1980 | Die Politik okkulter Brüderschaften

 

Der Pforzheimer Arzt Karl Buchleitner kleidete sein Plädoyer[1] für ein politisches Engagement der Anthroposophischen Gesellschaft in eine Exegese des Satzes der Prinzipien von 1923, der vordergründig das Gegenteil besagt. Im § 4 heißt es bekanntlich über diese Gesellschaft: »Die Politik betrachtet sie nicht als in ihren Aufgaben liegend.« Diese Aussage (Steiners) sei aber im Zusammenhang mit den anderen Sätzen des Paragrafen zu sehen, die vor zwei Gefahren warnten: der Geheimniskrämerei und dem Sektierertum. Positiv werde im § 4 die Öffentlichkeit der Gesellschaft hervorgehoben[2] und jede Form von Absonderung oder Abspaltung von dieser Öffentlichkeit zurückgewiesen[3].

So gesehen sind Geheimniskrämerei (Okkultismus, Segregation, Verschwörung) und Sektiererei (Rechthaberei, Auserwähltheitsglaube, Dogmatismus) zwei Formen des Abfalls vom Öffentlichkeitsprinzip.[4]

Buchleitner weist zu Recht darauf hin, dass esoterische Gemeinschaften (Gesellschaften) stets bestrebt gewesen seien, in die exoterischen hineinzuwirken. In der Vergangenheit hielten diese zwar nicht ihre Existenz, aber ihr esoterisches Lehrgut in der Regel geheim.

Steiner betrachtete dieses Geheimhaltungsprinzip jedoch als veraltet. In seinem Aufsatz Frühere Geheimhaltung und jetzige Veröffentlichung übersinnlicher Erkenntnisse aus dem Jahr 1918[5] begründete er dies aus der Bewusstseinsentwicklung, aber auch aus der moralischen Verfassung der Moderne: »Auch im sittlichen und sozialen Leben ist gegenwärtig die Menschheit auf einer Entwickelungsstufe angelangt, die unmöglich macht, das gesamte Wissen vom Übersinnlichen vom öffentlichen Geisteswesen auszuschließen. Die ethischen und sozialen Triebe hatten in früheren Zeitaltern gewisse aus Urzeiten der Menschheit vererbte geistige Richtkräfte in sich, die instinktiv nach einem Gemeinschaftsleben drängten, das den Bedürfnissen der Einzelseelen entsprach. Das Seelenleben der Menschen ist ein bewussteres gegenüber früheren Zeiten geworden. Damit sind die geistigen Instinkte zurückgedrängt; Wille und Triebe müssen auch bewusst geleitet werden, wenn sie nicht richtungslos werden sollen. Das können sie nur, wenn der einzelne Mensch durch seine eigene Anschauung das Leben in der sinnlich-physischen Welt von der Einsicht in die übersinnliche Menschenwesenheit aus zu beleuchten in der Lage ist.«

Der Aufsatz gipfelte in einem Plädoyer, dessen konzentrierte Form § 4 der Statuten enthält: »Wir leben in einem Zeitalter, in dem übersinnliche Erkenntnis nicht mehr ein Geheimgut weniger bleiben kann; in dem sie Gemeingut aller derjenigen werden muss, denen der Sinn des Lebens in diesem Zeitalter als Bedürfnis ihres Seelendaseins sich regt. Dieses Bedürfnis ist gegenwärtig schon in den unbewussten Seelenuntergründen der Menschen in viel weiterer Ausbreitung wirksam, als manche ahnen. Es wird immer mehr zur Forderung nach einer Gleichbehandlung des übersinnlichen Erkennens mit dem Naturerkennen werden.«

Das scheinbare Paradox: in aller Öffentlichkeit esoterisch zu wirken, ergibt sich also aus den Forderungen des Zeitalters, das der Erkenntnis der »offenbaren Geheimnisse« aus noetischen und ethischen Gründen bedarf.

