anklage gegen die schwedischen Ärzte in Stockholm. Die Novelle des Arzneimittelgesetzes in der Bundesrepublik hätte »das Ende der anthroposophischen Medizin« bedeutet, wenn es nicht gelungen wäre, sie zugunsten der letzteren durch konzertierte Aktionen abzuändern. Gegen Widerstand in den eigenen Reihen musste das politische Engagement erkämpft werden.[5] Sollte man sich in ein »Indianerreservat«, ein »Naturschutzgebiet auf Abbruch« zurückziehen oder »den Fehdehandschuh aufnehmen«, den der medizinisch-industrielle Komplex der ganzheitlichen Heilkunst zuwarf?

Sollte der Verteidigungskampf nicht in einem Fiasko enden, mussten auf verschiedenen Gebieten gleichzeitig Vorstöße in die feindlichen Linien unternommen werden: die mangelnde wissenschaftliche Grundlage der Novelle galt es aufzudecken und ihre Verfassungswidrigkeit nachzuweisen. Namhafte Rechtswissenschaftler wie Hans-Ullrich Gallwas (*1934) und Martin Kriele (*1931) legten kritische Gutachten vor, Mediziner wie Herbert Hensel (1902-1983) hinterfragten die szientistische Ideologie die dem geplanten Gesetz immanent war. Die Überprüfung Tausender wissenschaftlicher Arbeiten führte zum definitiven Ergebnis, dass nicht nur die Homöopathie, sondern auch die Schulmedizin keinen Wirksamkeitsnachweis im Sinne der Definition für ihre Behandlungen zu erbringen vermochte. Schließlich entschied sich der zuständige Ausschuss Ende März 1976 für eine Umkehr der Beweislast: nicht die »Wirksamkeit« eines Arzneimittels musste experimentell »bewiesen« werden, vielmehr oblag es dem Staat, nachzuweisen, warum er es für unwirksam erklärte. Der Ausschuss sprach sich in seiner Begründung wider Erwarten für die Pluralität in den Wissenschaften und im Gesundheitswesen aus und schob der Dominanz einer Wissenschaftsrichtung über andere einen Riegel vor. So hieß es im Bericht, ein wissenschaftlicher Streit zwischen den verschiedenen therapeutischen Lehrmeinungen dürfe »nicht dadurch entschieden werden …, dass sich die Zulassungsbehörde die wissenschaftlichen Methoden und Denkansätze einer bestimmten Lehre zu eigen macht und sie als den Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse deklariert. Überall dort, wo der Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse gerade durch Kontroversen zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen Lehrmeinungen charakterisiert ist, wird er als Maßstab für die Verkehrsfähigkeit eines Arzneimittels untauglich«.

Damit – so Kienle – war der »Alleinvertretungsanspruch der Schulmedizin« zurückgewiesen. Bei der Zulassung von Arzneimitteln sollten Sachverständige aus den verschiedenen Medizinrichtungen zusammenwirken, die ihre Abgeordneten in die entsprechenden Ausschüsse entsenden durften: »Bei der Berufung sind die jeweiligen Besonderheiten der Arzneimittel zu berücksichtigen. In die Zulassungskommissionen werden Sachverständige berufen, die auf den jeweiligen Anwendungsgebieten, auf den Gebieten der jeweiligen Stoffgruppe und der jeweiligen Therapierichtung über wissenschaftliche Kenntnisse verfügen und praktische Erfahrungen gesammelt haben«. Konkret bedeutete dies, dass für die zur Beurteilung der Arzneimittel der besonderen Therapierichtungen – Homöopathica, Anthroposophica und Phytotherapeutica – eingerichtete Kommission ausschließlich die kompetenten und repräsentativen Fachgesellschaften dieser Therapierichtungen ein Vorschlagsrecht haben sollten. Die anthroposophische Medizin war damit neben anderen medizinischen Richtungen als gleichberechtigt anerkannt. Anthroposophische Arzneimittel wurden zugelassen bzw. wieder zugelassen und nach einer Frist von zwölf Jahren konnte eine Verlängerung der Zulassung beantragt werden. Überprüft werden sollte jedoch lediglich ihre pharmazeutische Qualität. Gründe für eine mögliche Entziehung der Zulassung waren der Nachweis der Schädlichkeit oder Unwirksamkeit, der nicht weniger schwer zu erbringen war, als sein Gegenteil. Außerdem sollten die Vertreter der verschiedenen medizinischen Richtungen bei der Entwicklung neuer Prüfrichtlinien für Arzneimittel zusammenwirken, um auch hier die gebotene Pluralität sicherzustellen.

