1980 | Der Zeitgeist Michael und die Freiheit des Denkens

Wie bereits bemerkt, drangen zu Beginn der 1980er Jahre vermehrt politische, jedenfalls sozialwissenschaftliche Fragestellungen in das inneranthroposophische Gespräch ein. Davon zeugen einige Beiträge, die in der zweiten Jahreshälfte 1980 in den Mitteilungen der deutschen Landesgesellschaft erschienen.

Dietrich Spitta, der zum Vorstand der im November dieses Jahres gegründeten sozialwissenschaftlichen Forschungsgesellschaft gehören sollte, beschäftigte sich im Johanniheft mit der »Freien Hochschule als Seele der Anthroposophischen Gesellschaft und Bewegung« und im Michaeliheft ging er dem Verhältnis dieser Gesellschaft zur Dreigliederungsbewegung, also einer nach herkömmlichem Verständnis eminent politischen Bewegung nach. Fritz Götte setzte sich – ebenfalls im Michaeliheft – mit der Beziehung zwischen »Anthroposophischer Bewegung und Gesellschaft« auseinander, und Karl Buchleitner ging im Weihnachtsheft der Frage nach, was unter jener »Politik« zu verstehen sei, die nach den Statuten der Gesellschaft von 1923 nicht zu deren »Aufgaben« gehöre.

Wer unter Sozialwissenschaft empirische Forschung versteht, wird von einer solchen in Spittas Beiträgen allerdings nichts finden. Viel mehr erinnern seine Ausführungen methodologisch an Platos Politeia. Wie dort entwickelt Spitta aus rein ideellen Überlegungen eine Theorie der Gesellschaft, allerdings nicht aus einem sokratisch-dialektischen Gespräch – es sei denn, man verstünde das hermeneutische Gespräch, das er mit Steiner führt, als solches –, sondern durch eine Kette von Analogien. Dies gilt sowohl für seine Darlegungen zur Freien Hochschule zwischen Gesellschaft und Bewegung, als auch für jene zum Dreigliederungsimpuls. Spitta setzt sich auch nicht mit der realen Existenz von Hochschule, Gesellschaft und Bewegung – ihrer tatsächlichen Verfasstheit im Jahr 1980 – oder ihrer Geschichte auseinander, sondern versucht diese vielmehr aus Steiners Darlegungen zu rekonstruieren. Dabei streut er Hinweise auf bestimmte Auffassungen Steiners in seine Ausführungen, die in der heute noch vorhandenen Rezeption der Dreigliederungsidee kaum eine Rolle spielen.

Spitta geht vom berühmten Diktum Steiners aus, durch die Weihnachtstagung 1923 sei der anthroposophischen Bewegung jene Form gegeben worden, die sie zu ihrer Pflege benötige. Diese Form sei die Anthroposophische Gesellschaft.[1] Die Gesellschaft könne demnach als »Leib« der Bewegung aufgefasst werden. Was aber ist unter »anthroposophischer Bewegung« zu verstehen? Nicht etwa die »Summe der Einrichtungen«, die »aus anthroposophischen Impulsen« hervorgegangen sei. Vielmehr sei diese, nach Steiner, eine »von geistigen Mächten geleitete geistige Strömung«. Sie sei also Geist, der sich einen Leib suchen müsse und diesen in der Anthroposophischen Gesellschaft tatsächlich gefunden habe. Auf diese Inkarnation des Geistes der Bewegung im Gesellschaftsleib habe Steiner nach der Weihnachtstagung oft genug hingewiesen.

Die Hochschule wiederum habe Steiner z. B. in der Diskussion über den § 5 der Statuten als die »naturgemäße Seele« von Gesellschaft und Bewegung bezeichnet. Zum § 15 wiederum habe er bemerkt, in Fragen der Führung dieser Seele würden auch die Sektionsleiter hinzugezogen, die nicht dem Vorstand der Gesellschaft angehörten.

Bewegung, Hochschule und Gesellschaft verhielten sich demnach wie Geist, Seele und Leib zueinander. Dies sei, wie sich Spitta platonisch ausdrückt, »das Urbild«.

Nun sei die Seele sowohl mit dem Leib als auch dem Geist »innig« verbunden. Ersterer vermittle ihr die Wahrnehmungen der sinnlichen Welt, letzterer erschließe sich ihr durch Intuitionen.

