Christussucher und Michaeldiener (4) – Das Ende des 20. Jahrhunderts

Guariento di Apro (ca. 1338-1377). Erzengel Michael. Musei Civici, Padova

Wie entwickelte sich die spirituelle Familiengeschichte nach 1925, nach Steiners Tod weiter? »Karma waltete« und die Schülerschaft Steiners spaltete sich immer mehr in zwei Lager. Nicht in dieser sozialen Differenzierung sieht van Manen jedoch das Problem, vielmehr liegt das Katastrophale darin, »dass diese an sich unvermeidlichen und im Prinzip nicht unwürdigen Auseinandersetzungen in emotionale und erbitterte Fehden ausarteten […] Die Gesellschaft steuerte ins Chaos und in die Auflösung.«[1]

Die Geschichte dieses Chaos und dieser Auflösung ist den Lesern dieses Blogs ausreichend bekannt. Was aber hat diese Geschichte mit der Zweiheit der Seelenfamilien zu tun? Unser Autor vertritt die Auffassung, es habe sich bei den Konflikten zwischen 1925 und 1935 tatsächlich »ursprünglich […] um eine Konfrontation der karmischen Strömungen gehandelt, soweit diese schon in der Mitgliedschaft vertreten waren«. Denn viele Mitglieder der beiden Familien seien noch gar nicht inkarniert gewesen. Am deutlichsten zeige sich der Gegensatz unmittelbar nach Steiners Tod.

Auf der einen Seite Ita Wegman, die ebenso wie »viele Jüngere« – viele ihrer Jünger – den »michaelischen Impuls« ihres Lehrers nicht habe versiegen lassen wollen. Tatsächlich setzte Wegman Steiners Briefe an die Mitglieder und die Klassenstunden fort, war sie doch an der Vorbereitung der Weihnachtstagung »direkter und intimer als andere Mitarbeiter beteiligt« gewesen und von Steiner als »seine Assistentin in der Führung der [Ersten] Klasse betrachtet« worden.[2] Die Fackel der Esoterik sollte in die Öffentlichkeit getragen werden.

Auf der anderen Seite Marie Steiner, die der Auffassung war, diese Gesinnung verkenne die Lage vollständig. Sie habe in den »unreifen jugendlichen Impulsen« die Gefahr des Ehrgeizes und Machstrebens gesehen und betont, das von Steiner Empfangene müsse »gehütet«, »studiert« und »durchgeübt« werden, um es in reiner Form der Zukunft übergeben zu können. »Explosive Konfliktpunkte teils sachlicher, teils persönlicher Art« mischten sich dieser Konstellation bei und so sei es bereits unmittelbar nach Steiners Tod zur »Vertrauenskrise im Vorstand« gekommen, die Anfang 1926 »in der Gesellschaft öffentlich zum Ausbruch kam«. Zahlreiche Vorfälle und Sachfragen lieferten das Zündmaterial für eine lange Reihe von Konflikten, die uns aus der bisherigen Darstellung hinreichend bekannt sind.

Im Verlauf dieser Konflikte seien die Angehörigen der jüngeren Seelenfamilie immer mehr in die Defensive geraten, während sich die Vertreter der Übergangsgeneration mit der älteren gegen sie zusammengeschlossen hätten. Der ungelöste Generationenkonflikt der beiden deutschen Landesgesellschaften habe sich in der allgemeinen anthroposophischen Gesellschaft fortgesetzt, den einen Brennpunkt Carl Unger, den anderen Eugen Kolisko und Walter Johannes Stein gebildet. Hier hätten sich auch unterschiedliche Methodenauffassungen gegenüber gestanden: während die Jüngeren meinten, sie müssten mit der Esoterik in jedes Haus einfallen, habe Unger die Notwendigkeit einer gründlichen philosophischen Schulung betont, manche hätten sogar die Auffassung vertreten, nur solche anthroposophischen Inhalte dürften mitgeteilt werden, die die Mitteilenden selbst erforscht hätten.

