1977 | Sanfte Revolution

Schlacht um Grohnde, 19. März 1977

Während in der Bundesrepublik Deutschland die selbsternannte Avantgarde der proletarischen Weltrevolution unter großer öffentlicher Anteilnahme vom Chaos verschlungen wurde, das sie selbst heraufbeschworen hatte, spielte sich im Schatten der medialen Aufmerksamkeit eine sanfte Revolution[1] ab, die erst sieben Jahre später die mit Häme vermischte Bewunderung des führenden deutschen Nachrichtenmagazins auf sich ziehen sollte.[2]

Die anthroposophischen Protagonisten dieser Revolution verstanden sie aber nicht politisch, sondern spirituell. Sie gründeten keine Parteien, sondern Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, Banken, betrieben ökologische Bauernhöfe, schufen Vertriebsorganisationen für deren Produkte, stellten Heilmittel her, eröffneten Seminare und bauten Kulturhäuser, die alle im Dienst einer Mission standen: jener des friedlichen Umbaus einer Gesellschaft durch Bewusstseinswandel – jener »sanften Verschwörung« durch persönliche und gesellschaftliche Transformation, von der Marilyn Ferguson in ihrem Weltbestseller 1980 sprechen sollte. Äußerstenfalls führten sie als Anwälte der Liberalisierung Gespräche mit Politikern regierender Parteien oder prüften in Prozessen die Belastbarkeit der Versprechungen von Landesverfassungen, was im Fall der deutschen Waldorfschulen und der anthroposophischen Medizin zu beachtlichen Durchbrüchen führte. Obwohl all diese Wirksamkeiten eminent politisch waren, da sie in die Mitte des »civill body politick«[3] zielten und dessen Reformation beabsichtigten, verstanden sich deren Akteure nicht als Vertreter einer Partei, sondern als Avantgarde einer Bewegung. Daher beteiligten sich manche Anthroposophen – darunter Otto Schily, Joseph Beuys, Gerald Häfner und Baldur Springmann – auch an der Umweltschutzbewegung und an Bürgerinitiativen gegen AKWs, aus welchen 1980 die Partei »Die Grünen« hervorgehen sollte, deren Anfänge in das Jahr 1977 zurückreichen.[4] Die verbreitete anthroposophische Distanzierung von Politik geht auf eine Formulierung Rudolf Steiners zurück, der 1923 in das Gründungsstatut der Gesellschaft geschrieben hatte, »Politik« betrachte sie »nicht als in ihrer Aufgabe liegend«.[5] Bei einem näheren Blick auf die Geschichte der anthroposophischen Bewegung im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts kann jedoch von einer generellen Politikabstinenz keine Rede sein, sondern eher von einer Reserve gegen Parteipolitik. Eindeutig im Vordergrund steht das zivilgesellschaftliche Engagement, das jenseits parteipolitischer und parlamentarischer Strukturen auf eine unmittelbare Veränderung des gesellschaftlichen und damit auch des politischen Lebens abzielt.

