1981 | »Mit den Atomen bauen durch die Kraft des Gedankens«

Ernst Weissert, 1905-1981

Ernst Weissert, 1905-1981

 

Die weiter oben beschriebene Kontroverse um die Atomkraft, Peter von Siemens und die Anthroposophische Gesellschaft fand auch bei der Generalversammlung Erwähnung[1], die dieses Jahr am 12. April, einem Palmsonntag, stattfand – ein Indiz dafür, dass es sich nicht bloß um eine in der ephemeren medialen Sphäre ausgetragene Kontroverse handelte.

Auch zu dieser Versammlung waren keine Anträge von Mitgliedern eingegangen. Wie stets blickte Rudolf Grosse, der Vorsitzende, auf einige der bekannteren Verstorbenen zurück, darunter der Architekt Fritz Müller (1906-1980), der über vierhundert pädagogische Zweckbauten errichtet hatte, auch eine Reihe von Waldorfschulen, unter anderem in Pforzheim, Karlsruhe, Mannheim, Hannover, Tübingen, Buenos Aires und Afula, Israel.

Eine andere, noch weit prägendere Gestalt der Waldorfbewegung war zu Beginn des Jahres verstorben: Ernst Weissert, der Vorsitzende des Bundes der Freien Waldorfschulen in Deutschland. Der ehemalige Wandervogel hatte als 19jähriger 1924 Vorträge Steiners über Waldorfpädagogik im Gustav Siegle-Haus in Stuttgart gehört[2] und war im selben Jahr Mitglied der Gesellschaft geworden. Nach Studien in Jena, Heidelberg und Athen wurde er 1931 Waldorflehrer in Berlin, wo er seine aus einer jüdischen Familie stammende zweite Ehefrau kennenlernte. Die Zeit nach der Selbstschließung der Schule aufgrund der mangelnden Bereitschaft des Kollegiums einen Eid auf Adolf Hitler abzulegen, überbrückte er durch private Unterrichtstätigkeit. 1941 wurde er, wegen Fortsetzung einer »verbotenen pädagogischen Tätigkeit« von der Gestapo verhaftet, kurze Zeit später jedoch wieder freigelassen. Von 1946 bis 1968 unterrichtete er als Oberstufenlehrer an der Stuttgarter Mutterschule. In den 1960er und 70er Jahren gehörte er dem Vorstand der deutschen Anthroposophischen Gesellschaft an und amtierte als einer ihrer Generalsekretäre. Ab 1969 stand er dem Bund der Freien Waldorfschulen vor. Auf seine Initiative gingen die jährlichen Lehrertagungen, die öffentlichen Sommertagungen der Schulbewegung und die Eltern-Lehrer-Tagungen zurück. Er gründete unter dem Titel Lehrerrundbrief ein Korrespondenzorgan der Waldorflehrer, rief die Pädagogische Forschungsstelle beim Bund ins Leben, schuf den Haager Kreis als internationales Koordinierungsgremium der Waldorfbewegung und 1971 die Freunde der Erziehungskunst.

Schließlich war auch Martha Thut verstorben, die langjährige Leiterin des Berner Johannes-Zweiges, die zusammen mit drei weiteren Frauen, Marie Hirter, Marie Schieb und Lucie Bürgi das dortige anthroposophische Leben bestimmt hatte. Grosse erwähnte die »große Verehrung«, die Thut dem »Dichtergeist« Albert Steffen entgegenbrachte, ging aber nicht weiter auf die zentrale Rolle ein, die sie bei der Zuspitzung des Konfliktes zwischen diesem und Marie Steiner Ende der 1940er Jahre gespielt hatte.