Die Jüngeren wandten dagegen ein, die spirituellen Tatsachen, die Steiner offenbart habe, dürften der Menschheit nicht vorenthalten werden, habe dieser selbst doch bei der Weihnachtstagung die vollständige Veröffentlichung der Esoterik befürwortet, nach der die Menschheit im übrigen lechze. Zu Beginn der dreißiger Jahre lösten sich die deutsche Landesgesellschaft und die freie Gesellschaft aufgrund der vorangegangenen Konflikte selbst auf, Maria Röschl legte die Leitung der Jugendsektion nieder. Die deutsche Landesgesellschaft wurde von Dornach aus neu konstituiert. Teile der Mitglieder schlossen sich zur anthroposophischen Arbeitsgemeinschaft unter Führung Eugen Koliskos zusammen. Aber 1935 erfolgte das Verbot der gesamten anthroposophischen Arbeit in Deutschland durch das nationalsozialistische Regime. Gleichzeitig wurde 1935 ein Großteil der jüngeren Generation aus der Gesellschaft ausgeschlossen.

An den heißen Konflikt, der in der großen Sezession endete, schloss sich der kalte Konflikt des über 20 Jahre dauernden Nachlassstreits an, bei dem sich »der Kern der alten Generation« um Marie Steiner und Steffen sowie Wachsmuth gegenübergestanden hätten. Allerdings lassen sich hier nicht mehr deutlich Generationen unterscheiden – wie auch, wo doch die ganzen Heiden bereits ausgeschlossen waren. Vielmehr schlossen sich laut van Manen nunmehr Seelen des »alten, christlich geprägten Typus« auf beiden Seiten an die jeweilige Vorstandspersönlichkeit an, die sie als legitimen Nachfolger Steiners betrachteten. Zu ihnen gesellten sich Vertreter des »Übergangstypus«.

Offensichtlich kann bereits ab 1935 aufgrund des weitgehenden Ausscheidens der jüngeren Generation die Geschichte der Gesellschaft nicht mehr als Geschichte zweier Generationen, von Christen und Heiden, erzählt werden. Noch mehr gilt dies für die Zeit bis zum Erscheinen des Buches van Manens und erst recht für den Rest des 20. Jahrhunderts. Welchen Generationen oder Seelenfamilien sollen denn die nach 1945 Hinzugekommenen zugeordnet werden? Es sei denn –, es sei denn, man schließt sich der Erwartung van Manens an, die 1980 noch eine Verheißung war, die der Erfüllung in der Zukunft harrte, es werde am Ende des Jahrhunderts zu einer Kulmination der anthroposophischen Bewegung durch das Zusammenwirken der Platoniker und Aristoteliker kommen. Einer Erwartung und Verheißung, für die man sich damals auf Steiner berufen konnte. Wie van Manen mit dieser Frage aus der Perspektive des Jahres 1980 umgeht, in dem noch verheißungsvolle Zukunft war, was für uns inzwischen enttäuschende Vergangenheit geworden ist, wird sich noch zeigen.

Der Streit zwischen Marie Steiner und Steffen war auch – oder vor allem – ein Streit um die Interpretation der Weihnachtstagung und die durch sie geschaffenen spirituellen Realitäten in Gesellschaft und Hochschule, um deren Fortexistenz oder Versiegen in der Geschichte. Dies zeigt sich laut van Manen auch an den Nachwehen des Nachlasskonflikts im Bücherstreit. Nach dem Tod Steffens und Wachsmuths (1963) hätten Grosse, Poppelbaum und andere versucht, das »festgefahrene Verhältnis zur Nachlassverwaltung« aufzuweichen. Eines der Vorstandsmitglieder sei dazu jedoch nicht bereit gewesen – gemeint ist Herbert Witzenmann, dessen Name aus was für Gründen auch immer nicht genannt wird.

Nun standen sich zwei Strömungen in einem »fundamentalen Gegensatz« gegenüber. Auf der einen Seite jene, die die Weihnachtstagung als unantastbaren fortwirkenden Inspirationsquell und das Bauwerk von Gesellschaft und Hochschule gerade wegen ihres unvollendeten Charakters als wichtigstes Vermächtnis Steiners betrachteten.