Die anthroposophische Abneigung gegen Politik, die seit 1923 aufgrund der erwähnten Grundsätze Steiners mit »Sektierertum« assoziiert ist, zeigt sich auch an einem anderen Phänomen. Durchforstet man die anthroposophischen Publikationen, die im Jahr 1977 erschienen sind, begegnet man – abgesehen von einer einzigen Ausnahme – einem beredten Schweigen über die spektakulären politischen Ereignisse dieses Jahres. Offenbar hatten die Mitglieder der Gesellschaft Steiners Absage an Politik auch so verstanden, dass sie nicht über sie reflektieren durften. Die von der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland herausgegebene Monatszeitschrift »Die Drei« beispielsweise, publizierte im Jahr 1977 zwar Artikel über »Bewusstseinsschulung«, »Welt-Gegensätze«, »Wandlungen des Rechtsbewusstseins«, die »Vorgeschichte des Nationalsozialismus«, das »verwaltete Bildungsleben«, »Rhythmusforschung«, das »Geistige in der modernen Kunst« und die »Externsteine«, aber einen Kommentar oder einen tiefergehenden Essay über die politischen Krisen, in die der Terrorismus die europäischen Staaten stürzte, sucht man vergeblich. Einzig Christoph Lindenberg, der in diesem Jahr eine dreiteilige Serie über die Vorgeschichte des Nationalsozialismus veröffentlichte, versuchte sich im Oktober 1977 an einer Abrechnung mit dem Marxismus, in der er jedoch nicht etwa die Auseinandersetzung mit seinen zeitgenössischen neomarxistischen und situationistischen Interpreten suchte, sondern sich mit Marx und seiner Theorie der Entfremdung auseinandersetzte und dessen Klassentheorie das Modell der Reinkarnation gegenüberstellte:[6] »War seit dem Absolutismus und der industriellen Revolution«, so Lindenberg, »die Tendenz zur Objektivierung und mechanischen Steuerung aller sozialen Prozesse herrschend, teils unter dem Vorwand, Ordnung zu schaffen, teils mit dem Gedanken, Wohlstand zu verbreiten, und zuletzt mit der Idee, eine allgemeine Gleichheit herzustellen, so muss man heute erkennen, dass die entgegengesetzte Tendenz Platz greifen muss: Überall ist Vermenschlichung anzustreben … An die Stelle der Ausschaltung des Menschen ist die Einschaltung des Menschen zu setzen … Anthroposophische Geisterkenntnis zielt dahin, vertiefte Menschenerkenntnis zum Ausgangspunkt der sozialen Unternehmungen zu machen … In dem Maße, in dem einzelne soziale Aufgaben aus Menschenerkenntnis heraus ergriffen werden, in dem Maße werden Inseln neuer Menschlichkeit geschaffen … An diesem Problem setzt der entscheidende Gedanke der Anthroposophie zur Lösung sozialer Fragen an: Es ist der Gedanke, dass jeder Mensch eine Geschichte hat – eine Geschichte, die weiter zurückreicht als seine Geburt. Rudolf Steiner hat dieses Problem auf den Weg der Lösung gebracht, indem er auf die Tatsache der Wiederverkörperung des Geistes und des Schicksals der Seele hingewiesen hat. …

Diese Möglichkeit zur Lösung sozialer Gruppenfragen wird heute noch kaum gesehen, aber in ihr liegt der Schlüssel zur Aufhellung der tiefliegenden zwischenmenschlichen Probleme. Erst wenn die einzelnen Schicksale von Menschen gesehen oder erfühlt werden, wird es möglich sein, dem einzelnen den Platz in der Gruppe oder in der Gesamtgesellschaft einzuräumen, der für ihn wie für die Gruppe heilsam ist. Zugleich ist es dann möglich, dass einzelne die Aufgaben bewusster erkennen, die ihnen ihr Schicksal stellt. Indem diese Tiefendimension der menschlichen Existenz ins Bewusstsein rückt, werden die eigentlich menschlichen Probleme zum Inhalt des sozialen Lebens. Aus diesem Inhalt erhält das soziale Leben einen neuen Sinn, der nicht von außen den Menschen gegeben wird, der vielmehr aus dem Menschen selbst hervorgeht«.[7]

Eine bemerkenswerte Ausnahme von der aristokratischen Idiosynkrasie gegenüber Politik stellt Friedrich Herbert Hillringhaus (1912-1987) dar, der in seiner bereits 1946 gegründeten, in der Schweiz erscheinenden »unabhängigen Zeitschrift für geistige und soziale Erneuerung« namens »Die Kommenden« das aktuelle politische Weltgeschehen fortlaufend engagiert kommentierte. Der in Wuppertal geborene Publizist und Verleger, der 1932 Mitglied der anthroposophischen Gesellschaft geworden war, stand Marie Steiner und der Nachlassverwaltung nahe und vertrat als unabhängiger Publizist eine Form von Geisteswissenschaft, die ihn in den Augen vieler linientreuer Mitglieder zu einem verdächtigen Subjekt machte. Ende der 1960er Jahre hatte er eine »Arbeitsgemeinschaft für freie Menschenbildung« ins Leben gerufen, die auf Schloss Elmau in Oberbayern gutbesuchte jährliche Symposien zu zeitaktuellen Themen veranstaltete, Symposien, die er bis zu seinem Tod 1984 leitete.

