Der Konflikt zwischen Marie Steiner und Albert Steffen (8) – Ein Versöhnungsaufruf verhallt (1942-1943)

Marie Steiner. Staffa 1930

Marie Steiner. Staffa 1930

Am 12. Dezember 1942 veröffentlichte die 75jährige Marie Steiner einen »Aufruf zur Versöhnung«, ihren sogenannten ersten Verständigungsappell[1], an die Mitglieder der anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz im Nachrichtenblatt. Zu Recht wurde dieser Text als »Appell« bezeichnet, denn er ergeht sich in der Tat seitenlang in Reflexionen über den moralischen Verfall Europas durch politischen Extremismus und Krieg sowie die Auswirkungen dieses Verfalls auf die anthroposophische Gesellschaft. Man könnte den Aufruf auch der Redegattung der Paränesen zuordnen. Auffallend an diesem Text ist, dass seine Verfasserin keines der angedeuteten »Probleme« der anthroposophischen Gesellschaft konkret beim Namen nennt oder beschreibt, ebensowenig wie sie in diese Probleme verwickelte Personen benennt. Stattdessen wird im Stil einer moralphilosophischen Mahnrede zur Selbstüberwindung, Wahrhaftigkeit und zum Verzeihen aufgerufen.

Der Aufruf beginnt mit den Worten: »Vieles hört man über die Probleme, welche die Mitglieder unserer Gesellschaft beschäftigen. Und wie sollte es anders sein? Sie stellen sich ja von allen Seiten vor das Auge, sie sind äußerer und innerer Art; bis zu einem gewissen Grade sind sie sogar gegenseitig voneinander abhängig. Soweit sie innerer Natur und dadurch seelisch-individuell sind, entziehen sie sich in ihren Tiefen dem Urteil des Einzelnen. Ihre Manifestation nach außen hin ist stark abhängig von der brutal zerstörenden Härte des Gegenwartsgeschehens. Denn alles Produktive, alle größeren Initiativen werden allmählich von den Mächten des Tages überwältigt und erdrückt; man steht vor der erbarmungslosen Vernichtung des schon Geschaffenen und Geleisteten. ›In diesem innern Sturm und äußern Streite vernimmt der Geist ein schwer verstanden Wort: von der Gewalt, die alle Wesen bindet, befreit der Mensch sich, der sich überwindet‹«.[2]

Nach einigen Ausführungen über durch Generationenwechsel in der anthroposophischen Gesellschaft bedingte Schwierigkeiten der Urteilsbildung fährt Marie Steiner fort: »Da sich die Konflikte im Laufe von Jahren und Jahrzehnten aufgebaut haben, geht ihr Sachlichkeitswert durch Sympathien und Antipathien und durch die Wunschnatur des Menschen verloren. Wer nicht von Anfang an wissend alles mitgemacht hat, wird bald in ein undurchsichtiges Gewebe verstrickt und sieht Gespenster, nicht Wirklichkeiten. Er tappt im Dunkel, die Wahrheit entzieht sich ihm. […]

Und wie steht es mit der Wahrheit? Sie bleibt für die Menschheit ein Streben. Wir haben sie nie ganz. Wieviel Selbsttäuschung, Verblendung ergießt sich über sie auch dann, wenn wir sie ganz zu besitzen glauben! Wie wird sie durch Leidenschaft, durch Selbstgerechtigkeit, Eitelkeit und Ehrgeiz immer wieder in Fetzen gerissen! Lebt sie aber als Streben, als Sehnsucht in der Seele, so ist immerhin eine Grundlage da, auf der man weiter bauen kann, auch wenn alles zu wanken scheint. – Dann ist nicht alles verloren, – man darf noch nicht verzweifeln. Es muss aber – und wenn er auch eine Zeitlang übertäubt worden ist – diese Sehnsucht als Trieb im Menschen vorhanden sein – als Trieb zur Wahrhaftigkeit. Lügt man kaltblütig, aus klarem Wissen heraus, dann, wenn solcher Wille bewusst in das Gemeinschaftsleben hineinwirkt, wäre es freilich illusorisch, auf dessen Gesundung zu hoffen. […]

Was ist nun zu tun, wenn eine Gemeinschaft, die eine vor der Weltgeschichte übernommene heilige Verpflichtung in sich trägt, die ein Werk zu hüten und zu fördern hat, ohne welches die Menschheit verkommen muss, in für sie unlösbare Probleme sich verwickelt?

