1979 | Astralmarx oder dummer Hase und kluger Igel

Kursbuch 55, 1979

Kursbuch 55, 1979 – »Sekten«

Im Jahr 1979 wurde der anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft erstmals auch eine gesteigerte Aufmerksamkeit von seiten der Linken zuteil. Die vom Rotbuchverlag publizierte Reihe Kursbuch widmete ihr im März einen Beitrag in einem Themenband über Sekten.[1] Allerdings machte Joseph Huber, der Verfasser dieses Beitrages, der damals als Assistent am Otto Suhr-Institut für Politische Wissenschaften der FU Berlin beschäftigt war, deutlich, dass er in den Anthroposophen keine »Sekte« sah, sondern vielmehr Träger einer »Subkultur«. Er war mit dem Werk Steiners bereits seit längerem vertraut, besonders mit dessen sozialwissenschaftlichen Aspekten. Kontakte bestanden vor allem zum Achberger Kulturzentrum, seine Dissertation Technokratie oder Menschlichkeit, in der er sich u.a. mit Steiners Dreigliederung auseinandergesetzt hatte, war 1978 in der dortigen Verlagsanstalt erschienen.[2] Heute dürfte er vor allem als Begründer der Vollgeldtheorie bekannt sein.[3] In seinem überaus wohlwollenden, teilweise in Ironie und viel linke Selbstkritik gekleideten Beitrag, der ihm bei der Leserschaft des Kursbuches gewiss keine Sympathien eintrug, dafür aber umso mehr vom undogmatischen Geist ihres Verfassers zeugt, schrieb er über »die Anthroposophen«: »Viele von ihnen sind leicht konventionell, aber sie gehen nicht konform. Im alltäglichen Umgang sind sie besonnen, praktisch und hilfsbereit. Sie bilden eine konstruktive und unverschworene Geistesgemeinschaft. Ihre Ideen sind im Grunde subversiv, ihre Praxis ist es in aller Regel nicht«.[4]

Sein Aufsatz trug den Titel: Astral-Marx. Über Anthroposophie, einen gewissen Marxismus und andere Alternatiefen.[5] In neun Kapitelchen handelte der Autor wesentliche Teile der Anthroposophie, insbesondere ihre Anthropologie, ihren Schulungsweg und ihre sozialen Initiativen ab. Im ersten, Hasen und Igel überschriebenen, bekannte Huber: »Mir persönlich ging es mit der Anthroposophie wie im Märchen vom Igel und vom Hasen. Als linke Hasen rennen wir uns nach den sozialistischen Träumen die Hacken ab, und wenn wir wo hinkommen, steht da oft ein anthroposophischer Igel und sagt ›Ätsch, ich bin schon da‹: hier ist ein klassenloses Krankenhaus, dort eine eigene Genossenschaftsbank, da sind selbstverwaltete Kindergärten und Schulen, Verlage, alternative Heil- und Therapieeinrichtungen, Tagungsstätten, freie Kunstakademien, Arzneimittelfabriken, biodynamische Landwirtschaftsbetriebe und anderes. Wo die heutige Linke mit lautem Getöse relativ wenig erreicht, schaffen Anthroposophen im Stillen viel«.[6] Wer sich 1919 nicht für die Diktatur des Proletariats, sondern für die »Dreigliederung des sozialen Organismus« eingesetzt habe, so Huber, sei »von Parteiführern und Gewerkschaftsfunktionären der ›ideologischen Verführung‹ bezichtigt« worden. Die Anthroposophie gelte noch heute als »spiritistisch und okkultistisch«, darum habe sie im materialistischen Weltbild der Linken keine Chance. Dennoch zähle die Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland an die 60.000 Mitglieder, ebenso viele wie der Verfassungsschutz zu den Aktivisten der Linken zähle. Zu den Waldorfschulen, Kindergärten, anthroposophischen Ärzten und heilpädagogischen Heimen hatte er eindrucksvolle Zahlen zu präsentieren und all die anthroposophisch orientierten Institutionen erschienen ihm zusammen mit ihren unzählbaren Sympathisanten als eine Art »multinationaler Konzern«, der praktisch alle Lebensbereiche bewirtschaftete – fünf Jahre bevor Peter Brügge im Spiegel vom anthroposophischen »Weltanschauungskonzern« sprechen sollte. Huber kannte das Internationale Kulturzentrum Achberg (INKA), den Unternehmensverband »Dritter Weg« und das Forum Kreuzberg in Berlin als Initiativen einer anthroposophischen »Linken«, ebenso wie die »Zentrale des Konzerns« in Dornach, »wo nur Eingeweihte wirken und Normalsterbliche, wenn überhaupt, nur zu Besuch kommen«. Die anthroposophische Bewegung sei, »weit besser als die Linke«, im System und den verschiedensten Bevölkerungskreisen integriert, besitze aber auch »außerhalb« des Systems durch ihre eigenen Institutionen einen weit höheren Grad an Unabhängigkeit als jede Alternativgruppierung.

