1977 | Auf der Suche nach dem unentdeckten Amerika

The Prem Rawat Foundation archives. CC BY 2.5

Ankunft Prem Rawats in Kalifornien 1971. CC by 2.5. Prem Rawat Foundation

Der restliche Teil der Generalversammlung war ausgewählten Länder- und Sektionsberichten gewidmet. Von Interesse sind hier die Beiträge zu Italien und den USA, da sie Einblick in die politische und kulturelle Urteilsbildung sowie das Selbstverständnis führender Anthroposophen im Jahr 1977 geben.

Aldo Bargero (1924-1987), der Generalsekretär der italienischen Landesgesellschaft, berichtete aus einem vom Bürgerkrieg zwischen Linksextremen und Neofaschisten zerrissenen Land (in den »bleiernen Jahren« zwischen 1969 und 1983 fanden über 14.000 Terroranschläge mit 374 Todesopfern und mehr als 1.170 zum Teil Schwerverletzten statt).[1] Der in Berlin geborene, hochbegabte Sohn einer preußischen Mutter und eines piemontesischen Vaters hatte in der brandenburgischen Metropole seine Kindheit verbracht. Seit der Geburt seiner jüngeren Schwester lebte die Familie in Mailand. Hier hatte Aldo nach dem Abitur, das er im Alter von 16 Jahren mit Auszeichnung absolvierte, Ingenieurwissenschaften studiert. Während er als Techniker in einem Patentamt mit der Prüfung von Anträgen beschäftigt war, lernte er die anthroposophische Medizin durch Heilmittel kennen, die Lidia Gentilli-Baratto im Auftrag Marie Steiners in Italien vertrieb. Diese Begegnung erweckte in ihm den Wunsch, Medizin zu studieren. Das Studium, das er neben seiner Tätigkeit als technischer Gutachter in fünf Jahren absolvierte, führte 1955 zur Approbation und zu einem einjährigen Aufenthalt als Assistenzarzt in der Lukas-Klinik Arlesheim. Bereits 1957 eröffnete Bargero die erste anthroposophische Praxis Italiens in Mailand, die er dreißig Jahre lang führen sollte. 1965 wurde er vom Goetheanum als Leiter einer Arbeitsgruppe anthroposophischer Mediziner in Italien anerkannt. 1971 war er bei der Mitgliederversammlung durch die Behauptung aufgefallen, die Nachlassverwaltung, die der Gesellschaft das Werk Rudolf Steiners entrissen habe, drohe ihr nun auch noch Rudolf Steiner selbst zu entreißen, wenn sie den Namen ihres Verlags in »Rudolf Steiner Verlag« ändere. Seit Mitte der 1970er Jahre war er Generalsekretär der italienischen Landesgesellschaft und als solcher für die Repräsentation der Anthroposophie in diesem Land offiziell zuständig. Was dachte der italienische Generalsekretär, dessen Versuch in die kommunistische Partei einzutreten, daran gescheitert war, dass er in deren Sekretariat zu lange warten musste, über die geistige Situation seines Vater- und Heimatlandes?

Diese Situation war aus Bargeros Sicht von »Kulturmüdigkeit«, »Oberflächlichkeit«, »Materialismus« und »linkem Konformismus« geprägt. Das Erbe der zerfallenden römischen Kultur, das die katholische Kirche übernommen hatte, wirkte in Italien nach – nicht so sehr in der politischen Macht der religiösen Institution, als vielmehr in den »Denkformen«, die sich während Jahrhunderten in den Seelen der Italiener, besonders der Süditaliener, »eingenistet« hätten. Zugleich hätten diese Denkformen zu einer untergründigen Feindseligkeit gegenüber dem Geistigen geführt, das in der Natur wirke, da letztere vom Katholizismus als geistentleert, oder gar als Reich des Teufels interpretiert worden sei. Abgesehen davon sei jedoch die Macht der Kirche über die Seelen geschwunden, was sich darin zeige, dass die »Inbrunst des Glaubens« zurückgegangen sei. An die Stelle des einstigen Glaubens sei in Italien eine tiefe Skepsis gegenüber geistigen Lebensinhalten getreten, die zu seelischer »Lähmung« führe. Die katholische »Naturverachtung« habe sich in Materialismus metamorphosiert, der das gesamte kulturelle Leben durchdringe. Für die »Empfindungsseele«, deren Ausbildung dem italienischen Volk laut Steiner obliege, erweise sich dieser Materialismus als »verheerend«, die vom Materialismus »infizierte Empfindungsseele« sei »das Gift des italienischen Lebens«.[2] Wie so häufig begegnet auch bei Bargero eine verkürzte Rezeption der vielschichtigen Kulturanthropologie, die Steiner seit 1910 entwickelte. In seinen Vorträgen über die Mission einzelner Volkseelen … sprach er im Hinblick auf die verschiedenen europäischen Völkerschaften und ihre kulturellen Besonderheiten von einem komplexen Zusammenwirken oder Ineinanderwirken des Ich mit unterschiedlichen Seelengliedern innerhalb des Bewusstseinsseelenzeitalters. Während die gesamte Menschheit seit dem Anbruch der europäischen Neuzeit in eine Epoche eingetreten ist, deren Aufgabe die Ausbildung der Bewusstseinsseele ist, also jenes Seelenteils, der sich dem überindividuellen, ewigen Guten und Wahren zuwendet,[3] findet gleichzeitig innerhalb einzelner Kulturräume eine Wechselwirkung des Ich mit unterschiedlichen Seelengliedern statt. Dadurch kommt es zu unterschiedlichen Färbungen und Ausprägungen des Bewusstseinsseelen-Elementes. Es ist nicht zutreffend, unter Berufung auf Steiner zu behaupten, die »Aufgabe« des italienischen Volkes sei die »Ausbildung der Empfindungsseele« – wurde diese doch bereits in der ägyptisch-chaldäisch-babylonischen Kulturepoche von der gesamten Menschheit entwickelt –, vielmehr geht es darum, auszubilden, »was durch die Impulse der Empfindungsseele in das Ich hinein ausgebildet werden« kann oder auch darum, kulturell eine »eigentümliche Mischung des Ich mit der Empfindungsseele« auszugestalten.

