1979 | Vergangenheit, die nicht vergehen will

Clara Kreutzer, 1896-1992

Clara Kreutzer, 1896-1992

Am 25. Februar 1979 lud der Vorstand der anthroposophischen Gesellschaft, bestehend aus Rudolf Grosse, Friedrich Hiebel, Hagen Biesantz, Jörgen Smit, Manfred Schmidt-Brabant und Gisela Reuther die Mitglieder zur Generalversammlung ein, die dieses Jahr am 8. April, einem Palmsonntag, stattfand.[1]

Zur Diskussion standen drei Anträge: eine vom Vorstand eingebrachte Änderung des Paragrafen 4 im Statut, der sich auf die Mitgliederaufnahme bezog, ein weiterer zur Erhöhung der Mitgliederbeiträge und Anträge von Barbara und Christian Brühl sowie Bernhard Hartmann zur Mitgliedschaft von Herbert Witzenmann im Vorstand der Gesellschaft. Wie sich noch zeigen sollte, wurde im Verlauf der Debatte auch ein weiterer, vorab nicht veröffentlichter (und damit statutenwidriger) Antrag auf Abberufung Herbert Witzenmanns aus dem Vorstand von Richard Grob, Generalsekretär der Schweizer Landesgesellschaft, durch die Versammlungsleitung zugelassen. Der Erhöhung des Beitrags um 20 Franken pro Jahr war schnell zugestimmt, während die Auseinandersetzungen um die Statutenänderung und vor allem jene über das »beurlaubte« Vorstandsmitglied den ganzen Nachmittag und Abend des Palmsonntags in Anspruch nahm. Laut Antrag des Vorstandes zu Paragraf 4 sollte es künftig nicht nur dem Vorsitzenden der Gesellschaft, sondern auch einem von ihm benannten Stellvertreter (einem anderen Vorstandsmitglied) erlaubt sein, die Ausweise neuer Mitglieder zu unterzeichnen. Erinnert man sich an die einstigen Kämpfe, die über diese Frage im Verlauf der Gesellschaftsgeschichte ausgefochten wurden, überrascht die Komplikationslosigkeit der Zustimmung zu diesem Vorschlag, der mit 6 Neinstimmen angenommen wurde.[2] Bevor wir uns der Diskussion um Herbert Witzenmann zuwenden, sind jedoch die Verhandlungen zu betrachten, die ihr vorausgingen.

Rudolf Grosse erinnerte in seiner einleitenden Ansprache[3] an die Höhepunkte des vergangenen Arbeitsjahres: die Aufführung der vier Mysteriendramen zu Weihnachten, die Michaeli-, Sommer und Ostertagung, die Neuinszenierung des ersten Teils von Goethes Faust, vor allem aber daran, dass 1978 die Eröffnung des zweiten Goetheanum ihren 50. Jahrestag erlebt hatte. Er erinnerte an den »bedeutenden geistigen Einschlag«, den Steffen durch einen Vortrag über das Goetheanum als »geistige Heimat« bei diesem Anlass gegeben habe und an dessen Worte: »Die Anthroposophische Gesellschaft ist nicht fertig, sondern im Entstehen; sie bleibt nicht stehen, sondern sie nimmt ab oder zu, und nicht nur der Quantität, sondern auch der Qualität nach, je nach den Menschen, die in ihr wirken. Sie kann nur lebendig bleiben durch schöpferische Menschen«. »Atemlos« habe damals die Gesellschaft diese »weckenden Worte« in sich aufgenommen, ebenso wie das Gedicht, mit dem Steffen seine Ansprache schloss: 

Ich bin
mehr als das tote Gestein,
weil der Vater als Weltengestalter
aufrechten Gang meinem Körper gegeben. 

Ich bin
mehr als die schlafende Pflanze,
weil der Sohn als Weltenwort in meinem Herzen wohnt.

Ich bin
mehr als das träumende Tier,
weil der Geist als Weltgedanke mein Haupt erleuchtet. 

Ich bin Mensch,
Schöpfer an der Gemeinschaft freier Wesen,
Miterlöser aller Kreaturen durch Wahrheit,
durch liebende Worte, durch Taten, die stark sind. 

Alsdann brachte Grosse eine Erzählung vor, durch die er den Gedanken der lückenlosen Sukzession innerhalb der Gesellschaftsleitung illustrierte, indem er die Gegenwart an die Vergangenheit anknüpfte. Nach der Ansprache Steffens, so Grosse, seien zwei Lehrer, ein 23jähriger und ein 25jähriger, die auch heute anwesend seien, vor das Goetheanum getreten und hätten dort eine Schar von Kindern angetroffen, darunter einen »zwölfjährigen mageren Knaben« namens Jörgen, ein quirliges, vierjähriges Mädchen namens Gisela, einen »etwas rundlichen« Vierjährigen namens Hagen, der immer von Jörgen Huckepack habe getragen werden wollen, sowie ein »unglaubliches Wiesel«, den zweijährigen Manfred. Die beiden Lehrer hätten sich gefragt: »Was wird aus diesen Kindern wohl werden in 50 Jahren? Werden sie ihre Geburt, die sie da durchgemacht haben, auch verbinden können mit dieser ›geistigen Heimat‹?«

Und siehe da: bei der Eröffnung des zweiten Goetheanum, als Marie Steiner 52, Elisabeth Vreede 49, Albert Steffen 44 und Guenther Wachsmuth 35 Jahre alt waren, sei die Gegenwart des damaligen Vorstands seiner eigenen Zukunft gegenübergestanden, die heute am Tisch des Vorstandes sitze. Diese »phantasievolle« Erzählung Grosses, die wenig mit den historischen Tatsachen zu tun hatte, machte jedenfalls eines deutlich: dass der inzwischen 74jährige sich trotz aller Brüche und Verwerfungen in der Geschichte des Vereins, dem er vorstand, als Träger seiner »geistigen Kontinuität«, des »esoterischen Stroms« betrachtete, der durch Rudolf Steiner bei der Weihnachtstagung 1923 in sie hineingegossen worden war. Denn Grosse ging von dieser phantasievollen Anekdote nahtlos zum Gründer der Gesellschaft und den »inneren Richtlinien« über, die dieser für sie festgelegt hatte, so als ob zwischen imaginierter Geschichte und historisch gewordener Imagination kein Unterschied bestünde.

