Christussucher und Michaeldiener (3)

Rudolf Steiner, Ostern. Ausschnitt

Die weiteren Kapitel des ersten Teils der Studie van Manens können hier übersprungen werden, da sie im Wesentlichen den Versuch einer Zusammenschau der verschiedenen Schilderungen Steiners zur spirituellen Vorgeschichte der beiden Seelenfamilien enthalten, die sich in der anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft zusammengefunden hatten. Diese Schilderungen greifen weit in die Vergangenheit aus, behandeln Heiden und Christen in der Spätantike, Mönche und Ketzer im Mittelalter, die vorchristlichen Mysterien, Plato, Aristoteles und Alexander, die Schule von Chartres und die mittelalterlichen Platoniker, die Artus- und Gralsströmung und vieles mehr.

Am Ende des siebten Kapitels bietet van Manen ein Resümee seiner diesbezüglichen Darstellungen:

»Die Seelen des ersten Stromes [der »Frühlinge«, die von Steiner auch als »alte Seelen« bezeichnet werden] haben alle schon viele Inkarnationen hinter sich. Sie sind viel tiefer mit der Geschichte der christlichen Kirche verbunden als die Seelen der anderen Gruppe. Die Strömungen, in denen sie sich fanden, galten sehr of als ketzerisch. Sie haben im Christentum vieles durchlitten und finden in der Anthroposophie die Erfüllung ihrer Sehnsucht nach dem Christus.

In ihrer ganzen Gestimmtheit glaubten wir als seelisches Urbild die vita contemplativa zu erkennen.

Die wichtigsten Pioniergruppen dieses Stromes sind die ›Gralslehrer‹ und vor allem die christlichen Platoniker von Chartres, unter denen Alanus [ab Insulis] als bedeutendster Führer hervorragt.

Die Seelen des anderen Stromes haben meistens viel weniger Erdenleben hinter sich. Mit dem (kirchlichen) Christentum sind sie zwar mindestens schon einmal in Berührung gewesen; bei vielen aber war der Eindruck kein sehr tiefer. Bei allen diesen wirken sehr stark nach die Impulse aus den späten heidnischen Religionen und Mysterien. Ihr Strebensziel ist ein kosmisches Christuserleben. Im Zusammenhang damit haben sie einen direkten Zugang zu den anthropologischen, kosmologischen und praktischen Seiten der Anthroposophie.

In ihre Haltung glaubten wir die Dynamik der vita activa zu erkennen. Die wichtigsten führenden Strömungen dieser Gruppe sind die Aristoteliker – an erster Stelle Aristoteles und Alexander – und die Artusritter.

Beide Ströme kommen zusammen in der ›Michaelsströmung‹. Mit diesem Wort ist in den Karmavorträgen gemeint die übersinnliche Michaelschule[1], der kosmische Kultus und, vom Beginn des 20. Jahrhunderts an, die gemeinsamen Aufgaben auf der Erde«.[2]

Doch trotz all dieser Verschiedenheiten sind die Angehörigen der unterschiedlichen Seelenfamilien beides: Christussucher und Michaeldiener, wenn auch in verschiedener Gewichtung.

Nach einem weiteren Kapitel über »Mysterienverzicht und Mysterienbegeisterung«, das den alten Seelen die Eigenschaft der »geistigen Müdigkeit« oder »Resignation« zuordnet, die aus ihrem Erlebnis der Verfinsterung der heidnischen Mysterien und des Abstiegs des kosmischen Christus auf die Erde resultierte, das von ihnen als Verlust erlebt wurde, während die jungen Seelen, die »direkten Michaeldiener«, aufgrund ihrer Überzeugung, sie könnten als Menschen doch zur Gottheit hinaufgelangen, »von frischen Willensimpulsen beseelt erscheinen«, behandelt van Manen in »Zwischenbetrachtungen« einzelne »historische Individualitäten« und ihre Reinkarnationsreihen (Julian Apostata, Novalis, Wladimir Solowjow), um sich schließlich im zweiten Teil seines Buches dem zwanzigsten Jahrhundert und »den Generationen um Steiner« zuzuwenden.[3]

Die Schüler Rudolf Steiners verteilten sich laut dem Autor auf drei Generationen.