Sie will der ihr vom Schicksal aufgetragenen Verpflichtung gerecht werden – und trotzdem kann sie sich nicht von hemmenden Ketten und Lasten befreien, weil es Einzelnen, auf die es ankommt, nicht gegeben ist, sich überwinden zu können. Blinde Gefolgschaft aber löst keine Probleme. Was ist zu tun?

Dann sollte auch von der Gemeinschaft bewusst gefasst werden der Entschluss zur Selbstüberwindung. Klar und willig.

Wir stehen als Gesellschaft vor der Frage von Sein oder Nichtsein. Die durch den Weltkrieg über uns hereingebrochenen Katastrophen, die Absperrung der Länder, die Verarmung usw. lassen es kaum möglich erscheinen, dass wir uns als äußere Körperschaft hinüberretten. Doch es geschehen noch Wunder. Sie geschehen, wenn die moralische Substanz eine so starke ist, dass sie das Wunder rechtfertigt. Was können wir tun, um unsere moralische Substanz zu retten?

Wir können verzeihen! Jeder kann dasjenige verzeihen, was ihm zu verzeihen obliegt. Wir können das Vergessenswerte vergessen, nicht im alten, uns zugefügten Unrecht kramen. Wir können einen Strich machen unter all die alten Geschichten, die uns zermürben und denen wir, sofern wir jung sind oder abseits leben, nicht mehr in der Lage sind, auf den Grund zu blicken. Wir können uns an das Wort halten: Was fruchtbar ist, allein ist wahr. – Wir müssen wieder zusammenarbeiten können, in Eintracht und ohne Ausschluss der uns antipathischen Menschen, – keinem, welcher der Sache und Rudolf Steiner treu ist, die Mitarbeit verwehrend; nicht uns abschließen und verrammeln vor denen, die geistige Erkenntnis suchen, wie nur Rudolf Steiner sie geben kann; nicht die suchenden Seelen zurückstoßen, deretwegen er den Weg des Martyriums bewusst gewählt hat: aus Liebe zur Menschheit, zur ganzen irrenden Menschheit. Liebe wurde in ihm Erkenntnis, – und kann es einst in uns werden, wenn wir diesen Weg betreten«.

Es folgen die vielzitierten Sätze, die sich auf Steiners Opfergang beziehen, der darin bestanden haben soll, dass er »das Karma der Gesellschaft« auf sich genommen habe – Sätze, die den Mitgliedern dieser Gesellschaft die Schuld an seinem Tod zuschreiben und ein Teil jenes Gründungsmythos sind, der ihr Selbstverständnis bis zum Ende des Jahrhunderts bestimmen sollte: »Wir stehen vor der zwanzigjährigen Gedenkfeier jenes Brandunglücks, das ihm das irdische Leben genommen hat, trotzdem es noch, fast zwei Jahre hindurch, als helles Opferfeuer glühte und uns mit seiner Flamme nie erahnte Geistesschätze zuführte. Können wir nicht im Anblick dieses Opfers und dieses Todes, an dem wir gewiss als Einzelne und als Gesellschaft alle miteinander schuld sind – denn unser Karma nahm er auf sich [kursiv L.R.] –, können wir nicht vergessen, versöhnen, und unsere Tore den Suchenden weit auftun?

Mir scheint, dass hier die einzige Möglichkeit für unsere Läuterung liegt – als Gesellschaft und als Einzelne. Ich sage es im Vollbewusstsein des Gewichtes dieser Worte, im Bewusstsein der Tatsache, dass ich nach Menschenermessen ja bald vor Rudolf Steiners Geistgestalt zu treten haben werde [Marie Steiner starb 1948 in Beatenberg im Alter von 81 Jahren]. Retten wir sein Werk und die Menschheitskultur, indem wir uns überwinden und versöhnen, indem wir unsere Tore den Suchenden weit öffnen«.

Dieser Appell verhallte – fast – ungehört. Was hätte man auch darauf antworten können? Im Grunde konnte ihm jeder zustimmen. Die konkrete Wirklichkeit der sozialen Beziehungen innerhalb der Gesellschaft sah leider anders aus. Sie waren zutiefst zerrüttet und von gegenseitigem Misstrauen, Verletzungen, Projektionen und Unterstellungen bestimmt. Was in den folgenden Jahren geschah, war von Emotionen, nicht von Nüchternheit bestimmt, und die Ereignisse sprechen die Sprache des Hasses, nicht der Versöhnung.