Der Vorsitzende berichtete außerdem andeutungsweise von Gesprächen mit Vertretern der Christengemeinschaft, die offenbar auch Steiners Vortrag vom 30. Dezember 1922 thematisierten[3], in welchem er die Mitglieder der anthroposophischen Gesellschaft eindringlich davor gewarnt hatte, sich der irrigen Vorstellung hinzugeben, sie würden in der Christengemeinschaft jene Form der Esoterik finden, die sie in der Gesellschaft vermissten und könnten deswegen in jene abwandern. Steiner setzte sich in diesem Vortrag gegen das Missverständnis zur Wehr, nun sei er auch noch zum Religionsstifter geworden und ließ über das Verhältnis der beiden Bewegungen einige deutliche Worte fallen, die später häufig zitiert wurden, um die Superiorität der Anthroposophischen Gesellschaft gegenüber der Bewegung für religiöse Erneuerung zu unterstreichen, ja, er sprach sogar davon, wer sich als Anthroposoph der letzteren zuwende, wirke an der »Zertrümmerung und Zerschmetterung« der ersteren mit: »Diejenigen, die den Weg einmal in die Anthroposophische Gesellschaft gefunden haben, die brauchen keine religiöse Erneuerung. Denn was wäre die Anthroposophische Gesellschaft, wenn sie erst religiöse Erneuerung brauchte! Aber religiöse Erneuerung wird in der Welt gebraucht, und weil sie gebraucht wird, weil sie eine tiefe Notwendigkeit ist, wurde die Hand geboten zu ihrer Begründung […] die Anthroposophische Gesellschaft wird von demjenigen nicht verstanden, der sich nicht so auffasst, dass er ein Rater und Helfer sein kann dieser religiösen Bewegung, dass er aber nicht unmittelbar in ihr untertauchen kann. Wenn er dieses tut, so arbeitet er an zweierlei: erstens arbeitet er an der Zertrümmerung und Zerschmetterung der Anthroposophischen Gesellschaft, zweitens arbeitet er an der Fruchtlosigkeit der Bewegung für religiöse Erneuerung.«[4]

In diesem Vortrag findet sich aber gleichzeitig eine Abgrenzung vom zeitgenössischen Wissenschaftsbetrieb, den Steiner mindestens für ebenso schädlich für die Spiritualität der Gesellschaft hielt, wie den gekennzeichneten Irrtum, eine Abgrenzung, die von jenen, die den Wissenschaftscharakter der Anthroposophie gegenüber der Christengemeinschaft betonen, meist übersehen oder aus anderen Gründen nicht zitiert wird: »Auch das wissenschaftliche Arbeitsgebiet darf zum Beispiel nicht beeinträchtigen den Impuls der allgemeinen anthroposophischen Bewegung. Wir müssen uns klar sein darüber, dass der anthroposophische Impuls es ist, der die anthroposophische Bewegung ausmacht, und dass, wenn in der neuesten Zeit diese und jene wissenschaftlichen Arbeitsgebiete innerhalb der anthroposophischen Bewegung geschaffen worden sind, durchaus die Notwendigkeit besteht, dass dadurch die Kraft und Energie des allgemein-anthroposophischen Impulses nicht abgeschwächt werde, dass namentlich nicht in einzelne Wissenschaftsgebiete hinein, in die Denk- und Vorstellungsform einzelner Wissenschaftsgebiete hinein der anthroposophische Impuls so gezogen werde, dass von dem heutigen Wissenschaftsbetrieb, der gerade belebt werden sollte durch den anthroposophischen Impuls, wiederum so viel abfärbt, dass die Anthroposophie etwa chemisch wird, wie die Chemie heute ist, physikalisch wird, wie die Physik heute ist, biologisch wird, wie die Biologie heute ist. Das darf durchaus nicht sein. Das würde an den Lebensnerv der anthroposophischen Bewegung gehen. Es handelt sich darum, dass die anthroposophische Bewegung ihre spirituelle Reinheit, aber auch ihre spirituelle Energie bewahre. Dazu muss sie das Wesen der anthroposophischen Spiritualität verkörpern, muss in ihm leben und weben, muss alles dasjenige tun, was aus den geistigen Offenbarungen der Gegenwart heraus auch zum Beispiel in das wissenschaftliche Leben eindringen soll.«[5]

