Der Konflikt zwischen Marie Steiner und Albert Steffen (2) – Katalysator Roman Boos

Roman Boos 1989-1952

Roman Boos 1889-1952

Der Konflikt zwischen den beiden Vorstandsmitgliedern der anthroposophischen Gesellschaft hat eine lange Vorgeschichte, die ohne die unterschiedlichen sozialen Konstellationen, in die Marie Steiner und Steffen jeweils eingebettet waren, nicht zu verstehen ist. Die beiden Protagonisten handelten nie als isolierte Einzelpersonen, sondern stets als Knotenpunkte sozialer Netzwerke, die ihr Handeln beeinflussten, indem sie sich vielfältig aufeinander bezogen und voneinander abgrenzten. Manchmal agierten die Angehörigen dieser Netzwerke auf eigene Rechnung, manchmal als eingebildete oder tatsächliche Stellvertreter ihrer Knotenpunkte. Der Zug an einem einzelnen Faden veränderte die Spannungsverhältnisse im gesamten Netzwerk.

In ihrer eigenen Version der Konfliktgeschichte erinnerte Marie Steiner die Michaelitagung 1933 als persönliche Verletzung. Was war im Zusammenhang mit dieser Tagung und in deren Vorfeld geschehen? Um die Vorgänge im Jahr 1933 verstehen zu können, müssen wir uns zunächst mit Roman Boos beschäftigen, der sowohl im ersten als auch im zweiten großen Gesellschaftskonflikt eine Schlüsselrolle spielte.

Wie aus einem langen Brief hervorgeht[1], den Boos Mitte Februar 1941 an die Vorstandsmitglieder und eine Reihe weiterer Empfänger sandte, begann die Konfliktgeschichte zwischen ihm, Steffen und Wachsmuth im Jahr 1925. Der 1889 in Zürich geborene Boos, dessen Eltern bereits mit der Anthroposophie verbunden waren, studierte unter anderem in Berlin beim Rechtshistoriker Otto von Gierke (1841-1921), dem »Vater des Genossenschaftsrechts«.[2] Gierke gehörte dem »germanistischen« Flügel der historischen Rechtsschule an, der mit dem »romanistischen« über die Bedeutung römischer Kodifikationen für die europäische Rechtsentwicklung stritt. Unstrittig war für alle Angehörigen dieser im 19. Jahrhundert herrschenden Schule, dass das corpus iuris weniger aus bewussten Akten der Rechtssetzung hervorging, als aus dem Wirken des jeweiligen Volksgeistes, ähnlich wie Sprache, Sitten und Gebräuche.[3]

Friedrich Carl von Savigny, der Begründer der Schule und zugleich der herausragendste Vertreter ihres romanistischen Flügels, sprach von der »schlechthinnigen Abhängigkeit allen Rechts vom still wirkenden Volksgeist«.[4] Nicht diese Auffassung bestritten die Germanisten, sondern die These Savignys, das »unverfälschte, reine« römische Recht entspreche dem Bildungsstand, den die Deutschen durch die Weimarer Klassik erreicht hätten.

Laut Gierke bestand die Besonderheit des germanischen Kulturraums darin, dass in ihm staatliche Herrschaft aus Genossenschaften freier Männer hervorgewachsen war, dass der König vom Volk gewählt wurde und gegenüber der Volksversammlung rechenschaftspflichtig blieb (»Versöhnung von Volksfreiheit und Herrschergewalt«). Staatliche Macht war somit eingebettet in genossenschaftliche Lebensformen und stellte nicht – wie im römischen Imperium – isolierte Rechtssubjekte einem absoluten Herrschaftsprinzip gegenüber, das durch den über dem Recht stehenden Imperator verkörpert wurde und keine organische Einheit von Herrscher und Beherrschten kannte (die Gierke als »Rechtsstaat« bezeichnete). Gierke sah in dem von Bismarck geschaffenen Reichsgebilde, dem »Bundes-, Verfassungs-, Kultur-, Genossenschafts- und Rechtsstaat«, die »leibliche Verkörperung des Volksgeistes«, ein »organisches Gebilde«, ein »geistig-sittliches Lebewesen höchster Ordnung, das seinen Daseinszweck in sich selbst trug« und als »einheitliches Ganzes« durch seine »jeweiligen Häupter und Glieder« sich als »immanente Gesamtpersönlichkeit offenbarte«.[5]

Neben der Forschungsarbeit an seinem (unvollendeten) Monumentalwerk, der Geschichte und Theorie des »deutschen Genossenschaftsrechts«, betätigte sich Gierke auch politisch. So war er Mitglied des Vereins für Sozialpolitik und mit »Kathedersozialisten« wie Adolph Wagner, Gustav Schmoller und Lujo Brentano befreundet. Als Sozialpolitiker regte er die Entwicklung des modernen Arbeitsrechts mit Betriebsgemeinschaft und Mitbestimmung an, und seine Überlegungen wirkten bis in das Eigentumsverständnis des deutschen Grundgesetzes nach, das diesem bekanntlich – zumindest theoretisch – eine soziale Verpflichtung auferlegt. Gierkes Schüler Hugo Preuß war der Schöpfer der Weimarer Verfassung, der ersten demokratischen Staatsverfassung Deutschlands.

Boos verfolgte die von Gierke gelegte Spur in seiner eigenen wissenschaftlichen Arbeit, der im Oktober 1916 erschienenen Dissertation Der Gesamtarbeitsvertrag nach schweizerischem Recht. Deutsche Geistesformen deutschen Arbeitslebens weiter.[6] Diese Untersuchung fand nicht nur bei Gierke und Eugen Huber, dem Schöpfer des schweizerischen Zivilgesetzbuches Anerkennung, sondern auch bei Rudolf Steiner. 1916 und 1917 lobte dieser mehrfach die vorbildliche Arbeit, die Boos mit diesem Buch geleistet habe.[7]

