1978 | Zwischen Erlösungsbedürfnis und anthroposophischer Mission – der Goetheanum-Campus

Zweites Goetheanum 1928

Das zweite Goetheanum wurde 1928 eröffnet – 1978 wurde das 50jährige Jubiläum gefeiert.

Im Schatzmeisterbericht Gisela Reuthers bei der Generalversammlung 1978 spiegelte sich der Mitgliederzuwachs und die zunehmende Attraktivität der Anthroposophischen Gesellschaft.[1]

Die Bilanz wies zum Ende des Jahres 1977 Aktivposten in Höhe von rund 16 Millionen Schweizer Franken aus und Passiva in Höhe von rund 10 Millionen. Die Einnahmen hatten sich, wie bereits erwähnt, erhöht, von 3,9 Millionen Franken 1970 auf 6,3 Millionen 1977. In derselben Höhe und im selben Umfang waren aber auch die Ausgaben gestiegen (von 3,9 auf 6,3 Millionen). Die Einnahmen flossen der Gesellschaft aus Mitgliederbeiträgen, Tagungen und künstlerischen Veranstaltungen, Zinsen, Mieten, Spenden und Legaten zu. Die Beiträge der Mitglieder machten ungefähr ein Drittel aus, ebenso die Spenden und Legate sowie die Einnahmen aus Veranstaltungen, Mieten und Zinsen. Legate (Vermächtnisse) empfing die Gesellschaft nur unregelmäßig, die Mitgliederbeiträge wuchsen mit der Zahl der Mitglieder und die Einnahmen aus Veranstaltungen hingen von der Aktivität des Goetheanum und dem Zuspruch ab, den diese erfuhren.

1972 war der Gesellschaft ein außergewöhnlich hohes Legat von mehreren Millionen Franken aus Honolulu zugeflossen, das in die Bildung von Reserven gesteckt wurde. Zur Finanzpolitik der Gesellschaft gehörte es, die Mitgliederbeiträge relativ gering zu halten und ein Drittel der Kosten möglichst durch Spenden abzudecken. Die Gesellschaft lebte dadurch in einem permanenten Risikozustand, von dem auch alle Mitarbeiter am Goetheanum betroffen waren. Besonders große Aufwendungen wie neue Inszenierungen (Faust, Mysteriendramen, Ausbau des Goetheanum) konnten nur durch Spenden finanziert werden, zu welchen die Mitglieder jeweils aufgerufen werden mussten.

Dass dieses System funktionierte, zeugte laut Gesellschaftsleitung vom Vertrauen, das ihr die letzteren entgegenbrachten. Allerdings waren dies weitgehend projektbezogene Spenden. Zu Spenden für die Arbeit des Vorstandes wurde nicht aufgerufen. Reuther regte an, darüber nachzudenken, ob Mitarbeitergehälter nicht aus der Wagnisfinanzierung herausgenommen werden und aus den regelmäßig fließenden Beiträgen bestritten werden könnten – ein naheliegender Gedanke, der von den Mitarbeitern am Goetheanum und der Gesellschaftsleitung den Druck genommen hätte, jedes Jahr von neuem bangen zu müssen, ob sie auch weiterhin im bisherigen Umfang bezahlt werden würden. Ein großer Teil der Spende aus Honolulu war vom früheren Schatzmeister, Werner Berger, seit 1972 darauf verwandt worden, einen Rentenfonds (Sozialfürsorgestiftung) aufzubauen, aus dem die Ruhegehälter ehemaliger Mitarbeiter und sonstige soziale Zuwendungen bestritten werden konnten. Seit 1972 waren diesem Fonds jährlich zwischen 200.000 und 250.000 Franken zugewiesen worden, nicht jedoch 1977, da die Ausgaben dies nicht zuließen. Hier musste wieder auf Spenden zurückgegriffen werden.