Was entspricht den leiblichen Wahrnehmungsorganen im Körper der Gesellschaft? Laut Spitta der Kreis der Korrespondenten des Vorstandes, den Steiner bei der Weihnachtstagung begründete. Diese sollten das Weltgeschehen beobachten und ihre Beobachtungen regelmäßig nach Dornach berichten. Steiner bezeichnete diesen Korrespondentenkreis sogar als »äußeren Kräftevorstand« im Unterschied zum in Dornach ansäßigen »zentralen Kräftevorstand«. Der Autor schreibt wörtlich: »Dadurch sollte, wie Steiner sich urbildhaft ausdrückt, eine wirkliche Blutzirkulation zustande kommen, indem zentripetal zu dem Vorstande als Herzorgan der Anthroposophischen Gesellschaft ein Strom von Informationen und Anregungen fließt und indem andererseits vom Vorstande aus zentrifugal wiederum Anregungen und Initiativen in die gesamte Anthroposophische Gesellschaft hineinströmen.«

Wie im Blutkreislauf sollten also nicht nur Kräfte vom Zentrum in die Peripherie wirken, sondern auch umgekehrt. Von diesem engen Zusammenwirken zwischen »innerem« und »äußerem Vorstand« habe sich Steiner, eine völlig freie, »auf freiem Verkehr beruhende[n] Konstitution der Anthroposophischen Gesellschaft« erhofft.[2] Man dürfe sich vorstellen, dass er auch für ein entsprechendes Korrespondentennetz der Sektionen gesorgt hätte, wenn er lange genug gelebt hätte, so Spitta, um auch den Sektionsleitern durch deren Berichte differenzierte Wahrnehmungen der Welt zu ermöglichen. Als Erscheinungsort all dieser Berichte sei das Nachrichtenblatt der Gesellschaft vorgesehen gewesen. Ihre Publikation hätte eine umfassende Bewusstseinsbildung aller Verantwortlichen über den geistigen Zustand der Welt gewährleistet.

Der Durchdringung der Wahrnehmungen mit Begriffen und Ideen wiederum korrespondiere die Aufgabe der Freien Hochschule, die Berichte der Korrespondenten mit geisteswissenschaftlichen Begriffen zu durchdringen, um ihre esoterische Bedeutung für Gegenwart und Zukunft der Menschheit zu erfassen. Von dieser Aufgabe der Hochschule habe Steiner am 30. Januar 1924 gesprochen, wenn er betont habe, dass »das Esoterische« darin bestehe, »dass man sich […] in der energischsten Weise mit dem Leben und seinen Tiefen auseinandersetzen kann«.[3]

Da diese Hochschul-Aufgabe nur durch die Schulung spiritueller Erkenntnisfähigkeiten zu bewältigen sei, ergebe sich aus ihr die Verpflichtung der Sektionsangehörigen, Mitglieder der allgemein-anthroposophischen Sektion zu sein, in deren Rahmen diese Schulung durchgeführt werde. Diese Sektion sei die Grundlage aller anderen und bilde die »esoterische Schule«. Steiner habe außerdem den Ausbau der Hochschule in drei Klassen geplant, jedoch nur den Grund für die erste legen können.

Dadurch, dass die Hochschule nach esoterischer Vertiefung strebe, erfülle sie sich mit dem Geist der Bewegung, so wie die Seele sich durch ihre Intuitionen mit dem Geistselbst verbinde.

Nun sei die Seele des Menschen aber nicht nur mit Erkennen beschäftigt, sondern dränge auch zum Handeln. Die esoterische Vertiefung sei kein Selbstzweck, sondern solle dazu führen, die erworbenen Erkenntnisse »in den Dienst der Befreiung und Erlösung der Menschheit und der Welt zu stellen«.[4] Sein Intuitionsvermögen lasse den Menschen die in geistigen und sinnlichen Welterscheinungen wirkenden Wesen – zunächst in Ideenform – erkennen und sei auch der Quell der moralischen Ideen, die sein Handeln impulsierten. Die esoterische Vertiefung sei »der Weg zur wahren Befreiung des Menschen und der Menschheit«, der von Steiner schon in der Philosophie der Freiheit beschrieben worden sei.

Die Aufgaben der Hochschule beschränkten sich demnach nicht nur auf die esoterische Vertiefung, sondern sie habe der Anthroposophischen Gesellschaft auch Handlungsimpulse zu vermitteln. Den Mitgliedern der Hochschule komme es zu, als Repräsentanten der anthroposophischen Bewegung in der Welt zu wirken. Demgemäß habe Steiner (am 30.01.1924) betont, »die Verwaltung der anthroposophischen Sache« werde »in den Händen der Freien Hochschule liegen«.