Bereits im Januar 1977 hatte Hillringhaus in einem Leitartikel unter der Überschrift »Gelähmt in die Zukunft« die Neigung der technokratischen Intelligenz zum Bösen analysiert. Das 20. Jahrhundert, so Hillringhaus, habe gezeigt, »dass die menschliche Intelligenz zwar auf materiellem Feld ungeheure Fortschritte erreichen konnte, dass aber das soziale Zusammenleben der Menschen immer mehr in Sackgassen geriet, Sackgassen, die dann einmündeten in verheerende Weltkriege«. Die menschliche Intelligenz sei zur »Zerstörerin der Moralität« geworden und habe die Gesellschaft in einen »immer stärker werdenden Egoismus« getrieben. Die »Neigung der menschlichen Intelligenz, sich mit dem Bösen zu verbinden«, habe zum »Ersterben der menschlichen Verantwortlichkeit den großen Fragen unseres Daseins und den Mitmenschen gegenüber« geführt. Sie habe »jede moralische Bindung verloren« und verkaufe sich »dem, der den menschlichen Egoismus« predige. Dieser aber zerstöre jede soziale Verantwortlichkeit und bewirke eine immer stärker werdende »Barbarisierung«.[8]

Ende Januar zweifelte er in einem Artikel über die Bürgerrechtsbewegungen in Osteuropa an, dass die von diesen geforderten Menschenrechte in der westlichen Welt verwirklicht seien, wie immer behauptet werde: »Leben in unserer Gesellschaft nicht auch noch Erbstücke der Vergangenheit, die sich gegen den Menschen wenden? Und kommen nicht aus der Gegenwart Kräfte herauf, die in der Form von wirtschaftlichen Abhängigkeiten und technischen Repressionen den Menschen in eine neue Knechtschaft führen wollen? Lebt denn in unserer Gesellschaft der geistige Freiheitsraum, der für die Entfaltung der menschlichen Individualität eine notwendige Voraussetzung ist? Empfindet sich das Wirtschaftsleben als dienender Untergrund für eine solche Entfaltung? Und hat sich das Rechtsleben wirklich in eine Anthropokratie verwandelt?«[9]

Die Ausbreitung von Bürgerinitiativen im Westen deutete er im Februar ähnlich – als Symptom eines gravierenden Defizits der staatlich-politischen Ordnung: »Dass sich solche Bürgerinitiativen bilden müssen, zeigt …, dass unsere Verfassung für das Mitwirken des mündigen Bürgers im Grunde noch gar keine institutionellen Möglichkeiten aufweist … So erscheint denn die Frage berechtigt, ob die Erscheinungsformen unserer parlamentarischen Demokratie … überhaupt noch geeignet sind für die gesellschaftliche Wirklichkeit, so wie sie sich in den letzten Jahrzehnten … herausgebildet hat«. Eine Parteiendemokratie sei außerstande, die längst über den nationalen Rahmen hinausgewachsene soziale Problematik zu lösen. »Rechts, links und Mitte sind, was den Erkenntnisinhalt der Probleme angeht, im parlamentarischen Raum eigentlich schon zu längst überholten Begriffen geworden. Fragen wie Wirtschaftswachstum, Nutzung der Kernenergie, Umweltschutz ragen weit über die Dogmen der Parteiprogramme hinaus«. Fortwährend werde »das geistig-kulturelle« und das »wirtschaftliche Leben« »durch den politischen Staat vergewaltigt«, »Parteidogmen« entschieden über Erziehung, Kultur und die Gestaltungsfragen der Wirtschaft. Die »Verabsolutierung des politischen Prinzips« durch den »parlamentarischen Demokratismus« führe zu einer Gängelung der Kultur, die deswegen keinerlei »Zukunftsimpulse« mehr entwickeln könne, sondern der Tradition verhaftet bleibe oder lediglich der Bemäntelung politischer Machtziele diene. Die »Hörigkeit« des geistigen Lebens gegenüber der Politik, die wiederum von der Ökonomie dominiert sei, resultiere in der vielfach beklagten »Staatsverdrossenheit« oder in der Flucht in den Umsturz.[10]

