Roman Boos verklagt Steffen und Wachsmuth – Herbst 1943 – Konflikt Marie Steiner-Steffen (9)

Anfang September 1943 erfuhr Roman Boos von einem Gespräch, das Albert Steffen nach der Generalversammlung 1943 mit dem Schweizer Arzt Hans Bleiker geführt hatte, in dem es um die Seelenverfassung oder den Geisteszustand von Boos gegangen sei. Steffen habe, so Boos in einem Rundbrief, zu Bleiker gesagt, er »sei zu seinem Verhalten gegenüber Dr. Boos dadurch bestimmt, dass dieser krank sei und dass die Krankheit immer neu zum Ausbruch kommen müsse«. Bleiker habe ihm, so Boos, die Richtigkeit dieses Zitates in einem Brief vom 12. September bestätigt.

Am 26. September erhob Boos in einem Brief schwere Vorwürfe gegen Steffen und drohte mit einem Gerichtsverfahren, falls letzterer keinen akzeptablen Vorschlag zur Beseitigung dieser »Ehrenkränkung« vorlege.

Boos schrieb: »Zu Ihrer Orientierung stelle ich fest: für die Behebung einer solchen Ehrenkränkung räumt der Rechtsstaat die Zivil- und Strafklage vor dem zuständigen Gericht ein. Wenn der Rechtsbrecher nicht Irgendwer ist, sondern ein Dichter und Vorsitzender einer auf Esoterik gegründeten Gesellschaft, ändert das an dieser Zuständigkeit, auch geistig-moralisch nichts. Diese Umstände geben kein Privileg zum Rechtsbruch. Wo der soziale Zusammenhang noch nicht autoritär-krankhaft ist, fallen solche Umstände vielmehr erschwerend ins Gewicht. Indem Sie mir gegenüber nun sogar kriminell geworden sind, haben Sie einen Konflikt, dessen geistig-soziale Bereinigung Sie immer verweigert haben, in die Sphäre des Rechtsstaats geworfen.

Aber durch ihr unmenschliches und widerrechtliches Verhalten haben Sie auch die Gesellschaft, deren Vorsitzender Sie sind, in den von Ihnen zu verantwortenden Tatbestand verstrickt. Mit Rücksicht auf die Gesellschaft gebe ich Ihnen bis am 5. Oktober Gelegenheit, einen die Lebensinteressen der Gesellschaft und des Goetheanum berücksichtigenden Vorschlag zu einer Beseitigung der Ehrenkränkung in ihrem vollen Umfang zu machen«.[1]

Steffen, der abstritt, irgendwelche ehrverletzenden Äußerungen gegenüber Bleiker ausgesprochen zu haben, erbat daraufhin von diesem eine »ehrenwörtliche« Erklärung über den Inhalt ihres Gespräches und eine Abschrift des Briefes, den Bleiker an Boos geschickt hatte. Diese ließ er im Sekretariat der Gesellschaft (bei Wachsmuth) zur Einsicht für alle Mitglieder deponieren, die an einer Überprüfung der Behauptungen von Boos interessiert waren.

Nachdem der Termin vom 5.10. verstrichen war, ohne dass Steffen einen Vorschlag zur »Ehrenrettung« vorgebracht hätte, verklagte Boos Steffen, Wachsmuth und Bleiker vor Gericht wegen Ehrverletzung, bzw. Verbreitung verletzender Behauptungen und wahrheitswidriger Aussagen.

Am 15. Dezember 1943 versandte Marie Steiner ihrerseits einen Rundbrief, den sogenannten »zweiten Verständigungsappell« in dem sie sich vor Boos stellte und alle am Streit beteiligten Parteien zur Besinnung aufrief.[2] Gleichzeitig unterbreitete sie den unkonventionellen und für manche verräterisch erscheinenden Vorschlag, falls die Konflikte nicht mehr zu bewältigen seien, das Problem wie Steiner zu lösen, der 1923 angesichts eines unüberwindlichen Generationenkonflikts die Gründung der Freien Anthroposophischen Gesellschaft neben der bereits bestehenden vorgeschlagen hatte.