Die erste umfasste Menschen, die sich bereits vor dem I. Weltkrieg der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft angeschlossen hatten. Sie seien von Steiner als »heimatlose Seelen« bezeichnet worden, die bei Wagner, in mystischen Bestrebungen oder bei H.P. Blavatsky und ihrem »altindischen Geistesgut« Rettung vor der Geistesarmut der sie umgebenden Kultur gesucht hätten. Steiner sei es nicht leicht gefallen, die »nebulosen mystischen Sehnsüchte« dieser Menschen in die richtigen Bahnen zu lenken – auch wenn ihm nichts anderes übrigblieb? Diese Generation habe vor allem aus älteren Menschen bestanden, die laut Steiner »in irgendeiner Weise ihr Pensionsdekret bekommen hatten«.

Allerdings, so van Manen, gab es auch Ausnahmen. Zum Beispiel Marie Steiner, die zwar ebenfalls dieser Generation angehörte, jedoch von einer »nüchternen Energie« erfüllt gewesen sei, die in »esoterischer Selbstzucht« wurzelte. Oder Carl Unger, der in der Denkschulung durch das philosophische Werk Steiners das Rückgrat jedes geisteswissenschaftlichen Strebens gesehen habe. Oder Michael Bauer, der seine einstigen mystischen Sehnsüchte durch geisteswissenschaftliche Schulung zu eigenständigen – wohl validen – mystischen Erlebnissen fortgebildet habe. Unger habe das Denken gemeistert, Bauer das Gefühlsleben geläutert und Marie Steiner durch die Schulung des Willens eine innerliche Hygiene entwickelt. Alle drei seien 1913 in den Vorstand der ersten anthroposophischen Gesellschaft berufen, die Entfaltung dieses »wahrhaft königlichen Dreigestirns« jedoch durch den Ausbruch des I. Weltkriegs verhindert worden. Marie Steiner habe sich nach ihrer Eheschließung und der Übersiedelung in die Schweiz von der Führung der Gesellschaft zurückgezogen, Michael Bauer sich aufgrund seiner Erkrankung nicht weiter beteiligen können.

Aufgrund der seelischen Anlage, ihrer Neigung zur Zivilisationsflucht und zum Aufgehen in den zur Phantasie sprechenden religiösen Inhalten der Vergangenheit habe sich diese Generation gründlich mit dem luziferischen Element auseinandersetzen müssen, um es zu läutern und zu überwinden. Zum Weg der Läuterung des Luziferischen durch eine Hygiene der Seele habe auch die Aberziehung der Neugierde gegenüber der eigenen spirituellen Genealogie gehört. Diese Generation habe auf die »Lohengrinfrage« nach der verborgenen spirituellen Identität verzichtet, auch dies ein Zeichen von freiwilliger oder unfreiwilliger Resignation. Sie sei von Christus-Sehnsucht erfüllt gewesen, aber gleichzeitig von einer Neigung zu Passivität und kontemplativer Lebensauffassung. Im Vordergrund habe der Wunsch gestanden, die Inhalte aufzunehmen, die von Steiner offenbart worden seien. Kulturelle Initiativen seien aus dieser Generation anfangs nicht hervorgegangen, sie habe auch keine Berufs- oder Arbeitsprobleme in die anthroposophische Bewegung eingebracht. Schließlich sei es Steiner aber doch gelungen, einzelne Angehörige dieser Generation aus ihrer Passivität zu locken und so entstanden Kulturinitiativen auf künstlerischem Gebiet: erstmals sichtbar im Münchner Kongress 1907, später ab 1909 in den Mysteriendramen, dem Bauimpuls und der Eurythmie. Deutlich erkennbar sei auch die Neigung der »alten Seelen« zur Christologie, ihr Interesse an den Evangelien und dem Inhalt der Bibel, nicht zuletzt ablesbar an den Themen der Vortragsreihen, die Steiner vor 1914 gehalten habe.

Ganz anders die zweite Generation, die im Verlauf des I. Weltkriegs und gegen dessen Ende hinzukam.

