Der Konflikt zwischen Marie Steiner und Albert Steffen (7) – Eskalation und »Verrat« 1942

Die Menschenschule, Cover 1942

Eskalation des Konfliktes um Eymann

Im Januar 1942 wurde, wie bereits erwähnt, in Bern die »Freie Pädagogische Vereinigung« gegründet. [1] Hintergrund war die Tatsache, dass sich die Berner Gegner der Anthroposophie und Rudolf-Steiner-Pädagogik keineswegs mit der Entlassung Eymanns zufrieden gaben, sondern alle Lehrer aus Staatsschulen entfernen wollten, die diese Pädagogik praktizierten. Binnen vier Jahren nach Eymanns Ausschaltung wollte man dieses Ziel erreichen.[2]

Die Vereinigung stellte sich drei Aufgaben: die Organisation und Koordination der Abwehr gegen die staatliche Säuberung, ein gründliches Studium der Erkenntnisgrundlagen der Waldorfpädagogik, das sicherstellen sollte, dass sich keine oberflächlichen Mitläufer zu Unrecht auf sie beriefen und eine Untersuchung der Frage, in welchem Umfang diese Pädagogik im Rahmen des staatlichen Lehrplans verwirklicht werden konnte. Dies brachte Eymann auch am 26. Februar 1942 in einem Brief an Marie Steiner zum Ausdruck. Bei der Gründungsversammlung tags zuvor wurden Friedrich Eymann, Ernst Bühlmann, Huldreich Schüpbach, Max Leist, Ernst Bühler, Walter Berger, Emilie Näf, Rudolf Saurer, Robert Pfister, Werner Jaggi, Elisabeth Zurbuchen und Willy Hug in den Vorstand berufen; Schüpbach übernahm das Amt des Präsidenten.

Den ersten beiden Artikeln der Statuten ist zu entnehmen, dass die Vereinigung die »von Pestalozzi geforderte und von Steiner begründete Erziehungsweise fördern und ausbauen« sollte, und dass eine Mitgliedschaft in ihr nicht die Mitgliedschaft in der anthroposophischen Gesellschaft voraussetzte. Wörtlich hieß es in Artikel 2: »Die Vereinigung stellt sich grundsätzlich positiv zur Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft als einer Gründung Rudolf Steiners, überlässt es aber der Freiheit des einzelnen Mitgliedes, wie es sein Verhältnis zur Gesellschaft bestimmen will«.[3]

Albert Steffen erfuhr von dieser Gründung zuerst durch Gerüchte und empfand die Tatsache, dass er von den Gründern nicht um Erlaubnis gebeten oder über die Gründung vorab informiert worden war, erneut als »Negation« durch Eymann. Marie Steiner hingegen begrüßte die Initiative und unterstützte sie. Steffen zog aus dieser erneuten »Negation« seiner Amtsautorität als Vorsitzender der Gesellschaft die Konsequenz, keine Veranstaltungen Eymanns mehr im Nachrichtenblatt anzukündigen. Zu seiner Panik angesichts dieser Gründung dürfte auch beigetragen haben, dass die Vereinigung sich in Sektionen gliederte, so wie die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft. Bei diesen »Sektionen« handelte es sich allerdings um pädagogische Fachsektionen[4], die nicht im entferntesten etwas mit den Sektionen der Freien Hochschule zu tun hatten. Der Gebrauch des Ausdrucks »Sektion« für örtliche oder sachliche Arbeitsgruppen war in der Schweiz weit verbreitet.

Da war es nur noch der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, als im März zum 75. Geburtstag Marie Steiners ein Artikel Curt Englert-Fayes in der Zeitschrift Menschenschule erschien, in dem man lesen konnte, »sie allein« repräsentiere »die Kontinuität der anthroposophischen Bewegung«, ja sie verkörpere »deren innersten Lebenskern« und sei die »tragende Mittelsäule der Anthroposophischen Gesellschaft, das Zentrum der Bewegung«.[5]

Wörtlich hieß es: »Sie hat das Werk des Geistesforschers von den ersten Anfängen an mitgefördert und mitgetragen durch alle Phasen, in allen Sphären und Dimensionen, wie kein anderer Mensch unter den vielen, die sich im Laufe der Zeit in der anthroposophischen Bewegung zusammengefunden haben; sie hat das Schicksal des Geistesforschers geteilt«. Dies schloss auch Albert Steffen ein, was der Verfasser ausdrücklich hervorhob: »[…] was verdankt nicht der bedeutendste unter den gegenwärtig lebenden Dichtern der Schweiz, Albert Steffen, der Bühne des Goetheanums! Welchem anderen Dramatiker sind solche Möglichkeiten geboten zur Verkörperung seiner Schöpfungen!« Auch die Pädagogik Steiners sei ein »Hauptgegenstand ihrer Sorge«: »Daraus«, so Englert-Faye, »erwuchs der Impuls, dem pädagogischen Zweige der Anthroposophie den Platz am Goetheanum einzuräumen, der ihm zu seinem Gedeihen zukommt. So kam es zur Gründung der Pädagogischen Arbeitsgruppe am Goetheanum, dem Schauplatz dieser Bemühungen«. Auch die Verdienste um den »Nachlass des Geistesforschers« wurden gebührend gewürdigt. Der hymnische Aufsatz endete mit den Sätzen: »Das ganze Schicksal der Bewegung hat Marie Steiner, ihren Anfängen getreu, auch nach dem Tode des Geistesforschers weiter getragen, deren innersten Kraft verbunden und dieselbe in Haltung und Handlung betätigend. Sie hat ihre ganze Existenz eingesetzt, dass die Bewegung so sich gestalte und verhalte, wie es sich dieser als dem historischen Organ für das Werk des Geistesforschers gebührt.

Marie Steiners Hingabe ist restlos, ihr Einsatz ohne Vorbehalt, ihr Opfer ganz.