In seinem zweiten Aufsatz, der die »Anthroposophische Gesellschaft und den sozialen Dreigliederungsimpuls« behandelt, überträgt Spitta »das Urbild« der bereits skizzierten Dreigliederung, die aus anthroposophischer Bewegung, Gesellschaft und Hochschule besteht, auf die Makrogesellschaft.[5]

Die Anthroposophische Gesellschaft sei, so führt er aus, laut »Prinzipien« eine Vereinigung von Menschen, die das seelische Leben im einzelnen Menschen und in der menschlichen Gesellschaft auf der Grundlage einer wahren Erkenntnis der geistigen Welt pflegen wolle.

Diese Definition, die bekanntlich von Steiner stammt, rede von dreierlei: der geistigen Welt, aus der die bezeichnete Gesellschaft ihre moralischen Intuitionen schöpfe, ihrem seelischen Leben, das sich in »brüderlichem Verstehen und Zusammenwirken« entfalten solle, und der irdischen Welt, in der sie wirken solle.

Der soziale Organismus sei dreigegliedert wie die Seele des Menschen. Deren Leben entfalte sich auf der Grundlage der dreigliedrigen Leibesorganisation in Denken, Fühlen und Wollen, die zu Imagination, Inspiration und Intuition weiterentwickelt werden könnten. 1917 habe Steiner in seinen Memoranden erstmals von der Notwendigkeit einer »dreigliedrigen Staatsstruktur« gesprochen, in der sich die politischen, wirtschaftlichen und allgemein-menschlichen (»rechtlichen«) Verhältnisse voneinander unabhängig entfalten könnten. In den Kernpunkten der sozialen Frage … sei diese Idee weiter ausgeführt worden.

In dieser für die Öffentlichkeit bestimmten Schrift habe Steiner noch nicht auf die »seelisch-geistige Wesenheit des sozialen Organismus« hinweisen können. Dieser Hinweis sei jedoch später in Vorträgen erfolgt, beispielsweise in einem Vortrag am 11. August 1919 in der Reihe Die Erziehungsfrage als soziale Frage (GA 296). Hier sei von einer gewissen »Grundstimmung« die Rede, von der die Beziehungen zwischen Menschen erfüllt sein müssten, damit sie ein sozial gerechtes Leben führen bzw. gestalten könnten; gleichzeitig müsse der soziale Organismus auch »von geistigen Inhalten durchströmt« sein.

»Es ist nicht gleichgültig«, so Steiner, »was unter den Menschen an Anschauungen lebt, wenn sie soziale Wesen werden wollen. Und notwendig ist es für die Zukunft, dass nicht bloß Begriffe in der allgemeinen Bildung herrschen, welche aus der Naturwissenschaft oder aus der Industrie entnommen sind, sondern dass Begriffe herrschen, welche Grundlagen sein können für etwas Imaginatives. So unwahrscheinlich das dem heutigen Menschen ist, sozialisieren wird man nicht, wenn man nicht zu gleicher Zeit den Menschen beibringt, imaginative Begriffe, das heißt Begriffe, welche das Gemüt des Menschen ganz anders gestalten, als die bloßen abstrakten Begriffe von Ursache und Wirkung, Kraft und Stoff und Materie usw., die aus dem naturwissenschaftlichen Leben herkommen. Mit diesen Begriffen, die aus dem naturwissenschaftlichen Leben herkommen und von denen heute alles beherrscht ist, sogar die Kunst, mit diesen Begriffen lässt sich im sozialen Leben der Zukunft nichts anfangen. Wir müssen in die Lage kommen, im sozialen Leben der Zukunft die Welt wiederum in Bildern zu verstehen«.[6] Hinzu komme die Notwendigkeit, inspirierte und intuitive Begriffe zu entwickeln. Ohne ein geistiges Leben, das aus Imaginationen, Inspirationen und Intuitionen erfließe und die Gesellschaft – nicht etwa nur die Anthroposophische – durchströme, werde diese nicht sozial werden. Spitta zitiert erneut Steiner: die gerechte soziale Ordnung müsse dadurch verwirklicht werden, dass die Angehörigen der Gesellschaft im Allgemeinen sich bequemten, »der Wissenschaft der Eingeweihten zuzuhören von den Imaginationen, Inspirationen und Intuitionen. Es ist eine ernste Sache, denn ich sage Ihnen ja nichts Geringeres damit, als dass es ohne Geisteswissenschaft keine soziale Umgestaltung für die Zukunft gibt; aber das ist wahr.«[7]