Es trifft nicht zu, dass der Appell von niemandem gehört wurde. Im fernen Ascona las ihn auch das ehemalige Mitglied des Gründungsvorstandes Ita Wegman und schöpfte aus ihm Hoffnung. Bezog sich Marie Steiners Aufruf womöglich auch auf sie? Nach einigen Wochen des Nachdenkens schrieb sie der Verfasserin am 15. Februar 1943 einen kurzen Brief (Originalwortlaut): »Sehr geehrte Frau Dr. Steiner, bitte verzeihen Sie, dass ich Sie schreibe. Ich habe Ihren Artikel an die Mitglieder, den Sie kurz vor Weihnachten 1942 geschrieben haben, im Beiblatt des Goetheanums gelesen.

Ihr Artikel wird so verschieden gedeutet. Ich erlaube es mir nicht einen Urteil darüber zu haben. Ich wünsche nur so sehr mit diesen Zeilen zum Ausdrucke zu bringen, dass Ihre Worte einen tiefen Eindruck auf mich gemacht haben, sie sind groß und zukunftsvoll […]«. Welche Zukunft auch immer Ita Wegman vorgeschwebt haben mochte: sie selbst sollte – zumindest in diesem Leben – nicht mehr daran teilhaben, denn sie starb 17 Tage später. Elisabeth Vreede folgte ihr am 31. August 1943 nach. Weitere vier Jahre später (1947) schrieb die Empfängerin ihres Briefes in einem Manuskript über Wegmans Reaktion auf diesen ersten Appell: »Die Bemühungen Marie Steiners, begangene Fehler vor das Bewusstseins-Blickfeld zu stellen, um zu einer neuen Einigung zu gelangen, wurden von Dr. Wegman aufgegriffen und sie stellte die Frage, ob sie das auch auf sich beziehen könne. Während der kurzen Zeit, die für eine Vorbesprechung innerhalb des Vorstands [über eine Reaktion auf den Brief Wegmans] nötig war, starb sie infolge einer plötzlichen heftigen Erkrankung. Wie ernst ist diese Schicksalssprache! Einige Monate danach verschied auch Dr. Vreede«.[3]

Noch eine andere prominente Person der Gesellschaftsgeschichte reagierte positiv auf Marie Steiners Appell: Friedrich Eymann. Er trat kurz darauf in die Gesellschaft ein.

Generalversammlung 1943

Bei der Generalversammlung am 18. April 1943 kamen auch die Vorgänge um die Sommertagung des vergangenen Jahres und die Absage der Vorträge Steffens und Wachsmuths zur Sprache. Hans W. Zbinden und Jan Stuten versuchten, die Ereignisse zu rekonstruieren und die tatsächlichen Verantwortlichkeiten aus dem Nebel an Gerüchten und Mystifikationen herauszuschälen.

Zuvor aber brachte Roman Boos sein Langzeitprojekt der Einrichtung einer sozialwissenschaftlichen Sektion ins Spiel und bat um Auskunft darüber, ob der Vorstand (d.h. Steffen und Wachsmuth) gedenke, dieser Anregung nachzukommen. Laut Protokoll soll Boos angekündigt haben: »Sobald es die Notwendigkeit der Welt erfordern wird, werde ich […] auch zu sprechen haben von den Fundamenten meiner eigenen Tätigkeit, von der durch geistige Realität bestehenden Sektion für Sozialwissenschaft und meiner Sektionsleitung. Wenn nicht eine Verständigung zustande kommt, so werde ich auf meine Verantwortung diese Sektion zu repräsentieren haben. Dann werden Situationen entstehen, die nicht angenehm sein werden«.[4]

