1980 | Terror unter dem Schild von Gladio

RAF Logo

RAF Logo

Im Jahr 1980 standen einige geostrategische Brennpunkte des »Grand Chessboards« (Zbigniew Brzeziński, 1997) [1] im Mittelpunkt des Interesses der politischen und militärischen Eliten des Kalten Krieges: Afghanistan und der mittlere Osten.

Afghanistan

Im Januar marschierten sowjetische Truppen im Land am Hindukusch ein. Der Einmarsch zog umgehend Sanktionen der USA gegen die Sowjetunion nach sich, führte jedoch – nach einer Verhängung des Kriegsrechts über Kabul Ende Februar – zur Ratifizierung eines Vertrags, in dem die afghanische Regierung der Stationierung der sowjetischen Truppen zustimmte. Das Ausgreifen des Hauptkontrahenten des amerikanischen Empire um die Vorherrschaft über die Welt nach Süden wirkte sich bis auf die olympischen Sommerspiele aus, die dieses Jahr in Moskau stattfanden, aber von 57 Ländern, darunter die USA, Deutschland und Japan, boykottiert wurden. In jenem heimgesuchten Land, das bereits im 19. Jahrhundert der Schauplatz eines »Great Game« der Kolonialmächte gewesen war – damals standen sich das Britische Empire und das Zarenreich gegenüber – begann der von den USA, Pakistan und Saudi Arabien unterstützte Guerillakrieg der Mudschahedin gegen die Besatzungsmacht, der 1989 mit dem Abzug der sowjetischen Truppen endete. Afghanistan fand jedoch anschließend nicht zum Frieden, sondern versank im Chaos eines Bürgerkriegs, zu dessen Akteuren auch die Taliban gehörten, deren langer Arm bis nach New York im Jahr 2001 reichen sollte.

Iran

Im benachbarten Iran dauerte die Geiselnahme an der amerikanischen Botschaft in Teheran fort. Nach dem Scheitern des spektakulären Befreiungsversuchs »Eagle Claw«, den Carters Sicherheitsberater Brzeziński politisch verantwortete, wurde das Land einem amerikanisch-europäischen Sanktionsregime unterworfen. Es sah sich einige Monate nach dem Wahlsieg der irakischen Baath-Partei unter Saddam Hussein in den acht Jahre andauernden Ersten Golfkrieg verwickelt, eine der vielen Erscheinungsformen des jahrhundertealten Konflikts zwischen den arabischen Muslimen Iraks und ihren persischen Glaubensbrüdern, die vordergründig durch einen Konflikt um die erdölreiche iranische Provinz Chusistan am Schatt al-Arab ausgelöst wurde. Der Irak stand im Gegensatz zur islamischen Republik Iran nicht alleine, sondern wurde von den USA, der Sowjetunion, Frankreich und Saudi Arabien unterstützt. Trotzdem sollte der extrem brutale Krieg, bei dem der Irak unter anderem Giftgas einsetzte, nach hohen Verlusten auf beiden Seiten ergebnislos abgebrochen werden. Auf einem Nebenschauplatz – in der Londoner iranischen Botschaft – kam es im April zu einer Geiselnahme durch eine irakische Terrorgruppe, die Freiheit für 91 Gesinnungsgenossen und Autonomie für die Provinz Chusistan forderte. Diese Geiselnahme wurde – im Gegensatz zu jener in Teheran – erfolgreich durch die britische Spezialeinheit SAS beendet. Der Konflikt forderte weitere Opfer: Schapur Bachtiar, der vom Schah, dessen Macht bröckelte, Ende 1978 ins Amt des Ministerpräsidenten berufen worden war und nach der Revolution vor den Milizen Chomeinis im April 1979 ins französische Exil hatte fliehen müssen, wo er in einem Vorort von Paris eine nationale iranische Widerstandsbewegung ins Leben gerufen hatte, entkam im Juli 1980 nur knapp einem Mordanschlag durch Schergen des neuen Regimes. Ein weiteres Attentat durch Agenten des iranischen Geheimdienstes im Sommer 1980 erzielte hingegen den erwünschten Erfolg: Ein prominenter Gegner Chomeinis, der Diplomat Ali Akbar Tabatabai, erlag bereits dem ersten Tötungsversuch eines als Postboten verkleideten Mörders vor seiner Wohnung in Washington.

Türkei

Lassen wir unseren Blick etwas weiter in den Westen schweifen. In der an den Iran und Irak angrenzenden Türkei, die seit 1952 der NATO angehörte, standen die Zustände nicht zum Besten. Das Land hatte mit großen wirtschaftlichen und sozialen Problemen zu kämpfen und wurde von einem unerklärten Bürgerkrieg zwischen links- und rechtsgerichteten Extremisten, religiösen und säkularen Strömungen zerrissen. Die staatliche Verwaltung und die Sicherheitskräfte waren außerstande, die Eskalation der Gewalt einzudämmen.

Logo des Ordine Nuovo

Logo des Ordine Nuovo

Insbesondere die marxistische Splittergruppe Devrimci Sol (Revolutionäre Linke), die den bewaffneten Umsturz anstrebte, zeichnete sich durch ausnehmende Brutalität und eine lange Liste politischer Morde aus. In einem Verfahren vor dem Militärgericht gestanden die Angeklagten später, 5.388 politische Morde begangen zu haben, zu ihren Opfern zählten fast doppelt so viele »Linke« wie »Rechte«. Der türkische Nachrichtendienst ordnete 70 % der politischen Morde linken, 30 % rechten Tätern zu. Zu den prominenteren Opfern der »Revolutionäre« zählten allein im Jahr 1980 der Mitarbeiter des Geheimdienstes Ahmet Öztürk, der frühere Minister Gün Sazak, der frühere Premierminister Nihat Erim und ein Mitgründer der türkischen Arbeiterpartei, Kemal Türkler. Aber auch andere Gruppierungen waren nicht weniger blutrünstig: so veranstalteten in der Provinz Çorum sunnitische Muslime im Sommer 1980 ein Massaker an Alewiten, dem 57 Menschen zum Opfer fielen.