Noch deutlicher sei Steiner in der Vortragsreihe Vergangenheits- und Zukunftsimpulse im sozialen Geschehen (GA 190) geworden. Hier habe er offen ausgesprochen[8], woraus das künftige soziale Leben der dreigegliederten Gesellschaft bestehen werde. Die Menschheit, so Steiner, gehe im Zeitalter der Bewusstseinsseele (seit dem Anbruch der Neuzeit) einer »sinnlich-übersinnlichen Einrichtung der Welt« entgegen, in der sie durch von Engeln vermittelte Imaginationen dazu veranlasst werde, ein auf sich selbst gebautes, vom Staats- und Wirtschaftsleben emanzipiertes Geistesleben zu begründen; Erzengel wiederum würden durch ihre Inspirationen die »innere Substanz der Zukunftsstaaten« begründen, während Archai (Zeitgeister) durch ihre Intuitionen zu Trägern und Verwaltern des Wirtschaftslebens würden. Während die Engel bereits seit dem 15. Jahrhundert auf die Befreiung des geistigen Lebens aus der Abhängigkeit von Staat und Ökonomie drängten, werde sich das Wirken der Erzengel und Zeitgeister erst in späteren Kulturepochen deutlicher zeigen. In der seit dem 15. Jahrhundert erkennbaren Durchsetzung individueller Freiheiten der Meinungsäußerung, der Rede, der Wissenschaft und der daraus hervorgehenden politischen Partizipation lässt sich also laut Steiner die Sprache der Engel vernehmen.

Wörtlich führte er in seinem Vortrag aus: »So scheint heraus aus demjenigen, was uns […] von der Zukunft entgegenströmt: Erstens die Notwendigkeit des selbständigen Geisteslebens, durch das sich die Angeloi intimer machen mit den Menschen; zweitens das selbständige Staatsleben, durch das sich die Archangeloi intimer machen mit den Menschen; drittens das selbständige Wirtschaftsleben, durch das sich die Archai intimer machen mit den Menschen. So rücken die Entwickelungskräfte der Menschheit heran. Am schnellsten muss das selbständige Geistesleben vorwärtskommen, denn das muss, wenn die Menschheit nicht einem großen Unheil entgegengehen soll, fertig, d. h. selbständig sein am Ende des fünften nachatlantischen Zeitraums. Am Ende des sechsten nachatlantischen Zeitraums muss fertig, selbständig sein eine neue spirituelle Theokratie und am Ende des siebenten nachatlantischen Zeitraums muss vollständig ausgebildet sein ein wirkliches soziales Gemeinwesen, in dem der Einzelne sich unglücklich fühlen würde, wenn nicht alle ganz gleich glücklich wären wie er, wenn der Einzelne sein Glück erkaufen müsste mit Entbehrungen von anderen.«[9]

Nun ist laut Spitta ein wesentlicher Aspekt zu berücksichtigen, der bereits im 1911 erschienenen Schriftchen Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit (GA 15) dargestellt worden sei. Hier beschrieb Steiner die Spiegelung der vorchristlichen und nachchristlichen Zeiträume ineinander. Die Spiegelungsachse bildet das »Ereignis von Golgatha« im griechisch-lateinischen Zeitraum, der vierten Kulturepoche. Die drei vorangehenden (die erste bis dritte) spiegeln sich in den drei folgenden (fünfte bis siebte). Während die ersten drei Epochen absteigend von Zeitgeistern, Erzengeln und Engeln inspiriert wurden, geht die Inspiration der fünften bis siebten Epoche aufsteigend von Engeln, Erzengeln und Zeitgeistern aus. Die dritte Kulturepoche spiegelt sich also in der fünften, die zweite in der sechsten, die erste in der siebenten.

Die meisten Wesen der dritten Triarchie (Zeitgeister, Erzengel und Engel) haben die Auswirkungen der Menschwerdung Christi in sich aufgenommen und sich dessen Lenkung unterstellt. Zentral kommt dies im Motiv der Freiheit zum Ausdruck. Während die genannten Geistwesen in der vorchristlichen Zeit vom Menschen ohne Berücksichtigung seines etwaigen Eigenwillens mehr oder weniger Besitz ergriffen, um ihn zu inspirieren und auf diese Weise in den Gang der Geschichte einzugreifen, unterstellen sie sich in der nachchristlichen Zeit der menschlichen Freiheit. Denn Christus ist der Schützer und Förderer der Menschenfreiheit, ohne die es keine Liebe geben kann. Eine erste Auswirkung dieser fortschrittlichen Geistesmächte zeigte sich seit dem Anbruch der Neuzeit (der fünften Kulturepoche) in der Durchsetzung individueller Freiheitsrechte, dem Streben des Menschengeistes nach Emanzipation von wirtschaftlicher und politischer Abhängigkeit.

