1978 | Horizontale Schwellen und vergessene Erkenntnisfragen

Erstes Goetheanum in der Landschaft

Erstes Goetheanum in der Landschaft

Die geradezu explosionsartige Ausbreitung anthroposophischer Initiativen im deutschen Sprachraum Ende der 1970er Jahre war zwar einzigartig, in abgeschwächter Form fanden aber auch in anderen Ländern Wachstumsbewegungen statt. Zum Beispiel in Frankreich. Als neuer Berichterstatter meldete sich Paul-Henri Bideau zu Wort, der ein Lehramt an der Sorbonne innehatte, mit Publikationen über Goethe und Steiner hervorgetreten war und Ende dieses Jahres das Generalsekretariat von seiner Mutter Henriette übernehmen sollte. Er teilte mit, dass ein Sechstel der gegenwärtigen Mitglieder der französischen Landesgesellschaft im vergangenen Jahr in diese eingetreten sei. Trotz ihrer relativ bescheidenen Mitgliederzahl hatte sie – gemäß dem geflügelten Wort »ein Anthroposoph, zwei Institutionen« – eine ganze Reihe von Schulen, heilpädagogischen Heimen, landwirtschaftlichen Betrieben und anderen Einrichtungen ins Leben gerufen. Die Mitglieder in Frankreich begannen sich als Teil eines größeren anthroposophischen Gesellschaftszusammenhangs zu begreifen. Lokale Arbeitsgruppen (Zweige) existierten im Land inzwischen an sechs Orten (zwei im Elsass, vier im Großraum Paris).

John Davy berichtete aus England bzw. dem englischen Sprachraum vom Fortschritt der Übersetzungsarbeit an Steiners Werken, deren englischsprachige Auflage sich in den beiden vergangenen Jahren verdoppelt hatte. In Zusammenarbeit mit amerikanischen, kanadischen und australischen »Freunden« visierte man das ehrgeizige Ziel einer englischen »Gesamtausgabe« an (das bis heute nicht realisiert ist). Gleichzeitig appellierte er an die Versammlung, Englisch zu lernen, damit die anthroposophische Arbeit in der westlichen Welt von Mitteleuropa besser unterstützt werden könne.

Danach rückte Arne Klingborg die geplante Ausstellung zum 50jährigen Jubiläum der Eröffnung des zweiten Goetheanum und mit ihr den anthroposophischen »Kunstimpuls« in den Mittelpunkt. Die Ausstellung sollte einen Eindruck von der Entwicklung des Baugedankens vermitteln, dessen erste Manifestation bis zum Münchner Kongress zurückverfolgt werden konnte, und sich schließlich im ersten Goetheanum ab 1913 entfaltete. Ebenso sollte sie die künstlerische Arbeitsweise Steiners dokumentieren. Im ersten Goetheanum, das als Gesamtkunstwerk aufzufassen war, flossen die verschiedensten Künste – Architektur, Bildhauerei, Malerei, Musik, Sprach- und Tanzkunst – zusammen und wurden gleichzeitig erneuert, reformiert. Klingborg hielt diesen Vorgang für »einzigartig« in der Kunstgeschichte. Durch den Brand des Holzbaus und die darauffolgende Weihnachtstagung, die Neubegründung der Gesellschaft, erfuhr auch der Baugedanke eine Umwandlung. Das zweite Goetheanum erschien in Steiners Entwürfen und schließlich in der Ausführung, die erst nach seinem Tod abgeschlossen werden konnte, als etwas radikal anderes und doch als geheime Metamorphose des ersten Baus. Im Zuge der Planung der Ausstellung und der Jubiläumsfeierlichkeiten hatten sich über 50 Architekten zusammengeschlossen, die auf der ganzen Welt »im Sinne« des anthroposophischen »Bauimpulses« arbeiteten. Sie waren in den USA, in Europa, Australien und Japan tätig. Dem im Zusammenhang mit der Ausstellung publizierten Buch über den Bauimpuls Rudolf Steiners,[1] war eine Liste von rund 80 Architekten beigefügt, die sich auf die eine oder andere Weise in ihren Arbeiten auf Steiner bezogen, und vom Japaner Yuji Agematsu bis zum Deutschen Erich Zimmer reichte.[2]