So hat sie, die Mitarbeiterin und Begleiterin Rudolf Steiners, durch die Art, wie sie ihr Schicksal ganz mit seinem Werke verbunden hat, dies Werk auch nach seinem Tode schöpferisch fortgeführt. Darum ist sie bis heute die alles tragende Mittelsäule der anthroposophischen Gesellschaft, das Zentrum der Bewegung«.

Die Anhänger Albert Steffens, die in ihm den Träger der Kontinuität der anthroposophischen Bewegung und das Zentrum dieser Bewegung sahen, waren über den Artikel empört. Noch 1947, im Pamphlet Paul Bühlers, der schon zu den Verfassern der unsäglichen Denkschrift von 1935 gehört hatte, vibrierte diese Empörung nach, wenn er Steffen als das »spirituelle Organ des Geistesduktus der Weihnachtstagung« bezeichnete, dem es gelungen sei, »durch die 21 Jahre seiner Tätigkeit als Vorsitzender« hindurch »kraft seiner geistigen Persönlichkeit« »die reale Geistigkeit, die als ununterbrochener Strom« durch ihn zum Ausdruck komme, »durch die Gefahren einer kombinierungssüchtigen Esoterik wie durch die Gefahr des Dogmatismus, der Agitation und des Epigonentums hindurchzuretten« und zu verhindern, »dass wir eine Sekte mit einer Theaterinstitution wurden«.[6]

Am 25. April 1942 erhielt Steffen einen Brief von Huldreich Schüpbach, dem Präsidenten der Freien Pädagogischen Vereinigung, der ihn offiziell von deren Gründung in Kenntnis setzte. Dem Brief waren die Statuten und ein Mitgliederverzeichnis beigefügt. Am 29. April bedankte sich Steffen für die Post, hatte indes auch einiges zu bemängeln: »Es ist dies«, so schrieb er, »die erste offizielle Kenntnis, die ich davon erhalte. Nur indirekt habe ich vorher davon erfahren.[7] Soviel ich weiß, ist auch die Pädagogische Arbeitsgruppe am Goetheanum nicht benachrichtigt worden.

Es ist dies sehr unhöflich und sehr unkorrekt von Ihnen. Das letztere deshalb, weil in den Statuten, die Sie mir schicken, von der Anthroposophischen Gesellschaft die Rede ist. Als Vorsitzender derselben bin ich verpflichtet, Sie darauf aufmerksam zu machen. Die Distanzierung Ihrer Vereinigung mir gegenüber erlaubt mir nichts Weiteres zu sagen«[8]

Da sich die Vereinigung weder als »anthroposophisch« erklärt, noch öffentlich vom Vorsitzenden der Gesellschaft distanziert hatte, könnte man meinen, Steffen habe den Eindruck, sie habe sich von ihm »distanziert«, aus dem zweiten Artikel ihrer Statuten gewonnen, wonach es Mitgliedern der Vereinigung freigestellt war, wie sie »ihr Verhältnis zur [anthroposophischen] Gesellschaft« bestimmten. Wie sich jedoch aus einer schriftlichen Mitteilung entnehmen lässt, die er am 25. April an Marie Steiner sandte, empfand er bereits die Tatsache, dass er nicht vorab von dieser Gründung in Kenntnis gesetzt – womöglich um Erlaubnis gebeten – worden war, als »Distanzierung«, »die an Deutlichkeit nichts fehlen ließ«.

Am 19. Mai 1942 teilte Marie Steiner Steffen brieflich mit, die Pädagogische Vereinigung habe sie gebeten, bei ihrer nächsten Zusammenkunft in Bern einen Rezitationsabend zu veranstalten.[9] Da sie sich nicht denken könne, er »missgönne« den Künstlern wegen einiger »Spannungen« ihren Auftritt, habe sie zugesagt. Tags darauf, bei einer Vorbesprechung der Sommertagung erfuhr Steffen, dass bei dieser Zusammenkunft eine Aufführung seines Dramas Fahrt ins andere Land geplant war und zwar im Anschluss an einen Vortrag Eymanns und die Rezitation, die Marie Steiner angekündigt hatte. »Es scheint, als ginge ich mit dem Mann, der mich negiert, eins, als hätte ich einen Kompromiss mit der Unwahrhaftigkeit geschlossen«, notierte Steffen in sein Tagebuch.[10]

Am 21. Mai antwortete Steffen Marie Steiner mit einem langen Brief auf ihre Anfrage, in dem er seine Sicht der Dinge, insbesondere sein Verhältnis zu Eymann charakterisierte.[11] Darin führte er u.a. aus: »Selbstverständlich gönne ich es jedem, sich zu betätigen, wo Möglichkeiten dazu vorhanden sind, auch dort, wo eine Opposition gegen mich zum Ausdruck kommt, wie dies bei Herrn Professor Eymann infolge der Ballmerschrift in der Außenwelt angenommen wird.[12] […] Wie sich denn überhaupt sagen lässt, dass ich in keinem einzigen Falle das freie Geistesleben irgendwie gehindert hätte, selbst wenn ich nicht damit (mit dem Inhalt einzelner Vorträge usw.) einverstanden war.

Bei dieser Sache handelt es sich […] um die Weihnachtstagung und das Verhältnis, das Professor Eymann der an ihr begründeten Anthroposophischen Gesellschaft gegenüber einnimmt. Ich war als Vorsitzender verpflichtet, mich darüber zu äußern. […] Das letzte, was ich als nicht korrekt bezeichnen musste, war die Nichtbenachrichtigung der Gründung der Freien pädagogischen Vereinigung, während doch in den Statuten derselben die Rede von der Anthroposophischen Gesellschaft ist. […] Offiziell wurde mir ihr Bestehen erst drei Monate später durch den Präsidenten, Herrn Schüpbach, mitgeteilt.[13]

Ich musste dies als Distanzierung von Professor Eymanns Kreis hinnehmen, die an Deutlichkeit nichts fehlen ließ, dies um so mehr, als solche Nichtbenachrichtigungen in Dingen, welche für die Anthroposophische Gesellschaft lebenswichtig sind, immer wieder vorgekommen waren.