Wachsmuth antwortete auf den Vorstoß von Boos nicht direkt, sondern verwies auf die Rundbriefe, die dieser seit der letzten Sommertagung in Umlauf gebracht habe und stellte fest, diese hätten derart perfide Angriffe gegen ihn und Steffen enthalten, dass sich eine Erörterung dieser Frage erübrige. Boss wandte ein: »Es war schon immer so, dass jeder Versuch meinerseits, zu einer Klärung der Sache durch Besprechung aus dem Konflikt herauszukommen, gescheitert ist, am symptomatischsten heute, wo mir verweigert worden ist eine Antwort auf eine nicht persönliche Angelegenheit, sondern auf eine Angelegenheit in Verbindung mit der Gesellschaft. Es liegt hier eine Pflichtverletzung des Herrn Vorsitzenden vor«. Daraufhin bemerkte Steffen: »Nach den Worten von Herrn Dr. Boos möchte ich nur die Feststellung machen, dass ich nicht in die Freiheit eines Menschen eingegriffen habe, dass ich aber meinerseits auch in meine Freiheit nicht eingreifen lasse. Und wenn die Versammlung meint, dass ich in die Freiheit eines Menschen eingegriffen habe, dann möchte ich bitten, dass sie das sagt, […] wenn sie meint, dass ich auch in die Freiheit von Dr. Boos eingegriffen habe. Ich habe gesagt: Er kann tun was er will, aber er soll mich in Ruhe lassen, denn ich habe auch einen gewissen Pflichtenkreis […]«. Im Anschluss an diese Aufforderung meldete sich Hans Werner Zbinden zu Wort und erklärte, er glaube in der Tat, Steffen habe die Freiheit eines Menschen beeinträchtigt, und zwar diejenige Marie Steiners, als er sie mit der Absage der Vorträge bei der Sommertagung 1942 konfrontierte. Steffen wies diesen Vorwurf zurück und berief sich dabei auf seinen Brief vom 1. Juli 1942, der aber gerade nicht auffindbar sei. Daraufhin erklärte Wachsmuth die Generalversammlung für beendet.

Am folgenden Tag (19.4.1943) hielt Steffen seinen Vortrag zur Ostertagung, und ging anschließend in einer Ansprache vor dem versammelten Vortragspublikum, das ja, wie er sagte, im Wesentlichen mit dem Publikum der Generalversammlung identisch sei, auf die Ereignisse des Sommers 1942 ein, um »die Ehre des Vorsitzenden zu retten«. Im Lauf seiner Ausführungen berichtete er über ein spirituelles Erlebnis, das ihm in den Stunden der größten Not angesichts des logisch-moralischen Dilemmas einer Entscheidung für oder gegen Boos zuteil geworden sei. Es handelt sich nahezu um dieselbe Geschichte, die Steffen bereits ein halbes Jahr zuvor in seinem Brief vom 10. Oktober 1942 an Marie Steiner erzählt hatte, mit einem entscheidenden Unterschied: »Ich will nicht als jemand erscheinen«, so Steffen, »der etwas verhindert […] Ich schrieb zunächst eine längere Entgegnung für das Mitteilungsblatt [zur Ankündigung von Boos], dann eine kürzere, bekam Kopfweh. […] Mein Herz setzte aus, wurde so schwach, dass mir die Krankenschwester eine Kampfereinspritzung machen wollte. – Ich habe ›Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten‹ vom Anfang bis zum Ende gelesen und dadurch ein leibfreies Erlebnis des ätherischen Farbenbogens gehabt. Ich habe mir gesagt: wenn ich die Krankheit überwinde, bleibt der Artikel im Mitteilungsblatt weg. Und in der Tat, ich hatte meine Gesundheit wieder errungen, so dass der Artikel nicht zu erscheinen brauchte. Das ist mein Erlebnis«.[5]

Der Bericht Steffens spaltete die Zuhörerschaft. Die einen empfanden ihn als unlauteren Missbrauch einer spirituellen Erfahrung im politischen Machtkampf, die anderen deuteten sein Erlebnis als Beweis für die hohe geistige Entwicklungsstufe, die er erreicht habe und seine Entscheidungen der Kritik des Alltagsbewusstseins entziehe.

Nach Steffens Ausführungen ergriff Jan Stuten das Wort und bat um eine Fortsetzung der Generalversammlung. Steffen wies dieses Ansinnen zurück.