Als Steiner mit dem Aufruf an das deutsche Volk und die Kulturwelt im Februar 1919 die Dreigliederungsbewegung in Gang setzte, wurde Boos in der Schweiz für sie aktiv. Zuvor hatte er sich in Stuttgart für die Dreigliederung engagiert und im Januar von dort aus zusammen mit Emil Molt und Hans Kühn Steiner besucht, um mit ihm mögliche Engagements zu besprechen.[8] Er organisierte eine Vortragsreihe Steiners über die soziale Frage in Zürich[9], die einen Umriss der im April dieses Jahres erschienenen Schrift Die Kernpunkte der sozialen Frage … enthielt und gründete kurz darauf den Schweizer Bund für Dreigliederung, dessen Sekretariat er führte. 1919/20 gab er die in Zürich erscheinende Monatsschrift dieses Bundes, die Soziale Zukunft heraus, war 1920 Geschäftsführer der »Verwaltungsgesellschaft für das Goetheanum Dornach A.G.« und Sekretär des »Vereins des Goetheanum«. Er gehörte am 16. Juni 1920 zu den Mitgründern der Schweizerischen »Futurum AG«, die wie ihr deutsches Vorbild »Der Kommende Tag AG« durch ihre Gewinne die Entwicklung eines freien Geisteslebens fördern sollte, – ein Unternehmen, das ebenso wie das deutsche am ungünstigen wirtschaftlichen Umfeld und mangelndem ökonomischem Sachverstand scheiterte. Im Herbst 1920 und Frühjahr 1921 organisierte er die Hochschulkurse am Goetheanum[10] und war in zahlreiche polemische Händel verwickelt, die Steiner und einige »mutige junge Kämpfer«[11] für die Anthroposophie gegen katholische Pfarrer und völkische Gegner ausfochten. Im November 1920 gab er die Broschüre Die Hetze gegen das Goetheanum heraus, die den in Dornach gehaltenen öffentlichen Vortrag Steiners Die Wahrheit über die Anthroposophie und deren Verteidigung wider die Unwahrheit und eine »aktenmäßige Darstellung« dieser Hetze aus seiner Feder enthielt.[12] Im Mai 1921 führte seine Hyperaktivität zu einem Nervenzusammenbruch, der einen Klinikaufenthalt und eine mehrjährige Erholungsphase zur Folge hatte.

Ende 1925, nach dem Tod Steiners, begann Boos wieder in der Gesellschaft aktiv zu werden. Damals plante er zusammen mit Karl Keller, einem Mitarbeiter des seit 1916 bestehenden »Schweizer Press-Telegraphen« (neben der 1894 gegründeten »Schweizerischen Depeschen-Agentur« die zweite große Nachrichtenagentur in der Schweiz), den Aufbau einer Pressekorrespondenz unter dem Namen Phänomene und Symptome, um, wie er Mitte Februar 1941 schrieb, Informationen »vom Goetheanum aus an die Schweizer Presse« zu streuen.

Mit diesem Plan habe er versucht, ein Vorhaben Steiners aus dem Jahr 1916 zu verwirklichen, »in Zürich ein Büro einzurichten, um die Zeitungen mit den Informationen zu versehen, die notwendig gewesen wären, damit die Lügenflut nicht zu der Höhe anschwelle, auf der dann die Versailler Katastrophe geschah.[13] Diese Sache war bekanntlich durch Ludendorff zertrampelt worden«.[14] Boos hoffte 1925 sogar, den Schweizer Press-Telegraphen ganz »in die Hand zu bekommen«.

Anfang Dezember 1925 informierte er Steffen über das Vorhaben, das jedoch am 6. Dezember von Wachsmuth im Namen des Vorstandes unterbunden wurde, unter anderem mit der Drohung – so zumindest behauptete Boos 1941 – Keller aus der 1. Klasse der Freien Hochschule auszuschließen. Diese Behauptung wurde allerdings von Wachsmuth dementiert. Ähnlich wie das Vorhaben Steiners durch Ludendorff, sei sein Unternehmen »vom Vorstand zertrampelt« worden, schrieb Boos 1941. Er ließ daraufhin die Phänomene und Symptome auf eigene Rechnung erscheinen, sie mussten allerdings nach zwölf Nummern ihr Erscheinen, weil seine Geldmittel aufgebraucht waren. »Hätten Herr Keller und ich«, so Boos 1941, »einfach mit unserem Unternehmen angefangen, so wäre alles gut gegangen. Gestraft wurden wir nur für unser – Vertrauen. Ich machte bei dieser Gelegenheit meine erste Bekanntschaft mit dem ›Vorstand‹ und mit der ›Klasse‹«.[15]

Steffens brüske Ablehnung dürfte auch durch ein Gespräch motiviert gewesen sein, das er nach seiner eigenen Aussage am 21. Juli 1921 in Dornach mit Steiner geführt hatte. In diesem Gespräch schlug Steffen angeblich vor, Boos bei der soeben gegründeten Zeitschrift Das Goetheanum als Mitarbeiter zu beschäftigen. Steiner soll auf diesen Vorschlag mit der Frage geantwortet haben: »Kann von Dr. Boos noch etwas Gutes für die Gesellschaft kommen?«.[16] »Er wollte«, so Steffen in 1947 veröffentlichten Notizen,[17] »nicht mehr in solche Situationen wie damals geraten, welche zu Hass, Prozessen, Hetzen[18] und schließlich zum Brand des Goetheanums geführt hatten, und er nahm aus diesem Grund den Satz in die Prinzipien auf, dass Politik nicht zu den Aufgaben der Anthroposophischen Gesellschaft gehört«. Statt sich in politischen Aktivitäten zu verausgaben, so riet Steffen Boos, solle er lieber ein wissenschaftliches Buch verfassen. Boos nahm ihn beim Wort und schrieb das Buch Michael gegen Michel. Katharsis des Deutschtums 1914-1925, das mit einer Widmung an Marie Steiner im Januar 1926 erschien. Aber »eigentlich«, so Boos im Februar 1941, habe er das Buch »für Albert Steffen« geschrieben.[19]

Der erste Teil des Buches handelte von der »Tragödie des deutschen Geistes«, der »Untreue des Deutschtums gegen sich selbst«. Diesem sich selbst untreuen Deutschtum, dem »Micheltum«, stellte Boos das »wahre Deutschtum« gegenüber, das sich zu seinem Volksgeist, dem Erzengel Michael bekenne. »In der Verleugnung seines angestammten Rechts durch Übernahme des römischen«, schrieb er, »hatte das deutsche Volk an den Idealen seiner Jugend, durch die Religionskämpfe zwischen Konfessionen an Christus, durch das Versumpfenlassen des philosophischen deutschen Idealismus der vorangegangenen Jahrhundertwende und des Goetheanismus am heiligen Geist seiner Zukunft-Lebensimpulse Verrat begangen«.[20]

In einem Schau des deutschen Volksgeistes überschriebenen einleitenden Kapitel schrieb Boos, der Völkerfriede könne nur »im Bunde mit den Gewalten« geschaffen werden, »die im Feuer der viel verlästerten Kampfideale zu Beginn des Krieges die Menschherzen durchglüht« hätten.[21] Der Rechtshistoriker Gierke habe diese »Gewalten«[22] geschaut und in einem Artikel am 30. August 1914 – also am Tag der russischen Generalmobilmachung – über sie geschrieben:

In den Julitagen 1870 zu Berlin Unter den Linden, als König Wilhelm von Ems zurückkehrte und die französische Kriegserklärung eintraf, wurde mir eine Offenbarung zuteil. Der Volksgeist, an dessen unsichtbare Wirklichkeit ich längst geglaubt hatte, erschien mir, wie der Erdgeist Fausten, in sinnlicher Gestalt. Ich sah in den versammelten Menschen nur noch einen Teil seines Leibes. Im Rufe der Massen und mehr noch in ihrem ehrfürchtigen Schweigen hörte ich seine gewaltige Stimme. Ich fühlte ihn mein Inneres durchfluten und erfuhr, wie er die anderen alle mit gleicher Macht durchflutete, an dem wortlosen Verständnis, das die Seele der Seele öffnete und Seele mit Seele verschmolz. Das war kein Einigwerden, wie es unter gleichgesinnten Einzelnen eine Aussprache schaffen mag. Das war ein Sicheinswissen in der höheren Lebenseinheit des Ganzen, wie es nur vom wirkenden Ganzen selbst stammen konnte.

