1981 – Aufgedeckte und unaufgedeckte Verschwörungen, Streit um die Atomkraft

 

Ronald Reagan trifft Johannes Paul II in Fairbanks, Alaska. 5/2/84. Courtesy Ronald Reagan Library. – http://www.reagan.utexas.edu

1981 ereigneten sich zwei spektakuläre Attentate auf Personen des öffentlichen Lebens, die sich wie wenige andere für den Frieden und die Freiheit unter den Völkern verdient gemacht hatten. Am 13. Mai schoss Ali Ağca, ein türkischer Grauer Wolf, auf dem Petersplatz in Rom Papst Johannes Paul II. nieder, am 6. Oktober wurde der ägyptische Staatspräsident Anwar as-Sadat bei einer Parade zum Jahrestag des Jom Kippur-Krieges von Sympathisanten der Muslimbruderschaft zusammen mit einer Reihe von Festgästen ermordet.

Die Bedeutung Karol Woytilas für die Befreiung Osteuropas und damit die Beendigung der Konfrontation der Blöcke ist kaum zu überschätzen. Michail Gorbatschow schrieb 1992 in der italienischen Tageszeitung La Stampa über den ersten slawischen Papst auf dem Thron Petri: »Alles, was in Osteuropa in den letzten Jahren geschehen ist, wäre nicht möglich gewesen ohne die Gegenwart dieses Papstes, ohne die große – auch politische Rolle, die er auf der Weltebene zu spielen verstand.«[1]

Anwar as-Sadat wiederum war das erste arabische Staatsoberhaupt, das Israel und sein Existenzrecht anerkannte – und das in einer Rede, die er auf Einladung Menachem Begins am 20. November 1977 vor der Knesset hielt. Im folgenden Jahr (1978) sollte es zu den durch den amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter ermöglichten Verhandlungen in Camp David und 1979 zum ersten Friedenvertrag kommen, der je zwischen einem arabischen Staat und Israel geschlossen wurde. Sowohl die Arabische Liga als auch die Organisation für islamische Zusammenarbeit suspendierten daraufhin Ägyptens Mitgliedschaft.

Während über die Täter und ihre islamistische Orientierung im Fall Sadats keinerlei Zweifel bestehen, rankt sich um Ağca und seine Hintermänner bis heute ein undurchdringliches Dickicht. 2010 erklärte der Vorsitzende der Mitrokhin-Kommission des italienischen Parlaments, die sich der gängigsten These anschloss, Leonid Breschnew persönlich habe den Mord am Papst in Auftrag gegeben, angesichts der Dichte an Desinformationen in einem Anflug von Verzweiflung: »Nichts ist, wie es zunächst erscheint. Es gibt immer eine Wahrheit hinter der Wahrheit und hinter dieser eine weitere Wahrheit, und dann erkennt man vielleicht, dass die erste Wahrheit der wahren Wahrheit vielleicht doch am nächsten kam.«[2]

Immerhin hatte die Sowjetunion das größte Interesse, den Einfluss des Papstes in Polen zurückzudrängen, der nicht nur die Streikbewegung der Arbeiterschaft offen unterstützte, sondern auch ermöglichte, dass Gelder der CIA zur Unterstützung von Solidarnosc über die Vatikanbank nach Polen geschleust wurden.[3] Die Erwähnung der Vatikanbank lenkt den Blick einmal mehr zu ihrem Direktor, dem Erzbischof Marcinkus, dem Vertrauten und Leibwächter des Papstes und zum Protégé des ersteren, Roberto Calvi und zu Licio Gellis Freimaurerloge »Propaganda Due« (P2) zurück[4], deren Enttarnung zum Sturz des Kabinetts Forlani und – am 26. Mai 1981, dreizehn Tage nach dem Attentat auf den Papst – zum Rücktritt des Premierministers wegen seiner Verwicklung in die Umtriebe der Loge führte. Calvi unterhielt nicht nur zur CIA, sondern auch zur Cosa Nostra sowie zu kolumbianischen Drogenkartellen, deren Gelder er wusch, ausgezeichnete Beziehungen.[5] 1982 wurde Calvi, nachdem er wegen des Zusammenbruchs seiner Bank Italien fluchtartig verlassen hatte, an der Black Friars Brücke in London erhängt aufgefunden, die Taschen seines Anzugs vollgestopft mit Ziegelsteinen. Seinen Tod hatte man zunächst als Selbstmord eingestuft. In den neunziger Jahren erhärteten jedoch neue forensische Verfahren, die auf seine exhumierte Leiche angewandt wurden, den immer schon geäußerten Verdacht, er sei ermordet worden. 2005 klagten italienische Strafverfolger fünf Mafiosi wegen dieses Mordes an, die aber mangels Beweisen freigesprochen wurden. Laut Staatsanwalt Luca Tescaroli war Calvi aus drei Gründen ermordet worden: weil er Mafiagelder veruntreut hatte, um die Kunden und Geschäftspartner seiner Bank zu schützen und um zu verhindern, dass er sein Insiderwissen über die Verstrickungen zwischen der Mafia, dem Vatikan und der internationalen Politik preisgab.[6] Auch andere Irrgänger in diesem Verschwörungsdschungel starben auf unnatürliche Weise: Calvis Sekretärin stürzte am Tag, an dem er ums Leben kam, aus einem Fenster der Bank in Mailand zu Tode, Michele Sindona, der vierte im Bunde, starb 1986 im Gefängnis, in das er gesteckt worden war, weil er den Liquidator seiner Banken hatte ermorden lassen, an einer Blausäurevergiftung. Nur Gelli und Marcinkus kamen mit dem Leben davon.