Ein weiteres Bekenntnis legte Huber einleitend ab: »Vielen von uns, die einmal in die Welt des dialektischen und historischen Materialismus eingetreten sind, wurde die anfänglich befreiende Weite allmählich zur öden Leere. Je länger desto mehr erzeugt es Unbehagen, den Sinn des Lebens in der Entwicklung der Produktivkräfte der ›Mega-Maschine‹ zu sehen. Über den Sinn des Todes kann mir kein Genosse etwas Befriedigendes sagen. Die Betrachtung der Welt um und in uns bloß durch die Brille szientifischer Wahrscheinlichkeits-Kalküle wirkt ärmlich. Etwas in uns bleibt da unverstanden und unausgelebt«.[7]

Von Steiner wusste er zu berichten, er habe den sozialistischen Theoretikern seiner Zeit »Seelenblindheit« vorgeworfen und das Basis-Überbau-Schema sowie die Widerspiegelungstheorie seien ihm »persönlich schmerzlich« gewesen. Bereits als Kind habe er eine seelische Verbindung zu Bäumen und Steinen empfunden und von einer Verstorbenen erzählt, die ihm als Achtjährigem erschienen sei. Steiner schien ihm trotzdem »kein Phantast« gewesen zu sein, seinem Alltagsleben habe es nicht an Realitätsbezug gemangelt und er sei zweimal verheiratet gewesen. »Versöhnlerische Parolen« im Klassenkampf habe er abgelehnt, den Parlamentarismus ebenso. Gegen das »scheinheilige Gerede« von der Völkerversöhnung habe er sich gewandt und Parteien als »lebende Leichname« betrachtet. »Kirchen und Religionsdogmen« seien von ihm der »Freiheitsberaubung« bezichtigt worden (hier berief sich Huber auf Walter Kuglers Buch Rudolf Steiner und die Anthroposophie aus dem Jahr 1978). Von Steiners Goetheanismus sprach Huber ebenso, wie von seiner Kritik am szientistischen Reduktionismus, der sich auf die sinnlich wahrnehmbare Welt beschränke. Er wies auf den Schulungsweg hin, der darauf abziele, im Menschen Organe für die Wahrnehmung bzw. Erkenntnis anderer Welten als der sinnlichen zu entwickeln, auf Steiners Anspruch, eine Geisteswissenschaft begründet zu haben, der die verborgenen Welten des seelischen und geistigen Lebens zugänglich seien. Über Steiners Verständnis der geistigen Wahrnehmung schrieb er: »Dieses Wahrnehmen ist jedoch kein bloß passives Betrachten, sondern zugleich ein aktives Ergreifen. Der Vorgang ist ebenso individuell wie kollektiv. Er gilt in gewissem Sinn für das Leben der Einzelmenschen wie für die Entwicklung der Gattung. Und es handelt sich nicht nur um bloß theoretische Selbst- und Welt-Erkenntnis, sondern zugleich um praktisch verändernde Selbst- und Welt-Entwicklung«. Diese Ausführungen kommentierte er mit dem Satz: »Es ist mir, außer in diesem Zusammenhang, noch nie passiert, an den Buddhismus und die Frankfurter Schule zugleich zu denken«.[8]

Zentral für Steiners Anthroposophie sei der Begriff der Entwicklung. Der scheinbare Widerspruch, dass sich Steiner – »der Idealist« – zur materialistischen Entwicklungstheorie Darwins und Hackels bekannt habe, lasse sich leicht lösen, wenn man berücksichtige, dass er nicht »wie der Argument-Materialismus« (gemeint ist die Zeitschrift für marxistische Theorie namens Argument) das Bewusstsein aus dem Sein habe ableiten wollen, sondern vielmehr Materie und Geist als zwei unabhängige Sphären einer Wirklichkeit betrachtet habe, die aufeinander bezogen seien, aber je eigenen Gesetzen gehorchten. Daher trete die Entwicklungslehre in der Anthroposophie auch in einer vergeistigten Form auf.

