1980 | Christussucher und Michaeldiener (2)

Das Buch van Manens ist noch heute erhältlich.

Bevor wir uns van Manens Studie zuwenden, ist ein Motiv aus dem Vortrag vom 11. Juli[1] 1924 nachzutragen, dessen Unterschlagung notgedrungen ein schiefes Bild der Ausführungen Steiners vermitteln würde und das insofern bedeutsam ist, als es einen Hinweis auf eine mögliche Versöhnung der von ihm beschriebenen, »deutlich unterscheidbaren« Seelenfamilien enthält.

Wie stets, postuliert er auch in diesem Fall nicht einfach ein nacktes Faktum, sondern leitet die Erfahrung, um die es geht, aus eingängigen Schilderungen der Seelenverfassung der europäischen Menschheit im ersten Jahrtausend der christlichen Zeitrechnung her.

Im Gegensatz zu heute vollzogen sich Einschlafen und Aufwachen in diesem ersten Jahrtausend, ja bis zum Anbruch der Neuzeit im 14. Jahrhundert, langsamer. Während Seele und Ich beim heutigen Menschen schnell in den physischen Leib eintauchen und ihn beim Einschlafen ebenso schnell wieder verlassen, zogen sich diese Vorgänge früher über einen längeren Zeitraum hin und waren mit Wahrnehmungen des Ätherleibes (beim Aufwachen) und des Astralleibs (beim Einschlafen) verbunden. Diese Tatsachen wirkten sich auf die Beschaffenheit des Wachbewusstseins aus. Der Mensch sah sich nicht wie heute nur von einer Welt physischer Gegenstände umgeben, sondern nahm mit diesen stets auch deren astralisch-geistige Aura wahr. Überall in der Natur »sah er Geistiges walten und weben«.[2] Und da er während des Schlafs nicht vollständig in Bewusstseinsfinsternis versank, erlebte er, wie sein Astralleib aus dem Kosmos »in sein Ich hereintönte«, wie er zu dieser Zeit »in lichten kosmischen Räumen einer Geistersprache teilhaftig« war. Ebenso erlebte er seinen Tod anders als heute: er empfand, dass er seinen Ätherleib, der mit dem Aurischen in der Natur verwandt war, in seine Heimat entließ, und diese Heimat erschien ihm als die Welt des Vatergottes, dessen Wort sich im geistigen Walten der Natur aussprach. In seinem Astralleib aber fühlte er, nachdem er den Ätherleib abgelegt hatte, das Leben des Christus, der diesen auch jede Nacht während des Schlafs durchdrungen hatte. Und dieses Erlebnis war beiden Seelenfamilien gemeinsam: wie auch immer sie zum Christentum gestanden haben mochten, sie erlebten nach dem Tod »ganz gewiss […] die große Tatsache des Mysteriums von Golgatha«, dass sich Christus, der einst die Sonne »dirigierte«, mit dem, »was als Menschen auf der Erde lebte«, vereinigt hatte. Alle Seelen, die im ersten Jahrtausend dem Christentum nahegetreten waren, empfanden diese Tatsache, während jene, die von ihm unberührt geblieben waren, dieses Erlebnis nicht – oder kaum – zu verstehen vermochten.

Was zwischen den beiden Grundempfindungen: der Hingabe an den kosmischen und jener an den irdisch gewordenen Christus vermittelte, war das nachtodliche Erlebnis der Menschwerdung. Die Synthese zwischen Gott und Mensch, kosmischem und irdischem Gott, war also im Mittelalter erlebte Tatsache – allerdings eine Tatsache, die erst nach dem Tod zur Gewissheit wurde. In dieser Gewissheit lag das Potential der Versöhnung der beiden Seelenfamilien, vorausgesetzt, sie hoben, was sie erlebt hatten, ins Bewusstsein, sie transponierten die Erinnerung an dieses Erlebnis von jenseits der Schwelle – aus dem Unbewussten – in das Diesseits. Was die Kosmiker und die Telluriker, die »Frühlinge« und die »Spätlinge« hätte miteinander versöhnen können, war die Verschmelzung zwischen Kosmos und Erde, die im menschgewordenen Gott bereits Gestalt angenommen hatte. Steiners Erzählung von den beiden Seelenfamilien, die in der anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft aufeinandertrafen, um sich in gemeinsamem Wirken zu verbinden, ist eine der vielen Varianten einer Wirklichkeitserzählung, die sich bereits in seinen philosophischen Werken findet: »das Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit ist die wahre Kommunion des Menschen«[3]; »das mit dem Gedankeninhalt erfüllte Leben in der Wirklichkeit ist zugleich das Leben in Gott«[4].