Die historische Konstellation war dramatisch genug: Ein antikommunistischer slawischer Papst, die CIA als klandestine Exekutive der US-amerikanischen Geopolitik mit ihren alten Verbindungen zur Mafia, die nicht weniger militanten Gegenaktionen der kommunistischen Geheimdienste, der islamistisch angehauchte Panturkismus der Grauen Wölfe, mit ihrer Sehnsucht nach Restauration der alten Herrlichkeit des osmanischen Reiches, dessen Gebiet dereinst von Südeuropa bis an die Grenzen Chinas reichen soll – kaum etwas scheint angesichts dieser Gemengelage unmöglich.

Trotzdem stellt sich die Frage, warum der russische Militärgeheimdienst durch die Vermittlung des bulgarischen einen türkischen Nationalisten für ein Attentat auf den Papst hätte anheuern sollen, oder warum die Mafia oder kolumbianische Kartelle dies hätten tun sollen – als wenn die genannten Organisationen nicht über genügend eigene fähige Mitarbeiter verfügt hätten, um diesen unappetitlichen Job zu erledigen.

Ağca selbst hatte zwar bereits 1979 in einem Brief gedroht: »Ich werde diesen religiösen Führer [gemeint war der Papst, L.R.], […] den getarnten Kommandanten der Kreuzritter, umbringen«. Aber was nützte der Tod des Papstes den Abkömmlingen der blauen Wölfin oder auch nur ihrer Propaganda für ein neues turanisches Reich? Der Sowjetunion hingegen, die sich von einer Konterrevolution an ihrer Westflanke bedroht sah, kam der Tod des Papstes – der dann doch nicht eintrat – sicher nicht ungelegen. Das Überleben des Papstes stärkte hingegen die Siegesgewissheit und Renitenz der katholischen Arbeiter und das polnische Marionettenregime sah sich wenige Monate nach dem Attentat (im Dezember 1981) gezwungen, den Kriegszustand auszurufen.

Auch auf Ronald Reagan, der Anfang 1981 ins Weiße Haus einzog, um den Krieg gegen das kommunistische »Reich des Bösen« ein für allemal zugunsten der »freien Welt« zu entscheiden, wurde im März von einem Geisteskranken ein Attentat verübt; ein Querschläger, der vom Panzerglas seiner Limousine abprallte, drang in seinen linken Lungenflügel ein. Der Präsident konnte bereits nach zehn Tagen das Krankenhaus entlassen. Sein Pressesprecher James Brady, der ebenfalls getroffen wurde, trug dauerhafte Hirnschäden und Lähmungen davon. Ein Secret-Service- und ein Polizeibeamter wurden ebenfalls verletzt.

Reagan führte seinen Kampf gegen den Kommunismus nicht nur durch eine neue Aufrüstungsinitiative, sondern auch durch verdeckte Operationen. Die CIA organisierte den geheimen Krieg gegen die Sandinisten in Nicaragua, den sie durch Waffengeschäfte mit dem Iran und Drogenhandel finanzierte, während gleichzeitig der KGB die Sandinisten unterstützte. Aus den komplexen Querfinanzierungen der CIA sollte später die Iran-Contra-Affäre erwachsen. 1986 verurteilte der Internationale Gerichtshof in Den Haag die USA für ihre Beteiligung am Contrakrieg zur Zahlung von Reparationen, diese ignorierten das Urteil jedoch. Erst in seiner zweiten Amtszeit sollte Reagan die Früchte seiner Strategie ernten, als er mit Michail Gorbatschow den INF-Vertrag aushandelte, der die Abrüstung der in Europa stationierten Mittelstreckenraketen vorsah.

Reagans manichäische Rhetorik gab den Kernkraft-Gegnern einen beträchtlichen Aufschwung, sowohl jenen der militärischen als auch jenen der friedlichen Nutzung. In Deutschland konzentrierten sich die Proteste mit neuen Rekordteilnehmerzahlen auf das geplante AKW Brokdorf, in ganz Europa kam es zu Friedensmärschen, der größte mit rund 400.000 Teilnehmern, fand im November in Amsterdam statt. Auch der weniger friedliche Protest gegen den »amerikanischen Imperialismus und seine willfährigen Büttel« setzte sich 1981 fort: im Februar fanden Bombenanschläge auf die Nachrichtensender Radio Free Europe und Radio Liberty in München statt, der Täter Johannes Weinrich, ein Mitglied der Revolutionären Zellen, handelte im Auftrag des rumänischen Geheimdienstes; im März verübten linksextreme Aktivisten einen Brandanschlag auf das Reichstagsgebäude; in Köln führten RAF-Sympathisanten einen Bombenanschlag auf den Ubahnhof Neumarkt durch, verletzten sieben Menschen und verursachten einen Millionenschaden; am 11. Mai ermordeten Mitglieder der Revolutionären Zellen den hessischen Wirtschaftsminister Heinz-Herbert Karry heimtückisch im Schlaf in seinem Frankfurter Bungalow; Ende August bekannte sich ein »Kommando Sigurd Debus« zu einem Bombenanschlag auf die wichtigste europäische Zentrale der NATO-Luftstreitkräfte in Ramstein, bei dem 20 Menschen verletzt wurden und im September beging ein weiteres RAF-Kommando ein Attentat auf den Oberbefehlshaber der US-Landstreitkräfte in Europa, Frederick Kroesen, der mit leichten Verletzungen davonkam.