Fast ausgelöscht schien zeitweilig das Einzel-Ich. Das erhabene Ich der vaterländischen Gemeinschaft hatte Alleinbesitz vom Bewusstsein ihrer Glieder ergriffen. Da wurde der Glaube zur Gewissheit. Ich hatte den Volksgeist erschaut. […]

Da kam der Weltkrieg. Und zum zweiten Male erlebte ich das unfassbare Wunder. Wiederum trat der Volksgeist aus seiner geheimnisvollen Verborgenheit heraus und erschien in sinnlich wahrnehmbarer Gestalt. So hatte er denn doch in der Tiefe der Seelen zu leben und zu weben niemals aufgehört, er hatte nur scheinbar geschlummert, er hatte vom Innersten her in ungebrochener Einheit die sich in äußerer Spaltung befehdenden Glieder des Volkskörpers zusammengehalten und offenbarte nun in Flammenzeichen seine machtvolle Wirklichkeit. Gleich einem Orkan zerblies sein gewaltiger Hauch das angesammelte Gewölk und verscheuchte die Geister der Selbstsucht und der Zwietracht wie wesenlosen Spuk. Wieder ergriff er für die Stunden, in denen die Weltgeschichte an Deutschland die Daseinsfrage richtete, Alleinbesitz von den Seelen der vielen Millionen seiner Träger und verschmolz sie in heiliger Glut zum einheitlich fühlenden und wollenden Gesamt-Ich.

Das Wunder von 1870, dessen unvergesslicher Eindruck mich durch mein Leben begleitet hatte, wiederholte sich! Herrliches, unsagbares Glück! Der Geist des deutschen Volkes ist in der Morgenfrühe der Zeitenwende, von der an noch späte Enkel neue Schicksale der Völker des Erdballs datieren werden, in Sonnenaufgangsglanz sichtbar erschienen und hat uns gekündet, dass er, in sich einiger, gewaltiger, gläubiger als je, durch uns im ungeheuren Kampfe seine erhabene Mission erfüllen will.

Und eins vor allem wurde nun auch dem blödesten Auge klar. Das ist die innere Einheit unseres Volkes und unseres Staates. Nein! Unser Staat ist nicht nur die zwingende Macht, die von außen her die Einzelnen zum einheitlichen Ganzen zusammenfügt. Er ist zugleich das innere Besitztum der Volksgesamtheit. Das Reich mit allen seinen Gliedstaaten lebt im Volke und durch das Volk. Der Volksgeist entfaltet im Staatsgeiste seine auf’s Handeln gerichtete Energie, der Staatsgeist schöpft aus dem Volksgeiste die ihn beseelende Kraft. Im Staate wird das Volk Person …[23]

Was Gierke da geschaut habe, so Boos später im Buch, dürfe nicht mit dem »Dämon« des nationalistischen Kriegstaumels oder dem »Gespenst« des preußischen Militarismus verwechselt werden. Denn in der Woche des Kriegsausbruchs 1914, »als der deutsche Volksgeist, der Erzengel Michael, zum letzten Male in seiner mittelalterlich-gotischen Gestalt vor die Schau der besten Deutschen trat«, sei er bereits »im Kaiserschloss vom Dolchstoß des Micheltums ins Herz getroffen worden«.[24] Jener Geist aber, der im Staat laut Gierke zur »realen Gesamtpersönlichkeit« habe heranwachsen sollen, sei nach dem Scheitern des Kaiserreiches nun endlich frei zur »Arbeit am sozialen Organismus«, der »von der realen Einzelpersönlichkeit aus gliedschaftlich erwachsen« müsse und für den nicht mehr das Wort gelte, »fast ausgelöscht schien zeitweilig das Einzel-Ich«, sondern vielmehr das andere: »In der Erstrahlung der Einzel-Iche aufersteht die Gemeinschaft«.[25] Dem Satz Gierkes: »Im Staat wird das Volk Person«, müsse man aus Steiners Sicht den Satz entgegenhalten: »Im Herzen wird der Geist Mensch«.

Die von Steiner entwickelte Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus betrachtete Boos als Antwort des deutschen Volksgeistes auf das »Vakuum«, das der »rasende deutsche Michel in der europäischen Mitte« hinterlassen habe: »Die Welt wartet darauf«, so beschrieb er die Lage Anfang 1919, »dass aus dem großen geistigen Vacuum der europäischen Mitte, das der rasende Michel hinterlassen hat, Etwas aufsteige, mit dem sich über mehr als über die unmittelbare Not des Tages unterhandeln ließe, und aus der Geisteskraft des besten Deutschtums heraus ist durch Rudolf Steiner in diesem ›Nichts‹ ein gewaltiges Gedankenwesen erweckt worden, das nicht nur zum Vorteil des Deutschtums, sondern zum Heil der ganzen Welt […] bereit ist, der Welt Rede und Antwort zu stehen«.[26]

Die rettende politische Idee des »kommenden, michaelischen Deutschtums« sah er in der »wahrhaft organischen Gliederung des Sozialkörpers«, die den Menschen von allem »Filz des Micheltums« befreie, »um aus dem Einzelnen heraus wieder den Weg zur sozialen Gestaltung zu bahnen«.[27] Als Steiner das erste Mal im großen Saal des von den Baugerüsten befreiten Goetheanum bei einer Sprechprobe seine »gewaltige Stimme« erhoben habe, sei für ihn (Boos) »das Erleben des Geistes des Deutschtums« aufgeleuchtet, »nicht als Sturmgewalt im heißen Blut, wie in den Jugendjahrhunderten des deutschen Volks«, sondern als »›Antlitz des Christus‹, das im gesprochenen Geistwort vor dem Menschen als Sprechendes aufleuchtet und es seinem Entscheid aus Freiheit heraus anheimstellt, ob er hören und damit wahrer Christ und Michaelstreiter werden, oder ob er die Ohren verschließen und damit im Schleim des Micheltums versinken wolle«.[28]