Zwei weitere Kapitelchen widmete Huber Steiners Anthropologie und dessen Reinkarnationsforschung. Die Dreigliederung der leiblichen Funktionssysteme schien sich ihm durch die »Bioenergetik, Bewegungs- und Atemtherapie« zu bestätigen und Anknüpfungsmöglichkeiten zu Wilhelm Reich zu bieten. Die leibliche Vielgliedrigkeit referierte er ebenso wie die Sonderstellung des menschlichen Ich, das durch seine Autonomie die Grundlage für Steiners »ethischen Individualismus« abgebe, der »nur eine andere Bezeichnung« für Anthroposophie sei und sich in einer »libertär-anarchistischen Haltung« ausdrücke. Das menschliche Ich wandle die Leibes- und Seelenglieder um und entwickle dadurch geistige Wesensglieder. »Durch Arbeit des Ich am Astralleib, wenn dies mehr im kollektiven Sinn, z. B. einer Familie, einer größeren Gemeinschaft, eines Volkes, einer Rasse oder der Gattung geschieht, wird die sog. Empfindungsseele, durch Ich-Einwirkung auf den Ätherleib die sog. Verstandes- oder Gemütsseele und durch Ich-Einwirkung auf den physischen Leib die sog. Bewusstseinsseele«.[9] Hier hätte sich angeboten, den Begriff der »Rasse« zu problematisieren, der in Hubers Aufsatz nur einmal, an dieser Stelle, vorkommt, und daran die Unterstellung des Rassismus zu knüpfen. Aber die Zeit der inflationären Ausweitung des Rassismusbegriffs war 1979 noch nicht gekommen und bis zum Erscheinen des einschlägigen antianthroposophischen Pamphlets, das diesen Vorwurf im Namen der ökologischen Linken breitwalzte, sollte es noch 17 Jahre dauern.[10] Die Herrschaft des Ich über den Astralleib, die Begierden und Leidenschaften, erinnerte Huber an Sigmund Freuds Maxime: »Wo ›Es‹ war, soll ›Ich‹ werden«.[11]

Während aber bei Freud der Mensch nur einmal lebe und sterbe, lebe und sterbe er bei Steiner viele Male. Sein Ich höre mit dem Tod nicht auf zu existieren, sondern verarbeite nach dem Tod seine Erdenerfahrungen und bereite sich auf eine neue Inkarnation vor, um das angesammelte Schicksal weiterzuspinnen und sich selbst weiter zu entwickeln. Die neueren Befunde der Nahtodesforschung schienen Huber für solche Thesen zu sprechen; zustimmend verwies er auf den »Hypnotherapeuten« Thorwald Dethlefsen. Steiners Karmalehre, die dem einzelnen Individuum eine Schlüsselrolle in der Geschichte von Kollektiven zuschreibe, schien ihm zwar nicht mit der marxistischen Auffassung vereinbar, nach der das Individuum Vollstrecker gesellschaftlicher Funktionen sei, trotzdem erkannte er eine »grundlegende Gemeinsamkeit« beider: »Steiner versucht eigentlich nur, in weitergehender Weise ein Wissen und Wollen zu erfassen, das Marx im Grunde ähnlich sieht, nämlich dass nicht ›die Gesellschaft‹ irgendwelche zufälligen Figuren produziert, sondern dass es letztlich die Menschen selbst sind, die ihr gesellschaftliches und individuelles Leben hervorbringen«.[12] Natürlich gehe die Anthroposophie weit über den Marxismus hinaus, da sie eine universelle Theorie sei, die Natur und Kosmos mit einbeziehe. Deshalb, so Huber, »konnte wohl die Anthroposophie etwas schaffen, was der Marxismus jedenfalls nicht geschaffen hat: eine erfolgreiche Erziehungswissenschaft, Pädagogik, Heilpädagogik, die anthroposophische Medizin und die biodynamische Landwirtschaft mit einem ökologischen Wissenshintergrund«.[13]

In einem eigenen Unterkapitelchen referierte Huber ebenso unaufgeregt die pädagogische Anthropologie Steiners und seine Lehre von der sukzessiven Geburt der verschiedenen Wesensglieder, wie er zuvor von Reinkarnation und Karma gesprochen hatte und ging auf die unterschiedlichen pädagogischen Maximen ein, die den verschiedenen Jahrsiebten entsprechen. Während im ersten Jahrsiebt die Umwelteinflüsse im Vordergrund stünden, erlange im zweiten die Autorität an Bedeutung, mit der sich das Kind ungezwungen und freiwillig identifizieren könne. Mit der Geschlechtsreife schließlich trete die intellektuelle Argumentation in ihre Rechte.