Das Militär, das der kemalistischen (säkularen) Ordnung verpflichtet war, sah keinen anderen Ausweg, als zu putschen. In der Nacht vom 12. September 1980 übernahm es unter der Führung des Generalstabschefs Kenan Evren die Macht. Dieser setzte die Regierung Süleyman Demirels ab, verhängte das Kriegsrecht und verbot alle politischen Parteien. Das Militär rechtfertigte den unblutigen (dritten) Putsch in der Geschichte der Republik mit dem Schutz der Einheit des Landes, der Verhinderung eines Bürgerkriegs und des Brudermords sowie der Notwendigkeit, die Autorität des Staates wiederherzustellen. Eine denkbare islamische Revolution wie im Iran oder Zustände wie im Libanon, der im Bürgerkrieg versank, sollten verhindert werden. In der Folgezeit kam es zu Massenprozessen gegen Linksextremisten und Gewerkschaftler, aber auch Kurden. Rund 30.000 Menschen wurden aus dem Staatsdienst entfernt. Die Zeitung Cumhüriyet sprach 1990 von 650.000 politischen Festnahmen, 7.000 beantragten und 50 vollstreckten Todesstrafen.

Der Putsch wurde von der NATO unterstützt, die kurz darauf schnelle Eingreiftruppen in Ostanatolien stationierte. Der ehemalige Stabschef der CIA-Niederlassung in Ankara, Paul Henze, soll Präsident Carter nach erfolgtem Putsch mitgeteilt haben: »Our boys did it«. Neuerdings wird allerdings behauptet, diese Äußerung stamme gar nicht von Henze, sondern von einem türkischen Diplomaten, der Henze vom Putsch unterrichtet und fälschlicherweise angenommen habe, die USA seien an ihm beteiligt gewesen. [2] So werden auch noch nach bald vierzig Jahren Verschwörungen dementiert.

Der »gut informierte« Nickolaus Brauns, der eine Dissertation über die Rote Hilfe Deutschlands verfasste und ab 2007 wissenschaftlicher Mitarbeiter Ulla Jelpkes, der innenpolitischen Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag war, ordnete 2010 in der Zeitschrift Junge Welt den Putsch in einen größeren geopolitischen und wirtschaftsstrategischen Zusammenhang ein [3]:

»Die Wirtschaftslage des Landes war desolat. Durch die Ölpreissteigerung war seit 1974 die Auslandsverschuldung der Türkei sprunghaft auf 20 Milliarden US-Dollar angestiegen, dringend benötigte Güter konnten aufgrund des Devisenmangels nicht importiert werden, Industriekapazitäten brachen wegen Rohstoff- und Ersatzteilmangel ein.

Koordiniert vom niedersächsischen Wirtschaftsminister Walther Leisler Kiep (CDU) und Bundesfinanzminister Hans Matthöfer (SPD) wurde zur Abwendung des Staatsbankrotts für das international nicht mehr als kreditwürdig geltende Land ein Drei-Milliarden-Dollar-Kredit ausgehandelt. Die vom Internationalen Währungsfonds IWF geforderten Bedingungen lauteten: Aufhebung des Streik- und Tarifrechts, Einfrieren der Löhne und Gehälter, Privatisierungen, Abwertung der Währung, Senkung der Staatsausgaben im Sozial-, Gesundheits- und Bildungsbereich, Senkung der Zuschüsse für Lebensmittel. Ministerpräsident Demirel beauftragte den früheren Weltbankmitarbeiter und Vorsitzenden des Unternehmerverbandes TÜSIAD, Turgut Özal, mit der Umsetzung dieses am 24. Januar [1980] in Kraft getretenen Programms, das die neoliberale Wende der Türkei von Protektionismus zur Weltmarktöffnung und zu einer exportorientierten Ökonomie einleitete. Gegen eine Inflationsrate von über 100 Prozent, Massenentlassungen und Privatisierungen kam es zu Streiks vor allem von in der Föderation der Revolutionären Arbeitergewerkschaften DISK organisierten Beschäftigten in der Metall-, Glas- und Textilindustrie. Im September befanden sich etwa 55.000 Arbeiter im Streik, weitere 300.000 drohten, in den Ausstand zu treten. Deutlich wurde, dass die Umsetzung des IWF-Anpassungsprogramms ohne eine ›eiserne Hand‹ nicht durchzuführen war«.

Über die überwiegend linke Gewalt schrieb Brauns abwiegelnd: »In der Bevölkerung herrschte eine starke Verunsicherung durch die sich seit der zweiten Hälfte der 1970er Jahre immer weiter ausbreitende politische Gewalt auf der Straße, die bis zum Herbst 1980 rund 5.000 Menschenleben gekostet hatte. Zwar propagierten einige linke Gruppierungen den bewaffneten Kampf und führten Banküberfälle durch, doch die linke Gewalt war im Wesentlichen eine Reaktion auf den faschistischen Terror. Allein im Sommer 1980 gab es monatlich rund 150 bis 200 politische Morde, von denen selbst nach konservativen Schätzungen drei Viertel auf das Konto der Grauen Wölfe [4], der Jugendorganisation der MHP, gingen«.

Gladio

Im Folgenden legte er eine bemerkenswerte Interpretation des Rechtsterrorismus vor: »Der Rechtsterrorismus in der Türkei war Teil einer ›Strategie der Spannung‹ durch die NATO-Konterguerilla Gladio, mit der – ähnlich wie durch eine Anschlagswelle in Italien – unter der verunsicherten Bevölkerung die Stimmung für die Errichtung eines autoritären Regimes erzeugt werden sollte. Die Grauen Wölfe, die 1980 rund 200.000 registrierte Mitglieder und eine Million Sympathisanten hatten, wurden ein bevorzugtes Rekrutierungsfeld für die türkische Konterguerilla, die als ›Amt für spezielle Kriegführung‹ direkt dem Putschistenführer Generalstabschef Kenan Evren unterstand. Diese Konterguerilla war für das Massaker am 1. Mai 1977 auf dem Istanbuler Taksim-Platz verantwortlich, als Scharfschützen aus einem Hotel das Feuer auf eine Kundgebung von über einer halben Million Gewerkschafter eröffneten und 38 Menschen töteten«. Sogar das oben erwähnte Massaker sunnitischer Muslime an Aleviten in der südostanatolischen Provinz Kahramanmaraș nahe der Grenze zu Syrien versuchte Brauns den Grauen Wölfen in die Schuhe zu schieben: »Auch an dem faschistischen Pogrom im Dezember 1978 in Kahramanmaraș, bei dem 107 Anhänger der alevitischen Religionsgemeinschaft ermordet wurden, war die Konterguerilla beteiligt«.