Nun gibt es allerdings, wie wir wissen, auch retardierende Mächte (Engelwesen, die sich nicht der Führung Christi unterstellt haben), die des Menschen Freiheit unterbinden und die einzelnen Individuen in ökonomischer Abhängigkeit und politischer Unterdrückung festhalten wollen (dazu gehören auch kollektive Zwangsidentitäten, im Gegensatz zu frei gewählten). Auf dem Schauplatz von Geschichte und Politik tobt daher seit der Renaissance und der Reformation ein Kampf retardierender Mächte gegen die Engel des Fortschritts, dessen Inhalt eben die Durchsetzung dieser individuellen Freiheit gegen Unterdrückung und Zwang ist. Die einzelnen Etappen dieser Gigantomachie, die bis heute andauert, müssen hier nicht nacherzählt oder benannt werden.

Spitta fasst die sich aus Steiners Ausführungen ergebenden Einsichten wie folgt zusammen: »Christus ist somit der höchste Führer der Menschheit. Indem die Menschheit den sozialen Organismus bildet, will der Christus zugleich als Menschheits-Ich diesen dreigliedrigen Menschheits-Organismus beleben, beseelen und geistgemäß gestalten. Der soziale Organismus in seinen drei Gliedern ist somit bildlich gesprochen die Leiblichkeit des Christus, die er mit seinem Geist durchdringen und verwandeln will. Er ist das Geistig-Seelische, das den sozialen Organismus im Verein mit den fortschreitenden Angeloi, Archangeloi und Archai durchströmen möchte. Da der Christus durch die Wesenheiten der dritten Hierarchie auf die Dreigliederung des sozialen Organismus hinwirkt, darf gesagt werden, dass der Impuls zur Dreigliederung des sozialen Organismus aus dem Christus-Wesen selbst hervorgeht, mit seinem Wesen zutiefst verbunden ist.«

Nun erhebt sich die Frage, in welchem Verhältnis die Anthroposophische Gesellschaft zu diesem Dreigliederungsimpuls steht. Diese Gesellschaft ist kosmopolitisch gedacht, sie besteht aus Menschen, die auf örtlichem und – weltweit – auf sachlichem Feld zusammenarbeiten. Sie ist aber nicht die Summe einzelner »anthroposophischer« Einrichtungen oder Organe, sondern auch sie ist von geistig-seelischem Leben durchströmt, das sie überwölbt: dem Leben der anthroposophischen Bewegung nämlich. »Zu dieser Bewegung«, fährt Spitta fort, »wird man alle Angeloi rechnen dürfen, die mit den zum Wesen ›Anthroposophia‹ strebenden Menschenseelen imaginierend verbunden sind; ferner die Archangeloi, die als Volksseelen die Landesgesellschaften der Anthroposophischen Gesellschaft in ihrem differenzierten anthroposophischen Wirken inspirieren möchten; und schließlich den zum Zeitgeist aufgestiegenen Erzengel Michael, der die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft als Menschheitsgesellschaft mit seinem Wesen intuitiv durchdringen und impulsieren will.«

Steiner schuf als Organ seines Wirkens in dieser Gesellschaft die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft, die er, wie erwähnt, als »Seele« der Gesellschaft und Bewegung bezeichnete. Daraus ergibt sich für Spitta: »dass Michael als Führer der Anthroposophischen Bewegung dasjenige Geistwesen ist, das in der Freien Hochschule als seiner Seele leben und durch diese die Leiblichkeit der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft durchströmen möchte, um mit ihrer Hilfe in die allgemeine Menschheit im Sinne der fortschreitenden Menschheitsentwicklung hineinwirken zu können. Die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft ist somit in dem Maße, wie sie in ihrer wahren Wesenheit realisiert wird, ein leiblich-seelisch-geistiger sozialer Organismus.«

Dieser Organismus der anthroposophischen Bewegung bestand jedoch laut Spitta nicht von Anfang an, sondern musste durch einen langwierigen Prozess erst erobert werden, der sich von 1902 bis 1923 hinzog. Auch hierbei stützt sich unser Autor auf einschlägige Äußerungen Steiners, der rückblickend bekanntlich von drei Phasen der anthroposophischen Bewegung gesprochen hat.