Im weiteren Verlauf seines Beitrages setzte sich Huber mit Steiners Gesellschaftslehre auseinander. Aus einem kleinbürgerlichen, aber freidenkerischen Elternhaus stammend, sei Steiner zeitlebens »zwischen den großen Klassenblöcken« gestanden, habe aber Kontakte zu allen ihm zugänglichen Kreisen gepflegt. So habe er in Berlin neben Rosa Luxemburg fünf Jahre lang an der Arbeiterbildungsschule gewirkt, jedoch das Proletariat vor der Sozialdemokratie, vor dem Parteiapparat mit seinen Funktionären bevorzugt. Die Sozialkritik seines »individualistischen Anarchismus« sei nicht nur »anti-kapitalistisch«, sondern auch »anti-bürokratisch« gewesen, er habe den Staatszentralismus ebenso abgelehnt wie eine Parteidiktatur und eine »anti-technokratische« Haltung gegenüber dem Industrialismus vertreten. Marxismus und Sozialdemokratie habe er technokratisches Denken vorgeworfen, den Irrglauben, die Welt ließe sich »bürokratisch-zentralistisch« verbessern, während die revolutionären Eliten in Wahrheit statt einer Emanzipation des Proletariats die Herrschaft über es anstrebten. Da sich Marxismus und Sozialdemokratie laut Steiner dem Dogma von der Vormachtstellung der Ökonomie unterwürfen, hätten sie dem Proletariat den Ungeist der herrschenden Klassen eingeimpft und sie trotz gegenteiliger Bekenntnisse der kapitalistischen »System-Maschinerie« ausgeliefert. Diese Kritik Steiners am Marxismus aus dem Jahr 1919 hielt Huber für noch aktueller als vor 60 Jahren. Auch der Idee der sozialen Dreigliederung gewann er Positives ab, kommentierte er doch Steiners Vorschläge zur Verselbstständigung der drei Systeme Wirtschaft, Recht (Politik) und Kultur mit den Worten: »Allzu abwegig kann der Gedanke nicht sein. Seit Claus Offe und Jürgen Habermas Anfang der 70er Jahre die Unterscheidung von ›sozio-kulturellem System, politisch-administrativem System und ökonomischem System‹ einführten, sind dies analytische Grundkategorien der deutschen Soziologie geworden. Wo ist hier der Unterschied außer in den Wörtern? Regelrecht verblüfft war ich, als mir vor einiger Zeit Serge-Christophe Kolm, ein Ökonom, der in der programmatischen Diskussion der französischen Linken eine gewisse Rolle spielt, sein wirtschaftspolitisches Konzept erläuterte. Es hatte viel mit Selbstverwaltung, Kapital-Neutralisierung und Rahmenplanung durch freie Assoziierung zu tun. Er nannte es ›économie de réciprocité‹ (bzw. ›fraternité‹ oder ›solidarité‹), und er führte es immer auf eine weiter greifende Gliederung der Gesellschaft und die Grundwerte ›liberté, égalité, fraternité‹ zurück. Die Frage, ob er Steiner und die Anthroposophie kenne, beantwortete er mit ›anthrocomment?‹, aber es klang, als würde er sich dauernd darauf beziehen«.[14]

Unter Berufung auf Johannes Hemlebens Steiner-Biografie, die 1963 im Rowohlt Verlag erschienen war, sprach Huber von der »aktiven Toleranz«  – der Bereitschaft, jeder Weltanschauung ihre relative Berechtigung zuzuerkennen – als einem Grundprinzip der anthroposophischen Soziallehre. Dass er dieses Bekenntnis widerspruchslos hinnahm, zeugt davon, dass er mit der realen anthroposophischen Szene und ihrer Geschichte zu wenig vertraut war, – vielleicht blickte er aber auch nur auf Steiners Ideen, weniger auf die real gelebte Anthroposophie, die er allerdings bis zu einem gewissen Grad auch zu kennen schien. Steiner habe sich nicht nur für die grundlegenden, allgemein bekannten bürgerlich-politischen Freiheiten eingesetzt, sondern vor allem auch für die Freiheit des Schul- und Bildungswesens von Staat und Wirtschaft. Die Waldorfschulen versuchten diese Idee in die Tat umzusetzen. Nicht Staat oder Wirtschaft sollten das Bildungswesen bestimmen, sondern umgekehrt, denn nur aus einem freien Bildungswesen könnten nach Steiner auch kompetente Politiker und Wirtschaftsführer hervorgehen.