Steiners architektonische Kreativität hatte sich nicht auf den Bau des Goetheanum beschränkt, sondern die gesamte Umgebung mit einbezogen und sich auf eine ganze Reihe weiterer Bauten sowie die Landschaft erstreckt. Hagen Biesantz ordnete das erste Goetheanum, ja den gesamten architektonischen Ansatz Steiners, in die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts ein und machte darauf aufmerksam, dass das vom Manifest des Bauhauses 1919 geforderte Gesamtkunstwerk bereits 1918 auf dem Dornacher Hügel stand. Die Vorstellung eines Gesamtkunstwerks, die aus der Jugendstilbewegung hervorgegangen war, stand mit der Idee eines organischen Baustils in Verbindung, der in vielen Metropolen des ausgehenden 19. Jahrhunderts seine Vertreter fand und aus dem Bedürfnis nach der Verlebendigung der Architektur hervorging.

Dieser der Romanik, Gotik, Renaissance oder dem Barock vergleichbaren umfassenden Kunstbewegung wurde laut Biesantz 1911 der Todesstoß versetzt, als Walter Gropius die erste Fabrik in rein funktionalem Stil errichtete. Im selben Jahr entstand das Modell für den Johannesbau, den Vorläufer des ersten Goetheanum, in München. Während der Jugendstil sein Leben aushauchte, führte Steiner 1907 (Münchner Kongress), 1909 (Modellbau von Malsch) und 1911 (Johannesbau München) das Prinzip der Metamorphose in die Architektur ein, erstmals sichtbar an den Säulenreihen des Münchner Kongresssales. Dieses Prinzip der Metamorphose, dessen Entdecker Goethe war, brachte die Intentionen, die hinter der Forderung nach organischer Architektur standen, gleichsam auf den Begriff und hätte einer wahrhaft lebendigen Architektur zum Durchbruch verhelfen können, wenn es aufgegriffen worden wäre. Stattdessen setzte sich der »Gegenstil« des Unlebendigen, der vom Bauhaus propagiert wurde, als sogenannte »moderne« Baukunst durch.

An der Geschichte der Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts ließ sich laut Biesantz also ablesen, dass Steiner – wie auf vielen anderen Gebieten auch – nicht »außerhalb seiner Zeit« stand, sondern »der Erfüller dessen war, was die Zeit eigentlich wollte«. Auch in der bildenden Kunst verfolgte er das Prinzip, aufzugreifen, was im Werden begriffen war und es seinem eigentlichen Ziel entgegenzuführen. Was für die Architektur galt, galt ebenso für die Malerei. Auch hier zeige ein Vergleich mit Klee oder Kandinsky, dass er durch den Einbezug des real Spirituellen in das künstlerische Schaffen jenen Durchbruch erreicht habe, nach dem seine Zeitgenossen mehr oder weniger scheiternd strebten. »Was Rudolf Steiner in seinem Lebensgang beschreibt« so Biesantz, »dass die Jahrhundertwende bringen würde eine neue geistige Wende in der Menschheitsgeschichte, das empfanden viele. Aber die meisten erwarteten, dass es nur ein neues Seelisches sein würde. Sie erwarteten nicht die Offenbarung einer wirklichen Geistwelt, die der Menschheit wieder zugänglich würde«.

Zweites Goetheanum in der Landschaft

Zweites Goetheanum in der Landschaft

Walther Bühler, Mitbegründer des Vereins für ein erweitertes Heilwesen (1952) und Leiter des von ihm und seiner Frau ins Leben gerufenen Paracelsus-Krankenhauses in Unterlengenhardt (Bad Liebenzell, Schwarzwald, 1957)[3] brachte in die Debatte eine andere Fragestellung ein. Er berichtete von der Ärztetagung in Bad Teinach, die sich unter anderem mit dem Thema »seelische Hygiene und Selbsterziehung« befasst hatte.[4]