Kurz nach der Ostertagung begann der Basler Notar Charles von Steiger, den Marie Steiner 1943 als ihren Testamentsvollstrecker einsetzen sollte, Unterschriften für eine Petition zur Einberufung einer Delegiertentagung oder außerordentlichen Generalversammlung einzuwerben. Der Notar wurde am 18. Mai 1943 als Vertreter der Petenten von Steffen empfangen, der jedoch, wie Steiger berichtete, dessen Anliegen nicht verstehen konnte oder wollte und ihm entgegenhielt: »Ich habe doch aus meinem Tagebuch vorgelesen und damit meinen Feinden den Boden entzogen«.[6] Zu den 23 Unterzeichnern der Petition gehörten auch einige Mitglieder der kurz darauf gegründeten Nachlassverwaltung.

Im Mai ging auch das inzwischen schon übliche Tauziehen um die Rednerliste für die öffentliche Sommertagung los. Bereits am 14. Mai hatte Steffen Marie Steiner um Vorschläge gebeten und angekündigt, er werde bei dieser Tagung vermutlich keinen Vortrag halten können. Marie Steiner antwortete Steffen am 16., also zwei Tage, bevor ihn Steiger als Abgeordneter der Petenten besuchte: »Sie fordern mich auf, Vorschläge zu machen in Bezug auf die Redner. Ich hätte sonst keine gemacht. Wenn Sie aber nach solchen fragen, die außerhalb des üblichen Dornacher Kreises stehen, kann ich nur hinweisen auf Herrn Waeger, auf Dr. Zbinden, trotz des stattgefundenen Konflikts, und trotzdem er hier ›nicht goutiert‹ wird, auf Prof. Eymann, da dies fast die Höflichkeit gebietet. Auch Herr von Steiger, der die Korrektur der Vorträge aus der Dreigliederungszeit besorgt, wäre dazu bereit; ich konnte ihn neulich fragen. Sie werden ja bestimmen«.[7] Tags darauf schlug Steffen seinerseits drei Redner vor, ohne auf Marie Steiners Vorschlag einzugehen. Dagegen erhielt Charles von Steiger am 26. Mai von Wachsmuth eine Einladung, bei der Sommertagung als Vortragender mitzuwirken.

Anfang Juni entnahm Marie Steiner den Korrekturfahnen des Nachrichtenblattes, dass weder Steffen noch Wachsmuth an der Sommertagung als Redner mitzuwirken gedachten, woraufhin sie an Steffen schrieb: »Mit einigem Erstaunen habe ich davon Kenntnis genommen, dass die Herren des Vorstandes zur öffentlichen Tagung nicht sprechen werden. Ist dies ein Resultat meiner Antwort auf die Anfrage, da ich ›neben dem üblichen Dornacher Rednerkreis‹ einige Namen von außerhalb Tätigen nannte, unter denen man hätte wählen können? Herr Steffen hatte freilich schon geschrieben, dass er wahrscheinlich nicht sprechen würde. Aber muss denn auch Dr. Wachsmuth es nicht tun?«[8] Ihren gemeinsamen Verzicht auf eine Mitwirkung erklärten Steffen und Wachsmuth mit den »Angriffen«, denen sie permanent ausgesetzt seien, was Marie Steiner am 7. Juni mit der Bemerkung quittierte: »statt einer Tagung, die in sachlicher Weise erarbeitetes Geistesgut ohne Berücksichtigung persönlicher Differenzen vor die Mitgliedschaft bringt, sieht die Sache nach einer Parteitagung aus, die der Vorstand großmütig über sich ergehen lässt, indem er zugleich davon abrückt. Diese Dinge führen ja unvermeidlich zur Zerstörung der Gesellschaft und der Weihnachtstagung«.[9]

Nachdem das Programm im Nachrichtenblatt erschienen war, setzte eine neue Kampagne gegen Marie Steiner ein, der vorgeworfen wurde, sie habe sich über Steffen und Wachsmuth hinweggesetzt und ihr genehme Redner favorisiert. Erneut wandte sich von Steiger am 19. Juni mit einem Brief an den Vorstand und bat darum, den Gerüchten entgegenzutreten: »Gestatten Sie mir, zur Kenntnis zu bringen, dass mit Rücksicht auf die im Tagungsprogramm enthaltenen Redner in Kreisen der Mitgliedschaft eine gewisse Bewegung entstanden ist. So wird beispielsweise die Meinung vertreten, ein Teil der Redner habe sich dem Tagungsleiter, Herrn Steffen aufgedrängt, oder aber Frau Dr. Steiner habe über den Kopf des Tagungsleiters hinweg und entgegen dessen Anordnungen die betreffenden Redner ins Tagungsprogramm eingesetzt usw. […]