Über die staatliche Reaktion auf den Terrorismus schrieb er Ende April: »Das durch solche Mordtaten innerhalb der Bevölkerung ausgelöste Angstgefühl« werde politisch instrumentalisiert, um die staatlichen »Überwachungs- und Abwehrmaßnahmen« auszuweiten. Der Staat, so werde behauptet, sei aus Sorge um die allgemeine Sicherheit berechtigt, die individuellen Freiheitsrechte einzuschränken. Der Terrorismus, erkläre man, sei nur deshalb möglich, weil er von der Bevölkerung heimlich unterstützt werde, daher sei eine Intensivierung der Überwachung erforderlich. Durch solche Argumente werde eine »Atmosphäre des Misstrauens« erzeugt, die geeignet sei, »das soziale Miteinander auf das nachhaltigste zu zerstören«. Eine Gesellschaft, die vom Staat umfassend kontrolliert und geheim oder öffentlich überwacht werde, könne nicht mehr als »menschenwürdig« bezeichnet werden. Die Errungenschaften der Liberalisierung drohten verloren zu gehen und das Individuum zu einem »Gefangenen der Staatsautorität« zu werden. Mit der sicherheitspolitischen Aufrüstung spiele man in Wahrheit den Terroristen in die Hände, die sich »nicht als Verbrecher, sondern als Soldaten in einem Krieg gegen eine menschenunwürdige Gesellschaft« empfänden. Sie würden von einem »völlig erdenfremden fanatischen Moralismus« angetrieben, den sie der Gesellschaft aufzwingen wollten. Die Agenten der Anarchie verträten eine »pervertierte Anschauung« von sozialer Gerechtigkeit, die den Menschen zu einem »moralischen Automaten« machen wolle. Sie lebten in einer »totalen Illusion«, die sie glauben lasse, die von ihnen angestrebte soziale Utopie sei durch Zerstörung der bestehenden Ordnung zu erreichen. Während der Staat – veranlasst durch den Kampf gegen das System, das er verkörpere – dazu tendiere, die Individuen »einer übergeordneten Autorität zu unterwerfen«, seien die Terroristen Opfer einer »intellektuellen Verführung«, die Gewalt als Mittel zur Erreichung politischer Zwecke heilige. Die geschichtliche Situation konfrontiere in Wahrheit mit zwei »polaren Erscheinungsformen des Bösen«. Der Terrorismus führe in eine völlig illusionäre Welt, die den Menschen von seinen »eigentlichen Erdenaufgaben« wegreiße, die staatliche Reaktion versuche, die individuelle Freiheit zu unterdrücken und den Menschen wieder in eine »gesellschaftliche Zwangsjacke« zu stecken.[11]

Erneut kam Hillringhaus im September nach der Entführung Hanns Martin Schleyers unter dem Titel »Die Alarmfunktion des Terrorismus« auf das Böse zu sprechen: »Die überwiegend im Wohlstandsschlaf befangenen Bürger der Bundesrepublik« sähen sich »plötzlich mit Tatsachen konfrontiert, deren letztes Ziel die Zerstörung der menschlichen Gesellschaft zu sein scheint«. Begreifen könne man den Terrorismus nur, wenn man ihn als Alarmzeichen betrachte, das auf eine »Erkrankung« des gesamten sozialen Organismus hinweise. Diese Erkrankung sei die Voraussetzung seines Auftretens. Die Lebensläufe der Terroristen zeugten vom frühkindlichen Verlust sozialer Geborgenheit, von pädagogischen Defiziten, die zu einer Hypertrophie intellektueller Funktionen auf Kosten von Gemütskräften wie Vertrauen und Liebe geführt hätten. »Die Unfähigkeit zu vertrauensvoller Hingabe an andere Menschen und die Entbehrung echter Humanität« habe, so Hillringhaus unter Berufung auf die Untersuchungen eines Psychoanalytikers, zur »Bildung von Scheingemeinschaften geführt, die aber letztlich nur durch den Hass gegen andere zusammengehalten würden«. Die »einseitige Erziehung zu intellektueller Entwicklung und die Dressur von Spitzenbegabungen« lasse jene Kräfte versiegen, die »Träger des Humanen im Menschen« seien. Wie bereits in seinem früheren Artikel deutete Hillringhaus die Gewaltfaszination der Terroristen aus der Affinität der Intelligenz zum Bösen. Terrorismus sei die »Frucht« der unheilvollen Entwicklung »des geistigen Lebens im Zeitalter des Materialismus«. Die Emanzipation des intellektuellen Lebens von moralischen Bindungen, die Kultivierung einer »reinen« Zweckrationalität, die sich besonders auf dem Gebiet der Technik und ihrer zerstörerischen Wirkungen zeige, die außerstande sei, das Lebendige zu begreifen, manifestiere sich nun auch im sozialen Leben.

