1981 | Nieder mit dem Packeis, Freiheit für Grönland – Jugendrevolten aus anthroposophischer Sicht


Weitaus weniger eloquent als sein Vorredner ließ sich Jörgen Smit, der Leiter der Jugendsektion, der zu Beginn des Jahres auch die Pädagogische Sektion von Grosse übernommen hatte, bei der Generalversammlung über ein brisantes Thema aus: die sogenannten Jugendkrawalle, die zu dieser Zeit in vielen europäischen Städten stattfanden (Smit nannte: Zürich, Berlin, Amsterdam, Hamburg, Nürnberg, Freiburg).[1] Er konstatierte bei vielen Akteuren eine generelle irrationale Ablehnung jeglicher Ordnung. Kritisiert werde die unheilige Allianz zwischen Staat und Kapital, die sich gegen den Menschen richte. Aus dem Untergrund erhebe sich ein Wutschrei gegen die »große Gesellschaft der Versicherungen, der Großwirtschaft, der Planung, der Programmierung«. Gegen den militärischen Rüstungswettlauf, dieses »problematische Kind der unheiligen Ehe« zwischen Staat und Großunternehmen, erhebe sich die Macht des Chaos aus dem Untergrund. Gerufen werde nach Spontaneität, Leben, Phantasie, Kreativität, Authentizität, aber der Untergrund, aus dem dieser Ruf hervorgehe, sei »chaotisch«, es mangele den Protestierenden an Bewusstsein darüber, was sie motiviere. Die bloße Sehnsucht nach Humanität sei unfähig, die alternative Ordnung hervorzubringen, nach der sie verlange, und richte sich schließlich selbstzerstörerisch gegen sich selbst.

Smit sah in der »anarchistischen Kraft« etwas Berechtigtes, insofern sie sich gegen die Übergriffe der Staatsgewalt zur Wehr setze, beklagte aber zugleich die Unfähigkeit der Protestierenden, die von ihnen ersehnten menschlichen Formen des Zusammenlebens hervorzubringen. Als problematisch erschien ihm, bei allem Wohlwollen gegenüber der Revolte, dass sich in den sozialen Protest »Elemente« hineinmischten, die Marx als »Lumpenproletariat« bezeichnet hätte: »Drogensüchtige, Alkoholiker, aktiv Kriminelle, psychiatrische Patienten, zurückgebliebene Versager, gescheiterte Lebensexistenzen, die einfach als Schiffswracks auf den Wogen des Lebens herumgetrieben werden. Das alles gewissermaßen als Menschen-Abfall der großen technifizierten Gesellschaft strömt zusammen …«.

Auch diesen Versagern und gescheiterten Existenzen stünden die Jugendlichen nicht ablehnend gegenüber, sondern versuchten sie in ihrer idealistischen Bewegtheit als Brüder und Schwestern zu umarmen. Aber sie seien außerstande, ihre Ideale der Menschenliebe in tragfähige Perspektiven für die Ausgestoßenen und Entrechteten umzuwandeln. Insgesamt falle der Blick des Zeitbetrachters auf »ein erschreckendes chaotisches Feld, wo gleichzeitig die wunderbar stärksten menschlichen Kräfte im Hintergrund, im Untergrund nach oben streben.« Zwar lehne die Mehrzahl der Protestierenden Gewalt ab, ein harter Kern jedoch strebe nach dem gewaltsamen Umsturz des »Systems«. In den demonstrierenden Massen gewinne die Minderheit meist die Oberhand, Zerstörung sei die Folge, die wiederum die Ordnungsmächte auf den Plan rufe: eine »fürchterliche Zukunft« zeichne sich hier ab, die Revolte, das Chaos, der Krieg aller gegen alle.

Dem Prinzip der Gewaltlosigkeit könne aber nicht durch Passivität zum Durchbruch verholfen werden, sondern allein durch »geistige Erkenntniskraft«. Diese stelle sich nicht von selbst ein, sondern müsse aus »intensivster philosophischer« Arbeit hervorgehen. Die fehlende Bereitschaft zur Erkenntnisarbeit führe hingegen in die Katastrophe.