Die »vom Materialismus infizierte Empfindungsseele«, so Bargero weiter, sei für den Marxismus besonders empfänglich. In der Tat ist der Marxismus-Leninismus das kritische Spiegelbild jenes Materialismus, den die liberal-kapitalistischen Gesellschaften des Westens im Zuge der Modernisierung und Säkularisierung ausbildeten. Er stellt nicht die materialistischen Paradigmen des Kapitalismus in Frage, sondern zieht aus ihnen lediglich andere Konsequenzen, wenn er die Verwirklichung eines ewigen Friedensreiches durch die Enteignung der Enteigner und die Diktatur des Proletariats verspricht. Als politische Philosophie des Ressentiments bedient er in der Tat Regungen der Empfindungsseele wie den Sozialneid oder das Rachebedürfnis, auch wenn er als ideologisches Konstrukt aus der Verstandesseele ihrer Begründer hervorgegangen ist. In Italien, so Bargero, sei dieser Marxismus in Politik, Kunst und Bildung das vorherrschende Element und es sei geradezu gefährlich, sich diesem »linksorientierten Konformismus« zu entziehen. Bei den italienischen Parlamentswahlen 1976 hatte die Kommunistische Partei unter Enrico Berlinguer 34,3 % der Stimmen erlangt, die Democracia Christiana 38,7 %, was zu einer von den Kommunisten tolerierten Minderheitenregierung führte.

Dennoch konnte Bargero dieser für die Verbreitung einer spirituellen Weltsicht nicht sonderlich günstigen Lage auch positive Aspekte abgewinnen. Denn der Mangel und die Entbehrung weckten spirituelle Sehnsüchte: »Gerade aus diesem Niedergang einer einst großartigen Kultur und aus der Verzweiflung über die oft unmöglichen Verhältnisse, die dadurch zustande kommen, streben jetzt individuelle Seelen nach einem ganz neuen Anfang, suchen den Zugang zu neuen Werten und sehnen sich ebenso, wie überall in der Welt, nach einem neuen Menschenbild und auch nach einer neuen Welt«.

Insbesondere junge Erwachsene aus linkradikalen Kreisen, Arbeiter und Gewerkschaftsführer bezeugten – im Gegensatz zu den Angehörigen der kulturellen Eliten – die Sehnsucht nach einer grundlegenden Erneuerung der Gesellschaft. Während die »Phrasen« und »Abstraktionen« der »materialistischen Ideologie« in den Seelen der Menschen nur Hass und Gewalt hervorriefen, vermöge die Anthroposophie Hilfe und Heilung zu bieten. Das immense Bedürfnis nach befreiender Erkenntnis sei jedoch durch die wenigen Mitglieder der Gesellschaft nicht zu stillen. »Die Anforderungen sind überall grösser, als wir es bewältigen können mit den ganz wenigen tätigen Mitgliedern, auf die wir rechnen können«. Bis heute sei es in Italien nicht gelungen, dauerhafte anthroposophische Institutionen mit Breitenwirkung zu schaffen. Rund ein Dutzend Zweige (örtliche Arbeitsgruppen) verteilten sich über Norditalien, die südlichsten in Rom, weiter sei die Anthroposophie im Land nicht vorgedrungen, von einzelnen Mitgliedern abgesehen.

Die seit zwanzig Jahren in Mailand existierende Waldorfschule bestehe aus einem Kindergarten und fünf Grundschulklassen, ein Ausbau um drei Mittelschulklassen werde angestrebt, ebenso Schulgründungen in Mestre (1983 erfolgt), Rom (1978 erfolgt) und Meran (1986 erfolgt). Eine vielversprechende Entwicklung zeichne sich im biologisch-dynamischen Landbau ab, in dem die Zahl der Betriebe zunehme, die vornehmlich für den Export nach Deutschland produzierten, da in Italien noch keine hinreichenden Vertriebsorganisationen vorhanden seien. Schließlich konnte Bargero nicht umhin, von seiner eigenen Tätigkeit als Arzt zu berichten, dem es gelungen war, eine stattliche Anzahl von Medizinstudenten in einer Arbeitsgruppe zu vereinen, die seit Jahren existierte. Neben ihm selbst waren drei weitere anthroposophische Ärzte in Mailand tätig und vier in Rom. Im Gegensatz zu Schweden werde die anthroposophische Medizin in Italien nicht durch die Behörden behindert, was Bargero auf das Chaos im Land zurückführte; aber die fehlende Beachtung seitens der Behörden lässt sich auch daraus erklären, dass bei acht Ärzten im Land nicht von einer irgendwie wahrnehmbaren Bewegung gesprochen werden kann.

Auf das »in der Dekadenz versinkende« alte Kulturland Italien folgte der aus europäischer Sicht »kulturlose« nordamerikanische Kontinent, der seit Beginn des Jahres von James Earl Carter, einem baptistischen Erdnussfarmer aus Georgia regiert wurde, der 1970 als erster Gouverneur eines Südstaates die Zeit der Rassentrennung für beendet erklärt und als erster Kandidat aus dem Süden seit dem amerikanischen Bürgerkrieg eine Präsidentenwahl für die Demokraten gewonnen hatte.