Nun schließt die »Öffentlichkeit« zweifellos auch das Feld des Politischen ein, sofern unter letzterem die Gestaltung des (allgemeinen) Gesellschaftslebens (polis) nach demokratischen Verfahren gemeint ist. Demokratie und Geheimhaltung schließen sich im Prinzip aus. Eine Regierung des Volkes durch das Volk lässt sich nicht realisieren, wenn Herrschaftswissen exklusiven Zirkeln vorbehalten bleibt und deren Entscheidungen, die die Allgemeinheit betreffen, geheim gehalten werden. Kabinettspolitik und Geheimdiplomatie sind Machttechniken einer vergangenen Epoche, die dem Prinzip der Volkssouveränität widersprechen, ebenso wie eine gelenkte Demokratie, in der politische oder mediale Eliten den Anspruch erheben, den Souverän zu erziehen oder besser zu verstehen, als er sich selbst versteht.

Buchleitner meint, die Absage an Politik bedeute nicht, dass die Anthroposophische Gesellschaft sich nicht mit »Menschheitsfragen« befassen bedürfe, sie sei lediglich als Ablehnung von »Parteipolitik, Kabinettspolitik oder Interessenpolitik von Gruppen« zu verstehen. Wenn »Politik« so verstanden werde, sei Steiners öffentliches Eintreten für die Dreigliederung nach dem Ersten Weltkrieg in diesem Sinne kein Widerspruch. Daher habe er in den Beratungen über den § 4 bei der Weihnachtstagung auch bemerkt: »Diesen Satz brauchen wir, weil zahlreiche Missverständnisse aus allerdings nicht klarem Verhalten vieler unserer Mitglieder während der Dreigliederungszeit entstanden sind. Anthroposophie ist vielfach zu dem Ansehen gekommen, als ob sie sich in die politischen Angelegenheiten der Welt hineinmischen wollte – was sie nie getan hat, nie tun kann, – dadurch dass die Dreigliederungssache von unseren Freunden vielfach an die politischen Parteien herangebracht worden ist, was von vorneherein ein Fehler bei diesen Freunden war.«[6]

Unter Politik verstehe Steiner also das Herantragen allgemeinmenschlicher Anliegen an bestimmte Parteien und den Versuch, mit deren Hilfe die angestrebten Ziele zu erreichen. Daher sei auch der gesamte Einsatz der Dreigliederer in Oberschlesien, der darauf abzielte, die Angliederung dieses Gebietes »an einen angrenzenden Staat« zu verhindern, solange dort nicht ein Verständnis der Dreigliederung entstanden sei, nicht als politisch zu verstehen. Ja, das Vertreten der Dreigliederung in der Öffentlichkeit habe prinzipiell nichts mit Politik zu tun.

Diese These lässt sich jedoch nur aufrecht erhalten, wenn man das »Politische« auf Parteipolitik oder »Interessenpolitik für bestimmte Gruppen« einschränkt. Allerdings waren die Dreigliederer selbst eine Gruppe, die das bestimmte Interesse verfolgte, die soziale Dreigliederung einzuführen und insofern unterschieden sie sich nicht von einer Partei. Wird Politik im ursprünglichen (griechischen) Wortsinn verstanden, als Interesse der gesamten Polis, des Gemeinwesens, oder der römischen res publica, ist der Versuch, dieses gesamte Gemeinwesen umzugestalten (z. B. die Verselbstständigung der drei Gebiete Geist, Recht und Wirtschaft einzuführen), sogar in hohem Grade politisch, da er sämtliche Lebensverhältnisse betrifft. Bei näherem Zusehen erweist sich der Versuch, den Begriff der Politik auf »Parteipolitik« einzuschränken, sogar als fatal, da er allein Parteien als Vehikel der Gestaltung des öffentlichen Lebens anerkennt und damit implizit z. B. die Praxis der direkten Demokratie, die nicht an die Organisationsform von Parteien gebunden ist, für unpolitisch erklärt.

Dass die willkürliche Verengung des Politikbegriffs nicht aufrecht zu erhalten ist, zeigt auch das Argument Buchleitners, »die Beobachtung der politischen Angelegenheiten, die Erforschung ihrer Hintergründe und die Verfolgung ihrer Auswirkungen« habe zu den »ständigen und nie unterbrochenen Tätigkeiten« Steiners gehört. Hier dürfte er wohl kaum gemeint haben, Steiner habe sich lediglich mit »Parteipolitik«, ihren »Hintergründen« und »Auswirkungen« beschäftigt. Vielmehr war Steiners Blick stets auf Gesellschaften als Ganze gerichtet und sein Zugriff auf den historischen Horizont philosophisch, im Sinne von umfassend. Auch wenn Buchleitner von »politischen Verhältnissen« spricht, zu welchen die Geisteswissenschaft »Stellung nehmen« müsse, dachte er wohl kaum an »parteipolitische« Verhältnisse. Dass die Dreigliederung von Steiner »mit allen öffentlichen Mitteln« »als Idee« verbreitet wurde, in der Hoffnung, sie werde in einzelnen Menschen zur »Intuition in konkreten Fällen«, macht sie deswegen nicht unpolitisch.