Smit bediente sich hier einer Denkfigur, die bereits von Steiner paradigmatisch entwickelt worden war, beispielsweise in seinen Vorträgen über die »inneren Aspekte des sozialen Rätsels« 1919: »Alle äußeren Revolutionen – und sie können noch so sehr nach dem Wunsche der einen oder der anderen Partei oder Klasse sein – werden in die schlimmste Sackgasse verlaufen und das schlimmste Elend über die Menschheit bringen, wenn nicht diese äußeren revolutionären Bewegungen von heute durchleuchtet werden durch die innere Revolution der Seele, die sich […] abspielt in dem Hinweggehen von dem Versenktsein in die rein materialistische Weltanschauung und die entgegengeht dem Aufnehmen der geistigen Welle, die als eine neue Offenbarung in die Menschheitsentwickelung hereinbrechen will. Die Revolution von der Materie zum Geist, das ist die einzig heilsame Revolution, und alle anderen Revolutionen sind nur die Kinderkrankheiten – das ist Scharlach, das ist Masern von dem Vorläufer desjenigen, was sich als Gesundes in dem Heraufkommen des Geistes in der Gegenwart gebären will.«[2]

Weniger pointiert, dafür umso grundsätzlicher bringen diese Denkfigur aber auch die Kernpunkte der sozialen Frage zum Ausdruck, wenn sie aus der Permanenz der sozialen Frage die Notwendigkeit der Existenz eines freien Geisteslebens ableiten: »Die ›soziale Frage‹ ist nicht etwas, was in dieser Zeit in das Menschenleben heraufgestiegen ist, was jetzt durch ein paar Menschen oder durch Parlamente gelöst werden kann und dann gelöst sein wird. Sie ist ein Bestandteil des ganzen neueren Zivilisationslebens, und wird es, da sie einmal entstanden ist, bleiben. Sie wird für jeden Augenblick der weltgeschichtlichen Entwickelung neu gelöst werden müssen. Denn das Menschenleben ist mit der neuesten Zeit in einen Zustand eingetreten, der aus dem sozial Eingerichteten immer wieder das Antisoziale hervorgehen lässt. Dieses muss stets neu bewältigt werden. Wie ein Organismus einige Zeit nach der Sättigung immer wieder in den Zustand des Hungers eintritt, so der soziale Organismus aus einer Ordnung der Verhältnisse in die Unordnung. Eine Universalarznei zur Ordnung der sozialen Verhältnisse gibt es so wenig wie ein Nahrungsmittel, das für alle Zeiten sättigt [kursiv L.R.]. Aber die Menschen können in solche Gemeinschaften eintreten, dass durch ihr lebendiges Zusammenwirken dem Dasein immer wieder die Richtung zum Sozialen gegeben wird. Eine solche Gemeinschaft ist das sich selbst verwaltende geistige Glied des sozialen Organismus.«[3]

Smit wiederum zitierte aus der Vorrede zur Neuauflage der Rätsel der Philosophie 1918, um seine Forderung: »Erkenntnisarbeit statt Revolution« zu unterstreichen: »Könnte man das Leben meistern ohne solche Gedanken [gemeint sind »fruchtbare« Gedanken, die »vom Leben selbst gefordert werden«, im Unterschied zu abstrakten, die nur philosophische Spezialisten interessieren, L.R.], es hätte nie ein Mensch eine wahrhaft innere Berechtigung gehabt, an die ›Rätsel der Philosophie‹ zu denken. Ein Zeitalter, das solchem Denken abgeneigt ist, zeigt dadurch nur, dass es kein Bedürfnis empfindet, das Menschenleben so zu gestalten, dass dieses wirklich nach allen Seiten seinen Aufgaben gemäß zur Erscheinung kommt. Aber diese Abneigung rächt sich im Laufe der menschlichen Entwicklung. Das Leben bleibt verkümmert in solchen Zeitaltern. Und die Menschen bemerken die Verkümmerung nicht, weil sie von den Forderungen nichts wissen wollen, die in den Tiefen des Menschenwesens doch vorhanden bleiben und die sie nur nicht erfüllen. Ein folgendes Zeitalter bringt die Nichterfüllung zum Vorschein. Die Enkel finden in der Gestaltung des verkümmerten Lebens etwas vor, das ihnen die Unterlassung der Großväter angerichtet hat. Diese Unterlassung der vorhergehenden Zeit ist zum unvollkommenen Leben der Folgezeit geworden, in das sich diese Enkel hineingestellt finden. Im Lebensganzen muss Philosophie walten; man kann gegen die Forderung sündigen; aber die Sünde muss ihre Wirkungen hervorbringen.«[4]