Auch in den folgenden Jahren war eine Steigerung der Ausgaben geplant: die Reisekosten nahmen aufgrund einer intensivierten Auslandsdiplomatie des Vorstandes zu, eine englische Ausgabe der Mitteilungen der Gesellschaft sollte regelmäßig an die betreffenden Mitglieder versandt werden (1978 gab es noch keine Emails und PDF-Dokumente). Die Neuinszenierung des Faust I harrte ihrer Vollendung, der zweite Teil musste im Anschluss daran ebenfalls neu interpretiert werden. Die Ausstellung zum 50jährigen Jubiläum des zweiten Goetheanumbaus samt reich bebildertem Katalog verursachte Kosten und schließlich auch das Gebäude selbst: der Beton bröckelte, die farbigen Glasfenster bedurften des Schutzes, zusätzliche Tagungsräume mussten geschaffen werden und das Nordtreppenhaus war noch immer nicht ausgebaut.

Dem Vorstand wurde Décharge erteilt – mit einer Gegenstimme. Wir kommen darauf zurück.

Wie auch in den vergangenen Jahren setzte sich der wachsende Zustrom der jungen Generation in die anthroposophischen Ausbildungs- und Studienstätten weltweit und am Goetheanum fort. Auch jene, die neu gegründet worden waren, um dieser Nachfrage zu begegnen, vermochten das Interesse kaum zu bewältigen.[2] Jörgen Smit, der Leiter der Jugendsektion, dem seit vergangenem Jahr die Gesamtverantwortung für die Studentenschaft am Goetheanum oblag, berichtete darüber, und stellte einige Überlegungen zur Weiterentwicklung des Campus auf dem »Bluthügel«[3] an.

Nicht zu übersehen war der Drang in die Breite durch die wachsende Quantität, die allerdings manchmal zu Lasten der Qualität ging. Abgesehen von berufsspezifischen Voraussetzungen und entsprechenden Aufnahmekriterien wurden alle Interessenten mit offenen Armen empfangen, soweit der Platz es zuließ. Daher fanden sich sowohl hochqualifizierte Studenten als auch zu nichts qualifizierte ein, »starke Individualitäten«, ebenso wie »Lebensruinen« wie Smit sagte. Allerdings erwiesen sich diese scheinbaren »Lebensruinen« oftmals ebenfalls als »starke Individualitäten«, wenn sie mit der Anthroposophie in Berührung kamen und diese ihr Potential der »Lebensumwandlung« entfaltete. Sie blühten auf und »verzauberte Kräfte« traten überraschend in Erscheinung. Aus der Sicht des kantigen Norwegers lag darin der Sinn einer anthroposophischen Ausbildung: sie sollte »Individualitäten« befreien und ihre verborgenen kreativen Potentiale zur Entwicklung bringen.

Die Studentenschaft gliederte sich laut Smit in drei Gruppen: solche, die sich bereits verantwortlich mit der anthroposophischen Bewegung verbanden, andere, die sie erst kennenlernten und eine dritte Gruppe, die sich zwar von der Anthroposophie angezogen fühlte, ihr aber trotzdem skeptisch gegenüberstand.

Diese innere Differenzierung schuf Probleme. Wie war kontinuierliche Arbeit an der Ausbildung einer anthroposophischen Identität aufgrund hauptsächlicher Beschäftigung mit Steinertexten in Lesekreisen oder Studiengruppen möglich, wenn ständig Nörgler und Zweifler dazwischenfunkten? Wie ließ sich die Tradition unter diesen Umständen effektiv reproduzieren? Smit warf die Frage auf, ob es nicht erforderlich sei, für die unterschiedlichen Gruppen unterschiedliche Angebote zu schaffen: die Anfänger und Zweifler von der heranwachsenden Führungs- und Verantwortungselite zu trennen, um das Gedeihen der letzteren nicht zu gefährden. Einer solchen Gliederung standen allerdings gewichtige pädagogische Argumente entgegen: waren doch die fatalen Auswirkungen von Begabtenauslesen an Kindern zwischen 7 und 14 Jahren nicht zu übersehen. Allerdings, so Smit, könne, was für ein bestimmtes Lebensalter fatal sei, sich für ein anderes als segensreich und notwendig erweisen. Und hier wurde ein anthroposophisches Argument in die Waagschale geworfen: hatte nicht Steiner selbst bei der Einrichtung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft die Notwendigkeit einer Gliederung nach Fähigkeiten unterstrichen? Hatte er nicht bei der Weihnachtstagung betont: » … außerdem ist es schon notwendig, dass irgendwie zum Ausdruck kommt, dass es Stufen der Schulung gibt. Die gibt es eben einfach in der Geisteswissenschaft, sonst, nicht wahr, haben wir wirklich keine Möglichkeit, … zwischen Dilettantismus und Schulung zu unterscheiden. Derjenige, der eben erst die erste Stufe der Schulung hat, ist ein Dilettant für die zweite und dritte Stufe, also, ich denke, wir kommen über diese Fassung nicht hinweg«.[4]