Wie jedem Anarchisten sei Steiner die Staatsmacht »zutiefst verdächtig« gewesen. Aber er habe nicht »naiv« dessen Überwindung gefordert, sondern die Entflechtung seiner Systeme, die dezentrale Verwaltung seiner Institutionen und die effektive Begrenzung seiner Macht. Wie Engels habe er sich dafür eingesetzt, die Macht über Personen durch die Verwaltung von Sachen zu ersetzen, sich aber im Gegensatz zu jenem vehement gegen Eingriffe des Staates in Wirtschaft oder Kultur ausgesprochen. Auch andere Größen oder Vorgänge, die als Teil des Wirtschaftsprozesses verstanden würden, habe er aus diesen ausgliedern wollen: Grund und Boden, das Geld, dem er keinen Wirtschaftswert, sondern einen rechtlichen zugesprochen habe, Unternehmen, die in niemandes Besitz sein könnten, sondern lediglich im Verfügungsrecht der Fähigen, schließlich die Arbeitskraft, deren Verkauf dem Proletariat die Menschenwürde nehme. In all dem zeige sich die Anthroposophie »überraschend marxistisch« – oder die politische Ökonomie des Marxismus überraschend »anthroposophisch«. Auch durch diese Thesen dürfte sich Huber bei den Vertretern des Argument-Marxismus keine Freunde gemacht haben. Sogar die marxistische Entfremdungstheorie fand er bei Steiner wieder: würden doch seiner Ansicht nach rechtliche und kulturelle Beziehungen zwischen Menschen im Kapitalismus zu Waren herabgesetzt. Allerdings sei die rein ökonomische marxistische Kritik am Kapitalismus nach Steiner verfehlt, vielmehr liege die Lösung der gesellschaftlichen und sozialen Probleme im Gebiet der Kultur, des Geisteslebens.

Im Zentrum des anthroposophischen »Wirtschaftskonzepts« stehe die Idee der Assoziation, die freie Vergemeinschaftung selbstverwalteter Unternehmungen arbeitender Menschen. Daher habe sich der »Bund für Dreigliederung« (ab 1919) auch für die Unternehmensleitung durch Betriebsräte eingesetzt, diese allerdings anders verstanden, als die damaligen Sozialdemokraten. Die Assoziationen der selbstständigen Unternehmen sollten nicht nur Unternehmer, sondern auch Händler und Konsumenten in sich vereinigen und so beispielsweise eine gerechte Preisbildung und eine bedarfsgerechte Produktion ermöglichen. Die Dreigliederung sehe außerdem eine »Neutralisierung« des Kapitals vor: die Rechtsgemeinschaft übergebe Gelder und Produktionsmittel treuhänderisch und jederzeit widerrufbar in fähige Hände, aber mit dieser Übergabe sei keine Eigentumsübertragung verbunden. Jede Art von Verstaatlichung werde von ihr ebenso verworfen wie bürokratische Kollektivierungen. Die treuhänderische Selbstverwaltung der Wirtschaft ziele nicht auf abstrakte Gleichheit (gleicher Lohn für gleiche Arbeit), sondern auf Gerechtigkeit, d.h. auf eine dem einzelnen Individuum und seinen Fähigkeiten sowie dem sozialen Ganzen gerecht werdende Form gesellschaftlicher Arbeit. Statt wie im Marxismus heiße es in der Dreigliederung nicht »jedem nach seiner Leistung, nach seinen Bedürfnissen«, sondern »jedem nach seinen Fähigkeiten«, weshalb Autoren wie Wilhelm Schmundt auch von einer Fähigkeitenwirtschaft sprächen. Die erwirtschafteten Erträge sollten brüderlich (solidarisch) verteilt werden und jeder erhalten, was er benötige und die Gemeinschaft ihm rechtens zubillige. Lohn und Leistung müssten in der Konsequenz entkoppelt werden – eine Forderung, die der Unternehmensverband »Dritter Weg« in Achberg vertrete und zu verwirklichen suche. Zwar sei der Bund für Dreigliederung historisch bald wieder in der Versenkung verschwunden, aber die Idee dieser Gesellschaftsform lebe munter fort und übe nach wie vor ihre Faszinationskraft aus.