In Anbetracht der geschilderten Sachlage, sehe ich mich veranlasst, was Sie entschuldigen wollen, das Folgende auszusprechen: Durch die mir von Dr. Wachsmuth übermittelte Einladung fühle ich mich – ich denke es geht den übrigen Rednern ebenso – als Gast des Tagungsleiters und des Vorstandes überhaupt, und ich glaube daher erwarten zu dürfen, dass die Tagungsleitung von sich aus die notwendigen Schritte unternimmt, um die eingangs erwähnten unrichtigen Vermutungen, die zu Lasten von Frau Dr. Steiner und der geladenen Redner gehen klarzustellen«.[10] Da Steffen zwar ihm gegenüber den Wahrheitsgehalt der Gerüchte in Abrede stellte, jedoch nicht in der Öffentlichkeit, bat er Steffen auch um eine Stellungnahme vor der Mitgliedschaft. Er schlug vor, folgenden Satz im Nachrichtenblatt zu veröffentlichen: »Auf eine Anfrage hin erklärt der Unterzeichnete, dass sämtliche an der Sommertagung sprechende Redner auf seine Veranlassung durch Herrn Dr. Wachsmuth eingeladen worden sind«.[11] Darauf reagierte Steffen am 29. Juni verschnupft: »Eine von einem Mitglied verfasste Erklärung kommt natürlich für den Vorsitzenden an und für sich nicht in Betracht. Das mag im äußeren, juristischen Betrieb so gehen, in der anthroposophischen Gesellschaft nicht. Überdies würde die Erklärung bei den meisten Mitgliedern falsche Vorstellungen erwecken. Viele würden glauben, dass ich zum Beispiel Sie als Redner bestimmt hätte, was ich nicht tun könnte, da ich Sie noch niemals habe sprechen hören […]«[12]

Gründung des Nachlassvereins – 3. Juni 1943

Angesichts der bestehenden Zerwürfnisse und der tiefgehenden Zerrüttung des Vertrauens im Vorstand sowie der Tatsache, dass immer größere Teile der Gesellschaft in zwei Parteien zerfielen – eine Steffen-Wachsmuth- und eine Marie-Steiner-Partei – ist es nicht verwunderlich, dass sich Marie Steiner nach dem Misslingen des Versuchs, die Generalversammlung fortzusetzen, in der zweiten Maihälfte 1943 dazu entschloss, ihre testamentarischen Verfügungen zu ändern und einen aus vertrauenswürdigen Personen bestehenden Verein zu gründen, der sich um die Verwaltung des Nachlasses – ihres wertvollsten Schatzes, des spirituellen Offenbarungsgutes, von dem sich die Gesellschaft und Bewegung nährte – kümmern sollte. Seit 1934 hatte sie von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Eventualität ihres Ablebens geworfen und ihre testamentarischen Verfügungen, die den Nachlass betrafen, jeweils aktualisiert. 1934 bestand die Gruppe von Personen, welchen sie diese Aufgabe zudachte, aus Johanna Mücke und Roman Boos, sowie Albert Steffen als »literarischem« und Guenther Wachsmuth als »geschäftlichem Beirat«. 1935 schied Boos aus dieser Gruppe aus, stattdessen kamen zu Mücke, Steffen und Wachsmuth Günther Schubert und Carlo Septimus Picht hinzu, 1938 Conrad Englert-Faye, während Wachsmuth ausdrücklich als »Testamentsvollstrecker« benannt wurde. 1941 traten an die Stelle von C.S. Picht Otto Reebstein, Edwin Froböse und Werner Teichert, als Testamentsvollstrecker waren nun Wachsmuth und Reebstein vorgesehen. Steffen und Wachsmuth gehörten bis zur Gründung des Nachlassvereins 1943 den möglichen Verwaltern des Nachlasses an.