Boos positionierte sich in seinem Buch aber auch im Verhältnis zum Goetheanum und zur anthroposophischen Gesellschaft. Die diesbezüglichen Ausführungen dürfte er gemeint haben, als er später bemerkte, das Buch sei »eigentlich für Steffen« geschrieben worden. Was Steiner als Politiker gedacht habe, so Boos, könne weder vom Goetheanum, noch von der anthroposophischen Gesellschaft fortgeführt werden. Deren Aufgabe sei die Pflege dessen, was aus der von ihm geschaffenen Einheit von Kunst, Wissenschaft und Religion erwachse. Seine eigene Aufgabe sei hingegen, die sozialpolitischen und wissenschaftlichen Impulse, die er in der Begegnung mit Steiner gewonnen habe, fortzuführen, und dies lasse er sich »von Niemandem verbieten«. »Ich arbeite lediglich aus meiner Wissenschaft, die ich mir selbst errungen habe […] Ich will nicht ›Anthroposophie lehren‹ und nicht ›im Namen des Goetheanum wirken‹«. Die Dreigliederung Steiners sei kein »Werk«, das sich einfach so fortführen lasse. Wer sich mit Steiner verbunden wisse, müsse vielmehr fragen: »Wie können wir im Geiste Rudolf Steiners weiter kämpfen?« Für solche Schüler Steiners gelte nicht, dass dessen Werk »abgeschlossen« sei. »Es ist gerade ebenso stark abgeschlossen, als sich seine Schüler von ihm abgeschlossen haben. Der Sinn seines Wirkens war aber gerade, solche Abschlüsse überwinden zu lehren. Ohne dies Überwinden kann man sein Werk nicht fortführen, ohne es von ihm fortzuführen. Und möge man noch so oft seinen Namen nennen und seine Worte zitieren«.[29]

Marie Steiner förderte Boos nach Kräften. In der zweiten Jahreshälfte 1926 ließ sie ihn im Rahmen ihrer Sektion eine Reihe von Vorträgen zu Thomas von Aquin halten, die in einem 1959 erschienenen Buch veröffentlicht wurden.[30]

In einem Vortrag dieser Reihe, der am 18. Dezember 1926 stattfand, über dessen ursprüngliche Fassung Lili Kolisko ausführlich berichtet[31], übte Boos Kritik an Aufsätzen, die  Walter Johannes Stein und Eugen Kolisko zu Thomas und seinem Mönchsbruder Reginald von Piperno in der Zeitschrift Die Drei veröffentlicht hatten. Er übte aber auch Kritik an der Fortsetzung der von Thomas unvollendet zurückgelassenen Summa Theologiae durch Reginald. Thomas habe die scholastische Begriffskunst in seiner Summe zu ihrem Gipfelpunkt geführt, das gewaltige Unternehmen jedoch abgebrochen, nachdem ihm eine Schau der göttlichen Geheimnisse zuteil geworden sei. Reginald hingegen sei der Versuchung erlegen, das Werk »im Stil des katholischen Glaubenspolizistentums« zu vollenden. Durch ihn sei die von Thomas aufgeworfene weltgeschichtliche Frage: »Wie wird das Denken christlich?«, ins »priesterliche Regulieren und Moralisieren« umgebogen worden.

Lili Kolisko kommentierte diese Kritik von Boos an Reginald 1961 mit den Worten:

Man muss bedenken, dass Roman Boos den vorstehenden Absatz, der einen Teil seines Vortrages in der Schreinerei ausmachte, im Dezember 1926 gehalten hat. Es war noch nicht lange her, seit durch einen Teil der Mitgliedschaft Einspruch erhoben worden war, gegen die im Mitteilungsblatt der Anthroposophischen Gesellschaft erschienenen Artikel, die die Überschrift trugen ›An die Mitglieder‹, von denen man der Meinung war, dass Frau Dr. Wegman die von Dr. Steiner begonnenen Artikel ›fortsetzen‹ wollte. Man fand das eine Anmaßung und so gab nach einiger Zeit Frau Dr. Wegman es auf, weitere Leitsätze oder Leitgedanken zu schreiben. So wie Dr. Boos in seinem Artikel hin und her pendelt zwischen der Persönlichkeit von Rudolf Steiner und Thomas von Aquino, so muss man annehmen, dass er jetzt zwischen der Persönlichkeit von Frau Dr. Wegman und Reginald von Piperno hin und her pendelt. Dadurch bekommt dieser Vortrag vom 18. Dezember seine besondere Pointe.[32]

Mit anderen Worten: die Kritik an Reginald von Piperno war eine verklausulierte Kritik an Ita Wegman, deren Reinkarnationslinie[33] damals benutzt wurde, um ihre Ansprüche auf die Leitung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft zu untermauern. In welchen karmapolitischen Kontext die Kritik von Boos einzuordnen ist, geht aus folgenden Bemerkungen Koliskos hervor:

Was […] die Tatsache anbetrifft, dass er diese Vorträge gerade innerhalb der ›Sektion für redende Künste‹ hielt, muss folgendes berücksichtigt werden. Frau M. Steiner hatte großes Interesse an dieser Geschichtsepoche. Unmittelbar nach Dr. Steiners Tode richtete sie viele Fragen an Dr. Walter Johannes Stein, aus denen es verständlich wird, warum diese Vorträge im Rahmen ihrer Sektion stattfanden. Frau M. Steiner wollte erfahren, was Dr. Stein wusste über den historischen Zusammenhang der großen Persönlichkeiten Aristoteles und Alexander dem Großen und stellte direkte Fragen. Dr. Stein verwies sie auf die verschiedenen Vorträge, die Dr. Steiner gehalten hatte während der Weihnachtstagung und später seine Ausführungen in den Karmavorträgen 1924 (besonders im Vortrage vom 18. August). Auch auf die Thomasvorträge im Jahre 1921 kamen sie zu sprechen. Er machte sie darauf aufmerksam, dass, wenn man alle diese Vorträge studiere, man zu gewissen Anschauungen kommen könne. Diese Antworten genügten Frau Dr. Steiner nicht. Sie wollte vielmehr wissen, ob die in Frage kommende Persönlichkeit [Ita Wegman] es Dr. Stein selbst mitgeteilt hätte, was Dr. Stein natürlich verneinen musste. Frau M. Steiner frug dann: Wer war Alexander der Große zur Zeit von Thomas v. Aquino? Dr. W. J. Stein gab ihr eine ›Hypothese‹ zur Antwort, die man sich nach genauem Studium der Vorträge bilden könnte. Er verwies auf den Mönch Reginald v. Piperno! ›Ja, solange so etwas nur eine Hypothese ist, nützt es mir nichts‹, antwortete darauf M. Steiner.