Der Waldorflehrer Siegfried Finser[4], ehemaliger Manager bei Xerox und ITT, Schatzmeister der Anthroposophischen Gesellschaft in Amerika, der Ende der 1970er Jahre zu den Mitbegründern des Rudolf Steiner Fonds, des Gegenstückes der GLS Bank in den USA gehören sollte, verglich Nordamerika mit einem Spiegel, der an seiner Oberfläche klar und durchsichtig sei, aber einen undurchsichtigen Untergrund besitze, der das gesamte europäische Erbe der Einwanderer in sich aufgesogen habe. Hagen Biesantz griff dieses Motiv des Spiegels auf und bezog es auf die amerikanische Seele. Aus dieser strahlten dem europäischen Besucher »großzügige Herzenskräfte« entgegen, aber diese helle Vorderseite besitze eine dunkle Rückseite. Der Logik des Bildes entsprechend müsste es sich bei diesen »Herzenskräften« um ein Spiegelbild des europäischen Seelenlebens handeln, das sich im amerikanischen Spiegel abbildet, während der dunkle Untergrund spezifisch amerikanisch und einer näheren Untersuchung würdig wäre, – aber Biesantz wollte auf etwas anderes hinaus. Er orientierte sich bei seinem völkerpsychologischen Exkurs an Ausführungen Steiners aus dem Jahr 1914, in welchen dieser von der bevorstehenden Entdeckung eines »geistigen Amerika« gesprochen hatte.[5] Die Aufgabe, diesen geistigen Kontinent zu entdecken oder in Besitz zu nehmen, schrieb Biesantz den »anthroposophischen Freunden drüben in Amerika« zu. Wer einen Blick in die Ausführungen Steiners über den »Goetheanumbau als Wahrzeichen künstlerischer Entwicklungsimpulse« wirft, in die sein Aperçu über das »geistige Amerika« eingebettet ist, wird feststellen, dass die Übersetzungsarbeit, die Biesantz gegenüber diesen Ausführungen leistete, den ursprünglichen Überlegungen einen ganz anderen Sinn unterlegte. Was von Steiner spirituell-bewusstseinsgeschichtlich gemeint und auf die ganze Menschheit bezogen war, wurde von Biesantz in eine handfeste geographisch-historische Aussage umgemünzt. Die Aufgabe, Amerika als »geistigen Kontinent« zu entdecken, die Steiner 1914 der Menschheit im Rahmen eines denkbar weiten Zeithorizontes zuschrieb, wird durch Biesantz zu einer unmittelbar bevorstehenden Herausforderung für die »anthroposophischen Freunde drüben«. Was führte Steiner 1914 aus?

»Gedenken wir einmal anderer Zeiten als die heutigen sind. Gedenken wir des griechischen Horizontes, um nicht weiter zurückzugehen, und fassen wir namentlich ins Auge, was für den Griechen alles noch nicht da war, was aber für den gegenwärtigen Menschen da ist. Was war für den Griechen noch nicht da? Nun, Amerika, Australien kannte der Grieche nicht, er wusste nichts von dem westlichen Teile der Erde. Er wusste auch von vielem nichts, was man jetzt von Europa, Asien, Afrika kennt. Sein Horizont war geographisch ein enger.

Versuchen Sie einmal, was man empfinden kann, wenn man die Landkarte überschaut, die der Grieche überschauen konnte. Versuchen Sie das einmal, und versuchen Sie dann auch Ihre Empfindung hinzulenken auf die reiche Welt, in der der Grieche lebte, hinzulenken auf alles dasjenige, was in dem Griechen schöpferisch war. Versuchen Sie, die geographische Karte des Himmels, die der Grieche noch zu entwerfen wusste, zu vergleichen mit der heutigen Karte des Himmels. Die Landkarte der physischen Erdgestaltung war recht klein, die Himmelskarte dagegen wahrhaftig recht groß. Es war das im Wesentlichen noch ein spirituelles Erleben des physischen Planes, das im Griechentum vorhanden war: geographisch – in engen Grenzen; geistig – in Himmelsweiten hinausblickend.

Es war ja bei den Griechen nicht mehr so wie zum Beispiel in der ägyptisch-babylonisch-chaldäischen Zeit, wo man in den Kosmos hinausblickte und in den astrologischen Vorstellungen noch etwas von den wirklichen geistigen Wesenheiten erlebte, deren physischer Ausdruck die Gestirne sind. Aber ein Niederschlag von alledem war noch vorhanden im alten Griechentum. Wenn wir in der Ilias des Homer lesen, wie von der Thetis dem Achill Auskunft erteilt wird, dass Zeus jetzt nichts machen könnte, weil er in Äthiopien sei und erst in zwölf Tagen wieder in sein Haus zurückkehre, so hat das noch eine Beziehung zur Astrologie, aber so, dass der Leser nicht bemerkt, dass dieser Schilderung das Durchgehen durch den Tierkreis zugrunde lag. Wenn der Grieche sagte, ›Zeus ist bei den Äthiopiern‹, so meinte er damit, dass er sich in einem bestimmten Tierkreiszeichen befindet. Auch die Zwölfzahl deutet das an. Es ist dies alles schon mit einem Anstrich desjenigen versehen, was es später geworden ist, aber andererseits ist es eben noch durchtränkt von dem, was der Mensch ursprünglich an Weite des geistigen Horizontes hatte.

Nun versuchen wir einmal die Blicke abzuwenden von diesem Griechentum und sie herüber zu lenken in die neuere Zeit. Immer mehr und mehr rundet sich geographisch die Erdkugel und nur wenige Gebiete sind heute vorhanden, die sozusagen ganz leere Flecken auf dem Globus sind. Wir sehen die neuere Zeit heraufkommen. Amerika wird von den östlichen Völkern ihren geographischen Karten der Erde einverleibt, jenes Amerika, das für die Griechen noch gar nicht da war. Der geographische Horizont wird immer größer, aber der geistige Horizont, gleichsam die Landkarte des Himmels, schrumpft gänzlich zusammen. Was weiß der moderne Mensch von der Bevölkerung, die uns in der griechischen Mythologie entgegentritt? Nichts mehr weiß er davon! Der europäische Mensch lebt im Grunde genommen in seiner Seele aus dem geschichtlichen Werden des Griechentums heraus, denn was in der Geschichte weiter als das Griechentum zurückliegt, das bekommt für den Historiker, soviel es auch erforscht wird aus Dokumenten, doch nur ein gespenstiges Aussehen. Wenn der heutige Mensch die Elemente des Griechentums aufnimmt, die in den Schulen geboten werden, so nimmt er Geschichte auf, und so lebt unsere Seele in der Geschichte, die wir so äußerlich kennengelernt haben. Wir schleppen eigentlich recht viel Geschichte mit uns herum, recht viel Geschichte.