In der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz wird dieses Verhalten dahin beurteilt, dass ihr Generalsekretär als quantité negligeable betrachtet wird. Da Professor Eymann nicht Mitglied ist, kann ihm daraus kein Vorwurf gemacht werden. […]

Ich werde die mir wiederholt zu Gemüte geführte Distanzierung auch meinerseits innehalten. Sie scheint für Professor Eymann und mich das Schicksalsgegebene.

Der Zufall wollte es, dass mir gerade gestern – nach der Programmberatung – die Ankündigung der Veranstaltungen der Freien pädagogischen Tagung gezeigt wurde. Auf dem Zettel stand auch die Ankündigung der ›Fahrt ins andere Land‹ gedruckt. Auch dieses Mal wurde ich nicht gefragt. Nun läuft also einerseits die Broschüre Ballmers weiter umher, von Professor Eymann empfohlen, worin mein Name in Misskredit[14] gesetzt wird, und andererseits wird dieser Name auf das gleiche Blatt gesetzt wie der Name Professor Eymanns. Darin liegt für mein Empfinden etwas Unwahres.

[…] Meiner Ansicht nach wäre es besser, wenn man die nun einmal von Professor Eymann dargelebte und von mir entgegengenommene Distanzierung achten würde. Es gibt nun eben in der anthroposophischen Bewegung zwei Strömungen, und man muss sich damit abfinden. Ich suchte es zu verhindern, aber die Tatsachen beweisen, dass ich damit nicht Erfolg hatte. Der Beweggrund meiner Handlungsweise ist in dem Bestreben zu suchen, im Sinne der Weihnachtstagung zu wirken«.

Wie die »Schweizer Landesgesellschaft« zu Steffen stand, geht aus Berichten über eine Besprechung der Vorstände der Schweizer Zweige hervor, die am 23. Mai (zu Pfingsten) stattfand. Bei dieser Versammlung standen die aktuellen »Skandale« im Mittelpunkt: die Freie Pädagogische Vereinigung, die Ballmer-Broschüre und die »Umtriebe« Professor Eymanns.

Laut Steffen stellte sich heraus, dass Marie Steiner von Eymann über die Gründung der Freien Pädagogischen Vereinigung informiert worden sei, nicht aber er, Wachsmuth oder die Pädagogische Arbeitsgruppe am Goetheanum,[15] d.h. die Basler Angehörigen dieser Arbeitsgruppe. Auf den Vorwurf Hans W. Zbindens, der ebenfalls an dieser Besprechung teilnahm, Steffen behindere die anthroposophische Arbeit durch seine Forderungen nach Rücknahme der Ballmer-Broschüre, entgegnete dieser, die Broschüre bringe durch »entstellte Zitate« die anthroposophische Gesellschaft »in Misskredit«. Trotz des Unrechts, das Eymann begangen habe, indem er sie weiter vertreibe, könne er in jedem Zweig auftreten. Aber Folge des begangenen Unrechts sei, dass er, Steffen, Eymanns Vorträge nicht mehr im Mitteilungsblatt ankündigen könne. Marie Steiner dürfe solche Ankündigungen als Sektionsleiterin selbstverständlich veröffentlichen. Zwar lasse er Eymann jede Freiheit, könne ihn aber nicht auch noch dabei unterstützen, wenn er die Gesellschaft angreife.[16] Steffen sah sich veranlasst, die »Vertrauensfrage« zu stellen und bot seinen Rücktritt für den Fall an, dass dies gewünscht werde. Emil Anderegg (1903-1967), Mitglied im Großen Rat des Kantons St. Gallen und Vorstandsmitglied der Schweizer Landesgesellschaft, sprach Steffen ebenso sein Vertrauen aus, wie der Basler Zweig und Emil Grosheintz. Zbinden hingegen insistierte auf seiner Kritik. Als er nicht locker ließ, warf Steffen ihm vor, er wolle einen Keil zwischen Marie Steiner und ihn treiben.

»Eindeutig hatte ich erkannt«, so Steffen später, »dass ich in ihm [Zbinden] einen Feind hatte. Nach dieser Sitzung war ich dem Schicksal dankbar, dass ich keine Klage gegen Frau M. Steiner vorgebracht, sondern sie verteidigt hatte. Ich habe ohne Zweifel eine Katastrophe, die drohte, verhindert. Die Arbeit geht weiter. Aber mein Herz ist gebrochen«.[17]

Auch Ballmer wurde von Steffen als persönlicher Gegner dargestellt, an dessen Geistesverfassung man zweifeln müsse, ebenso wie an jener von Boos. Was das Urteil über diese Geistesverfassung anbetreffe, könne er sich sogar auf eine Diagnose von Zbinden stützen. Diese Gegnerschaft habe Ballmer bereits 1934 durch einen Brief bewiesen, in dem er eine »Todesdrohung«[18] gegen ihn (Steffen) ausgesprochen habe. Ballmer habe Steffen für den Ausschluss Ita Wegmans und Elisabeth Vreedes verantwortlich gemacht, dabei hätten sich diese »selbst ausgeschlossen«. Nun »verherrliche« Ballmer in seiner Broschüre auch noch Walter Johannes Stein, Marie Steiners einstigen Hauptfeind.[19]

Der »Verrat am Vorstandsgedanken« im Sommer 1942

Dem Streit um die Gestaltung der Sommertagung 1942 und um Vorträge, die Boos parallel zu den Veranstaltungen dieser Tagung im Glashaus in Dornach halten wollte, ging ein Vorgeplänkel voraus, das sich um die Ankündigung einer Tagung drehte, die Boos zusammen mit Eymann in Basel veranstaltete. Diese Tagung fand vom 26. bis 28. Juni statt. Boos hatte am 11. Juni darum gebeten, im Nachrichtenblatt der Gesellschaft auf sie hinzuweisen. In den folgenden Wochen suchte er allerdings vergebens nach einem solchen Hinweis. Über die Ankündigungen der von Boos geleiteten »Sozialwissenschaftlichen Vereinigung am Goetheanum« war nach der Generalversammlung 1941 ein Kompromiss geschlossen worden, der darin bestand, dass Boos vier Durchschläge anfertigen sollte, wovon einer für das Sekretariat zum Abdruck im »Mitteilungsblatt« bestimmt war, die restlichen für die drei Vorstandsmitglieder. Eine Ankündigung sollte abgedruckt werden, sofern nicht eines der Vorstandsmitglieder Einspruch erhob.