Inzwischen, so Smit, sei Europa bei der Enkelgeneration angekommen. In den sozialen Unruhen zeigten sich die Wirkungen der Ideenlosigkeit der vorangegangenen Generationen. Trotzdem konnte er der »verzweifelten Situation« etwas Positives abgewinnen: durch sie träten »intensive geistige Kräfte« zutage, die sich nicht unterjochen ließen. Allerdings müssten diese geistigen Kräfte von der Erkenntnisarbeit ergriffen werden, damit sie nicht die gesamte Gesellschaft ins Chaos stürzten. Unterschätzen dürfe man die Krawallmacher nicht; sie seien lediglich ein Symptom für eine Problematik, die in jedem jungen Menschen der Gegenwart lebe, nur werde sie von der Mehrheit noch verdrängt.

Es ist fraglich, ob das gönnerhafte Verständnis für die Spontis und Anarchos, die ihre politischen Forderungen nach Autonomen Jugendzentren oder Wohnraum (Hausbesetzerszene, Wagenburgbewegung) gewaltsam in die Öffentlichkeit trugen, deren linksradikaler Motivation, die sie in die Tradition der Stadtguerilla und der Volksbefreiungsbewegungen der Dritte-Welt-Länder stellte, gerecht wird. Die Opernhauskrawalle Ende Mai 1980 in Zürich hatten zu Sachschäden in Millionenhöhe und mehreren hundert Verletzten geführt.[5] Ähnliche Bilanzen verzeichneten auch Krawalle in anderen Städten. Die Bewegungen fokussierten sich auf vitale Interessen des kapitalistischen Systems wie die Eigentumsordnung, die ritualisierte Hochkultur oder die staatliche Repression, die sich aus ihrer Sicht in der Polizeigewalt verkörperte. Die Akteure waren keineswegs ideenlos, sondern bezogen ihr politisches Vokabular aus denselben Quellen, die schon die 68er-Bewegungen gespeist hatten, nur dass sie diese vielfach anarchistisch bis dadaistisch zuspitzten, beispielweise durch die Forderungen »Freier Blick aufs Mittelmeer – Sprengt die Alpen« – »Nieder mit dem Packeis – Freiheit für Grönland«. Allen Akteuren war die radikale Ablehnung des (kapitalistischen) Systems und die Forderung nach autonomen Lebensräumen inmitten der verachteten Konsumgesellschaft gemeinsam, in welchen sie ihre alternativen Lebensentwürfe ausleben wollten, zu denen auch die Legalisierung des Drogenkonsums und die freie Liebe gehörten.

