Der Konflikt zwischen Marie Steiner und Steffen (4) – Anthroposophie im Berner Großen Rat

Gegenwart. Blätter für ein freies Geistesleben

Gegenwart. Blätter für ein freies Geistesleben. Heft 1, April 1939

Da Friedrich Eymanns Lehrauftrag am Seminar in Hofwil nicht verlängert worden war, unternahmen einige seiner Schüler und Sympathisanten den Versuch, diese Entscheidung zu revidieren, indem sie sich durch ein Flugblatt mit dem Titel Bernische Schule – Bernischer Staat an die Öffentlichkeit wandten, an dessen Formulierung u.a. Eymann und Jakob Streit beteiligt waren. Unterzeichner waren drei junge Lehrer, ehemalige Schüler Eymanns. In die Abfassung und Organisation der Verteilung des Flugblattes waren auch mit Eymann sympathisierende Mitglieder der Pädagogischen Arbeitsgruppe am Goetheanum involviert.

Pikant genug eröffnete das Flugblatt, das ein beredtes Plädoyer für die »Freiheit des Geisteslebens« enthielt, ein Zitat, das sich auf einen ganz anderen Fall bezog: »Auch wenn man […] den Ärger des Erziehungsdepartements über diesen lästigen und unbequemen Störenfried nachempfinden konnte, so war doch die schroffe Art seiner Entlassung aus dem Amte nur schwer verständlich, denn am Ernst und Eifer […] in seiner Sorge um das seiner Obhut anvertraute Schulwesen war nicht zu deuteln, seinen Reklamationen und Vorschlägen die Berechtigung nicht abzusprechen, seine vorzügliche Eignung für das ihm übertragene Amt nicht zu bestreiten. Man wurde den Verdacht nicht los, dass noch andere, nicht ausgesprochene Gründe zu seiner Absetzung geführt haben mussten«.[1] Die Verfasser hatten dieses Zitat aus einer 1938 erschienenen Schrift über Jeremias Gotthelf entnommen, dem 1845 durch die Berner Schulbehörde eine vergleichbare Behandlung zuteil geworden war. Nicht weniger pikant war die ebenfalls zitierte Äußerung eines Schulinspektors, der zu den anthroposophisch orientierten Lehrern gesagt hatte: »Ob Sie recht oder unrecht haben, darum wird sich die Diskussion nicht drehen. Sie werden vom Staat angestellt, er bezahlt Sie, und Sie haben zu tun, was er vorschreibt. Ich lasse mich prinzipiell auf keine Diskussion ein«.[2]

Rund drei Wochen vor der Sitzung des Berner Großen Rates vom 8. März 1939 konkretisierten sich die Vorbereitungen für die politische Aktion. Das Flugblatt sollte an Hochschuldozenten, Lehrer und Parlamentarier in der ganzen deutschsprachigen Schweiz verteilt werden. Die Schweizer Rudolf Steiner Schulen und das Goetheanum sollten sich an dieser Flugblattaktion ebenfalls beteiligen. Albert Steffen, der über die Vorbereitungen für die Aktion nicht informiert worden war, war darüber pikiert und betrachtete den Plan, das Goetheanum in die Verteilung einzubeziehen, als einen Eingriff in die »Freiheitssphäre der Gesellschaft«. Durch Willi Aeppli, einen Lehrer der Basler Schule, erlangte er Kenntnis davon und notierte am 27. Februar 1939 in sein Tagebuch: »Es ist genugsam bekannt, dass Politik nicht in den Aufgaben der Anthroposophischen Gesellschaft liegt. Aber durch diese Flugblattaktion wurde sie hineingetragen. Es war deswegen meine Pflicht, zu protestieren, um so mehr, als bei der Aktion tätige Mitglieder davon wussten und mich vorher nicht benachrichtigten. Es waren dies besonders die Leute von der ›Menschenschule‹: Englert, Johannes Waeger und Zbinden«.[3]