Für Kienle war der Kampf, an dem er an vorderster Front beteiligt war, kein isoliertes Symptom, sondern Ausdruck einer geistigen Bewegung, die von »abnormen Geistern der Persönlichkeit«, den Gegenspielern des michaelischen Zeitgeistes ausging. Die abnormen Geister bemächtigten sich des menschlichen Denkens und setzten das individuelle Urteil außer Kraft. Die westlichen Gesellschaften würden von dieser Urteilslosigkeit »wie von einer Epidemie« befallen. Geheilt werden könnten sie nur, wenn das Denken diesen unrechtmäßigen Zeitgeistern entrissen und dem einzelnen Menschen zurückgegeben werde. Kienle spielte damit auf Ausführungen Steiners in der Vortragsreihe »Die Mission einzelner Volksseelen ...« von 1910 an, die nähere Ausführungen zu diesem Antagonismus zweier Kategorien von »Denkgeistern« enthalten.[6]

In diese Töne stimmte der Mitarbeiter der medizinischen Sektion am Goetheanum, der Schweizer Arzt Georg Gräflin ein, der zwar darauf hinwies, dass die Lage in manchen Ländern nicht so kritisch sei, wie in Deutschland, gleichzeitig jedoch von einem neuen Anschlag auf die Therapiefreiheit in der Schweiz berichtete. Während die dänischen Ärzte an der Abfassung eines Arzneimittelgesetzes mitarbeiteten, das ihnen gestatte, alle anthroposophischen Therapeutika frei zu verschreiben, habe die Interkantonale Kontrollstelle (IKS) für die Registrierung von Arzneimitteln in der Schweiz einen Entwurf für Richtlinien in Umlauf gebracht, von der sie behauptete, sie führten keinerlei Neuerungen ein, obwohl sie im Gegensatz zur bisherigen Praxis als Zulassungsvoraussetzung für Heilmittel umfangreiche prospektive Studien vorgesehen habe. Medikamente, für die solche Studien nicht geliefert wurden, sollten nurmehr für Bagatellerkrankungen verschrieben werden dürfen. Gräflin sprach im Hinblick auf diesen Entwurf von einem »vergifteten tödlichen Pfeil«, der heimlich abgeschossen worden sei. Der Dachverband der kantonalen Ärztegesellschaften hatte den Entwurf abgesegnet, aber die anthroposophischen Ärzte protestierten, da sie durch ihn »in die Illegalität gedrängt« würden. Durch ihren Protest erreichten sie, dass der genannte Dachverband seine Zustimmung wieder zurückzog und die Streichung der Sätze verlangte, die den Einsatz von nicht durch klinische Studien geprüften Arzneimitteln auf Bagatellerkrankungen beschränkten. Außerdem argumentierte der Verband, die Kontrollstelle dürfe keinesfalls in einer Nacht- und Nebelaktion aus angemaßter Kompetenz homöopathische und anthroposophische Heilmittel aus der Pharmakopöe verbannen. Auch hier also wurde ein Scharmützel ausgefochten, aber der Krieg war noch nicht gewonnen.

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Anmerkungen:

[1] Was in der anthroposophischen Gesellschaft vorgeht. Nachrichten für deren Mitglieder. 53. Jahrgang, Nr. 26, 27. Juni 1976, S. 106.

[2] Rudolf Steiner, Wege und Ziele des geistigen Menschen, GA 125, 2.-5. Juni 1910, Dornach 1992.

[3] Was in der anthroposophischen Gesellschaft vorgeht. Nachrichten für deren Mitglieder. 53. Jahrgang, Nr. 27, 4. Juli 1976, S. 111.

[4] Was in der anthroposophischen Gesellschaft vorgeht. Nachrichten für deren Mitglieder. 53. Jahrgang, Nr. 28, 11. Juli 1976, S. 113

[5] Nachlesen lässt sich dieses unrühmliche Kapitel anthroposophischer Ignoranz in der ausführlichen Darstellung Peter Selgs: Gerhard Kienle, Leben und Werk, Bd. I, S. 414 ff. Dornach 2003.