Nun traten Geschäftsleute und Wissenschaftler in den Vordergrund, Menschen, die ihre beruflichen Fragen mit einbrachten, die Dreigliederungsbewegung sei entstanden, Initiativen auf wirtschaftlichem und wissenschaftlichem Gebiet, schließlich die Waldorfschule. »Die alte Intimität war dahin … Alles brauste vor Aktivität«. In dieser Hyperaktivität lauerten aber ganz neue Gefahren. Die Träger der neuen Initiativen hätten sich durch einen Mangel an »Geistesgegenwart« ausgezeichnet. Statt von »Geistesgegenwart« hätte der Autor allerdings besser von »Mangel an anthroposophischem Geist« gesprochen, denn Geist war in diesen Aktivisten durchaus gegenwärtig, nach Steiners Auffassung nur nicht der richtige. So wies er anlässlich der Hochschulkurse darauf hin, es sei ein Missverständnis, wenn man glaube, die Anthroposophie müsse sich an die Gepflogenheiten der akademischen Wissenschaften anpassen und warf den Dreigliederern vor, sie huldigten dem Geist der Bürokratie. Statt die Lebenspraxis mit anthroposophischem Geist, mit Spiritualität zu durchdringen, verfielen die Aktivisten der Jahre 1918 bis 1923 in den Fehler, die anthroposophische Gesellschaft nach dem Modell der exoterischen Routinen umzuformen. Einzelne Initiativen wie die Waldorfschule oder die Arzneimittelherstellung konnten zwar Erfolge vorweisen, aber insbesondere der Dreigliederungsbewegung warf Steiner vor, sie habe versäumt, »sich auf anthroposophischen Boden zu stellen«. Die »Tragik« der nach 1918 angetretenen Generation sieht van Manen darin, dass sie glaubte, auf Esoterik verzichten zu können, statt die weltmännische Praxis zu spiritualisieren.

Diese Generation identifiziert er nun mit den von Steiner erwähnten »Übergangstypen«, jenen, die wie er am 8. Juli 1924 ausführte, »gar nicht anders können, als die Gewohnheiten des außeranthroposophischen Lebens in die anthroposophische Bewegung hineinzutragen […], die in der anthroposophischen Bewegung viel über Anthroposophen schimpfen«. Immerhin hatte auch diese Übergangsgeneration nach van Manen einzelne »wertvolle Vertreter« aufzuweisen, wie zum Beispiel Emil Leinhas, der seine geschäftliche Erfahrung in den Dienst der Bewegung zu stellen vermocht habe oder Friedrich Rittelmeyer, der es verstanden habe, zwischen den Generationen zu vermitteln.

Wo aber bleiben die »jungen Seelen«, die »Spätlinge«, die »Michaeldiener« im eigentlichen Sinn?

Nun, sie traten nach van Manen in Gestalt der Jugend auf den Plan, die sich um 1920 der Gesellschaft zuwandte. Viele von ihnen gehörten der Wandervogelbewegung an. Die bürgerliche Gesellschaft und das städtische Leben war ihnen ebenso fremd wie den »heimatlosen Seelen« der alten Generation. Ebenso abgestoßen wurden sie aber auch von theosophischen Traditionen, die der Gesellschaft noch anhafteten, von der Achtung vor Amt und Funktion oder dem Bürokratismus der Übergangsgeneration. Dagegen begeisterten sie sich um so mehr für die praktischen Tätigkeitsfelder, für Waldorfpädagogik, Eurythmie, Sprachgestaltung, die Christengemeinschaft, die Erneuerung der Medizin, die Heilpädagogik und die biologisch-dynamische Landwirtschaft. Diese junge Generation, so van Manen unter Berufung auf Steiner, habe die unbewusste Erkenntnis in sich getragen, das neue lichte Zeitalter sei angebrochen. Sie ging daher ohne Umschweife daran, sich in dessen Dienst zu stellen. Der anthroposophische Hochschulbund wurde gegründet, im Oktober 1920 fand in Stuttgart ein Jugendkurs statt, dessen Vorträge, wie van Manen schreibt, »in dem mächtigen Hinweis auf Michael« gipfelten, »den Genius der Geisteswissenschaft und des wahren Strebens der Jugend und zugleich die einzige Macht, durch deren Hilfe die Zivilisation wirklich erneuert werden kann«.[4]