Anfang 1943 wandte sich Lucie Bürgi-Bandi an Marie Steiner und unterstrich eindringlich die Notwendigkeit, eindeutige Verfügungen über die künftige Verwaltung des Nachlasses zu schaffen. Daher wurde von Marie Steiner am 3. Juni zusammen mit Lucie Bürgi-Bandi, Conrad Englert-Faye, Otto Reebstein, Jan Stuten, Isabella de Jaager, H.W. Zbinden und Charles von Steiger der Nachlassverein gegründet. Als Testamentsvollstrecker waren nun Reebstein und von Steiger vorgesehen. Die Gründungsstatuten des Vereins wurden von den genannten Personen (mit Ausnahme von Reebstein) unterzeichnet. Am 1. Dezember 1947 schloss Marie Steiner mit der Nachlassverwaltung einen Übereignungsvertrag, in dem sie sämtliche Rechte am Werk und Nachlass Rudolf Steiners unentgeltlich an den inzwischen handelsregisterlich eingetragenen Verein übertrug. Als Unterzeichner dieses Vertrages tauchen, neben Marie Steiner, Hans W. Zbinden und Charles v. Steiger, einige weitere Mitglieder der Nachlassverwaltung auf: Hans Rudolf Niederhäuser, Ernst Weidmann, Paul Jenny, Edwin Froböse, Werner Teichert, Johannes Waeger, Marie Groddeck und Emil Leinhas. In ihrem letzten notariell beglaubigten Testament setzte Marie Steiner den »Verein zur Verwaltung des literarischen und künstlerischen Nachlasses von Dr. Rudolf Steiner« zu ihrem Alleinerben ein und Paul Jenny als Testamentsvollstrecker.

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Anmerkungen:


  1. Die drei »Verständigungsappelle« Marie Steiners, die sie zwischen 1942 und 1945 verfasste, wurden im März 1948 zusammen unter dem Titel Positive Beiträge zur Lösung der Gesellschaftskrise 1942-1948 veröffentlicht. Zitiert nach: Marie Steiner, Briefe und Dokumente, S. 147-151.
  2. Hierbei handelt es sich um ein Zitat aus Goethes Gedicht Die Geheimnisse. Voraus gehen dem Zitat die Verse: »Denn alle Kraft dringt vorwärts in die Weite, / Zu leben und zu wirken hier und dort; / Dagegen engt und hemmt von jeder Seite / Der Strom der Welt und reißt uns mit sich fort …«.
  3. Marie Steiner in einem Manuskript aus dem Jahre 1947, s. Marie Steiner, Briefe und Dokumente, S. 147 f. – Ein Beispiel für schlechte Geschichtsschreibung bietet Erdmuth Grossse in seinem Buch Das Rätsel des Urvorstandes, Dornach 2007, auf S. 306-307. Der Autor wirft die Frage auf, wie Marie Steiner auf Ita Wegmans Brief reagiert habe und teilt eine angebliche Äußerung von ihr mit, die durch eine Hörensagenkette von sage und schreibe vier andere Personen vermittelt ist. Dazu zitiert er eine Passage aus Band Nr. 17 der Flensburger Hefte: »Der Herausgeber, Wolfgang Weihrauch [1], lässt seinen Gesprächspartner, Emanuel Zeylmans [2], Folgendes sagen: ›Sie (Ita Wegman) hat ihr geschrieben, ohne dass es jemand wusste, und den Brief auch persönlich in Ancona eingesteckt. Das war wenige Wochen vor ihrem Tod. Madeleine van Deventer [3] hat mir später über die Wirkung dieses Briefes bei Marie Steiner erzählt. Van Deventer war gut mit Rudolf Meyer (Priester der Christengemeinschaft) bekannt, der auch engen Kontakt zu Marie Steiner hatte. Meyer [4] hat Deventer erzählt, dass er Marie Steiner besuchte, als sie gerade den Brief Wegmans vor sich liegen hatte. Sie zeigte Meyer den Brief und sagte: ’Die Wegman hat mal wieder nichts verstanden’.‹« 
  4. Day/Werth, Berichtigung, S. 15, zitiert aus dem Protokoll der Generalversammlung.
  5. Stuten 1945, S. 27.
  6. J.W. Ernst, Die Vorgeschichte der Nachlassverfügungen Marie Steiners, in: Mitteilungen aus der anthroposophischen Bewegung, Nr. 69, Michaeli 1980, S. 13.
  7. Zitiert nach Stuten 1945, S. 30.
  8. Zitiert nach Stuten 1945, S. 32.
  9. Zitiert nach Stuten 1947, S. 32.
  10. Zitiert nach Stuten 1947, S. 33-34.
  11. Zitiert nach Stuten 1947, S. 34.
  12. Zitiert nach Stuten 1947, S. 34-35.

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