Erhellend hinwiederum die Ausführungen zur geopolitischen Dimension des Putsches: »Die politische Instabilität an ihrer Südostflanke erregte … bei den NATO-Partnern Unbehagen. Der nationale Sicherheitsberater des US-Präsidenten James Carter, Zbigniew Brzezinski, vertrat offen die Auffassung, dass ›für die Türkei genauso wie für Brasilien eine Militärregierung die beste Lösung wäre‹. Nach dem Verlust des Iran für den Westen durch die islamische Revolution 1979 hatte die strategische Bedeutung der Türkei noch einmal zugenommen. Das Land sollte im Rahmen der US- und NATO-Kriegspläne als Angriffsplattform gegen die Südflanke der Warschauer Vertragsstaaten und als Gegenbedrohung der südlichen Sowjetunion fungieren. Darüber hinaus diente die Türkei der NATO als Basis für mögliche Nah- und Mittelost-interventionen.

Die USA hatten im Januar 1980 mit der Türkei einen neuen Militärvertrag über die Einrichtung von 26 Stützpunkten wie der Spionagestation Sinop am Schwarzen Meer und dem Luftwaffenstützpunkt Incirlik am Mittelmeer ausgehandelt, auf denen 5.000 US-Militärs stationiert waren. Ein weiteres Abkommen vom März garantierte den USA die Nutzung türkischer Stützpunkte im Gegenzug für Rüstungshilfe. Die New York Times berichtete, dass türkische Militärs erklärt hatten, nicht ohne Einverständnis Washingtons zu handeln, und ein Sprecher des Außenministeriums in Washington bestätigte gegenüber der internationalen Presse am 13. September, dass die USA vor dem Staatsstreich vom türkischen Militär informiert wurden.

Zur Absicherung des Putsches fand ab dem 11. September im europäischen Teil der Türkei unter der Oberhoheit des Südostkommandos der NATO das Manöver ›Anvil Express‹ mit 3.000 Soldaten der Schnellen Eingreiftruppe statt. ›Unsere Jungs haben es geschafft‹, meldete Paul Henze, der ehemalige Leiter der CIA-Niederlassung in Ankara, am Tag nach dem Putsch dem US-Präsidenten. Der CIA-General, der die Türkei kurz davor verlassen hatte, um Carters Sicherheitsberater und Chef der Türkei-Abteilung in Washington zu werden, gilt als ›Baumeister des 12.-September-Putsches‹. Der türkische Generalstabschef Evren, ein enger Vertrauensmann des Pentagon, beeilte sich, unmittelbar nach dem von den NATO-Partnern mit spürbarer Erleichterung aufgenommenen Putsch zu versichern, die Türkei werde ihren vertraglichen Verpflichtungen im Rahmen des Bündnisses selbstverständlich nachkommen«. [5]

Die dem Putsch vorangehende Welle des Terrors und der Putsch selbst hatten auch Auswirkungen in Deutschland. Die Zahl der türkischen und kurdischen Asylsuchenden stieg sprunghaft an. Die sozialliberale Regierung sah sich gezwungen, die Asylgesetzgebung zu verschärfen und eine Visumpflicht für Türken einzuführen. Das entsprechende Gesetz zur Beschleunigung des Asylverfahrens wurde im Juli 1980 beschlossen und trat im August in Kraft [6], außerdem beschloss die Landesregierung Baden-Württembergs, ebenfalls im Juli, die Einrichtung von Sammellagern für Asylbewerber. Das zweite Gesetz zur Beschleunigung von Asylverfahren führte ein zweijähriges Arbeitsverbot für Asylanten ein, sah Sach- statt Geldleistungen in der Sozialhilfe vor, die Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften, eine Streichung des Kindergeldes und die Verpflichtung zu gemeinnütziger Arbeit. Außerdem schränkte es die Berufungschancen von Asylbewerbern gegen Entscheidungen der zuständigen Behörde drastisch ein. [7] Wie sich die Motive von damals und heute doch gleichen!

Attentat in Bologna

Der Blick in die Türkei könnte leicht den Eindruck erwecken, als sei Terrorismus zu Beginn der 1980er Jahre in erster Linie ein orientalisches Problem gewesen. Daher muss hier daran erinnert werden, dass die Auseinandersetzung mit einem genuin europäischen Terrorismus (wenn es überhaupt möglich ist, angesichts der internationalen Dimension dieses Phänomens von einem solchen zu sprechen) das ganze Jahr 1980 durchzog. Lesern mit einem historischen Gedächtnis werden gewiss die beiden blutrünstigsten Bombenanschläge am 2. August in Bologna und am 26. September in München erinnerlich sein. Dem ersteren, der an einem Samstag im belebten Bahnhof der norditalienischen Stadt stattfand, fielen 85 Menschen zum Opfer, dem letzteren, der auf das beliebte Oktoberfest zielte, 13 Menschen, der mutmaßliche Attentäter eingeschlossen; 200 wurden teilweise schwer verletzt. Perfiderweise fand der Anschlag in München am letzten Wiesnwochende, an einem Freitag kurz vor der Sperrstunde am Haupteingang der Theresienwiese statt, um eine möglichst hohe Opferzahl zu erzielen. Zunächst wurden die Terroristen von Bologna unter den Roten Brigaden verortet. Erst sechsjährige Ermittlungen führten zu einem gerichtsverwertbaren Verdacht, der sich gegen zwei Mitglieder der neofaschistischen Revolutionären Zellen richtete. Bei diesen handelte es sich um einen Ableger des 1953 von Pino Rauti gegründeten »Ordine Nuovo«, der Julius Evola zu seinen Ahnen zählte. Die beiden Beschuldigten, Valerio Fioravanti und Francesca Mambro, sollten allerdings erst 1995 verurteilt werden.

Die Ermittlungen lenkten den Blick auch auf Licio Gelli, den Vorsitzenden der Freimaurerloge Propaganda Due (P2) und einige Beamte des italienischen Militärgeheimdienstes SISMI, denen vorgeworfen wurde, die Ermittlungen behindert zu haben. Warum?