Auf der anderen jene, die den Versuch Steiners, durch sie eine Initiationskultur zu begründen, als gescheitert ansahen. Die Vertreter dieser Richtung (repräsentiert durch Marie Steiner und die Kombattanten der Nachlassverwaltung) hielten auch die Erwartung einer »Kulmination« der Anthroposophie am Jahrhundertende durch das Zusammenwirken von Aristotelikern und Platonikern für obsolet, denn die Bedingung, an die Steiner diese Kulmination geknüpft hatte, die »richtige Pflege der Anthroposophie« und das damit zusammenhängende »Erblühen der Gesellschaft«, sei durch den Gang der Geschichte als unerfüllt erwiesen worden. Die Bewertung des spirituellen Zustands der Gesellschaft ist also mit der Frage der Validität der Weihnachtstagung, nach dem Grad der Übereinstimmung von Vorstellungen und Realitäten verknüpft, die sich um ihr Gründungsereignis gruppieren. Eine Stellungnahme zu dieser Existenzfrage, die laut van Manen auch eine Mysterienfrage ist[3], wird dadurch unausweichlich. Er versucht, sie auf den restlichen 50 Seiten seines Buches zu geben.

»Mit der Weihnachtstagung«, so schreibt er, »begann die Menschwerdung des tief zum Christus gehörigen Sophia-Wesens. Es ist zwar keine leibliche Inkarnation, aber dennoch ein wirkliches Herabsteigen eines göttlichen Wesens in einen menschlichen Organismus. In diesem Falle war das kein physischer, sondern ein sozialer Organismus, nämlich die neugegründete anthroposophische Gesellschaft«.[4] (Hier beginnt sich unser Autor über die Logik emporzuschwingen: Eine Menschwerdung ohne Inkarnation, eine Inkarnation, die keine ist, ein physischer Leib, der keiner ist, in den sich aber dennoch ein Geistwesen inkarniert).

»Im Wesentlichen«, so van Manen, wurde durch sie »etwas begonnen, das erst mit der kommenden Jahrhundertwende voll in Erscheinung treten kann: das bewusste und vollständige Zusammentreten der von Michael zusammengeführten Menschenseelengruppen, um den geistigen Kampf auf Erden zu entscheiden und eine christliche Mysterienkultur zu begründen. Zu diesem künftigen Geschehen stellt die Weihnachtstagung den Keim und den Anfang dar, gleich wie die Geburt des Jesuskindes der Anfang und Keim war der später erst ganz sich vollziehenden Inkarnation Christi«.[5]

Vergegenwärtigen wir uns diese sogenannte »Michaelsprophetie« im Wortlaut Rudolf Steiners. Zwischen den Platonikern und Aristotelikern des Mittelalters, den Lehrern der Schule von Chartres und den führenden Dominikanern (Albertus Magnus, Thomas von Aquin) bestand eine unverbrüchliche Abmachung, die weiter wirkt, erfahren wir aus seinem Arnheimer Vortrag vom 18. Juli 1924. »Nach dieser Abmachung muss aus dem, was anthroposophische Bewegung ist, etwas hervorgehen, was seine Vollendung vor dem Ablaufe dieses Jahrhunderts finden muss. Denn über der Anthroposophischen Gesellschaft schwebt ein Schicksal: das Schicksal, dass viele von denjenigen, die heute in der Anthroposophischen Gesellschaft sind, bis zu dem Ablaufe des 20. Jahrhunderts wieder herunterkommen müssen auf die Erde, dann aber vereinigt mit jenen auch, die entweder selbst führend waren in der Schule von Chartres oder die Schüler von Chartres waren. So dass vor dem Ablaufe des 20. Jahrhunderts, wenn die Zivilisation nicht in die völlige Dekadenz kommen soll, auf der Erde die Platoniker von Chartres und die späteren Aristoteliker zusammenwirken müssen«.[6]

Aber Steiner ist kein Prophet, sondern Geisteswissenschaftler, der vom ausgeprägten Bewusstsein der Kontingenz der Geschichte durchdrungen ist. Daher knüpft er dieses »Schicksal der anthroposophischen Gesellschaft« an die Verwirklichungsbedingung freier Willensentscheidungen: »Das aber, was heute nur wie durch kleine Fenster hereinschaut, muss in der Zukunft durch jene Verbindung zwischen den Führern der Schule von Chartres und den Führern der Scholastik eine Einheit werden, wenn die spirituelle Erneuerung, die auch das Intellektuelle in das Spirituelle heraufführt, mit dem Ende des 20. Jahrhunderts eintritt. Dass das eintrete, dürfen sich die Menschen des 20. Jahrhunderts nicht verscherzen! Da aber alles heute vom freien Willen abhängt, so hängt, dass dies eintrete – namentlich ob die miteinander verbündeten Parteien herabsteigen können zur Wiederspiritualisierung der Kultur im 20. Jahrhundert –, auch davon ab, ob die Anthroposophische Gesellschaft versteht, im rechten Sinne hingebend die Anthroposophie zu pflegen«.[7]