So ist es nicht bei dem asiatischen Menschen, und so ist es heute auch nicht bei dem amerikanischen Menschen. Wenn er auch seine Geschichte hat, so lebt seine Geschichte doch sozusagen nicht im Leben darinnen. Viel ungeschichtlicher lebt der amerikanische Mensch als der europäische Mensch.

Es wird wenig amerikanische Menschen geben, die großen Wert darauf legen werden, durch Jahrhunderte hindurch ihren Stammbaum zurückzuverfolgen. Wahrscheinlich sind es recht wenige. Aber in Europa gibt es deren gar nicht wenige. Das ist das Mitschleppen des geschichtlichen Elementes, von dem so viel abhängt in der ganzen Konfiguration des Lebens, auch des sozialen Lebens.

Eine Zeit ist denkbar, in einer fernen Zukunft – für den Okkultisten mehr als denkbar –, in welcher alles dasjenige, was wir seit dem Griechentum als Geschichte mit uns herumtragen, ruht; wir wollen nicht davon sprechen, wo es ruht; eine Zeit ist denkbar, wo sich die Völkerwelle durch Asien nach Europa, nach Amerika hinübergewälzt haben wird, und wo die Menschen von alle dem, was wir jetzt als europäische Geschichte erzählen und erleben, so wenig wissen werden hier auf dem physischen Plane, wie wir heute wissen von dem, was sich vor vier- bis sechstausend Jahren in Europa zugetragen hat. Auf eine Zeit können wir blicken, wo sich diese Völkerwelle durch Asien herübergewälzt haben wird, in welcher ein ganz anderes Leben als heute sich entwickeln wird, und wo gleichsam in historisch-geologischen Schichten alles dasjenige liegen wird, was uns heute bis in die innersten Fibern des Herzens hinein bewegt. So vergangen wird es dann sein, wie heute für uns dasjenige vergangen ist, was vor drei, vier, fünf Jahrtausenden auf europäischem Boden geschehen ist.

Die Zeit wird kommen, wo man, sagen wir, Goethe so entdecken wird, wie der heutige Mensch die alte Welt in den ersten ägyptischen Hieroglyphen entdeckt hat, wie er dasjenige entdeckte, was sich damals abgespielt hat. Denn äußerlich physisch werden Menschen da sein, die nötig haben werden, Goethe so zu entdecken.

Da blicken wir in der Menschheitsevolution auf große, auf merkwürdige Perspektiven. So wie die alten Griechen nichts gewusst hatten von Amerika, so werden die Nachkommen der heutigen Amerikaner von den Griechen als von etwas längst Vergangenem wissen, oder auch nichts wissen in gewisser Beziehung, so wie ich es jetzt dargestellt habe.

Der Prozess, von dem ich eben als von einem mehr physischen Prozess gesprochen habe, spielt sich gewissermaßen auch im Geistigen ab. Er spielt sich im Geistigen so ab, dass der Mensch für die Zukunft im Laufe der Menschheitsevolution heranwachsen muss zu den Fähigkeiten, das Geistige wieder zu entdecken, in der Zukunft eine geistige Welt zu wissen, die heute für die meisten Menschen so unbekannt ist, wie das heutige Amerika für die Griechen unbekannt war. Wir sind im Anfange dieser Entdeckungsreise nach dem geistigen Amerika. Wir stehen geistig auch in dieser Beziehung da, wo man physisch gestanden hat, als von der alten Welt das erste Schiff nach Amerika ging. So sind wir geistig auf der Entdeckungsreise nach der anderen, der geistigen Hälfte unseres Menschheitsdaseins.

Ich wollte damit nur eine Ahnung von der Bedeutung, von der Wichtigkeit dessen hervorheben, was Geisteswissenschaft in der Menschheitsevolution sein soll. Denn nun kann sich ja jeder dasjenige selbst ergänzen, was noch ergänzt werden muss. Man nehme einmal an, Amerika wäre nicht entdeckt worden, der europäische Mensch lebte jetzt noch immer ohne Kenntnis von Amerika. Ist das denkbar? Es ist eigentlich gar nicht denkbar! So wird eine Zeit kommen, wo es undenkbar sein wird, dass jemals die Menschen nicht hatten zur Entdeckung der spirituellen Welt im Sinne der Geisteswissenschaft kommen können. Ganz undenkbar wird das sein.

Der Vergleich kann aber noch etwas weiter ausgesponnen werden. Was ist denn heraufgezogen in die Menschheit dadurch, dass der geographische Horizont sich ausgedehnt hat? Wenn wir die idealste spirituelle Kultur in ihrer Konkretheit aufsuchen, wie sie sich bisher auf der Erde entwickelt hat, so müssen wir sie vor der Entdeckung Amerikas suchen. Denn mit der Entdeckung Amerikas beginnt auch der Materialismus. Mit jeder geographischen Ausbreitung ist auch in geheimnisvoller Weise die Ausbreitung des Materialismus verbunden. Zurück wiederum muss die Menschheit zu einer ideell-spirituellen Erkenntnis der Welt. Das wird sie erreichen durch die Entdeckung des geistigen Amerika, und das wird sie entdecken, wenn der Weg gefunden wird draußen in der Welt, den wir schon symbolisiert haben in unserem Bau«.

Geographisch enger, geistig weiter Horizont – Erweiterung des geographischen, Verengung des spirituellen Bewusstseins – stehen einander im Vergleich zwischen dem Griechentum und der gegenwärtigen Menschheit bei Steiner gegenüber. Die Entdeckung einer geistigen Welt steht bevor, die dem heutigen Menschen so unbekannt ist, wie das physische Amerika den alten Griechen unbekannt war, und diese geistige Welt, die »ideell-spirituelle Erkenntnis der Welt«, wird als »geistiges Amerika« bezeichnet. Nichts anderes als der versunkene, geistig-spirituelle Horizont der Welterfahrung ist es, was von Steiner als »geistiges Amerika« bezeichnet wird. Davon, dass dieses Amerika in einem geographischen Gebiet zu entdecken wäre, das heute den Namen Amerika trägt, ist nicht die Rede.