»Vor mir liegen, schrieb sie, »eine Anzahl Briefe, an den Vorstand – d.h. an Dr. Wachsmuth und an mich – gerichtet. Sie verlangen, summarisch wiedergegeben, dass Herrn Dr. Boos abgesprochen werde das Recht, im Namen des Goetheanum zu wirken, einen Raum auf dem Terrain des Goetheanum für die Donnerstag-Arbeit der Sozialwissenschaftlichen Vereinigung zu erhalten, und ihm für die Ankündigung seiner Vorträge und Veranstaltungen das Nachrichtenblatt zu entziehen. Dr. Wachsmuth hat mit Begeisterung und Wucht dem zugestimmt. Ich kann nicht anders als den Briefschreibern, von denen viele leider mitschuldig sind an den traurigen Ereignissen, in anderer Weise antworten.

In all den Nöten und Wirrnissen, die über uns hereingebrochen sind, sollten wir doch vor allem einen Gedanken haben: Wie retten wir das unserer Obhut anvertraute Geisteswerk Dr. Steiners, damit die Menschheit nicht endgültig dem Niedergang verfalle?

Zu diesem Werke gehört, wie so oft von maßgebender Seite betont worden ist, die Anthroposophische Gesellschaft, deren Karma er vor 20 Jahren, zur Weihnachtstagung, auf sich genommen hat. Sie droht zu zerschellen an dem Konflikt von Persönlichkeiten, die ihre Differenzen unter sich nicht haben austragen können oder wollen. Dadurch wurde dieser Konflikt zu einer Angelegenheit der Gesellschaft. Infolgedessen ist diese, hier in Dornach und weiter hinaus, zum Tummelplatz leidenschaftlich sich auslebender Antipathien und Sympathien geworden, während sie doch dem ›Wesen Anthroposophie‹ gegenüber eine ganz andere Seelenhaltung schuldig ist. –

Neben denen, die Dr. Boos alle Rechte, im Namen des Goetheanums tätig zu sein, absprechen wollen, gibt es in der Gesellschaft auch solche Menschen, welche die Kampfmethoden auf beiden Seiten ablehnen müssen, und das Wesentliche in der Wahrung der Liebe zur Anthroposophie Dr. Steiners sehen, und in der Gesundung und Konsolidierung der von ihm für das Werk geformten Gesellschaft. Dafür wollen sie eintreten. Ihre Bemühungen werden leider durch Parteifanatismus verkannt und entstellt.

Sie suchen einen Ausweg aus der jetzigen Situation. Sie möchten die Sprache der Seele finden, die Herzen öffnet, die eindringlich genug sagen kann: Ihr habt doch ein Ziel! Ihr sprecht auf beiden Seiten von Liebe und Freiheit, von Treue zu dem Werke Dr. Steiners. Aber Ihr redet aneinander vorbei, und Ihr werdet euch durch Reden nie gegenseitig überzeugen können.

So beschreitet doch den Weg, den Dr. Steiner selbst gewiesen hat als eine Lösung in Situationen, die nicht anders zu lösen waren, weil eine bestimmte Willensrichtung sich bis zum Starrsinn verhärtet hatte. Ihr könnt nicht miteinander arbeiten: so arbeitet nebeneinander, ohne euch gegenseitig dadurch Schwierigkeiten zu bereiten, dass Ihr in den gleichen Organisationen euch aneinander stößt. Einig seid Ihr in dem Ziel, dem Ihr zustrebt: der Menschheit die Geisteswissenschaft zu vermitteln. Lasst doch Eure verschiedene Art in der Arbeit unabhängig voneinander walten, dann berührt Ihr verschieden geartete Kreise, – die Bewegung wächst, statt zu stauen, und einer wesentlichen Forderung des Jahrhunderts wird Rechnung getragen durch vernünftige Erweiterung der Freiheitssphäre.

Es ist doch nicht möglich, jemandem, der sein ganzes Wesen, seine reiche Begabung und seinen überschäumenden Tatendrang in den Dienst des Goetheanums gestellt hat, zu verbieten, im Namen des Goetheanums zu reden [gemeint ist Roman Boos]. Er wird es ja doch tun. Wie soll man ihn denn daran hindern, auch wenn man ihn nicht, wie die Vorschläge der Briefschreiber lauten, als Mitwirkenden anerkennt? Den extremen Schritt, den er glaubte in der Notwehr tun zu müssen, bedauert er vielleicht selbst am tiefsten. Man sollte ihm die Möglichkeit geben, diese Anklage zurückzunehmen, und sollte nicht auf dem Standpunkt beharren, dass man keine Schuld ihm gegenüber begangen habe. Es ist ihm schriftlich bestätigt worden, dass seine Sozialwissenschaftliche Vereinigung voll anerkannt wird, und keine Hindernisse ihm in den Weg gelegt würden. Wie ist das aber gehandhabt worden von seiten vieler, die da glaubten, das von ihnen Erwartete zu tun, indem sie seine Arbeit unterminierten und ihn ›schonend‹ als einen Verirrten und Kranken hinstellten? Es sind dieselben, die ihm jetzt das Recht absprechen wollen, im Namen des Goetheanums zu wirken. Er war ja vogelfrei. Szenen von ausgesprochener Niveaulosigkeit und demonstrativer Unhöflichkeit ihm gegenüber haben Besucher der Schreinerei-Veranstaltung peinlich überrascht.