Angesichts der ganzen Anarchie, die aus dieser »Jugend« hervorbrach, sah Smit die Waldorfschulbewegung und die Jugendsektion erst Recht aufgerufen, ihre Anstrengungen zu intensivieren und den Wunsch nach Selbstbestimmung in geordnete Bahnen zu lenken. Die anthroposophische Bewegung sei noch lange nicht so stark, wie es nötig wäre, um eine belastbare gegengesellschaftliche Alternative darzustellen. Zwar sei die »gewaltige Expansion« der Schulbewegung erfreulich, aber sie kranke auch an Substanzverlust. Mehrere hundert Lehrer würden an den boomenden Schulen benötigt, aber kaum die Hälfte könne von Grund auf anthroposophisch gebildet werden. Schon zu Beginn der achtziger Jahre stellte sich mithin die Frage, was an Waldorf wirklich Waldorf war. Auch die personelle Ausstattung der Jugendsektion lasse zu wünschen übrig. Dennoch, so Smit, dürfe man den Mut nicht verlieren. Es gehe darum, Keime für die Zukunft zu legen, damit »aus dem innersten Kern der einzelnen Individualitäten«, aus deren moralischer Phantasie tragfähige Gemeinschaften entstehen könnten, »ohne dass die individuelle Urteilsbildung und die autonome Handlungsfähigkeit im geringsten dadurch beeinträchtigt« würden.

Da er sich thematisch hier einfügt, sei auch kurz auf einen Versuch von Johannes Tautz hingewiesen, die »Unruhe der Jugend« geistesgeschichtlich zu deuten.[6] Im Gegensatz zu Smit, der lediglich das Chaos und den Mangel an Philosophie beklagte, bemüht er sich, der Jugendrevolte positive Aspekte abzugewinnen, insofern kann sein Beitrag auch als Versuch einer Antwort auf den ersteren gelesen werden.

Für den Waldorflehrer war die Revolte Symptom tiefgehender Umwälzungen, die Steiner in seiner religionsgeschichtlichen Deutung des 20. Jahrhunderts hinreichend gekennzeichnet habe. Mit dem langen Gedächtnis des Historikers wies Tautz darauf hin, dass Jugendunruhen keineswegs ein neues Phänomen, sondern in wechselnden Erscheinungsformen seit Beginn des Jahrhunderts beobachtet worden seien. Außerdem gebe es kein einheitliches Verhalten »der Jugend«, vielmehr könnten sich Impulse von Heranwachsenden sowohl aufbauend als auch zerstörend äußern. Stets seien die Jugendlichen aus ihrer sozialen oder historischen Umgebung hervorgewachsen und hätten die Erwachsenenwelt der Etablierten auf unterschiedliche Art herausgefordert.

Geisteswissenschaft sehe in den »tieferen Träumen der Menschenseele«, welchen Jack Kerouac als einflussreicher Sprecher der Generation Ausdruck verleihe, präexistentielle Imaginationen, die dem Verhalten der Jugendlichen zugrunde lägen; Steiner habe die zunehmenden Schwierigkeiten des Zusammenlebens der Generationen auf die Unfähigkeit der Erwachsenen zurückgeführt, wirklich erwachsen zu werden, d.h. sich diese Imaginationen zum Bewusstsein zu bringen und dadurch die nötige Lebensreife zu erlangen, die der Jugend Achtung einflößen könnte.

Außerdem habe er – in seiner Autobiografie – von der mit dem Anbruch des lichten Zeitalters verbundenen unbewussten Erwartung einer neuen geistigen Offenbarung gesprochen: »Es schien mir, dass die Abgeschlossenheit des menschlichen Denkens und Wollens vom Geiste einen Höhepunkt erreicht hätte. Ein Umschlagen des Werdeganges der Menschheitsentwickelung schien mir eine Notwendigkeit. – In diesem Sinne sprachen viele. Aber sie hatten nicht im Auge, dass der Mensch suchen werde, auf eine wirkliche Geistwelt seine Aufmerksamkeit zu richten, wie er sie durch die Sinne auf die Natur richtet. Sie vermeinten nur, dass die subjektive Geistesverfassung der Seelen einen Umschwung erfahren werde. Dass eine wirkliche neue, objektive Welt sich offenbaren könne, das zu denken, lag außerhalb des damaligen Gesichtskreises.«[7]

Dass Steiner hier von der Offenbarung einer wirklichen, objektiven Welt sprach, die der sinnlich erfahrbaren Natur vergleichbar sei, sollte nicht überlesen werden.