Anthroposophische Ärzte wurden durch ihre Patienten zunehmend mit Fragen nach den Hintergründen und Auswirkungen spiritueller Techniken konfrontiert, die aus Asien oder anderen Weltgegenden importiert worden waren, wie z.B. Yoga oder transzendentale Meditation. Daher setzten sie sich nun »das erste Mal in ihrer Geschichte« (sic!) mit diesem Problem auseinander. Dabei schälte sich eine Unterscheidung zwischen Übungen zur »Seelenhygiene«, die auf eine Harmonisierung oder Gesundung des seelischen Kräftehaushalts abzielten und der eigentlichen Meditation heraus, die – wie Bühler es formulierte – »das intimste und wichtigste Mittel auf dem anthroposophischen Erkenntnisweg« sei, »der uns zum Hüter der Schwelle führen soll«. Aber die erkennbar gefährdete seelische Gesundheit verlange nach eigenen Techniken, wie sie beispielsweise von Steiner in seinem Münchner Vortrag über »Nervosität und Ichheit« als Übungen für »jedermann« beschrieben worden seien.[5]

Bei diesen Übungen handelt es sich aber nicht um Meditation im eigentlichen Sinn, sondern wie es in »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?« heißt, um »Bedingungen der Geheimschulung«. In »Wie erlangt man …?« wird die Herstellung von körperlicher, seelischer und geistiger Gesundheit geradezu als erste Bedingung der Geheimschulung bezeichnet: »Die erste Bedingung ist: man richte sein Augenmerk darauf, die körperliche und geistige Gesundheit zu fördern«, heißt es da. Und weiter: »Nur aus einem gesunden Menschen kann gesunde Erkenntnis kommen … Besonders wichtig für den Geheimschüler ist das Streben nach völliger geistiger Gesundheit. Ungesundes Gemüts- und Denkleben bringt auf alle Fälle von den Wegen zu höheren Erkenntnissen ab. Klares, ruhiges Denken, sicheres Empfinden und Fühlen sind hier die Grundlage. Nichts soll ja dem Geheimschüler ferner liegen als die Neigung zum Phantastischen, zum aufgeregten Wesen, zur Nervosität, zur Exaltation, zum Fanatismus. Einen gesunden Blick für alle Verhältnisse des Lebens soll er sich aneignen; sicher soll er sich im Leben zurechtfinden; ruhig soll er die Dinge zu sich sprechen und auf sich wirken lassen. Er soll sich bemühen, überall, wo es nötig ist, dem Leben gerecht zu werden. Alles Überspannte, Einseitige soll in seinem Urteilen und Empfinden vermieden werden. Würde diese Bedingung nicht erfüllt, so käme der Geheimschüler statt in höhere Welten in diejenige seiner eigenen Einbildungskraft; statt der Wahrheit machten sich Lieblingsmeinungen bei ihm geltend. Besser ist es für den Geheimschüler, ›nüchtern‹ zu sein als exaltiert und phantastisch«.[6]

Bühler frug nun, stellvertretend für die Ärzteschaft, nach meditativen Praktiken mit therapeutischen Wirkungen für die seelische Gesundheit und stellte einigermaßen ernüchternd fest: »Meines Wissens ist diese Frage in unseren Zusammenhängen bisher kaum oder gar nicht erarbeitet worden«, und zwar weder in der anthroposophischen Gesellschaft, noch in der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, denn er schloss die Frage an: »Ist eine solche wichtige Sache nicht überhaupt auf Hochschulniveau zu erörtern?«

Als Mitglied des erweiterten Vorstandes der deutschen Landesgesellschaft und der von ihm mitbegründeten Gesellschaft anthroposophischer Ärzte gehörte Bühler zu den intimen Kennern der anthroposophischen Forschungslandschaft. Für eine Institution, zu deren Kernkompetenz die Theorie und Praxis der Meditation und Geistesforschung gehören sollte, waren die von ihm aufgeworfenen Fragen einigermaßen decouvrierend. Wie ist es zu erklären, dass sich beispielweise Rudolf Grosse in seinem Buch über die Weihnachtstagung hochtrabend auf seine eigene (Geistes-)forschung berief, wenn bisher in der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft nicht einmal die elementarsten Fragen der meditativen Technik oder der seelischen Hygiene als Bedingung dieser Technik erörtert worden waren? Auch die folgenden Fragen, die Bühler aufwarf, zielten in diese Richtung: »Hat Meditieren als solches in bestimmter Weise einen Sinn, oder ist das abzulehnen, wenn man nicht den strengen Erkenntnisweg selber geht? Oder gibt es hier einen Bereich, den wir wahrnehmen und ausbauen sollten?« In der Tat; grundlegende Fragen für eine Freie Hochschule für Geisteswissenschaft!