Erst recht stellen die »umfangreichen Ausführungen« Steiners »zu sozialen und gegenwartsgeschichtlichen Fragen«, die den Mitgliedern zur Verfügung stünden, Betrachtungen dar, die das Feld der Politik berühren. Wie sollten sich denn soziale Fragen außerhalb dieses Feldes befinden? Anthroposophen können es wohl kaum bei der »gedanklichen Bewältigung gegenwärtiger Krisen« bewenden lassen, die das von Steiner zur Verfügung gestellte Material ermöglichen soll, vielmehr müssen sie zum Handeln übergehen, und die Verhältnisse ändern, soweit es ihnen möglich ist, bis in die Gestaltung von Gesetzen hinein. Hält man die von Steiner in der Philosophie der Freiheit vorgetragene Überlegung für evident, Staatsgesetze seien den Intuitionen von Staatsmännern entsprungen, und wer glaube, bessere zu haben, solle versuchen, sie an Stelle der geltenden zu setzen[7], wird die entsprechende politische Aktivität nicht ausbleiben können, wenn die gesetzgebenden Körperschaften von diesem Besseren überzeugt werden sollen.

Buchleitner ruft sogar die Anthroposophische Gesellschaft als politisches Subjekt an, wenn er argumentiert, die Verarbeitung des von Steiner bereitgestellten »Materials« sei dem einzelnen Mitglied nur stückweise möglich, woraus sich eine »Aufgabe der anthroposophischen Gesellschaft« ergebe, auch wenn er diese auf »gedankliche Bewältigung« einschränkt. Aber was soll alle »gedankliche Bewältigung«, wenn aus ihr kein zielgerichtetes Handeln folgt? Als Beispiele führt er die »außenpolitische Situation« der verschiedenen Erdteile an, die Frage der »Atomenergie«, das Problem der »Überbevölkerung«, die »Ökologie der Erde« und die »Verwestlichung der Erdbevölkerung durch Technokratie und Kommerzialität«. Auch wenn es sich hierbei nicht ausschließlich um politische Fragen handelt, betrafen bzw. betreffen sie doch die Lebensverhältnisse zahlloser Menschen und auch wenn ihre »gedankliche Bewältigung« zuerst eine Erkenntnisfrage ist, wird bei der aufgrund dieser Bewältigung gewonnenen Erkenntnis politisches Handeln nicht zu umgehen sein.

Schließlich führt unser Autor auch noch »die Tragödie der Ausschaltung der europäischen Mitte als eigenständiger Kraft« an (man bedenke, dass der Aufsatz 1980 verfasst wurde), die nur von der Geisteswissenschaft voll verstanden werden könne – und aus diesem Verständnis könnten erst jene Kräfte geschöpft werden, die »heilend eingreifen«. Wie aber sollte diese Heilung, die im Zeitalter des kalten Krieges und der Rivalität der Supermächte sicherlich eine politische hätte sein müssen oder eine ideelle mit politischen Auswirkungen, erreicht werden, wenn nicht durch politische Bewegungen? (Man denke an das Zusammenwirken von Michail Gorbatschow, George W. Bush, Helmut Kohl und François Mitterand in der einzigartigen historischen Konstellation Ende der 1980er Jahre). Nicht die Geisteswissenschaft oder Anthroposophen bewirkten die Befreiung der sowjetischen Satellitenstaaten und die Wiedervereinigung Deutschlands, sondern politisch bewegte Völker und ihre von begeisternden Intuitionen getragenen Führer.