Die historisch-soziale Konstellation, die Steiner einst bewog, die unterschiedlichen Bewegungen deutlich voneinander abzugrenzen, hatte sich im Lauf der Jahrzehnte naturgemäß verändert, aber – wie so oft – waren die situationsbedingten Urteile Steiners weiter tradiert worden und hatten sich zu Komplexen verfestigt, die der unbefangenen Begegnung von Menschen im Wege standen. Auch in Grosses Bemerkungen hallt dieses Problem nach, wenn er von der anthroposophischen Gesellschaft als einer »Erkenntnisströmung« im Unterschied zur Bewegung für religiöse Erneuerung spricht. Die Vertreter der beiden Bewegungen hatten sich jedenfalls in ihren Gesprächen auf die Formel verständigt, »in Haustür und Briefkasten« getrennt aufzutreten, um Verwechslungen vorzubeugen. Für ihn waren jedoch die Prioritäten klar verteilt, wenn er betonte, dass alle Priester der Christengemeinschaft nach deren Gründung auch Mitglieder der Hochschule geworden seien. Dadurch gehörten sie »der Michaelschule« an und hätten den Entschluss gefasst, auch als Priester »Repräsentanten der anthroposophischen Sache« zu sein. Das Umgekehrte galt selbstverständlich nicht: man musste nicht Priester der Christengemeinschaft sein, um Repräsentant der anthroposophischen Sache sein zu können. Hagen Biesantz ging später ausführlicher auf dieses Thema ein.

Vermutlich als Erläuterung des eben Ausgeführten schloss Grosse einige Bemerkungen über die »geistige Forschung« an, die ebenfalls Thema der Vorstandsberatungen sei. Er legte Wert auf die Berichtigung der unter Mitgliedern angeblich verbreiteten Vorstellung, diese Forschung sei mit der Fähigkeit des Hellsehens identisch. Vielmehr sei unter Geistesforschung die fortschreitende Vertiefung der Erkenntnis zu verstehen. Entscheidend sei nicht die Quantität des Wissens, sondern die Qualität der Wandlung, die der Mensch durch dieses Wissen erfahre. Daher habe seit der Weihnachtstagung stets Geistesforschung in der Gesellschaft stattgefunden. Die bloße Akkumulation anthroposophischer Kenntnisse sei unnütz, es komme darauf an, dass diese Kenntnisse den ganzen Menschen ergriffen. In Ludwig Kleebergs Exemplar der Theosophie habe Steiner das Motto geschrieben: »Die Liebe zum Übersinnlichen wandelt das Erz der Wissenschaft in das Gold der Weisheit.« Der junge Student (Kleeberg) habe versucht, nach diesem Motto zu leben. Zu den Aufgaben des Vorstandes gehöre es, die durch vertieftes Wissen eintretenden Wandlungen in der Mitgliedschaft zu beobachten und sie zugleich anzuregen. Die Wandlungskräfte seien es auch, die eine Verbindung zu Rudolf Steiner herstellten.

So richtig Grosses Ausführungen über die Wirkungen der Geistesforschung sein mögen, so einseitig sind sie doch. Denn tatsächlich birgt das »Wissen der Geistesforschung« eine mehrfach ambivalente Bedeutung in sich: seiner Erlangung muss eine Wandlung vorausgehen, als Erkenntnisergebnis vermittelt es Aufschlüsse über den Menschen und die Welt auch für jene, die sich der Anstrengung seiner Erlangung nicht unterzogen haben, der verstehende Aufschluss dieser Aufschlüsse wiederum setzt sowohl Wandlung voraus als auch in Gang. Diese Ambivalenz ist allem Wissen gemeinsam: es bestimmt nicht nur die Welt der Erkenntnisobjekte, sondern auch das Subjekt des Wissens. Wer etwas weiß, dem erscheint die Welt anders, und er wird durch sein Wissen selbst ein anderer. Die hermeneutische, interpretative Arbeit, die im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte im Rahmen der Gesellschaft oder gar der Hochschule stattgefunden hatte, mit »Geistesforschung« schlechthin gleichzusetzen, bedeutet jedoch, ihre empirische Dimension auszublenden, die seit Steiners Tod nicht mehr bearbeitet worden war. In Bezug auf ihre Kernaufgaben: die »Förderung der Forschung auf geistigem Gebiet« und »diese Forschung selbst« (§ 9 der Statuten) dürfte die Bilanz der Jahrzehnte seit Steiners Tod negativ ausfallen.