Die ideologisch-politischen Wirrsale verschonten auch die Anthroposophen nicht. Im Dezember 1980 hatte ein obskures Magazin namens Diagnosen, das von Ekkehard Franke-Griksch, einem ehemaligen ZDF-Redakteur, herausgegeben wurde, gegen den Aufsichtsratsvorsitzenden der Siemens AG, Peter von Siemens, einen bekennenden Anthroposophen und großzügigen Unterstützer der Bewegung, den ebenso gravierenden wie abstrusen Vorwurf erhoben, er verfolge durch den Bau von Atomkraftwerken die von der Anthroposophie beabsichtigte Zerstörung der Erde. Im Artikel Siemens’ Atomsekte – Strahlentod um Gott zu befreien wurde behauptet, von Siemens stünde im Dienst dunkler Mächte, die eine Pulverisierung der Erde zu radioaktivem Staub anstrebten, um die in der Schöpfung gefangene Gottheit zu erlösen. Außerdem kursierten auch von anthroposophischer Seite gestreute Gerüchte, von Siemens habe den Vorstand der Gesellschaft mit 60 Millionen DM bestochen, um ihn für die Atomkraft günstig zu stimmen; auch die Tatsache, dass er der Goetheanumbühne eine neue Beleuchtungsanlage zu günstigen Konditionen vermittelt hatte, wurde ihm als Bestechungsversuch ausgelegt.

Der Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft sah sich veranlasst, ein deutliches Dementi zu veröffentlichen. Am 18. Januar 1981 hieß es in einer Mitteilung im Nachrichtenblatt über den erwähnten Artikel[7]: er enthalte »unter Verwendung aus dem Zusammenhang gerissener Zitate und unbewiesener Unterstellungen bösartige Angriffe gegen das Goetheanum und einige Mitarbeiter der Anthroposophischen Gesellschaft«. Der Vorstand wies die betreffenden »Behauptungen und Verdächtigungen mit Entschiedenheit« zurück. Weiter hieß es: »Auf den Inhalt, den er als bloße Gegnerschrift kennzeichnen muss, einzugehen, sieht er keine Notwendigkeit«. Leser mussten sich also anderweitig kundig machen, worin die bösartigen Angriffe bestanden. Beigefügt waren einige »Gedanken des Vorstandes« zu »erneuten Angriffen« gegen die Anthroposophie, Steiner, das Goetheanum und die Gesellschaft, die »verstärkt« und »mit überraschender Schärfe« aufträten. Diese Attacken seien, nach Jahren scheinbarer Ruhe, Symptom einer »neuen Welle von Gegnerschaft«. Letztere sei darauf zurückzuführen, dass die Anthroposophie immer stärker »in das Kultur- und Zivilisationsleben der Gegenwart« eingreife, was auch die Kräfte wachrufe, die sich »gegen eine menschliche und spirituelle Durchdringung der Zeitverhältnisse« stemmten. »Diese Kräfte« schöpften aus »scheinbaren Widersprüchen im Lebensorganismus der (Anthroposophischen) Gesellschaft«, sowie aus »entstellten Äußerungen Steiners oder seiner Schüler« Material für ihre Angriffe. Insbesondere werde immer wieder versucht, die Anthroposophische Gesellschaft, »die ihren Prinzipien und ihrer inneren Wesenheit nach nur das individuelle Urteil als Lebensform eines freien Geisteslebens pflegen möchte, auf allgemein verbindliche Richtlinien oder Dogmen festzulegen«.

Unterzeichnet waren diese »ergänzenden Gedanken« von Manfred Schmidt-Brabant. Diese kryptische Mitteilung, die keinerlei Namen nannte, war seit langem wieder einmal ein Beispiel für den byzantinischen Verlautbarungsstil des Vorstandes, der es der Phantasie der Leser überließ, die ungenannten Gegner zu identifizieren. Ob Schmidt-Brabant damit auf Dreigliederer wie Peter Schilinsky zielte, der in seiner Zeitschrift Jedermann im März eine auch von anderen geteilte Auffassung zum Ausdruck bringen sollte, als er schrieb, man müsse »die Anthroposophie und ihren Begründer Rudolf Steiner mit aller Deutlichkeit ab[zu]setzen von dem, was sich zwischen dem Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in Dornach, Peter von Siemens und anderen AKW-Befürwortern« abspiele[8], oder doch eher Franke-Griksch und Konsorten, blieb offen.

Die Kernkraft beschäftigte die Anthroposophen auch in den folgenden Monaten. Wie sehr man in Bedrängnis geraten war, zeigte sich an einem Artikel von Ada Pokorny, der am 1. März im Nachrichtenblatt erschien[9], der aus einem Überblick über elf Artikel zehn verschiedener Autoren zum Thema, die in den vergangenen drei Jahren in der Zeitschrift Das Goetheanum erschienen waren, das Fazit zog, dass sich ein einziger für die Kernenergie ausgesprochen habe und acht deutlich dagegen. In derselben Ausgabe des Nachrichtenblattes widersprach der Vorstand auch dem Gerücht, die Gesellschaft habe von Peter von Siemens Spenden »in Millionenhöhe« erhalten. Zudem wurde ein Leserbrief Friedrich Hiebels an den SPIEGEL abgedruckt, in dem dieser der im Hohlspiegel aufgestellten Behauptung widersprach, Anthroposophen »bagatellisierten die Risiken der Kernenergie«, weil mongoloide Kinder [deren Existenz das Magazin auf radioaktive Kontaminationen der Keimzellen zurückführte] in ihren Familien eine Atmosphäre der Liebe und der gegenseitigen Hilfe bewirkten.

Weiteres Öl ins Feuer goss die Zeitschrift Info3, die im Juli/August- und September/Oktoberheft 1981 Teile eines »Interviews« veröffentlichte, das die Redaktion in der Münchner Zentrale mit von Siemens geführt hatte. In Wahrheit handelte es sich um einen hybriden Text, der – wie die Redaktion im Kleingedruckten mitteilte – aus dem ursprünglichen Interview und einer von Peter von Siemens oder seinem persönlichen Referenten, Rüdiger von Canal, überarbeiteten Fassung kompiliert war. Wörtlich: »Der hier abgedruckte Artikel entspricht unserer Fassung, teilweise ergänzt, korrigiert bzw. stellenweise auch ersetzt durch den geschriebenen Siemens-Text. Der [!] Appell an unsere anthroposophische Verantwortung, wir mögen doch nur die ›absolute Wahrheit‹ (Rüdiger von Canal) aus Siemens Feder bringen, können wir nur so entsprechen. Jedes Siemens-Wort in dem Artikel haben wir entweder (stilistisch korrigiert) direkt vom Tonband, oder stammt aus der von Siemens selbst geschriebenen Fassung.«[10] Hinzu kamen Kommentare der Redaktion, die teilweise sogar in die Fragen eingeflochten wurden oder Zitate aus Briefen, die schwerlich aus dem Interview stammen konnten.