[6] Steiner unterschied am 8. Juni 1910 in Kristiania zwei Kategorien von »Zeitgeistern« (Archai, Geistern der Persönlichkeit): die einen, die »regulären«, wirkten in Übereinstimmung mit der Autonomie des menschlichen Ich, die anderen, die »abnormen«, setzten diese Autonomie außer Kraft. Erstere repräsentierten den wahren Zeitgeist, letztere wirkten gegen ihn. Die ersteren führten Gegebenheiten in der Umwelt des Menschen herbei, die diesen veranlassten, die ihnen entsprechenden Ideen selbst zu finden, die letzteren riefen im Inneren des Menschen Denkformen hervor, in die das einzelne Individuum instinktiv hineinwachse. Im folgenden Zitat ist zunächst von den regulären Zeitgeistern die Rede: »Wie intuieren eigentlich diese Zeitgeister den Menschheitsfortschritt? – Sie intuieren ihn dadurch, dass einen Menschen das, was im Physischen geschieht, wie zufällig anregt. Es sind nicht bloß Legenden, wenn auch das manchmal zutrifft. Ich erinnere nur an die schwingende Kirchenlampe im Dome zu Pisa, wo Galilei das Pendelgesetz entdeckt hat an den regelmäßigen Schwingungen der Lampe im Dom, und wie dann Kepler und Newton zu ihren Entdeckungen angeregt wurden. Hunderte und Tausende von Fällen könnte man erzählen, wo physisches Geschehen zusammengeführt wird mit menschlichem Denken, woraus man ersehen könnte, wie da intuiert wird von den Archai oder Urkräften das, was als Ideen, als Zeitideen in die Welt hinausgeht, was die Menschen dann in ihrer Entwickelung beeinflusst, was ihren Fortschritt regelt und gesetzmäßig durchdringt«. Nun geht Steiner auf die Antagonisten dieser regulären Zeitgeister ein: »Aber auch auf diesem Gebiet wirken zusammen die Wesenheiten, die normalerweise während unseres Erdendaseins Geister der Persönlichkeit geworden sind, mit anderen, die dadurch, dass sie auf dem Mond zurückgeblieben sind, jetzt nicht Geister der Form oder Gewalten sind, wie sie auf der Erde sein sollten, sondern auch jetzt erst wirken als Geister der Persönlichkeit.