Der Kinderarzt Ingo Hellmers griff den Hinweis Grosses auf den Spiegel-Artikel über Vorschulerziehung auf. Er bekräftigte dessen Feststellung, die Vertreter der Waldorfpädagogik hätten als erste und einzige ihre warnende Stimme vor einer verfrühten Verschulung der Kindheit erhoben, gab aber zugleich zu bedenken, dass inzwischen ein nicht weniger bedenklicher Angriff auf die Kindheit von seiten der Medien erfolge, die insbesondere auf die Beeinflussung des sozialen Verhaltens abziele. Das Problem des entwicklungspsychologisch und sozial schädlichen Medienkonsums beschäftigt Ärzte, Pädagogen und Therapeuten noch heute, allein die Ausmaße der Schäden im Zeitalter des Internets und der Smartphones stellen alles in den Schatten, was vor rund 40 Jahren bereits in seinen bescheidenen Anfängen abzusehen war.

Hellmers erinnerte daran, dass bis Anfang der 1970er Jahre in der wissenschaftlichen Fachwelt Konsens darüber bestanden habe, dass Vorschulkinder nicht nur nicht imstande seien, das Bildschirmgeschehen zu verstehen, sondern auch noch durch vorgelebte Gewalt zur Nachahmung angestachelt würden. Diese Erkenntnisse hätten allerdings dazu geführt, dass nun vermehrt versucht werde, Kleinkinder durch auf sie zugeschnittene Fernsehformate pädagogisch günstig zu beeinflussen. Auch wenn diese Programme mit den besten Absichten produziert würden, seien die Folgen ihres Konsums keineswegs positiver einzuschätzen, als jene von Gewaltdarstellungen, da Kinder im Vorschulalter dem angeblich Guten und pädagogisch Wertvollen genauso wehrlos ausgeliefert seien, wie dem Schlechten. Konditionierung durch Medienindoktrination sei grundsätzlich abzulehnen. Der Versuch, den Medienkonsum zu verhindern, sei jedoch aussichtslos. Daher müsse gefragt werden, welche ausgleichenden Maßnahmen ergriffen werden könnten, um Kinder vor dessen Einfluss oder wenigstens dessen negativen Auswirkungen zu schützen. Als therapeutisches Gegengewicht schlug er eurythmische Aktivitäten der Eltern oder Erzieher mit den Kindern vor.

Hagen Biesantz erhielt gegen Ende der Debatte aufgrund der Frage eines Teilnehmers nach der Abgrenzung der zu gründenden Sektion für Kunstwissenschaft von den anderen künstlerischen Sektionen noch einmal Gelegenheit, sich zum Sinn und Zweck dieser Gründung zu äußern. Der Fragesteller erhielt eine vielleicht nicht erwartete Antwort. Denn Biesantz verwahrte sich unter Berufung auf Steiner vor dem »Programmemachen« und Festsetzen von »Kompetenzgrenzen«. Die Freie Hochschule lebe vielmehr von »dauernden Grenzüberschreitungen der Sektionen«.

Der geheime Hintersinn dieser Bemerkung enthüllt sich möglicherweise erst dem späteren Leser: bestand und besteht doch das Wesen dieser Hochschule in nichts anderem als in der Grenzüberschreitung – allerdings nicht in der horizontalen Überschreitung der Grenzen zwischen den einzelnen Sektionen, sondern in der vertikalen Überschreitung der Grenze von der diesseitigen zur jenseitigen Welt, der Überschreitung der »Schwelle«, nach der bereits Bühler gefragt hatte. Nachdem Biesantz den arglosen Fragesteller ausreichend zurechtgewiesen hatte, bemühte er sich doch noch darum, so etwas wie eine Antwort auf dessen Frage zu geben. Die neue Sektion verhalte sich zu den anderen wie Wissenschaft zur Kunst. Allerdings traf dieses Argument auf eine Sektion nicht zu: auf jene für schöne Wissenschaften nämlich, die einst für Albert Steffen geschaffen worden war. Und man könnte in der Tat fragen, wozu es neben der Sektion für Schöne Wissenschaften, die sich zweifellos mit Kunsterkenntnis – mit Ästhetik, der Theorie der Künste und des Kunstschaffens – beschäftigen sollte, einer weiteren Sektion ähnlicher Ausrichtung bedurfte? Auch die »praktischen Arbeitsgebiete« der künftigen Sektion, die Biesantz benannte: richtige Verwahrung von Kunstwerken, Ermöglichung eines Zugangs zum Goetheanumbau (vermutlich durch Führungen), Bewusstseinsbildung auf diesen Gebieten, wären in der bereits bestehenden Sektion ansiedelbar gewesen.