Diese ›intimen‹ freundschaftlichen Gespräche fanden im April 1925 statt und im Dezember 1926 wirft Dr. Boos durch seine Vorträge in der Sektion von Frau M. Steiner in völlig verantwortungsloser Weise Vorgänge, die sich im 12. Jahrhundert abgespielt haben, mit denen, die sich im 20. Jahrhundert zutrugen, durcheinander […] Dr. Boos ›wollte nicht die Umgebung des Thomas erledigen‹, aber ganz bestimmt sollte ›die Umgebung Dr. Steiners erledigt werden‹.[34]

Drei Jahre später, im Herbst 1929, unternahm Boos einen ersten Versuch, am Goetheanum eine sozialwissenschaftliche Sektion unter seiner Leitung zu etablieren.[35] In der Schweizer anthroposophischen Gesellschaft hatte er einen entsprechenden Antrag gestellt, die am 7. Oktober auf ihrer Generalversammlung den Beschluss fasste, ihn zu unterstützen. Der Vorstand der deutschen Landesgesellschaft, dem damals Eugen Kolisko, Emil Leinhas, Otto Palmer und Friedrich Rittelmeyer angehörten (Walter Johannes Stein hatte im Januar 1929 sein Amt niedergelegt), lehnte das Vorhaben »einmütig« ab, mit der Begründung, die Einrichtung der Freien Hochschule obliege »allein« dem – heillos zerstrittenen – »Dornacher Vorstand«. Aber Boos ließ nicht locker. Es gelang ihm immerhin, im März 1930 nach Absprache mit dem Vorstand eine »Sozialwissenschaftliche Vereinigung am Goetheanum« zu gründen, deren Leitung er übernahm.[36] Zur Etablierung einer Sektion sollte es aber während seiner Lebenszeit nicht kommen.

Ein halbes Jahr nach der Machtergreifung der NSDAP, am 21. Juli 1933, sandte Boos, der immer wieder an Depressionen oder Erschöpfungszuständen litt[37], einen Brief an den Reichsjustizkommentar Hans Frank in München[38], der Anfang Juli die »Akademie für Deutsches Recht« ins Leben gerufen hatte. Eine Abschrift des Briefes ging mit gleicher Post an Steffen.

Mit diesem Schreiben, einem Muster der Anbiederung, diente sich Boos dem Verantwortlichen für die Gleichschaltung der Justiz im Deutschen Reich an. Er wolle, so Boos in seinem Brief, »den innersten Kern seiner Lebensarbeit«, »das Ringen um die Evolution der deutschen Geistesformen des lebendigen, sozialen Organismus an den Mann« herantragen, »in dessen Hand nun die gewaltige Aufgabe« liege, »dem durch die Jahrhunderte verschüttet gewesenen deutschen Rechts-Impuls zum Durchbruch durch das aufgestaute Geschiebe der geschichtlichen Oberflächenvorgänge zu verhelfen«. Schon während des I. Weltkriegs habe er auf einen Durchbruch des Geistes von 1914 durch dieses »Geschiebe« gehofft. Seine große Erwartung »auf den sieghaften Durchbruch des deutschen Geistes« habe ihn »zu seinem größten Wortführer«, zu Rudolf Steiner geführt. Die deutsche Niederlage habe diesen Erwartungen ein »jähes Ende« bereitet. Trotz des Einsatzes Rudolf Steiners, habe »die furchtbare Erniedrigung des deutschen Schicksals durch den äußeren und den inneren Feind des deutschen Geistes« nicht abgewendet werden können. Nun sei aber »durch die nationale Erhebung« in Deutschland eine »neue dramatische Lage voller Erwartungen und Gefahren« entstanden. Keinen Augenblick habe er gezaudert, »als deutscher Schweizer ehrlich und menschlich und entschieden in die neue Situation hineinzusteigen«. So habe er in Kassel (16.-19.3.1933) und in Berlin (7.-9.6.1933) einen Vortragszyklus über »Ende und Neugeburt des deutschen Rechts« gehalten. Dabei habe er »die ritterliche Gastfreundschaft des erneuerten Deutschland, das dem freien Mann das Wort frei gibt, kennen und achten gelernt«. Der Brief gipfelte in der Frage an den Reichsjustizkommissar, »ob sich nicht […] eine Möglichkeit schaffen ließe, dass dem von mir deutsch-rechtlich Erarbeiteten eine wissenschaftliche Verbindung mit den schaffenden und bauenden Kräften in Deutschland erschlossen werde«. Schließlich gab Boos seiner Hoffnung Ausdruck, »für die große Sache des deutschen Rechts« könne »in der Welt ein Gewicht gehoben werden«, »wenn eine Möglichkeit geschaffen werden könnte, auch im gesprochenen Wort, von Angesicht zu Angesicht, mit deutschen Männern zu einem Gedankenaustausch zu kommen, denen die gleichen Fragen auf der Seele brennen«.

Gleichzeitig schickte Boos, ebenfalls am 21. Juli 1933, einen zweiten Brief an Steffen, mit einem Konzept für die Gestaltung der im Herbst bevorstehenden Michaelitagung, das er auf dem Weg zu einem Vortrag in München mit Conrad Englert-Faye in Zürich besprochen hatte[39].

Als Themen waren u.a. vorgesehen: »Die Schweiz in den Zusammenhängen der deutschen und romanischen Kulturen (südlich-nördliche Spannung)«; »Die Schweiz in der angelsächsisch-slawischen (oder ost-westlichen) Weltspannung«; »Das Problem der National-Erziehung«, »Aufgaben der Schweiz nach innen und außen«. Außerdem plante Boos »lebendig im Zeitkampf stehende Nicht-Mitglieder« wie Paul Lang[40] oder Julius Schmidhauser[41] als Mitwirkende einzuladen.

Steffen dürfte dieses Unternehmen nicht nur als fehlgeleitet empfunden haben, da dessen politische Tendenz offenkundig war, sondern auch als Eingriff in seinen ureigenen Auftrag als »Vorsitzender« der Gesellschaft, dem es oblag, die vierteljährlichen großen Tagungen am Goetheanum einzurichten. Darauf dürfte sich auch die Bemerkung Marie Steiners beziehen, über diese Tagung sei verbreitet worden, Boos habe Steffen »die Initiative entrissen«. Was den Nachsatz anbetrifft: »während das Gegenteil der Fall war«, ist nicht erkennbar, worauf er sich bezog, da die Michaelitagung ja zustande kam

In seinem Brief teilte Boos Steffen mit[42]:

In München habe ich einige gute Gespräche mit Leuten aus der Nazi-Partei geführt. Mein Vortrag war wieder ›überwacht‹. Die geheimpolizeiliche Dame ist […] in großer Begeisterung abgezogen und hat dann auch entsprechend bei der Staatspolizei rapportiert.