So sind diejenigen Wesenheiten, die nicht schon von der Sonnenstufe, sondern erst von der Mondenstufe aus verzichtet haben, jetzt Geister der Persönlichkeit, aber nicht mit den Eigenschaften, die sie normalerweise haben sollten; das heißt, sie intuieren nicht in der Weise wie die normalen Geister der Persönlichkeit, sondern als zurückgebliebene Geister der Form. Sie regen nicht von außen an und überlassen es intim dem Menschen selber, das zu beobachten, was im Physischen bewirkt wird, sondern sie regen im Innern an, sie konfigurieren im Innern des Gehirns und geben dem Denken eine gewisse Richtung. Daher ist das Denken des Menschen in den verschiedenen Zeiträumen von innen angeregt, so dass jedes Zeitalter eine bestimmte Art des Denkens hat. Das hängt mit den feinen Konfigurationen des Denkens zusammen, mit inneren Konstellationen. Da arbeiten die zurückgebliebenen Geister der Form, die den Charakter der Geister der Persönlichkeit haben, im Innern der Menschen und bringen eine gewisse Denkart, eine ganz bestimmte Form der Begriffe hervor. Das macht es, dass die Menschen von Epoche zu Epoche nicht nur geführt werden im Sinne der intuierenden Geister der Persönlichkeit, wo sie sich selber anregen lassen, das oder jenes zu tun, sondern dass sie fortgetrieben werden wie durch innere Kräfte, so dass das Denken von innen heraus sich physisch kundgibt, wie sich in der Sprache kundgibt das, was auf der anderen Seite als Geister der Form zurückgeblieben ist. So drückt die Denkart sich aus als eine Manifestation der Geister der Form, die in unserer Zeit als Geister der Persönlichkeit auftreten. Es sind also nicht so intim wirkende Geister der Persönlichkeit, die es dem Menschen überlassen, zu machen, was er will, sondern ihn ergreifen und mit vorwärtsstürmender Gewalt drängen. Daher können Sie immer diese zwei Typen in denjenigen Menschen sehen, welche von dem Zeitgeist angeregt sind. In denjenigen, welche von den wahren Zeitgeistern, von den auf normaler Stufe stehenden, angeregt sind, können Sie sozusagen sehen die wahren Vertreter ihrer Zeit. Wir können sie betrachten als Menschen, die kommen mussten, und ihre Tätigkeit als etwas, was nicht anders hat geschehen können. Es kommen aber auch andere Menschen, in denen wirken diejenigen Geister der Persönlichkeit, die eigentlich Geister der Form sind«. GA 121, Dornach 2017, S. 52 f. – Schon 1910 bringt Steiner »das nordamerikanische Volk« mit dem Wirken dieser abnormen Geister der Persönlichkeit in Beziehung, wenn er am Ende des Vortrags vom 8. Juni bemerkt: »Solche Völker, die mehr ihr Dasein haben durch den abnormen Geist der Persönlichkeit, werden wir auch auf der Erde finden. Diese Geister der Persönlichkeit wirken nicht auf Weiterentwickelung hin. Sie brauchen sich nur den Charakter des nordamerikanischen Volkes klar zu legen, so haben Sie ein Volk, das vorderhand auf diesem Prinzip beruht«. Eine binnenanthroposophische Deutungstradition verbindet diese Hinweise mit der Vorbereitung der Inkarnation Ahrimans auf dem amerikanischen Kontinent und anderen Äußerungen, wie sie sich etwa in GA 167 finden, die ebenfalls zu diesem Ideenkomplex gehören. Am 4.4.1916 führte Steiner in Berlin Folgendes aus: »Man kann sagen: Die Gegenwart hat es noch recht gut gegenüber dem, was da kommen wird, wenn die westliche Entwickelung immer mehr und mehr ihre Blüten treibt. Es wird gar nicht lange dauern, wenn man das Jahr 2000 geschrieben haben wird, da wird nicht ein direktes, aber eine Art von Verbot für alles Denken von Amerika ausgehen, ein Gesetz, welches den Zweck haben wird, alles individuelle Denken zu unterdrücken. Auf der einen Seite ist ein Anfang dazu gegeben in dem, was heute die rein materialistische Medizin macht, wo ja auch nicht mehr die Seele wirken darf, wo nur auf Grundlage des äußeren Experiments der Mensch wie eine Maschine behandelt wird. …

Und damit nicht gestört wird das feste Gefüge des sozialen Zusammenhangs der Zukunft, werden Gesetze erlassen werden, auf denen nicht direkt stehen wird: Das Denken ist verboten, aber die die Wirkung haben werden, dass alles individuelle Denken ausgeschaltet wird. … Dagegen ist das Leben heute immerhin nicht gar so unangenehm. Denn wenn man nicht über eine gewisse Grenze hinausgeht, so darf man ja heute noch denken, nicht wahr? Allerdings eine gewisse Grenze überschreiten darf man ja nicht, aber immerhin, innerhalb gewisser Grenzen darf man noch denken. Aber das, was ich geschildert habe, das steckt in der Entwickelung des Westens, und das wird kommen durch die Entwickelung des Westens.

… In diese ganze Entwickelung muss sich auch die geisteswissenschaftliche Entwickelung hineinstellen. Das muss sie klar und objektiv durchschauen. Sie muss sich klar sein, dass das, was heute wie ein Paradoxon erscheint, geschehen wird: ungefähr im Jahre 2200 und einigen Jahren wird eine Unterdrückung des Denkens in größtem Maßstabe auf der Welt losgehen, in weitestem Umfange. Und in diese Perspektive hinein muss gearbeitet werden durch Geisteswissenschaft. Es muss so viel gefunden werden – und es wird gefunden werden –, dass ein entsprechendes Gegengewicht gegen diese Tendenzen da sein kann in der Weltenentwickelung«. Gegenwärtiges und Vergangenes im Menschengeiste, Berlin, 4.4.1916, GA 167, Dornach 1962, S. 98.

Literatur:

Ein Kommentar

  1. Danke für die Weiterführung der Beiträge!
    Das Feld der Gesellschaftsgeschichte ist ja nach wie vor stark emotional belastet und wenn es betreten wird, kann man nur ohne allzu strikte „Lagerzugehörigkeit“ halbwegs bestehen. Weiterhin gutes Gelingen!

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