Zwei dieser »Richtlinien« hob Grosse hervor. In Wahrheit handelte es sich nicht um Richtlinien Steiners, sondern um deren Grossesche Lesart. Die Frage, wie die Gesellschaft »volle Öffentlichkeit mit der tiefsten, ernstesten, innerlichsten Esoterik« verbinden könne[4], habe Steiner damit beantwortet, dass es notwendig sei, all ihre Versammlungen »aus dem Vereinsmäßigen im gewöhnlichen Sinne des Wortes« herauszuheben, ja, dass die Gesellschaft den Versuch darstelle, »mit all dem, was Vereinswesen ist, zu brechen, und das Geistige durchscheinen zu lassen durch jede einzelne Handlung«.[5] In einem Land, in dem »das Vereinsmäßige« so blühe wie in der Schweiz, sei durchaus fraglich, ob hinreichend verstanden werde, was dieser radikale Bruch mit allem Vereinsmäßigen bedeute, so Grosse.

Zur Illustration seines Verständnisses dieses Bruchs wies Grosse – natürlich ohne sie explizit als solche zu bezeichnen – auf die absolute Machtvollkommenheit des Vorstandes hin. Diesen Anspruch trug er verklausuliert in Gestalt einer Interpretation des Begriffs des »Initiativvorstandes« vor, eines Begriffs, den Steiner geprägt hatte.[6] Dieser sei so zu verstehen, dass der Vorstand »seine Aufgabe und seine Tätigkeitsimpulse nicht von der Mitgliedschaft entgegennehmen« könne, dass es nicht die Aufgabe der Generalversammlung sei, diesem Aufträge zu erteilen, vielmehr müsse er diese autonom, aus seiner eigenen »Intuition« heraus ergreifen. Damit sei im Unterschied zum gewöhnlichen Vereinswesen auf ein »qualitativ völlig anderes Vorstandswesen« hingewiesen.

Nun sei aber die Gesellschaft auch mit ihren Statuten im Vereinsregister eingetragen und diese Statuten müsse sie gemäß dem Vereinsgesetz einhalten. Gesetzliche Erfordernisse seien die Regelung der Unterschriftsberechtigung, die Abhaltung von Generalversammlungen und die jährliche Entlastung des Vorstands durch die Mitglieder. Diese »zwingenden Vorschriften« seien auch »in Ordnung«. »Gezwungenermaßen« könnte man hinzufügen. Denn ergab sich aus Grosses Vorstellung einer absoluten Machtvollkommenheit des Gesellschaftsvorstandes letztlich nicht die Konsequenz, dass dieser der Mitgliedschaft gegenüber auch nicht mehr rechenschaftspflichtig war? Wozu dann aber überhaupt noch eine Gesellschaft?, so könnte man einwenden. Die folgenden Sätze Grosses werfen genau diese Frage auf, ohne sie zu beantworten. Er fuhr nämlich fort: »Wir können also unseren Bericht geben, und nachher käme die Frage, wer gibt nun diesem Vorstand für das zurückgelegte Jahr seine Entlastung? Dann ist es bis heute Brauch gewesen, erstens aus dem, was man gehört hat, und dann aus dem Vertrauensverhältnis zum Vorstand, diese Entlastung zu erteilen«.

Bisher war dies »Brauch«. Ging Grosse mit dem Gedanken um, diesen »Brauch« abzuschaffen? Der Halbsatz: »… und nachher käme die Frage, wer gibt nun diesem Vorstand für das zurückgelegte Jahr seine Entlastung?«, scheint dies nahezulegen. Wer könnte denn einem Leitungsgremium, das seine Aufträge, die es im Namen der Gesellschaft zu erledigen sucht, allein aus sich selbst schöpft, das nur »der geistigen Welt« und sich selbst gegenüber Verantwortung trägt, Decharge erteilen? Im Grunde genommen nur diese geistige Welt und es selbst. Nun konnte es ohne Mitgliedschaft aber auch keine Gesellschaft geben, – selbst Grosse vermochte diese Tatsache nicht zu ignorieren. Dieser Einsicht geben die folgenden Sätze Ausdruck: »Nun stehen wir bei jeder Generalversammlung vor der Aufgabe, dass zum Beispiel Anträge kommen, die behandelt werden müssen. Und so haben wir auch an dieser Generalversammlung antragsartige Anliegen zu behandeln«. Sie enthalten implizit die Anerkennung der Verpflichtung des vermeintlich absolut autonomen Vorstands gegenüber der Mitgliedschaft, bringen aber zugleich auch zum Ausdruck, wie unangenehm Grosse diese Tatsache war. Statt näher auf die damit angesprochene Problematik einzugehen, übergab er das Wort Manfred Schmidt-Brabant, der den folgenden Teil der Verhandlung leitete.

Den weiteren Verlauf des Vormittags bestritt Gisela Reuther mit ihrem Schatzmeisterbericht[7], aus deren einleitenden Worten dieselbe Geringschätzung des »Vereinsmäßigen« herauszuhören war, wie aus der Ansprache ihres Vorgängers: »Darf ich an den Gedanken von Rudolf Grosse anknüpfen, dass wir bemüht sein mögen, das ›Vereinsmäßige‹ zu erheben in Prozesse und Willensformen, die einer freien Menschheit gemäß sind. Um jedoch dem notwendigen ›Vereinsmäßigen‹ Genüge zu tun, sollen jetzt vorab die Bilanzzahlen verlesen werden«. Mit anderen Worten: das »Vereinsmäßige« – und damit so etwas wie Mitbestimmungsrechte einer Generalversammlung in Fragen der Gesellschaftspolitik –, war ihrer Auffassung nach »einer freien Menschheit nicht gemäß«.