Jörgen Smit zog aus diesem Argument Steiners die Folgerung: »Strenge Gliederung, um Dilettantismus zu überwinden«. Dort, wo die Schulung beginne, die jene Fähigkeiten schaffe, die zur Kulturumwandlung benötigt würden, sei Differenzierung unumgänglich. Sonst drohe das Debakel einer Bergtour, an der sich 20 Menschen beteiligen, die sich am Langsamsten ausrichten müssten, mit der Konsequenz, dass am Ende keiner auf den Gipfel gelange.

Die anthroposophischen Ausbildungsstätten standen vor dem Dilemma, alle Bildungsbedürfnisse zu befriedigen und gleichzeitig den Dilettantismus zu vermeiden. Das Problem, das sich hier eröffnete, verlangte nach einer Lösung. Smit plädierte für einen Grätschgang, der sowohl Differenzierung als auch ihr Gegenteil möglich machen sollte. Er hoffte auch in den »Lebensruinen« auf die »Entzauberung der Geisteskräfte« durch die Anthroposophie, darauf, dass es gelingen werde, die Nörgler und Skeptiker zu überzeugen und die pathologischen Fälle zu therapieren. Wie sollte unter diesen Voraussetzungen anthroposophische Elitebildung möglich sein?

Das Goetheanum entwickelte sich inzwischen zu einem kleinen Campus, 400 Studenten aus Dutzenden von Ländern verteilten sich auf sieben verschiedene Ausbildungsgänge, die meisten besuchten die Eurythmieschulen (161), es folgten die Maler (82), die Pädagogen (54), die Sprachgestalter (48), die Bildhauer (48), die Naturwissenschaftler (20) und diejenigen, die »Anthroposophie« studierten (20).[5]

Für die weitere Entwicklung des Goetheanum-Campus skizzierte Smit drei Alternativen: quantitative Ausweitung mit bis zu tausend Studenten – völlig illusorisch, da nicht finanzierbar und mangels Lehrpersonal nicht zu stemmen; radikale quantitative Schrumpfung und Beschränkung auf eine schlag- und tatkräftige Elitenschulung – nicht wünschenswert, da das Wachstum ja zu begrüßen war; schließlich Dezentralisierung – die Verlegung der verschiedenen Ausbildungsgänge an andere Orte bestenfalls in der Nähe des Goetheanum. Für das Pädagogische Seminar zeichnete sich diese Ausgliederung bereits ab, hier sah Smit vor allem einen Ort, um die künftige Elite heranzubilden; die Aufnahmekriterien waren streng, eine abgeschlossene Berufsbildung und Kenntnisse der Anthroposophie wurden vorausgesetzt, die Ausbildung zielte auf Vertiefung dieser Kenntnisse. Unweit des Speisehauses an der Dorneckstraße stand ein Baugelände bereit, auf dem das Haus des Pädagogischen Seminars errichtet werden sollte. Die Finanzierung des Baus war weitgehend geklärt, ein Seminarverein, der auch für den künftigen Betrieb verantwortlich war, sollte den Haushalt der Gesellschaft entlasten. Allerdings erwies sich der »Kantönligeist« der Schweizer als lästiges Hindernis, eine Institution, die dem deutschen Bund der Freien Waldorfschulen vergleichbar war, zu schaffen, dem die Finanzierung der Waldorflehrerbildung in der Schweiz hätte übertragen werden können.