Man muss sich wundern, dass er bis jetzt dieses seelisch ausgehalten hat. Und von diesem Gesichtspunkt aus wird man den Verzweiflungsschritt, den er getan hat, zwar strikte ablehnen, aber menschlich zu verstehen suchen.

Diejenigen, die dies versuchen, wissen ja, dass sie sich selber die Grube graben, in die man sie durch bösen Tratsch hineinbefördern wird. Aber sie können nicht anders, aus ihrem Pflichtgefühl dem Menschen, der Gesellschaft und dem Werke Dr. Steiners gegenüber.

Er hat den Weg gewiesen, den man so umschreiben kann: Arbeitet nebeneinander, wenn Ihr nicht miteinander arbeiten wollt. Dann könnt Ihr, statt Euch zu bekämpfen, brüderlich für das gleiche Ziel wirken. In getrennten Organisationen braucht Ihr Euch nicht hindernd in den Weg zu treten [kursiv L.R.].

Für die Sozialwissenschaftliche Vereinigung trüge dann niemand die Verantwortung als sie selbst. Letzteres könnte ja ausdrücklich, zur Befriedung beider Teile, festgesetzt werden.

Man sollte doch die Vorträge und Ansprachen Dr. Steiners aus dem Jahre 1923 studieren: dann wird man sehen, wie Dr. Steiner die Rettung der Gesellschaft darin sieht, dass jeder seine anthroposophische Arbeit mit voller Willensinitiative und Ausdauer verrichte und die Bemühungen der anderen schätze und anerkenne. – Sollten Vergleiche gezogen werden des vorliegenden Falles mit dem, was sich nach dem Hinscheiden Dr. Steiners als Krise abgespielt hat [gemeint sind Ita Wegman und Elisabeth Vreede], so darf man, das Wesentliche streifend, kurz sagen: Wenn kein Verrat an dem Geiste der Bewegung und an den Willensverfügungen Dr. Steiners vorliegt, kein esoterischer Unfug getrieben worden ist, wenn der Gesellschaft kein finanzieller Schaden zugefügt wurde, wenn aus Notwehr und aus der Verzweiflung heraus eine Tat geschieht, die man nicht billigen kann, der gegenüber man aber selbst nicht ohne Schuld ist: so muss man die Möglichkeiten der Wiedergutmachung suchen und schaffen.

Und das sollte unser Weihnachtsziel sein – damit ›gut werde, was wir aus Herzen gründen, aus Häuptern zielvoll führen wollen‹«.[3]

Steffen antwortete am 20. Dezember mit einem Rundbrief an die Zweigvorstände der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz:

»In der Angelegenheit, welche die Anthroposophische Gesellschaft gegenwärtig beschäftigt, wird immer wieder, wie ich aus verschiedenen Briefen entnehme, von persönlichen Spannungen gesprochen, die zwischen Herrn Dr. Boos und mir bestehen. Dies ist bereits zu einem Schlagwort geworden. Und so könnte die Meinung entstehen, dass folgender Satz aus dem Briefe von Frau Dr. Steiner, den sie am 15. Dezember 1945 an die Zweigvorstände geschickt hat, an mich gerichtet sei. Frau Dr. Steiner schreibt: ›Sie (die Anthroposophische Gesellschaft) droht zu zerschellen an dem Konflikt von Persönlichkeiten, die ihre Differenzen unter sich nicht haben austragen können oder wollen. Dadurch wurde dieser Konflikt zu einer Angelegenheit der Gesellschaft‹.

Demgegenüber ist zu erwidern: Ich habe mit Herrn Dr. Boos keinen persönlichen Konflikt, sondern ich musste meine Pflicht als Vorsitzender erfüllen, und daraus ergab sich das Weitere. Die Angelegenheit war von Anfang an eine solche der Anthroposophischen Gesellschaft, immer wieder habe ich dies gesagt. Umsonst. Man will es nicht hören.