Hans Peter van Manen eröffnet seine 1980 veröffentlichte Studie mit einem Kapitel, das nach dem Vorbild Steiners die verstrichenen 80 Jahre anthroposophischer Geschichte – zumindest bis zum Jahr 1937 – in Epochen von jeweils sieben Jahren gliedert. Da er von der Voraussetzung ausgeht, Steiner habe »erst im Jahr 1924 seine eigentliche Aufgabe, die Erkenntnis des Karma, in den Vordergrund stellen« können, befindet sich seine Geschichtsdeutung jedoch von vorneherein in einer beträchtlichen Schieflage. Nicht nur viereinhalb Jahrzehnte der Lebensarbeit Rudolf Steiners (1883-1924) werden dadurch abgewertet, dass sie zum »Uneigentlichen« erklärt werden, sondern auch die mit den Früchten dieser Lebensarbeit bis heute verbundenen Menschen. Vergegenwärtigt man sich Steiners eigene Ausführungen zu diesem Gedankenmotiv, ist auch nichts von jenem abwertenden Zungenschlag bemerkbar, der durch Walter Johannes Steins berühmt-berüchtigten, 1934 veröffentlichten Aufsatz über das »Haager Gespräch« (1924) kurz vor den Ausschlüssen des Jahres 1935 in die anthroposophische Debatte eingeführt wurde. Steiner erzählte die Episode über die gescheiterten »praktischen Karmaübungen« 1924 ausführlicher bei drei Gelegenheiten: am 31. März in Prag, am 9. Juni in Breslau und schließlich am 24. August in London.

Am 31 März führte er aus: »Sie wissen ja, die anthroposophische Bewegung war im Beginne im Schoße der theosophischen Bewegung. Und als wir in Berlin diejenige theosophische Sektion begründeten, aus der dann die Anthroposophische Gesellschaft heraus sich entwickelt hat, da war unsere erste Versammlung so, dass ich in der Tat damals, ich möchte sagen, eine Art Ton angeben wollte für dasjenige, was eigentlich geschehen sollte«. Steiner sagt nicht: »für das Eigentliche«, das hätte geschehen sollen, sondern »für das, was eigentlich hätte geschehen sollen«. »Eigentlich« ist nicht mehr als ein Füllwort, die Bedeutung der Aussage verändert sich nicht, wenn man es weglässt. Er fährt fort: »Und ich darf jetzt, wo wir durch die Dornacher Weihnachtstagung am Goetheanum den Versuch gemacht haben, die Anthroposophische Gesellschaft zu reorganisieren, ich darf auf eine Tatsache, die vielleicht recht wenig beachtet worden ist, hinweisen. […] Ich habe dazumal einen ersten Vortrag von der Art, wie sie später den Zweigvorträgen entsprachen, gehalten; der trug einen sonderbaren Titel, einen Titel, den man damals als ein großes Wagnis bezeichnen konnte, er trug den Titel: ›Praktische Karmaübungen‹. Und ich hatte eigentlich vor, ganz unbefangen über die Wirkungsweise des Karma zu sprechen«. Auch dieses »eigentlich« ist nicht so zu verstehen, dass Steiner über »das Eigentliche« hätte sprechen wollen, sondern dass er eine Absicht hatte, die sich aufgrund des vorhandenen Widerstandes nicht realisieren ließ. Daher fährt er auch fort, über diesen Widerstand – und nicht über das »Eigentliche« – zu sprechen (man beachte im Folgenden die Verwendung des Wortes eigentlich): »Nun waren auf der Versammlung zunächst die Koryphäen der vorangegangenen theosophischen Bewegung, die mein Dasein dazumal als das eines Eindringlings empfunden haben und die von vorneherein überzeugt waren, dass ich eigentlich keine Berechtigung habe, über etwas Inneres, Geistiges zu sprechen. Und so hat es sich gegeben, dass in der damaligen Zeit diese Koryphäen der vergangenen theosophischen Bewegung immer wieder betont haben: Wissenschaft muss sein, der Wissenschaft der Gegenwart muss Rechnung getragen werden; die Sache ist nun auf gutem Wege, aber nur die ersten Schritte sind gemacht. Wenn man von diesen ersten Schritten weitergeht, kommt man erst zu dem, was sein soll. – Das ist schön, aber dabei kam nichts Besonderes heraus. Und so ist dann dasjenige, was dazumal beabsichtigt war, zu einer ziemlich theoretischen Sache geworden. Die ›Praktischen Karmaübungen‹ waren angekündigt, aber kein Mensch hätte dazumal etwas von dem verstanden, am wenigsten die Koryphäen der Theosophischen Gesellschaft. Und so blieb dann das eine Aufgabe, die gewissermaßen unter der Oberfläche der anthroposophischen Strömung gepflegt werden musste, die zunächst mit der geistigen Welt abgemacht werden musste. Aber heute – und wie oftmals während der Entwickelung der anthroposophischen Bewegung – muss ich gedenken jenes Titels, den eigentlich der allererste anthroposophische Zweigvortrag haben sollte: ›Praktische Karmaübungen‹. Ich kann mich auch erinnern, wie erschrocken die Koryphäen damals gewesen sind, dass so ein verwegener Titel dazumal erschien.