Die einseitige Herrschaft des Intellekts habe zu einem seelischen Ungleichgewicht geführt, seine mangelnde Zügelung durch die Moralität mache ihn zum prädestinierten Träger des Bösen. Zwar vermöge er, den materiellen Wohlstand zu fördern, gleichzeitig zersetze er aber auch die moralischen Bindungen, auf welchen das Zusammenleben der Menschen beruhe. Die zunehmende Barbarei zwinge dazu, die Natur des Intellekts zu durchschauen: seine Affinität zum Bösen, seine Amoralität, die nur aus der »Sphäre der Moralität« verstanden werden könne.[12]

Hillringhaus folgte mit seiner Deutung des offenen Terrorismus der Linken, des Behemoth, und des verschleierten Terrorismus der Konservativen, des Leviathan, einem Hinweis Rudolf Steiners, der bereits 1919 in einem Vortrag diagnostiziert hatte, dass die menschliche Intelligenz, sich selbst überlassen, eine unwiderstehliche Neigung zum Bösen entwickeln werde:

»Mit dem Übergange durch die Mitte des 15. Jahrhunderts verändert sich […] die Intelligenz, und wir stehen im Anfange dieser Veränderung, dieser Umwandlung der Intelligenz.

Unsere Intelligenz geht einen gewissen Weg; heute sind wir noch sehr stark in einer solchen Entwickelung der Intelligenz darinnen, wie sie die Griechen hatten. Wir begreifen durch unsere Intelligenz […] was dem Tode unterliegt. Aber auch diese Art von Intelligenz, die das Tote begreift, verwandelt sich. Und in den nächsten Jahrhunderten und Jahrtausenden wird diese Intelligenz etwas anderes, etwas weit weit anderes werden. Sie hat heute schon eine gewisse Anlage, unsere Intelligenz. Wir werden als Menschheit einlaufen in eine Entwickelung der Intelligenz so, dass die Intelligenz wird die Neigung haben, nur das Falsche, den Irrtum, die Täuschung zu begreifen und auszudenken nur das Böse.

Das wussten ja die Geheimschüler und wussten namentlich die Eingeweihten seit einer gewissen Zeit, dass die menschliche Intelligenz entgegengeht ihrer Entwickelung nach dem Bösen hin, dass es immer mehr und mehr unmöglich wird, durch die bloße Intelligenz das Gute zu erkennen. Die Menschheit ist heute in diesem Übergange.

Wir können sagen: Gerade noch gelingt es den Menschen, wenn sie ihre Intelligenz anstrengen und nicht in sich ganz besonders wilde Instinkte tragen, nach dem Lichte des Guten etwas hinzuschauen. Aber diese menschliche Intelligenz wird immer mehr und mehr die Neigung bekommen, das Böse auszudenken und das Böse dem Menschen einzufügen im Moralischen, das Böse in der Erkenntnis, den Irrtum.

Das war mit einer der Gründe, warum die Eingeweihten sich die Männer der Sorge nannten, weil in der Tat, wenn man in dieser Einseitigkeit, wie ich es jetzt auseinandergesetzt habe, die Entwickelung der Menschheit betrachtet, so macht sie Sorge; Sorge gerade wegen der Entwickelung der Intelligenz. Es ist schließlich gar nicht umsonst, dass die Intelligenz dem gegenwärtigen Menschen so viel Stolz und Hochmut einflößen kann. Das ist, möchte ich sagen, der Vorgeschmack für das Böse-Werden der Intelligenz im fünften nachatlantischen Zeitraum, an dessen Anfang wir stehen. Und würde der Mensch nichts anderes ausbilden als seine Intelligenz, dann würde er auf der Erde ein böses Wesen werden.

Wir dürfen nicht rechnen, wenn wir mit der Zukunft der Menschheit rechnen und diese Zukunft uns als heilsam denken wollen, wir dürfen nicht rechnen auf die einseitige Ausbildung der Intelligenz. Diese Intelligenz war noch in der ägyptisch-chaldäischen Zeit etwas Gutes, diese Intelligenz ist dann dasjenige geworden, was seine Verwandtschaft eingegangen hat mit den Kräften des Todes. Diese Intelligenz wird eine Verwandtschaft eingehen mit den Kräften des Irrtums, der Täuschung und des Bösen.