Das Problem der Elitenbildung ließ Smit nicht los. Noch einmal kam er auf die Studentenschaft insgesamt und ihre Motivationslage zu sprechen. Warum wollten all diese Jugendlichen eigentlich am Goetheanum studieren? Hatten sie die Absicht, sich in den Dienst der anthroposophischen Mission zu stellen? Oder stand der persönliche Egoismus, die Suche nach dem Seelenheil, im Vordergrund? Das Ergebnis einer informellen Umfrage schien auf letzteres hinzudeuten. Auf die Frage: »Warum studieren sie am Goetheanum?«, hatte die Mehrzahl der Befragten nicht etwa geantwortet: »Ich möchte alles tun, um mitzuwirken in der Gegenwart für eine Belebung der Kultur, für die schaffenden Goetheanum-Impulse zu neuen Geistestätigkeiten in der Kultur«, sondern fast ausnahmslos: das Studium »ist wertvoll für meine persönliche Lebensentwicklung«.

Der Drang, sich in den Dienst einer Kulturmission zu stellen, schien also nicht allzu verbreitet, vielmehr stand der Wunsch nach Selbstverwirklichung im Vordergrund – eine Motivation, die das Verhalten all jener bestimmte, die in den 1960er und -70er Jahren zwischen 20 und 30 standen und nicht in den politischen Aktivismus abdrifteten, der oft genug auch nur eine Form der Selbstverwirklichung, des »Egotrips« war.[6]

Smit lehnte die Suche nach Selbstverwirklichung nicht rundweg ab – wie hätte er auch gekonnt? Er diagnostizierte vielmehr in der »Jugend der Gegenwart« »große geistige Kräfte, die verzaubert sind«. Und die Aufgabe bestand darin, diese Kräfte zu »entzaubern«. Das allein reichte aber für den Fortgang der anthroposophischen Bewegung nicht aus. Vielmehr waren aus Smits Sicht »neue Menschen« erforderlich, die nicht nur nach ihrem persönlichen Lebensglück strebten, sondern über »geistige Überschusskräfte« verfügten, die imstande waren, die gesamte Gegenwartskultur »aus der Geisteswissenschaft heraus« zu »durchwärmen«, zu »beleben« und zu »durchpulsen«.

Und diese Belebung, diese Förderung geistiger Überschusskräfte setzte zweierlei voraus: »ernsthaftes denkendes Studium der Geisteswissenschaft« und »meditative Schulung«. Darin bestand der methodische Kern der anthroposophischen Elitebildung, der Schulung der künftigen Vertreter der Anthroposophie und diese Elitebildung sollte nach Smits Auffassung als die vordringlichste Aufgabe des Goetheanum-Campus betrachtet werden. Der Suche nach Selbstverwirklichung konnte auch in »anderen Ausbildungsstätten« nachgegangen werden.

Vorheriger Beitrag: 1978 | Versäumte Versöhnung (2)

wird fortgesetzt


Anmerkungen:

[1] Was in der anthroposophischen Gesellschaft vorgeht. Nachrichten für deren Mitglieder, 55. Jg., Nr. 21, 21.Mai 1978.

[2] Was in der anthroposophischen Gesellschaft vorgeht. Nachrichten für deren Mitglieder, 55. Jg., Nr. 22, 28.Mai 1978.