Nun, sehen Sie, seither sind mehr als zwei Jahrzehnte hinuntergegangen, die Zeit läuft, es ist manches vorbereitet worden; aber diese Vorbereitung muss auch eine Wirkung haben. Und daher muss es heute möglich sein, dass eine solche Wirkung eintritt, dass in gewisser Beziehung die ›Praktischen Karmaübungen‹ auftreten können, mit denen man – etwas kühn zu Werke gehend – dazumal beginnen wollte. Und sehen Sie, das wollte ja gerade unsere Weihnachtstagung: das wirklich kraftvolle Esoterische in die ganze anthroposophische Bewegung hineinbringen. Und damit muss Ernst gemacht werden. Denn mit dem bloß Formalistischen wird unsere anthroposophische Bewegung doch nicht reorganisierend auf unsere Zivilisation wirken. Deshalb soll in der Zukunft nicht davor zurückgeschreckt werden, in aller Offenheit über die Verhältnisse der geistigen Welt zu reden«.[5]

Wie man sieht, war der Bedeutungsgehalt der praktischen Karmaübungen der, »in aller Offenheit über die Verhältnisse der geistigen Welt zu reden«; dies ist die eigentliche Aussage dieses Berichts.

Ähnlich rund zwei Monate später in Breslau: »Als die Deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft in Berlin begründet worden ist, 1902, da kündigte ich an als meinen ersten Vortrag, den ich dazumal halten wollte, ›Praktische Karmaübungen‹. Ja nun, angekündigt war der Vortrag, gehalten konnte er nicht werden aus dem einfachen Grunde, weil ja die gegebenen Verhältnisse da waren. Da waren die verschiedenen alten Mitglieder der theosophischen Bewegung, die hatten so ihre Vorstellungen von dem, was man sagen darf, was man nicht sagen darf; danach hatte sich aber das ganze Milieu, die ganze Atmosphäre gebildet. Die, welche die Leiter waren, wären ja Kopf gestanden, wenn man dazumal begonnen hätte, über praktische Karmaübungen zu sprechen. Es war einfach die theosophische Bewegung nicht reif dazu. Es musste erst vieles vorbereitet werden. Und in der Tat, die Vorbereitung hat zwei Jahrzehnte gedauert, mehr noch. Aber bei der Weihnachtstagung ist der Impuls ausgegossen worden, nun rückhaltlos nicht bloß dasjenige, was über die natürlichen Gebiete des Geistigen erforscht werden kann, zu enthüllen, sondern rückhaltlos auch dasjenige zu enthüllen, was über die menschlichen Gebiete des Geistes so erforscht werden kann. Es wird daher in der Zukunft rückhaltlos gesprochen werden innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft über dasjenige, was doch schon von Anfang an in der Absicht lag, wozu aber diese Anthroposophische Gesellschaft erst allmählich heranreifen musste. Das ist auch etwas, was als ein esoterischer Zug durch die Weihnachtstagung in die Anthroposophische Gesellschaft hineingekommen ist. Die Weihnachtstagung war wirklich keine Spielerei, sondern das Übernehmen neuer Verantwortlichkeiten gerade vom Geistgebiete aus für die anthroposophische Bewegung«.[6]