Die ständigen Appelle des Vorstandes an die Mitgliedschaft, den Gesellschaftsbetrieb mit nicht unbeträchtlichen Zuschüssen und Beitragsgeldern zu finanzieren, standen in einem eklatanten Widerspruch zu der gleichzeitig behaupteten Unabhängigkeit der Leitung dieser Gesellschaft. Obwohl die Mitglieder aufgrund des Spendenaufrufs zu Weihnachten 1978 einen Betrag von fast einer halben Million Schweizer Franken zusätzlich aufgebracht hatten und die Einnahmen im selben Zeitraum durch Aufführungen, Tagungen und Kurse um 2,5 Millionen Franken zugenommen hatten, stand 1979 ein Defizit von 1,5 Millionen Franken ins Haus. Dies war der Hintergrund des Antrags, die Mitgliedsbeiträge zu erhöhen. Die steigenden Kosten waren durch die intensivierte Öffentlichkeitsarbeit, die wachsende Zahl an Mitarbeitern am Goetheanum und durch die Sanierung des Goetheanumbaus bedingt. Die beiden ersten Faktoren spiegelten den »Erfolg« der anthroposophischen Bewegung in der Welt wieder; die steigende Nachfrage zog notgedrungen steigende Ausgaben nach sich. Die beantragte und von der Generalversammlung gebilligte Erhöhung deckte allerdings die zu erwartende Kostensteigerung nicht ab, die Gesellschaft lebte auch weiterhin von zusätzlichen Spenden und stets ungewissen Legaten.

Die Änderung des Paragraphen zur Aufnahme von Mitgliedern ging, wie erwähnt, völlig unspektakulär über die Bühne. Etwas größere Umstände bereitete der Antrag zu Herbert Witzenmann, der von Prof. Christian Brühl und seiner Schwester Barbara aus Darmstadt gestellt worden war, die zum Schülerkreis Witzenmanns gehörten.[8] Manfred Schmidt-Brabant trug diesen Antrag[9] als Versammlungsleiter vor.

An dieser Stelle ist es an der Zeit, einen wesentlichen Faktor zu erwähnen, der den nachfolgenden Ereignissen erst ihre Dramatik verlieh: Herbert Witzenmann saß nämlich im Saal, in dem die Generalversammlung stattfand und zwar in der letzten Reihe. Den Entschluss, an dieser Generalversammlung teilzunehmen, hatte er nach der Veröffentlichung des Antrages Brühl am 1. April gefasst. Am 5. April hatte er, wie Grosse im Verlauf der Debatte berichtete, seinen Kollegen einen Eilbrief zugesandt, in dem er darum bat, ihm am Vorstandstisch auf der Bühne einen Sessel bereitzustellen.

Diese Bitte stürzte die amtierenden Vorstandsmitglieder, die Landesvorstände und Delegierten, die bereits zur Delegiertentagung vor der Generalversammlung in Dornach anwesend waren, in eine schwere Krise. Wie konnte man einem »beurlaubten« Vorstandsmitglied, das seit sieben Jahren bei keiner Generalversammlung mehr erschienen war und dessen Mitgliedschaft im Vorstand man seit der Veröffentlichung der Vereinbarung zu seiner Beurlaubung im Jahr 1974 eigentlich endgültig ad acta gelegt hatte, nun auf einmal einen Stuhl neben den anderen Vorstandsmitgliedern zur Verfügung stellen? Anerkannte man damit nicht, dass er weiterhin Mitglied im Vorstand war? Erweckte man bei der Versammlung nicht unweigerlich diesen Eindruck, wenn man seiner Bitte nachgab?

Witzenmanns Brief hatte in den Kreisen der Funktionäre vor der Generalversammlung hektische Betriebsamkeit ausgelöst, die dazu führte, dass eine Delegation, bestehend aus Clara Kreutzer, Ingo Hellmers und Hans Börnsen zu ihm entsandt wurde, die versuchte, ihn von seiner Bitte abzubringen, was ihr offenbar nicht gelang, da der Vorstand ihm am Vorabend der Generalversammlung deren Erfüllung schriftlich verweigern musste, was ihn jedoch nicht davon abhielt, an der Versammlung teilzunehmen. Allein seine Anwesenheit versetzte die Anwesenden in eine vibrierende Spannung. Wie würde er sich verhalten? Würde er das Wort ergreifen? Käme es zu einem erneuten Eklat? Nun sehen wir zu. Leider geben, wie Hartmann in seiner Witzenmann-Biografie schreibt, die »beschönigten« – und gekürzten – »Voten der Beteiligten im Nachrichtenblatt kaum etwas von der Turbulenz der Sitzung« wieder.[10]

Zunächst begründete Christian Brühl seinen Antrag. Er verwies auf einen Briefwechsel mit dem Vorstand, der in ihm den Eindruck erweckt hatte, dieser betrachte die Vereinbarung aus dem Jahr 1974 als »Austrittserklärung« Witzenmanns und diesen nicht mehr als Mitglied des Gremiums. Er ging laut veröffentlichtem Protokoll offenbar ausführlich auf den Konflikt zwischen Witzenmann und dem übrigen Vorstand ein und verwies darauf, dass auch Albert Steffen und Marie Steiner jahrelang an keinerlei Vorstandssitzungen teilgenommen hätten, ohne dass jemand auf die Idee gekommen wäre, ihnen deswegen das Recht abzustreiten, sich weiterhin als Vorstandsmitglieder zu betrachten. Wie wir wissen, trifft dies nur bedingt zu. Zwar gab es nie einen offiziellen Antrag bei einer Generalversammlung, Steffen oder Marie Steiner abzuberufen, aber Aufforderungen aus Teilen der Mitgliedschaft in beide Richtungen mehr als genug. Zu Recht wies Brühl auf die eigentliche Ursache des Konflikts hin: die unterschiedlichen Auffassungen »über die von Rudolf Steiner gegebenen Prinzipien der Anthroposophischen Gesellschaft«.