Hierzu sei noch einmal Daniele Gansers luzide Untersuchung über »inszenierten Terror und verdeckte Kriegsführung« zitiert: »Jahre später wurde aufgedeckt, wie sehr der P2-Direktor und die CIA die italienische Politik manipuliert hatten, um die Kommunisten von der Macht fernzuhalten. Gelli wurde 1919 geboren und hatte keinen Schulabschluss, weil er im Alter von 13 Jahren von der Schule flog, da er den Schuldirektor geschlagen hatte. Als 17-Jähriger meldete er sich freiwillig bei den Schwarzhemden und zog für Franco in den Spanischen Bürgerkrieg. Während des Zweiten Weltkriegs war er Oberstabsfeldwebel in der faschistischen Division Hermann Göring der SS und entkam kurz vor Kriegsende nur knapp den linksgerichteten italienischen Partisanen, indem er zur amerikanischen Armee floh. Frank Gigliotti von der amerikanischen Freimaurerloge rekrutierte Gelli persönlich und beauftragte ihn in enger Zusammenarbeit mit der CIA-Niederlassung in Rom mit dem Aufbau einer antikommunistischen Parallelregierung in Italien. ›Es war Ted Shackley, der Direktor für alle verdeckten Aktionen der CIA in den 70er-Jahren in Italien‹, so bestätigte ein interner Bericht über den italienischen Terrorismus, ›der den Chef der Freimaurerloge Alexander Haig [8] vorstellte‹. Nach diesem Dokument autorisierten Nixons militärischer Berater Alexander Haig, Kommandeur der amerikanischen Truppen in Vietnam und danach von 1974 bis 1979 SACEUR der NATO, sowie Nixons nationaler Sicherheitsberater Henry Kissinger, ›Gelli im Herbst 1969, 400 hochrangige italienische Offiziere und Offiziere der NATO für seine Loge anzuwerben‹. Gellis Kontakte zu den Vereinigten Staaten blieben während des ganzen Kalten Krieges hervorragend. Als Zeichen des Vertrauens und des Respekts wurde Gelli 1974 zu den Feierlichkeiten der Amtseinführung von Präsident Ford eingeladen und war 1977 noch einmal bei der Amtseinführung von Präsident Carter anwesend. Als Ronald Reagan im Jahr 1981 Präsident wurde, war Gelli stolz darauf, in Washington in der ersten Reihe sitzen zu dürfen. Er war Washingtons Mann in Italien, und wie er es sah, rettete er das Land vor den Linken: ›Ich habe eigentlich einen Orden verdient‹.

Im April 1981 drangen Ermittler im Zusammenhang mit einer Untersuchung eines Kriminalfalles in die Villa von Licio Gelli in Arezzo ein und entdeckten die Akten der P2, deren Existenz bisher unbekannt war. Eine parlamentarische Untersuchung unter Tina Anselmi enthüllte daraufhin zur größten Verblüffung der meisten Italiener, dass die konfiszierte Mitgliedsliste der verschwiegenen antikommunistischen P2 mindestens 962 Mitglieder aufführte, wobei die Zahl der gesamten Mitglieder auf 2300 geschätzt wurde.

Die vorliegende Mitgliederliste las sich wie ein ›Who is who in Italien‹ und enthielt nicht nur die konservativsten, sondern auch einige der mächtigsten Mitglieder der italienischen Gesellschaft: 52 davon waren hochrangige Offiziere der paramilitärischen Polizei Carabiniere, 50 waren hochrangige Offiziere der italienischen Armee, 37 waren hochrangige Offiziere der Finanzpolizei, 29 waren hochrangige Offiziere der italienischen Marine, 11 waren Polizeipräsidenten, 70 waren einflussreiche und wohlhabende Industrielle, 10 waren Vorstandvorsitzende von Banken, 3 waren amtierende Minister, 2 waren ehemalige Minister, einer war der Vorsitzende einer politischen Partei, 38 waren Mitglieder des Parlaments und 14 waren hochrangige Richter. Andere, auf einer niedrigeren Stufe der gesellschaftlichen Hierarchie, waren Majore, Direktoren von Krankenhäusern, Rechtsanwälte, Notare und Journalisten. Das prominenteste Mitglied war Silvio Berlusconi, der im Mai 2001 zum Premierminister Italiens gewählt wurde – zufällig fast genau 20 Jahre nach der Aufdeckung der Loge P2.

›Wir sind zum endgültigen Schluss gekommen, dass Italien wegen der Einmischung des amerikanischen Geheimdienstes und der internationalen Freimaurerei ein Land mit begrenzter Souveränität ist‹, betonte später Antonio Bellochio, kommunistisches Mitglied der Anselmi-Kommission, und beklagte sich, dass zur Zeit der Regierung von Ronald Reagan die italienischen Parlamentarier aus Angst davor zurückschreckten, auch die Verbindungen der P2 nach den USA zu untersuchen. ›Wenn die Mehrheit der Kommission bereit gewesen wäre, unserer Analyse zu folgen, dann hätte sie eingestehen müssen, dass sie Marionetten der Vereinigten Staaten von Amerika sind, was sie niemals zugeben wird‹«. [9]

In der ersten Untersuchung des italienischen Senats zum Komplex »Gladio und Terror« hieß es 1995: in diesem Land habe »die CIA sich zu Friedenszeiten eines Maximums an Diskretion erfreuen« können, weil es während der Zeit der Ersten Republik »in einer schwierigen und manchmal tragischen Grenzsituation lebte. Diese Grenze des Kalten Krieges markierte die Grenzlinie zwischen den sich bekämpfenden Ideologien. Auf der linken Seite dieser Grenze standen die außerordentlich populäre und starke kommunistische Partei PCI, unterstützt durch geheime finanzielle Zuwendungen aus der Sowjetunion, und die starke sozialistische Partei PSI. Auf der rechten Seite der Grenze operierten die CIA und der italienische militärische Geheimdienst mit seiner Gladio-Armee und einer Reihe rechtsradikaler Terroristen, politisch unterstützt durch die konservative DCI«. [10]

»Die tragische Geschichte Italiens erreichte ihren Höhepunkt«, so Ganser, »als zu Nixons Amtszeit [1969-1974] die politische Rechte Terror, Blut und Panik in Italien verbreitete und das Land an den Rand eines Bürgerkriegs brachte. Die Terroristen versteckten Bomben auf öffentlichen Plätzen und beschuldigten die Kommunisten, um sie und die Sozialisten bei Wahlen zu schwächen. ›Die vermutete Verbindung zum Terroranschlag in Bologna ist möglicherweise die gravierendste aller gegen Gladio gerichteten Anklagen‹, lauteten die Schlagzeilen in der britischen Presse, als im Jahr 1991 der parlamentarische Untersuchungsausschuss zu Gladio und den Terroranschlägen ein anonymes Memorandum erhielt, das den Hinweis enthielt, dass die Bombe von Bologna angeblich aus dem Waffenlager von Gladio stammte«. [11]

Auf den ersten Untersuchungsausschuss des Senats folgte ein zweiter. In dessen Bericht über die Terrorjahre zwischen 1969 und 1987 [12], der im Jahr 2000 vorgelegt wurde, hieß es, »diese Terroranschläge, diese Bomben, diese militärischen Aktionen« seien »von Männern innerhalb staatlicher Institutionen Italiens organisiert oder gefördert oder unterstützt worden«, »von Männern, die mit Strukturen der amerikanischen Geheimdienste in Verbindung standen« [13].