Steffen antwortete Boos bereits am folgenden Tag (22. Juli 1933) auf beide Briefe. In bezug auf das Vorhaben einer Michaelitagung verwies er ihn angesichts der »Gesellschaftssituation« an den Gesamt-Vorstand, in bezug auf sein Schreiben an Frank schrieb er:

Sie informieren mich damit über einen Schritt, dessen Tragweite nicht nur für Sie, sondern auch für die Anthroposophische Gesellschaft schicksalsmäßig sein wird. Nachträglich eine Meinung zu sagen steht mir nicht zu, und Sie erwarten sie wohl kaum. Aber ich glaube, es ist notwendig, dass Sie auch Frau Dr. Steiner und Herrn Dr. Wachsmuth, ebenso wie mich, wenn Sie es nicht schon getan haben, von dem abgeschickten Briefe orientieren […][43]

Über den Hintergrund seiner reservierten Reaktion schrieb Steffen in 1947 gedruckten Notizen zu diesem Vorgang[44]:

Ich war der Überzeugung, dass wir [durch die Aktivitäten von Boos] in ein politisches Fahrwasser geraten. Ich musste deshalb meine Teilnahme an den Berliner Vorträgen, die damals stattfanden[45], und auch an der Herbsttagung absagen, entschloss mich aber, damit die Tagung dadurch nicht einen Schaden erlitte, wenigstens eine Vorlesung aus meinen Büchern zu halten […]

Jetzt begann Dr. Boos wiederum in dieser [politischen] Richtung zu wirken, indem er von dem Umbruch in Deutschland etwas für die Anthroposophie erhoffte. […] Ich konnte darin nur eine ungeheure Illusion sehen, da ja schon damals sich die furchtbaren Maximen des Hitlerregiments auszuwirken begannen […] Und von dem Regiment, welches der Nationalismus errichtete, erhoffte Dr. Boos noch etwas und ersuchte jenen Dr. Frank, ihm die Möglichkeiten zu verschaffen, am deutschen Rechte mitzuwirken. […]

Wie konnte er sich mit diesem Menschen, Dr. Frank, überhaupt einlassen, der zur selben Zeit erklärte, der ›Begriff der Rasse müsse zum Rechtsbegriff gemacht werden‹, wie am 22. Juli zu lesen war.

Zu gleicher Zeit wurden schon die Gruppen der Anthroposophischen Gesellschaft (zum Beispiel in Essen) aufgehoben nach einem gewissen Paragraphen ›zum Schutz des Staates‹ und das Vermögen konfisziert.[46] Und da hoffte Dr. Boos noch, gewisse Staatsleute in Berlin an der bevorstehenden Tagung in Berlin zu interessieren […]

Ich konnte von einer solchen Tagung nicht viel erwarten. Und so überließ ich ihm den Plan. Frau Dr. Steiner sagte zu, Frau Dr. Wegman lehnte ab. Es entstand ein Hin und Her […] Man musste fürchten, dass man Politik treiben würde, da auch Nichtmitglieder eingeladen werden sollten. Und Dr. Boos selbst gab, wie sein Brief bewies, keine Gewähr, dass Politik ferngehalten würde, Überall waren schon Spitzel tätig. Kurz, die Tagung erwies sich als Danaergeschenk.

Tags darauf (am 23. Juli 1933) sandte Boos seinen Vorschlag für die Michaelitagung zu Händen des gesamten Vorstandes an Steffen und ging auf dessen Bemerkungen zu seinem Brief an Frank ein[47]. Er habe diesen »als Privatmann« geschrieben und deswegen den Vorstand nicht vorab informiert. Da er außerdem »keine Spur einer Bindung« (wohl an die anthroposophische Gesellschaft) enthalte, müsse er Steffens Befürchtung »ablehnen«, dem Brief komme eine »schicksalsmäßige Tragweite» für ihn selbst oder die anthroposophische Gesellschaft zu. »Zu einem Vorweg-Hineindenken von ›Schicksal‹ in ein Gebiet meines freien Handelns kann ich unmöglich Ja sagen«, so Boos.

Die Initiative von Boos und Englert zur Gestaltung der Michaelitagung stieß in ein beträchtliches Vakuum, das durch die Zerwürfnisse im Vorstand entstanden war. Und so fand die Tagung schließlich vom 29. September bis 6. Oktober 1933 trotz der von Elisabeth Vreede geäußerten und von Steffen empfundenen Bedenken statt. Da sie sich »in der Hauptsache mit Schweizer Nationalthemen« beschäftigte, erregte sie die Aufmerksamkeit der Basler »National-Zeitung«, die über die Veranstaltung berichtete.[48]

Vorheriger Beitrag: Der Konflikt zwischen Marie Steiner und Albert Steffen (1)

Fortsetzung: Der Streit um den Schweizer Waldorfpionier Friedrich Eymann


Anmerkungen:

[1] Zitiert nach Paul Bühler, 1938-1946 am Goetheanum. Eine Verteidigung aus Notwehr, Dornach 1947, S. 81 ff.

[2] Otto von Gierke, Das deutsche Genossenschaftsrecht, Berlin 1868-1913.

[3] Die Frage nach dem Volksgeist und seinem Verhältnis zu Recht und Staat war übrigens noch um 1912 ein unter Juristen lebhaft diskutiertes Problem. Siehe: Hermann U. Kantorowicz, Volksgeist und historische Rechtsschule, in: Historische Zeitschrift, Bd. 108, H. 2 (1912). S. 295-325 sowie die Vortragsreihe Steiners Die Mission einzelner Volksseelen im Zusammenhange mit der germanisch-nordischen Mythologie, die 1910 in Kristiania stattfand (GA 121). Vor dem Hintergrund dieser rechtshistorischen Diskussion stand Steiner auf der Höhe seiner Zeit und war ihr insofern sogar voraus, als er den schon von Montesquieu und Voltaire diskutierten Volksgeist, der durch Jean Paul und Hegel (Volksreligion und Christentum, 1793) in die deutsche Sprache eingeführt wurde, nicht nur als Theoriebegriff, sondern als Wesen auffasste. In seiner Rechtsphilosophie (§ 352) sprach Hegel davon, die Volksgeister stünden als »die Vollbringer seiner Verwirklichung« und »Zeugen und Zierrathen seiner Herrlichkeit« »um den Thron des Weltgeistes«. Vgl. dazu Steiner am 13. September 1914 in München: »Da finden wir den Weg zum Volksgeist, dem wir zugehören, und den Weg von diesem Volksgeist zur Zwiesprache des Volksgeistes mit dem Christus, der der Lehrer aller Volksgeister ist. Und wenn sie sich in diesem Christus zusammenfinden, werden sich die Volksgeister in der richtigen Art zusammenfinden, da all diese Volksgeister, die die Völker richtig führen […], den Christus als den Lehrmeister betrachten«. GA 174a, Dornach 1982, S. 23.

[4] Kantorowicz 1912, a.a.O., S. 302.

[5] Otto v. Gierke, Der germanische Staatsgedanke, Vortrag vom 4. Mai 1919, Berlin 1919, S. 6 f.

[6] Roman Boos, Der Gesamtarbeitsvertrag nach schweizerischem Recht. Deutsche Geistesformen deutschen Arbeitslebens, München 1916.

[7] 6.8.1916, Schlussworte zum Vortrag von 6.8.1916 in GA 177, Dornach 1999, S. 284; 21.10.1917, GA 177, S. 207 u.ö.

[8] Boos hatte eine Denkschrift mit dem Titel Grundsätze zu sachlicher Aufbaupolitik verfasst, die das Trio Steiner am 25. Januar 1919 in Dornach vorlegte. Dieser hielt jedoch nicht viel von den darin enthaltenen Vorschlägen und meinte: »Wir können nicht mehr an Altes anknüpfen, sondern wir müssen von uns aus ganz Neues bringen, das auf sich selber steht. Ich werde Ihnen ein Dokument geben […]«. Das »Dokument« war der Aufruf an das deutsche Volk und die Kulturwelt, den er den drei Herren am 2. Februar überreichte. Am 3. Februar begann Steiners öffentliche Vortragstätigkeit für die soziale Dreigliederung in der Schweiz mit den in der folgenden Anmerkung genannten Vorträgen.