Aber die Jugendgeneration trug auch das ihrige zur Krise der Gesellschaft im Jahr 1923 bei. Nach dem Scheitern der Dreigliederungsbewegung, den damit verbundenen wirtschaftlichen Katastrophen, dem Brand des Goetheanum, drohte vielen neu entstandenen Institutionen inmitten der galoppierenden Inflation das Aus. Hinzu kam die Tatenlosigkeit der führenden Mitglieder und die Opposition der Jugend gegen diese. Die quälenden Delegiertentagungen in Stuttgart Anfang 1923 brachten keine Lösung. Steiner griff zu einer Schocktherapie: er regte die Gründung einer zweiten anthroposophischen Gesellschaft an, die zum Sammelbecken der Jugendgeneration werden sollte. »Dieser unerwartete Rat wirkte wie eine Bombe«, schreibt van Manen.[5]

In Steiners Dornacher Bericht über die Stuttgarter Ereignisse vom Februar 1923[6] stehen sich die alte, dem Bürokratismus verfallene Gesellschaft und eine Jugend gegenüber, die »mit stürmischem Drang« in die Anthroposophie hineinstrebte, sich aber für »nichts« interessierte, was in jener anthroposophischen Gesellschaft geschah. Hier findet sich auch die Gegenüberstellung der alten, müden Leute, die »alles verstehen, aber nichts tun« und der jungen, die »nichts verstehen, aber alles tun«.

Van Manen erkennt in der anstürmenden Jugend die »heidnisch impulsierten jungen Seelen« wieder, die voller Tatendrang auf die Erde herabgestiegen waren, in den prominenten, aber stets »müden« Vertretern der alten Gesellschaft die »älteren christlichen Seelen«, die aufgrund ihrer vorgeburtlichen Erlebnisse noch »mit einem Rest Unsicherheit« behaftet waren. Allerdings, so van Manen, fanden sich die »jugendlichen Seelen« nicht nur in der freien Gesellschaft ein, auch ältere gehörten zu dieser »heidnisch impulsierten« Familie, Pioniere in pädagogischen und therapeutischen Einrichtungen, die den Stuttgarter »Koryphäen« ebenso kritisch gegenüberstanden wie die Jugend. Van Manen fällt auf, dass die ältere Generation in Steiners Bericht erheblich schlechter wegkomme, als die jüngere. Die Schilderung der letzteren sei »uneingeschränkt positiv«, während er über die erstere vornehmlich seine Unzufriedenheit zum Ausdruck bringe. Er glaubt diese Diskrepanz in der Wertschätzung darauf zurückführen zu können, dass die jungen heidnischen Seelen die »echteren Michaeliten« gewesen seien. Damit hänge auch zusammen, dass diesen vor allem die Aufgabe gestellt gewesen sei, durch Mut und Geistesgegenwart das Ahrimanische zu bekämpfen (man erinnere sich an die weiter oben in der Anmerkung zitierte Passage aus dem pädagogischen Jugendkurs).

Die erste Generation älterer Menschen bestand demnach »vorwiegend aus alten christlichen Seelen«, die Zwischengeneration »aus Übergangstypen« und die junge Generation aus »heidnischen Seelen«.

Auch diese Thesen versucht der Autor durch eine Reihe von Äußerungen Steiners aus Vorträgen zu erhärten, unter anderem aus der Koberwitzer Jugendansprache vom 17. Juni 1924[7], in der es heißt, die Jugendbewegung suche die Natur, auch die anthroposophische Jugend, aber letztere suche den Geist in ihr. Was sie auf diesem Wege finden könne, sei das »alte Götterwirken«, das in der Natur erde, ströme, lufte und feuere und über ihr leuchte, wese und webe. Auch eine Äußerung aus dem Londoner Karmavortrag vom 27. August 1924 über die Frömmigkeit der Artusritter überträgt van Manen auf die jungen Seelen: heidnisch frommsein heiße, so Steiner, »hingegeben sein an die Götter der Natur, die überall im Wesen und Weben der Natur spielen und kraften und wirken und weben«.[8]