Am 6. März erhielt das Goetheanum einige Pakete mit gedruckten Flugblättern, mit der Bitte, sie zu verteilen. Wachsmuth schickte die Pakete im Auftrag des Vorsitzenden umgehend an den Absender zurück. Tags darauf bot Marie Steiner Steffen und Wachsmuth wegen ihres »Alters« und ihrer zunehmenden »Gehbehinderung« ihren Rücktritt aus dem Vorstand an, die Leitung ihrer Sektion wollte sie behalten. Beide lehnten diese Bitte der 72jährigen ab, da sie befürchteten, der Schritt würde die im Gang befindliche Sezession Marie Steiners und ihrer Mitarbeiter verstärken und die Spaltung der Gesellschaft vertiefen.

Werfen wir kurz einen Blick auf die Debatte im Berner Großen Rat am 8. März 1939. Dieser hatte sich mit einer Motion und zwei Interpellationen zum Fall Eymann zu beschäftigen.

Die Motion des Sozialdemokraten Fritz Lehner, eines Thuner Lehrers, der kein Schüler Eymanns war, hatte es in sich und ist heute nicht weniger aktuell als vor 80 Jahren. Er hatte hunderte von Stellungnahmen ehemaliger Eymann-Schüler gesammelt und dem Großen Rat vorgelegt. Er forderte den Regierungsrat auf, die Lehr- und Bekenntnisfreiheit in der bernischen Schule und Kirche zu schützen, gegen die evangelische Synoden verstoßen hätten, indem sie sich gegen die Anthroposophie und die Wiederwahl Eymanns gewandt hätten. So sei im Emmental ein anthroposophischer Pfarrer mit der Begründung »verketzert« worden, die Anthroposophie sei eine »unevangelische Geistesrichtung«. Der kirchlichen Synode warf er vor, die Anthroposophie verurteilt zu haben, obwohl sie gar nicht wisse, was sie sei. Der Sozialdemokrat berief sich auf die Berner Staatsverfassung, und die von ihr garantierte Freiheit der Mitteilung der Gedanken durch Worte, Schrift, Druck und bildliche Darstellung. Außerdem behalte diese Verfassung dem Staat vor, gegen Eingriffe kirchlicher Behörden in seine Rechte und die seiner Bürger geeignete Maßnahmen zu ergreifen. Er forderte die Versammlung dazu auf, sich auf diese Verfassungsbestimmungen zu besinnen und die Kirchenversammlung aufzufordern, ihre Beschlüsse gegen die Anthroposophie zurückzunehmen. Religiöse Fragen, die die verfassungsmäßigen Rechte der Bürger – hier die Bekenntnis- und Meinungsfreiheit – berührten, dürften nicht durch Behörden entschieden werden, sondern seien in offener Auseinandersetzung zu klären. Das Urteil über Wahr oder Falsch liege beim einzelnen Bürger, der dieses Recht nicht abtreten könne, ohne seine Freiheit aufzugeben. Auch die Landeskirche sei an das Verfassungsrecht der Bekenntnisfreiheit gebunden. Lehner verteidigte außerdem Eymanns Kritik am öffentlichen Schulwesen, obwohl er als Lehrer selbst davon betroffen war. Eymann sei als Lehrer kompetent, diese Frage zu beurteilen und kein Querulant. Die Behörde habe die »verdammte Pflicht und Schuldigkeit«, Vorwürfe wie die von Eymann vorgebrachten einer gründlichen Prüfung zu unterziehen. Auch das Seminar blieb von seiner Kritik nicht verschont. Statt sich mit Eymanns Vorschlägen konstruktiv auseinanderzusetzen, habe es sich vom lästigen Ruhestörer durch Kündigung befreit. Schließlich sei das Argument, Eymann bekenne sich zur Anthroposophie, lediglich ein Vorwand, um von den eigentlichen Problemen abzulenken. Wenn sich die Schulbehörden dem Urteil der Kirche unterwürfen, nach dem die Anthroposophie unevangelisch sei, trügen sie dazu bei, die Bekenntnisfreiheit zu untergraben. Die Entlassung Eymanns aus weltanschaulichen Gründen verstoße gegen die Verfassung.