In diesem Bericht besteht der Bedeutungsgehalt der praktischen Karmaübungen in der »rückhaltlosen Enthüllung« dessen, was »über die menschlichen Gebiete des Geistes erforscht werden kann«. Diese Enthüllungen sollten die nicht weniger rückhaltlosen Enthüllungen »über die natürlichen Gebiete des Geistigen« ergänzen, die schon bisher erfolgt und nicht weniger esoterisch waren. Das, wofür die Koryphäen der Theosophischen Gesellschaft nicht reif waren, steht zu dem, wofür sie reif waren in einem Verhältnis der Ergänzung, nicht jedoch der Überordnung oder des »Eigentlichen« gegenüber dem »Uneigentlichen«.

Am drastischsten die Erzählung in London: Bei der Begründung der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft in Berlin, so Steiner, habe er den Versuch unternommen, »den esoterischen Zug in die anthroposophische Bewegung hineinzubringen. Daher trug der erste Vortrag, den ich dazumal hielt innerhalb des Rahmens dessen, was gesprochen werden sollte in der Deutschen Sektion der Theosophical Society, den Titel: ›Praktische Karma-Übungen‹.

Aber die Persönlichkeiten, die dazumal mit bei der Begründung waren, bekamen einen furchtbaren Schreck, als sie diesen Titel vernahmen, und ich könnte heute noch mit voller Anschaulichkeit die astralischen Wellen des Bebens und Zitterns schildern, welche namentlich die alten Herren an sich zeigten, die dazumal, herausgewachsen aus der theosophischen Bewegung, hörten, ich wollte sprechen über praktisches Karma. Und Worte immerhin wie dieses wurden mir entgegengebracht: Wollen Sie denn an einem Tage unsere ganze jahrzehntelange Arbeit – denn die Leute glaubten ja, jahrzehntelange Arbeit geleistet zu haben –, unsere ganze jahrzehntelange Arbeit einsargen? – Und es fanden sozusagen fortwährend Privatsitzungen, Councils statt, in denen man mir begreiflich machte, das könne so nicht gehen. Und ich verspürte dann nicht nur den astralischen und Ich-Eindruck von den Bebe- und Zitterwellen, sondern ich verspürte auch den fröstelnden Eindruck der astralischen Gänsehaut, welche die alten Herren bekamen.