»Materialismus«, so Biesantz, sei »die Folge jeder geographischen Ausbreitung«.[6] Eine ideell-spirituelle Erkenntnis der Welt werde erst wieder erreicht werden durch die »Entdeckung des geistigen Amerika«. »Und nun sehen Sie«, so Biesantz, »das ist die Aufgabe, in der unsere anthroposophischen Freunde drüben in Amerika stehen«. Dreimal sei »dieses Amerika« entdeckt oder in Besitz genommen worden: physisch-geographisch (seit Kolumbus), durch alles, »was mit dem Gold« zusammenhänge, »bis in das 19. Jahrhundert hinein«. Ein zweites Mal im Rechtsleben, durch die Herstellung der Gleichheit, beginnend bereits vor der französischen Revolution, realisiert in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die Abschaffung der Sklaverei. Schließlich ein drittes Mal, durch den Beginn der »Entdeckung des geistigen Amerika« im 20. Jahrhundert. Allerdings: »das amerikanische Geistesleben in dem Sinne, wie man als Anthroposoph versteht den Begriff des Geisteslebens, das gibt es ja noch gar nicht oder gibt es nur in gewissen Ansätzen«. »Aber die Menschen streben danach. Und sie müssen es dort jetzt selber tun. Das können nicht mehr die einwandernden Europäer machen, sondern das müssen die Menschen tun, die nun schon seit Generationen auf diesem Kontinent leben. Sie müssen den Geist dieses Kontinents entdecken«. Es ist schon bemerkenswert, wie leichtfüßig hier der klassisch gebildete Archäologe von der hohen Warte des Goetheanumhügels aus weltweit führende Elite-Universitäten wie Harvard, MIT, Princeton, Standford oder Yale, alle großen gesellschaftsverändernden und kulturellen Bewegungen seit dem Ende des 2. Weltkriegs: die Naturschutz- und Bürgerrechtsbewegung, das Free Speech Movement, die New Age Bewegung, die Bewegung für Bewusstseinserweiterung, die Hippie Bewegung, die Tierschutzbewegung, aber auch technologische Entwicklungen wie Fernsehen, Film, Raumflug, Computertechnologie, die von den USA ausgegangen sind und sich stets mit einiger Verzögerung auch in Europa auswirkten, beiseite wischt. Doch selbst wenn man sich den Standpunkt des »Geisteslebens in dem Sinne« zu eigen macht, »wie man als Anthroposoph versteht den Begriff des Geisteslebens«, zeugen diese Urteile von beträchtlichem Hochmut. Während man Steiner noch das Recht zubilligen darf, solche Urteile von der Bewusstseinshöhe aus, auf der er sich befand, zu fällen, erscheinen sie aus dem Mund seiner Nachsprecher und Nachäffer nur mehr als anmaßend. Der Mangel an selbstständiger Urteilsbildung in bezug auf ein derart komplexes Phänomen wie das »amerikanische Geistesleben« zeigt sich auch daran, dass Biesantz im weiteren Verlauf seiner Ausführungen kein besseres Argument findet, auf das er sich berufen könnte, als Ausführungen Steiners über Henry Fords Autobiografie, der als »Tatmensch der Industrie« an das Tor der geistigen Welt gepocht habe.[7] Als weiteres Beispiel, das zeige, wie Amerika an das »Tor der geistigen Welt« poche, führte Biesantz Saul Bellow[8] an, der für seinen Roman »Humboldt’s Vermächtnis« 1976 den Pulitzer-Preis und für sein literarisches Lebenswerk den Nobelpreis erhalten hatte. Als Beispiel für einen »Amerikaner«, dessen Aufgabe darin bestehe, den »Geist« seines Kontinents zu entdecken, eine Aufgabe, die laut Biesantz »nicht mehr die einwandernden Europäer« lösen könnten, sondern nur »Menschen, die schon seit Generationen auf diesem Kontinent leben«, ist Bellow denkbar ungeeignet, da er als Sohn russisch-jüdischer Emigranten 1915 in Montreal geboren worden war. Hier wuchs er in einem jüdischen Einwandererviertel auf, wurde orthodox erzogen, lernte Jiddisch und Hebräisch und sollte nach dem Wunsch seiner Mutter talmudischer Schriftgelehrter werden. Sein Studium der Sozialanthropologie und Soziologie an der Universität Chicago brachte ihn jedoch von diesem Vorhaben ab, trotzdem blieb sein literarisches Schaffen – ähnlich wie jenes von Woody Allen – zeitlebens von der Frage nach der Identität des jüdischen Intellektuellen inmitten einer säkularen Welt geprägt. Seine Begegnung mit Owen Barfield und dessen Werk »Saving the Appearances« hatte ihn zu jener jüdisch-christlichen Spiritualität zurückgeführt, in deren Dienst ihn seine Mutter einst stellen wollte und ihn zum prominentesten Fürsprecher der Anthroposophie nicht nur in den USA, sondern sogar weltweit gemacht. Biesantz zitierte aus einem Zeitschrifteninterview, in dem Bellow über Steiners Theosophie gesagt hatte: »Was mir so besonderen Eindruck gemacht hat daran, ist, dass da Formen des Verstehens auftreten, über die die Menschheit früher sich einmal ganz einig gewesen ist. Wir glauben, wir könnten die Welt wissenschaftlich verstehen, aber in Wirklichkeit ist unsere Ignoranz fürchterlich«. Gerade diese Aussage bringt deutlich zum Ausdruck, dass Bellow in der Anthroposophie ein geistiges Erbe wiedererkannte, mit dem er schon lange vertraut gewesen war, das er aber durch seinen Bildungsgang vorübergehend vergessen hatte. Die amerikanischen Anthroposophen, ebenso wie die europäischen, wurden vom Interesse, das Bellow an der Anthroposophie geweckt hatte, kalt erwischt und konnten nur resigniert feststellen, dass sie seit dem Tod Steiners nicht einmal in Ansätzen eine Sprache entwickelt hatten, in der sie sich mit jener Menschheit verständigen konnten, die »an die Tore der geistigen Welt pochte«. Der einzige Behelf, der dem Vorstandsmitglied, das für die »redenden und musizierenden Künste« am Goetheanum zuständig war, einfiel, bestand darin, sich »gute Übertragungen« der Werke Steiners und eine anthroposophische Literatur zu wünschen, die aus den »dortigen Verhältnissen für die unmittelbare Gegenwart« geschrieben werde. Außerdem müsse die Anthroposophische Gesellschaft in den USA ganz neue Arbeitsformen entwickeln, die den Bedürfnissen der Menschen gerecht würden. Von solchen neuen Arbeitsformen, die den Bedürfnissen der Menschen gerecht werden, ist auch heute noch in der Anthroposophischen Gesellschaft die Rede.