Allerdings lag dieses Wirken der Naturgötter unter Schichten um Schichten ahrimanischer Verblendung, so dass sie nur im Bund mit Michael, dem Bezwinger des Drachen, gefunden werden konnten. Auch in seiner Koberwitzer Jugendansprache kommt Steiner in einer bemerkenswerten Wendung auf Michael zu sprechen – hier ist vom Schmieden des Michaelsschwertes die Rede, das vom Menschen auf einen Altar unter der Erde gelegt werden müsse: »Naturgewalten unter der Erde kennenzulernen führt dazu, zu verstehen, dass das Michael-Schwert im Schmieden auf einen Altar getragen werden muss, der unter der Erde ist. […] Es kommt darauf an, dass Sie mittun, indem Sie dazu beitragen, dass von immer mehr und mehr Seelen das Michael-Schwert gefunden werde. […] Man muss erst den Weg finden von der abstrakten Auffassung des Wandervogels zu dem in Wind und Wolken und Wellen des Erdorganismus webenden Wotan und zu der verborgenen Sprache der Vögel, die man kennenlernen muss, indem man zuerst das Siegfried-Erinnern und das Siegfried-Schwert in sich rege macht, das nur die prophetische Vorausnahme des Michael-Schwertes war«.[9] »Reinstes junges Heidentum«, sei Steiner bei dieser Ansprache gegenübergesessen, so der Autor.

Steiner setzte laut van Manen große Hoffnungen auf die freie anthroposophische Gesellschaft und erwartete, wenn man mündlichen Überlieferungen Glauben darf, dass sie bald »eine Million Mitglieder« haben werde. Sollte er diese Erwartung tatsächlich gehegt haben, erwies sie sich bald als Illusion. Stattdessen kam die Verführung der Jugend in den dreißiger Jahren, die völkische Bewegung, die sich im Reenactement des (germanischen) Heidentums versuchte, schließlich der Nationalsozialismus mit seinem Slogan »Ein Volk, ein Reich, ein Führer«, der alles aufsog – oder besser: niederwalzte –, was an Sehnsucht nach Spiritualität in dieser jungen Generation vorhanden sein mochte. Der Nationalsozialismus, so van Manen, hat die heidnischen Impulse »mit ganz anderen Mitteln tatsächlich millionenfach wecken können und hat verstanden, sie in anti-christliche und anti-michaelische Richtung umzubiegen«.[10]

Als Lösung der sozialen und geistigen Krise der Gesellschaft, möglicherweise auch als Apotropaion gegen die anziehende ahrimanische, wenn nicht gar asurische Apokalypse kam die Weihnachtstagung, der van Manen ein eigenes Kapitel widmet.[11]

Steiner fasste den »opfervollen Entschluss«, den geistigen Impuls, den er vertrat, »schicksalsmäßig an die erneuerte Gesellschaft zu binden«. Er wollte ein »lebendiges soziales Gebäude« errichten, das den »Strom des geistigen Lebens«, der »bisher durch ihn gewirkt hatte«, in die Zivilisation einströmen lassen sollte. Die Zeit war reif dafür, dass sich »das geistige Wesen Anthroposophia« als »lebendiger Strom in das Seelenleben der Erdenmenschheit ergoss«.

Nun, reif war sie seit 1879, seit Michael die Zeitalterregentschaft von Gabriel übernommen hatte[12], seit 1899, dem Ende des Kali Yuga und dem Anbruch den neuen lichten Zeitalters. Durch die Weihnachtstagung sollte das »Licht der neuen Mysterien neu angezündet werden am Lichte, das auf Golgatha aufgegangen war. Das Neue lag darin, dass das Anzünden nunmehr nicht von den Göttern, sondern von den Menschen auszugehen hatte«. Wenn van Manen über die Weihnachtstagung spricht, wird er lyrisch, um nicht zu sagen, hymnisch, nicht nur in diesem Kapitel, sondern auch in späteren. Und da sich das, was mit ihr beabsichtigt war, erst am Ende des 20. Jahrhunderts wird erfüllen können, sogar seherisch, wenn auch nur aus zweiter Hand. Dass er sich dabei auffallende Verstöße gegen die Gesetze der Logik erlaubt, mag der Begeisterung geschuldet sein, die der Rückblick auf dieses Ereignis auch noch nach fast sechzig Jahren im Autor hervorrief, wenngleich sie dadurch nicht entschuldbar werden. (Über das Problem des Jahrhundertendes und die mögliche Erfüllung der auf sie bezogenen Prophezeiungen – die bei näherer Betrachtung gar keine sind, wird noch zu sprechen sein).

