Der Konflikt zwischen Marie Steiner und Albert Steffen (1)

Marie Steiner

Hugo Werth (gest. 1972), Musiker und Schauspieler am Goetheanum, dessen Frau, die Dichterin Emma Krell-Werth (1906-1981), das Goetheanum-Archiv leitete und mit Steffen »eng« befreundet war und Karl Day (1899-1971), seit 1934 Leiter des Sekretariats der Anthroposophischen Gesellschaft, gaben im Januar 1948 in ihrer Publikation Rückblick eine kanonische Darstellung der Ereignisreihe[1], die aus ihrer Sicht zur zweiten großen Gesellschaftsspaltung geführt hatte.

In dieser Darstellung erscheint der »Vorsitzende«, zu dessen Verteidigung sie angetreten waren, von Feinden umlagert, die unablässig in seine Rechte eingriffen und systematisch seine Stellung untergruben, indem sie sich Kompetenzen anmaßten, die ihnen nach Steffens Auffassung nicht zustanden. Die Hauptbösewichte der Tragödie, die unaufhaltsam ihrer Peripetie zusteuerte, waren aus der Sicht der Autoren Roman Boos (1889-1952), Friedrich Eymann (1887-1954), Karl Ballmer (1891-1958), Hans Werner Zbinden (1899-1977), Jan Stuten (1890-1948) und Marie Steiner.

Diese Personen gehörten zu den aktivsten Mitgliedern der Gesellschaft. Manche wirkten durch die von ihnen gegründeten bzw. herausgegebenen Publikationsorgane auch in die Öffentlichkeit: der aus Basel stammende Hans W. Zbinden – seit den 1930er Jahren Arzt Marie Steiners und 1943 Mitbegründer der Nachlassverwaltung – durch die in Zürich erscheinende Zeitschrift Die Menschenschule, Friedrich Eymann – Theologe und Ethikprofessor an der Universität Bern – durch die 1939 gegründete Zeitschrift Gegenwart und den im selben Jahr gegründeten Troxler-Verlag, in welchen u.a. Ballmer und Boos publizierten.

Albert Steffen

»Die gesamte Konflikt-Reihe …«, so Day/Werth 1948, »steht in einem inneren Zusammenhang, schon deshalb, weil im Wesentlichen immer dieselben Personen oder Personengruppen maßgeblich daran beteiligt« waren, – Personen und Personengruppen, die nahezu ausschließlich Schweizer und mit Marie Steiner verbunden waren (mit Ausnahme Stutens, der aus Nimwegen, Holland stammte).

Den »Ausgangspunkt der Konflikte« sah das Autorenduo im Jahr

• 1938, im sogenannten Pädagogenstreit.

Darauf folgten:

• im März 1939 die »Flugblatt-Affäre« um Professor Eymann, der von seinem Lehrauftrag am Berner Lehrerseminar in Hofwil wegen seines Einsatzes für Anthroposophie und Waldorfpädagogik entbunden worden war;

• die ebenfalls 1939 durch Eymann und einige andere erfolgte Gründung einer »Freien anthroposophischen Vereinigung«, die »ohne Wissen des Vorsitzenden« (Steffen) stattgefunden habe;

• 1941 die Veröffentlichung der sogenannten »Ballmerschrift« durch Eymann, die von den Anhängern Steffens wegen der Art ihrer Darstellung und angeblichen Zitatentstellung als »Gegnerschrift (Anti-Anthroposophie)« qualifiziert wurde;

• der angebliche »Eingriff von Roman Boos in die Belange des Vorstandes« im Zusammenhang mit der Sommertagung im Jahr 1942;

• die Weitergabe »interner Vorstandskorrespondenz« durch Marie Steiner an Mitglieder der Gesellschaft im Jahr 1943 ohne Wissen der beiden anderen Vorstandsmitglieder;

•  die angebliche Verletzung der »Prinzipien« der Anthroposophischen Gesellschaft im Dezember 1943 durch die Gründung eines Arbeitskreises, an der Johannes Waeger, Hans W. Zbinden, Carl von Steiger und Jan Stuten beteiligt waren;

• eine Klage, die Roman Boos im Februar 1944[2] gegen Albert Steffen, Guenther Wachsmuth und Hans Bleiker eingereicht hatte;

•  die Bekanntgabe der bereits im Juni 1943 »geheim« vollzogenen Gründung des »Nachlass-Vereins« im Januar 1945;

• die wiederum angeblich »im Widerspruch mit den Prinzipien« im Februar 1946 erfolgte Gründung einer »Freien Arbeitsgruppe« innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft durch die drei Initianten Eymann, Zbinden und Marie Groddeck;

• die Tatsache, dass Marie Steiner Steffen im Juni 1946 in einem Rundschreiben mit dem Titel »Epilog« unlautere Motive unterstellt habe.