Ein weiteres Kapitelchen mit dem Titel Von Marx zu Steiner und zurück widmete Huber einem Vergleich zwischen beiden. Während Marx zu »materialistischer Vereinseitigung« tendiere, lasse Steiner auch das Ideelle »als etwas Eigenständiges« gelten, Marx vertrete eine deterministische Auffassung des Geschichtsprozesses, Steiner eine organische, die mit Selbstorganisation und vielfältiger Wechselwirkung der gesellschaftlichen Subsysteme rechne, Marx glaube an eine endgültige Lösung der sozialen Frage (Diktatur des Proletariats), Steiner hingegen sehe in ihr ein ewiges Problem, das ständig nach neuen Lösungen verlange – er sei daher ein Vertreter der »permanenten Revolution« – oder zumindest »permanenter Evolution«, Marx fasse den Menschen als gesellschaftliches Wesen auf und definiere ihn durch seine Klassenzugehörigkeit, Steiner dagegen betrachte ihn als Menschen, der dem Menschengeschlecht, der Erde und dem Kosmos angehöre und sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus entfalte. Während sich Marx eine Veränderung der Gesellschaft von einer Systemveränderung erhoffe, plädiere Steiner für eine Selbstveränderung des Menschen. Marx denke zentralistisch, Steiner libertär und autonomisch. Verwandt seien beide in ihrer Kritik am Warencharakter der Arbeit, aber Marx spreche der Arbeit inkonsequenterweise doch einen Wert zu, während Steiner die Arbeit aus dem wirtschaftlichen Wertkreislauf ausklammere und nur den erzeugten Produkten einen Wert zugestehe. Beide strebten nach einer Wirtschaft, die sich an den Lebensbedürfnissen der Menschen ausrichte, Marx sehe jedoch im Kapital nur einen Ausdruck der materiellen Arbeitsprozesse, während Steiner in ihm einen Ausdruck des gestaltenden Geistes erkenne. Konsequent wolle der Marxismus das Privateigentum unterdrücken bzw. abschaffen, die Dreigliederung dagegen strebe auch im Bereich des Eigentums Selbstverwaltung und Selbstverfügung an, dort, wo es berechtigt sei, also nicht in Bereiche eingreife, die dem Privatbesitz entzogen werden müssten, z.B. Grund und Boden oder eben Arbeitskraft durch den Zwang zu deren Verkauf auf dem »Arbeitsmarkt«. Marx verbanne mit den Kapitalisten das Unternehmertum überhaupt aus der Welt, Steiner plädiere für die Freisetzung des unternehmerischen Geistes eines jeden Menschen.

In einer weiteren Hinsicht seien die beiden vergleichbar: sie seien durch ihr hinterlassenes Schriftwerk zu Führern sozialer Bewegungen geworden, der Marxismus habe sich jedoch als unvergleichlich wirkmächtiger erwiesen, als die Anthroposophie. Marx habe sich an eine bereits vorhandene soziale Bewegung angeschlossen, Steiner habe eine solche erst gestiftet. Daher sei das Problem der Anthroposophie auch das Sektierertum, im Marxismus dagegen der Bürokratismus.

Das letzte Kapitelchen schließlich, mit dem Titel Von Normalsterblichen, Anthroposophen und Anthropoposophen (auch dies wohl kein Druckfehler), enthält einige allgemeine Schlussfolgerungen, deren Adressat nicht immer ganz klar ist. »Jeder rezipiert eben Steiner, so gut er kann« so Huber, »und ganz ohne böse Absicht, wie er ihn braucht. Ich möchte mich da nicht ausnehmen. Und wie einem manche Marxisten den Marxismus verleiden können, so manche Anthroposophen die Anthroposophie«.[15] Oder noch einmal, vergleichend: »Und auch dies berührt den Marxismus und die Anthroposophie gemeinsam, dass manche ihrer Mitläufer sie zu einer Art Kirche und Religion stilisieren. Sie bestreiten dies natürlich gleichermaßen heftig. Der Personenkult um Steiner ist ähnlich ausgeprägt, nur etwas sublimer als der um Marx. Einen Anthroposophen, der mit Steiner-Porträts demonstrieren geht, kann ich mir tatsächlich nicht vorstellen. Sie tragen ihn nicht zu laut, schon eher zu leise mit sich herum. Bei einigen fehlt nur noch der Antrag beim Heiligen Stuhl in Dornach, sein Name werde unaussprechlich. Über den sublimen Kontakt zu den höheren Welten verliert nicht nur so mancher Anthroposoph den Kontakt zu den niedrigeren, etwa jenen, die unterhalb der Gürtellinie liegen. Wer da die Mahnung des Meisters nicht beherzigt, dass ›im Denken nicht das Leben verloren werden‹ darf, bei dem wird die fromme Beklommenheit vor den Leibesrätseln leicht verklemmt«.[16] Heilige und Scheinheilige gebe es überall, auch unter Anthroposophen, Menschen, die ihre Vergeistigung ostentativ zur Schau trügen, verärgerten ihn, aber die weitaus meisten Anthroposophen, die er kenne, stünden mit beiden Füßen auf dem Boden. Schließlich, abschließend, die Einladung zum Gespräch und zur beidseitigen Horizonterweiterung: »Ich möchte sagen: über Marx hinaus- und an Steiner nicht vorbeigehen. Vielleicht ist eine unbefangene Begegnung nicht möglich, aber eine Begegnung überhaupt wäre ja auch schon etwas. Wer 1968/69 bei der Begegnung mit Marx gleich ›Marxist‹ wurde, braucht dies 1978/79 mit Steiner ja nicht gleich zu wiederholen. Spirituelle Gedanken können spiritistischer Unfug sein, sie können aber auch Inspiration bedeuten. Man kann schließlich nur dazulernen«.[17]