Tatsächlich hatte es in der von Clara Kreutzer ausgehandelten Mitteilung zu Witzenmanns Beurlaubung vom 15. Februar 1974 geheißen: »Der Grund, sich in der angegebenen Weise als beurlaubt zu betrachten, ist für Herrn Witzenmann seine Überzeugung, dass zwischen ihm und den anderen Vorstandsmitgliedern weitgehende Auffassungsunterschiede über die Grundlagen der Freien Hochschule am Goetheanum und der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft bestehen«. Kreutzer hatte damals die Mitteilung, die am 3. März 1974 im Nachrichtenblatt der Gesellschaft publiziert worden war, als »Mitglied des erweiterten Vorstandes und in Ermächtigung« durch Grosse, Hiebel, Berger und Biesantz unterzeichnet. Witzenmann habe außerdem, so Brühl, trotz der Vereinbarung über seine Beurlaubung »unentwegt und ohne Unterbrechung« seine Arbeit als Vorstandsmitglied fortgesetzt und diese sogar intensiviert.[11]

Grosse trat Brühl mit längeren Ausführungen entgegen, in denen er diesem Unkenntnis der historischen Sachlage und grundlegende Missverständnisse des Konflikts mit Witzenmann vorwarf. Außerdem stellte er einige verwegene Behauptungen auf, die offenkundig den Tatsachen widersprachen. »Das, was Sie […] gehört haben« so Grosse, »kann nur jemand darstellen, der nie diese Auseinandersetzungen innerhalb des Vorstandes mitgemacht hat und gar nichts weiß konkret, wie hier gerungen werden musste, dass der Vorstand seine Haltung gegenüber einem Vorstandsmitglied durchsetzen konnte«. Er bestätigte die Existenz großer Auffassungsunterschiede. Diese bestünden jedoch nicht bezüglich der Hochschule und der Gesellschaft – hier widersprach Grosse explizit der eben zitierten Verlautbarung vom 15. Februar 1974 – , sondern der Frage, wie mit den von der Nachlassverwaltung herausgegebenen Werken Steiners umgegangen werden sollte. Dass der Konflikt um die Ausgaben der Nachlassverwaltung lediglich Folge des tiefergehenden Konflikts über die Frage der Anerkennung oder Nichtanerkennung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft durch die Nachlassverwaltung war, unterschlug Grosse.

Die Auffassung der Mehrheit im Vorstand sei gewesen, fuhr er fort, dass die Bücherfrage (durften die Nachlasspublikationen in der Buchhandlung am Goetheanum verkauft werden oder nicht?) von der Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber dem Werk Steiners getrennt werden müsse. Die Bücher, die Steiners Geistesforschung enthielten und Grundlage für die Arbeit der Mitglieder seien, hätten durch Jahre hindurch nicht am Goetheanum präsentiert werden können. Die Gründe dafür könne er nicht darstellen, denn es handle sich um »Interna des früheren Vorstandes« – eine rätselhafte Bemerkung, da diese sogenannten »Interna« die zentralen Gründe für den Konflikt mit der Nachlassverwaltung betrafen, über die jahrelang gesellschaftsöffentlich, ja sogar vor Schweizer Gerichten gestritten worden war.

Als nächstes brachte Grosse eine neue Variante seines oft erzählten Gesprächs mit Albert Steffen »kurz vor seinem Hingang« vor, in dem dieser erklärt haben sollte: »Herr Grosse, Sie können die Bücher wieder in das Goetheanum hereinnehmen, denn Sie sind nicht Stellvertreter Rudolf Steiners, wie es mein Amt ist«. Bei der Generalversammlung 1967 hatte Grosse diese Äußerung anders zitiert, Steffen sollte damals zu ihm gesagt haben: »Herr Grosse, ich kann es fast nicht mehr ertragen, dass die Bücher Rudolf Steiners nicht im Goetheanum sind, aber ich weiß nicht, wie ich es machen soll«. Was in diesen unterschiedlichen Varianten gleich blieb, war der Hinweis, er habe diese Bemerkung(en) Steffens schweigend zur Kenntnis genommen. Das Schicksal, so Grosse weiter, habe der Nachlassverwaltung durch das Testament Steiners die Rechte an seinen Büchern zugestanden, die Gesellschaft habe sich mit ihrer Rechtsauffassung nicht durchsetzen können und diese Tatsache akzeptieren müssen. Auch diese Aussage trifft nicht zu: nicht der Nachlassverwaltung – die bei der Abfassung des maßgeblichen Testaments noch gar nicht existierte – wurde der Nachlass zugesprochen, sondern Marie Steiner. Die Nachlassverwaltung wurde von ihr erst aufgrund ihres Konfliktes mit Albert Steffen im Jahr 1943 gegründet und die ihr durch Steiner zugesprochenen Rechte wurden im Dezember 1947 durch einen Übereignungsvertrag auf die Nachlassverwaltung übertragen.

Unabhängig von diesem Rechteentzug, so Grosse, habe aber die Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber dem Werk Rudolf Steiners weiterbestanden, dieses zu pflegen und mit ihm zu arbeiten. Diese Unterscheidung zwischen Rechtssituation und genereller Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber Steiners Werk habe Witzenmann nicht akzeptieren können. Auch diese Aussage trifft nicht zu. Denn Witzenmann hatte bei der Generalversammlung 1968 zum »Bücherbeschluss« erklärt: »Man hätte sich der genial einfachen Lösung anschließen können, dass es der individuellen Gewissensentscheidung überlassen bleibt, sich mit diesem Werke in Beziehung zu bringen, und hinsichtlich der Hochschule einzusehen, dass die sogenannte Bücherfrage zurzeit nicht lösbar ist im Sinne unseres Lehrers und der Grundlagen unserer Gesellschaft«.[12] Dieser Satz impliziert die Akzeptanz der eben genannten Unterscheidung zwischen Bücherfrage und genereller Verpflichtung gegenüber dem Werk Rudolf Steiners.