Buchleitner weist darauf hin, dass Steiner, als er 1917 seine zeitgeschichtlichen Betrachtungen über die geistigen Hintergründe des I. Weltkriegs hielt, und sich auch ansonsten zunehmend mit scheinbar völlig unesoterischen Dingen beschäftigte, gleichzeitig die Arbeit nach innen verstärkt habe, um ein Gegengewicht zu dem sich intensivierenden Blick auf die äußere Welt zu schaffen, etwa durch die Publikation der Schriften Vom Menschenrätsel (1916) und Von Seelenrätseln (1917). Und er zitiert eine weitere, scheinbar deutliche Verurteilung der Politik aus den Zeitgeschichtlichen Betrachtungen von 1917: »Als ich auf mehrfachen Wunsch mich entschlossen hatte, über einige Fragen aus der unmittelbaren Geschichte der Gegenwart zu sprechen, habe ich ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, dass es sich hier um die Erkenntnis von Tatsachen handeln soll und nicht die Rede davon sein könne, dass hier Politik oder irgend etwas mit Politik Zusammenhängendes getrieben werde … Denn es scheint da oder dort von diesen Vorträgen in dem Sinne geredet zu werden, als würden hier politische Vorträge gehalten … Aber schließlich muss es nach und nach zu einem völligen Verstummen über gewisse Dinge kommen, und was dann aus unserer Bewegung werden muss, das ist ja leicht abzusehen […] Ich muss schon gestehen: Wenn da oder dort für dasjenige, was ich auf mehrfachen Wunsch hin hier als Betrachtungen anstelle, die Bezeichnung ›politische Vorträge‹ gewählt wird, so muss ich das durchaus als eine ganz persönliche Attacke auf mich selber ansehen.«[8]

Unser Autor geht auf diese Distanzierungen nicht näher ein, aus dem Kontext wird jedoch deutlich, dass Steiners Ablehnung der Unterstellung, er treibe Politik oder halte »politische Vorträge« sich gegen den Vorwurf der politischen Agitation zugunsten der Achsenmächte wandte, was in der damals neutralen Schweiz für ihn als Österreicher mit einem prekären Aufenthaltsstatus nicht unproblematisch gewesen wäre. Abgesehen davon, betrieb er in diesen Vorträgen tatsächlich keine politische Agitation, sondern bemühte sich darum, »Tatsachen« zu beschreiben, auch wenn viele seiner damaligen Ausführungen geeignet sind, ihm nachträglich seitens Unaufgeklärter den Vorwurf einzubringen, er sei ein »Verschwörungstheoretiker« avant la lettre gewesen.


Leseempfehlung:

Eine umfassende historische Aufarbeitung der Zeitgeschichtlichen Betrachtungen Steiners aus den historischen Quellen leistete Markus Osterrieder in seinem Buch Welt im Umbruch. Nationalitätenfrage, Ordnungspläne und Rudolf Steiners Haltung im ersten Weltkrieg, Stuttgart 2014.


Aber Steiner habe, so Buchleitner weiter, 1917 nicht nur über die geistigen Hintergründe des I. Weltkriegs, sondern auch über die Operationen »okkulter Brüderschaften in Ost und West« gesprochen, die auf unlauteren Wegen in den Besitz spirituellen Wissens gelangten und dieses in großem Stil zur politischen Beeinflussung von Massen einsetzten (siehe z. B. Individuelle Geistwesen und einheitlicher Weltengrund, in GA 178). Deren Bestrebungen müssten durchschaut werden, denn Erkenntnis sei der einzige Schutz vor Manipulation.

Verdeutlichen wir das Gesagte durch ein Beispiel. Am 18. November 1917 führte Steiner in Dornach folgendes aus: »Es gibt heute verführte Materialisten, die glauben, dass das materielle Leben das einzige sei; aber es gibt auch Eingeweihte, die Materialisten sind und die durch Brüderschaften materialistische Lehren verbreiten lassen. Von diesen Eingeweihten dürfen Sie nicht glauben, dass sie etwa auf dem albernen Standpunkte stehen, dass es keinen Geist gibt, oder dass der Mensch nicht eine Seele hat, die von dem Leibe unabhängig sein kann und ohne ihn leben kann. Sie können getrost annehmen, dass derjenige, der in die geistige Welt wirklich eingeweiht ist, sich nie der Albernheit hingibt, an die bloße Materie zu glauben. Aber es gibt viele, welche in einer gewissen Weise ein Interesse daran haben, den Materialismus verbreiten zu lassen, und die allerlei Veranstaltungen treffen, damit ein großer Teil der Menschen an den Materialismus allein glaubt und ganz und gar unter dem Einfluss des Materialismus steht.