Die »Schicksalsprüfung« dieser Tagung wurde von den Angehörigen der unterschiedlichen Seelenfamilien verschieden erlebt, so van Manen weiter.

Während die Jugendlichen und die Mitglieder der freien Gesellschaft, ebenso jene Mitglieder, die sich im dritten Jahrzehnt ihres Lebens befanden, wie Eugen und Lily Kolisko, Walter Johannes Stein, Guenther und Wolfgang Wachsmuth, Willem Zeylmans van Emmichoven oder Ehrenfried Pfeiffer (die Mehrzahl von ihnen gehörte 1935 zu den Ausgeschlossenen) und natürlich Ita Wegman sie als »beglückende Erfüllung« erlebten, empfanden die älteren Mitglieder sie nicht als Anfang schlechthin, ja »die Art, wie jetzt die Esoterik in den Vordergrund gestellt wurde«, befremdete sie sogar. Hatten sie doch in der Vergangenheit unter der Anleitung Steiners gelernt, über dieses Esoterische Schweigen zu bewahren. Wie die junge Generation nun die heiligsten esoterischen Offenbarungsgüter fortwährend auf den Lippen trug, kam ihnen als obszöne Geschwätzigkeit vor. Die ältere Generation hütete sich davor, die »Lohengrinfrage« zu stellen, die junge dagegen wollte nicht versäumen die (Amfortas von seinem Leiden erlösende) »Parzivalfrage« zu stellen. Auch die Tatsache, dass Steiner Bewegung und Gesellschaft in seiner Person in einem Vorsitz vereinigte, erschien den älteren Mitgliedern befremdlich, hatte er doch bisher stets betont, beides müsse streng unterschieden werden. Sie orientierten sich an Marie Steiner, deren »sorgenvolle Zweifel« sie teilten. Im Unterschied zu Rudolf Grosse vertritt van Manen nicht die Auffassung, die Gesellschaft sei von Steiner durch die Weihnachtstagung kollektiv »über die Schwelle« geführt, d.h. eingeweiht worden[13], stattdessen wurde sie »im bewussten Vorstellen an die Schwelle zur geistigen Welt geführt« – ein feiner, aber entscheidender Unterschied. Die Tagung sollte zwar eine Einheit schaffen und die verschiedenen Seelenfamilien zu gemeinsamem Wirken zusammenführen, aber ihr paradoxes Ergebnis war, »dass sie scheinbar eine Trennung der Geister eingeleitet« habe. »Denn eine erste Wirkung dieser […] Tagung war, dass […] die schicksalsbedingten Unterschiede klarer als je zuvor zutage traten«.[14]

Eine bemerkenswerte Beobachtung. Sie wirft die Frage auf, ob die »Karmaerkenntnis« nicht vielleicht das Gegenteil des von Steiner Beabsichtigten bewirkte. Für van Manen stellt sich diese Frage jedoch nicht, vielmehr drängt sich ihm eine »selbstverständliche« Lösung für das damit gestellte Problem auf: »Selbstverständlich sind in einem solchen Falle immer die geistigen Gegenmächte zur Stelle, welche die Unterschiede zu Disharmonien und Trennungen zu verhärten suchen. Denn danach strebt die ahrimanische Macht, meistens mit der Assistenz von luziferischen Geistern …«.[15] Wenn es also Streit, Zwist und Parteiungen gab, dann lag der Fehler nicht an den historisch Beteiligten, sondern an Widersachermächten, die sich ihrer bemächtigten oder an deren Stelle wirkten. Insgesamt, so van Manen zusammenfassend, erwartete Steiner von der älteren Generation, sie werde »stillschweigend« oder auch proaktiv wichtige Funktionen an jüngere Mitglieder übergeben, von der jüngeren hingegen, sie werde mit der Zeit die Bedeutung der Älteren »in der Vergangenheit und für die Zukunft« erkennen und würdigen lernen.