Wie dem auch sei, von Siemens setzte sich im veröffentlichten Text für einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Kerntechnologie ein, behauptete sogar, ihre Entwicklung und Handhabung steigere das Verantwortungsbewusstsein der Menschheit, verteidigte sich gegen eine Reihe von Vorwürfen bzw. Unterstellungen aus der anthroposophischen Szene und berief sich auf unterschiedlich interpretierbare Äußerungen Rudolf Steiners über verschiedene untersinnliche Kräfte, mit deren Existenz sich die Menschheit auseinandersetzen müsse.

Im Kern ging es dabei um Steinerexegese, die allerdings durch die Tatsache, dass der Vorstandschef eines milliardenschweren Konzerns, der federführend im Bau von Kernkraftwerken war, eine bestimmte Steinerdeutung favorisierte, beträchtlich an politischer Brisanz gewann. In welches inneranthroposophische und zugleich gesamtgesellschaftliche Wespennest Info3 mit seiner Veröffentlichung stieß, zeigt eine »Zwischenbemerkung« im September/Oktoberheft, in der sich von Siemens auf die Berichterstattung über eine von der »Sozialwissenschaftlichen Forschungsgesellschaft« organisierte Tagung zum Thema »Energiekrise und Menschenverantwortung« bezog, die im Februar in Stuttgart stattgefunden hatte. Der Unternehmer Theodor Beltle (1913-1989), Mitglied des Vorstandes der deutschen Landesgesellschaft und langjähriger Mäzen des Stuttgarter Eurythmeums, hatte in den deutschen Mitteilungen über diese Tagung berichtet[11] und u.a. geschrieben: »Gerade auf dem Energiesektor wird die Menschheit durch die kleine Gruppe multinationaler Konzerne mit ihren weltweiten und weit vorausplanenden Operationen gelenkt (Heinz Eckhoff), die durch ihre gesteigerte Gefährlichkeit infolge der Kerntechnik die Gefahr einer Vernichtung der Erde heraufbeschwören. Dagegen werden die sehr großen technischen Möglichkeiten, Energie einzusparen, kaum ergriffen.« Von Siemens kommentierte diesen Satz in Info3 mit der Bemerkung: »Eine derartige Äußerung könnte ebenso gut aus einer Verlautbarung der Jusos oder DKP stammen. Sie zeugt entweder von einem krassen Vorurteil ohne besseres Wissen oder von einer bösartigen Tatsachenverdrehung wider besseres Wissen.«

Wie von Siemens die schwer zu deutenden Äußerungen Steiners verstand, geht aus einer Stellungnahme hervor, die unter dem Titel Die Verantwortung als Anthroposoph ebenfalls in Info3 abgedruckt wurde.[12] Zugrunde lagen der Diskussion zwei hochesoterische Vorträge Steiners aus den Jahren 1904 und 1911. [13] In beiden Vorträgen wird – neben vielem anderen – der Grundgedanke variiert, dass der Mensch die gesamte Natur durch seinen Geist umwandeln, spiritualisieren wird, um die künftigen Entwicklungsstufen von Erde und Kosmos herbeizuführen, ebenso wie ihre jetzige materielle Entwicklungsstufe ein Umwandlungsprodukt früherer geistiger Formen ist.

1904 ist von der Umwandlung der mineralischen Welt die Rede, in die der Mensch in seiner bisherigen Entwicklung abgestiegen ist, und davon, dass er dieser Welt »bis ins Atom hinein«, also bis in die kleinsten Teile der mineralischen Stofflichkeit, den Stempel seines Geistes aufdrückt, woraus als künftige Metamorphose eine durchmenschlichte, vergeistigte Welt hervorgehen wird. Grundlage dieser Umwandlung ist die Tatsache, dass die heutige sinnliche bzw. mineralische Welt eine Erscheinungsform des Geistes ist, und »Gedanke« und »Atom« daher letztlich aus ein und derselben Substanz bestehen. Steiner illustriert diesen Grundgedanken – wie häufig in seinen Vorträgen – durch Bilder von visionärer Dramatik, die in unserer Gegenwart möglicherweise sogar besser verständlich sind, als für die Zuhörer von 1904: »Das ist der große Gedanke, der den Geheimgesellschaften zugrunde liegt, dass alles Fortschreiten auf Involution und Evolution beruht. Involution ist das Einsaugen, Evolution ist das Ausgeben [oder Ausgießen, Ausströmen?]. Zwischen diesen beiden wechseln alle Weltenzustände. Jetzt atmen Sie die Natur ein, indem Sie sie sehen, hören, riechen, schmecken. Was Sie sehen, geht nicht spurlos an Ihnen vorüber. Das Auge geht zugrunde, der Gegenstand geht zugrunde; aber das, was Sie gesehen haben, bleibt. […] Wir gehen einer Zeit entgegen, in der […] das Verständnis bis ins Atom hinein kommen wird. Man wird begreifen – auch in der populären Meinung –, dass das Atom nichts anderes ist als geronnene Elektrizität. Der Gedanke selbst ist aus derselben Substanz.