Nun gibt es Brüderschaften, welche an ihrer Spitze Eingeweihte haben, die eben ein solches Interesse haben, den Materialismus zu pflegen, zu verbreiten. Diesen Materialisten dient es sehr gut, wenn immerfort davon geredet wird, dass der Materialismus eigentlich schon überwunden sei. Denn man kann auch irgendeine Sache mit den entgegengesetzten Worten anstreben; die Verfahrungsweisen sind oftmals recht komplizierte.

Was wollen nun solche Eingeweihte, welche eigentlich ganz gut wissen, dass die Menschenseele ein rein spirituelles Wesen ist, ein spirituelles Wesen, ganz selbständig gegenüber der Leiblichkeit, und die dennoch die materialistische Gesinnung der Menschen hegen und pflegen?

Diese Eingeweihten wollen, dass möglichst viele Seelen da seien, welche hier zwischen Geburt und Tod nur materialistische Begriffe aufnehmen. Dadurch werden diese Seelen präpariert, in der Erdensphäre zu bleiben. Sie werden gewissermaßen in der Erdensphäre gehalten.

Und nun denken Sie sich, dass Brüderschaften eingerichtet werden, die das genau wissen, die jene Verhältnisse gut kennen. Diese Brüderschaften präparieren dadurch gewisse Menschenseelen so, dass diese Menschenseelen nach dem Tode im Reiche des Materiellen verbleiben. Wenn diese Brüderschaften dann – was möglicherweise in ihrer verruchten Macht liegt – die Veranstaltung treffen, dass diese Seelen nach dem Tode in den Bereich der Machtsphäre ihrer Brüderschaft kommen, dann wächst dieser Brüderschaft dadurch eine ungeheure Macht zu.

Also diese Materialisten sind nicht Materialisten, weil sie nicht an den Geist glauben, so töricht sind diese Eingeweihten-Materialisten nicht, die wissen ganz gut, wie es um den Geist steht; aber sie veranlassen die Seelen, bei der Materie auch nach dem Tode zu bleiben, um sich solcher Seelen zu ihrem Zwecke bedienen zu können. Also wird von solchen Brüderschaften eine Klientel geschaffen von Totenseelen, die im Bereiche der Erde verbleiben. Diese Totenseelen, die haben in sich Kräfte, die in der verschiedensten Weise gelenkt werden können, mit denen man Verschiedenes bewirken kann, wodurch man gegenüber denen, die in diese Dinge nicht eingeweiht sind, zu ganz besonderen Machtentfaltungen kommen kann.

Das ist einfach eine Veranstaltung gewisser Brüderschaften. Und in dieser Sache sieht nur derjenige klar, der sich keine Finsternis und nichts Nebuloses vormachen lässt; der sich nicht vormachen lässt, dass es solche Brüderschaften entweder gar nicht gibt, oder dass ihre Dinge harmlos sind. Sie sind ganz und gar nicht harmlos, sie sind sehr harmvoll; die Menschen sollen im Materialismus noch immer weiter und weiter schreiten. Sie sollen nach dem Sinne solcher Eingeweihter glauben, dass es zwar geistige Kräfte gibt, aber dass diese geistigen Kräfte nichts anderes sind als auch gewisse Naturkräfte.

Nun möchte ich Ihnen doch das Ideal charakterisieren, das solche Brüderschaften haben. Man muss sich ein bisschen anstrengen, um die Sache zu verstehen. Denken Sie sich also eine harmlose Welt von Menschen, die ein wenig beirrt ist durch die heute herrschenden materialistischen Begriffe, die ein wenig abgeirrt ist von den alten, erprobten Religionsvorstellungen. Denken Sie sich solch eine harmlose Menschheit. Vielleicht können wir es uns gut graphisch vorstellen (es wird gezeichnet):

Illustration aus GA 178

Illustration aus GA 178, 18. November 1917

Wir denken uns hier das Gebiet einer solchen harmlosen Menschheit (größerer Kreis, hell). Wie gesagt, diese Menschheit ist sich nur nicht recht klar über die geistige Welt; beirrt durch den Materialismus, weiß sie nicht recht, wie sie sich verhalten soll gegenüber der geistigen Welt. Namentlich weiß sie nicht recht, wie sie sich verhalten soll gegenüber denjenigen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind.