Als nächstes warf Grosse Witzenmann vor, er habe seine mangelnde Bereitschaft, dem Bücherbeschluss zuzustimmen, nicht für sich behalten, sondern öffentlich in der Gesellschaft kommuniziert. Nicht die Tatsache, dass er anderer Auffassung war, sondern dass er diese auch noch öffentlich vertrat, erregte also Anstoß. Aber dies allein gab nicht den Ausschlag, sondern vielmehr Witzenmanns generelle »Oppositionshaltung«, die er auch im Vorstand permanent an den Tag legte. Denn obwohl im Vorstand die Auffassung geherrscht habe, jeder könne »seine eigene Meinung haben«, sei doch »oppositionelles Verhalten« gegenüber der Mehrheit dieses Vorstandes nicht hinnehmbar und müsse zum (freiwilligen) Rücktritt führen.

Wörtlich laut veröffentlichtem Protokoll: »Nun haben wir im Vorstand vertreten, dass jeder seine Meinung haben könne. Wenn sie aber kontrovers zur Mehrheit des Vorstandes ist und zu einem oppositionellen Verhalten führt, dann ist es die Pflicht des Betreffenden, aus diesem Vorstand auszutreten. Man kann nicht im Vorstand sein, mitarbeiten, und dauernd in Opposition stehen. Dann ist man gelähmt im Vorstand und kann das nicht tun, was man tun muss«. Das Problem war nur, dass es keinerlei objektiven Zwang gab, den Bücherbeschluss überhaupt zu fällen. Im Folgenden ging Grosse auf den sich vertiefenden Graben zwischen Witzenmann und den übrigen Vorstandsmitgliedern ein. Er berichtete vom – im Nachrichtenblatt teilweise veröffentlichten – Briefwechsel in den Jahren 1970/71 in dessen Verlauf Witzenmann am 27. Februar 1971 mitteilte: »Ich gebe hiermit bekannt, dass ich im April vorigen Jahres erklärt habe, meine Tätigkeit im Vorstand am Goetheanum bis auf weiteres nicht ausüben zu können. Damit trete ich nicht aus dem Vorstand am Goetheanum zurück. Vielmehr stelle ich meine freie Mitarbeit der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft weiterhin zur Verfügung. Diese Tätigkeit werde ich auf Grund von Vereinbarungen ausüben, die von Fall zu Fall getroffen und vom Vorstand bekanntgegeben werden«.

Der Vorstand habe darauf erwidert, seine Arbeit beruhe »auf kontinuierlicher Zusammenarbeit« und dem »gemeinsamen Tragen der Vorstandsverantwortungen«, ein gelegentliches Zur-Verfügung-Stellen könne es nicht geben. Die Zusammenarbeit sei unmöglich geworden. »Tag und Nacht« habe man die Frage gewälzt, was man angesichts dieser ausweglosen Situation machen solle, die einen »schier zugrunde gerichtet« habe. Ostern 1972 habe Witzenmann mit rund sechzig »Anhängern« die Generalversammlung aus Protest verlassen. Der Vorstand habe dies »ruhig hingehen lassen«, Witzenmann jedoch am 25. Mai 1972 mitgeteilt: »Wir sind zu dem Schluss gekommen, Ihnen zum Ausdruck zu bringen, dass seit der Generalversammlung die letzte Möglichkeit einer den Pflichten genügenden Zusammenarbeit innerhalb des Vorstandes am Goetheanum mit Ihnen verloren gegangen ist. Die Konsequenz, die wir aus dieser Tatsache ziehen müssen, ist das Ersuchen an Sie, Ihren Rücktritt aus dem Vorstand am Goetheanum zu nehmen«.

Damit sei der längst fällige Rücktritt gefordert worden. Das Verlangen sei jedoch zurückgewiesen worden. Daraufhin habe Clara Kreutzer im Auftrag des Vorstands die zitierte Vereinbarung ausgehandelt, die Grosse in voller Länge vorlas. Noch einmal betonte er im Anschluss an die Verlesung, Grund des Konfliktes seien nicht »Auffassungsunterschiede von Hochschule und von Anthroposophischer Gesellschaft. Denn darüber ist man sich als Mitglied einig, wie man Weihnachtstagung, Hochschule und Gesellschaft anzuschauen hat. Was aber nicht möglich war, war eine Zusammenarbeit, wie sie unter einer Gruppe von Menschen vorausgesetzt werden muss, wenn sie gemeinsam Verantwortung trägt«. Auch hier wurden wiederum Grund und Folge von Grosse vertauscht: Auslöser der Probleme der Zusammenarbeit waren die Auffassungsunterschiede in Bezug auf Hochschule und Gesellschaft, und nicht umgekehrt. Die wiederholte Leugnung dieser Auffassungsunterschiede lenkte die Aufmerksamkeit auf einen Nebenschauplatz ab.

Grosse fuhr fort, der Vorstand sei mit der genannten Vereinbarung keineswegs glücklich gewesen, schließlich habe sie nichts geklärt und Witzenmann habe sie jederzeit widerrufen können. Nach wie vor sei seine Stellung in der Gesellschaftsleitung ungeklärt. Und es folgte eine Bemerkung, die den Verdacht aufkommen lässt, dass der im weiteren Verlauf vorgetragene Vorstoß von Grob letztlich auf den Vorstand, genauer auf Grosse selbst zurückging: »… und insofern ist die heutige Situation, wo gefragt wird, wie diese Stellung von Herrn Witzenmann real ist, tatsächlich so und die Frage im Vorstand berechtigt. Denn es besteht nur eine Formalität, aber keine Substanz. Das heißt, es ist jemand Vorstandsmitglied auf dem Papier, aber die Substanz dieser Vorstandstätigkeit und Aufgabe besteht überhaupt nicht. Die kann man gar nicht sehen, denn sie ist nicht da«. Wenn man etwas nicht sehen kann, heißt das noch lange nicht, dass es »nicht da« ist, dies hätte auch Grosse klar sein müssen, der vor Jahren in seinem Buch über die Weihnachtagung entsprechende Äußerungen Steiners, das Goetheanum sei weiterhin da, auch wenn es durch den Brand vernichtet worden war, zustimmend zitiert hatte.[13]