Dieser Artikel Hubers im damaligen »Leitorgan« der Neuen Linken war nicht weniger als ein Verhandlungsangebot. Als solches wurde er auch von den wenigen Anthroposophen, die ihn zur Kenntnis nahmen, begrüßt.

Martin Barkhoff schrieb darüber am 13. Mai in Das Goetheanum: »[W]er jetzt vermutet, da hätten die sattsam bekannten perfiden Gegner der Anthroposophie wieder einen tückischen Hieb ausgeteilt, hat falsch geraten. Vielmehr bringt der Artikel die längst überfällige Darstellung der anthroposophischen Bewegung für die ›Nach-1968-Generation‹, und das Kursbuch ist das denkbar beste Medium, die selbständigen Köpfe dieser Generation zu erreichen […] Wer mit der in der Öffentlichkeit bisher so misshandelten Anthroposophie mitleidet, dem tut es wohl, dass Huber die Sektenproblematik der Anthroposophie immer in drastischer Parallele zu den vergleichbaren Erscheinungen im Marxismus behandelt«.[18]

Nothart Rohlfs, der im Februar bereits die Dissertation Hubers rezensiert hatte, war im Juli/August-Heft der Zeitschrift Die Drei noch um einiges euphorischer: »Endlich mal etwas, was man Nichtanthroposophen als Information über Anthroposophie guten Gewissens vorlegen kann! […] Was unter dem phantastischen Titel ›Astral-Marx‹ seinen Anfang nimmt, wirkt zunächst durch seine Offenheit und Unvoreingenommenheit verblüffend und ungewöhnlich, wird durch die Art der Darstellung spannend und erscheint schließlich aufgrund seiner Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit als treffend und überzeugend – sozusagen als eine durchweg gelungene Sache […] Die Relevanz eines Artikels über Anthroposophie im Kursbuch kann man ungefähr ermessen, wenn man weiß, dass das Kursbuch bereits seit längerem eine der geschätztesten und am weitesten verbreiteten Publikationen der neu-linken Szene ist«.[19]

Schließlich Peter Schilinski (1916-1992) in der von Helmut Finsterlin herausgegebenen Zeitschrift Erde und Kosmos Anfang 1980: »Huber erklärt die Dreigliederung in seinem ›Astral-Marx‹ durch treffende Zitate aus dem Sozialwerk Steiners (und nicht seiner Nachkömmlinge). Die Art, wie er einerseits Steiner zitiert und ihn andererseits mit den neuesten Entwicklungen in der Linken in Verbindung bringt, erinnert mich an Aussprüche Steiners, die ›besten‹ Dreigliederer würden ehemalige Marxisten sein. Warum? Weil sie sich über den Kapitalismus keine Illusionen machen, und weil für sie immer die soziale Frage der Menschheit an erster Stelle steht. Ich will Huber nicht beleidigen und ihn als Dreigliederer definieren. Aber auf jeden Fall ist er ein Linker, der die Dreigliederung entdeckt hat – und der nicht zögern wird, sie gegebenenfalls als ›libertären Marxismus‹ in die Linke einzubringen«.[20]