Am Schluss seiner Ansprache kam Grosse auch auf »die Millionen« zu sprechen, die der Gesellschaft angeblich von Peter von Siemens gespendet worden sein sollten. Die betreffenden Ausführungen sind so originell und charakteristisch, dass sie hier im Wortlaut wiedergegeben werden.

»Nun haben wir auch uns herumzuplagen gehabt mit den ›Millionen‹, die Peter von Siemens uns gespendet haben soll, damit der Vorstand am Goetheanum den Mund halte über Atomkraftwerke. Wir wissen, dass man vieles erfinden kann. Aber auf so etwas sind wir bis heute noch nicht gekommen. Wir mussten selbst in einem Blatt von diesen Millionen lesen, das Diagnosen heißt. Wenn Sie so etwas lesen und so eine ›Diagnose‹ da haben, da muss man erkennen, dass es zwei Sorten von Atomkraftwerken gebe. Das eine ist das, das hier gebaut werden soll in Kaiseraugst, um das bis in den hohen Bundesrat herein ein ernstes Ringen stattfindet: Soll man, soll man nicht? Und wir haben die stärksten Kämpfer dagegen in den beiden Regierungen, der Regierung von Basel-Stadt und der Regierung von Baselland. Denn wer leidet unter diesem Atomkraftwerk? Doch die Bevölkerung, die hier ist. Aber am Rhein entlang entsteht ein Atomkraftwerk nach dem andern, wo man doch eines weiß: Hier wird etwas produziert, das die Menschen nicht mehr unwirksam machen können: die sogenannten Abfälle bei diesen Atomkraftwerken. Die Natur kann nämlich etwas auseinandernehmen, zum Zerfall bringen. Hier fabriziert der Mensch aber etwas von höchster Gefährlichkeit für die Existenz des Menschen, und das kann man bis zum heutigen Tag nicht unwirksam machen. Das alles ist nicht zu Ende gedacht, wir könnten noch so viel erfinden, und es bliebe an uns als lebensbedrohend hängen. Das ist das eine.

Aber es gibt auch ›Atomkraftwerke‹, gefüllt mit Lügen und Verleumdungen. Und die haben wir jetzt bei dieser Gelegenheit auch kennengelernt. Wir müssen sagen, auch solche Dinge haben einen Schleichcharakter, hindurchzugehen durch die Meinungen der Menschen, ob nicht vielleicht da doch etwas wahr daran sei. Was soll man da nun machen? Es ist unverantwortlich, wie hier etwas aus den Fingern gesogen wird. Und nichts davon ist wahr.«

Dass von den »angeblichen Millionen« nichts in der Gesellschaft angekommen war – wenn man ihr nicht die Führung schwarzer Kassen unterstellen wollte – zeigte auch der Bericht der Schatzmeisterin Gisela Reuther.[6]

Auch Manfred Schmidt-Brabant, der Leiter der sozialwissenschaftlichen Sektion und begnadete Redner, kam in seinen exzellenten Ausführungen, durch die er begründete, warum die Anthroposophische Gesellschaft keine Meinung habe und nicht als handelndes Subjekt auftreten könne, auf das eben genannte Problem zu sprechen.[7]

Angesichts der sich gebieterisch aufdrängenden Überlebensfrage der Menschheit sei es geradezu kontraintuitiv, wenn sich diese Gesellschaft auf ihre Meinungslosigkeit und Subjektlosigkeit kapriziere – so werde ihr entgegengehalten. Wie könne sie sich weigern, zur ungeheuren Aufrüstung der Militärblöcke, zum verantwortungslosen Raubbau an der Erde, zur Verschmutzung der Natur, zur unbeherrschbaren Kerntechnik nicht entschieden ablehnend Stellung zu nehmen? »Warum schweigt die Anthroposophische Gesellschaft zum Problem der Kernenergie? Oder: Warum handelt die Anthroposophische Gesellschaft nicht angesichts solcher Nöte und Gefahren?«