Man wird in der Tat so weit kommen, noch ehe die fünfte Unterrasse [d.h. die »fünfte nachatlantische Kulturepoche«, die »Epoche der Bewusstseinsseele«, die den Zeitraum vom 15. Jahrhundert bis in die Mitte des 4. Jahrtausends nach Christus umspannt] zu Ende geht, dass man imstande sein wird, bis ins Atom hineinzuwirken. Wenn man nur erst die Stofflichkeit [= stoffliche Verwandtschaft] zwischen dem Gedanken und dem Atom begreifen kann, so wird man auch bald das Hineinwirken ins Atom verstehen. Und nichts wird mehr für gewisse Wirkungsarten verschlossen sein: Ich werde hier stehen und unbemerkt auf einen Knopf, den ich in der Tasche trage, drücken können, um einen Gegenstand in weiter Ferne, sagen wir in Hamburg, in die Luft zu sprengen, so wie Sie jetzt schon drahtlos telegraphieren können, indem Sie hier eine Wellenbewegung hervorbringen und sie an einer anderen bestimmten Stelle in bestimmter Weise zum Ausdruck bringen können. Das wird in dem Momente eintreten können, wo die okkulte Wahrheit, dass Gedanke und Atom aus derselben Substanz bestehen, im praktischen Leben durchgeführt sein wird.

Es ist unmöglich, sich auszudenken, was in einem solchen Falle geschehen würde, wenn die Menschheit dann nicht bis zur Selbstlosigkeit gelangt wäre. Nur durch das Erringen der Selbstlosigkeit wird es möglich sein, die Menschheit vom Rande des Verderbens zurückzuhalten. Der Untergang unserer gegenwärtigen Wurzelrasse [d. h., der Epoche der sog. nachatlantischen Menschheit, die den Zeitraum zwischen dem 7. Jahrtausend vor Christus bis zum Beginn des 8. nachchristlichen Jahrtausends umfasst] wird herbeigeführt werden durch den Mangel an Moralität. Die lemurische Rasse [auch diese und die folgende »sechste« bzw. »siebente Wurzelrasse« verweisen auf Zeitepochen der Menschheitsentwicklung, die der unsrigen vorausgingen bzw. nachfolgen] ist durch Feuer zugrunde gegangen, die atlantische durch Wasser; unsere wird zugrunde gehen durch den Krieg aller gegen alle, das Böse, durch den Kampf der Menschen untereinander. Die Menschen werden sich selbst im gegenseitigen Kampf vernichten. Und es wird das Trostlose sein – trostloser als andere Untergangsarten –, dass die Menschen selbst die Schuld daran tragen werden.

Ein kleines Häuflein wird sich hinüberretten in die sechste Wurzelrasse. Dieses kleine Häuflein wird zur vollständigen Selbstlosigkeit sich entwickelt haben. Die anderen werden alles Raffinement in der Durcharbeitung und Dienstbarmachung der physischen Naturkräfte anwenden, aber ohne den nötigen Grad der Selbstlosigkeit erlangt zu haben. Sie werden den Kampf aller gegen alle inaugurieren, und das bildet den Grund des Untergangs unserer Wurzelrasse.

Namentlich in der siebenten Unterrasse [der letzten Geschichts-Epoche vor dem Ende des nachatlantischen Zeitraums im 8. Jahrtausend] wird dieser Kampf aller gegen alle sich in der furchtbarsten Weise austoben. Starke, gewaltige Kräfte werden ausgehen von Entdeckungen, die den ganzen Erdball zu einer Art selbstfunktionierendem elektrischem Apparat umgestalten werden. Auf eine Weise, über die nicht gesprochen werden kann, wird das kleine Häuflein geschützt werden.«[14]

Auch der zweite Vortrag, aus dem Jahr 1911, handelt von Verstofflichung und Vergeistigung, Evolution und Involution, nur dass hier Christus und die von ihm ausgehende Kraft der Transsubstantiation, die vom Menschen ergriffen wird, im Zentrum steht. Diese Kraft zeigt sich in der »Ätherisation des Blutes« ebenso, wie in der Umwandlung der stofflichen Welt in künftige, geistigere Zustandsformen. Bei dieser Umwandlung wirken zwei entgegengesetzte Strömungen durch- und gegeneinander, eine zerstörende und eine aufbauende. Die zerstörende löst entstandene, physisch verfestigte Formen auf und die aufbauende lässt neue, geistige entstehen. So wie bei der Auferstehung Christi, die den kosmisch-irdischen Prototyp dieses Vorgangs darstellt, geht aus dem Tod, dem Zerfall neues Leben hervor. Die Erde und mit ihr die Menschheit wird nicht im kosmischen Staub zerstieben, sondern in ätherischer oder astralischer Form fortexistieren, soweit sie die Auferstehungskräfte Christi in sich aufnimmt. Diese evolutive Metamorphose zeigt sich auch an den Naturkräften, an den Ätherkräften, die zu physischen und unterphysischen Kräften zerfallen, während aus diesem Zerfall gleichzeitig »moralische« Kräfte entstehen, die vom Menschen dem Kosmos einverleibt werden: »Das Licht zerstört sich innerhalb unseres nachatlantischen Erdenprozesses. Bis in die Atlantis hinein war der Erdenprozess ein fortschreitender, seither ist er ein zerfallender. Was ist das Licht? Es zerfällt, und das zerfallende Licht ist Elektrizität. Was wir als Elektrizität kennen, das ist Licht, das sich selber zerstört innerhalb der Materie. Und die chemische Kraft, die innerhalb der Erdenentwickelung eine Umwandlung erfährt, ist Magnetismus. Und noch eine dritte Kraft wird auftreten. Und wenn den Menschen heute schon Wunder wirkend die Elektrizität erscheint, so wird diese dritte Kraft in noch viel wunderbarerer Weise die Kultur beeinflussen. Und je mehr wir von dieser Kraft anwenden, desto eher wird die Erde zu einem Leichnam werden, damit das, was das Geistige der Erde ist, sich hinüber[wirken]entwickeln kann zum Jupiter. Die Kräfte müssen angewandt werden, um die Erde zu zerstören, damit der Mensch frei wird von der Erde und damit der Erdenleib abfallen kann. Solange die Erde im fortschreitenden Prozess war, hat man dies nicht gemacht, weil nur die zerfallende Erde die große Kulturerrungenschaft der Elektrizität gebrauchen kann. So sonderbar dies gegenwärtig auch klingt, aber es muss nach und nach ausgesprochen werden. Wir müssen den Entwickelungsprozess verstehen, die Menschen werden dadurch lernen, unsere Kultur in richtiger Weise zu bewerten. Wir werden dadurch lernen, dass es notwendig ist, die Erde zu zerstören, sonst wird der Geist nicht frei.«[15]