Am Ende verlor Biesantz selbst noch einige Worte über die Abgrenzung von der Sektion, die Friedrich Hiebel leitete. Die Lebensarbeit Hiebels habe sich auf das literarische, sprachwissenschaftliche und geschichtliche Gebiet erstreckt, während die neue Sektion sich der bildenden Kunst und der Archäologie – seinen eigenen Forschungsbereichen – zuwenden solle. Von Anfang an sei es ein »wesentliches Prinzip« der Hochschule gewesen, »Arbeitsgebiete« aus Menschen entstehen zu lassen und nicht Menschen für abstrakt festgelegte Arbeitsgebiete zu suchen – also erst Lehrstühle zu schaffen und danach die Lehrer zu suchen, die sie besetzen konnten. Aber all dies hätte auch durch eine Umwidmung der Sektion für schöne Wissenschaften erreicht werden können. Genau dies geschah fünf Jahre später, als Biesantz von Hiebel die Sektion für schöne Wissenschaften übernahm und die für ihn gegründete in dieser aufgehen ließ. Wie so oft in der Geschichte der anthroposophischen Gesellschaft wurden auch an dieser Stelle persönliche Divergenzen nicht durch Konsensfindung, sondern durch die Gründung von eigenständigen Institutionen umschifft. Man hätte sich auch auf eine Äußerung Steiners berufen können, die von ihm Februar 1923 zur Begründung seines Vorschlags vorgebracht wurde, den Generationenkonflikt in der Gesellschaftskrise von 1923 durch die Gründung zweier anthroposophischer Gesellschaften zu lösen[7]: »Auf geisteswissenschaftlichem Boden vereinigt man sich dadurch, dass man differenziert, individualisiert, nicht dass man zentralisiert«.[8] Aber bis diese Bemerkung, die in einem spezifischen historischen Kontext gesprochen wurde, der an der Jahreswende 1923/24 bereits wieder passé war, entkontextualisiert zum Argument in einer ganz anderen Diskussion wurde, sollten noch einige Jahre verstreichen.

Die Versammlung klang mit einer höfischen Ergebenheitsadresse an den Vorsitzenden aus, die von der Waldorflehrerin Ruth Reimer vorgetragen wurde, die sich stellvertretend für »viele Menschen« bei Grosse für das Geschenk seines Buches über die Weihnachtstagung bedankte. Dieses habe sich als »besonders hilfreich erwiesen«, »die Beziehungen zur Hochschule zu festigen«. Zu welcher Hochschule?, kann man da nur fragen. Zu jener, die Grenzen nur horizontal überschritt und bis 1978 nicht einmal die elementarsten Fragen der meditativen Praxis zu Forschungsfragen erhoben hatte? Die byzantinische Prosa der Adresse sei den Lesern nicht vorenthalten: »Was heute in der Eröffnungsansprache über die Sphäre des Ätherischen ausgesprochen wurde« so Reimer, »und was immer wieder im Ätherischen begründet werden muss, wurde [durch Grosses Buch] erneut ins Bewusstsein gehoben durch die Art, wie über den Goetheanumbau und über den Grundstein Ausführungen gemacht worden sind«.

Vorheriger Beitrag: 1978 | Kulturpolitik im Zeichen Michaels

wird fortgesetzt


Anmerkungen:

[1] Hagen Biesantz / Arne Klingborg, Das Goetheanum. Der Bauimpuls Rudolf Steiners, Dornach 1978.