Wurde diese Bedingung erfüllt – »genügend erfüllt«, wie van Manen formuliert?[8] Diese Frage scheint nur die Geschichte beantworten zu können und eindeutig scheint die Antwort, die sie gibt. Die anthroposophische Gesellschaft blühte nicht auf, sondern versagte. Sie wurde nicht zu jenem »Kulturfaktor«, der sie werden sollte. Der Versuch, der mit der Weihnachtstagung begonnen hatte, scheint gescheitert, das rettende Eingreifen der Aristoteliker und Platoniker am Jahrhundertende »zunichte gemacht«. Das Urteil liegt nahe, aufgrund der katastrophalen Entwicklung der Gesellschaft nach Steiners Tod habe sich der Impuls dieser Tagung »verflüchtigt«. Dem steht jedoch entgegen, so van Manen, dass »immer mehr Menschen, besonders in der jüngsten Generation, in der Weihnachtstagung den Ausgangspunkt ihres tieferen Strebens erkennen«, dass sie »den Grundstein und das damals hingestellte Gemeinschaftsstreben« »nicht nur als schöne Idee« erleben, »sondern als einen den Willen befeuernden Kraftquell«.[9]

Nun drängt sich dem Autor immer mehr eine Parallele ins Denken, die bereits weiter oben im Vergleich der Menschwerdung des Anthroposophia-Wesens mit der Inkarnation Christi anklang. Er fährt (unter Berufung auf Steiner) fort: »Das Vorhandensein einer Wirklichkeit […] lässt sich letzten Endes niemals beweisen, sondern nur erleben. Das gilt in besonderem Maße für die Realität des auferstandenen Christus und für den Christusimpuls überhaupt. Jeder Mensch kann die göttliche Weisheit und den göttlichen Ursprung der Schöpfung erleben. Wo Menschen dieses Erleben leugnen und das Dasein des Schöpfers verneinen, liegt eigentlich eine Art Krankheit vor. Ob man aber das Wirken des Christus erleben kann, ist einerseits vom eigenen freien Willen, andererseits aber durchaus vom Schicksal abhängig, es ist eine Gnade […] Die Weihnachtstagung kann nur richtig verstanden werden, wenn man sie in einem direkten Zusammenhang mit dem Wirken des Christus sieht«.[10]

Ein weiterer Kurzschluss erfolgt durch eine Analogie des Christus-Opfers mit dem »Opfer« Rudolf Steiners: »Die Weihnachtstagung ist hervorgegangen aus dem leidvollen Opfergang Rudolf Steiners, in dem man seine Imitatio Christi spüren kann. Aber auch das Erleben des Weiterwirkens dieses Opfermysteriums muss in Schmerz und Zweifel einen Sterbeprozess durchmachen, bevor es sich im Lichte der Auferstehung neu erleben lässt. Das Erleben und Erkennen des Fortwirkenden der Weihnachtstagung ist in diesem Sinne auch eine schicksalsmäßig bedingte Gnade, in der der eigene freie Wille voll engagiert sein muss«.[11]

Diese Analogie trägt natürlich nur, sofern man ihre Voraussetzung akzeptiert, wonach die Tagung ein Opfergang Steiners war, auf den eine Auferstehung folgen muss. Auch im weiteren Verlauf nimmt van Manen zu religiösen Metaphern Zuflucht und spricht sogar vom »Wunder« des Fortlebens der Weihnachtstagung. Zuvor aber stellt er ein weiteres Mal die Frage: »Hat der Weihnachtstagungsimpuls sich so erhalten, dass die Michaelprophetie der Kulmination am kommenden Jahrhundertende noch eine Möglichkeit darstellt?«[12] Man könnte die Frage auch anders formulieren: Können wir die geistige Realität, die sich in der Geschichte gezeigt hat, so zurechtbiegen, dass am Ende die gewünschte Zukunft herauskommen wird? Nun, die Geschichte widersetzt sich diesem Ansinnen. Daher wählt van Manen den Umweg über die Exegese von Steinertexten: »Wir wollen das [also die eben gestellte Frage] untersuchen an Hand der weiteren Aussagen in den Karmavorträgen über diese jetzt schon sehr nahe gerückte Zukunft«.[13]