Und da war es denn ganz unmöglich, bei dem Programm zu bleiben, weil es aussichtslos gewesen wäre. Und so kam eben die theosophische Bewegung in Deutschland in ein mehr theoretisches Fahrwasser, wie sie ja überhaupt in der Theosophical Society es hat, und das eigentlich Esoterische musste warten«.[7] Auch hier verwendet Steiner das Wort »eigentlich«. Was er unter dem »eigentlich Esoterischen« versteht, teilt er in den folgenden Sätzen mit: »die okkulten Entwicklungsimpulse der Welt, des Kosmos und der Menschheit […] auf karmischem Gebiet«. Dessen Bedeutungsgehalt stimmt mit der »rückhaltlosen Enthüllung« dessen überein, was in Ergänzung zu den »natürlichen Gebieten des Geistigen« »über die menschlichen Gebiete des Geistes erforscht werden kann«. Steiner gewinnt der mehr als zwei Jahrzehnte dauernden Wartezeit des »eigentlich Esoterischen« in seinem Londoner Vortrag sogar etwas Positives ab, wenn er bemerkt, dass es warten musste, »das war ihm vielleicht gut. Denn es vergingen ja mittlerweile reichlich dreimal sieben Jahre, in denen konnte sich manches im Unbewussten und Unterbewussten einleben, was ins Bewusstsein nicht recht hineinwollte. Und das ist auch geschehen. Und so kann jetzt durchaus in jener esoterischen Weise gerade für den Anfang des Einlebens des Goetheanischen Weihnachtsimpulses, dasjenige, was dazumal nicht gehen konnte, es kann der Anfang dieses Einlebens damit beginnen, dass die okkulten Entwickelungsimpulse der Welt, des Kosmos und der Menschheit gesucht werden auf dem karmischen Gebiete. Gefragt wird, und die Antworten werden gegeben, wenn sie heute aus der geistigen Welt heraus schon gegeben werden können, nach Menschheits-, nach einzelnem, individuellem Karma und so weiter«.

Was Steiner mit all diesen Polarisierungen von Wissenschaft, Theorie, Formalismus und esoterischer Praxis zu verdeutlichen versucht, hatte er bereits in Das Christentum als mystische Tatsache …, in Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? oder auch in der Theosophie angesprochen: die Einsicht nämlich, dass das eigentlich Esoterische unter die Haut geht, dass es erst dort beginnt, wo die spirituelle Erkenntnispraxis nicht Theorie bleibt, sondern auf den Erkennenden rückbezogen ist, dessen eigenes Leben einbezieht und es mitsamt den vielfältigen sozialen Beziehungen, in die es verflochten ist, tiefgreifend umwandelt. Das Problem der »Vorbereitungszeit« bis zur Weihnachtstagung bestand nicht darin, dass die entsprechenden Einsichten nicht bereits ausgesprochen worden wären, sondern dass sie nicht zu Taten geführt hatten – nicht mit dem nötigen Ernst umgesetzt worden waren. Der Ernst der Esoterik, die mit der Weihnachtstagung endlich in die Gesellschaft einziehen sollte, bestand darin, dass diese Gesellschaft sich nun tatsächlich aufmachen sollte, ihren eigenen Doppelgänger anzuschauen und dessen Erkenntnis zu nutzen, um »reorganisierend« auf sich selbst und davon ausstrahlend »auf die Zivilisation einzuwirken«. Das ist die Bedeutung der viel zitierten Formel, »das Initiationsprinzip« müsse wieder »zum Zivilisationsprinz« werden.

Die Abwertung der »Vorbereitungszeit« führt van Manen hingegen dazu, die drei Jahrsiebte von 1902 bis 1923 im ersten Kapitel seines Buches als eine Geschichte des »Uneigentlichen«, die mit dem Scheitern endete, mit wenigen Sätzen abzutun. Für das erste Jahrsiebt (1902-1909) hat er nur zwei kurze Sätzchen übrig: in dieser Zeit entwickelte Steiner, »zum Teil noch im Gewande einer theosophisch-indischen Terminologie, die Grundbegriffe der Geisteswissenschaft. Das fand seine Zusammenfassung im Jahre 1909 in dem Buch Die Geheimwissenschaft im Umriss«.[8]

Zwischen 1909 und 1916 fand immerhin »die Ausscheidung der theosophischen Bewegung« statt, wurde die »zentrale Bedeutung des Mysteriums von Golgatha stärker ausgearbeitet«, trat das »europäisch-moderne Wesen der Geisteswissenschaft kräftig hervor« und eröffneten sich verschiedene künstlerische Arbeitsgebiete (Mysteriendramen, Architektur, Eurythmie).