[2] Dazu gehörten: der Norweger Jan Arve Andersen, der Däne Erik Asmussen (Erbauer der Kristofferskolan in Stockholm und der Siedlung in Järna), der Engländer David N. Austin (Architekt von Forest Row), der Deutsche Johannes Billing von Billing, Peters und Ruff (Stuttgart Uhlandshöhe u.a.), der Wahlaustralier Walter Burley Griffin (Stadtgestalter von Canberra), der Holländer Fulco Carel ten Houte de Lange, die Japaner Yoshiro Ikehara und Jenji Imai, der Tscheche Gabor Tallo (Architekt der Camphill-Bewegung in Schottland und England), der Bulgare Alexander Tschakalow (Erbauer zahlreicher heilpädagogischer Heime in der Schweiz) usw.

[3] Bevor Bühler seine eigene Klinik eröffnete, arbeitete er als Assistenzarzt 1939-40 und 1949-53 am von Eugen Kolisko gegründeten Sanatorium Burghalde in Unterlengenhardt

[4] Was in der anthroposophischen Gesellschaft vorgeht. Nachrichten für deren Mitglieder, 55. Jg., Nr. 25., 18.Juni 1978.

[5] Rudolf Steiner, Nervosität und Ichheit, München, 11.01.1911, enthalten in: Erfahrungen des Übersinnlichen. Die drei Wege der Seele zu Christus, GA 143, Dornach 1994. Der Vortrag ist auch als Einzelausgabe erhältlich. – Steiner schlägt in diesem Vortrag als Heilmittel gegen Nervosität, die er als Schwächung des Ätherleibes durch mangelndes Weltinteresse interpretiert, vier verschiedene Übungen zu dessen Stärkung vor: das bewusste Verlegen von Gegenständen (gegen Vergesslichkeit), die Veränderung der Handschrift, das Rückwärtsvorstellen von Geschehnissen und Achtsamkeit auf die eigenen Bewegungsabläufe und deren absichtliche Veränderung sowie drei Übungen für die Kultivierung des Astralleibs: Verzicht auf spontane Wunscherfüllung, Handeln aus Überlegung und Zurückhaltung des Urteils. Diese Übungen finden sich teilweise auch in »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?« oder anderen Schilderungen des anthroposophischen Schulungsweges. Da seelische Gesundheit unabdingbare Voraussetzung für das Betreten oder Begehen des eigentlichen Schulungsweges ist, gehören diese Übungen zur Propädeutik der spirituellen Praxis, als solche aber auch zum Schulungsweg selbst.

[6] Rudolf Steiner, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, GA 10, Dornach 1993, S. 103 f.

[7] Auf der Stuttgarter Delegiertenversammlung Ende Februar 1923 wurden tatsächlich zwei anthroposophische Gesellschaften gegründet: die »Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland« unter dem Vorsitz eines »Neunerkomitees« (Carl Unger, Emil Leinhas, Eugen Kolisko, Johanna Mücke, Friedrich Rittelmeyer, Otto Palmer, Jürgen von Grone, Wolfgang Wachsmuth und Louis Werbeck) und die »Freie Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland« unter der Leitung von Moritz Bartsch, Hans Büchenbacher, Jürgen von Grone (der in beiden Gremien saß), Ernst Lehrs, René Maikowski, Wilhelm Rath, Maria Röschl und J.W.G. Schröder. Im »Memorandum«, das Steiner zur Orientierung des Komitees der Freien anthroposophischen Gesellschaft im März 1923 schrieb, findet sich auch der Satz: »Wer für sich die Freiheit haben will, sollte die Freiheit des anderen ganz unangetastet lassen«, der an die Sentenz von Rosa Luxemburg aus dem Jahr 1922 erinnert: »Freiheit ist stets die Freiheit der Andersdenkenden«, aber eine weitere Bedeutung hat, da er sich nicht nur auf das Denken, sondern auch auf das Leben bezieht. (Rosa Luxemburg in: Die russische Revolution. Eine kritische Würdigung, Berlin 1922, S. 109; Rudolf Steiner in: GA 217a, Dornach 1981, S. 207). Die Grundmaxime des freien Menschen lautete in der »Philosophie der Freiheit« 1893: »Leben und Lebenlassen«. – Zu den Vorgängen im Jahr 1923 siehe: 1923 | Ringen um Erneuerung

[8] Rudolf Steiner, Das Schicksalsjahr 1923 in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft, Ansprache vom 28.02.1923, GA 259, Dornach 1991, S. 429.


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Literatur:

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