Im vorangehenden Kapitel, so Tautz, habe er von seinem eigenen Durchbruch zur Erkenntnis des Logos berichtet. Anthropologisch liege dem beschriebenen Bewusstseinswandel eine Veränderung im Verhältnis der menschlichen Wesensglieder zugrunde. Während sich in den vergangenen Jahrtausenden durch die Schrumpfung des Ätherleibes das wache Tagesbewusstsein und der selbstständige Intellekt aus der vorangehenden träumenden Hellsicht entwickelt habe, würden nunmehr Ätherkräfte frei, die, vom Ich ergriffen, zu Erkenntnis (Imagination) führten, unergriffen jedoch zu Erkrankungen. »Das Freiwerden der Ätherkräfte, die Lockerung des Ätherleibes«, so Tautz, »ermöglicht die Teilhabe an der geistigen Welt, aber durch die Suggestion der materialistischen Auffassung erscheint das übersinnliche Erleben als Täuschung und Illusion. Rudolf Steiner bemerkt ausdrücklich: ›Die Fähigkeiten werden so erwachen, dass die Menschen Teilnehmer der geistigen Welt sein werden. ,Hellsehen‘ wird noch immer etwas anderes sein als diese Teilnehmerschaft.‹ Hellsehen, schauendes Bewusstsein wird erst durch geistige Schulung errungen.« [8]

Die neue Seelenkonstitution sei spirituellen Einschlägen ebenso zugänglich, wie »säkularen Verführungen« (»durch Marxismus und Freudianismus«). Die tieferen Träume würden »vom Okkultismus« (der Anthroposophie) als Imaginationen erkannt, die der Engel als Urbilder künftiger Sozialgestaltung in den menschlichen Astralleib webe: als Ideal der Brüderlichkeit – dass Glück unerträglich sei, so lange ein anderer leide –, der Gleichheit – dass in jedem Menschen ein göttlicher Kern anwesend sei, der Freiheit – dass ein jeder durch das Denken zum Geist gelangen könne. Diese unbewussten Ideale müssten ausformuliert und zum Inhalt des sozialen Lebens gemacht werden, sonst fielen sie »menschenfeindlichen Mächten« anheim und würden ins Gegenteil verkehrt: Ausbeutung, Enthumanisierung und Unterdrückung. Die Jugend, die nicht bereits vom Ungeist gelähmt oder verführt sei, hoffe auf die Verwirklichung dieser Ideale.

Die anfängliche Lockerung des Ätherleibes führe zu einer »neuen Sensibilität« im Umgang mit dem eigenen Leib, mit anderen Menschen, mit der Natur – zum »Gewissensprotest gegen die Störung des ätherischen Umkreises«, in dem der Logos verkörpert lebe. Mit dem Auftreten dieser ätherischen Sensibilität korrespondiere die ätherische Wiederkunft Christi, die »große Hoffnung« des 20. Jahrhunderts. Diese Hoffnung sei aber zugleich »Prüfung« durch »Scheitern und Versagen in den Abgründen des Schicksals«. Der Übergang in das neue Hellsehen werde begleitet von den Geburtswehen der »Zivilisationskatastrophen und Seelenkrisen«. Vorausgegangen sei dem Erwachen des neuen Christusbewusstseins im 20. Jahrhundert das Ersterben dieses Bewusstseins durch eine spirituelle Kreuzigung im 19., verursacht durch vom Materialismus durchtränkte Menschenseelen.[9] Christus werde im 20. Jahrhundert zum »Herrn des Karma«, was die Entwicklung der Fähigkeit zur Folge habe, den künftigen Schicksalsausgleich des eigenen Handelns vorauszusehen; eine Weiterbildung des Gewissens kündige sich an, das zu seinem eigenen Richter werde. Das Bewusstsein für die eigene Verantwortung wachse im Mitleiden und Mitempfinden mit den Enteigneten und Entrechteten dieser Erde, die Menschheit schmelze im Gefühl der Solidarität immer mehr zusammen.