Oktoberfestattentat München

Vermutungen, das Oktoberfestattentat vom 26. September 1980, »das größte terroristische Bombenmassaker in Deutschlands Geschichte nach dem Krieg« (Ganser), könnte ebenso wie das Attentat in Bologna eine Gladio-Aktion gewesen sein, wurden wiederholt geäußert. Die deutschen Ermittlungsbehörden legten sich jedoch – ähnlich wie später im NSU-Komplex – auf die Einzeltäterthese fest. Danach sollte der 21-jährige Gundolf Köhler, ein Geologiestudent aus Donaueschingen mit Sympathien für die Grünen, ein früheres Mitglied der vom deutschen Innenminister Gerhart Baum am 30. Januar 1980 wegen »Verfassungsfeindlichkeit« verbotenen Wehrsportgruppe Hoffmann, die komplizierte Bombe selbst gebaut und gezündet haben. Bereits einen Tag nach dem Attentat erhielten die Ermittler von Raymund Hörnle und Sibylle Vorderbrügge, die der von Manfred Roeder gegründeten »Deutschen Aktionsgruppe« angehörten [14], Hinweise auf einen Forstaufseher in der Nähe von Lüneburg, Heinz Lembke, der angeblich über viele Waffenverstecke voller Sprengstoff verfügte. Trotz dieser Zeugenaussagen durchsuchte die Polizei das Gebiet nicht nach den angeblichen Depots.

Lembke kam jedoch aus einem anderen Grund einige Monate später, am 15. April 1981, in Beugehaft: er weigerte sich, Fragen zu Manfred Roeder und den Mitgliedern der Deutschen Aktionsgruppe zu beantworten. Standhaft geblieben, wurde er am 14. Oktober wieder entlassen, allerdings nur kurz. Denn am 26. Oktober 1981 entdeckte ein Waldarbeiter in der Lüneburger Heide zufällig ein Waffenversteck, das Lembke zugeordnet werden konnte. Dieser kam diesmal in Untersuchungshaft, während die Polizei den Wald umgrub und weitere Kisten, unter anderem mit Waffenverzeichnissen, fand. Bis Mitte November entdeckte die Polizei im Waldgebiet, auch dank einer Ortsbegehung mit Lembke, 31 Erdverstecke in der Nähe des Försterhauses, mit einem gewaltigen Arsenal, das automatische Waffen, chemische Kampfmittel (Arsen, Zyankali, Phosphor), etwa 14.000 Schuss Munition, 50 Panzerabwehrgeschosse, 156 kg Sprengstoff, 230 Sprengkörper und 258 Handgranaten enthielt. Nun hätte sich der Verdacht erst Recht regen müssen, Lembke könnte seine rechtsextremen Freunde aus dem Arsenal bestückt haben, um das Attentat auf das Oktoberfest zu begehen. Doch auch diesmal wurden die Hinweise nicht weiterverfolgt. Lembke konnte auch nicht mehr befragt werden, denn am 1. November wurde er in seiner Zelle an einem Kabel erhängt aufgefunden. Das Bundeskriminalamt schloss den Fall ein Jahr später ab und erklärte den Förster zum Einzelgänger, der die gigantischen Depots »aus Furcht vor einer russischen Invasion« angelegt habe.

Die Affäre hatte ein parlamentarisches Nachspiel. [15] Manfred Such von den Grünen stellte im November 1990 eine Anfrage an die Regierung Kohl nach möglichen Gladio-Strukturen im Umfeld Lembkes. Der Regierungssprecher Hans Klein erklärte, die deutsche Gladio sei »keine geheime Kommandotruppe oder Guerilla-Einheit«, er könne jedoch »wegen der strengen Geheimhaltungspflicht nicht auf Einzelheiten eingehen«. Der Verteidigungsexperte der SPD, Hermann Scheer, beantragte daraufhin Auskunft zur Schattenarmee der NATO bei der Generalbundesanwaltschaft, »weil die Existenz einer bewaffneten militärischen Geheimorganisation außerhalb jeglicher Kontrolle durch Regierung oder Parlament mit der Verfassung nicht vereinbar« sei. Die Sozialdemokraten verloren aber schnell das Interesse an jeder weiteren Aufklärung, als sich herausstellte, dass auch ehemalige SPD-Minister in die Affäre verstrickt sein könnten. Kurz vor den ersten gesamtdeutschen Wahlen im Dezember 1990 schienen mögliche Enthüllungen wie in Italien nicht opportun. Allein die Grünen bestanden auf weiteren Untersuchungen, da sie mangels exekutiver Verantwortung in die Verschwörungen nicht verwickelt waren.

Am 22. November 1980 unterrichtete Volker Foertsch, der letzte Stay-behind-Direktor des BND, die Mitglieder der Parlamentarischen Kontrollkommission (PKK) in geheimer Sitzung darüber, dass die klandestine Einheit nunmehr aufgelöst werde. Die Grünen, die der PKK nicht angehörten, richteten daraufhin eine weitere formelle Anfrage an die Regierung: »Ende Oktober bestätigte der jetzt amtierende italienische Ministerpräsident Giulio Andreotti vor dem Parlament einen Bericht über die Existenz eines geheimen NATO-Dienstes mit dem Decknamen Gladio. Wurde ein derartiger, mit der NATO in Verbindung stehender übernationaler Geheimdienst auch in Deutschland aktiv?«, fragten sie. Lutz Stavenhagen, der für den BND zuständige Staatsminister antwortete: »Nein«. Er verneinte auch, dass die deutsche Regierung irgendwelche Vereinbarungen mit der NATO über derartige Dienste geschlossen habe.