Lehner legte seinen Finger in die Wunde, denn tatsächlich war die Anklage, Eymann würde mit der »Irrlehre der Anthroposophie« Schüler verwirren, nur ein Vorwand, um von Eymanns Kritik an Schule und Lehrerbildung abzulenken.

Für die Regierung antwortete der Erziehungsdirektor Dr. Rudolf, der mit seiner Rede ein Kunststück irreführender Rhetorik und der Verfälschung von Sachverhalten vorlegte.

Zunächst erweckte er den Eindruck, die Entscheidung der Behörde habe mit der Kirche gar nichts zu tun. Vielmehr sei Eymanns offensiver Einsatz für die Anthroposophie der Grund für seine Entlassung. Dieser habe versucht, das gesamte bernische Schulwesen unter den Einfluss der Anthroposophie zu bringen. Dagegen seien die Schulbehörden und die Regierung eingeschritten. Das war natürlich eine haltlose Unterstellung. Damit nicht genug. Rudolf startete im Folgenden auch noch eine Desinformationskampagne gegen die Anthroposophie. »Wir wollen […] der Anthroposophie nicht den Krieg erklären«, behauptete er, nur um durch seine folgenden Auslassungen genau dies zu tun. Denn er fuhr fort: »Wer Neigung hat zur Hellseherei, zum okkulten Unterricht, wer daran glaubt, und meint, dass neben seinem körperlichen Leib noch ein Ätherleib und ein Astralleib in ihm stecke, der soll das glauben«. Diese Glaubensfreiheit bedeute aber nicht, dass dieser Anthroposophie eine »staatliche Genehmigung« erteilt und sie in einer staatlichen Lehranstalt zugelassen werden müsse.

Gegen die Unterstellung, Waldorfpädagogik sei mit Unterricht in Anthroposophie gleichzusetzen, hatte sich schon Steiner bei der Begründung dieser Pädagogik gewandt. Sie wurde dadurch nicht wahrer, dass sie ständig wiederholt wurde.

Der Regierungsrat, fuhr Rudolf fort, habe einstimmig »die schwersten Bedenken gegen eine solche Auszeichnung, Anerkennung und Zulassung der anthroposophischen Theorie im Unterricht der bernischen Schulen«. Außerdem sei zwischen der Lehr- und Lernfreiheit einer Universität und der Situation an einem Lehrerseminar zu unterscheiden. Letzteres sei keine Universität, sondern eine »Berufsschule«, die Lehrer auszubilden habe. Das Primarschulgesetz benenne als Lehrgegenstand für den Religionsunterricht die christliche Religion aufgrund der biblischen Geschichte, »nicht buddhistische oder konfuzianische, oder griechischen Polytheismus, Mazdaznan, Yoga oder die Anthroposophie«.

Schließlich holte Rudolf mit Hilfe eines verfälschten Zitates aus Eymanns Buch Anthroposophische Pädagogik und Staatsschule zum Vernichtungsschlag gegen diesen aus. Eymann habe nämlich seine Schüler zum Widerstand gegen das Gesetz und die Behörden aufgerufen und sich damit gegen den Staat und die Gemeinschaft aufgelehnt. Eymann wurde also auch noch als Revoluzzer, als Unterwühler der demokratischen Staatsordnung verleumdet. In Wahrheit hatte Eymann im Kapitel über Selbstbildung und Selbsterziehung davon gesprochen, letztere sei die Grundlage der anthroposophischen Pädagogik. Selbsterziehung sei der Weg zur inneren Freiheit und diese sei Voraussetzung dafür, dass der Lehrer die Kinder ihrerseits zur Freiheit erziehen könne. Wer als Lehrer auf diesem Fundament der Selbsterziehung stehe, frage »nicht nur nach dem, was das Gesetz« vorschreibe, »sondern was menschlich richtig« sei. Zu innerer Freiheit und Selbstständigkeit im Urteil könne nur erziehen, wer diese selbst erlangt habe oder auf dem Wege zu ihr sei. Aus diesem sittlichen Gedanken, der nebenbei gesagt mit der Grundüberzeugung des Protestantismus von der Gewissensfreiheit übereinstimmt, machte Rudolf in seiner verdrehten Argumentation einen Aufruf zur Anarchie – und »jemand, der den offenen Widerstand gegen Behörden und gesetzliche Vorschriften« predige, könne als Religionslehrer nicht geduldet werden.