Wo sieht Tautz dieses neue Bewusstsein heranwachsen? In »alternativen Projekten« wie »Mietgemeinschaften« und »Landkommunen«, in der Suche nach »arbeiterbestimmter Produktion«, in der »Gegengesellschaft« insgesamt. Ihren Mitgliedern werde die Dreigliederung zur erlebten Wirklichkeit, sie versuchten, geistige Freiheit, Gleichberechtigung und Brüderlichkeit zu leben. Die Gesellschaft solle vermenschlicht werden – und eben dies sei »ein Hereinrufen der Christus-Substanz in das soziale Leben«. Eine verwegene Deutung, wenn man bedenkt, mit wie viel ideologischer Intoleranz diese alternativen Projekte vorangetrieben wurden und zu welcher Unfreiheit sie in ihrer Verwirklichung als Großprojekt in den folgenden Jahrzehnten geführt haben. Tautz indessen ruft Michael Bauer als Zeugen für seine Deutung an: »Es erscheint mir, dass man wohl Christus erfahren kann durch Meditation, aber das Wachstum in das gesteigerte Erlebnis Christi ist an eine Teilnahme am Kulturgang der Menschheit durch die Zeit gebunden. Ich habe nun endlich die Bedeutung Christi für den Kulturprozess und die Bedeutung der Mitarbeit am Kulturprozess für die Durchchristung der Seele begriffen.«[10]

Das Verhältnis zwischen den Generationen könne nur geheilt werden, so der Autor unter Berufung auf Steiner, wenn das Alter »den Menschenkern« wieder zu offenbaren beginne, den es verloren habe.[11] Statt »Altersreife« trete den Heranwachsenden jedoch »verhärtete Jugendlichkeit« entgegen, denn wer nach dem Ende der zwanziger Jahre seine seelisch-geistige Entwicklung nicht selbst in die Hand nehme, erstarre in der Zeit, verkomme in »Phrase, Routine, Konvention«. Die »nicht errungene Lebensreife« der Älteren sei das soziale Problem – nicht die revoltierende Jugend –, letztere rufe nach einer Bewusstseinserweiterung, die ihren geistigen Wesenskern zur Geltung zu bringen vermöge.

Schließlich dürfen in diesem Sammelsurium anthroposophischer »Phrasen und Konventionen« auch die neuen Technologien nicht fehlen: im »Bildhunger, Musikhunger und Liebeshunger« der Jugend spiegelten sich Imagination, Inspiration und Intuition. Befriedigt werden könnten die ersteren nur durch Fähigkeiten, die aus einem »verlebendigten Denken«, »erweckten Fühlen« und »aufgehellten Wollen« hervorgingen. Wer diese Fähigkeiten in seiner Begegnung mit Jugendlichen fruchtbar mache, könne in ihnen die Erinnerung an ihre vorgeburtlichen Imaginationen wachrufen, die sie wie eine Wolke umgäben, er vermöge in ihre latenten Fragen hineinzuhören, sie zur Sprache zu bringen und dadurch die Begegnung von Ich zu Ich, die »Wesensberührung« zu ermöglichen. So vermöge sich der Erwachsene bis zur Wesensschau emporzuschwingen, und die Herrschaft des Intellektualismus zu überwinden, der nach einem Wort Steiners mit seiner »Gescheitheit« die »Weisheit« der Kinder und Jugendlichen nicht verstehe. Diese mit geistigen Realitäten verbundene Weisheit müsse in den Erwachsenen zur weckenden Frage werden, die deren wahres Ich zum Vorschein bringe, das in der Biografie um Selbstgestaltung ringe. Daher spreche Steiner in seinem Vortrag vor Jugendlichen auch davon, dass das Alter sich mit der Jugend »in Christus« verständigen könne: »Denn der Christus, der kann nicht mit dem Verstande erfasst werden […] Durch Christus ist etwas in die Welt gekommen, was nicht nur gedacht werden kann, was leuchtet, was wiederum Lichtkraft, also schaffende Kraft hat […] Ein Geist-Kosmos hat sich mit der Erde verbunden.«[12]

Erst der Träger des menschlichen Urbildes, das den individuellen Menschen und die Menschheit zugleich umfasse, verschaffe die Möglichkeit, »das eigene Wesen zu wollen«. Er vereinige Jugend und Alter, die sich gegenseitig durchdringen und befruchten müssten, damit der volle Mensch entstehe. Die Jugend benötige zur Selbstfindung das Alter, und das Alter die Jugend, damit es seine Lebensfrüchte ausreifen könne.