[9] Rudolf Steiner, Die soziale Frage, 6 Vorträge, Zürich, 3.02.-8.03.1919, GA 328.

[10] Der erste Hochschulkurs fand vom 26.09-16.10.1920 statt. Am 26. September 1920 wurde das Goetheanum eröffnet. Aus dem ersten Dornacher Hochschulkurs ist die Vortragsreihe Steiners über Grenzen der Naturerkenntnis veröffentlicht, GA 322. Der zweite Hochschulkurs dauerte vom 3.-10.04.1921. Siehe: Die befruchtende Wirkung der Anthroposophie auf die Fachwissenschaften, GA 76.

[11] Steiner am 13.6.1920, in GA 197, Dornach 1996, S. 69.

[12] Der Vortrag vom 5. Juni 1920, der sich mit den von den Pfarrern von Arlesheim und Dornach in die Welt gesetzten Verleumdungen auseinandersetzte, ist in Die Anthroposophie und ihre Gegner, GA 255b, S. 92 ff, Dornach 2003 veröffentlicht worden.

[13] Der Versailler Friedensvertrag wies Deutschland die alleinige Schuld am I. Weltkrieg zu und auferlegte ihm gewaltige Reparationszahlungen.

[14] Boos schreibt in seinem Brief das Vorhaben Steiners irrtümlicherweise dem Jahr »1917« zu. Die Planungen für die Errichtung einer Pressestelle in Zürich waren im Juli 1916 weit gediehen und die Absage erfolgte im letzten Moment durch die Oberste Heeresleitung, also Ludendorff. Siehe Markus Osterrieder, Welt im Umbruch, Stuttgart 2014, S. 1178 f.

[15] Zitat nach Bühler, 1947, S. 81 ff.

[16] Diese Geschichte wird vom Herausgeber des Bandes 337 b der Gesamtausgabe (Alexander Lüscher) etwas anders erzählt (S. 353f): Schon im Dezember 1920 hatten Gespräche im Hinblick auf die Gründung einer vom Goetheanum ausgehenden Wochenschrift stattgefunden. Roman Boos war die treibende Kraft bei dieser Initiative. Am 3. Mai 1921 teilte er in einem Rundschreiben mit: »Die Zeitschrift würde herausgegeben von Albert Steffen und dem Unterzeichneten. Dr. Steiner würde regelmäßig mitarbeiten. […] Es fehlt uns nur noch die ökonomische Unterlage für die Herausgabe«. Diese wurde durch die Futurum A.G. geschaffen, die am 1. August 1921 eine neue Abteilung gründete, den »Verlag am Goetheanum«. Am 21. August 1921 erschien in diesem Verlag die erste Nummer der geplanten Zeitschrift unter dem Titel Das Goetheanum. Internationale Wochenschrift für Anthroposophie und Dreigliederung. Alleiniger Redakteur war Albert Steffen; in einer Sitzung vom 5. Juli 1921 war ihm von Rudolf Steiner diese Aufgabe übertragen worden. Boos war aufgrund seiner Erkrankung im Mai 1921 als Mitarbeiter ausgefallen – und nicht etwa, wie Steffen behauptete, weil Steiner nichts »Gutes« mehr von ihm erwartete.

[17] Veröffentlicht in Bühler, 1947, S. 21 f.

[18] Steffen bezieht sich auf die Polemik von Boos gegen den Arlesheimer Pfarrer Max Kully, einen demagogischen Gegner der Dornacher Anthroposophen. Boos schrieb in der von ihm herausgegebenen Broschüre Die Hetze gegen das Goetheanum unter anderem: »In Reinach und Arlesheim amtieren der moralischen Abscheu preisgegebene Männer als Geistliche. Diese Tatsache hört in dem Augenblick auf, eine interne Angelegenheit der katholischen Kirche zu sein, in dem diese unwürdigen Geistlichen nach außen als Kämpfer auftreten. In einem solchen Augenblick wird es eine Frage, die das ganze Volk, nicht nur den katholischen Volksteil angeht: ob die Katholische Kirche es duldet, dass das von ihr zu vergebende Priesteramt verwendet wird, um Verleumdungen, moralischen Giftmischereien und gewissenlosen Volksverhetzungen autoritative Sakrosanktion zu geben. Der Herausgeber dieser Broschüre bezichtigt Pfarrer Arnet von Reinach und Pfarrer Kully von Arlesheim eines solchen Missbrauchs ihres Priesteramtes«. Die Veröffentlichung dieser Polemik veranlasste Kully und Arnet zu einer Klage »wegen Beschimpfung durch das Mittel der Druckpresse«.

Ein erstes Verfahren vor dem Amtsgericht Dornach endete am 21. Mai 1921 mit einer Verurteilung von Boos. Am 22. Dezember 1921 wurde das Urteil durch das Obergericht des Kantons Solothurn bestätigt und verschärft. Die von Boos herausgegebene Broschüre musste aus dem Verkehr gezogen werden. Zum Zeitpunkt seiner ersten Verurteilung war Boos bereits erkrankt; möglicherweise stand die Erkrankung auch im Zusammenhang mit der Verurteilung. –Steffen äußerte sich 1923 in einem Artikel über Leisegang und seine Gewährsleute in Das Goetheanum noch durchaus positiv über Boos. Hier schrieb er, dieser habe »als echter Protestant in des Wortes ursprünglichster Bedeutung gehandelt … Ulrich von Hutten und Martin Luther hätten ihre Freude an ihm gehabt«. Zitiert nach Lili Kolisko, Eugen Kolisko. Ein Lebensbild, Gerabronn-Crailsheim 1961, S. 78.

[19] Bühler, 1947, S. 86.

[20] Boos, Michael gegen Michel. Katharsis des Deutschtums 1914-1925, Verlag für freies Geistesleben, Basel 1926.

[21] Ebd., S. 18-19.

[22] Möglicherweise spielt Boos damit auf die Exusiai, die Geister der Form oder Gewalten, die geistigen Leiter der gesamten Menschheitsentwicklung an, in deren Dienst die Zeit- und Volksgeister (Archai und Archangeloi) stehen.

[23] Ebd., S. 18-19.

[24] Ebd., S. 91. Mit dieser spezifischen Variante einer Dolchstoßlegende spielt Boos auf die Eingriffe Wilhelm II. in den Ablauf der Mobilmachung an, die Moltke »bis ins Mark« erschütterten.

[25] Ebd., S. 94.

[26] Ebd., S. 58-59. Der Ausdruck »gewaltiges Gedankenwesen« greift die Anspielung auf die Geister der Form auf.

[27] Ebd. S. 60.

[28] Ebd., S. 69-70.

[29] Ebd., S. 97-98.