[3] Seit der Schlacht bei Dornach am 22. Juli 1499, der letzten Auseinandersetzung zwischen dem Schwäbischen Bund und den Schweizer Eidgenossen im sog. Schwabenkrieg, in der ein österreichisches Söldnerheer vernichtend geschlagen wurde, wird der Hügel, auf dem das Goetheanum errichtet wurde, als »Bluthügel« bezeichnet. Kaiser Maximilian I. schloss noch im selben Jahr mit den Eidgenossen den Frieden von Basel. Marie Steiner beschrieb am 18. Juni 1948 die erste Begehung des späteren Baugeländes in einem Brief an Ehrenfried Pfeiffer: »Der Boden um den Hügel herum war durchtränkt vom Blute alter Freiheitskämpfer, an denen die Macht Burgunds zerbrochen war. Im Norden schaute aus der Ferne der Odilienberg auf ihn herunter, die andern Himmelsrichtungen boten dem Blicke eine freie weite Aussicht … Nach dem von Dr. Steiner in Basel gehaltenen Zyklus über das Markus-Evangelium [September 1912] wurde uns zu einer sog. Versenkungswoche als Erholung eine Wohnung [im Landhaus von Dr. Grosheintz] dort angeboten. Merkwürdiges muss Dr. Steiner dort in einer Nacht erlebt haben, denn er trat wie verstört aus seinem Zimmer und es war klar, dass er Schweres von seiner Seele abschütteln musste. Wie mit Anstrengung strich er die düsteren Schatten von seiner Stirne weg«. M. Steiner, Briefe und Dokumente, Dornach 1981, S. 294. Bereits am 3.10.1912 findet sich in einem Brief an Johanna Mücke eine Anspielung auf diese Nacht: »Es gab einige solche Augenblicke in seinem Leben, wo schwere Entschlüsse hatten getroffen werden müssen und wo etwas wie eine Schauung künftigen Unheils vor seiner Seele gestanden haben mag … Es gab einen solchen nach der ersten Nacht, die er auf dem Dornacher Hügel zugebracht hat, obgleich äußerlich nichts geschehen war und es sich zunächst nur um einen freundlichen Erholungsaufenthalt in strahlender Herbstespracht handelte …« Ebd., S. 48.

[4] Die Sätze sind in GA 260, Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen anthroposophischen Gesellschaft, Dornach 1994, S. 132 nachzulesen. Sie fielen in der Diskussion über den von Steiner vorgeschlagenen Paragraphen 3 der Statuten. Dr. Wilhelm Kaiser, ein Astronom, der zeitweise bei Elisabeth Vreede in deren Archiv am Goetheanum mitarbeitete, hatte empfohlen, in der Passage über die geisteswissenschaftliche Schulung, die »stufenweise zu erlangen« sei, dieses »stufenweise zu erlangen« ersatzlos zu streichen. Steiner lehnte dies ab. Paragraph 3 lautet: »Die als Grundstock der Gesellschaft in Dornach versammelten Persönlichkeiten erkennen zustimmend die Anschauung der durch den bei der Gründungs- Versammlung gebildeten Vorstand vertretenen Goetheanum-Leitung in bezug auf das Folgende an: ›Die im Goetheanum gepflegte Anthroposophie führt zu Ergebnissen, die jedem Menschen ohne Unterschied der Nation, des Standes, der Religion als Anregung für das geistige Leben dienen können. Sie können zu einem wirklich auf brüderliche Liebe aufgebauten sozialen Leben führen. Ihre Aneignung als Lebensgrundlage ist nicht an einen wissenschaftlichen Bildungsgrad gebunden, sondern nur an das unbefangene Menschenwesen. Ihre Forschung und die sachgemäße Beurteilung ihrer Forschungsergebnisse unterliegt aber der geisteswissenschaftlichen Schulung, die stufenweise zu erlangen ist. Diese Ergebnisse sind auf ihre Art so exakt wie die Ergebnisse der wahren Naturwissenschaft. Wenn sie in derselben Art wie diese zur allgemeinen Anerkennung gelangen, werden sie auf allen Lebensgebieten einen gleichen Fortschritt wie diese bringen, nicht nur auf geistigem, sondern auch auf praktischem Gebiete‹«.