Die Frage, die jetzt für die Anthroposophische Gesellschaft vorliegt und nach einer Antwort verlangt, ist schwerwiegend. Sie lautet: Ist der Vorsitzende ›kriminell geworden‹, wie dies Herr Dr. Boos behauptet. Es hat sowohl für die Menschen innerhalb als für die Menschen außerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft eine Bedeutung, ob solche Beschuldigungen Berechtigung haben oder nicht.

Wenn man alle Unterlagen berücksichtigt, wird sich herausstellen, dass sie unberechtigt sind«.[4]

Es folgten einige Sätze über seine Äußerung gegenüber Bleiker (»Jetzt sage ich nur: Das Gespräch, das Herr Dr. Bleiker und ich führten, hat mit einer Ehrverletzung nichts zu tun«), dessen Brief an Boos und seine »ehrenwörtliche Erklärung«. Danach fuhr er fort: »Herr Dr. Boos wendet sich in seinen Rundbriefen seit Jahr und Tag an die Mitgliedschaft. Diese muss auf Grund seiner Darstellung zu einem falschen Urteil über mich gelangen. Ich habe, des Friedens wegen, geschwiegen und unter erschwerten Umständen positiv weiter gearbeitet. Die Mitglieder werden von selbst merken, dachte ich, dass er ein Zerrbild von mir entwirft.

Nun wird von mir verlangt, dass ich mich vor ein mehr oder weniger begrenztes Gremium begebe, während Herr Dr. Boos sich an eine unübersehbare und mir nicht erreichbare Leserschaft wendet. Wo bleibt da der Sinn für gleiches Recht?

Ich habe schon seit längerer Zeit eine außerordentliche Generalversammlung vorgeschlagen, vorausgesetzt, dass der Gesamtvorstand damit einverstanden ist. Da kann alles gesagt und jeder Brief vorgelesen werden, wenn man will.

Falls Herr Dr. Boos eine Generalversammlung ablehnt und das Gericht vorzieht, werde ich mich eben dort rechtfertigen«.[5]

Nach Veröffentlichung dieser beiden Rundbriefe zweier Vorstandsmitglieder, die an die gesamte anthroposophische Gesellschaft in der Schweiz gerichtet waren, konnte man nicht mehr behaupten, es handle sich bei alldem lediglich um einen Konflikt zwischen Boos und Steffen oder um einen »Vorstandskonflikt« zwischen Steffen und Marie Steiner. Vielmehr hatten beide an die gesamte Schweizer Gesellschaft und damit an die gesamte Gesellschaft appelliert, da Ende 1943, ein halbes Jahr vor der Invasion in der Normandie, ohnehin kaum mehr jemand aus dem kriegsgebeutelten europäischen Ausland am Geschehen in Dornach teilnahm. Die gesamte Gesellschaft war zerrissen, so wie zu Beginn der 1930er Jahre. Was fehlte, war lediglich ein Tribunal, das die Spaltung zementierte und einen Teil des Vorstands bzw. der Mitgliedschaft ausschloss. Zu dieser letzten Katastrophe sollte es allerdings nicht kommen. Vielmehr schwelte der Konflikt bis zu Marie Steiners Tod 1948 und darüber hinaus fort, um schließlich in vereisten Fronten wie der weltpolitische kalte Krieg zu erstarren. Wie von Marie Steiner vorgeschlagen, trennte sich ein Teil ihrer Anhänger von Steffens Parteigängern ab, ein Ausschluss wie 1935 wurde vermieden, stattdessen kam es zur Sezession.

Vorheriger Beitrag: Ein Versöhnungsaufruf verhallt – 1943

wird fortgesetzt


Anmerkungen:


  1. Zitiert nach Day/Werth, Berichtigung, S. 15-16.
  2. Der Rundbrief war adressiert »an die Verfasser der in der Angelegenheit Boos contra Steffen mir zugesandten Briefe, an den Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, Herrn Albert Steffen, Herrn Dr. Guenther Wachsmuth und an die Zweigvorstände der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz«.
  3. Marie Steiner, Briefe und Dokumente, Dornach 1981, S. 153-155.
  4. Zitiert nach Bühler, 1947, S. 124 f.
  5. Zitiert nach Bühler, 1947, S. 124 f.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie den anthroblog durch eine Spende!


Ich will zwei- bis dreimal im Jahr über neue Beiträge im anthroblog informiert werden!

Datenschutzerklärung


Literatur:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.