Am Tag nach der Wahl, am 3. Dezember, verschickte Stavenhagen allerdings ein vierseitiges Fax »über die Stay-behind Organisation des BND« an die Presse, in dem er das Gegenteil behauptete. »Die Einheiten der von alliierten Geheimdiensten auf deutschem Territorium bis 1995 aufgebauten Nachrichtenbeschaffungs- und Schleusungsorganisation wurden 1956 vom BND übernommen … Im Augenblick arbeiten 104 Personen im Zusammenhang mit der Stay-behind mit dem BND zusammen«. Die Parlamentarische Kontrollkommission, hieß es im Fax, sei am 22. November über die relevanten Einzelheiten informiert worden. Und weiter: »Infolge der weltpolitischen Veränderungen hatte der BND bereits im Sommer 1990 vorgesehen, die Stay-behind-Organisationen aufzulösen. Nach Vereinbarungen mit den Verbündeten wird die Auflösung bis zum April 1991 vollzogen«. Diese Zusicherungen erwiesen sich im August 1995 als voreilig. Am 17. dieses Monats führte der Chemiker und Experte für Bombenbau, Peter Naumann, ein NPD-Aktivist, die Polizei vor laufender Kamera zu insgesamt 13 Depots in Niedersachsen und Hessen, die Waffen, Munition und etwa 200 Kilogramm Sprengstoff enthielten. Naumann war mit Lembke befreundet gewesen und behauptete, die meisten der Verstecke von diesem übernommen zu haben. »Was die demokratische Transparenz anbelangt, liegt Deutschland in Europa derzeit an letzter Stelle«, kommentierte Leo Müller 1991 in seinem Buch Gladio – das Erbe des kalten Krieges. Der Nato-Geheimbund und sein deutscher Vorläufer.

Historisch-politische Dialektik

Was dies alles mit der Geschichte der anthroposophischen Gesellschaft zu tun hat? Nun, die Mitglieder der anthroposophischen Gesellschaft lebten in derselben Welt, in der sich all diese Geschehnisse abspielten und auch wenn sie es häufig vorzogen, die profanen Ereignisse ihrer jeweiligen politischen Gegenwart zu ignorieren, wären sie doch prädestiniert gewesen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Hatte doch Steiner bereits 1916 in Ausführungen über das fiktive Testament Peters des Großen die historische Dialektik erklärt, an der sich das Handeln mancher politischer Eliten orientierte: »Nun handelt es sich, wenn man durch so etwas wirken will, immer darum, dass man nicht bloß eine Strömung erregt, sondern dass man die eine Strömung immer durchkreuzt mit einer andern, so dass sich diese beiden Strömungen in irgendeiner Weise gegenseitig beeinflussen.

Denn man erlangt nämlich nicht viel, wenn man mit einer Strömung gewissermaßen nur geradeaus läuft, sondern man muss manchmal von der Seite her ein Licht werfen können auf diese Strömung, damit sich manches verwirrt, damit sich manche Spuren verwischen, damit sich manches sozusagen in ein undurchdringliches Dickicht hineinverliert. So etwas ist sehr wichtig. Daher kommt es auch, dass sich gewisse okkulte Strömungen, welche das eine oder das andere Ziel verfolgen, zuweilen ganz entgegengesetzte Aufgaben setzen. Aber diese entgegengesetzten Aufgaben wirken so, dass sie gewissermaßen alle Spuren verwischen«. [16] Dass anthroposophische Autoren ein etwas anderes Verständnis von Geschichte pflegten, wird sich noch zeigen, wenn wir uns mit einer der ersten Interpretationen des »anthroposophischen Jahrhunderts«, dem Buch Christussucher und Michaeldiener von Hans Peter van Manen beschäftigen, das im Jahr 1980 in deutscher Übersetzung erschien.

Vorerst aber muss der Blick in den rechten Abgrund, um Einseitigkeiten zu vermeiden, durch jenen in den linken ergänzt werden. Der linke Terrorismus konnte zwar 1980 nicht mit so spektakulären Aktionen aufwarten, wie zu Hochzeiten der RAF, dennoch war er mit seinen Nachwirkungen auch in diesem Jahr präsent.

Linksterrorismus

So wurden im Mai im Quartier Latin in Paris unter Mitwirkung deutscher Zielfahnder fünf mutmaßliche deutsche Terroristinnen verhaftet, darunter Sieglinde Hofmann, laut BKA-Chef Horst Herold die »Stabschefin Brigitte Mohnhaupts«, die an der Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer (1977) und am Attentat auf den NATO-Oberbefehlshaber Alexander Haig (1979) beteiligt gewesen war. Der Fahndungserfolg schloss sich an bedeutende Fortschritte der italienischen Behörden an, die seit Anfang des Jahres Aussagen Patrizio Pecis, einer zentralen Figur der Brigate Rosse, auswerten konnten. Sie hatten seither rund 120 Terroristen festgenommen und deren internationale Verbindungen zur Action Directe in Frankreich, zu Waffenlieferanten der Volksfront zur Befreiung Palästinas und nach Deutschland aufgedeckt.

Im Juni kehrte der Terrorist Rudolf Raabe freiwillig aus seinem Exil in Irland, wo er angeblich Kontakte zur IRA pflegte, nach Deutschland zurück und stellte sich den Behörden. Er war das fünfte Mitglied der deutschen Terroristenszene, das sich seit Mitte 1979 den Behörden stellte.

Im Juli wurde das RAF-Mitglied Knut Folkerts in Stuttgart wegen der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback und seiner zwei Begleiter, wegen Mordversuchs und der Bildung einer terroristischen Vereinigung zu zweimal lebenslänglich verurteilt, nachdem er bereits 1979 in den Niederlanden wegen eines Polizistenmordes zu zwanzig Jahren Haft verurteilt und nach einem Jahr ausgeliefert worden war.