Das ist etwas, worüber sich die Menschheit eigentlich keiner Illusion hingeben sollte. Die Menschheit sollte unbefangen damit rechnen, dass sie sich zu schützen hat gegen die einseitige Entwickelung der Intelligenz«.[13]


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wird fortgesetzt


Anmerkungen:

[1] So der deutsche Titel eines 2007 im Kösel Verlag erschienenen Buches von Marilyn Ferguson (»Die sanfte Revolution. Gelebte Visionen für eine menschlichere Welt«, mit einem Vorwort von Franz Alt), in dem die amerikanische Autorin versuchte, an den Welterfolg ihrer ersten Publikation anzuknüpfen. Die Vorstellung einer »sanften« Revolution oder »Transformation« – im Unterschied zur gewaltsamen – wurde durch die deutsche Übersetzung des ersten Buches Fergusons, die 1980 veröffentlichte »New-Age-Bibel« »The Aquarian Conspiracy« populär, die 1982 vom Basler Sphinx Verlag mit einem Vorwort von Fritjof Capra unter dem Titel »Die sanfte Verschwörung. Persönliche und gesellschaftliche Transformation im Zeitalter des Wassermanns« veröffentlicht wurde. Die »sanfte Verschwörung« war eines der am meisten verkauften Bücher dieses Dezenniums. Im Unterschied zu den heute allgemein anathematisierten »Verschwörungstheorien« war der Begriff der »sanften Verschwörung« positiv besetzt.

[2] Am 23.04.1984 begann der SPIEGEL eine vierteilige Serie unter dem Titel »Der Weltenplan vollzieht sich unerbittlich« über die »deutschen Anthroposophen« zu veröffentlichen, die im selben Jahr in erweiterter Form als Buch erschien: Peter Brügge, »Die Anthroposophen. Waldorfschulen – Biodynamischer Landbau – Ganzheitsmedizin – Kosmische Heilslehre«, Hamburg 1984. Die Serie schloss ein Interview mit Joseph Beuys über »Anthroposophie und die Zukunft der Menschheit« ab, das in der Ausgabe Nr. 23 am 4.06.1984 erschien.

[3] So die Formulierung im »Mayflower Compact« der Kolonisten von Plymouth im Jahr 1620.

[4] 1977 ging aus der niedersächsischen Bürgerinitiative Schwarmstedt gegen das geplante Atomkraftwerk Grohnde die Umweltschutzpartei (USP) hervor, die sich Ende dieses Jahres mit der Grünen Liste Umweltschutz (GLU) in Hildesheim zum Landesverband Niedersachsen der »Grünen Liste Umweltschutz« vereinigte. Inspiriert wurden diese Gründungen durch Herbert Gruhls Buch »Ein Planet wird geplündert« und den Bericht des Club of Rome über die »Grenzen des Wachstums«. Im folgenden Jahr, 1978, entstanden weitere Grüne Listen in Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein. Herbert Gruhl gründete außerdem 1978 nach seinem Austritt aus der CDU die »Grüne Aktion Zukunft«. Schließlich entstanden aus dem Zerfall der K-Gruppen diverse alternative oder bunte Listen, deren bekannteste die Hamburger war, für die Rainer Trampert, Thomas Ebermann und Jürgen Reents kandidierten. Siehe Markus Klein, Jürgen W. Falter, Der lange Weg der Grünen, München 2003.

[5] Der Satz steht am Ende des § 4, der auch eine generelle Absage an »sektiererische Bestrebungen« enthält: »4. Die Anthroposophische Gesellschaft ist keine Geheimgesellschaft, sondern eine durchaus öffentliche. Ihr Mitglied kann jedermann ohne Unterschied der Nation, des Standes, der Religion, der wissenschaftlichen oder künstlerischen Überzeugung werden, der in dem Bestand einer solchen Institution, wie sie das Goetheanum in Dornach als freie Hochschule für Geisteswissenschaft ist, etwas Berechtigtes sieht. Die Gesellschaft lehnt jedes sektiererische Bestreben ab. Die Politik betrachtet sie nicht als in ihrer Aufgabe liegend«.

[6] Christoph Lindenberg, Soziale Krankheit und soziale Gesundung. Zugleich eine Kritik des Marxismus, Die Drei, Heft 10, Oktober 1977. – Die Aufsätze über den Nationalsozialismus wurden später erweitert und 1978 unter dem Titel »Die Technik des Bösen. Zur Vorgeschichte und Geschichte des Nationalsozialismus« veröffentlicht.

[7] Lindenberg, ebd., S. 561 f.

[8] Die Kommenden, Heft 1, 10. Januar 1977, S. 4.

[9] Die Kommenden, Heft 2, 25. Januar 1977, S. 4.

[10] Die Kommenden, Heft 3, 10. Februar 1977, S. 3 f.

[11] Die Kommenden, Heft 8, 25 April 1977, S.3 f.

[12] Die Kommenden, Heft 18, 25. September, S. 3. f

[13] Rudolf Steiner, Die Erziehungsfrage als soziale Frage, Dornach 16.08.1919, GA 296.


Literatur:

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