Schmidt-Brabants Rede war ein einziges flammendes Plädoyer gegen die Zumutungen eines totalitären Moralismus, der die Freiheit des Denkens und Handelns durch den Zwang zum Bekenntnis und zum politischen Aktionismus ersetzt. Nicht zufällig berief er sich auf Steiners Philosophie der Freiheit, von welcher »der Quellort der Lebenskräfte unseres Zeitalters« in der sittlichen Autonomie der Individualität und im gestaltenden Denken verortet werde. Aus der Begegnung dieser beiden Prinzipien gehe im genannten Buch der Mensch hervor, der imstande sei, aus seiner moralischen Phantasie Geschichte zu gestalten. Das lebendige Denken entbinde die Phantasie und die Moralität sei das Ergebnis der sittlichen Autonomie. Als reale Utopie werde von Steiner in diesem Buch eine »Gemeinschaft freier Geister« beschrieben, der die soziale Entwicklung zustrebe, eine »verjüngte Menschheit«, die sich aus allem Wust und Zwang heraushebe. Freie Geister seien Menschen, die ihre Urteile in Einsamkeit und Selbstständigkeit fällten, die auch ihre Handlungsmotive allein in sich fänden. Und sie forderten von ihren Mitmenschen keine Zustimmung, aber sie erhofften oder erwarteten sie, da diese derselben geistigen Welt angehörten. Eine neue Sozialmaxime habe Steiner damit formuliert: der freie Geist fordere keine Zustimmung, kein gleiches Urteil, nicht die gleichen Handlungsmotive, sondern lebe in einer Erwartungsstimmung gegenüber den individuellen Offenbarungen der Freiheit in jedem Einzelnen.

Und in der Tat, so sei Schmidt-Brabant hier ergänzt, ist unter Vertretern eines freien Geisteslebens das einzige Vertrauen, das missbraucht und die einzige Verantwortung die missachtet werden könnte, umschrieben durch die Maxime: »Leben in der Liebe zum Handeln und Leben lassen im Verständnisse des fremden Wollens.« Unser Vertrauen können wir nicht bauen auf die wankelmütige Bedürfnisnatur des Menschen, auf seine schwankenden Sympathien oder Antipathien, auf seine Bereitschaft, sich kollektiven Vorurteilen zu unterwerfen, vielmehr müssen wir darauf vertrauen, dass der Andere genauso wie wir bestrebt ist, sich aus diesem Wust zu befreien und durch alle Behinderungen hindurch in seiner Freiheitsgestalt zu individualisieren. Und missachten würden wir unsere gemeinsame Verantwortung dem höchsten Ideal gegenüber nur dann, wenn wir die anderen an der Verwirklichung dieses Ideals hindern wollten, durch Zwangsausübung welcher Art auch immer.

In Schmidt-Brabants Augen erschien daher auch die Anthroposophische Gesellschaft als »Anfang einer Sozietät freier Geister«, deren Lebensbedingungen Steiner dadurch charakterisiert habe, dass er betonte, die Gesellschaft habe keine Meinung. Ein jedes Mitglied dieser Gesellschaft sei vollverantwortlich für das, was es als Einzelner, als Individualität sage und tue. Die gesamte Verfassung der Weihnachtstagung begründe lediglich, was Steiner bereits im Sommer 1923 ausgesprochen habe[8], die Gesellschaft verstehe sich nur richtig, wenn sie sich als Schutzort des individuellen Urteils auffasse. Sogar ihre Lebensformen seien auf dieses Prinzip abgestimmt, etwa indem den einzelnen Gruppen Autonomie gewährt werde. Daraus folge aber, dass die Gesellschaft als Gesellschaft »zu keiner Frage der Gegenwart ein Gesamturteil abgeben« könne. Einzelne könnten sprechen – aber für sich, nicht für die Gesellschaft. Der Gesellschaft müsse es gerade darauf ankommen, die Pluralität der Urteile zu vermitteln, die in ihr möglich sei – das sei Konsequenz ihrer freiheitlichen Verfassung. Träte sie mit dem Anspruch an, irgendeine für alle Mitglieder verbindliche Aussage zu formulieren, würde sie damit »ihrem ersten Auftrag untreu«.