Im September geriet der Bundesverfassungsschutz ins Visier des Innenausschusses beim Bundestag, als bekannt wurde, dass Beamte der Kölner Behörde einen der meistgesuchten Terroristen Deutschlands, Christian Klar, bereits Ende 1979 entdeckt und observiert, das Bundeskriminalamt jedoch nicht über ihre Entdeckung informiert hatten. Im Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL konnte man im Anschluss an die Sitzung des Innenausschusses vom 12. September 1980 lesen: »Der Verfassungsschutz observierte und observierte – und vertat die Chance, die Terroristen Adelheid Schulz und Christian Klar zu fassen. Bundesinnenminister Baum deckte das Vorgehen und verteidigte den Alleingang. Generalbundesanwalt Rebmann erfuhr zu spät von der Aktion, der Chef des Bundeskriminalamtes, Herold, blieb ausgeschaltet«. [17] Klar war an den meisten Anschlägen und Überfällen der RAF zwischen 1977 und 1982 beteiligt gewesen. »Der Verfassungsschutz«, so das Nachrichtenmagazin weiter, »fand den wegen mehrfachen Mordes gesuchten Mann und schirmte ihn … seinerseits ab gegen polizeilichen Zugriff. Und das geschah im Einverständnis mit Bundesinnenminister Gerhart Baum und dem Hamburger Innensenator Werner Staak, gebilligt von Bundeskanzler Helmut Schmidt und Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel«. Die Tageszeitung Die Welt hatte die angebliche Fahndungspanne am 27. August publik gemacht und war noch am selben Tag von Staak wegen Geheimnisverrats angezeigt worden. Innenminister Baum stritt den Vorwurf einer Panne im Kabinett rundweg ab. Justizminister Vogel erklärte vor dem Innenausschuss, alles sei mit rechten Dingen zugegangen und der Generalbundesanwalt habe »sogleich nach seiner Unterrichtung die notwendigen Anordnungen« getroffen.

»Wohlüberlegt also«, kommentierte der SPIEGEL ironisch, »hatte nach diesen Ausführungen der Herr des Ermittlungsverfahrens Rebmann, im Einvernehmen mit Verfassungsschutz und Minister, es für notwendig und vertretbar gehalten, den von ihm selber verfolgten Terroristen Klar und dessen gleichfalls schwer beschuldigte Komplizin Adelheid Schulz erst mal laufenzulassen. Die konkreten Motive mussten, versteht sich, aus Sicherheitsgründen geheim bleiben«. Allerdings war der Generalbundesanwalt erst sechs Tage nach dem Bundesamt für Verfassungsschutz und Innenminister Baum über den Vorgang unterrichtet worden. »Vor diesem Hintergrund sehen Baums und Vogels Beteuerungen …, der Generalbundesanwalt habe sogleich nach seiner Unterrichtung die … ›notwendigen Anordnungen‹ getroffen, wie glatte Irreführungen aus«, so das Nachrichtenmagazin. Der deutsche Justizminister sprach angesichts des offensichtlichen Versäumnisses des Verfassungsschutzes von einer »Grenze, wo das Legalitätsprinzip« ende.

»Der staatliche Strafanspruch«, heißt es im Artikel weiter, »stand am 12. März nur noch auf dem Papier … und konnte überhaupt nicht mehr durchgesetzt werden – weil der Verfassungsschutz im Einvernehmen mit Staak und Baum Geheimniskrämerei betrieben hatte, bis die Terroristen weg waren«. Rebmann hatte nichts dagegen, von nachrichtendienstlichen Erkenntnissen erst unterrichtet zu werden, wenn die Einleitung eines strafrechtlichen Ermittlungsverfahrens geboten sei, wenn aber Verdächtige beobachtet würden, die per Haftbefehl gesucht würden – erst recht Terroristen – dann müsse er Herr des Verfahrens sein: »Je gravierender der Tatvorwurf, desto zwingender die Unterrichtung. Der Gesuchte ist grundsätzlich festzunehmen«. Aussage stand gegen Aussage: Rebmann beklagte, nicht hundertprozentig unterrichtet worden zu sein, der Hamburger Innensenator dagegen behauptete, eine solche Unterrichtung habe stattgefunden. Auch über das Auftauchen von Adelheid Schulz in Hamburg am 6. April war Rebmann erst drei Wochen später in Kenntnis gesetzt worden.

Der SPIEGEL deutete die angebliche Panne als Folge eines seit Jahren in der Terrorismusbekämpfung virulenten Dilemmas, das auf die unterschiedlichen Zielsetzungen von Verfassungsschutz und Polizeibehörden zurückzuführen sei: dort Observation und Unterwanderung, hier Ergreifung von Tätern. Letztlich werde der ganze Komplex »von einer Art Erfolgseifersucht beider Institutionen« überlagert, die sich »in persönlicher Rivalität bis hin zur Animosität zwischen BfV-Chef Meier und BKA-Chef Herold« zuspitze.

Verfassungsschutz und Strafverfolgung

Dennoch sei eine engere Zusammenarbeit der beiden Behörden nicht wünschenswert. Der Parlamentarische Rat habe 1948 aufgrund der Erfahrungen mit der Gestapo zurecht eine strikte Trennung zwischen Geheimdienst und Polizei eingeführt. Während der Verfassungsschutz die demokratische Grundordnung durch Sammlung und Auswertung von Auskünften und Nachrichten schützen müsse, obliege es dem Bundeskriminalamt, Straftäter dingfest zu machen, die über Landesgrenzen hinweg aktiv seien. Der Verfassungsschutz habe »die Funktionsfähigkeit der Demokratie«, die Bundepolizei »das ungefährliche Leben in diesem Rahmen« zu gewährleisten. Während der erstere verdeckt ermitteln, aber nicht festnehmen oder schießen dürfe, müsse letztere zugreifen, mitunter auch zuschlagen, dürfe aber keine nachrichtendienstlichen Mittel einsetzen. Zuletzt jedoch liefen all diese unterschiedlichen Kompetenzen im Amt des Innenministers zusammen, der für beide Dienste verantwortlich sei. In seiner Person bestehe daher auch die Gefahr, dass nachrichtendienstliches Wissen »unkontrolliert« in die Polizeiarbeit einfließe, er wäre in einem solchen Fall »die personifizierte Gestapo«. »Nunmehr geht es im Kern um das Problem«, so der SPIEGEL weiter, »ob der Verfassungsschutz überhaupt noch observieren darf, wenn dadurch womöglich in Untersuchungshaft zu bringende Mordverdächtige entkommen und objektiv gesehen eigentlich strafbare Strafvereitelung von Amts wegen begangen wird.

Sollte auch fürderhin beides, Observations- wie Verfolgungsinteresse, gleichwertig zählen, lägen die Lösungen nahe: Entweder erhielte der Verfassungsschutz ausnahmsweise Exekutiv-, also Zugriffsbefugnis gegenüber mit Haftbefehl gesuchten politischen Schwerkriminellen oder umgekehrt das BKA die Geheimdienst-Kompetenz des Verfassungsschutzes gegenüber terroristischen Gewalttätern. Das Ergebnis spricht für sich, für Gestapo und damit gegen das Gedankenspiel«.