Das Ergebnis dieser Untersuchung ist nicht überraschend. Steiner habe nämlich, wie van Manen berichtet,  bald den »sorgenvollen Vorbehalt« fallen lassen, an den er das Eintreten der verheißenen Kulmination am Jahrhundertende knüpfte, er habe ihn »nirgends wiederholt«. Stattdessen sei er in den folgenden Monaten immer zuversichtlicher geworden und ein Zweifel an der künftigen Erfüllung schien nicht mehr möglich.

Der Befund der angeführten Texte spricht jedoch eine andere Sprache. Sie zeigen vielmehr, dass Steiner die in Arnheim ausgesprochene Bedingung lediglich umformulierte. Ein Beispiel. Im Vortrag vom 27. August in London heißt es, sogar noch eindringlicher als in Arnheim: »Das ist es, was Anthroposophen eigentlich bewegen sollte: Hier stehe ich. Der anthroposophische Impuls ist in mir. Ich erkenne ihn als den Michael-Impuls. Ich warte, indem ich mich für mein Warten stärke durch die rechte anthroposophische Arbeit in der Gegenwart und die kurze Zwischenzeit ausnütze, die gerade den Anthroposophenseelen beschieden ist im 20. Jahrhundert zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, um am Ende des 20. Jahrhunderts wiederzukommen und die Bewegung mit einer viel spirituelleren Kraft fortzusetzen. Ich bereite mich für dieses neue Zeitalter vom 20. ins 21. Jahrhundert hinein vor – so sagt sich eine rechte Anthroposophenseele –, denn viele zerstörende Kräfte sind auf der Erde. In die Dekadenz muss alles Kulturleben, alles Zivilisationsleben der Erde hineingehen, wenn nicht die Spiritualität des Michael-Impulses die Menschen ergreift, wenn nicht die Menschen wiederum imstande sind, dasjenige, was an Zivilisation heute hinabrollen will, wiederum hinaufzuheben.

Finden sich solche ehrlichen Anthroposophenseelen, die die Spiritualität in dieser Weise in das Erdenleben hineintragen wollen, dann wird es eine Bewegung nach aufwärts geben. Finden sich solche Seelen nicht, dann wird die Dekadenz weiterrollen. Der Weltkrieg mit all seinen üblen Beigaben wird nur der Anfang von noch Üblerem sein. Denn es steht heute die Menschheit vor einer großen Eventualität: vor der Eventualität, entweder in den Abgrund hinunterrollen zu sehen alles, was Zivilisation ist, oder es durch Spiritualität hinaufzuheben, fortzuführen im Sinne dessen, was im Michael-Impuls, der vor dem Christus-Impuls steht, gelegen ist«. Von der hier angesprochenen Eventualität hat sich zweifellos die erste Variante realisiert, auf den ersten Weltkrieg folgte noch weitaus Übleres. Und ob die auf ihn folgende Reconstruction mit Hilfe des Marshallplans, das Wirtschafswunder, die Westintegration und alles, was bis zum heutigen Tage folgte, »die Zivilisation durch Spiritualität hinaufgehoben« hat, darf bezweifelt werden.