Ebenso verhalte es sich mit der zweiten Frage, warum die Gesellschaft nicht handle. Viele Menschen erwarteten von ihr, dass sie »helfend und rettend« eingreife. Die Gesellschaft sei aber gar nicht auf das Handeln in der Welt veranlagt, nicht einmal, wenn sie selbst unmittelbar betroffen sei. Sie gründe keine Schulen, Heime, Kliniken, vielmehr pflege sie »das seelische Leben im Einzelnen und in der menschlichen Gesellschaft auf der Grundlage einer wahren Erkenntnis der geistigen Welt« (§ 1 der Statuten), die »Wissenschaft der geistigen Welt« (§ 2) und fördere »die Forschung auf geistigem Feld«. Die Anthroposophische Gesellschaft habe »nicht nur keine Meinung«, sondern »auch kein Programm«. Aus dem einfachen Grund, weil jedes Programm die individuelle Initiative lähme. Während in der allgemeinen Gesellschaft eine Vielzahl von Parteien und Vereinen mit einer Überfülle an Programmpunkten agiere, die durch Überredung, Forderung oder Zwang ihre Mitglieder dazu bewegen müssten, die Programme zu erfüllen, erlege die Anthroposophische Gesellschaft ihren Mitgliedern keinerlei Zwang auf, auch keinen sanften. Nicht sie selbst handle, sondern Tausende von Anthroposophen, aus eigener Initiative, auf eigene Verantwortung: Lehrer und Eltern gründeten Schulen, Ärzte Kliniken, sozial Engagierte Banken usw. Und die Methode scheine zu funktionieren, denn in der Öffentlichkeit werde kolportiert, ihre Mitglieder müssten angesichts der von ihr entfalteten Wirkungen Millionen zählen. Die »Maxime des Nichthandelns« sei zwar leicht zu begreifen, aber schwer zu leben. Und doch sei sie unabdingbar. »Weil das so ist, weil diese Anthroposophische Gesellschaft ihren Mitgliedern keine Urteilsauflagen macht, sie nicht veranlasst, dies oder jenes zu bekennen, kein Dogma kennt auf irgendeinem Felde, und weil diese Anthroposophische Gesellschaft ihren Mitgliedern keine Handlungsauflagen macht, keinen, auch nicht den kleinsten Programmpunkt hat, darum nennt sie Rudolf Steiner in der Weihnachtstagung die modernste aller Gesellschaften.«

Selbst für die Mitglieder der Hochschule gebe es keinen Meinungs- oder Gesinnungszwang. Zwar werde von ihnen erwartet, dass sie Repräsentanten der Hochschule seine, Vergegenwärtiger der Anthroposophie, aber diese Erwartung schreibe die Art dieser Repräsentation nicht vor. »Wenn man irgendwo meint«, so Schmidt-Brabant, »Auflagen sehen zu müssen für den Hochschüler, so liegt ein Irrtum vor.«

In dieser freiheitlichen Verfassung liege die Stärke der modernsten aller Gesellschaften, zugleich aber auch ihre Schwäche. Gerade durch ihre Freiheit sei sie ununterbrochen gefährdet. Unter anderem durch den »Einbruch anderer Denkungsarten«, die außerhalb ihrer »mit Recht« gepflegt würden. Nicht nur ihre Feinde versuchten diese Denkungsarten in die Gesellschaft einzuführen, sondern auch Mitglieder, die sich als Freunde der Anthroposophie betrachteten, aber den Denkgewohnheiten ihrer Zeit unterlägen. Um seine Thesen etwas zu unterfüttern, zitierte Schmidt-Brabant eine Passage aus Steiners Werk Goethes Weltanschauung, das die Notwendigkeit der Individualisierung von Wahrheit beredt zum Ausdruck bringt: »Dem einzelnen Menschen erscheint die Wahrheit in einem individuellen Kleide. Sie passt sich der Eigenart seiner Persönlichkeit an. Besonders für die höchsten, dem Menschen wichtigsten Wahrheiten gilt dies. Um sie zu gewinnen, überträgt der Mensch seine geistigsten, intimsten Erlebnisse auf die angeschaute Welt und mit ihnen zugleich das Eigenartigste seiner Persönlichkeit. Es gibt aber auch allgemein gültige Wahrheiten, die jeder Mensch aufnimmt, ohne ihnen eine individuelle Färbung zu geben. Dies sind aber die oberflächlichsten, die trivialsten. Sie entsprechen dem allgemeinen Gattungscharakter der Menschen, der bei allen der gleiche ist. Gewisse Eigenschaften, die in allen Menschen gleich sind, erzeugen über die Dinge auch gleiche Urteile. In der Art, wie die Menschen die Dinge nach Maß und Zahl ansehen, unterscheiden sie sich nicht. Deshalb gelten für alle die gleichen mathematischen Wahrheiten. In den Eigenschaften aber, in denen sich die Einzelpersönlichkeit von dem allgemeinen Gattungscharakter abhebt, liegt auch der Grund zu den individuellen Ausgestaltungen der Wahrheit. Nicht darauf kommt es an, dass in dem einen Menschen die Wahrheit anders erscheint als in dem anderen, sondern darauf, dass alle zum Vorschein kommenden individuellen Gestalten einem einzigen Ganzen angehören, der einheitlichen ideellen Welt. Die Wahrheit spricht im Innern der einzelnen individuellen Menschen verschiedene Sprachen und Dialekte; in jedem großen Menschen spricht sie eine eigene Sprache, die nur dieser einen Persönlichkeit zukommt, aber es ist immer die eine Wahrheit, die da spricht.«[9]