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Anmerkungen:


  1. Von dieser »übersinnlichen Schule« unter Führung des Erzengels Michael zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert sprach Steiner beispielsweise in Arnheim am 20. Juli 1924: »Und Michael versammelte seine Scharen, […] diejenigen, die als übersinnliche Wesen zu ihm gehörten aus der Region der Angeloi und Archangeloi, […] aber auch die Menschenseelen, die in irgendeine Verbindung mit ihm gekommen waren. Und es entstand so etwas wie eine gewaltig sich ausbreitende übersinnliche Schule. Wie im Beginne des 13. Jahrhunderts von denjenigen, die als Platoniker und Aristoteliker zusammenwirken konnten, sozusagen eine Art himmlischen Konzils stattgefunden hat, so fand jetzt unmittelbar unter der Führung Michaels vom 15. bis ins 18. Jahrhundert herein eine übersinnliche Schulung statt, als deren großen Lehrer die Weltenordnung Michael selber auserwählt hat. Demjenigen also, was ich Ihnen erzählt habe von der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, von jenem in mächtigen Imaginationen verfließenden übersinnlichen Kultus, ging voran eine übersinnliche Schulung für zahlreiche Menschenseelen, eine Schulung, deren Resultate diese Menschenseelen jetzt in ihrem Inneren tragen, unbewusst. Das Resultat dieser Schulung kommt nur dadurch heraus, dass diese Menschenseelen den Drang zur Anthroposophie verspüren. Dieser Drang zur Anthroposophie ist das Resultat dieser Schulung«. GA 240, S. 188.
  2. Van Manen, S. 78.
  3. Ebd., S. 107-132.
  4. Ebd., S. 123. Mit »Jugendkurs« ist der »pädagogische Jugendkurs« Geistige Wirkenskräfte um Zusammenleben von alter und junger Generation vom 5. bis 13. Oktober 1922 in Stuttgart (GA 217) gemeint. Der letzte Vortrag dieses Kurses am 13. Oktober enthält tatsächlich eine eindringliche Anrufung des Erzengels und Zeitgeistes Michael (S. 190 f), des einzigen Bundesgenossen der Jugend im Kampf gegen den Drachen der Wissenschaft und des Intellektualismus: »Im intensivsten Grade real ist der Kampf des Michael mit dem Drachen erst in unserem Zeitalter geworden. Und wenn man in das geistige Gefüge der Welt eindringt, so findet man, dass gleichzeitig mit der Kulmination der Macht des Drachens auch das Eingreifen des Michael, mit dem wir uns verbinden können, um die Wende des neunzehnten, zwanzigsten Jahrhunderts eingetreten ist. Der Mensch kann, wenn er will, Geisteswissenschaft haben, das heißt, Michael dringt wirklich aus den geistigen Reichen bis in unser Erdenreich herein, doch drängt er sich uns nicht auf, denn heute muss alles aus der Freiheit des Menschen entspringen. Der Drache aber drängt sich vor, er fordert die höchste Autorität. Es hat niemals in der Welt eine so mächtig auftretende Autorität gegeben wie diejenige, die heute von der Wissenschaft ausgeübt wird […] Es gibt kein anderes Mittel dagegen, als sich mit Michael zu verbinden, das heißt, sich mit dem geistigen Weben und Wesen der Welt in wirklicher Erkenntnis zu durchdringen […] Michael braucht gewissermaßen einen Wagen, durch den er in unsere Zivilisation hereinkommt […] Erziehen wir in der richtigen Weise, so bereiten wir Michael das Fahrzeug […] Wir müssen […] lernen – wenn wir im Bilde sprechen –, uns zum Bundesgenossen des hereinziehenden Michael zu machen, wenn wir richtige Erzieher werden wollen […] Das ist der eigentliche Grundimpuls aller Erziehungslehre […] der Mensch ist dazu da, dass er den Geist, der nicht ohne ihn in dieser Welt ist, zum Inhalt dieser Welt mache. Der Christus ist selber auf die Welt gekommen. Nicht hat er den Menschen zu einem irdischen Leben in den Himmel genommen, sondern der Mensch muß sein irdisches Leben durchdringen mit einer Geistigkeit, die mitteilbar ist und die dem Menschen wiederum die Möglichkeit gibt, den Drachen zu besiegen«.
  5. Van Manen, S. 125.
  6. GA 257, 2. und 3.03.1923.