[30] Roman Boos, Thomas von Aquino. Übersetzungen – Aufsätze – Vorträge, Schaffhausen 1959.

[31] Lili Kolisko, Lebensbild, S. 164 ff.

[32] Kolisko, Lebensbild, S. 167.

[33] Von Gilgamesch über Mysa, Alexander den Großen, Sigune und Reginald von Piperno zu Ita Wegman. Siehe: Postume Rehabilitation – Ita Wegman und die Menschheitsaufgabe Rudolf Steiners

[34] Kolisko, Lebensbild, S. 171.

[35] Kolisko, Lebensbild, S. 215 f.

[36] Kolisko, Lebensbild, S. 219 f

[37] So 1921 und 1934. Bühler schrieb 1947 über diesen Aspekt seiner Persönlichkeit: »Immer wieder zeigte sich in der Tätigkeit von Herrn Dr. Boos, dass seine Aktivität … abgelöst wurde durch einen Zustand der Depression und der Selbstanklage. Ein solcher Zustand kam zum Ausbruch in der Dreigliederungszeit 1921 und warf Dr. Boos aus der Arbeit«. Zu 1934: »Er kam 1934 eines Tages zusammengebrochen, müde nach Dornach zurück. Herr Dürler, Frau Kutscher und Herr Dr. Bopp meldeten Herrn Steffen und Herrn Dr. Wachsmuth, die Krise von 1921 habe sich bei Dr. Boos wiederholt. Es sei eine gefährliche Psychose«. Vgl. Bühler, 1947, S. 73 und S. 75. Über die Aktivitäten von Boos im nationalsozialistischen Deutschland heißt es bei Bühler, S. 74 (zu berücksichtigen ist, dass Bühlers Pamphlet 1947 erschien und sich die folgenden Bemerkungen auf Vorgänge im Jahr 1933-34 beziehen): »Er versprach sich viele Möglichkeiten von dem Anbruch der neuen Ära. Er reiste in Deutschland und hielt Vorträge und Tagungen ab, wozu er nationalsozialistische Persönlichkeiten einlud. Ja, er widmete, während die Gräueltaten der SS und der Gestapo bekannt wurden und jedem freien Menschen das Prinzip des Nationalsozialismus klar als etwas Antichristliches erschien, sein Buch über die Neugeburt des deutschen Rechtes unter anderem den Aufgaben der deutschen Akademie für Recht und suchte Eingang bei Justizkommissar Dr. Frank, der dann so berüchtigt wurde. Anthroposophische Mitglieder in Deutschland fühlten sich von Dr. Boos in ihrem Geisteskampf gegen den Ungeist des neuen Regimes verraten«.

[38] Zitiert nach Bühler, 1947, S. 26 f.

[39] Als Mitwirkende waren ins Auge gefasst: Roman Boos, Max Leist, Friedrich Häusler, Hans Jenny, Conrad Englert, Friedrich Eymann, Paolo Gentilli, Hans Zbinden, Willi Aeppli, Theodor Lauer, Ernst Uehli, Willi Stokar, Johannes Waeger und Günther Schubert.

[40] Der 1894 in Basel geborene Lang war Autor und einer der führenden Theoretiker des Schweizer Frontismus, einer völkisch-nationalistischen Parallelbewegung zum italienischen Faschismus und zum Nationalsozialismus, die sich als Teil der internationalen Abwehrfront gegen den Bolschewismus betrachtete. Ab 1931 vertrat Lang öffentlich die These, das demokratische Prinzip habe sich in der Schweiz überlebt und an dessen Stelle werde aufgrund eines von ihm formulierten Gesetzes des »historischen Kontrapunktes« wiederum das aristokratische Prinzip einer »gestuften Ordnung« treten. An diesem welthistorischen Prozess seien Faschismus und Nationalsozialismus wesentlich beteiligt.

[41] Der 1893 in Zürich geborene Schmidhauser, 1919-1923 Präsident des Schweizerischen Schriftstellerverbandes, gehörte ebenfalls der Nationalen Front an. 1933 veröffentlichte er bei der Hanseatischen Verlagsanstalt in Hamburg ein Buch mit dem Titel: Der Kampf um das geistige Reich. Bau und Schicksal der Universität.

[42] Zitiert nach Bühler, 1947, S. 25.

[43] Brief von Steffen an Boos, Samstag, 22. Juli 1933, zitiert nach Bühler, 1947, S. 29.

[44] Veröffentlicht in Bühler, 1947, S. 21 f.

[45] Gemeint sind die Vorträge, die Boos vom 7. bis 9. Juni 1933 in Berlin hielt.

[46] Hilmar von Hinüber und Carl Stegmann, Pfarrer der Christengemeinschaft und Mitglieder der anthroposophischen Gesellschaft, hatten in Essen 1931 eine Arbeiterbildungsschule gegründet und gaben die Zeitschrift Entscheidung. Freie Blätter für sozial-religiöses Wirken heraus. Die Schule wurde 1933 von der politischen Polizei als angeblich kommunistische Einrichtung geschlossen, die Zeitung verboten. Die Schließung führte zu Überprüfungen im Essener Zweig der Gesellschaft. Carl Stegmanns Einweisung in ein Konzentrationslager konnte in letzter Minute verhindert werden. Siehe Uwe Werner, Anthroposophen in der Zeit des Nationalismus 1933-1945, München 1999, S. 40-41. Das Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland wurde polizeiintern am 1. Juni 1934 beschlossen, aber erst am 1. November 1935 in Kraft gesetzt.

[47] Zitiert nach Bühler, 1947, S. 29-30.

[48] Laut Lili Kolisko, Lebensbild, S. 427. Am 29. September 1933 fand eine Aufführung des Mysteriendramas »Der Seelen Erwachen« statt, es folgten Vorträge über »Tragödien der Staatskunst im Werk von Conrad Ferdinand Meyer« (Boos), »Johannes von Müller (1752‑1809)« (Willy Stokar), die »Ursprünge der Schweiz auf dem Hintergrund des italienischen Mittelalters« (Friedrich Häusler), »religiösen Lage« (Eymann), »Zwingli und die Gegenwart« (Robert Spörri), den »Emmentaler Bauerngeistboden« (Max Leist), »Aperçus zum Problem der Nationalerziehung. Pestalozzi‑Fichte« (Curt Englert) und den »Mosaiken von Ravenna« (Ernst Uehli), zusätzlich las Steffen aus seinen Werken, es gab Aufführungen von Szenen aus Goethes Faust, aus dem »Sturz des Antichrist« von Steffen, eine Eurythmieaufführung und Darbietungen des Sprechchors. »Frontisten« wirkten keine mit. Das Programm der Tagung ist im Nachrichtenblatt, Nr. 37, 10. Jg, 10. September 1933 auf S. 148 abgedruckt.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie den anthroblog durch eine Spende!


Ich will zwei- bis dreimal im Jahr über neue Beiträge im anthroblog informiert werden!

Datenschutzerklärung


Literatur:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.