Die erste Phase charakterisierte Steiner 1921 wie folgt: »Zunächst wurde die Anthroposophische Bewegung von dem kleinen Kreise, der sich zu ihr bekannte, wie eine Art im engeren Sinne religiöser Weltanschauung genommen. Menschen, die sich wenig bekümmerten um wissenschaftliche Fundierung, die sich wenig bekümmerten um künstlerische Ausgestaltungen und um die Konsequenzen der anthroposophischen Lebenspraxis für das gesamte soziale Leben, solche Menschen kamen zunächst an diese anthroposophische Bewegung heran.«[10] Trotzdem sich der kleine Kreis von ursprünglichen Interessenten nicht sonderlich um die wissenschaftliche Fundierung der Anthroposophie gekümmert habe, sei diese jedoch von Anfang an wissenschaftlich orientiert und fundiert gewesen.[11]

In der zweiten Phase habe sich die anthroposophische Bewegung von einer bloß »theoretisch-religiösen Bewegung zu einer umfassenderen Weltbewegung« transformiert, die als »notwendigen Faktor« die Künste in sich habe aufnehmen müssen. Die Kunst wird von Steiner als Antidot gegen das Sektierertum der ersten Phase charakterisiert. Genannt werden von ihm die Mysteriendramen und der Bau des Goetheanum. Die zweite Phase verdeutlichte laut Steiner, dass es sich bei der anthroposophischen Bewegung nicht bloß um eine sektiererische Gruppierung handelte, die eine abstrakte Ideologie propagierte, sondern um eine lebensvolle Bewegung, die in alle Gebiete des Lebens hineinwirke und diese umwandle.

Schließlich weist Steiner auch auf die Verbindung dieser Bewegung mit dem Zeitgeist Michael hin: »Anthroposophische Bewegung richtet sich nicht nach den Sympathien und Antipathien dieser oder jener Menschen, sondern anthroposophische Bewegung kann sich nur nach dem richten, was in ihren eigenen Anlagen liegt, die aber allerdings innig zusammenhängen mit den Bedürfnissen und Sehnsüchten des Zeitgeistes …«[12] Dies bedeute nichts anderes, als spirituelle Durchdringung und Umwandlung der Lebenspraxis. Ausdruck ihrer Verbundenheit mit dem michaelischen – kosmopolitischen – Zeitgeist ist für Steiner auch die Tatsache, dass während des Ersten Weltkriegs, »während die Nationen sich sonst zerfleischten und verbluteten«, am im Aufbau befindlichen Goetheanum »Angehörige aus allen europäischen Nationen zu friedfertigem geistigem Zusammenarbeiten« zusammenströmten.[13]

1919 schließlich traten zu den Künsten weitere soziale Lebensfelder und die Politik hinzu. Der Aufruf an das deutsche Volk und an die Kulturwelt und die Kernpunkte der sozialen Frage erschienen, die Dreigliederungsbewegung begann. Als ein »Spezialgebiet sozialen Wirkens« wird die Waldorfschule von ihm bezeichnet. Eine große Zahl von Menschen mit »wissenschaftlicher Bildung« und entsprechenden »Aspirationen« habe eingesehen, dass die anthroposophische Bewegung »auch das wissenschaftliche Leben der Neuzeit befruchten« könne. Daraufhin erfolgten Ärztekurse, Kurse zu Physik und Astronomie und vieles mehr. Damit sei jene wissenschaftliche Orientierung in großem Umfang zutage getreten, die bereits zu Beginn der anthroposophischen Bewegung, also 1902, vorhanden oder veranlagt gewesen sei.[14]

Demnach könne die anthroposophische Bewegung, so Spittas Fazit, »als eine vom Zeitgeist Michael geführte Menschheitsbewegung« verstanden werden, die »Wissenschaft, das künstlerische Leben und die soziale Lebenspraxis im umfassendsten Sinne erneuern und befruchten will.«