Reto Andrea Savoldelli liefert in seiner Dokumentation »Zur Tätigkeit von Herbert Witzenmann im Vorstand am Goetheanum« wertvolle Beiträge zum Verständnis des ehemaligen Vorstandsmitglieds. http://tinyurl.com/yacjmtxn

Grosse kam nun auf die Konferenz der Generalsekretäre, Sektionsleiter und Landesvorstände zu sprechen und auf die Wirkung, die Witzenmanns Brief in dieser hervorgerufen hatte. Mitten in die Beratungen über »Dinge von großer gesellschaftlicher und kultureller Wichtigkeit« sei der Eilbrief Witzenmanns mit der Bitte um einen Sessel am Vorstandstisch geplatzt. »Da standen wir also in unseren Beratungen vor einem nicht vorzusehenden Faktum, denn auf Grund unserer Vereinbarung war das nicht möglich. Jetzt war es aber möglich! Ich kann Ihnen nicht sagen, wie wir uns wieder gequält haben durch Stunden, was durch diesen Brief wiederum bei unseren gemeinsamen Beratungen für Sand entstanden war im Getriebe. Man konnte nichts Fruchtbares behandeln, sondern musste sich mit dieser Sache wiederum bis weit in die Nacht hinein bemühen. Ich habe mich gefragt, was liegt denn da eigentlich vor? Man möchte etwas so Merkwürdiges verstehen, denn ich glaube, es gibt kaum jemand, als Anthroposoph, im Vorstand, der, wenn man ihn bittet, zurückzutreten, nicht sagen würde: wenn das Euer Wunsch ist, so trete ich zurück. Nein, es wird alles anders gemacht. Und jetzt sollen wir ihm noch als quasi Amtssessel für seine Funktion im Vorstand, die er nicht ausübt, einen Stuhl bereitstellen«.

Schließlich geriet Grosse doch noch etwas aus der Façon und er rief aus: »Es ist nämlich genug, liebe Freunde, dass wir uns fortwährend mit solchen – nun – Bagatellen und wieder doch nicht Bagatellen auseinanderzusetzen haben. Da muss ich einfach sagen, es ist nicht mehr real, sondern reines Papier, so wie Rudolf Steiner das ausgedrückt hat […] Das ist […] eine Tragik, die wir durchgemacht haben und die wir nicht länger weiterschleppen wollen«. Beide, Grosse und Witzenmann stünden nun in ihrem 75. Lebensjahr. Er für seinen Teil habe den Wunsch, sich »nicht mehr mit solchen Dingen herumschlagen zu müssen«, vielmehr wolle er in der Gesellschaft »fruchtbar und positiv arbeiten«.

An Grosse schloss sich der sogar ein Jahr ältere Hiebel an, der gleichsam von Professor zu Professor Christian Brühl eine »völlige Verdrehung der Tatsachen« vorwarf. Dieser ergehe sich in »gefährlichen Gedankenspielen« (gefährlich für wen?), wenn er die Abwesenheit Witzenmanns von Vorstandssitzungen mit der Abwesenheit Marie Steiners von solchen Sitzungen vergleiche. Denn im Unterschied zu Witzenmann habe Marie Steiner ihren dauernden Wohnsitz in Dornach gehabt – was nach ihrer Emigration auf den Beatenberg nicht mehr zutraf – und sie sei »jederzeit persönlich oder brieflich erreichbar gewesen«, was wohl auf Witzenmann nicht weniger zutraf. Im Hinblick auf Brühl und Witzenmann meinte er, das Ideal der Weihnachtstagung werde »immer wieder in Frage gestellt, einerseits durch Sektenbildung aus Meinungsverschiedenheiten, andererseits durch Dogmatismus«.

Schließlich meldete sich auch Jörgen Smit zu Wort, der ebenfalls auf den Vergleich Brühls mit den 1940er Jahren einging, den er als »unmöglich« bezeichnete. Denn damals hätten überhaupt keine Vorstandssitzungen mehr stattgefunden, an denen man hätte teilnehmen können! Wie wahr. Zu Zeiten von Witzenmann hätten solche Sitzungen dagegen wöchentlich stattgefunden und bei diesen sei eine »riesige Arbeit bewältigt« worden. Witzenmann sei ein »auf dem Papier geschriebenes Vorstandsmitglied«, das »neun Jahre lang an keiner Vorstandssitzung« mehr teilgenommen habe. Ihn weiterhin als Mitglied des Vorstands zu betrachten, sei irreal.

Nun war der Augenblick für den Auftritt des Schweizer Generalsekretärs gekommen.[14] Grob ergänzte, die Generalsekretäre und sonstigen Funktionäre hätten sich vor allem gefragt, welche Position Witzenmann selbst zum Antrag der Geschwister Brühl einnehme, denn das Gerücht sei umgegangen, er sei mit ihm »nicht einverstanden« gewesen. Allerdings hätten die drei Delegierten am späten Samstagnachmittag berichtet, Witzenmann habe an dem Antrag sogar mitgeschrieben, aber gleichzeitig mitgeteilt, er sei mit ihm »nicht einverstanden« und verhalte sich »neutral« zu ihm. Diese Bemerkung sollte wohl Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit Witzenmanns hervorrufen. Eine »größere Gruppe von Menschen« – um wen es sich dabei handelte, teilte Grob nicht mit –habe sich daraufhin am Samstag zusammengefunden, um zur »einhelligen Meinung« zu kommen, dass es »so nicht weitergehen« könne. Da es »des Goetheanums unwürdig« sei, »so lange in einer Situation weiterzuschlittern«, habe er in der vorangegangenen Mittagspause einen Antrag zu Papier gebracht, den er nun einbringen müsse. Da er nicht rechtzeitig eingebracht worden sei, handle es sich um keinen »Mussantrag«, aber er habe sich aus der Situation der letzten drei Tage ergeben.