Nun muss der Vollständigkeit halber noch erwähnt werden, dass diesem Vortrag in GA 130 Notizen aus einer Fragenbeantwortung beigegeben sind, die im Anschluss an ihn stattfand sowie eine Skizze, die den in dieser Fragenbeantwortung erläuterten Gedankengang illustriert (die Skizze stammt nicht von Steiner).

Die der Fragenbeantwortung beigegebene Skizze (GA 130)

Die Frage, die ein Teilnehmer stellte, lautete: »Was sind chemische Kräfte und Stoffe im Verhältnis zur geistigen Welt?« Die Antwort: »In der Welt sind eine Anzahl Substanzen, die verbindbar und trennbar sind. Was wir Chemismus nennen, ist hineinprojiziert in die physische Welt aus der Welt des Devachan, der Sphärenharmonie. So dass in der Verbindung zweier Stoffe nach ihren Atomgewichten wir die Abschattung haben zweier Töne der Sphärenharmonie. Die chemische Verwandtschaft zweier Stoffe in der physischen Welt ist eine Abschattung aus der Welt der Sphärenharmonie. Die Zahlenverhältnisse der Chemie sind wirklich die Ausdrücke für die Zahlenverhältnisse der Sphärenharmonie. Diese letztere ist stumm geworden durch die Verdichtung der Materie. Würde man die Stoffe tatsächlich bis zur ätherischen Verdünnung bringen und die Atomzahlen als innerlich formendes Prinzip wahrnehmen können, so würde man die Sphärenharmonie hören. Man hat die physische, die astralische Welt, das untere Devachan und das obere Devachan. Wenn man nun einen Körper noch weiter hinunterdrückt als zur physischen Welt, dann kommt man in die unterphysische Welt, in die unterastralische Welt, das untere oder schlechte Unterdevachan und das untere oder schlechte Oberdevachan. Die schlechte Astralwelt ist das Gebiet des Luzifer, das schlechte untere Devachan ist das Gebiet des Ahriman und das schlechte obere Devachan ist das Gebiet der Asuras. Wenn man den Chemismus noch weiter hinunterstößt als unter den physischen Plan, in die schlechte untere devachanische Welt, entsteht Magnetismus, und wenn man das Licht ins Untermaterielle stößt, also um eine Stufe tiefer als die materielle Welt, entsteht die Elektrizität. Wenn wir das, was lebt in der Sphärenharmonie, noch weiter hinabstoßen bis zu den Asuras, dann gibt es eine noch furchtbarere Kraft, die nicht mehr lange wird geheim gehalten werden können. Man muss nur wünschen, dass wenn diese Kraft kommt, die wir uns viel, viel stärker vorstellen müssen als die stärksten elektrischen Entladungen, und die jedenfalls kommen wird – dann muss man wünschen, dass, bevor diese Kraft der Menschheit durch einen Erfinder gegeben wird, die Menschen nichts Unmoralisches mehr an sich haben werden!«

So weit Steiner. Was sich daran anschloss, war eine Deutungsschlacht, in der von Siemens im Unterschied zu anderen anthroposophischen Autoren, aus dem »Hineinwirken bis ins Atom« von 1904 und der »noch furchtbareren Kraft« von 1911 die Atomkraft machte. Deutlich wird dies in seinem Text Die Verantwortung als Anthroposoph, der die verschiedenen Motive, die in Steiners Vorträgen anklingen, auch jenes der moralischen Verantwortung und Selbstlosigkeit, die im Zusammenhang mit den noch zu entdeckenden künftigen Technologien entwickelt werden müssen, zu einem Ganzen zusammenfügt[16]:

»Es ist ein erklärter anthroposophischer Grundsatz, dass [ein] im praktischen Leben wirkender Anthroposoph sein Tun und dessen Wirkung nur selbst verantworten kann, worauf immer er sich berufen möge.

Während Steiners Erdenleben gab es noch keine durch Menschen willkürlich erzeugbare Atomenergie und demzufolge im Zeichen der stets ambivalent nutzbaren Technik auch noch keine atomaren Waffen zur Zerstörung und auch noch keine Atomkraftwerke zur hilfreichen Erzeugung elektrischer Energie. Es gibt aber Äußerungen Rudolf Steiners über das Atom und über die allmählich heraufziehende ›Dritte untermaterielle Kraft‹ – sowohl negativ unheilvolle warnende als auch positive, geradezu bewundernde.

Es ist nun wenig hilfreich – noch dazu in einem Interview – mit Steiner gegen Steiner zu argumentieren. Aber worauf habe ich selbst mich nun – bei meinen wenigen Stellungnahmen zu Angriffen und Anfragen aus anthroposophischen Kreisen – auf Rudolf Steiner berufen? Auf zweierlei Grundsätzliches: Erstens die Erkenntnis der Unternatur und ihre Nutzung oder Bekämpfung; und zweitens die ahrimanische Vorwegnahme künftiger Entwicklungsimpulse in technischen Erfindungen und die damit verbundenen Konsequenzen.