Dass auch die soziale Dreigliederung aus der Inspiration des Zeitgeistes erfloss, brachte Steiner ebenfalls zum Ausdruck.[15] So sprach er am 2. April 1923 davon, der Versuch, diese Dreigliederung einzuführen, sei eine Prüfung gewesen, ob der »Michael-Gedanke« stark genug sei, sich in der Makrogesellschaft durchzusetzen. Leider habe diese die Prüfung nicht bestanden. Dennoch bestehe die Notwendigkeit weiterhin, sich mit den »urgestaltenden Weltenkräften zu verbinden«, um »aus den Tiefen des esoterischen Lebens« Kultur und Gesellschaft von Grund auf zu erneuern. Diese Erneuerung könne nur gelingen, wenn die Menschheit von Inspirationsgedanken ergriffen werde, durch die »Moralisch-Geistiges« wieder »unmittelbar im Zusammenhang gefühlt und empfunden« werde »mit dem Natürlich-Sinnlichen«. Eine solche Inspiration könne von Michaelsfesten ausströmen, die Menschen dazu befeuerten, ihren Willen mit geistigen Impulsen zu durchdringen.

Die Dreigliederungsbewegung als unmittelbarer Ausfluss des Zeitgeistes: dieser Hinweis macht deutlich, dass die Umgestaltung des zentralistischen »Einheitsstaates« in einen Organismus freier und doch aufeinander bezogener Subsysteme auch nach ihrem Scheitern keineswegs obsolet war, gleichsam ein historischer Irrtum, der nun ad acta gelegt werden konnte. Kommt doch schon in der Befreiung des Denkens von der Bevormundung durch Kirche und Staat, aber auch vom ökonomischen Zwang, die Inspiration Michaels zum Ausdruck. Und diese Befreiung ist nur der Anfang, das erste Drittel der zu erwartenden Umgestaltung, die auch die Rechts- und Wirtschaftssysteme ergreifen muss. Daher kritisierte Steiner auch nicht die Dreigliederungsbewegung als solche, sondern die Tatsache, dass sie von ihren eigenen Vertretern nicht anthroposophisch genug gedacht worden sei.[16]

Zweifellos sah Steiner die anthroposophische Gesellschaft als zentralen Schauplatz und Transmissionsriemen dieser Umgestaltung. Schon Jahre vor der Weihnachtstagung, am 14. April 1919, bezeichnete er die Anthroposophische Gesellschaft als den »Kern alles Guten«, das »über die Menschheit kommen sollte« – allerdings im Optativ: »sie soll ein Kern sein für alles Gute, das über die Menschheit kommen soll« – ein Wort oder ein Wunsch, der durch die Krisen des Jahres 1923 nicht widerlegt, sondern nur um so dringlicher wurde. Und zu diesem Guten gehörte für Steiner eine Gestaltung der Gesellschaft, die dem gesamten geistigen Leben Freiheit gewährte, im Rechtsleben die Gleichheit realisierte und im Wirtschaftsleben die Brüderlichkeit. Denn wie er 1919 betonte: »Was die Menschen am notwendigsten brauchen, das ist die Kenntnis von den Lebensbedingungen des gesunden Organismus. Wenn die Menschen nicht die Lebensbedingungen des gesunden sozialen Organismus kennenlernen, so werden sie fortfahren, den alten sozialen Organismus zu zerstören, solange das Zerstören möglich ist«.[17]

Zu Recht bemerkt Spitta: »Rudolf Steiner kam es […] darauf an, die Dreigliederungsbewegung als einen umfassenden, mit der anthroposophischen Bewegung zutiefst verbundenen Impuls dadurch auf anthroposophischen Boden zu stellen, dass dieser in das Wirken der Anthroposophischen Gesellschaft aufgenommen wird.«

Dem Ziel, die Anthroposophische Gesellschaft zu einem »Kern alles Guten« werden zu lassen, war auch die Weihnachtstagung 1923 gewidmet. Ihre »Prinzipien« oder »Statuten« weisen ihr die Aufgabe zu, mit Hilfe der Ergebnisse der Geisteswissenschaft »für die Brüderlichkeit im menschlichen Zusammenleben« zu sorgen (§ 2), und von dieser selbst wird gesagt, sie könne »zu einem wirklich auf brüderlicher Liebe aufgebauten sozialen Leben führen« (§ 3).