Was dem deutschen Enthüllungsjournalismus und wohl auch den Ermittlungsbehörden nicht bekannt war: Klar handelte genau zu der Zeit, als man sich über seinen Verbleib den Kopf zerbrach, zusammen mit Wolfgang Beer die von Inge Viett eingefädelte Aufnahme von RAF-Aussteigern mit einem MfS-Offizier in Ostberlin aus. Außerdem wurden er und andere RAF-Mitglieder in mehrwöchigen DDR-Aufenthalten zu Beginn der 1980er Jahre militärisch geschult, unter anderem in Sprengstofftechnik und in der Bedienung von Panzerfäusten. Festgenommen wurde er schließlich am 16. November 1982 in der Nähe von Hamburg, als er ein Waffendepot der RAF aufsuchte.

Während die obersten Schützer des deutschen Rechtsstaates sich um ihre Kompetenzen stritten, wurde in der Schweiz ein weiteres Mitglied der zweiten RAF-Generation, Rolf Clemens Wagner, von einem Schwurgericht zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt, weil er in Zürich eine Bank überfallen hatte. Er sollte 1985, nach seiner Auslieferung an Deutschland, zweimal lebenslänglich wegen der Beteiligung an der Schleyer-Ermordung erhalten.

Im Monat darauf, im Oktober, wurden die beiden RAF-Mitglieder Christof Wackernagel und Gert Schneider vom Oberlandesgericht Düsseldorf wegen Mordversuchs und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu jeweils 15 Jahren Haft verurteilt. Wackernagels Radikalisierung hatte in der »Roten Hilfe« begonnen, Schneider hatte sich zunächst dem »Antifaschistischen Kampf« angeschlossen.

Nach all diesen Einblicken in die Abgründe staatlich sanktionierter oder auch nicht sanktionierter Anarchie sei am Ende wenigstens darauf hingewiesen, dass sich in einem westlichen Ausläufer des Ostblocks zwischen August und November 1980 in Gestalt einer Streikbewegung von Werfarbeitern und der vom polnischen Papst unterstützten freien Gewerkschaft Solidarność der Wind des Wandels mächtig zu erheben begann. Allerdings sollte die polnische Freiheitsbewegung im folgenden Jahr durch die Einführung des Kriegsrechts und das Verbot der Gewerkschaft 1982 einen herben Rückschlag erleiden. Ihre Stunde war noch nicht gekommen. Die Polen mussten weitere sieben Jahre warten, bevor sie die bleierne Last der kommunistischen Zwangsherrschaft abschütteln konnten.

Vorheriger Beitrag: 1980 | Aufstieg der Fundamentalopposition – die Grünen

wird fortgesetzt


Anmerkungen:


  1. Zbigniew Brzeziński, The Grand Chessboard: American Primacy and Ist Geostrategic Imperatives, New York 1997, deutsche Ausgabe unter dem Titel: Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft, erschienen im Kopp Verlag (!), 2015.
  2. Can Dündar am 6. August 2016 in DIE ZEIT | Abschied von Amerika
  3. Junge Welt, 11./12. September 2010 | http://www.nikolaus-brauns.de/NATO-Putsch.htm.
  4. Danielle Ganser, der teilweise dieselben Quellen auswertet, auf die sich offenbar Brauns in seinem Artikel stützt, teilt in seinem Buch NATO-Geheimarmeen in Europa, S. 353-354 Auszüge aus dem Manifest der Grauen Wölfe mit, das in deren offizieller Zeitschrift Bozkurt publiziert wurde. »Wer sind wir? Wir sind die Mitglieder des Grauen Wolfs (Bozkurtcu). Was ist unsere Ideologie? Der Türkismus des Grauen Wolfs. Was ist das Credo der Bozkurtcu? Sie glauben an die Überlegenheit der türkischen Rasse und der türkischen Nation. Was ist die Quelle dieser Überlegenheit? Das türkische Blut … Sind die Bozkurtcu Pantürken? Ja! Es ist das heilige Ziel der Bozkurt-Türken, dafür zu sorgen, dass der türkische Staat zu einer Nation mit 65 Millionen Bürgern heranwächst …« Ganser zitiert diese Passagen aus dem Buch Graue Wölfe heulen wieder. Türkische Faschisten und ihre Vernetzung in der BRD von Fikret Aslan und Kemal Bozay, das 1997 im Unrast Verlag Münster erschien.
  5. Vgl. die Darstellung dieser Henze-Episode bei Ganser, a.a.O., S. 369.
  6. Zweites Gesetz zur Beschleunigung des Asylverfahrens, Bundesgesetzblatt Nr. 50 vom 22. August 1980.
  7. Matthias Jung / Thomas Niehr / Karin Böke, Ausländer und Migranten im Spiegel der Presse, Wiesbaden 2000, S. 23.
  8. Hierbei handelte es sich um denselben Haig, auf den die RAF 1979 ein Attentat verübte.
  9. Danielle Ganser, a.a.O., S. 126-128.
  10. Ebd., S. 111.
  11. Ebd., S. 138.
  12. Das traurige Fazit dieser Jahre waren 491 tote Zivilisten und 1181 Verletzte und Verstümmelte.
  13. Ebd., S. 139.
  14. Die 1980 von Roeder gegründeten »Deutschen Aktionsgruppen« (der Plural war Hochstapelei, es scheint nur eine einzige Gruppe gegeben zu haben) bestanden aus vier Mitgliedern. Neben Roeder selbst und den beiden Genannten der Arzt Roeders, Heinz Colditz. Hörnle und Vorderbrügge hatten Lembke nach ihrem am 22. August begangenen Brandanschlag auf ein Hamburger Flüchtlingsheim, bei dem zwei Vietnamesen getötet worden waren, aufgesucht, um Sprengstoff für weitere Anschläge zu beschaffen. – Zu Lembke, Roeder und den Deutschen Aktionsgruppen siehe auch die Darstellung bei Erich Schmidt Eenboom / Ulrich Stoll, Die Partisanen der NATO. Stay-behind Organisationen in Deutschland 1946-1991, Berlin 2016, S. 247-256. 
  15. Die folgende Darstellung und die Zitate nach Ganser, a.a.O., S. 325-328.
  16. 9. Dezember 1916, GA 173a, Dornach 2010, S. 74.
  17. Da waren die Vögel schon ausgeflogen, DER SPIEGEL, 13.10.1980 | http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14318950.html

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie den anthroblog durch eine Spende!


Ich will zwei- bis dreimal im Jahr über neue Beiträge im anthroblog informiert werden!

Datenschutzerklärung


Literatur:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.