An dieser Stelle hätte eigentlich der Versammlungsleiter Manfred Schmidt-Brabant eingreifen und die Verlesung dieses Antrages verhindern müssen, da er klar statutenwidrig war. Anträge zu Generalversammlungen mussten laut Satzung mindestens acht Wochen vorher schriftlich eingereicht werden und solche zu bekanntgegebenen Traktanden spätestens eine Woche vor deren Beginn. Bei der Generalversammlung 1972 hatte Werner Berger sogar einen Geschäftsordnungsantrag von Rudolf Koller und P. Weyeneth mit dem Argument abgelehnt, dieser sei viel zu spät eingereicht worden, obwohl es für Geschäftsordnungsanträge keinerlei Fristsetzungen gab und auch nicht geben konnte. Der Antrag Grobs lautete: »Der Unterzeichnete stellt den Antrag an die Generalversammlung, den Vorstand zu bitten, Herbert Witzenmann als Vorstandsmitglied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft entsprechend der Tatsache, dass er seit Jahren nicht mehr im Vorstand mitarbeitet, abzuberufen.«

Nun fühlte sich Clara Kreutzer bemüßigt, zu Grobs Einlassungen Stellung zu nehmen. Merkwürdigerweise äußerte sie sich aber mit keinem Wort zu Grobs Antrag, sondern ließ sich lange über die Frage aus, ob die drei Delegierten, die Witzenmann aufgesucht hatten, beauftragt gewesen seien oder nicht und was genau der Zweck ihres Besuchs war.

Was Grob aus dem Gespräch mit Witzenmann mitgeteilt habe, stimme weder mit dessen Ausgangspunkt noch mit dem überein, was die drei Delegierten aus dessen Verlauf hätten mitteilen wollen. Sie habe die freie Initiative zu diesem Gespräch ergriffen und sei keineswegs dazu beauftragt worden. Hellmers und Börnsen hätten sich dazugesellt. Sie seien auch nicht beauftragt worden, bei ihrem Gesprächspartner »auszuforschen«, wie er zum Antrag Brühl stehe. Inhalt des Gesprächs sei unter anderem der »komplizierte und schwer zu verstehende« Antrag der Geschwister Brühl gewesen, der nach Jahren von der Generalversammlung eine »Bestätigung« der Vereinbarung von 1974 verlange, nachdem Witzenmann eine solche Bestätigung nicht gefordert, sondern sich damit begnügt habe, dass die Vereinbarung im Nachrichtenblatt veröffentlicht und auf der Generalversammlung 1974 bekannt gegeben wurde. Auf die Frage, warum die Geschwister Brühl fünf Jahre nach Bekanntgabe der Vereinbarung nun diesen Antrag stellten, habe Witzenmann geantwortet, diese hätten ihn aus eigener Initiative gestellt und verfasst, er habe lediglich »Redaktionshilfe« geleistet. Außerdem habe er bemerkt, er könne verstehen, dass die Gesellschaftsleitung über den Antrag nicht sonderlich glücklich sei. Was die Geschwister dazu motiviert hatte, den Antrag zu stellen, beantwortete Kreutzer nicht, es geht jedoch bereits aus der oben referierten mündlichen Begründung Christian Brühls hervor.

Das Hauptanliegen der Dreierdelegation, so Kreutzer, sei gewesen, Witzenmann von seinem Wunsch abzubringen, am Vorstandtisch zu sitzen, da dieser dem amtierenden Vorstand vorbehalten sei, stattdessen sei ihm ein Platz in der ersten Reihe angeboten worden, der traditionell für Vorstandsmitglieder reserviert sei. Schließlich brachte sie ihr Bedauern darüber zum Ausdruck, dass Witzenmann »heute anwesend« sei, das Angebot, in der ersten Reihe zu sitzen, nicht angenommen habe und »uns« dadurch »eigentlich innerlich belaste«, dass er in der letzten Reihe Platz genommen habe. Nun war diese Belastung ohne Zweifel marginal, angesichts der weitaus größeren Belastung Witzenmanns, die der von Grob eben ausgesprochene Antrag auf Abberufung darstellte.

Am Ende ihrer Ausführungen stellte sich Kreutzer »ganz« auf die Seite Grosses. Besonders hinsichtlich seiner (elitären) Auffassung des »Vorstandes, des Vorstandbegriffs und der Mitarbeit im Vorstand«. 1974 in den Gesprächen mit Witzenmann über die Frage der Beurlaubung habe dieser betont, dass er sich »von jeder Mitarbeit in den Vorstandssitzungen zurückziehe und damit sich zurückziehe aus aller äußeren Mitverantwortung, allem Mittragen, Mitwirken an der Ausführung dieser Beschlüsse in den Vorstandssitzungen«. Dies habe er auch ausdrücklich in Bezug auf mögliche Veränderungen in der Zusammensetzung des Vorstandes zugesichert. »Da erklärte er mir: Selbstverständlich werde ich mich nicht einmischen, nicht widersprechen. Denn das fällt ja in die Kompetenz der Vorstandssitzungen, denn da werden die Beschlüsse gefasst«. Kreutzer sprach es nicht aus, aber offenbar implizierte diese Zusicherung aus ihrer Sicht auch seine Nichtintervention bei Abberufungen, einschließlich seiner eigenen, bei der es sich ja auch um eine Veränderung des Zusammensetzung des Vorstandes handelte. Damit wäre Witzenmann gewissermaßen seiner eigenen Zusicherung zum Opfer gefallen oder hätte ihr durch seine möglicherweise bevorstehende Intervention widersprochen. Kreutzer wies ausdrücklich darauf hin, dass die Einräumung eines Platzes am Vorstandstisch bei den Mitgliedern »eine ganz falsche Vorstellung« hervorgerufen haben würde, weswegen dieser Bitte nicht habe entsprochen werden können.