Schließlich kam Biesantz auf eine Merkwürdigkeit zu sprechen, die sich nur aus dem »großen amerikanischen Herzen«, der Kehrseite jener Geschichtslosigkeit erklären lässt, von der Steiner gesprochen hatte. In Denver hatten Angehörige der »Divine-Light-Mission« (Divya Sandesh Parishad) die Waldorfpädagogik entdeckt und für die Kinder des dortigen Ashram eine Schule gegründet, die »nach den Erziehungsmethoden Rudolf Steiners« arbeitete. (Das Protokoll bringt diese »Mission« fälschlicherweise mit »Maharashi Mahesh Jogi« in Zusammenhang, dem Begründer der Transzendentalen Meditation, der in den 1960er Jahren eine ganze Reihe von Größen des Showbusiness – darunter die Beatles, Donovan, Clint Eastwood und Mia Farrow – in Rishikesh zu seinen Füßen versammelte; in Wahrheit handelt es sich jedoch um eine Bewegung, die auf den Guru Shri Hans Ji Maharaj und dessen Sohn Prem Rawat zurückgeht, der 1966 mit acht Jahren die spirituelle Nachfolge seines Vaters antrat. 1973 hatte die Bewegung in Indien Millionen und im westlichen Abendland Zehntausende von Anhängern). Das westliche Hauptquartier der Divine-Light-Mission befand sich in Denver, Colorado. 1974 heiratete der damals 16-jährige Guru seine 24-jährige Sekretärin Marolyn Johnson, was seine vorzeitige Mündigkeit und einen Bruch mit seiner Mutter und seinen beiden Brüdern zur Folge hatte, die den östlichen Zweig der Mission weiterführten, während Rawat die Kontrolle des westlichen Zweiges übernahm. Ähnlich wie Maharishi Mahesh Yogi lehrte bzw. lehrt Prem Rawat eine einfache Meditationsmethode, die zu andauerndem innerem Frieden und zum Bewusstsein der Identität mit dem Göttlichen führen soll. 1987 benannte Rawat die Divine-Light-Mission in »Elan Vital« um, aus der wiederum 2001 die »Prem Rawat Foundation« und 2008 die »Words of Peace Global« hervorgingen. Bis heute bleibt die Bewegung ihren hinduistischen Ursprüngen gemäß an die Präsenz des lebenden Meisters gebunden, der allein imstande ist, die rechtmäßige Initiation zu vermitteln.[9] Missioniert wurden die »Premies«, wie die Schüler Rawats sich nannten, durch den Priester der Christengemeinschaft und Waldorflehrer Diethart Jaehnig (1938-1991), der sie zu Sommerkursen an das von Werner Glas geleitete Waldorflehrer-Seminar in Denver eingeladen hatte. Außerdem wurden sie von Carlo Pietzner in anthroposophischer Heilpädagogik unterrichtet. 1975 kam es zur Gründung der Schule, die allerdings nur zweieinhalb Jahre existierte, bevor sich die hundertprozentigen Anthroposophen von ihr abwandten und ihre eigene Schule ins Leben riefen.[10] Aus der Sicht von Biesantz warf dieser Vorgang die Frage auf, ob »für die Anwendung anthroposophischer Arbeitsmethoden« dasselbe gelten müsse, wie für die Mitgliedschaft in der Anthroposophischen Gesellschaft: »die völlige Freiheit mit Bezug auf die individuellen geistigen und religiösen Entscheidungen« nämlich. Auf das dadurch aufgeworfene »schwere Problem«, an dem »die Lehrerschaft, aber auch die Führenden in der Gesellschaft arbeiten« müssten, gab Biesantz bedauerlicherweise keine Antwort. Muss ein Waldorflehrer »Anthroposoph« sein, um Waldorflehrer sein zu können und wenn ja, was heißt in diesem Kontext konkret: »Anthroposoph sein«? Wenn die Eigenschaft, Anthroposoph zu sein, lediglich durch die Mitgliedschaft in der Gesellschaft bedingt wäre, dann wöge das Problem keineswegs schwer – kann doch »jedermann ohne Unterschied der Nation, des Standes, der Religion, der wissenschaftlichen oder künstlerischen Überzeugung« Mitglied in ihr werden, »der in dem Bestand einer solchen Institution, wie sie  das Goetheanum in Dornach als freie Hochschule für Geisteswissenschaft ist, etwas Berechtigtes sieht«. Egal ob Moslem, Jude, Christ oder Atheist: sofern die betreffenden Menschen im Bestand einer freien Hochschule für Geisteswissenschaft etwas Berechtigtes sehen, können sie Mitglieder der Gesellschaft werden. Die einzige Schwelle, die hier überschritten werden muss, ist die der Anerkennung der Freiheit einer Hochschule, deren Aufgabe die Erforschung der »geistigen Welt« ist. Aber besteht das Waldorflehrerdasein nur in der »Anwendung anthroposophischer Arbeitsmethoden«? Und kann es eine »Anwendung anthroposophischer Arbeitsmethoden« geben, ohne die Anerkennung der Tatsache, dass es »eine wahre Erkenntnis der geistigen Welt« gibt, die »von einer Wissenschaft von der geistigen Welt« »erarbeitet« wird bzw. wurde? Geht der Anwendung »anthroposophischer Arbeitsmethoden« nicht die Anerkennung des Wahrheitsanspruchs der anthroposophischen Geisteswissenschaft voraus? Lassen sich diese ohne Rücksicht auf ihren Ursprung anwenden wie ein Rezept?