Steiner wandte gegen die Empfehlung, den Relativsatz zu streichen, ein: »Ja, aber dann ist das nicht ausgedrückt, was ausgedrückt werden soll: dass die Schulung wirklich stufenweise zu erlangen ist. Nicht wahr, wir werden dann aufgedruckt haben auf den Zyklen: Klasse 1, 2, 3. Und außerdem ist es schon notwendig, dass irgendwie zum Ausdruck kommt, dass es Stufen der Schulung gibt. Die gibt es eben einfach in der Geisteswissenschaft. Sonst, nicht wahr, haben wir wirklich keine Möglichkeit, […] zwischen Dilettantismus und Schulung zu unterscheiden. Derjenige, der eben erst die erste Stufe der Schulung hat, ist ein Dilettant für die zweite und dritte Stufe. Also ich denke, wir kommen über diese Fassung nicht hinweg«. –

Vorausgegangen war diesem Dialog eine andere Diskussion, die sich ebenfalls auf die Differenzierung zwischen »Dilettantismus« und »Laientum« auf der einen und »Sach- und Fachkenntnis« auf der anderen Seite bezog und von einem »Herrn Schmidt« in Gang gesetzt worden war (S. 126 f.):

»Herr Schmidt: Ich habe ein Bedenken: Ich stelle mir vor, wenn jemand den Satz liest: ›Ihre Forschung und die sachgemäße Beurteilung ihrer Forschungsergebnisse unterliegt aber der geisteswissenschaftlichen Schulung…‹, dass man bei diesem Satze die Vorstellung haben wird: Hier wird man gewissermaßen einexerziert.

Dr. Steiner: Was wird einexerziert?

Herr Schmidt: Die Vorstellung ist möglich. Mir wäre es persönlich lieber, wenn man schriebe: ›unterliegt der geisteswissenschaftlichen, stufenweise zu erlangenden Schulung, die in den veröffentlichten Werken Dr. Steiners vorgeschlagen ist‹, so dass man nicht den Eindruck haben kann, die Sache ist nicht ganz klar, ist nicht verständlich für den Außenstehenden.

Dr. Steiner: Damit wird aber das Wesentliche, das enthalten sein muss gerade und wegen der Behandlung der Zyklen, eliminiert. Denn was wir erlangen müssen – ich habe es schon erwähnt –, ist das Folgende: Wir müssen das Urteil begründen – ich meine jetzt nicht: logisch begründen, sondern ihm eine wirkliche Unterlage geben, so dass es entstehen kann, dass es – nicht für die Anerkennung der Ergebnisse, sondern für die Beurteilung der Forschung – Menschen gibt mit Sach- und Fachkenntnis, und solche, die darin Laien sind. Diejenigen, die darin Laien sind, die lehnen wir ja in dem folgenden Paragraphen [gemeint ist Paragraph 8] überhaupt ab, lassen uns mit ihnen in keine Diskussion ein. Diesen Unterschied wollen wir, habe ich gesagt, genau ebenso wie auf dem Gebiet der Integration partieller Differential-Gleichungen, einfach einführen. Und damit begegnen wir moralisch der Möglichkeit, dass jemand sagt: Ich habe das Buch von Dr. Steiner ›Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?‹ gelesen, also bin ich für alles kompetent, was da veröffentlicht wird. – Dies muss abgelehnt werden. Also diese Lösung, dass auf Grund der von mir veröffentlichten Schriften ein Urteil zu erlangen ist über alles dasjenige, was noch weiterhin gesprochen wird, das ist gerade abzulehnen. Es wäre falsch, wenn wir das nicht ablehnen würden.

Herr Schmidt fühlt sich missverstanden.

Dr. Steiner: Hier steht: ›Ihre Forschung und die sachgemäße Beurteilung ihrer Forschungsergebnisse unterliegt aber der geisteswissenschaftlichen Schulung, die stufenweise zu erlangen ist‹. Was ist darin unklar? Von einexerzieren ist da nicht die Rede, mehr von dem, dass man auch sonst in der Welt etwas lernen muss, bevor man ein Urteil hat. Es soll eben gerade das abgewiesen werden, dass man anthroposophische Sachen beurteilen kann von anderen Gesichtspunkten aus. Sehen Sie, auch das hat seine Geschichte. Ich will Ihnen die Dinge erzählen. In all diesen Fassungen liegen nämlich die Erfahrungen der Jahrzehnte, von denen gesprochen worden ist. Ich habe einmal einen Vortrags-Zyklus gehalten in Bremen [Steiner hielt nie einen Vortragszyklus in Bremen. Laut Herausgebern könnte es sich um einen Hörfehler handeln. Sie schlagen statt »Bremen« »Berlin« vor und verweisen auf die Vortragsreihe über deutsche Mystik und ihre geistesgeschichtlichen Voraussetzungen, die 1904 an der von Wilhelm Bölsche und Bruno Wille gegründeten Freien Hochschule Berlin stattfand; siehe GA 51. Allerdings ist die Frage, ob es an dieser Freien Hochschule Zugangsbeschränkungen für Hörer gab. Wahrscheinlicher ist eine Veranstaltung im Rahmen der Theosophischen Gesellschaft.] Der war gedacht für einen bestimmten Kreis, nicht gerade durch ihre intellektuelle, aber durch ihre moralische Reife zugelassener Persönlichkeiten.