Nun kam noch einmal Christian Brühl zu Wort, der sich gegen das Missverständnis verwahrte, Witzenmann habe an der Redaktion des Antrages mitgewirkt. Vielmehr hätten lediglich »zwei ganz kurze Gespräche« mit ihm über die Absicht, den Antrag zu stellen, stattgefunden. Er habe davon abgeraten.

Einer anschließenden Intervention Udo Hermannstorfers ist es zu verdanken, dass die Versammlung an diesem Punkt eine dramatische Wendung nahm. Er bat nämlich den Versammlungsleiter, Witzenmann zu fragen, ob er bereit sei, sich zu der Frage seiner Stellung im Vorstand und zur gemeinsamen Erklärung aus dem Jahr 1974 zu äußern. Diese Bitte ermöglichte die Epiphanie jenes Geistes, der im bisherigen Verlauf der Auseinandersetzungen immer nur beschworen worden, aber nicht in Erscheinung getreten war. Wir wenden uns Witzenmanns Apologie im folgenden Beitrag zu.

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Anmerkungen:

[1] Was in der anthroposophischen Gesellschaft vorgeht, 56. Jahrgang Nr. 8, 25. Februar 1979, S. 29.

[2] Art. 4, Abs. 1: »Die Aufnahme als Mitglied erfolgt durch den Vorstand, gestützt auf einen schriftlich gestellten Antrag. Man ist Mitglied geworden in dem Augenblick, in dem der Vorsitzende der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, oder, im Verhinderungsfalle, das von ihm beauftragte Vorstandsmitglied, die Mitgliedskarte unterzeichnet hat«. (Der kursiv gedruckte Satzteil wurde zum bisherigen Text hinzugefügt).

[3] Was in der anthroposophischen Gesellschaft vorgeht, 56. Jahrgang Nr. 22, 3. Juni 1979, S. 89 f.

[4] Steiner am 26.12.1923 bei der Gründungsversammlung der Gesellschaft, GA 260, S. 92.

[5] Steiner am 8.01.1924 in Dornach, GA 260a, S. 92.

[6] Steiner am 12.8.1924 in Torquay, GA 240, S. 204 f; »Initiativvorstand« im Gegensatz zu bloßem »Verwaltungsvorstand«: Prag, 29.3.1924, GA 260 a, S. 183, 188; London, 24.8.1924, GA 240, S. 255.

[7] Was in der anthroposophischen Gesellschaft vorgeht, 56. Jahrgang Nr. 23, 10. Juni 1979, S. 93 ff..

[8] Was in der anthroposophischen Gesellschaft vorgeht, 56. Jahrgang Nr. 25, 24. Juni 1979, S. 101 ff.

[9] Abgedruckt in Was in der anthroposophischen Gesellschaft vorgeht, Nr. 13, 1. April 1979. Der Antrag lautete: »Aus gegebener Veranlassung bitten wir die Generalversammlung 1979, zu bestätigen, dass sie die offenkundig bestehende und im folgenden beschriebene Rechtslage in bezug auf die Mitgliedschaft von Herrn Herbert Witzenmann im Vorstand der Allg. Anthr. Gesellschaft als verbindlich anerkennt: Herr Herbert Witzenmann ist in Übereinstimmung mit dem Schweizerischen Zivilrecht Mitglied des Vorstandes der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft. Im Zusammenhang mit dieser die äußere Rechtslage charakterisierenden Tatsache besteht intern für die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft die mit Datum vom 15. Februar 1974 in Nr. 9/1974 des Nachrichtenblattes Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht abgedruckte Vereinbarung«. Zu dieser Vereinbarung und ihrer Vorgeschichte siehe weiter oben, S. 692 f. Zum Hintergrund des Antrages Brühl und den Verhandlungen vom 8. April 1979 siehe: Reto Andrea Savoldelli, Zur Tätigkeit von Herbert Witzenmann im Vorstand am Goetheanum (1972-1988). Ein dokumentarischer Bericht, Teil II, Basel 2017, S. 157-176 sowie Klaus Hartmann, Herbert Witzenmann 1905-1988. Eine Biografie, Teil II, 1962-1988, Dornach 2013, S. 449-455.

[10] Hartmann, Herbert Witzenmann, S. 451.

[11] Einen Überblick über seine Aktivitäten nach 1974 bietet der zweite Band der von Klaus Hartmann verfassten Biografie sowie die in Anmerkung 9 erwähnte Dokumentation von R.A. Savoldelli.

[12] Was in der anthroposophischen Gesellschaft vorgeht, 19.5.1968.

[13] »Auf Grund einer Bemerkung, die ein Freund aus Wien, der Kaufmann van Leer, in der folgenden Art  machte: ›Es ist das Goetheanum hier erwähnt – wir haben kein Goetheanum!‹ gab er [Steiner] die Antwort, die alles in ein neues Licht rückt und eine höchst spirituelle Realität in Beziehung auf das Goetheanum in den Vordergrund stellt. Er sagte: ›Wir sind nicht der Ansicht, dass wir kein Goetheanum haben, … wir sind der Ansicht, dass wir keinen Bau haben, … aber dass das Goetheanum geblieben ist‹. – ›Ist es nicht doch wichtig, … gerade geltend zu machen, dass, wie überall so auch hier, wir das Geistige in den Vordergrund stellen? … Vor unserem geistigen Blick steht das Goetheanum da!‹«. Rudolf Grosse, Die Weihnachtstagung als Zeitenwende, Dornach 1981, S. 63. Im übrigen ist Grosses Buch eine einzige große Beschwörung von etwas, was physisch-sinnlich nicht da und nichtdestotrotz realer als alles Physische ist.

[14] Was in der anthroposophischen Gesellschaft vorgeht, 56. Jg, Nr. 26, 1. Juli 1979, S. 105 f.


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