Herr Dr. v. Canal hat im vollen Einvernehmen mit mir in einer Leserzuschrift an die ›Diagnosen‹ zur Klarstellung der gegen mich erhobenen Vorwürfe den nachstehend wiedergegebenen Standpunkt zum Ausdruck gebracht:

’Es erhebt sich nun unter anthroposophischem Gesichtspunkt die Frage, ob man die sog. untermateriellen ahrimanischen Kräfte ablehnen, sie unter allen Umständen meiden und ihre zerstörerischen Wirkungen bedingungslos bekämpfen muss, oder ab man sie technisch zähmen, bändigen und für die äußere zivilisatorische Entwicklung wohlabgewogen nutzbringend gebrauchen darf.

Rudolf Steiner hat sich eindeutig für die letztere Richtung ausgesprochen, gleichzeitig aber in seinen anthroposophischen Leitsätzen gefordert, ›dass der Mensch erlebend eine Geist-Erkenntnis finde, in der er sich ebenso hoch in die Über-Natur erhebt, wie er mit der unternatürlichen Betätigung unter die Natur heruntersinkt. Er schafft dadurch in seinem Inneren die Kraft, nicht unterzusinken‹.

Gegenkräfte und Widersachermächte zu fliehen und lediglich kontrovers zu bekämpfen heißt, sich ihnen in verstärkter Form auszuliefern, auch darauf hat Rudolf Steiner immer wieder hingewiesen. Sie mutvoll zu bändigen und verantwortungsbewusst zu handhaben, bedeutet aber, sie stufenweise einer Erlösung zuzuführen!

In diesem Sinn ist die friedliche Nutzung der Atomenergie nicht die Handhabung eines ›bösen‹ Elementes schlechthin, sondern eine eminente Schulung zu seiner Überwindung.’

Diese Ausführungen haben interessanterweise geradezu Empörung ausgelöst. Anton Kimpfler z. B. versteigt sich in einem Leserbrief von Info3, 4/81 zu einer Formulierung, ›dass wir die Aufgabe hätten, das Böse zu beherrschen … nähert sich der Aufforderung, selbst böse zu werden … Das lässt sich identifizieren mit der Zersetzung aller Moralität‹.

Das ist Neo-Essäertum in Reinkultur! So wird man dem Wesen des Bösen in seiner Abstufung und Vielschichtigkeit und unserer Aufgabe ihm gegenüber nicht gerecht.

Steiner hat oftmals drauf hingewiesen, dass in unserer Kulturepoche das Böse in uns und unserer Umwelt stufenweise frei wird, und dass in immer stärkerem Maße die Hauptaufgabe des Menschen darin bestehen wird, sich mit dem Bösen auseinanderzusetzen – je nach seiner Struktur erlösend (Luzifer), überwindend (Ahriman) und kämpferisch widerstehend (Sorat).

Ich muss mich hier auf aphoristische Bemerkungen beschränken. Rudolf Steiner hat oftmals darauf hingewiesen, dass die beiden Widersachermächte Luzifer und Ahriman nicht nur negative Wirkungen haben, sondern zugleich für unsere Entwicklung unabdingbar und notwendig sind (›Am Widerstand gewinne.‹). Während Luzifer, von der Astralwelt aus wirkend, vor allem durch unberechtigte Konservierung von Vergangenheitsimpulsen herrscht, wirkt Ahriman von der Ätherwelt aus durch vorzeitiges, von kalter Intelligenz getragenes Hereinholen von Zukunftsimpulsen, für deren Anwendung die Menschheit größtenteils noch nicht reif ist – durch faszinierende einseitige Veräußerlichung auf Kosten der inneren Entwicklung. Jesus Christus bzw. Christus Jesus als göttlicher Menschheitsrepräsentant harmonisiert die beiden Extreme und setzt dadurch die Menschen in die Lage, im praktischen Erdenwirken das Gleiche zu vollbringen.

Ahriman als ›Fürst dieser Welt‹, d. h. als Herrscher der materiellen Verdichtungskräfte hat nun, nach den Angaben Rudolf Steiners, gewisse Bereiche der ätherischen Bildekräfte unter seinen Einfluss gebracht und sich als ›untermaterielle Kräfte‹ arteigen gemacht:

– den Wärmeäther als äußere ›verdichtete‹ Wärme,

– den Lichtäther als Elektrizität,

– den chemischen Äther als Magnetismus,

– den Lebensäther als atomare Strukturen.

Die wissenschaftliche Erforschung der Natur mit untermateriellen Impulsen durch den Menschen hat unter einem durchaus positiven Aspekt zur modernen Technik geführt, die ihrem Wesen nach ambivalent ist: als Fluch und Segen, als Zerstörung und Hilfe, je nach dem Verwendungsziel. Auf den Menschen kommt es an, wie er sie nutzt.

In die elektrische ›lichtätherische‹ Komponente hat sich offensichtlich Luzifer hereinbegeben. Sehen Sie, was man mit Elektrizität, wenn sie technologisch gezähmt ist, alles an helfenden, aber zugleich bezaubernden, verführerischen Kunststücken machen kann, das ist vielfach ausgesprochen luziferisch.

Den Magnetismus, der heute noch weitgehend im Verborgenen wirkt, vor allem beim Hervorrufen der Elektrizität durch die Induktionsgesetze, kann man im wesentlichen wohl als rein ahrimanisch ansehen.

In den atomaren Strukturen hat die asurische Kraft der Auflösung und Zerstörung Fuß gefasst. Die ersten Vorboten dieser Kraft haben wir in der Radioaktivität, von der Steiner sagt, sie sei notwendig, um ›von unten her‹ daran mitzuwirken, dass die mineralische Erde im Zuge des Weltenplanes allmählich in neue schwerebefreite Daseinsformen überführt werde.