Gerade die wichtigsten Wahrheiten müssten sich laut Steiner individuell ausgestalten. Und ebendiese Individualisierung sei die Aufgabe der Anthroposophischen Gesellschaft. Dringe das Gattungshafte, das sich im Verallgemeinern ausdrücke, in ihren Bereich ein, dann wirke es sich lähmend auf die individuelle Initiative aus. Dann aber werde die Hoffnung zunichte gemacht, dass die Individualität, die in der Gemeinschaft freier Geister gefördert werde, bis in das Innere der Materie hinein ihre Herrschaft werde entfalten können. Auf den geheimnisvollen Zusammenhang zwischen der denkenden Individualität und den Wirkkräften der Materie habe Steiner mit dem Satz hingewiesen: »Atom und Gedanke bestehen aus derselben Substanz«.[10]

Die Entfesselung der Kernkraft durch ihre friedliche oder kriegerische Nutzung und die möglichen irreversiblen Schäden, die sie verursache, sei ein »offener Höllenrachen«. Dieser Höllenrachen sei aber zugleich die Tiefe, in die die geistige Individualität des Menschen hinabsteigen müsse, wenn sie in Zukunft die Fähigkeit erlangen wolle, mit der Kraft des Gedankens bis in die atomare Welt hineinzuwirken. Nicht zufällig laute der Name dieser Individualität im Griechischen »Atomon«. Allerdings, so möchte man Schmidt-Brabant hier ergänzen, besteht ein gravierender Unterschied zwischen der Kernspaltung, deren Analogon die Spaltung des Ich ist, und dem Aufbau einer neuen Welt aus den vom schöpferischen Geist ergriffenen und transsubstantiierten Grundbestandteilen der Welt. Erstere – die Spaltung des Ich, ebenso wie die Spaltung des Atoms – scheinen dagegen Symptome der Wirksamkeit jener Geister der Persönlichkeit zu sein, die auf Kosten des menschlichen Ich aus dessen Substanz für sich selbst eine Nische im Kosmos zu schaffen versuchen.[11]

Schmidt-Brabant jedenfalls zieht aus den referierten Gründen den Schluss, die Anthroposophische Gesellschaft müsse ein Schutzort der individuellen Urteils- und Handlungsfreiheit sein und bleiben. Die Lebensbedingungen ihrer Freiheit seien zugleich ihre Überlebensbedingungen. Zu ihrem Schutz müsse sich die Gesellschaft stets von neuem verbünden und den geschlossenen Bund erneuern.