Vorheriger Beitrag: 1981 | Mit den Atomen bauen durch die Kraft des Gedankens

wird fortgesetzt


Anmerkungen:


  1. Nachrichtenblatt, 31. Mai 1981.
  2. Die inneren Aspekte des sozialen Rätsels, Heidenheim, 12. Juni 1919, GA 193, Dornach 2007, S. 101.
  3. GA 23, Dornach 1976, S. 14.
  4. Die Rätsel der Philosophie in ihrer Geschichte als Umriss dargestellt, Dornach 1985, S. 12-13.
  5. Anfang 1980 standen sich in Amsterdam Hunderte von Hausbesetzern, Tausende von Unterstützern und mit Panzern bewaffnete Polizeikräfte sowie Scharfschützen gegenüber. Die Straßenschlachten zogen sich tagelang hin. – Die Zeitschrift Stilett fungierte vorübergehend als Sprachrohr der Zürcher anarchischen Jugend. In ihr erschien das anonyme Bekenntnisschreiben eines Beteiligten mit dem Titel »En heissä Summer – aber subito« (Ein heißer Sommer – aber plötzlich), der Gewalt als angemessene Ausdrucksform der Frustration befürwortete und dabei die Moral auf seiner Seite sah: »Ja, wir denken, […] wir sind moralische Menschen im besten Sinne. Denn wir sehen wie rund um uns der unbegrenzte Wahnsinn stattfindet und wir REAGIEREN. Wir sehen wie sie uns tödliche Energieerzeuger vor die Nase stellen, wie sie uns im Verkehr ersticken, wie sie unsere Gehirne mit stupider Arbeit austrocknen, wie sie uns systematisch zu fickrigen Valiumfressern machen […] Zehn Jahre lang haben wir uns jetzt in der Versenkung ein hübsches Wut- und Frustpäcklein zugelegt, indem wir nicht nachließen, die Mauern anzurennen. […] Nichts ging mehr – bis jetzt am dreißigsten Mai: heiliger Strohsack – wie da die Augen glänzten, und nicht etwa aus Hass, kein Fanatismus – nein, man spürte sich selbst wieder einmal. Es war die Medizin für Herz und Seele, wenn eine Scheibe zerbarst. Freude, als habe das Leben gerade erst angefangen. Maikäfer flieg! Die Alkis aus dem Dorf – ›hurraaa!‹, schrien sie und stürzten sich mit dem halsbrecherischen Glück der Besoffenen ins Getümmel. Ganz normale Leute auch, denen man irgendwie ansah, wie gut es ihnen tat, endlich einmal die sonst so fest eingesperrte Sau rennen zu lassen […]Es mag ja sinnlos sein, Steine zu werfen, ABER HÖRT ENDLICH AUF, SINNVOLL ZU SEIN, denn sinnvoll ist ein Wort der Anderen. Es ist in IHREM Sinn, wenn wir schweigen, es ist IHRE Ordnung, der wir zu gehorchen haben, sie verteidigen IHRE Gesellschaft mit Gas. – WIR haben nichts damit zu tun. Handelt nur noch nach dem Gefühl. Und wenn ihr genügend Hass verspürt, dann schmeißt eben die Scheiben von Opernhaus, von der NZZ oder von Odeon ein, plündert, brandschatzt, aber diskutiert nicht lange darum herum, ob es jetzt einen Sinn habe, oder ob es der ›Bewegung‹ schade. …Spätestens dann, wenn die Schergen aus ihren Kasernen ausrücken, die armen Schweine, dann sprechen Gas, Steine, Knüppel und nochmals Steine ihre eindeutige Sprache. […]Deshalb – lasst das unbekannte Tier in euch selber los, lasst es Betonklötze niederreißen. Wehrt euch gegen die hyperreflexiven Abwiegler in den eigenen Reihen, die immer erst einen Sinn brauchen, bis sie losgehen, die erst ein Jahr später begreifen, was los war. Wehrt euch gegen die studentischen Bremsklötze und gegen die Vermittler genauso wie gegen die Bullen. Polizei und Staat sind dazu da, abgeschafft zu werden.