Wie gesagt, Biesantz unternahm gar nicht erst den Versuch, die von ihm aufgeworfene Frage zu beantworten. Stattdessen schilderte er eine Episode aus der Zusammenarbeit mit den »Premies« in Detroit: »Ich will es einmal nur vom Menschlichen her schildern, wie es war, wenn Sie dabeisaßen, wenn Werner Glas oder Carlo Pietzner einen Vortrag hielten über Rudolf Steiner als Pädagogen. Oder über den viergliedrigen Menschen, oder über die Sieben-Jahres-Rhythmen usw. Dann saßen diese 50 Kursteilnehmer da und hörten zu, wie sie einem ihrer eigenen geistigen Lehrer zugehört hätten. In vollkommener, offener Hingabe. Das waren nicht irgendwie primitive Gemüter. Viele von ihnen hatten studiert, hatten ihre Examina gemacht, waren intellektuell fähig als Mathematiker oder Forscher. Aber in dem Moment des Zuhörens war diese vollkommen unbewachte Hingabe da an das, was da auf sie zukam. Und wenn etwa Werner Glas in einem bestimmten Moment sagte: ›Hier können Sie erleben, wie eben Rudolf Steiner der größte spirituelle Meister in unserem Jahrhundert gewesen ist‹, dann erzeugte das überhaupt keinen Widerstand, das nahmen sie einfach hin. Nun kann man natürlich sagen, ja, das ist aber doch sehr merkwürdig, wenn das gar keinen Widerstand hervorruft. Denn es müsste ja eigentlich bei ihnen einen Widerstand hervorrufen, wenn sie sich einem bestimmten Guru im Grunde verschrieben haben. Da liegt ein Problem. Aber wo kam denn Widerstand? Widerstand entstand nur dort, wo einzelne von ihnen erlebten, dass Anthroposophen ihnen nicht mit genügend Herzenskräften entgegentraten. Und es war eine ganz merkwürdige Bemerkung, die einer von denen, der Leiter der Unity-School, am Ende dieses vergangenen Jahres machte. Jetzt, wo eine Reihe von Anthroposophen dort zusammengekommen war und mit ihnen gearbeitet hatte (einige hatten auch sogar bei denen gewohnt), da sagte er: ›Ja, ich hatte immer eine gewisse Schwierigkeit, nicht mit Rudolf Steiner, aber mit der Anthroposophischen Gesellschaft. Dieses Jahr aber haben wir Euch eigentlich als Menschen, vor allem auch als Menschengruppe, die zusammenarbeitet, erlebt und jetzt eigentlich akzeptiere ich oder kann ich akzeptieren die Anthroposophische Gesellschaft. Ich habe erlebt, das sind Menschen mit Herzenskräften‹«.

Ebendies aber, so Biesantz, diese Entwicklung von Kräften der Liebe und Toleranz, habe Steiner den in Amerika tätigen Freunden ans Herz gelegt, wie die einzige Meditation bezeuge, die er einer Gruppe dort aktiver Anthroposophen gegeben habe. Zum Abschluss seiner Ausführungen las er diesen Meditationstext vor, der im Protokoll nicht abgedruckt wurde. Er lautet: »May our feeling penetrate / Into the center of our heart, / And seek, in love, to unite itself / With human beings seeking the same goal, / With spirit beings who, bearing grace, / Strengthening us from realms of light / And illumining our love, / Are gazing down upon / Our earnest, heartfelt striving«.[11]

Es erweckte keinerlei Widerstand, wenn Werner Glas sagte: »Hier können Sie erleben, wie eben Rudolf Steiner der größte spirituelle Meister in unserem Jahrhundert gewesen ist«. Hätte es denn Widerstand bei Glas oder Pietzner erweckt, wenn einer der Leiter der Unity-School gesagt hätte: »Prem Rawat ist der größte spirituelle Meister des 20. Jahrhunderts, aber ich will trotzdem die anthroposophischen Arbeitsmethoden anwenden«? Hätten sie gesagt: das ist leider nicht möglich, solange sie nicht anerkennen, dass Rudolf Steiner der größte spirituelle Meister des 20. Jahrhunderts war? Im Grunde kehrt hier das Problem wieder, das sich die Anthroposophische Gesellschaft durch die Beurlaubung Herbert Witzenmanns vom Hals geschafft hatte: kann es eine anthroposophische Gesellschaft geben, die die Nichtanerkennung ihrer Freien Hochschule für Geisteswissenschaft anerkennt? Hebt sie sich damit nicht selbst auf? Nun, vielleicht liegt die Lösung tatsächlich im Hinweis auf die Herzenskräfte: logisch unlösbare Probleme lösen sich mitunter schlicht durch die Praxis, die sie ignoriert.

Die Honoratioren der Gesellschaft jedenfalls schienen bereit, diese unlösbaren Probleme zu ignorieren. Im inzwischen 80-jährigen Otto Fränkl-Lundborg erweckte die Generalversammlung von 1977, wie er an deren Ende kommentierte, den Eindruck, mit ihr beginne »eine neue Epoche im Leben der Gesellschaft, die in der richtigen, glücklichen Weise in die Zukunft« führe. Und der erst 72-jährige Grosse mochte angesichts dieser Euphorie nicht zurückstehen und meinte in seinem Schlusswort, durch diese Versammlung habe sich »eine helle, wärmende Kraft deutlich gemacht«.


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Anmerkungen:

[1] Ruth Glynn, Giancarlo Lombardi (Ed.), Remembering Aldo Moro. The Cultural Legacy of the 1978 Kidnapping and Murder, New York 2012, S. 2.