Trotz alledem hält van Manen an seinem optimistischen Ausblick fest. Bei der Abschätzung der Auswirkungen der Weihnachtstagung, so nimmt er einen neuen Anlauf, müsse unterschieden werden zwischen den Absichten – die nicht realisiert wurden: nämlich den »kräftigen Anfang einer Initiationskultur« zu stiften, die Gesellschaft zum Erblühen zu bringen usw. Dieser Versuch sei misslungen. Aber man dürfe nicht nur das Sichtbare, sondern müsse auch das Unsichtbare berücksichtigen. Eine Pflanze könne verkümmern und doch im folgenden Jahr wieder austreiben. Habe sich nicht auf gleiche Art die Essenz der Weihnachtstagung selbst erneut ausgesät, in »genügend Herzen« fortgepflanzt? Natürlich könne diese Frage nur »von der geistigen Welt und von der Zukunft aus« beantwortet werden. Aber: »Man hat gewiss kein Recht, sie jetzt [1980] negativ zu beantworten«.[14]

Die katastrophale Entwicklung der Gesellschaft nach Steiners Tod habe diese an die Schwelle der geistigen Welt, also an die Todesschwelle geführt. Dennoch seien viele aus dieser Prüfung geläutert hervorgegangen und nicht in Erbitterung oder Mutlosigkeit verfallen. In der daraus hervorgegangenen Gesinnung habe sich der Impuls erhalten. »Das ist ein Wunder, das leicht unterschätzt werden könnte«.[15]

Das Erleben der Weihnachtstagung ist also nicht nur eine Gnade, sondern auch ein Wunder. Damit ist der Autor vollends beim katholischen Argument für die Rechtfertigung der Kirche angekommen: ihre Entstehung und Fortdauer trotz aller Unbilden der Geschichte ist demnach ein göttlicher Gnaderweis und Wunderbeweis für die von ihr verkündete Wahrheit – vor allem für ihre Mittlerfunktion zwischen Gott und Mensch und die von ihr beanspruchte rechtmäßige Verwaltung der Heilsgüter. Van Manen zufolge besteht das Wunder darin, dass es den »Michaelsgegnern« bis heute nicht gelungen ist, den mit der Weihnachtstagung verbundenen Impuls »von der Erde zu vertilgen«. Die Resignation angesichts der Katastrophen ihrer Geschichte sei so etwas wie die letzte, subtilste ahrimanische Versuchung der Gesellschaft.

Gestärkt von Gnade und Wunder wird van Manen selbst zum Propheten, der zuversichtlich in Aussicht stellen kann, dass »am Ende des Jahrhunderts die beiden führenden Gruppen mit ihren Schülerscharen und mit anderen führenden und helfenden Individualitäten gemeinsam als Michaelströmung auf Erden sein« werden, »um zu versuchen, die Anthroposophie und das neue Mysterienwesen voll in Erscheinung treten zu lassen und dadurch den ahrimanischen Ansturm in seine Schranken zu weisen«.[16] Ja, mehr noch: »Der göttliche Retter wird […] da sein – er ist schon da und er wird, soweit sich Menschen in Freiheit zur Verfügung stellen, eingreifen. Aber die Rettung wird äußerlich zunächst nur darin bestehen können, dass die ahrimanische Hochflut zum Stehen gebracht wird, um allmählich zurückzuebben. Dabei wird Ahriman auch positive Dienste leisten. Aber alles, was er vom seelischen und vom sozialen Leben der Menschheit erbeutet, wird er auf seinem allmählichen Rückzug mit in die Tiefe ziehen«.[17]

Aus heutiger Perspektive lässt sich sagen: nichts von alledem ist eingetreten. Die »ahrimanische Flut« wurde nicht eingedämmt, sondern schwoll durch Automatisierung und Digitalisierung, durch die sich ausweitenden Möglichkeiten informationeller Kontrolle und Steuerung sozialer Prozesse immer mehr an. Der Atem des Todes drang und dringt scheinbar unaufhaltsam in die Lebenswelt ein, die letzten Naturräume werden zerstört, organische Substanz und technische Artefakte verschmelzen, die Virtualität durchdringt alle Lebensbereiche und entzieht uns den Zugang zur unverfälschten Wirklichkeit, die angeblich unantastbare Menschenwürde verflüchtigt sich, während die eine, immer kleiner werdende Hälfte der Menschheit im Luxus schwelgt und Macht anhäuft, die andere, immer größer werdende Hälfte unter unsäglichen Umständen verelendet. Und die anthroposophische Gesellschaft hat keine Kulmination durch das »Zusammenwirken von Aristotelikern und Platonikern erlebt«, sondern eine gespenstische Debatte über ihre Konstitution, die suggerierte, sie habe ein rundes Jahrhundert bloß in der Illusion gelebt, existiert zu haben, eine Debatte, die frappierend an die von der Gnosis ausgelösten Scheinleibdispute erinnerte.[18] Der heroische, aber kläglich gescheiterte Versuch, sich durch ein schieres Willenspostulat dem eigenen Verschwinden entgegenzustemmen[19], mündete schließlich im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts in die euphorische Zustimmung zu ihrer Selbstdemontage.[20]