« Stilett. Organ der aufgehenden Drachensaat, Nr. 56, Juni 1980. – Siehe auch: Züri brännt. Video, Schweiz 1981, artfilm.ch. Peter Krieg, Das Packeis-Syndrom, Zürich 1982. – In West-Berlin kam es beim Versuch einer Räumung besetzter Häuser im Dezember 1980 zur »Schlacht am Fraenkelufer«, die als Geburtsstunde der autonomen Bewegung gilt. Bei Auseinandersetzungen zwischen Linksautonomen und Polizei wurden über 200 Personen verletzt und 66 verhaftet. – Ähnliche Szenen trugen sich in anderen europäischen Städten zu.
  6. Johannes Tautz, »Die Unruhe der Jugend«. Geistesgeschichtliche Aspekte zur gegenwärtigen Situation, Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland, Michaeli 1981, S. 196-201.
  7. Mein Lebensgang, GA 28, Dornach 2000, S. 367.
  8. 14. Oktober 1911, GA 131, Dornach 1988, S. 217. Der letzte Satz des Zitates lässt sich nicht verifizieren.
  9. 2. und 20. Mai 1913, GA 152.
  10. Michael Bauer, Menschentum und Freiheit, Stuttgart 1971 [ohne Seitenzahl zitiert].
  11. Angeblich in: Die Erkenntnisaufgabe der Jugend, Ansprachen und Fragenbeantwortungen aus den Jahren 1920 bis 1924, Dornach 1957 (= GA 217a, Dornach 1981). Das Zitat lässt sich nicht verifizieren.
  12. Das Zitat lässt sich nicht verifizieren. Vergleichbare Sätze finden sich im Vortrag vom 12. Dezember 1921, GA 209, Dornach 1982: »Sehen Sie, dieser Trost ist Paulus geworden, als er das Ereignis von Damaskus erlebte. Da hatte er erst das Mysterium von Golgatha begriffen. Da hat er erst verstanden: durch Christus ist etwas in die Welt gekommen, was nicht nur gedacht werden kann, was leuchtet, was wiederum Lichtkraft, also schaffende Kraft hat. Und von da an hat er gewusst: zwar die Natur ist für den Menschen erstorben, aber der Christus ist mit seiner Kraft auf der Erde. Er hat sie durchdrungen. Und in dem Christus kann jetzt die Menschheit dasjenige finden, was sie früher in der Natur gefunden hat. Das war das große Erlebnis des Paulus vor Damaskus. Und da verstand er: die Menschen haben die Natur verloren als Trost, die Natur ist ihnen ästhetisch geworden. Aber der Christus tritt ein. Der Christus, richtig verstanden, gibt dasjenige, was da lebte in dem ganzen Komplex der sprechenden Mineralien, der zum Erröten und Erblassen bringenden Pflanzen, der innerlich den Menschen durchsehnenden, durchwühlenden Tierheit. Ein Geistkosmos hat sich mit der Erde verbunden. Die Sonnenkraft, die früher in Mineral, Pflanze und Tier dem Menschen erschien, sie ist da auf moralische Art. Sie ist da für das innerliche Erleben. Das Himmelreich ist nahe herangekommen.« S. 102. »Und im Christus wird sich das Alter wiederum mit der Jugend verständigen können. Denn der Christus, der kann nicht mit dem Verstande erfasst werden.« S. 103.

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