Die dritte Phase (1916-1923) stand unter dem Zeichen der »Dreigliederung«, die in der Anthropologie als Erkenntnisinhalt hervortrat, Waldorfpädagogik und Medizin inspirierte, schließlich die Gestalt einer Gesellschaftstheorie annahm, die in politische Praxis umgesetzt werden sollte. Diese Phase war aber auch die Zeit vielfältiger wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Initiativen, der größten Exoterik, beginnender Gegnerschaft bis hin zur Brandstiftung am ersten Goetheanum und scheiterte schließlich grandios an der »Unreife« der Beteiligten.

Doch auf das Scheitern folgte der »kühne und harmonische Abschluss« durch die Weihnachtstagung, in der (durch den Grundsteinspruch) die Dreigliederung des Menschen »in konzentriertester Form« zusammengefasst wurde. »Die Weihnachtstagung«, so van Manen, »war ein Versuch, die Anthroposophie in einer dem Geist der Zeit entsprechenden Weise gleichsam zur Inkarnation zu bringen. Die Inkarnationshülle sollte die neugegründete anthroposophische Gesellschaft sein«. Diese erhielt die Aufgabe, die Zivilisation »auf esoterischer Grundlage« zu erneuern. Da Esoterik Selbsterkenntnis und Konfrontation mit dem eigenen Schicksal bedeute, klinge darin bereits das Grundmotiv des folgenden Jahrsiebts (1923-1930) an: die »Erkenntnis des Gemeinschaftskarmas« der anthroposophischen Gesellschaft. Daher folgten auf die Weihnachtstagung, so van Manen, die sich über sieben Monate ausdehnenden Karmavorträge, durch die Steiner vieles von dem nachgeholt habe, was er als »seine eigenste karmische Mission betrachtete«. In ihnen seien die Grundlagen und Technik der Karmaforschung dargelegt und ab Juli 1924 der Blick auf das Gemeinschaftskarma der Mitglieder gelenkt worden.

Im Mittelpunkt der Vorträge von Juli bis September 1924 stehe das »Wirken Michaels in der Menschheitsgeschichte«. Vom Herunterströmen der kosmischen Intelligenz auf die Erde sei die Rede und die Frage werde aufgeworfen, ob es der anthroposophischen Bewegung gelingen könne, diese Intelligenz zu verschristlichen, um dadurch die Zivilisation, ja die Erde insgesamt zu retten. Der vorzeitige Tod Steiners habe zur Folge gehabt, dass das Karma der Gesellschaft sich »in menschlich-tragischer Weise« auswirkte. Da sie in dieser Zeit die Aufgabe nicht gelöst habe, ihr Karma zu erkennen und zu bewältigen, sei es zu den Ausschlüssen von 1935 und allen weiteren Konflikten der vierziger und fünfziger Jahre gekommen. Die Gesellschaft sei »im vierten Jahrsiebt ihrer Entwicklung«, »dem Stadium der karmischen Selbsterkenntnis« stehengeblieben.

Was von 1930 bis 1937 geschehen sei, zeige deutlich, wie sehr sie unter das Niveau herabgesunken sei, auf das sie sich hätte emporheben sollen. Die erste Hälfte der 1930er Jahre, so van Manen, war nicht nur die Zeit der Wirtschaftskrise und des erstarkenden Totalitarismus, sondern auch der Wiedererscheinung des ätherischen Christus (ab 1933). Hätte sich die anthroposophische Gesellschaft für dessen Wiederkunft aufschließen können, wäre sie imstande gewesen, sich ihren weltweiten Aufgaben zu stellen und »in den Dienst des Herrn des Karma« zu stellen. Stattdessen habe sie sie einen Tiefpunkt erreicht, der ihre Existenz radikal in Frage stellte, nicht nur durch die Schauprozesse von 1934 und die Ausschlüsse von 1935, sondern auch durch ihr Verbot zunächst in Deutschland (1935), später in den vom Naziregime besetzten Ländern.