Steffen wurde durch diese neuerliche Ankündigung vor ein unlösbares logisches bzw. ethisches Dilemma gestellt. Darüber berichtete er am 17. Oktober 1942 in einem Brief an Marie Steiner:[20] »Dr. Boos schickte mir ein Wochenendprogramm der Sozialwissenschaftlichen Vereinigung mit der freien Arbeitsgemeinschaft, worin auch Prof. Eymann Vorträge hält, für das Mitteilungsblatt.

Ich komme dadurch in folgenden Konflikt. Erstens ist vereinbart worden, dass Dr. Boos seine Veranstaltungen machen kann, wenn kein Vorstandsmitglied Einspruch erhebt, und ich erhebe keinen. Zweitens habe ich gesagt, dass ich keine Mitteilungen von Prof. Eymann aufnehme. Auf jeden Fall kann ich mein Wort nicht halten. Ich muss, was ich auch tue, unwahr sein. Und zwar ohne meinen Fehler«.[21] Das von Steffen beschriebene Dilemma löste bei ihm laut Tagebuch eine schwere Herzattacke aus: »Mein Herz setzte aus, so dass man an eine Kampferspritzung dachte. Aber ich wies die Ampulle weg und las das Buch: ›Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?‹ von Anfang bis zu Ende durch, was mich, wie so oft schon wiederum heilte.

Ich überlasse das ärztliche Urteil Dr. [Hans] Jenny, der mich behandelte, möchte aber sagen, dass ich solche Anfälle schon früher bekommen hatte, aber immer nur, wenn mich Menschen in eine Situation gebracht hatten, wo es mir unmöglich wurde, wahr zu bleiben. Das gleiche wiederholte sich dann an der Sommertagung. […] Für mich sind solche Erfahrungen insofern wertvoll, als dadurch die Erkenntnis Rudolf Steiners erprobt wird, dass nämlich das Herz nicht nur ein physisches, sondern auch ein geistiges Organ ist. Schon deshalb möchte ich den Leuten, die mich in solche Lagen manövrieren (meist ohne dass sie es merken), dankbar sein.

Aus dieser Klemme befreite mich ein Telefongespräch mit Herrn Dr. Wachsmuth, der damals in Ascona in den Ferien weilte, von sich aus anläutete und sagte, dass er nicht einverstanden sein könne mit dem Erscheinen der Boos’schen Ankündigung im ›Goetheanum‹. So unterblieb sie denn«.[22]

Am 26. Juni schickte Boos eine weitere Ankündigung von vier Vorträgen, die er im Glashaus über Die Mysteriendramen Rudolf Steiners im Schicksal der Gegenwart während der Sommertagung zu halten gedachte und ließ unabhängig von einer etwaigen Aufnahme in das Nachrichtenblatt Voranzeigen dieser Vorträge drucken. Gleichzeitig fragte er bei Wachsmuth an, warum kein Hinweis auf die Basler Veranstaltung erschienen war.

Während Steffen sich in den gordischen Knoten seiner moralischen und logischen Dilemmata verstrickte und über die unentscheidbare Frage grübelte, ob er eine Tagungsankündigung veröffentlichen durfte oder nicht – Dilemmata, aus welchen ihn nur der Alexander befreien konnte, der zur Erholung in Ascona weilte –, schmiedete Boos große Pläne wie eh und je. 1948 schilderte er den Hintergrund und die Absichten der Basler Veranstaltung, zu der die »Sozialwissenschaftliche Vereinigung am Goetheanum« und die »Arbeitsgemeinschaft für Freies Geistesleben Bern« eingeladen hatten, im bereits zitierten Rundbrief.

»Die Schweiz war rings umschlossen von der Macht des Dritten Reichs, die ganz Europa niedergeworfen hatte. Von einem Tag zum andern drohte auch uns der Überfall. Werden auch wir plötzlich kämpfen, in der Armee oder im unterirdischen Widerstand unsere Freiheit verteidigen müssen? – stand als drohende Frage unaufhörlich vor unserem Gewissen. Jede Woche, ja jeder Tag wollte genutzt werden zur Läuterung und Steigerung des Selbstbehauptungswillens. Ich persönlich hatte seit Kriegsausbruch in diesem Sinne getan, was mir möglich war, – zuerst durch kurze Artikel, die in vielen Zeitungen der ganzen Schweiz ständig abgedruckt wurden […], dann in Vorträgen vor Einheiten der Armee […], in dem von Prof. Eymann veranstalteten Vortragszyklus ›Die sozialen Lebensformen der Freiheit‹ […] und so weiter. Immer deutlicher hatte sich in diesem Wirken als die zentralste Aufgabe herausgeschält: einen exakten Bildbegriff ›Freiheit‹ so herauszuarbeiten, dass sich in ihm das urkräftig in der Schweiz neu regsam gewordene Freiheitsgefühl zu heller Bewusstheit steigern könne. Nicht um agitatorische Freiheitspredigten handelte es sich dabei, sondern um einen bitteren Kampf mit den ›Ideen des 20. Jahrhunderts‹ und der darin vollzogenen Abschaffung der Freiheit. Von allen Seiten drängten diese ›Ideen‹ über die Grenzen herein. Bis in die höchsten Stellen der Eidgenossenschaft (Pilet-Golaz) hatten sie eine Stimmung der Furcht erzeugt: nur ja nicht mit Worten wie ›Freiheit‹ die Gewaltigen jener Tage zum Zorn zu reizen. […]