Vorheriger Beitrag: Christussucher und Michaeldiener (3)

wird fortgesetzt


Anmerkungen:


  1. Ebd., S. 150.
  2. Ebd. S. 136, 148.
  3. Ebd., S. 160.
  4. Van Manen, ebd., S. 175.
  5. Van Manen, ebd., S. 179.
  6. GA 240, S. 157.
  7. GA 240, S. 161.
  8. Van Manen, ebd., S. 193.
  9. Van Manen, ebd., S. 195.
  10. Van Manen, ebd., S. 195-196.
  11. Van Manen, ebd., S. 196.
  12. Van Manen, ebd., S. 196.
  13. Van Manen, ebd., S. 196.
  14. Van Manen, ebd., S. 203.
  15. Van Manen, ebd., S. 204.
  16. Van Manen, ebd., S. 209.
  17. Van Manen, ebd., S. 210.
  18. Nur dass in jener in sonderbarer Verkehrung der historischen Konstellation nicht darüber gestritten wurde, ob der Sohn der fremden Gottes tatsächlich einen den Mächten des Bösen verfallenen Fleischesleib angenommen hatte oder nur zum Schein, sondern ob ein Geschöpf der Archonten (der sog. Bauverein) sich des erlösenden Wortes bemächtigt hatte, um die der Erlösung Bedürftigen arglistig zu täuschen.
  19. Gemeint ist der Versuch von 2002/03, die »Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft 1923 (Weihnachtstagung)« durch Generalversammlungsbeschluss zu reanimieren, der aufgrund zweier Urteile des Obergerichts Solothurn im Januar 2005 scheiterte. Das Obergericht stellte fest, »dass die Anthroposophische Gesellschaft von 1923 am 8. Februar 1925 als eigenständiger Verein zu existieren aufgehört« habe, »weil sie durch ›konkludente Fusion‹ von dem 1913 gegründeten ehemaligen Bauverein absorbiert« wurde, »der in ›Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft‹ umbenannt« worden sei. Der Vorstand erklärte daraufhin am 19. März 2005: »Es wird somit in rechtlicher Hinsicht abschließend und auch für die Zukunft bindend von der schweizerischen Gerichtsbarkeit festgestellt: Der Verein, den Rudolf Steiner am 28. Dezember 1923 gegründet hat, der damals aber nicht ins Handelsregister eingetragen werden konnte, wurde am 8. Februar 1925 in den Verein von 1913 hineinfusioniert. Er wurde dadurch als eigenständige Körperschaft nach schweizerischem Vereinsrecht aufgelöst«. Mit anderen Worten: die vielbeschworene »Weihnachtstagungsgesellschaft« hatte trotz gegenteiliger Beteuerungen bereits 1925 aufgehört zu existieren. Wieder einmal spielte das Solothurner Obergericht eine entscheidende Rolle bei der Befreiung der anthroposophischen Gesellschaft von Illusionen, so wie 1952, als es sie darüber belehrte, sie habe keinen legitimen Anspruch auf den Nachlass Rudolf Steiners.
  20. Diese Diagnose brachten zumindest das ehemalige Vorstandsmitglied Sergej Prokofieff und Peter Selg zum Ausdruck, der sich ihm anschloss. Der aus Krankheitsgründen 2013 zurückgetretene Prokofieff, der 2001 in den Vorstand berufen worden war, verglich bei einer Ansprache an der Gedenkfeier zu Rudolf Steiners Tod am 30. März 2015 im Goetheanum den Zustand der Gesellschaft mit jenem von 1923 und fragte die versammelten Zuhörer: »Kennen wir unsere eigene Geschichte überhaupt noch? Oder anders ausgedrückt: Sind wir noch gewillt, sie so gründlich zu studieren und so weit zu verinnerlichen, dass wir daraus lernen können und wollen? Oder sind wir in einem gewaltigen Absturz begriffen, wo wir in viel größeren Umfang dasjenige wiederholen, wovor Rudolf Steiner1923 so intensiv und wortgewaltig gewarnt hat? […] Wenn unsere heutige Situation auf so für die Anthroposophische