Nun nehmen wir an, hier sei das Gebiet solch einer Brüderschaft (kleiner Kreis, grün): diese Brüderschaft verbreite die Lehre des Materialismus, sie sorge, dass diese Menschen jedenfalls rein materialistisch denken. Dadurch bringt es diese Brüderschaft dahin, sich Seelen zu erzeugen, die nach dem Tode in der Erdensphäre bleiben. Diese werden eine spirituelle Klientel für diese Loge (siehe Zeichnung, orange); das heißt, man hat sich dadurch Tote geschaffen, die nicht aus der Erdensphäre hinausgehen, sondern bei der Erde bleiben. Macht man nun die richtigen Veranstaltungen, so behält man sie in den Logen darinnen. Also man hat auf diese Weise Logen geschaffen, welche Lebende enthalten und auch Tote, aber Tote, welche verwandt worden sind den Erdenkräften.

Nun dirigiert man die Sache so, dass diese Menschen hier Sitzungen abhalten, oder auf solch einem Wege, wie es bei Veranstaltungen der spiritistischen Sitzungen im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war, von denen ich öfter gesprochen habe. Dann kann es vorkommen – ich bitte Sie, das zu berücksichtigen –, dass dasjenige, was hier in diesen Sitzungen geschieht, dirigiert wird von der Loge aus mit Hilfe der Toten. Aber nach den eigentlichen Intentionen der Meister, die in jenen Logen sind, sollen die Menschen nicht wissen, dass sie es mit Toten zu tun haben, sondern glauben, dass sie es einfach mit höheren Naturkräften zu tun haben. Man will den Leuten beibringen, das seien höhere Naturkräfte: Psychismus und dergleichen, bloß höhere Naturkräfte. Man will ihnen den eigentlichen Seelenbegriff nehmen und sagen: Wie es Elektrizität, wie es Magnetismus gibt, so gibt es auch solche höhere Kräfte. Dass das von Seelen kommt, das kaschieren gerade diejenigen, die in der Loge führend sind. Dadurch aber werden die andern, die harmlosen Seelen, ganz abhängig nach und nach, seelisch abhängig von der Loge, ohne dass sie wissen, wovon sie abhängig sind, woher sie eigentlich dirigiert werden.

Es gibt kein anderes Mittel gegen diese Dinge als das Wissen davon. Weiß man davon, so ist man schon geschützt. Weiß man es so, dass dieses Wissen ein richtiges Fürwahrhalten, ein wirkliches Glauben ist, so ist man schon geschützt. Aber man muss nicht zu bequem sein, sich das Wissen von diesen Dingen wirklich zu erwerben […]

Hier haben Sie den Anfang von dem, wie es in den nächsten fünf Jahrhunderten immer intensiver und intensiver werden wird. Nun haben sich die bösen Brüderschaften darauf beschränkt; aber sie werden die Dinge schon fortsetzen, wenn ihnen nicht das Handwerk gelegt wird, das ihnen nur gelegt werden kann, wenn man die Bequemlichkeit gegenüber der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung überwindet.«

Die zitierten Ausführungen Steiners beschreiben okkulte Techniken »westlicher Brüderschaften« zur Manipulation von Totenseelen und über diese von Lebenden, während sich »östliche« anderer Techniken bedienen. Laut Steiner zielen diese Techniken darauf ab, »die Menschen abzulenken von dem Christus, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, und einer andern Individualität die Herrschaft über die Erde zuzuschanzen[9]

Laut Buchleitner habe Steiner durch solche Vorträge der Anthroposophischen Gesellschaft eine neue Aufgabe gestellt: sich mit den beschriebenen okkulten Kräften, die »auf die Vernichtung Europas« abzielten, auseinanderzusetzen. Auch sein späteres Wirken nach dem Scheitern der Dreigliederungsbewegung sei vor diesem Hintergrund zu sehen. Dazu habe auch die »Konsolidierung« der Gesellschaft durch die Weihnachtstagung gehört.