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Anmerkungen:


  1. Nachrichtenblatt, 58. Jahrgang Nr. 19, 10. Mai 1981.
  2. Die Methodik des Lehrens und die Lebensbedingungen des Erziehens, GA 308.
  3. Das Verhältnis der Sternenwelt zum Menschen und des Menschen zur Sternenwelt, GA 219, 30.12.1922, Dornach 1994.
  4. GA 219, S 171-172.
  5. Ebd., S. 168-169.
  6. Nachrichtenblatt, 58. Jahrgang Nr. 20, 17. Mai 198l.
  7. Nachrichtenblatt, 58. Jahrgang Nr. 21, 24. Mai 1981
  8. Schmidt-Brabant spielt auf den Vortrag vom 16. Juni 1923 an, enthalten in Die Geschichte und die Bedingungen der anthroposophischen Bewegung im Verhältnis zur anthroposophischen Gesellschaft, in dem Steiner ausführte: »… was vor allem verstanden werden sollte durch die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, das ist die Bedingung einer Gesellschaft überhaupt in der modernen Zeit. Eine Gesellschaft kann gar nicht eine Sekte sein. Daher darf eigentlich gar niemals, wenn die Anthroposophische Gesellschaft auf ihrem richtigen Boden stehen soll, das ›wir‹ mit Bezug auf die Anschauungen eine Rolle spielen. Immer wieder und wiederum hört man von Anthroposophen der Außenwelt gegenüber sagen: Wir, die Gesellschaft, haben diese oder jene Anschauung. Mit uns geschieht das oder jenes. Wir wollen dies oder jenes. – Das war in alten Zeiten möglich, dass in einer solchen Konformität Gesellschaften vor die Welt sich hinstellten. Das ist in unserer Zeit nicht mehr möglich. In unserer Zeit muss gerade innerhalb einer solchen Gesellschaft jeder einzelne Mensch ein wirklich freier Mensch sein. Anschauungen, Gedanken, Meinungen hat nur jeder einzelne. Die Gesellschaft hat keine Meinung. Und das muss schon im sprachlichen Ausdruck, mit dem der einzelne von der Gesellschaft spricht, zum Ausdruck kommen. Das ›wir‹ muss eigentlich schwinden.Damit ist noch etwas anderes verbunden. Wenn dieses ›wir‹ schwindet, dann fühlt sich nicht jeder in der Gesellschaft wie in einem Wassertümpel drinnen, von dem er getragen wird und auf den er sich entsprechend beruft, wenn es darauf ankommt. Sondern, wenn er in der Gesellschaft seine eigene Meinung und sich selbst vor allen Dingen zu vertreten hat, fühlt er sich auch für dasjenige voll verantwortlich, was er als einzelner, als Individualität spricht.« GA 258, Dornach 1981, S. 144.
  9. Goethes Weltanschauung, GA 6, Dornach 1990, S. 65-66.
  10. Siehe Wesen und Aufgabe der Freimaurerei vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft, Berlin, 16. Dezember 1904, GA 93, Dornach 1991, S. 113: »Das Geheimnis, welches gefunden werden wird, ist, dass Elektrizität genau dasselbe ist – wenn man auf einem gewissen Plan zu beobachten versteht –, was der menschliche Gedanke ist. Der menschliche Gedanke ist dasselbe Wesen wie die Elektrizität: das eine Mal von innen, das andere Mal von außen betrachtet.Wer nun weiß, was Elektrizität ist, der weiß, dass etwas in ihm lebt, das in gefrorenem Zustande das Atom bildet. Hier haben Sie die Brücke vom menschlichen Gedanken zum Atom. Man wird die Bausteine der physischen Welt kennenlernen, es sind kleine kondensierte Monaden, kondensierte Elektrizität. In dem Augenblicke, wo die Menschen diese elementarste okkulte Wahrheit von Gedanke, Elektrizität und Atom erkannt haben werden, in dem Augenblicke werden sie etwas erkennen, was das Wichtigste sein wird für die Zukunft und für die ganze sechste Unterrasse [die sechste nachatlantische Kulturepoche, ab der Mitte des vierten Jahrtausends nach Christus]. Sie werden mit den Atomen bauen können durch die Kraft des Gedankens.«
  11. Über die Asuras – die »Stücke aus dem Ich des Menschen herausreißen«, die dadurch unwiederbringlich verloren sind –, deren Lebenselement das »groteske Höllenleuchten zweckloser Sinnlichkeit« ist, siehe Vortrag vom 22. März 1909 in: Geisteswissenschaftliche Menschenkunde, GA 107, Dornach 2011, S. 265-267.

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