Gesellschaft beschämende Weise an die des erwähnten Jahres erinnert, wie steht es dann eigentlich mit der Weihnachtstagung selbst, an der die spirituelle Grundlage für eine geistgemäße Lösung aller damaligen und zukünftigen Probleme der Anthroposophischen Gesellschaft geschaffen wurde? Ist dieser zentrale esoterische Impuls der anthroposophischen Bewegung heute besser verstanden als damals? Oder schwören wir gegenwärtig fast automatisch auf diese Weihnachtstagung – wie es in einer Sekte üblich ist – ohne sie wirklich zu verstehen, und wird nicht die dazu notwendige Erkenntnisarbeit nur noch durch eine Art Glaubensbekenntnis ersetzt? Wurde denn wirklich in den vergangenen Jahren auf diesem wichtigsten Feld der anthroposophischen Esoterik die entsprechende Erkenntnisarbeit, die zum Beispiel was Fleiß und Umgang betrifft, der breit angelegten Diskussion über die Konstitution der Anthroposophischen Gesellschaft, die um die Jahrtausendwende stattfand, vergleichbar wäre? Oder sind die notwendigen Erkenntnisbemühungen, die Rudolf Steiner wohl auch mit der Michael-Prophetie in Verbindung brachte, weitgehend ausgeblieben und befinden wir uns heute erneut in der Situation des Jahres 1923, so als ob die Weihnachtstagung nie stattgefunden hätte oder gar im esoterischen Sinne rückgängig gemacht worden wäre?« Sergej Prokofieff, Wie stehen wir heute vor Rudolf Steiner? Das Goetheanum, 7.7.2012, S. 8-9.Selg hatte bereits im Jahr 2003 einen alarmierenden Artikel in derselben Zeitschrift publiziert, in dem er schrieb: »In einer Zeit, die in globaler Weise immer apokalyptischere Züge annimmt […] ist die anthroposophische Bewegung nicht nur dabei, sich mit der zunehmend zur methodischen Maxime erhobenen Abkehr von Rudolf Steiner und seinem Werk selbst zu demontieren, sondern Rudolf Steiners innerste Lebensintention zu verdecken, wenn nicht folgenschwer zu paralysieren.›Muß man verstummen?‹ fragte Steiner am Ende des 19. Jahrhunderts. Bewirkt man nun sein ›Verstummen‹ aus der geistigen Welt?Entsprechende Stellungnahmen, Vereinbarungen und Verlautbarungen von führenden Persönlichkeiten der Anthroposophischen Gesellschaft und Bewegung nehmen zu, erscheinen in immer dichterer Folge und werden längst schon praktisch verwirklicht: Man solle Abstand von Rudolf Steiners Werk nehmen, in internen Arbeitszusammenkünften, aber auch in der öffentlichen Vertretung der Anthroposophie Steiner wenig oder nicht zitieren. Steiner und damit auch die primäre Anthroposophie interessierten die Menschen, insbesondere auch junge Menschen, nicht mehr und führten nicht weiter, […] man […] tue […] gut daran, sich in modern-aufgeschlossener Haltung sozial zu begegnen und sich plural mit gegenwärtigen Kultur- und Geistesströmungen zu beschäftigen, undogmatisch, offen und weltorientiert […]Aufgrund all der Versäumnisse und der tatsächlich jahrzehntelang mehr oder weniger liegengebliebenen Arbeit […] den Schluss zu ziehen, Rudolf Steiner selbst und sein Werk seien offensichtlich nicht mehr zeitgemäß und von primärem Interesse für die Öffentlichkeit, ist eine ebenso absurde wie verlogen-fatale und selbstzerstörerische Wendung und Entstellung der Dinge«. Peter Selg, ›Muss man verstummen?‹ Vom zweifelhaften Umgang mit Rudolf Steiners Leben und Werk, Das Goetheanum, 23.11.2003, S. 1-3.

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