Aus der Sicht unseres Autors erbrachte die Geschichte des 20. Jahrhunderts und die weltpolitische Situation 1980 den Beweis für die Richtigkeit dessen, was Steiner 1917 beschrieben hatte. Der Gesellschaft warf er (in rhetorische Fragen gekleidet) vor, sie sei von der irrtümlichen Meinung, Politik gehöre nicht zu ihren Aufgaben, dazu verführt worden, sich nicht ausreichend mit der Gegenwartsgeschichte zu beschäftigen. »Hätte Rudolf Steiner nicht vielleicht längst schon an verschiedenen Wendepunkten unserer Zeit öffentliche Aktionen durchgeführt, ähnlich der Dreigliederungsbewegung?«, frägt er.

Seiner Auffassung nach gehöre es zu den Aufgaben der Anthroposophischen Gesellschaft den »Kampf gegen okkulte Gegenmächte« bewusst aufzunehmen. Nur durch einen solchen könne das Schicksal der Menschheit »in gute Bahnen gelenkt« werden. Und diese Aufgabe sei auch gegenüber der Öffentlichkeit – hier ist wohl gemeint: auf dem Felde der Politik – zu vollbringen.

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Anmerkungen:


  1. Karl Buchleitner, Anthroposophische Gesellschaft und Politik, Mitteilungen, Weihnachten 1980, S. 297-300.
  2. »Die Anthroposophische Gesellschaft ist keine Geheimgesellschaft, sondern eine durchaus öffentliche«.
  3. »Die Gesellschaft lehnt jedes sektiererische Bestreben ab«. Die Ablehnung des Sektierertums kann als inneres, aber auch als äußeres Regulativ des Gesellschaftslebens verstanden werden: die Gesellschaft lehnt die Bildung von Parteiungen ab, die sich aus möglichen inneren Gegensätzen ergeben könnten, ebenso wie sie sich selbst nicht von der allgemeinen Gesellschaft abspalten und dieser als Partei gegenübertreten will. Historisch entwickelte sich der heutige, pejorative Begriff der »Sekte« aus dem lateinischen secta (von sequi, folgen, dem in der Logik große Bedeutung zukommt), das ursprünglich neutral philosophische oder juristische Schulen bezeichnete und erst in der Zeit der Religionskämpfe des Frühchristentums negativ aufgeladen wurde, als zahlreiche Sekten um das Prädikat der Rechtgläubigkeit stritten. Eng verwandt mit der secta ist der Teil (lt. pars), der auch die Voraussetzung jeder Schulbildung ist, da eine Schule stets Autorität, Abgrenzung und Gefolgschaft voraussetzt.
  4. § 4 lautet im Zusammenhang: »Die Anthroposophische Gesellschaft ist keine Geheimgesellschaft, sondern eine durchaus öffentliche. Ihr Mitglied kann jedermann ohne Unterschied der Nation, des Standes, der Religion, der wissenschaftlichen oder künstlerischen Überzeugung werden, der in dem Bestand einer solchen Institution, wie sie das Goetheanum in Dornach als freie Hochschule für Geisteswissenschaft ist, etwas berechtigtes sieht. Die Gesellschaft lehnt jedes sektiererische Bestreben ab. Die Politik betrachtet sie nicht als in ihrer Aufgabe liegend.« Es stehen sich drei negative (keine Geheimnisse, kein Sektierertum, keine Politik) und drei positive Bestimmungen gegenüber: Öffentlichkeit, allgemeine Zugänglichkeit und Anerkennung der Möglichkeit einer Freien Hochschule für Geisteswissenschaft und damit dieser Geisteswissenschaft selbst. Die Öffentlichkeit korreliert mit dem Geheimnis, die allgemeine Zugänglichkeit mit dem Sektierertum und die Anerkenntnis einer Wissenschaft des Geistes – mit der Politik, vermutlich weil letztere auf dem Prinzip der Machtakkumulation beruht. Aber das ist an dieser Stelle nur eine Vermutung.
  5. GA 35, Dornach 1984, S. 391-408.
  6. GA 260, Dornach 1994, S. 50.
  7. GA 4, Dornach 1995, S. 172.
  8. 8.01.1917, GA 173b, Dornach 2010, S. 253.
  9. 18.11.1917, GA 178, Dornach1992, S. 177 ff. Es handelt sich um drei Vorträge, die dieses Thema behandeln. Sie sind unbedingt im Zusammenhang zu lesen. Bei der anderen Individualität, von der Steiner spricht, dürfte es sich um Ahriman handeln.

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