Und nun hat mir ein sehr bekannter platonischer Philosoph, der von dem Grundsatz ausging: wenn einer Plato ausgelesen hat, muss er auch über Anthroposophie urteilen können – er hat mir Leute hingeschickt, von denen er gesagt hat: Sie sind gute Philosophen, die müssten eigentlich zugelassen werden, denn sie sind urteilsfähig. [Mit dem »platonischen Philosophen« könnte Wincenty Lutosławsky, der Erneuerer des polnischen Messianismus, gemeint sein, der 1910 in der katholischen Zeitschrift »Hochland« Steiners »Geheimwissenschaft im Umriss« kritisierte, selbst Joga praktizierte und 1928 ein Buch über »Präexistenz und Reinkarnation« veröffentlichte. Zu esoterischen Einflüssen bei Lutosławsky siehe: Agata Świerzowska, »Esoteric Influences in Wincenty Lutosławski’s Programme of National Improvement. Prolegomena«.] Sie waren natürlich weniger urteilsfähig als irgendwelche einfache, schlichte Leute, die durch ihre Seelenverfassung urteilsfähig waren. Ich musste sie ausschließen. Also es handelt sich darum, dass wir gerade bei diesem Paragraphen außerordentlich exakt sind, und exakt wären wir nicht, wenn man sagt, dass auf Grundlage der von mir veröffentlichten Schriften die Schulung zu erlangen ist, sondern bei dieser Schulung kommt es darauf an, dass dann für ihre Interpretation der § 8 in Betracht kommt: »Alle Publikationen der Gesellschaft werden öffentlich in der Art wie diejenigen anderer öffentlicher Gesellschaften sein. Von dieser Öffentlichkeit werden auch die Publikationen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft« sagen wir: in der Zukunft die Zyklen – »keine Ausnahme machen; doch nimmt die Leitung der Schule für sich in Anspruch, dass sie von vorneherein jedem Urteile über diese Schriften die Berechtigung bestreitet, das nicht auf die Schulung gestützt ist, aus der sie hervorgegangen sind. Sie wird in diesem Sinne keinem Urteil Berechtigung zuerkennen, das nicht auf entsprechende Vorstudien gestützt ist, wie das in der anerkannten wissenschaftlichen Welt üblich ist. Deshalb werden« und so weiter. – Also diese Forderung des § 3 muss mit der des § 8 zusammenstimmen. Wenn Sie eine Formulierung wissen, bitte! Aber diejenige, die Sie vorschlugen, ist eine ganz unmögliche. –