Wovon zeugten diese Urteile? Von blauäugigen Hoffnungen, von falschen Erwartungen, von der Bereitschaft, einen Überläufer mit Lob zu überhäufen? Jedenfalls las die Mehrzahl der Anthroposophen kaum das Kursbuch und die Achberger galten zwar nicht den Rezensenten, aber genug anderen als »unanthroposophisch«, da zu politisch. Außerdem waren Anthroposophen, sofern sie Mitglieder der Gesellschaft waren, mit weitaus wichtigeren Problemen beschäftigt, wie ein Blick auf die Generalversammlung dieses Jahres zeigen wird. Und die marxistischen Sekten, deren es viele gab, waren hauptsächlich mit Abgrenzung untereinander beschäftigt und nicht an einem Dialog mit esoterisch angehauchten Alternativbewegungen interessiert.[21]

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wird fortgesetzt


Anmerkungen:

[1] Kursbuch 55, Sekten, Berlin, März 1979. Das Kursbuch wurde von Karl Markus Michel und Harald Wieser unter Mitarbeit von Hans Magnus Enzensberger herausgegeben.

[2] Die Dissertation wurde beim Erscheinen von Ossip K. Flechtheim in Die Zeit rezensiert. Flechtheim war Professor am Otto Suhr-Institut, an dem Huber seine Dissertation verfasst hatte, und Mitbegründer des linksliberalen Republikanischen Clubs in Berlin. Flechtheim schrieb über Huber u.a.: »Der Mitarbeiter von Ota Šik und Fritz Vilmar geht über deren Konzeption eines Dritten Weges jenseits von Kapitalismus und Staatskommunismus hinaus, indem er in kritischer Auseinandersetzung mit Marx Elemente aus der Tradition von Proudhon (den er freilich nicht erwähnt), Burnham, aber auch des funktionalen Sozialismus des Schweden Adler-Karlsson und der Geld- und Kredittheorie des Steiner-Anhängers Schwundt aufnimmt.

Mit diesen Bausteinen errichtet Huber ein humanes und radikaldemokratisches Gegenmodell gegen den ›etatistischen Monopolkapitalismus‹ des Ostens wie gegen den ›konzentristischen‹ des Westens. Für ihn besteht ›die grundlegende Alternative […] immer weniger zwischen Kapital und Arbeit und dafür immer mehr quer durch alle Klassen und rund um die Erde zwischen Technokratie und Menschlichkeit‹ […] Was Huber zur Politik, Justiz und Kultur zu sagen hat, ist weniger detailliert und originell. Sein Begriff der Demokratie als Dialog und Gleichgewicht zwischen Diktatur und Anarchie, seine Vorstellung von antagonistischer Kooperation oder von der Vielfronten- und Doppelstrategie bleiben vage.

Fraglich ist auch, ob er nicht das noch immer beachtliche Gewicht des Kapitals im Vergleich zu Technokratie und Demokratie unterschätzt. Nicht recht deutlich wird das Menschenbild, das seinem neuen System zugrunde liegt. Es scheint von dem Ideal der Herrschaftslosigkeit und der Liebe im Sinne Erich Fromms geprägt zu sein«. Ossip K. Flechtheim, Neben dem Dritten Weg. Grundzüge einer neuen Gesellschaftstheorie, Die Zeit, 16. März, Nr. 12 1979.

[3] Joseph Huber, Vollgeld. Berlin 1998; ders., Monetäre Modernisierung. Zur Zukunft der Geldordnung: Vollgeld und Monetative, Marburg 2016. Siehe auch: https://www.vollgeld.de sowie https://www.vollgeld-initiative.ch

[4] Ebd., S. 159.

[5] Ebd., S. 139-161. Beim Titel handelt es sich nicht um eine Verschreibung, sondern um eine ironische Verfremdung.

[6] Ebd., S. 139.

[7] Ebd., S. 140.

[8] Ebd., S. 142.

[9] Ebd., S. 144.

[10] Jutta Ditfurth, Entspannt in die Barbarei, Hamburg 1996 (Konkret Literatur Verlag).

[11] Ebd., S 145.

[12] Ebd., S. 146.

[13] Ebd., S. 146.

[14] Ebd., S. 150.

[15] Ebd., S. 158.

[16] Ebd., S. 158-159.

[17] Ebd., S. 159.

[18] Das Goetheanum, S. 149-150, 58. Jg. 1979, Nr. 19

[19] Die Drei, Heft 7/8 1979 S. 473-474.

[20] Erde und Kosmos, Zeitschrift für anthroposophische Natur- und Menschenkunde, 6. Jg. Januar/März 1980, S.59-60.

[21] Siehe Gerd Koenen, Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution, Frankfurt 2011.


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