Die Verantwortung vor Rudolf Steiner und dem Kern seines Lebenswerks, dem Impuls der im Geist gegründeten Freiheit, war es, was mich bewog, an Prof. Eymann mit dem Vorschlag heranzutreten, unter dem Gesamtthema ›Freiheit‹ eine kleine Vortragsreihe zu veranstalten. Wir luden noch Herrn Leist ein und einigten uns, am 26., 27. und 28. Juni in Basel fünf Vorträge zu halten: ›Die soziale Zukunft der Freiheit‹ (Boos), ›Die Schulstube als Pflanzstätte der Freiheit‹ (Leist), ›Christentum und Freiheit‹ (Eymann), ›Protestantismus und Freiheit‹ (Eymann), ›Die Schweiz als Treuhänderin der Freiheit‹ (Boos) […]. Aus dem Reichtum der Anthroposophie wollten wir in Tagen schwerer Bedrängnis unserer Heimat, die auch die Heimat des Goetheanum ist, unser Bestes geben. Das war es allein, was uns erfüllte und bewegte«.

Der Blick von Boos war fest auf die weltgeschichtlichen Tragödien gerichtet, in Dornach spielten sich derweilen andere Dramen ab. Wie erwähnt, hatte Boos bei Wachsmuth angefragt, warum die Basler Tagung nicht im Nachrichtenblatt angekündigt worden war, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass die unbegründete Unterschlagung des Hinweises eines »Gliedes der Hochschule« – der »sozialwissenschaftlichen Vereinigung« – die Verletzung einer »selbstverständlichen Höflichkeits- und Anstandspflicht« darstelle. Wachsmuth antwortete am folgenden Tag, dem ersten Tag der Basler Veranstaltung (Samstag, 27. Juni), indem er patzig den Vorwurf von Boos an diesen zurückreichte und bemängelte, dass dessen erster Vortrag über die Mysteriendramen Rudolf Steiners im Glashaus am selben Tag und zur selben Stunde geplant war, wie der Eröffnungsvortrag Steffens zur Sommertagung.

Zwei Tage später, am 29. Juni (Montag), teilte Steffen Marie Steiner mit, er müsse seinen Eröffnungsvortrag absagen. An diesem Tag erhielt die Redaktion des Nachrichtenblattes zwei Notizen für die Nummer, die am 5. Juli erscheinen sollte, eine Mitteilung darüber, dass Steffen seinen Vortrag vom 27. Juli absagen müsse und eine Anmerkung, die unter dem Programm der Vorträge von Boos zu den Mysteriendramen abgedruckt werden sollte: »Das obige Programm wurde dem Vorstand als fertige Drucksache zum Abdruck zugesandt und war vom Veranstalter bereits auswärts verteilt worden. Die Unterzeichneten sehen sich daher veranlasst, ihre Vorträge bei der Sommertagung abzusagen«. Unterzeichner waren Steffen und Wachsmuth. Auch Wachsmuth zog sich also aufgrund der Boos’schen Initiative zurück.

Marie Steiner bemühte sich um einen Ersatz für Steffens Vortrag und teilte ihm am 30. Juni brieflich mit: »Es ist eine schwerwiegende Entscheidung, die Sie getroffen haben. Sie kann für die Gesellschaft recht böse Folgen haben. Wenn Krankheit oder Erschöpfung der Grund wäre, dann natürlich nicht, aber es wird ja anders kommentiert und weitergetragen werden …«[23]

In seiner Antwort vom 1. Juli versuchte Steffen, seine »schwerwiegende Entscheidung« vor Marie Steiner zu rechtfertigen. »Der Grund, warum ich meinen Eröffnungsvortrag nicht halten kann, ist wohl für die meisten Mitglieder, welche die letzte Generalversammlung mitgemacht haben, offenkundig. – Ich übernahm damals […] im Einverständnis mit dem Vorstand, die Aufgabe, die Vorträge während der Jahrestagungen einzurichten und das jeweilige Gesamtthema zu bestimmen. Diese Aufgabe gehört an und für sich zum Pflichtenkreis des Vorsitzenden, worin er in Freiheit walten sollte. […] In dem vorliegenden Fall bin ich der Ansicht, dass Herr Dr. Boos in meinen Pflichtenkreis eingreift, wenn er in die Jahrestagungen, deren Vortragseinrichtung mir übergeben worden ist, seine eigenen Vorträge einschiebt, überdies noch ohne zu fragen, und wenn er sogar die gedruckten Voranzeigen ohne Wissen des Vorstandes verteilen lässt. Er scheint jedoch der Meinung zu sein, dass er als freier Mensch ein Recht dazu hat, sich über meine Ansicht hinwegzusetzen. Mir liegt ferne, ihn abzuhalten, über die Mysterienspiele Rudolf Steiners zu sprechen, und gar noch bei einer Gelegenheit, wo diese aufgeführt werden. Andererseits habe ich jedoch mit der Vortragsgestaltung Verantwortungen übernommen. Wie ich die Situation auch betrachte, es bleibt mir tatsächlich nichts anderes übrig, als auf meinen Vortrag zu verzichten.

Herr Dr. Wachsmuth ist, wie er mir sagte, aus gleichartigen Gründen zu seiner Absage gelangt«.[24]

Boos sah diesen Sachverhalt naturgemäß ganz anders, wie aus seinem im Dezember 1948 veröffentlichten Rundbrief zu entnehmen ist: »Als Programm ergab sich – in Berücksichtigung der objektiv verfügbaren Stunden: am 22. Juli öffentlicher Vortrag in Basel […] und dann vier Vorträge in Dornach an den nicht mit Aufführungen der Dramen zusammenfallenden Tagen der letzten Juliwoche und am 1. August.