• Schließlich habe Marie Steiner den »Weihnachtstagungsimpuls« preisgegeben, indem sie den »esoterischen Vorstand« für inexistent erklärte und sich für einen »Verwaltungsvorstand« aussprach, was Steffen und Wachsmuth dazu genötigt habe, der Generalversammlung vom 7. April 1947 die Frage vorzulegen: ›Wünscht die Gesellschaft einen Verwaltungsvorstand?‹.[3]

Wesentlich anders stellte sich jedoch die Geschichte des Konflikts aus der Sicht Marie Steiners dar, wie einem Brief zu entnehmen ist, den sie am 19. April 1945 an die beiden Vorstandsmitglieder Steffen und Wachsmuth sandte.[4]

In diesem Brief sprach sie von einer schleichenden Erosion des Vertrauens in ihre beiden Vorstandskollegen, die durch deren Verhalten gegenüber jenen Personen bedingt war, die im Katalog der Ereignisse von Day/Werth als Bösewichte erscheinen, sie selbst eingeschlossen. Bemerkenswert ist an ihrer Konfliktgeschichte, dass sie erheblich weiter zurückreicht, nämlich zwei Jahre vor die Zeit der ersten Sezession 1935. Denn bereits 1933 – im Jahr der Machtergreifung – begann ihrer Ansicht nach die Reihe jener Verletzungen der Integrität im gesellschaftlichen Umgang, jenes »Nichtrichtigstellen der Dinge« durch Steffen und Wachsmuth, das schließlich zum »Bruch des Vorstands-Einheitsgedankens« geführt habe.

Aus Marie Steiners Brief lässt sich ein zweiter, alternativer Katalog aus ihrer Sicht negativ konnotierter Geschehnisse entnehmen:

• die Michaelitagung 1933, »bei welcher es hieß«, Boos habe Steffen »die Initiative entrissen, während das Gegenteil der Fall war«;

• die »pädagogische Krise« (1938), bei der »vieles zugedeckt wurde, was aufgeklärt hätte werden können«;

• 1942 die Absage der öffentlichen Vorträge von Steffen und Wachsmuth kurz vor der Sommertagung, durch die das erste Mal »in sichtbarer Weise die Einheit des Vorstandsgedankens durchbrochen« worden sei;

• die Vertuschung der »Verleumdung« durch Frau Bühler (1942) und ihre entstellten Darstellungen im Jahr 1944;

• Auswirkungen des gegen sie »systematisch gesäten Misstrauens« an den Sommertagungen von 1943 und 1944, sowie die fehlende Bereitschaft Steffens und Wachsmuths, falsche Behauptungen über sie richtigzustellen;

• der endgültige Bruch des Gedankens der Einheit des Vorstandes bei den Versammlungen von 1944;

• schließlich 1945, bei der »Schilderung der Pestalozzi-Angelegenheit«, »ein weiterer Bruch des Vorstands-Einheitsgedankens«.

Die Konflikterinnerung Marie Steiners verweist also ins Jahr der »Machtergreifung«. Möglicherweise kommen wir den Ursprüngen der Erosion ihres Vertrauens gegenüber Steffen und Wachsmuth näher, wenn wir bis in dieses Jahr zurückgehen. Allerdings wird sich bei dieser psychohistorischen Tiefenbohrung zeigen, dass die Wurzeln der Konflikte noch weit tiefer im Erdreich der Gesellschaftsgeschichte verzweigt sind.

Fortsetzung: Der Konflikt zwischen Marie Steiner und Albert Steffen (2)


Anmerkungen:

[1] Karl Day, Hugo Werth: Rückblick, Januar 1948, S. 87-88.

[2] Die Klage wurde von Roman Boos Ende November 1943 eingereicht; am 11. Februar 1944 fand die Verhandlung darüber vor dem Amtsgericht Dornach statt.

[3] Karl Day, Hugo Werth: Rückblick, Januar 1948, S. 87-89.

[4] Veröffentlicht in: Nachrichten der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Nr. 3, April 1950.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie den anthroblog durch eine Spende!


Ich will zwei- bis dreimal im Jahr über neue Beiträge im anthroblog informiert werden!

Datenschutzerklärung


Literatur:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.