[2] Bargero bezog sich hier auf einen Topos, den Steiner erstmals 1910 in seinen Vorträgen über die Mission einzelner Volksseelen (GA 121) entwickelte. Hier findet sich sowohl das Motiv der Jurisprudenz in Bezug auf das alte Rom, als auch jenes der Empfindungsseele. Im vierten Vortrag der Reihe (16. Juni 1910) führte Steiner aus: »Alles, was das römische Volk unter Anleitung seines Volksgeistes für die gesamte Mission Europas zu leisten hatte, war dazu bestimmt, dem Ich des Menschen, als solchem, Geltung zu verschaffen. Daher konnte das römische Volk dasjenige ausbilden, was das Ich zwischen die anderen Iche hineinstellt. Es konnte die ganze Summe der Privatrechte begründen. Daher wurde es der Schöpfer der Jurisprudenz, die rein auf das Ich gebaut ist. Wie das Ich dem Ich gegenübersteht, das war die große Frage in der Mission des römischen Volkes. Die anderen Völker, die aus der Kultur des römischen Volkes herausgewachsen sind, hatten schon mehr von dem, was sozusagen aus der Empfindungsseele, aus der Verstandes- oder Gemütsseele und aus der Bewusstseinsseele selbst heraus dieses Ich in irgendeiner Weise befruchtet, dieses Ich in die Welt hineintreibt. […] Alle einzelnen Kulturnuancen und Missionen im Westen Europas finden zuletzt ihre Erklärung darin, dass in der Richtung nach der italischen und pyrenäischen Halbinsel hin dasjenige auszubilden war, was durch die Impulse der Empfindungsseele in das Ich hinein ausgebildet werden konnte. Studieren Sie die einzelnen Volkscharaktere nach ihren Licht- und Schattenseiten, da werden Sie finden, dass Sie bei den Völkern der italischen und pyrenäischen Halbinsel die eigentümliche Mischung des Ich mit der Empfindungsseele haben. Bei den Völkern aber, die auf Frankreichs Boden bis in die neueste Zeit herauf gelebt haben, werden Sie ihre Eigenart begreiflich finden, wenn Sie das Werden und die Vermischungen der Verstandes- oder Gemütsseele mit dem Ich betrachten. Die großen, welthistorischen Erfolge aber, als deren Repräsentant wir Großbritannien betrachten können, sind darauf zurückzuführen, dass der Impuls der Bewusstseinsseele in das menschliche Ich hineingedrängt worden ist. Mit dem, was als welthistorische Mission aus den britischen Ländern hervorging, ist auch zusammenhängend das, was aus der Begründung der äußeren, staatsrechtlichen Form hervorging. Die Verbindung der Bewusstseinsseele mit dem Ich war noch nicht innerlich vorhanden. Wenn Sie aber durchschauen, wie diese Verbindung der Bewusstseinsseele mit dem nach außen getriebenen Ich zustande kam, so werden Sie finden, dass die großen welthistorischen Eroberungen der Bevölkerung jener Insel von diesem Impulse herrühren. Sie finden aber auch, dass das, was da geschieht an Begründungen der parlamentarischen Regierungsformen, sofort verständlich wird, wenn man weiß, dass damit ein Impuls der Bewusstseinsseele auf den Plan der Weltgeschichte hingestellt werden sollte«. GA 121, Dornach 2017, S. 183 f. Bemerkenswert ist hier die Charakterisierung der »parlamentarischen Regierungsform« als eines »Impulses der Bewusstseinsseele«, als eines adäquaten politischen Ausdrucks des Geistes der Zeitepoche also.

[3] In der Theosophie wird die Bewusstseinsseele wie folgt beschrieben: »Indem der Mensch das selbständige Wahre und Gute in seinem Innern aufleben lässt, erhebt er sich über die bloße Empfindungsseele. Der ewige Geist scheint in diese herein. Ein Licht geht in ihr auf, das unvergänglich ist; sofern die Seele in diesem Lichte lebt, ist sie eines Ewigen teilhaftig. Sie verbindet mit ihm ihr eigenes Dasein. Was die Seele als Wahres und Gutes in sich trägt, ist unsterblich in ihr. – Das, was in der Seele als Ewiges aufleuchtet, sei hier Bewusstseinsseele genannt. – […] Der Kern des menschlichen Bewusstseins, also die Seele in der Seele, ist hier mit Bewusstseinsseele gemeint. Die Bewusstseinsseele wird hier noch als ein besonderes Glied der Seele von der Verstandesseele unterschieden. Diese letztere ist noch in die Empfindungen, in die Triebe, Affekte und so weiter verstrickt. Jeder Mensch weiß, wie ihm zunächst das als wahr gilt, was er in seinen Empfindungen und so weiter vorzieht. Erst diejenige Wahrheit aber ist die bleibende, die sich losgelöst hat von allem Beigeschmack solcher Sympathien und Antipathien der Empfindungen und so weiter. Die Wahrheit ist wahr, auch wenn sich alle persönlichen Gefühle gegen sie auflehnen. Derjenige Teil der Seele, in dem diese Wahrheit lebt, soll Bewusstseinsseele genannt werden«. Theosophie, Dornach 1987, S. 47-48.

[4] Nachrichtenblatt, 54. Jahrgang, Nr. 26, 26 Juni 1977.

[5] Rudolf Steiner, Der Dornacher Bau als Wahrzeichen künstlerischer Entwicklungsimpulse, GA 287, Dornach, 25. Oktober 1914.

[6] Als allgemeiner Grundsatz ist diese Aussage falsch. Auch die Hochkulturen der Vergangenheit pflegten sich geographisch auszubreiten. Mit dieser Ausbreitung war jedoch keineswegs ein Fall in den Materialismus verbunden, vielmehr verbreiteten sie jeweils eine spezifische Form von Spiritualität. Dass die europäische Globalisierung mit einer Säkularisierungsbewegung zusammenfällt, ist ein kulturgeschichtlicher Sonderfall.

[7] Vgl. Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, 18.01.1924, GA 260a, Dornach 1987, S. 104-105.

[8] Zu Saul Bellow siehe: 1975 | Prophete rechts, Prophete links und Weltkind in der Mitten

[9] Prem Rawat, persönliche Webseite: http://www.premrawat.com/ | Prem Rawat Foundation: http://de.tprf.org/

[10] Siehe: Henry Barnes, Into the Heart’s Land, Great Barrington 2005, S. 315 f.

[11] Siehe: Henry Barnes, Into the Heart’s Land, Great Barrington 2005, S. 620-621.


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