Die vier Vorträge in Dornach waren im Rahmen dessen vorgesehen, was sich in ungebrochener Kontinuität durch die Tagungen [der sozialwissenschaftlichen Vereinigung] seit 1940 entwickelt hatte: Frühmorgen-Veranstaltungen (jeweils um 8 Uhr früh) für diejenigen, die sich für sozialwissenschaftliche Probleme interessierten. Diese Veranstaltungen hatten nie als offizieller Bestandteil einer Tagung gegolten, – auch nicht während des zweiten Hochschulkurses, als sich die sozialwissenschaftlich Interessierten jeweils früh morgens zu besonderen Aussprachen trafen. […] Die ›Sozialwissenschaftliche Vereinigung‹ hatte sich in der Kontinuität dieser Veranstaltungen ein wohlerworbenes Gewohnheitsrecht erarbeitet und – nach dem Prinzip der Kontinuität – die Pflicht, Besuchern der weiteren Tagungen, als freien Menschen, diese Möglichkeit weiter zu eröffnen: in der ungeheuerlichen Wirrnis des äußeren Geschehens durch das Licht des Dreigliederungs-Impulses und der lebendigen Anthroposophie Orientierung zu finden. Dass sich in der vorangegangenen Generalversammlung vom Frühling 1942, Herr Steffen, nachdem er längere Zeit die Tagungen nicht selbst veranstaltet hatte, wiederum dazu entschlossen hatte, ›das Vortragswesen an den Jahrestagungen einzurichten‹, berührte diese Morgenveranstaltungen überhaupt nicht. Sie kollidierten zeitlich nicht mit diesem sogenannten ›Vortragswesen‹. Der Sozialwissenschaftlichen Vereinigung war auch nicht wohl zuzumuten, ihre vor der Anthroposophie und vor den Zeitaufgaben gefassten und kontinuierlich durchgeführten Entschlüsse den sprunghaften Kursänderungen des Vorsitzenden anzupassen. Er hätte gar kein Recht gehabt, diese Morgenveranstaltungen zu unterbinden. Davon ist keine Rede, dass durch diese Veranstaltung ›Herr Dr. Boos in meinen Pflichtenkreis eingreift‹.

Dem Vorstand gegenüber bestand im Sommer 1942 – wie es der ständig geübten Praxis entsprach – nicht mehr als eine Höflichkeitspflicht: ihn von den Veranstaltungen der stets als autonom behandelten Sozialwissenschaftlichen Vereinigung zu informieren«.[25]

Nachdem das Nachrichtenblatt am 5. Juli mit den Vortragsabsagen erschienen war und einen Sturm der Entrüstung gegen Boos ausgelöst hatte, der als der Verursacher des ungeheuerlichen Ereignisses betrachtet wurde, dass zwei Vorstandsmitglieder bei einer Sommertagung keine Vorträge halten konnten, schrieb Marie Steiner am 9. Juli an Steffen einen Brief, der Einblick in ihre desolate Seelenlage gibt. Darin hieß es u.a.: »Wohl wäre es richtig gewesen, wenn ein so schwerwiegender Schritt, wie der von Ihnen und Dr. Wachsmuth unternommene, der im Sinne Dr. Steiners ein unmöglicher ist, und den Zusammenbruch unserer Gesellschaft zur Folge haben wird [kursiv L.R.], mit mir vorher besprochen worden wäre, – und nicht nachdem diese Situation geschaffen worden ist. Es liegt ja eine starke Unwahrheit darin, dass ich noch immer Vorstand genannt werde, da meine Meinung ja nicht die geringste Geltung hat [kursiv L.R.]. Ich habe mich der Gesellschaft wegen in diese Situation gefügt, – und habe mich gefreut, dass es im verflossenen Jahre trotzdem noch Möglichkeiten gab, auf anderen Gebieten zusammen zu arbeiten. Diese Tatsache, vor die ich gestellt worden bin, dieses Hinaustragen der Gesellschaftszänkereien in die Öffentlichkeit und das Sich-Hinwegsetzen über die Verpflichtungen, die man der Öffentlichkeit gegenüber eingegangen ist, – und dieses Aufpeitschen der emotionellen Astralität der Mitgliedschaft, ist etwas, was ich in höchstem Masse ablehnen muss […]

Privat wird ja die Sache nicht mehr abzumachen sein. Die Versuche, einen Weg zur Versöhnung zu finden, wurden abgewiesen«.[26]

Am selben Tag, dem 9. Juli, fanden drei weitere Ereignisse statt, von welchen Stuten berichtet. Erstens eine »private« Versammlung zu der Emil Grosheintz eingeladen hatte, bei der eine Resolution verabschiedet wurde, die die Schweizer Zweigleiter aufforderte, darauf zu dringen, dass Wachsmuth und Steffen ihre Vorträge hielten, während diejenigen von Boos abgesagt werden sollten. Zweitens eine Art Tribunal in der Rudolf-Steiner-Halde, zu dem Marie Steiner Herrn und Frau Bühler eingeladen hatte, um den Ursprung von Gerüchten zu eruieren, die ihr die Verantwortung für die Absage der Vorträge ihrer Vorstandskollegen zuschoben. Dabei handelt es sich um die »Verleumdung« oder »Verschwörung der Frau Bühler«, deren Vertuschung sie in ihrem Schreiben vom 19. April 1945 an Steffen und Wachsmuth als einen der Gründe benannte, warum ihr Vertrauen in die beiden Vorstandskollegen zerrüttet worden sei.

Offenbar hatte die Ehefrau Paul Bühlers behauptet, Steffen habe Marie Steiner gefragt, ob sie darauf bestehe, dass die Ankündigung der Vorträge von Boos im Nachrichtenblatt erscheine und in Aussicht gestellt, den seinigen abzusagen, falls sie dies bejahe. Marie Steiner aber habe darauf bestanden und damit zugunsten von Boos und gegen Steffen entschieden. Nach der Quelle für diese Version der Geschichte befragt, gab sie ihren Ehemann an, der telefonisch zur Befragung herbeizitiert wurde und schließlich eingestehen musste, Urheber der tatsachenwidrigen Behauptung zu sein. Dieser Vorgang ist insofern von Bedeutung, als später hinsichtlich der Frage, wer das Vertrauen im Vorstand zerstört habe, Schuldzuweisungen in beide Richtungen erfolgten.