Das ist also das, was Steiner […] angelastet wird: Er bejahe die baldige Zerstörung der Erde – eine groteske Unterstellung, die man ja auch mir angedichtet hat. Steiner aber hat im Rahmen seiner geisteswissenschaftlichen Einsichten stets nur von einer stufenweisen Weiterentwicklung von Menschen, Erde und Kosmos gesprochen, die sich nach den Gesetzen eines Äonen umfassenden Weltenplanes vollzieht, und in dieser sind eben auch die Widersachermächte und ihre Umwandlungen eingebunden.

Rudolf Steiner hat stets von neuem darauf hingewiesen, dass mit den Möglichkeiten zur geistigen Erkenntnis und Entwicklung, die mit dem Ende des ›Finsteren Zeitalters‹ (Kali Yuga) seit der Jahrhundertwende eingetreten sind, auch die Wirksamkeiten und Anfechtungen der Widersachermächte in immer stärkerem Maße zur Auswirkung kommen. Sich vor ihnen zu ängstigen, sie zu fliehen oder ihr Erscheinen gar verhindern zu wollen, würde ihre Wirksamkeiten nur verstärken. Sie zu bändigen, abzuschirmen und als äußere Hilfe weise und mutig zu nutzen sowie den durch sie eintretenden Gefahren aus vertiefter Erkenntnis zu begegnen — darauf wurde bereits hingewiesen.

Wenn in sehr vorsichtiger Form gewisse erste Stufen der sogen. Dritten Kraft in Gestalt künstlich erzeugter und — wie ich betonen möchte – umfassend beherrschbarer Radioaktivität für Energiezwecke genutzt werden, so vermag ich darin nichts Leichtfertiges, Verwerfliches und vor allem nichts Widergeistiges zu sehen.«

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Anmerkungen:


  1. La Stampa, 3. März 1992, zitiert nach: Christoph Böhr/ Christian Schmitz (Hrsg.), Europa und die Anthropologie seiner Politik. Der Mensch als Weg der Geschichte – Zur Philosophie Karol Woitylas, Berlin 2016, S. 127.
  2. Zitiert nach: Papst Johannes Paul II: Warum schoss Attentäter Ali Agca? SPIEGEL, 03.04.2017. http://www.spiegel.de/einestages/papst-johannes-paul-ii-warum-schoss-attentaeter-ali-agca-a-1140914.html; abgerufen am 27.10.2018.
  3. 2009 wurde dies von Lech Wałęsa, der allerdings keine Einzelheiten nennen konnte oder wollte, gegenüber dem italienischen Staatsanwalt Luca Tescaroli im Prinzip bestätigt. Siehe La Repubblica, Dal Vaticano a Calvi ecco chi aiutò Solidarnosc, 14.03.2009, https://ricerca.repubblica.it/repubblica/archivio/repubblica/2009/03/14/dal-vaticano-calvi-ecco-chi-aiuto-solidarnosc.html, abgerufen am 28.10.2018. Führende nationale Sicherheitsberater und Geheimdienstler der Reagan-Ära waren gläubige Katholiken: CIA-Direktor William J. Casey, der nationale Sicherheitsberater William Clark, Außenminister Alexander Haig sowie der Ex-CIA-Direktor und Botschafter Vernon Walters. Der CIA und der Papst tauschten regelmäßig geheimdienstliche Informationen aus. Laut Posner »erlaubte« der Papst dem Leiter der Vatikanbank, Erzbischof Marcinkus, die Einrichtung einer geheimen Pipeline, durch die Gelder der Kirche an die polnische Gewerkschaft geleitet wurden. Gerald Posner, God’s Bankers: A History of Money and Power at the Vatican. NewYork, 2015, S. 309.
  4. Zur Propaganda Due siehe weiter oben.
  5. Calvi war Direktor der Mailänder Banco Ambrosiano, der damals größten italienischen Privatbank. Mit Hilfe eines Systems von rund 200 Geisterbanken, darunter die Cisalpina auf den Bahamas, wurden Gewinne aus dem Kokainhandel in den legalen Finanzmarkt eingeschleust. Hauptaktionär der Banco Ambrosiano war das Istituto per le Opere di Religione, die sog. Vatikanbank. Da die Vatikanbank als Institut des Heiligen Stuhls nicht der italienischen Bankenaufsicht unterstand, konnten der Mafia-Rechtsanwalt Michele Sindona und Calvi, unterstützt von Erzbischof Paul Casimir Marcinkus, dem Direktor des IOR, mitten in Europa ein Offshore-Paradies betreiben.
  6. Philip Willan, The Last Supper: The Mafia, the Masons and the killing of Roberto Calvi, London 2007. Siehe auch: Wie starb der Bankier Gottes? Spiegel, 18.06.2012, http://www.spiegel.de/einestages/roberto-calvi-der-tod-des-bankiers-von-mafia-und-vatikan-a-947610.html, abgerufen am 29.10.2018.
  7. Nachrichtenblatt, Nr. 3, 1981.
  8. Jedermann, Nr. 425, März 1981
  9. Nachrichtenblatt, Nr. 9, 1. März 1981.
  10. Info3, 5/1981, S. 6
  11. Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland, Heft 136, Johanni 1981, S. 135 f.
  12. Info3, 6-1981, S. 5 ff.
  13. Der den Geheimgesellschaften zugrunde liegende Gedanke von Evolution und Involution Berlin, 23.12.1904 (GA 93) und Die Ätherisation des Blutes – Das Eingreifen des ätherischen Christus in die Erdenentwicklung, Basel, 1.10.1911 (GA 130). Beide Vortragstitel stammen nicht von Steiner.
  14. GA 93, Dornach 1991, S. 122-124.
  15. GA 130, Dornach 1995, S. 95 f.
  16. Peter von Siemens in Info3, 6-1981, S. 5 ff.

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