Deutlich wird an dieser Diskussion, dass Steiner eine Beurteilung der anthroposophischen Forschungsergebnisse »von anderen Gesichtspunkten aus« als jenen, die sich aus der »stufenweise zu erlangenden Schulung« ergaben, scharf ablehnte. Seit der Eliminierung des Paragraphen 8 aus den Publikationen der Nachlassverwaltung ist diese Forderung Steiners vollständig in Vergessenheit geraten. Heutzutage vertreten sogar Inhaber anthroposophischer Lehrstühle die Auffassung, anthroposophische Forschungsergebnisse seien »von anderen Gesichtspunkten aus«, die sich aus dem herkömmlichen Wissenschaftsbetrieb ergeben, zu beurteilen. So zitiert Leonhard Weiss in einer Rezension des von Tomas Zdražil und Peter Selg herausgegebenen Buches Anthroposophie und Hochschule. Geisteswissenschaftliche Perspektiven von Forschung, Studium und Ausbildung (Arlesheim 2017) zustimmend Klünker, Haid und Mackay, die den Unterschied zwischen akademischer und anthroposophischer Geisteswissenschaft nivellieren: »So betont Wolf-Ulrich Klünker, dass Rudolf Steiner ›Geisteswissenschaft nicht als esoterische Alternative zur akademischen Wissenschaft, sondern als Weiterentwicklung verschiedener Wissenschaftsbereiche in einer bestimmten historischen Situation gemeint‹ habe (S. 60) – ein für den gesamten Band zentraler Gedanke. So beschreiben etwa auch Christiane Haid und Paul Mackay die Anthroposophie als ›Wissenschaft vom Geist, die Rudolf Steiner in Fortführung des deutschen Idealismus und der von Goethe gepflegten Erkenntnispraxis in Form einer philosophisch-erkenntnistheoretischen Grundlegung weiterentwickelte‹ (S. 135). Wenn Anthroposophie als ›Weiter-Entwicklung‹ akademischer Wissenschaft zu verstehen ist, ist sie offensichtlich mit der Frage konfrontiert, wie sie sich selbst zu dieser Wissenschaft stellt«. –

Dass die von Steiner begründete »Wissenschaft vom Geist« als Fortführung oder Weiterentwicklung akademischer Wissenschaft »in Form einer philosophisch-erkenntnistheoretischen Grundlegung« hinreichend beschrieben ist, darf bezweifelt werden. – Der einzige Autor, der in der genannten Publikation offenbar wissenschaftskritische Töne anschlägt, Peter Heusser, wird hingegen vom Rezensenten abgekanzelt: »Wenn etwa [bei Peter Heusser] vom ›reduktionistischen Wissenschaftsbetrieb‹ die Rede ist und davon, dass ›diesem die Wissenschaftlichkeit abzusprechen‹ sei, da er ›an seinem veralteten, weder wirklichkeits- noch menschengemäßen Welt- und Menschenbild festhält‹ (S. 39), dann ist zu fragen, ob mit einer solchen sehr pauschalen Einschätzung bzw. Kritik tatsächlich jener Erneuerung und Erweiterung des Impulses moderner Wissenschaft geholfen sein kann, die Rudolf Steiner doch ein zentrales Anliegen war …«. Dass sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts eine Legion von wissenschaftskritischen Wissenschaftlern zu Steiner hinzugesellt hat, die ebenfalls vom reduktionistischen Wissenschaftsbetrieb sprechen und das Selbstverständnis dieses Betriebes radikal in Frage stellen, scheint dem Rezensenten entgangen zu sein. – Die Rezension ist erschienen in: Anthroposophie, Weihnachten 2017, S. 377-380.

[5] Dieses sogenannte Anthroposophie-Studium, das von der allgemein anthroposophischen Sektion verantwortet wurde, führte ein skandalös kümmerliches Dasein. Es bestand aus einem Jahreskurs, in dem unterschiedliche Redner zu den unterschiedlichsten Themen auftraten. Dem »Studium« lag keine systematische Planung zugrunde und es zielte in keine erkennbare Richtung.

[6] Einer der Protagonisten, Cordt Schnibben, heute Ressortleiter im Nachrichtenmagazin der SPIEGEL, meinte rückblickend in einem Gespräch, das 2007 stattfand: »Zunächst einmal waren wir doch wirklich knallharte Egoisten. Wir wollten eine Schule haben, die es uns leichter machte. Wir wollten uns gegen die Eltern durchsetzen. Wir wollten Sex haben. Wir wollten bessere Musik hören. Das waren die Motive, und die haben nichts zu tun mit einer höheren Moral oder mit dem Anspruch, ein besserer Mensch zu sein«. »Provokation, das war das Geile« |  Siehe auch: Cordt Schnibben, Irmela Hannover: I can’t get no. Ein paar 68er treffen sich wieder und rechnen ab, Köln 2007.


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