Schließlich beabsichtigte Steiner auch die Gründung einer sozialwissenschaftlichen Sektion, deren Leitung Guenther Wachsmuth zugedacht war, der sich allerdings außerstande sah, zwei Sektionen zu leiten.[18]

Spittas Aufsatz mündet in eine Art Apotheose der sozialen Dreigliederung. Michael als Führergeist der anthroposophischen Bewegung wolle die ihr verbundenen Menschen mit den urgestaltenden Weltenkräften – d. h. den Kräften der Trinität – verbinden, damit diese zu einer »neuen Geistes-, Seelen- und Lebenspraxis« befähigt würden. Je mehr es den Mitgliedern der anthroposophischen Bewegung gelinge, so Spitta, »mit Hilfe des Zeitgeistes Michael als Diener des Christus sich mit den trinitarisch wirkenden urgestaltenden Weltenkräften zu verbinden«, um so mehr könne der Dreigliederungsimpuls in der Menschheit aufleuchten und wirksam werden. Dadurch könne »nach und nach der dreigliedrige Menschheits-Organismus gebildet werden und dieser sich im Laufe der weiteren Menschheitszukunft zur Geist-Leiblichkeit des Christus entwickeln«, soweit die Menschheit durch Geisteswissenschaft die Möglichkeit finde, »ihr soziales Leben auf brüderlicher Liebe aufzubauen.«

Spittas Aufsätze können als zweierlei gelesen werden: als Glorifizierung bestehender anthroposophischer Institutionen ungeachtet ihrer Lebensrealität und ihrer Geschichte. Bezieht man nämlich seine Ausführungen über die Hochschule und die Anthroposophische Gesellschaft auf letztere, erscheinen sie, vornehm ausgedrückt, als Erscheinungsform eines nahezu hoffnungslos fehlgeleiteten Platonismus. Oft genug wurden die Freiheit des Geistes und die Brüderlichkeit in der Geschichte dieser Gesellschaft und ihrer Institutionen mit Füssen getreten. Man erinnere sich daran, um nur ein Beispiel zu nennen, wie und warum Walter Johannes Stein sich 1932 von der Stuttgarter Waldorfschule verabschiedete. Und die Freie Hochschule war 1980 weit von dem entfernt, als was sie von Steiner einmal intendiert worden war.

Man könnte diese Aufsätze aber auch als Rechtfertigung des politischen Engagements, dem sich die sozialwissenschaftliche Forschungsgesellschaft zu widmen gedachte, in der Sprache seiner inneranthroposophischen Verächter lesen. Dann erscheinen die hochtönenden Berufungen auf Christus, Michael und die Trinität als Versuch, die eigentlichen Adressaten an ihre vergessenen Ideale zu erinnern, und sie dazu aufzurufen, sich für die Freiheit des Denkens, die Gleichheit aller vor dem Gesetz und die Brüderlichkeit in der Ökonomie einzusetzen. Insofern hätte Spitta keinen Ist-Zustand beschrieben, sondern einen Soll-Zustand. Und dieser Soll-Zustand besteht noch heute.

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Anmerkungen:


  1. Mitteilungen, Johanni 1980, S. 99-104. Die folgenden Zitate, soweit nicht anders gekennzeichnet, auf diesen Seiten.
  2. 27.12.1923, GA 260, Dornach 1994, S. 108.
  3. 30.01.1924, GA 260 a, Dornach 1987, S. 125.
  4. Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, Dornach 1992, Kapitel Leben und Tod. Der große Hüter der Schwelle, S. 204 ff.
  5. Mitteilungen, Michaeli 1980, S. 189-196. Alle folgenden Zitate, soweit nicht anders gekennzeichnet, hieraus.
  6. 11.08.1919, GA 296, Dornach 1991, S. 56 f.
  7. Ebd., S. 62.
  8. 23.03.1919, GA 190, Dornach 1980, S. 55 f.
  9. Ebd., S. 55-56.
  10. 23. Dezember 1921, GA 303, S. 8 f.
  11. Ebd.
  12. Ebd., S. 14.
  13. Ebd., S. 15.
  14. Ebd., S. 17-21.
  15. 2.04.1923, GA 223, Dornach 1990, S. 50 f.
  16. 6.02.1923, GA 257, Dornach 1989, S. 67.
  17. 14.04.1919, GA 190, Dornach 1980, S. 219 f.
  18. Guenther Wachsmuth, Rudolf Steiners Erdenleben und Wirken, Dornach 1964, S. 561.

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Literatur:

Ein Kommentar

  1. Merkwürdige Ausführungen bei Spitta: “Bewegung, Hochschule und Gesellschaft verhielten sich demnach wie Geist, Seele und Leib zueinander. Dies sei, wie sich Spitta platonisch ausdrückt, »das Urbild«.“
    Eher, würde man aristotelisch-analog sagen, sei die Hochschule als Geist gemeint (Statut par.5) und die Gesellschaft als Seele.

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