Im Grunde ist van Manens Auffassung nach die gesamte Geschichte der Gesellschaft seither als Folge ihres Scheiterns vor der Aufgabe zu sehen, ihr Gemeinschaftskarma zu erkennen und zu bewältigen. Hierin kann ihm allerdings wieder recht gegeben werden. Aber diese Feststellung könnte auch anders formuliert werden: Woran die Gesellschaft scheiterte, war die Schwelle. Sie schreckte vor der schon in Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? dem Geistesschüler gestellte Aufgabe zurück, den eigenen Doppelgänger zu erkennen und ihn umzuwandeln. Daher vermochte sie nicht, die Schwelle »zur geistigen Welt« zu überschreiten, daher scheiterte das Projekt der Geisterkenntnis, einer Freien Hochschule für Geisteswissenschaft und damit auch die Gesellschaft, deren Sinn und Zweck ebenjene waren.

Dennoch darf man aus der Sicht van Manens die Hoffnung nicht aufgeben. Die Aufgabe kann immer noch gelöst werden, daher verfasste er auch sein Buch. Denn nur aus der Karmaerkenntnis können sich seiner Auffassung nach die Zukunftsperspektiven der Gesellschaft ergeben und eine Antwort auf die Frage, ob sie am Ende des 20. Jahrhunderts die ihr durch ihre schiere Existenz gestellte Zivilisationsaufgabe wird lösen können.

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Anmerkungen:


  1. GA 237, S. 74-78.
  2. GA 237, S. 74-77.
  3. Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften, S. 126.
  4. Philosophie der Freiheit, S. 250.
  5. GA 239, 31.03.1924, S. 49-50.
  6. GA 239, 09.06.1924, S. 165.
  7. GA 240, 24.08.1924, S. 256-257.
  8. Hans Peter van Manen, Christussucher und Michaeldiener, Dornach 1980, S. 9. Die folgenden Zitate ebenfalls aus dem ersten Kapitel des Buches, S. 9-17. – Wie anders dagegen Steiner diese Zeit verstand, geht aus der Tatsache hervor, dass er im § 2 der Statuten der Weihnachtstagung über die in Dornach versammelten Menschen schrieb, sie seien »von der Anschauung durchdrungen, dass es gegenwärtig eine wirkliche, seit vielen Jahren erarbeitete und in wichtigen Teilen auch schon veröffentlichte Wissenschaft von der geistigen Welt schon gibt, und dass der heutigen Zivilisation die Pflege einer solchen Wissenschaft fehlt.« Die »wirkliche Wissenschaft von der geistigen Welt«, die von der Gesellschaft »gepflegt« werden sollte, existierte nach Steiners Auffassung bereits seit vielen Jahren und war in wichtigen Teilen bereits veröffentlicht worden; sie nahm nicht erst mit den »Karmavorträgen«, der Weihnachtstagung oder den Klassenstunden ihren Anfang. 

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Literatur:

Ein Kommentar

  1. Sehr geehrter Herr Ravagli,

    Über die Zusammenfassung des Buches von Hans Peter van Manen, Christussucher und Michaeldiener und die Anmerkungen dazu, habe ich mich gefreut.

    Ich erinnere mich, wie ich Anfang der 80er Jahre dies Buch las und welche Reaktionen es in mir auslöste. Einerseits war ich erfreut darüber, dass das Thema der Aristoteliker und Platoniker, oder der Frühlinge und Spätlinge, wie Sie sie nennen, aufgegriffen wurde. Andererseits war ich betroffen über die Einseitigkeit dieser Darstellung, die Sie ja auch vermerken.

    Ich weiß von holländischen Freunden, die damals längere Gespräche mit HP van Manen über dieses Thema führten, dass van Manen diese Einseitigkeit zugab und als falsch anerkannte. Ich weiß nicht, inwieweit dies öffentlich wurde.

    Dies alles ist nun schon lange her, das Buch ist für mich im Moment auch nicht greifbar; ich selber hatte viele Erlebnisse zu den beiden Menschen- oder besser Seelengruppen. Zu den genannten Begriffen der Frühlinge und Spätlinge gehören doch auch die früher oftmals in anthroposophischen Kreisen diskutierten Begriffe alte und neue Esoterik.

    Nach jahrzehntelangen Studien, Erlebnissen, Meditationen zu den genannten Fragen lautet meine Antwort auf die Frage, wer Recht hatte, Marie Steiner oder Ita Wegman:

    Beide hatten und haben Recht, aber eben auf ihrem jeweiligen Feld.