Die Stoßwellen all dieser Auseinandersetzungen erreichten auch das Goetheanum und den Vorstand der anthroposophischen Gesellschaft. Am 18. März 1939 wurde Eymann zu einer Besprechung mit dem »Gesamtvorstand« ins Goetheanum gebeten. Wachsmuth gab seiner Befürchtung Ausdruck, die Berner Auseinandersetzungen könnten sich auf die Aufenthaltsbewilligungen für ausländische Mitglieder negativ auswirken, Steffen beschwor die Gefahr einer Spaltung der anthroposophischen Gesellschaft herauf. Eymann beschwichtigte und meinte, er zeige seine Solidarität zur Gesellschaft, indem er am Goetheanum als Vortragender mitwirke. Marie Steiner gab der Hoffnung Ausdruck, seine Schüler und Sympathisanten würden sich früher oder später der anthroposophischen Gesellschaft zuwenden.

Zwei Tage später wurde bei einer Versammlung der Schweizer Mitglieder das Gerücht verbreitet, Eymann habe offenbar in Bern eine »Freie Anthroposophische Vereinigung« gegründet[4], ohne selbst Mitglied der Gesellschaft zu sein oder den Vorstand (also Wachsmuth und Steffen) darüber informiert zu haben. Steffen drohte mit seinem Rücktritt und veranlasste Englert-Faye und Zbinden bei Eymann zu intervenieren, der angeblich versprach, die Vereinigung umzubenennen.

All diese Streitigkeiten hinderten Eymann nicht daran, am Goetheanum im Rahmen der Sektion Marie Steiners und der Pädagogischen Arbeitsgruppe eine rege Tätigkeit zu entfalten. So führte er in den folgenden Monaten Kurse zur Allgemeinen Menschenkunde durch, bestritt bei der öffentlichen Pädagogischen Tagung im August eine ganze Vortragsreihe und trat im Herbst als Gastredner in der Sektion Marie Steiners auf.

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Anmerkungen:

[1] Bärtschi/Müller, 1987, S. 177.

[2] Ebd., S. 178.

[3] Steffen in Bühler, 1947, S. 64.

[4] Bei dieser »Vereinigung« könnte es sich um einen informellen Zusammenschluss von Personen im Zusammenhang mit der Gründung der Zeitschrift Gegenwart. Blätter für ein freies Geistesleben gehandelt haben, deren erstes Heft im April 1939 erschien. In seinem Geleitwort zu diesem Heft schrieb Eymann: »Einige Theologen und Lehrer aus dem Bernbiet sehen sich veranlasst, in dieser Zeitschrift sich ein eigenes Podium zu schaffen, einen eigenen Raum für freie Meinungsäußerung. Bisherige Erfahrungen haben ihnen gezeigt, dass sich ihnen die Presse nicht rückhaltlos zur Verfügung stellt, jedenfalls nicht dem Angegriffenen, auch wenn er im Recht ist. Angefochten aber sind wir deshalb, weil wir uns in unserer Arbeit bewusst auf den Boden der von R. Steiner begründeten Geisteswissenschaft stellen«. Aus solchen Überlegungen könnte das Gerücht entstanden sein, Eymann habe eine freie Anthroposophische Vereinigung gegründet, was angesichts der historischen Situation nicht gänzlich falsch wäre.


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