Das dritte Ereignis war eine Initiative Wachsmuths, der einmal mehr in den Kommunikations- und Kompetenzwirrwarr des Restvorstandes eine gewisse Klarheit zu bringen versuchte, indem er einen Text entwarf, der sich auf die Verantwortlichkeit für die Gestaltung der Tagungen bezog, der im nächsten Nachrichtenblatt veröffentlicht werden sollte. Der Text lautete: »Die Gestaltung der Tagungen am Goetheanum obliegt dem Vorsitzenden im Einverständnis mit dem Vorstand. Um ein einheitlich-organisches Bild der Tagungen zu ermöglichen, können während derselben keine Vorträge oder künstlerische Veranstaltungen stattfinden, die nicht von Mitgliedern des Vorstandes selbst in Vorschlag gebracht worden sind. Hierdurch wird die Freiheit der Initiative der Goetheanum-Leitung in der Gestaltung und Durchführung der Tagungen gewährleistet«.

Vier Tage nach dem Versuch Marie Steiners, die Herkunft der Gerüchte zu ergründen, sie sei durch ihre Entscheidung zugunsten von Boos für die Absage der Vorträge ihrer Vorstandskollegen verantwortlich, am 13. Juli, fand die letzte gemeinsame Sitzung des Vorstandes statt. Danach gab es nur noch schriftliche Kontakte zwischen den drei verbliebenen Mitgliedern.[27]

J.W. Ernst gab 1980 eine Episode aus dieser Sitzung wieder, die ihm von Marie Steiner 1944 erzählt worden war: »Marie Steiner berichtete mir, sie habe in der letzten Vorstandssitzung, die zwischen ihr und ihren damaligen Vorstandskollegen Steffen und Wachsmuth je stattfand, und die zeitlich nach ihrem Gespräch mit dem Ehepaar Bühler lag, an Albert Steffen die Bitte gerichtet, mit Bühler zu sprechen, um die Sache zu klären und zu bereinigen, damit Bühler die über sie, Marie Steiner, öffentlich verbreitete Verleumdung ebenso öffentlich korrigiere. – Steffen habe ihr geantwortet, Paul Bühler sei ein Dichter. Er habe ›ihm in die Augen geschaut‹. Er wolle über das fragliche Verhalten Bühlers ›nicht mehr‹ mit ihm sprechen.

Im weiteren Verlauf, so berichtete mir Marie Steiner, habe sie, an Dr. Wachsmuth gewendet, darauf hingewiesen, dass sie seit langer Zeit nicht mehr die Rechnungsbücher der Gesellschaft zur Einsicht bekommen habe. Sie möchte Einblick in die Finanzlage der Gesellschaft nehmen und bitte um Vorlage der Bücher.

Auf dieses Ersuchen Marie Steiners sei […] der Schatzmeister Dr. Wachsmuth erregt aufgesprungen, habe seine Aktenmappe genommen und habe mit den Worten: ›Wenn Sie kein Vertrauen zu mir haben …‹, den Raum verlassen und die Tür geknallt.

Dies war, so machte sie mir klar, das Letzte, was sie, Marie Steiner, im Leben von Günther Wachsmuth gehört und gesehen habe.

Albert Steffen erhob sich – so berichtete Marie Steiner weiter – unvermittelt ebenfalls und folgte Günther Wachsmuth. An der Tür kehrte Steffen sich noch einmal um und blickte durch den Türspalt ins Zimmer zurück mit den Worten: ›Nicht wahr, ich brauche nicht mehr mit Herrn Bühler zu sprechen‹.

Marie Steiner antwortete: ›Sie brauchen es nicht‹«.

Dieses war das letzte Gespräch zwischen Albert Steffen und Marie Steiner in diesem Leben«.[28]


Vorheriger Beitrag: Der Konflikt zwischen Marie Steiner und Albert Steffen (6)

Folgender Beitrag: Ein Versöhnungsaufruf verhallt 1942/43


Anmerkungen:


  1. Die Gründung der »Freien Pädagogischen Vereinigung« (FPV) am 25. Januar 1942 erfolgte nicht durch Eymann, sondern durch 42 Berner Lehrer; allerdings gehörte er deren Vorstand an.
  2. Bärtschi/Müller 1987, S. 225.
  3. Ebd., S. 227-228.
  4. Es gab eine biologische, eine geographische, eine sprachliche und eine künstlerische Sektion. Siehe Bärtschi/Müller 1987, S. 230 f.
  5. Die Menschenschule, XVI. Jg., März 1942.
  6. Bühler, 1947, S. 10, 121, 159. Das Lob, Steffen habe verhindert, dass die anthroposophische Gesellschaft zu einer »Sekte mit einer Theaterinstitution« herabsank, zielte natürlich auf Marie Steiner und ihren Anhang.
  7. Entgegen seiner Behauptung, er habe vorher »nur indirekt« etwas von der Gründung erfahren, hatte er bereits am 14. Februar, 19 Tage nach der Gründung, einen Brief Jakob Streits erhalten, der ihn in seiner Eigenschaft »als Mitglied der Gesellschaft und der Freien Pädagogischen Vereinigung« über die Gründung informierte. Dem Brief lagen die Statuten bei. Dokument im Archiv der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung.
  8. Brief vom 29. April 1942, zitiert nach Bühler, 1947.
  9. Brief vom 19. Mai 1942, zitiert nach Bühler, 1947.
  10. Zitiert nach Bühler, 1947, S. 72.
  11. Steffen an Marie Steiner, 21. Mai 1942, zitiert nach Bühler, 1947
  12. Man beachte die gewundene Formulierung: Steffen beruft sich bei seiner Unterstellung einer »Opposition« Eymanns auf »Annahmen in der Außenwelt«. In Wahrheit nahm, wie sein Konflikt mit den Berner Behörden und der Kirche zeigt, die Außenwelt Eymann gerade als Agenten der anthroposophischen Gesellschaft – und damit auch ihres Vorsitzenden – wahr, der das Bildungswesen zu unterwandern versuchte.
  13. Wie bemerkt, hatte Steffen bereits am 14. Februar einen diesbezüglichen Brief von Jakob Streit erhalten.
  14. Steffen verwendet hier denselben Ausdruck »in Misskredit setzen«, den er vier Tage später bei einer Besprechung der Schweizer Zweigleiter benutzte. Nur sprach er dort davon, die anthroposophische Gesellschaft werde »in Misskredit gesetzt«. Für Steffen gab es offenbar zwischen seiner eigenen Kreditwürdigkeit und derjenigen der Gesellschaft keinen Unterschied.
  15. Bühler, 1947, S. 69 f.
  16. Eymann hatte weder die anthroposophische Gesellschaft angegriffen, noch Herrn Steffen. Außerdem enthält die Argumentation einen Widerspruch: Wenn nämlich Marie Steiner als Sektionsleiterin Veranstaltungen Eymanns ankündigte, konnte Steffen den Abdruck nicht verweigern, zumal sie nicht nur Sektionsleiterin war, sondern sogar zum Vorstand der Gesellschaft gehörte, deren Organ das Nachrichtenblatt war.
  17. Ebd., S. 70.
  18. Es handelt sich um einen Brief vom 19. Februar 1934 mit einem Gedicht Ballmers über den Tod des belgischen Königs Albert I. beim Bergsteigen. Steffen bezog das Gedicht über diesen Tod auf sich selbst. Die Zusendung hatte allerdings eine Vorgeschichte. Steffen hatte es abgelehnt, Texte von Ballmer über »Sein und Zeit« und Steiners Philosophie im Goetheanum abzudrucken und kurz darauf in dieser Zeitschrift einen Spottvers veröffentlicht. Steffens Spottvers lautete: »Ein Echo ist von einem Berg herab erklungen. / Ein egoist’scher Zwerg hat es gesungen«. Ballmer bezog den Vers auf sich, da Berg »Balm« (also Ballmer) bedeute und der »egoistische Zwerg« ein Hinweis auf Max Stirner sei, mit dessen Philosophie er sich zu dieser Zeit beschäftigte. Daraufhin sandte Ballmer Steffen am 19. Februar einen Zeitungsausschnitt mit dem Bericht über den Tod Albert I. und legte das Gedicht »König Albert« bei (siehe Anhang unten).
  19. Von einer »Verherrlichung« Steins kann keine Rede sein. Die Passage, die sich in Ballmers Text auf Steiner bezog, lautete: »In dem Bande ›Aenigmatisches aus Kunst und Wissenschaft‹ (Anthroposophische Hochschulkurse, Goetheanum-Bücherei) referiert Walter Johannes Stein Vorträge, die er beim ersten Dornacher Hochschulkurs (1920) gehalten hat. Dort führt Dr. Stein aus: ›Meine Totalwesenheit in ihrer Eingliederung in das Weltganze zeigt mir den Menschen und die Welt als die eine, selbe Wesenheit, deren Erscheinungsform die Welt, deren Wesensform der Mensch ist‹. Unter ›Mensch‹ versteht Dr. Stein das Produkt der Schöpfung: den Übersinnlichen Menschen oder ›Urgrund‹ im Sinne der zitierten Sätze Rudolf Steiners. Mit dem Satze des Walter Johannes Stein stimmt ›Die Philosophie der Freiheit‹ – 1. Auflage – überein: ›Die Welt ist Gott‹ – hinsichtlich dessen keine Schwierigkeiten bestehen, jederlei dilettantischen Pantheismusverdacht gründlich abzuwehren.«
  20. Es handelt sich beim folgenden Zitat um Tagebuchaufzeichnungen Steffens vom 10. Juni 1942, die er in seinem Brief mitteilte. Veröffentlicht in Bühler, 1947.
  21. Zitiert nach: Roman Boos, Herr Albert Steffen im Sommer 1942, Dornach Dezember 1948.
  22. Zitiert nach Boos 1948 ebd.
  23. Zitiert nach Stuten, Tatsachenbericht I, 1945, S. 14.
  24. Zitiert nach Jan Stuten, Tatsachenbericht I, Dornach 1945, S. 16.
  25. Boos 1948, a.a.O.
  26. Zitiert nach Stuten, Tatsachenbericht I, S. 16-17.
  27. Nach einer anderen Version fand diese letzte Besprechung im Herbst 1942 statt. Das frühere Datum ist aber aufgrund der zeitlichen Nähe zu den Ereignissen wahrscheinlicher. Siehe dazu; J.W. Ernst, Die Vorgeschichte der Nachlassverfügungen Marie Steiners, in: Mitteilungen aus der anthroposophischen Bewegung, Nr. 69, Michaeli 1980, S. 8 f.
  28. J.W. Ernst, Die Vorgeschichte der Nachlassverfügungen Marie Steiners, in: Mitteilungen aus der anthroposophischen Bewegung, Nr. 69, Michaeli 1980, S. 8-9. Auch wenn sich der Tatsachengehalt dieser Geschichte nicht überprüfen lässt und J.W. Ernst seinerseits Partei war, handelt es sich zweifellos um eine »gute Geschichte«, d.h. eine Erzählung, die den dramatischen Gehalt des gegenseitigen Beziehungsabbruchs in plastische Bilder fasst.

Anhang:

König Albert
(Motto: Ein Echo ist von einem Berg herab erklungen)

Eitle Dichter spotten
des Herrn der Geschichte,
der ›Ichselbst‹ ist – jenseits
von außen und innen –
in vieler Verwandlung:
Aber der Walter und Herr des Karma
züchtigt sie, mit dem Symbol.
Unergründet ergründlich
ist der Abgrund der Zeit.
Forscht im Geheimnis des Herrn:
Sein ätherischer Leib
ist die Zeit!
(Als Vorübung zur Lektüre von »Sein und Zeit« empfohlen.)

Mit vorzüglicher Hochachtung
gez. Karl Ballmer.

Die Frage drängt sich auf, wie Steffen aus diesem Gedicht eine »Todesdrohung« herauslesen konnte.


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