  7. Die Erkenntnisaufgabe der Jugend, GA 271a.
  8. GA 240, S. 290.
  9. Ansprache während der Breslau-Koberwitzer Tagung in Koberwitz am 17. Juni 1924, GA 217a, S. 161 ff; Zitate S. 175, 176.
  10. Van Manen, S. 131.
  11. Ebd., S. 133-149.
  12. Die Gelegenheit sei nicht versäumt, wenigstens anzudeuten, welche Erwartungen Steiner im Kontext seiner Karmavorträge im Hinblick auf dieses neue Michael-Zeitalter hegte. Binnen kurzem, so führte er wiederholt aus, werde das gabrielische Prinzip der Blutsverwandtschaft und des damit zusammenhängenden Nationalismus durch eine kosmopolitische Geistesverwandtschaft verdrängt werden, aus der aufgrund der Individualisierung der kosmischen Intelligenz so etwas wie eine neue Rasse menschheitlicher Menschen hervorgehe. Vom ersteren sprach er am 19. Juli 1924 in Arnheim: »Ein solches Michael-Zeitalter charakterisiert sich durch die verschiedensten Verhältnisse, insbesondere aber dadurch, dass in einem solchen Michael-Zeitalter die geistigen Interessen der Menschheit, je nach der besonderen Veranlagung, die ein solches Zeitalter hat, tonangebend werden. Namentlich wird es so sein, dass in einem solchen Zeitalter ein kosmopolitischer, ein internationaler Zug durch die Welt geht. Die nationalen Unterscheidungen hören auf. Gerade im Zeitalter des Gabriel begründeten sich innerhalb der europäischen Zivilisation und ihres amerikanischen Anhanges die nationalen Impulse.In unserem Michael-Zeitalter werden sie im Laufe von drei Jahrhunderten vollständig überwunden werden. In jedem Michael-Zeitalter ist es so, dass ein allgemeiner Zug durch die Menschheit geht, ein allgemein-menschlicher Zug gegenüber den speziellen Interessen von einzelnen Nationen oder Menschengruppen«. GA 240, S. 106-107.Von letzterem am 3. August in Dornach im Zusammenhang mit Ausführungen über jene Anthroposophen, die sich am Ende des 20. Jahrhunderts wieder inkarnieren sollten, um die »Erdenzivilisation vor dem endgültigen Verfall« zu retten: »Die Menschen, die in der gegenwärtigen Inkarnation durch die Anthroposophie die Michael-Impulse aufnehmen, sie bereiten ihr ganzes Wesen dadurch […] so vor, dass das weit hineingeht in diejenigen Kräfte, die sonst bloß durch Rassen- und Volkszusammenhänge bestimmt sind.Denken Sie einmal, wie stark man davon sprechen kann: Da ist irgendeiner, der in einem Volkszusammenhang drinnensteht. Man kann ihm ansehen, er ist ein Russe, er ist ein Franzose, er ist ein Engländer, er ist ein Deutscher. Man sieht das dem Menschen an, und man logiert die Menschen so, man versetzt sie in eine Stelle, indem man nachdenkt, wenn man sie sieht, wohin sie gehören können. Man wird es für bedeutsam halten, wenn man einem ansieht, er ist ein Türke, er ist ein Russe und so weiter. Bei denen, die heute mit wirklicher innerer Seelenkraft, mit Herzensimpulsivität Anthroposophie aufnehmen als ihre tiefste Lebenskraft, werden solche Unterscheidungen, wenn sie wiederum zur Erde heruntersteigen, keinen Sinn mehr haben. Man wird sagen: Wo ist denn der her? Der ist nicht von einem Volke, der ist nicht von einer Rasse, der ist, wie wenn er aus allen Rassen und Völkern herausgewachsen wäre.[…] Das Geistige bereitet sich vor, zum ersten Male rassenbildend zu werden. Und die Zeit wird kommen, wo man nicht mehr wird sagen können: Der Mensch schaut so aus, also gehört er dorthin, er ist ein Türke oder Araber oder ein Engländer oder ein Russe oder ein Deutscher; sondern man wird sagen müssen: Der Mensch war in einem früheren Erdenleben dazu gedrängt, sich nach dem Geistigen im Michaelischen Sinne zu wenden. So dass also unmittelbar physisch-schöpferisch, physisch-gestaltend dasjenige auftritt, was von Michael beeinflusst ist«. GA 237, S. 141.
  13. Grosse 1976 (1981), S. 80. Siehe weiter oben, S. 847.
  14. Van Manen, S. 141.
  15. Ebd.

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