    An Marie Steiner schrieb Rudolf Steiner am 27.2.25: Im Urteil zusammenfühlen und -denken kann ich ja doch nur mit Dir. … Denn innere Kompetenz gestehe ich für mich doch nur Deinem Urteil zu. (Die Betonung von „nur“ und „Deinem“ stammt von Rudolf Steiner.)

    Und so hatte Marie Steiner recht, als sie nach dem Tode Rudolf Steiners sagte: Nun ist die Weihnachtstagung historisch geworden. Dieses esoterische Urteil über ein Fortbestehen bzw. Nicht-Fortbestehen der Weihnachtstagung und/oder einen esoterischen Vorstand ist von vielen Menschen in der Vergangenheit, ja z.T. bis heute nicht akzeptiert worden und eben darauf bauen viele luziferische Illusionen.

    Ita Wegman hatte und hat recht mit ihren Worten: Ich bin für weitergehen. Natürlich war der Tod Rudolf Steiners nicht das Ende der Welt, natürlich hatte man eine Verantwortung für das Erbe und musste nun überlegen, was man damit weiterhin machen sollte. Die Not in der Welt ist ja groß und Ahriman eilt von Triumpf zu Triumpf und jegliches Dagegenstemmen ist wertvoll. Allerdings wird ein der Spiritualität beraubter Aktivismus Ahriman in die Hände spielen. Ita Wegmans praktisches Urteil stimmt.

    Die Arbeit, die Aktivitäten der Praktiker (Schulen, Medizin, Landwirtschaft etc.) mussten nie rehabilitiert werden, sie wurden immer anerkannt und waren oft das Aushängeschild der Anthroposophie. Der Mensch, die große Figur aber hinter dieser Arbeit, die Heilerin, die große Michaelkämpferin Ita Wegman (und Elisabeth Vreede) mussten wohl rehabilitiert werden.

    Marie Steiner musste nie rehabilitiert werden, wohl aber die Geistesströmung für die sie steht; eine Würdigung der „alten Esoterik“ innerhalb der Anthroposohie ist noch weit weg.

    Leider ist der falsche Zungenschlag bis heute nicht verschwunden, überwunden. Nehmen Sie nur den 4. Band der Wegman Biographie, Erkraftung des Herzens. Ein phantastisches Dokument! Hier wird, soweit es die Dokumentenlage zulässt, gezeigt, wie Rudolf Steiner Ita Wegman eine spezielle esoterische Schulung gab, damit sie die 1. Klasse führen, leiten konnte. In dem Buch kommt das aber so zum Ausdruck, als ob Ita Wegman DIE esoterische Schülerin Rudolf Steiners gewesen sei, weit vor allen anderen. Marie Steiner wird da gewissermaßen zur Fußnote; aber wie gesagt, man wird explizit kein abfälliges Wort über Marie Steiner finden, das gehört sich für esoterisch fortgeschrittene Menschen ja auch nicht. Und man hat so viele spektakuläre Dokumente vorzuweisen. Man vergisst dabei aber, dass Marie Steiner die 2. Klasse hätte führen sollen und dass sie keinen speziellen Vorbereitungskurs dafür nötig hatte. (So stand sie schon in Vollmacht, nicht nur symbolisch oder stellvertretend, am südlichen der drei Altäre in der FM-Arbeit, so wie Rudolf Steiner in Vollmacht am östlichen Altar stand.) Außerdem wurden ja alle Briefe und privaten Dokumente Rudolf Steiners, die im Besitz von Marie Steiner waren, nach ihrem Tode verbrannt, im Beisein von Hans-Werner Zbinden. Die „Marie Steiner Fraktion“ hat also keine vergleichbaren privaten Dokumente, mit denen sie auftreten könnte, wie dies mit der Schrift von Kirchner-Bockholt oder dem genannten 4. Band der Wegman Biographie möglich war. Diese einseitige Dokumentenlage lässt sich nicht mehr beheben; dies ist für mich auch ein Charakteristikum.

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